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Full text of "Die Aktion 03Jg 1913"

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Sie&fftiott 

Herausgegeben von Franz Pfemfert 
3. Jahrgang 1913 



1961 

J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachf. Stuttgart 



Photomechaniacher Nachdruck nach einem Original. Um den Umfang des Ban- 
der nidit unnotig zu erhohen, wurden nidit alle Anzeigenseiten mitgedruckt. 

Hnfuhrung und Kommentar von Paul Raabe sind im Jahrgang 1911 enthalten. 



Druck: Anton Hain, Meisenheim/ Gian • Einband: G rofibuchbinderei Sigloch, 

Kiinzelsau * Printed in Germany 1961 




Station 

WOCHENSCHRIFT FOR POLITIK, LITERATUR, KUNST 

HI. jahrgang Herausgegeben von Franz Pfemfert Nummer 1 



INHALT 



S. Friedlaender Zur weltlichen Theologie 

S'. Friedlaender Zwei Gedichte 

S. Friedlaender Die beiden Biirsten 

Paul Boldt Der Denker 

Emmy Hennings Im Krankenhaus 

Mynona Eines Kindes Heldentat 

Rene Schickele Der Fremde 

Majoritaten. — Die sterbende Gesellschait — 



Dem Gedachinis Georg Heyms — Neuer- 
scheinungen. 

Max Oppenheimer: S. Friedlaender - Mynona 
(Zeichnung). 



Heft 20 Pfg. 



Verlag der Zeitschrift Die Aktion Berlin-Wilmersdorf 






1^ p* pj^ 

CDADrM wir -, Ari n 

OrMntlN VIEL vjLLU 



WENN SIE SICH VOR VER- 
QEBUNG IHRER AUFTRAGE 
EINE KALKULATION VON 
:: :: UNS EINFORDERN ! :: :: 

DIE AKTIONSDRUCKEREI 

UEFERT ALS SPEZIALITAT 



ZEITSCHRIFTEN- 

und WERKDRUCK 






WOCHENSCHRIFT FOR POLITIK, LITERATUR, KUNST 



Dritter Jahrgang | HeraUSgegeben von Franz Pfemfert Nr. I :: l. Januar 



RaHlVHnn • Manuakripte, Rezenzionf-, Tausch- 
IiCUMtlUIl • Exemplare etc. sind an den Heraua- 
geber, Berlin-WiTmersdorf, Nasaauischestrasae IT 
zu senden :: :: Telephon Amt Pfalzburg Nr. 6242 
UnverlangL Manuskript. ist RQckporto beizufugen 



Erscheint Mittwoch 



Ihnnnomant' Mk. 2.— vlertellShrlich (exkl. Be- 
ftOODnemeni. stellueldt tci alien Post 
Kreuzbd. gege 
durch den Verlag der „Aktion“, Berlin-wilmetsdorf, 
Naaaauiacheatr. 17 :: Kommisa. G. Brauna, Leipzig 



atellgeld) 
Buchhandi. etc. Oder durch Kreuzbd. 



len Poatanatalten, 
;en Mk. 2,50 



ZUR WELTLICHEN TMEOLOG1E 

Von S. Friedlaender (Halensee) 



Die Oedankenassociation ist weiser als die logische 
Verkniipfung. 

Oott als Position versagt. Gott als Negation 
versagt erst recht. Versuchen wir’s jetzt mit 
Gott als medialer Annihilation, als nihile com- 
mune. Der Erfo'g ist eklatant. 

Die Religion solite man definieren als Perma- 
nenzerklarung der guten Laune. Ohne religiose 
Grundlage ist die gute Laune bestandlos. 

Der Mensch ist der geborene Pessimist. Sein 
Gedachtnis ist mit dem Elend verheiratet und 
lebt mit dem Gluck nur in den Tag hinein. 
Dem Gluck mlsstraut er viel leichter ais allem 
Gegenteil. Seine Freuden sind fliichtiger und 
oberflachlicher als seine Leiden. Man ermesse 
doch die abgriindige (schluchzende) Tiefe des 
Grams! Wie wenig entspricht dem im Men- 
schen alles Himmelhochjauchzen. Die Gesund- 
heit des Menschen ist nicht so weit her wie 
seine Krankheit. Seine Jugend ist nicht so tief 
ausgeholt wie sein Alter. Wie leicht wird der 
Schmelz des Lebens abgerieben, und dann bleibt 
lauter Schmerz. — Das liegt aber nicht am 
Leben, es liegt am Menschen, es brauchte nicht 
zu sein. Der Grundfehler des Menschen ist 
wirklich sein Mangel an richtig verstandener 
Autonomie. Vor allem entbehrt er ja den 
Massstab, den Probierstein des Lebens: dessen 
Gottlichkeit viel zu sehr. Er selbst miisste dic- 
ser Probierstein sein, aber im Gegenteil, er 
tritt fordernd nicht an sich selbst, sondern an 
das Leben heran. Aber das Leben ist genau 
das, was man selbst ist. Solange der Mensch 
so sehr viel leichter zu verargern als zu er- 



freuen ist, ein disproportioniertes Wesen, so- 
lange muss auch sein Leben gebrechlich blei- 
ben. — Dem Menschen entgegen lasst sich kiihn 
behaupten, dass es nirgends in aller Welt einen 
triftigen Grund zum Aergernis gebe — wenn 
man Herr seiner selbst geworden ist. Ohne die 
eigene Einwilligung gibt es nicht das geringste 
Ungliick im ganzen Bereich der Vernunft, deren 
Theorie praktiziert wird. Allerdings dart man 
nicht ungeduldig werden, dann wird man auch 
nicht melir geduldig zu sein notig haben. 

Wir lernen das Gottvertrauen nicht mehr im 
positiven, sondern im indifferentistischen, zen- 
tralen, medialen Sinn. Diese neutrale Position 
allein ist haltbar. Das Verlrauen auf irgend 
we'.che Positiva kann stets zerstort werden. 

Es ist ja ganz richtig, iiber das Leben pessi- 
mistisch, ja sogar nihilistisch zu denken: aber 
das S u b j e k t dieses Denkens solite nicht selbst 
wieder pessimistisch und nihilistisch gesinnt sein. 
Im Gegenteil! Innen in uns sind wir selig, wir 
gestehen uns das nur nicht ein, wir verhehlen 
unser Gliick vor uns selber. Denn wir ver- 
wechseln die Freude an der Verzweiflung mit 
der Verzweiflung — es gibt keine Verzweif- 
lung. Die „Welt“ ist zum verzweifeln. Aber 
die Welt ist auch ein Pappenstiel gegen das 
„L e b e n“. 

L’amour vaut mieux que tout ce qu’on aime. 
DasWachen ist der noch nicht eingeiibte Traum. 
Gott in sich aufnehmen, ohne die Welt zu ver- 
lieren, heisst leben. 

Die Welt stiirzt das Gottliche in Verwirrung, 
entzweit es in sich selbst. Man soli mit nichts 










DIE AKTION 



0J 



8 



in der Welt direkt verkehren! Das ist eine 
Plumpheit. Die Welt ist nur Thema Gottes, 
Wer sich mit Gott identifiziert, hat mitderWelt 
nur noch symbol isch indirekt zu schaffen; er 
hat ihr direkt entsagt. E$ ist ein Missver- 
standnis der Resignation, so theoretisch wie 
praktisch, lass man sie schlechthin ab- 
solut versteht. 

Die Hauptsache des Lebens sieht sehr nebcn- 
sachlich aus, wird vernachlassigt. Wir kennen 
nur das vemachlassigte Leben. 

Die Hauptsache. ist das NIGHTS. 

Es ist aber der Hauptaberglaube des Menschen, 
dass er giaubt, nach Hinwegraumung aller 
Posit iva bliebe gar nichts zuruck. Das ist Un- 
sinn! Uebrig bleibt nichts Positives mehr, sonst 
aber gerade die Hauptsache des Lebens, dessen 
reinste Indifferenz. Das wird aber verkannt. 
Uebrig bleibt das Weltnichts, das Nichts von 
aller Welt, die erlebende Person selbst, das 
eigene Selbst, das, „in immer eigensten Gefuhle, 
umfasst eine Welt." (Goethe.) 

Uebrig bleibt: GOTT. 

Folglich kommt es doch daraui an, losgelost 
von aller Welt, alle Welt zu bedeuten. 

Der Humor, der gute Mut, der Uebermut, Hei- 
terkeit, hilaritas, serenitas, Wolkenlosigkeit, Witz 
Vorbedingung des Lebens: S e 1 i g k e i t. Aber 
nicht in positivem Sinne, sondern rein, 
a priori, sachlos, gegenstandslos, u m zu Sachen 
zu taugen, bare Predisposition! 

Was man par excellence „Humor" nennt, ist 
nur eine andere Methode des Humors. 
Wenn man die Welt nach der erhabenen Idee 
des Humors umgestaltet, also den seligen 
Humoi a d a q u a t objektiviert, so entsteht die 
Welt der schonen Form. Wenn man aber die 
Welt nicht adaquat objektiviert, ihre Unan- 
gemessenheit zur Idee mehr und minder tiber- 
treibt, so entsteht die „humoristische" Welt. 

Die Seele soli selig sein, sonst gar nichts. A 1 s 
solche und gar nicht anders soli sie sich mit 
der Welt einlassen, durch deren Flut nicht vol- 
ler, durch deren Ebbe nicht leerer werden; son* 
dem ihre Seligkeit auf Beharrung und Gleich- 
gewicht einrichten lemen. 

Insofern die Seele weltuberlegen ist, ist die Welt 
Bagatelle. Insolent aber diese Bagateilen das 
Thema der Seele sind, sind alle ehrwurdig — : 
Btindnis von Ehrfurcht uud Heiterkeit. 

Die bosen Launen sind nur Verargerungen der 
besten, ihre Entstellungen, Verzerrungen — nicht 
ihre Abwesenheit oder Gegenteil, sondern ver- 
zerrte Seligkeit. 

Es muss etwas geben, das von keiner Gewohn- 



heit gewohnlich gemacht werden kann : i n uns. 
Alies Aeussere nutzt sich ab, wechselt. Verge- 
bens hangt man das Innere daran. Das Innere 
muss unabhangig erhalten und so fest verwahrt 
werden, dass man das Aeussere daran hangen 
kann. Das tun wir auch wesentlich immer, aber 
bewusstlos, unabsichtlich, ohne darauf zu ach- 
ten. Wir miissten es geflissentlich tun. 

Das Kloster, ein guter, aber 9ehr plumper 
Gedanke! Der Friede der Seele ist erst berge- 
stellt, wenn die Welt selbst ihn nicht mehr 
storen kann, ohne dass eine aussere Einfriedung 
notig ware. 

Aber soil man sich denn alies gefallen lassen? 
Mit unverwiistlich guter Laune? Alies hinneh- 
men? Sich ruhig beleidigen lassen — he? Soil 
man nicht mitunter vor Wut aus der Haut fah- 
ren? auf die Baume klettem? Es beruht auf 
dem Missverstandnis unserer Voraussetzung, 
wenn man so fragt. Man darf namlich alies — 
vorausgesetzt, dass man unverwiistlich gut ge- 
launt, heiter, ungekrankt, wohlwollend handle. 
Bist du der selige Gott, so handle wie du 
willst, nur nicht wie ein unseliger Mensch. 
Das Wohlwollen darf reagieren, hier ist die 
Grenze der g 6 1 1 1 i c h e n Reaktion, jenseits 
deren die allzu menschliche beginnt. Die Selig- 
heit ist eine Macht in dem Grade, dass fur sie 
elwas Unseliges uberhaupt nicht vorhanden ist. 
Hieran hat sie ihre furchtbare Waffe, die um 
so furchtbarer ist, als sie lautlos und unver- 
sehens funktioniert. 



nur das seelische Zentrum 
alies rein gestimmt, damit 
des menschlichen Daseins 



Es wird liberfiaupt 
repariert. Es wird 
diese Katzenmusik 
endlich aufhore. 

Die Gute folgt aus nichts, alies sind Wirkungen 
der Gute. 

Es wird nicht die Gute verlangt, die das Ge- 
genteil der Bosheit ist, sondern die Gute, die 
den Gegensatz von Gut und Bose regiert. 

Alies, Gute ist aquivok: das positiv Gute ist 
um nichts wertvoller als das positiv Schlechte. 
Wertvoller als beide ist die r e i n e , neutrate 
mediate Gute, von der beides abhangt. 

Der Gute dieser Art kann also um so eher 
gegen den positiv Bosen polemisieren, als er ja 
auch gegen den positiv Guten ankampfen muss. 
Eitelkeit der Eitelkeiten! kann nur der Wich- 
tigste ausrufen. Und der wurde sich in sich 
selber tauschen, wenn er aus der Eitelkeit der 
Welt seine eigene folgerte. 1m Gegenteil, erst 
aus seiner Wichtigkeit folgt etwas Widitigesftir 
diese sonst eitle Welt. 



9 DIE AKTION 10 



Die gute Laune ist der archimedisdie Punktdes 
Lebens. 

Sakularisiert die Heiligkeit, statt sie zu verkirch- 
lichen, oder gar, sie abzuschaffen ! Das Heilige 
ist nicht von dieser Welt, aber fur diese 
Welt, unri diese Welt starmnt vom Heiligen ab: 
„Welt" ist das unendlich schwicrige Thema der 
Heiligkeit, aber nur die Heiligkeit kann sich 
zutrauen, dieses Thema einmal zu beherrschen. 
Man verdoppelt sich, wenn man h e i i i g fur 
die Welt gesinnt ist. Die Welt ist heillosund 
grade drum zu heiligen. 

Das Reinste, Beste, Zarteste, Kraftigste, Grosste, 
Lichteste, Liebendste, das G6ttliche ist der 
Massstab, der Priifstein, das Kriterium fur alles. 
Es ist dasselbe, was ihr relativ, geteilt, verschie- 
den, veranderlich, different erlebt; es ist ganz 
dasselbe, aber verschmolzen, indifferent: und 

ohne den innersten Selbstgenuss dieser Indiffe- 
renz kennt ihr euch in keiner Differenz aus. 
Ihr irrt, 

Keine Woltust der Welt reidht an die Gottliche. 
Aber wenn auch die keuscheste Wollust der 
Welt, mit der gottlichen verglichen, eine ziem- 
liche Sauerei ist, — muss man's auch umkeh- 
ren und diese gottliche Wollust noch in der 
kotigsten wiederentdecken und herauslautern. 

Wer dieses weiss, hat alles inne. Jetzt kann er 
wohlgemut nach aussen gehen ; er soil es. 
Macht alle eure Affekte und Leidenschaften 
transparent, und ihr werdet das gdttliche Licht 
hindurchschimmem sehen. 

Was liegt an alter Fromm igkeit de$ ReligiSsen, 
die sich in sich verzehrt! Gott muss mitten 
in die Welt, das ist das Schwere, das erkich- 
tert werden soli. 

Dein Neid ist der Neid Gottes auf sich selbst, 
und so ist es mit deiner ganzen Gemeinheit 
und Niedertracht: in Gott absolviert sie sich 
selbst. 

Sucht doch nach irgend einer Tiefe, deren Hohe 
ihr nicht findet; nach irgend einem Abgrund, 
dessen Gipfel ihr nicht entdeckt Das ware wie 
ein Links ohne Rechts, ein Entweder ohne Oder, 
ein Nein ohne Ja, minus ohne plus. Aber Gott 
ist beides — nicht in Einem, sondern in Kei- 
nem: in der Indifferenz, aus der jene Differenz 
quellen muss! ! ! 

Deswegen zwingt Gott es zugleich zusammen 
und entzwei. 

Wer aller Welt das gute Gewissen gtibt, bessert 
die Welt, ohne sie zu andern. Er andert das 
Subjekt, ergo eo ipso das Objekt, ohne Hand 
daran zu legen. 




Die kraftigste Gute ist kraftiger als die kraftigste 
Naturkraft der Mensch. 

Sie halten sich fur Subjekte, aber nur Gott ist 
Subjekt, sie bleiben Objekte, so lange bis sie 
sich entschliessen, Gott zu werden und von 
d i e s e m Zentrum aus sich selbst auf die 
Welt zu erleben. 

Dass wir Idealisten brauchen, die vor der Rea* 
litat der Welt nicht auskneifen, ist anerkannt. 
Aber jetzt droht die Gefahr, und sie droht nicht 
nur bloss, dass wir Realisten ohne Idee wer- 
den. Aber das geht nicht, es wird noch weni- 
ger gelingen als jene idealistische Ausflucht. 
Wir brauchen den echten Gott der Realitat bis 
in das Geschlechtliche hinein. Heilige Dirnen 
s’alt der heiligen Honnen und weltlichen Dir- 
nen. 

Das ist der Zuget, an dem die wildesten Bestien 
gelenkt werden, auch die der Langenweik. Das 
Heilige macht das Weltliche in jedem Moment 
interessant. 

Man sollte so weit gehn, den Gott fur Unsinn 
zu halten, der nicht durch und durch 
sakularisiert wird. 

Das Kantische Gesetz wird mehr der Indiffe- 
renz gerecht als der Differenz. Der eine 
Kamm ist aber nicht zum Scheren da, sondern 
zum Schlichten. Hier versteckt sich im katego* 
rischen Imperativ die Weltfeindlichkeit. Gewiss 
darf z. B. die Sexualitat — und gerade sie — 
nicht heiilos weltlich dahintreiben. Aber ihre 
Heilung wiirde doch viel mehr ihre Grazi- 
s i e r u n g zu sein haben als ihre Kantianisie- 
rung, vor der uns Gott behute! ! Je weniger 
ein Gott griechisch ist, desto mehr ist erG&tze. 
Wenn ihr die Liederlichkeit ausrottet, rottet ihr 
alles mit Stumpf und Stiel aus. Nehmt sie in 
Zucht und Veredlung und erkennt noch im 
Ziich tigs ten und Edelsten das Liederliche wieder. 
Der Glaube ist Indifferenz, Integritat des Stuck* 
werks Wissen. 

Die Eschatologie unserer Weltheiligkeit verspricht 
Unsterblichkeit im Fleisch. 

Denn Gott soli uns in Fleisch und Blut iiber- 
gehen. 

Gott ist das transparente Medium, durch das 
Gute und Bosheit in scparabilis werden. Er ist 
also gar nicht gut im positiven Sinne, sowenig 
wie bose. Diesen Unterschied beherrscht er. 
Das Gute kommt immer mit seinem Widerpart 
in Beruhrung und (durch Gott) in Harmonic* 
Nur Gott kann „bdse“ werden, ohne aufzu- 
horen, „gut" zu sein. Sein Hass ist so gut wie 
seine Liebe. Er beschenkt immer, gleichviel, ob 
er Bdses oder Gutes sende. 




11 



DIE AKTION 



Die Weltlichen profitieren von der Unmerklich- 
heit Gottes. Die Geistlichen von der Unvoll- 
kommenheit der Welt. Folglich muss man den 
weltlichen Gott evident machen; und dengeist- 
lichen Gott unmerklich und nur als Welt 
evident. 

Das indifferente Gewissen bestimmt den mora- 
lischen Horizont: je boser das Gewissen ist, 
desto grdsser ist dieser Horizont, wenn er zu- 
gleich und zusammen damit besser wird. 

Der kategorische Imperativ sollte doch nur der 
Seele eine unverlierbare Verfassung geben und 
ruhig abwartan, was objeldiv daraus entsteht. 
Wer die Seele andert, braucht nicht noch uber- 
dies die Handlungsweise zu andem; das tut die 
von selbst. 

Das Wollen wird nicht erlemt, aber Gott muss 
erst erlemt werden, das Zugeln des Willens von 
Gottes Hand aus. Geandert wird nichts als die 
Diszipiin, die Technik. 

Durch diese gdttliche Zugelung hdrt das Schmerz- 
liche, Bose, Gemeine, Ekelhafte nicht auf: aber 
es hort auf, von seinem Gegenteil getrennt er- 
lebt zu werden. 

Dieser Gott, ein dionysisches Prinzip, muss 
apollinisch verweltlicht werden. Das Bose, das 
Uebei ist seine Kraftprobe. Der Tod kann un- 
zahlige Streiche gegen ihn machen, ohne ihn 
zu versehren. Er garantiert gegen alles Feind- 
liche die Integritat des Lebens. 

Sofort in der Padagogik muss Ernst mit der 
Ehrwurdigkeit, der Heiligkeit des Lebens ge- 
macht werden : der Rest folgt daraus von selbst. 
Auch aufzukl&ren in sexuellen Dingen soil nichts 
anderes heissen als hinweisen auf die Heiligkeit 
des Geschlechts bis in das hinein, was, ohne 
diese Heiligkeit, Laster ware. 

Der heilige Aerger ist wirklich etwas ganz an- 
deres als der menschliche. 

Gott ist z u emst und darum heiter. 

Man sollte Kindern die Welt pessimistisch, so- 
gar nihilistisch darstellen, aber zugleicdi auf das 
Gdttliche hinzeigen, als auf das Unentbehrliche, 
Seltene, Kostbarste, ohne das kein Leben mog- 
lich ist: sie sollen die Welt verklaren helfen. 
Das Subjekt muss verlernen, vom Menschen 
aus nach der Welt zu greifen, es muss von 
Gott aus durch den Mensctien die Welt er- 
fassen. 

Wir sind dann selbst unsre eigenen Marionet- 
ten. Wir hangen von der g&ttlichen Hand ab, 
die doch mehr unsre eigne ist als unsre Men- 
schenhand, von der nichts ohne jene atAiangen 
kann. 




Glossen 

M AJORIT AETEN 

Wenn unter 100 Menschen einer fiber 99 herrscht 
— so ist das ungerecht, so ist das Despotis- 
mus; wenn 10 fiber 90 herrschen — so ist das 
gleichfalls ungerecht, so ist das Oligarchic; wenn 
aber 51 fiber 49 herrschen (und das nur in der 
Einbildung, denn in Wirklichkeit werden nur 
10 oder 11 von diesen 51 fiber die anderen 90 
oder 89 herrschen) — so ist das voUkommen 
gerecht, so nennt man das Freiheit! 

Kann es bei ihrer offenbaren Unsinnigkeit etwas 
Lacherlicheres geben als eine solche Betrachtung? 
Und dabei dient sie alsGrundlage fur die Tatig- 
keit aller Staatsverbesserer. Leo Tolstoi 



DIE STERBENDE GESELLSCHAFT 

In der „Sulinger Kreiszeitung" land folgendes 
Inserat Beach tung: 

2 hiesige kleine Madchen im 
Alter von 2 und 4 Jahren sollen am 

Sonntag, den 18. d. M., 

morgens 9 Uhr, 

im Nienadersdhen Gasthause in gute Pflegc 
mindestfordemd untergebracht werden. 

S . . . ., Waisenrat. 






DEM GEDAECHTNIS GEORG HEYM’S GE- 
WIDMET 

ist die nfichste Nummer der AKTION. Es wird 
eine Versammlung heutiger Dichter sein, eine 
Anthologie . . . AKTIONS - LYR1K. Es soil, 
im Rahmen einer Nummer dieser Zeitschrift, 
die Vielstimmigkeit und der Grundton derneuen 
Rhythmen an das schwachliche Ohr der Mit- 
welt schwingen, zukunftsherrschend, selbststark. 
Der Todestag Georg Heyms taugt mir zum 
rechten Vorwand: mit Georg Heym (und mit 
Ernst Blass) begann die AKTION ihren Kampf 
gegen das lyrische Bfirgertum. 




Der Denker 

Nachmittag wird, und Wetter steigen schwarz 
Herauf. Des Blitzes Ferse leuchtet im 
Gewdlk. Auf das Gebirge beisst voll Grimm 
Der Donner, und Regen speien aus denQuarz. 



Den Fuss den Felsgesteinen eingestemmt. 

Die Augen abgewandt, als horche er, — 

So geht er durch die Schrunde, weglos, quer, 
Zum weissen Urherm in der Blitze Hemd. 




DIE AKTION 



13 

Der Abgrund saugt Milliardcn Zcntner Himmcl 
in sich hinein. Der Weisse oben bleclct, 

Zu dem er steigt. Durch Oletscher grim von 

Schimmel, 

Des Rtesen Bart, der von den Fohnen leckt. 
Und schon reisst welt der Horizont entzwei, — 
Blank, eben, schwangleich rausdit ins All ein 

Scfarei. 

Charlottenburg Paul Boldt 

Im Krankenhause 

Alle Heubste gehn an mir voruber 
Krankilieg ich im weissen Zimmer 
Tanzen mdchte ich wohl lieber 
An die Oeigen denk ich immer 
Und es flimmern tausend Lichter. 

O wie bin ich heute schdn! 

Bunt geschminkte Angesichter 
Schnell im Tanz voriiberwehn. 

O die vielen, welken Rosen, 

Die ich Nachts nach Haus getragen, 

Die zerdruckt vom vielen Kosen 
Morgens auf dem Tische lagen. 

An die Madchen denk ich wieder 
Die, wie ich die Liebe machen. 

Wenn wir sangen Heimatlieder, 

Unter Weinen, unter Lachen 
Und jetzt lieg ich ganz verlassen 
In dem stillen, weissen Raum, 

O ihr Schwestern von den Gassen 
Kommt zu mir des Nachts im Traum. 

Berlin emmy hennings 

Zwei Gedichte 

Von S. Friedlaender 

AM LEICHTSINNIGEN ABEND 

Am leichtsinnigen Abend — 

Welt wird wie die Blume fluchtig, 
Fabelhafter alter Duftc 
Ein Verhauchen welk und suchtig 
In die liederlichen Lufte. 

Leichter wallen die Gesichte, 

Fluten golden weiche R6ten 
Fldtenheimlich alle Lichte 
Ldsend uberglitt ein To ten — 

Wasserbang am Flussgelander 
Gondelwank ein trunkner Nachen, 

Tanzt ein laues Madchen lachen, 

Flirren lose, blasse Bander — 

O leichtsinniger Abend! 




14 

WENN IHR FUNKENDIADEM DIE NACHT 

Wenn ihr Funkendiadem die Nacht 
Sich gedrfickt ins dunkelweiche Haar, 
Zauberauge diamantner Pracht 
Finsternisse lautert stemenklar — 

Taumelnd wie vom Stiche der Tarantet 
Tanzt sie, und die Welt wankt, alle Runden 
Drehn sich mit ihr, schraubend umgewunden, 
Schlatigenringelnd schwingt der Himmelsmantel. 

Pl5tzlich trinken ihre blassen Wangen 
Blut, es gluhen ihre bleichen Glieder 
L6st sie herrlich Mantels alle Spangen, 

Spannt ihr rosenschimmemdes Gefieder. 

Heller Nacktheit, hingeschmolzner Wonne 
Zittemd schwebt sie auf der Berge Rander, 
Blitzend fiber gddene Gelinder 
Strahlt sie, und sie jauchzt: Ich bin die Sonne! 



Eines Kindes Hetdentat 

Von M y n o n a 

Christian, ein Steinsetzer aus der Umgegend, 
verliess die freie Natur und begab sich in ein 
kkines Gemach, in dem ihn seine Braut erwar- 
tete. Jeder Augenblick ist in solchem Verhllt- 
nis kostbar, Christian sputete sich und fiber- 
raschte das Madchen in einer Situation, die 
zwar seine Liebe nicht erkalten liess, der des 
Madchens aber peinliche Scham verursachte. 
Christian wurde grob: „Hab dir nicht!" Es 
gab einen Wortwechsel, der damit endete, dass 
jene Situation ihren resflosen Abschluss fand. 
Christian hielt auf Diat. Hierauf legten sich 
beitie schlafen, die Sonne ging blutrot unter, 
eine laue Sommemacht drang durch das Fen- 
ster, wodurch eine traumerische Stimmung er- 
regt wurde . 

Genau neun Monate nach diesem blutroten Son- 
nenuntergang brachte die arme Mathilde eine 
Missgeburt zur Welt — : ein Wesen, rot wie ein 
gesottener Krebs, mit stachelartigen Auswuchsen 
statt der Haare. Immerhin war es lebensf&hig 
und hiess Zeit seines Lebens der rote I gel. 

Nun trug es sich zu, dass in der benach- 
barten Residenz der Direktor eines Natural ienka- 
binetts von jenem Vorfall Geruch bekam und 
bei sich besdiloss, den roten Igel in Augen- 
schein und eventuell in Obhut zu nehmen. Er 
reiste zu den einfachen herzlichen Leuten und 
munterle sie auf, ihm den roten Igel gegen ein 
gutes Geld fur seine Sammiung zu uberlassen: 




DIE AKTION 



15 

H H 1 

„Wo halten Sie ihn aufbcwahrt?** 

„Nanu,** sagte Christian, »er lebt ja und 1st 
gesund! 4 * 

„Was?“ staunte der Konservator, „ich habe 
geglaubt, annehmen durfen zu kdnnen, Siehiel- 
ten ihn in Spiritus?** — 

Da kam der rote Igel schon heran und sah 
pfiffig von einem zum andem. Dem Direktor 
gefiel der Junge ausnehmend wohl. „Ein scho- 
nes Exemplar, es kdnnte der Qou werden,** 
dachte er. „Ihr Junge hat nur den einen Feh- 
ler, e r lebt; ich kann nur tote Missgebur- 
ten gebrauchen.** Darauf reiste er ab und liess 
Christian und Mathilden in schmerzlicher Ent* 
tauschung zuruck. Beide blickten &rgerlich auf 
den roten Igel. 

„ Vater, wurde mich der Herr in Spiritus 
tun, wenn ich nicht mehr lebte? 44 
w Ja, verfluchter Bengel, und Geld obendrein 
uns geben, dass wir mehr davon hatten als von 
dir. 4 * 

„Na, Mutterle,** forschte der rote Igel weiter, 
„war’s denn dir nit leid, wenn ich tot wire 
und in Spiritus schwamme? 4 * 

Mathilde vemeinte das dine wei teres: „im 

Gegenteil, du Mistviech! Wo du kdnntest so a 
Stuck Geld verdienen helfen!** 

Die rauhe Gemutsart der Eltern verscheuchte 
den Wissbegierigen, er trollte die Dorfstrasse 
entlang und siehe da, in einem Wagelchen, das 
voruberfuhr, sass jener Herr Direktor. „Herr, 
Herr!" riel der Knabe. Der Direktor erkannte 
ihn und liess interessiert halten: „Was willstdu, 
mein Junge?** — „Wenn ich tot ware, kame ich 
dann in einen Top!? 4 * — „In ein schones, sau- 
beres Glasgefass voll reinem Spiritus, mein lie- 
bes Kind. Eine zierliche Etikette ware daran, 
auf der stunde in feiner Schrift: Abortus VIII, 
Classe B, Exemplar 454.** — „Ach, guter Herr, 
bitte, schreiben Sie mir das auf. 4 * Der Direktor 
tat es lachelnd: „Kurioses Kerlchen, bier! 4 * 

Das kuriose Kerlchen ging zu seinen Eltern: 
„Seid ja nicht mehr traurig, es kann noch alles 
gut werden. 4 * Vater und Mutter horchten be- 
gierig auf. „Bringt nur, 4 * sagte der Junge, „ein 
grosses Glasgefass, in das ich hineingehe. 4 * 
Vater holte eins. „Fullt es jetzt mit reinem Spi- 
ritus, 4 * dekretierte das Kind. Mit froher Miene 
— denn ihm ahnte schon Gutes — gehorchte 
der Vater; indessen der Junge Mathilden bat, 
das Blattchen mit der Schrift de$ Direktors auf 
das Glas zu kleben. 

Der Junge entkleidete sich hierauf, und ehe 
die entzuckten Eltern ihm behilflich sein konn- 
ten, sturzte er sich kopfuber in das Gefass. Die 




16 

Eltern vergossen Freudentr&nen und gaben es 
auf die Post. Sie kriegten darauf einen Dank 
vom Herm Direktor, und die Sendung wire 
ganz vorschriftsmissig ausgefallen. 

Wenn spater in einer schonen Sommernacht die 
Sonne wieder so blutrot unterging, gedachten 
Christian und Mathilde in spekulativer Trau- 
merei immer ihres heldenhaften roten Igels. 

. . . O feige Zeit, in der noch so manche 
Zwillinge nicht den Mut aufbringen, mit den 
Popos aneinanderzuwachsen . 

Die beiden Biirsten 

Eine Wischiwaschi von S. Friedlaender 

Ein mir lieber, teurer, sehr verehrter Mann, der 
Herr Heinrich — so heisst er — Heinrich 
Lauten — so heisst er — Lautensack hat bei 
Gott! die Zahoburste, die 2Lahnburste lyrisiert: 
Sonett oder so, so nett, ganz entzuckend, ein 
Hymnus, eine kalodontische Ode. Gott segne 
herzlich den lieben reinen Mann! Er vermute 
nur keine Ironie in meinem Ztispruch. Hier ist 
ein Freund, ein Bewunderer, nier ist Dr. S. 
Friedlaender, dcr’s wahrhaftig mit Keinem ver- 
derben will, wirklich die neutralste Scele. Haa! 
lm Gegenteil, lieber Lautensack, ich! ich gebe 
dir mehr Recht als du selbst. Herrlich, ganz 
herrlich, dass die junge Generation realistisch 
bis in die Zahnburstenborsten wird! All Heil, 
mein lieber Lautensack! Du hast mir sogar das 
bidet besungen, deine Lyrik nobilitiert die tur- 
pesten Naturalien. 

Meine Herren! brauch ich es noch zu sagen, 
er ist kein Mistiker, er atherisiert den Mist. Da 
frage ich Sie: warum lasst er so vielen Mist 
liegen? Es gibt so machtigen Mist: Schweiss- 
fusse, Klosettbursten, Lausejungen, Dunghaufen. 
Bidet — na schdn, hat erotische valeurs, ist also 
an sich schon ein bischen adlig. Gar Zahn- 
burste, son duftiges Ding noch duftiger machen 
ist keine allzu grosse poetische Ambition. Dr. 
Benn wurde lieber die Caries besingen, ich mich 
selber und jene Sch wester der Zahnburste aus 
niedrigem Stande in den anruchigsten Verhalt- 
nissen; oben schon leise beruhrt! 

Horen Sie, meine Damen! miauzen Sie nicht 
so verstandnislos, es kommt drauf an, den Mist 
zu sublimieren, und dazu genugt es nicht, sich 
nicht vor ihm zu scheuen, — man muss ihn 
auf9uchen! Aber naturlidi zum idealsten Zweck. 
Der Mist wehrt sich zuerst, er straubt sich, es 
ist ihm woCiler in sich: er folgt nur dem 
idealsten Dichter, und gerade deshalb 



DIE AKTION 





DIE AKTION 






1 ? 

hat so ein Dichter nicht das ge- 
ringste Recht mehr, sich mit was 
Anderem abzugeben. Drum immcr 
rinn! Graft ihm, hebt ihm! setzt ihm zu bis 
er leuchtet, glanzt, schimmert, strahlt, irisiert, 
elektrisch wird! Erhcbt Eure Tdpfe, meine 
Bruder! hoch! hoher! Und vergesst mir auch 
das W. C. nicht und seine Burste. Folglich? 
Folglich: 

GUTE VERRICHTUNG! 

Eine Dichtung. 

I hr sitzt auf den Pfuhlen 
Und feiert ein Fest; 

Was nutzt es zu spulen 
Den erdigen Rest! 

Frisch auf nun! Erhebt Euch 
Vom Geiste beseelt, 

Belebt Euch, beklebt Euch! 

Doch seht was Euch fehlt: 

Wie sehr auch gestillt ist 
Der edelste Drang, 

Wie sehr Euch nun mild ist — 

Es bleibt noch ein Zwang: 

Erloserin aber 

Mit holzemem Griff 

Wie’n Riese von Faber, 

Doch ohne den Schliff. 

Das Kopfchen Rokoko 
Marie Antoinette! 

Desiper in loco 
Beginnt es kokett. 

Es neigt sich, es biegt sich 
Dem Zug Eurer Hand, 

Es flattert und schmiegt sich 
An guldene Wand. 

Hinauf und hinunter 
hinunter, hinauf, 

So regt es sich munter 
Und hort endlich auf . . . 



Der Fremde 

Von R e n 6 Schickele 

(10. Fortsetzung.) 

Als sie am Druidenstein auf der *Hexenschute tt 
stan den, blickte ihr Paul in die Augen und 
wagte das Spiel mit einer knirschendcn liarte. 
Er sah klar, dass sie einander verstanden. A's 
ob er sie mit einem gewalttatigen Griffe vor ihr 
selbst entbldsste, sagte er und zwang sich zu 
einem Lacheln: 

— Hier hat ubrigens Frau Itta in stillen und 
schwulen Sommemacbten den Novizen, die fociss 
erschauerten, die hohe Schule der Sundhaftigkeit 



beigehracht. 

Und dann brach er aus: 

— Sie war nicht feig gegen ihr Fleisch und 
Blut, sie! 

Er schrie es ihr verzerrt und mit irrer Stunme 
ins Gesicht. Er fuhr klagend fort: 

— Kch bin kein Kind mehr. Wamm sprichst du 
nicht menschlich zu mir, da du wissen musst, 
was idx ausstehe. Du liebst mich ja nicht so 
viei! Kein Mensch kummert sich urn midi, ich 
bin ein Ausgestossener, — und brauste wieder 
auf: 

— Aber ich will, dass du mich liebst, ich will, 
ich will! 

Pauls Stimme uberschlug sich, er zitterte am 
ganzen Leib. 

Frau Yvonne erblasste. Sie legte eine Handaul 
den Stein und wandte mit dem Ausdruck gren- 
zenloser Gleichgultigkeit langsam ihr Gesicht ab. 
1m selben Augenblick verstand Paul niditsmehr 
vcn dem, was vorgegangen war. Er sah auf 
den Weg ztiruck, auf dem sie gekommen waren, 
als ob soeben seine Gestalt an der Biegung ver- 
schwunden ware. Frau Yvonne stand im Blau 
des Himmels, und Paul wunschte, dass sie im- 
mer so bliebe. 

— Ich bin verruckt, sagte er. 

Sie riihrte sich nicht. Als Paul fragte, ob er 
gehn solle, drehte sie sich so heftig nach ihm 
um, dass sie schwankte. 

— Lieber, ... Du denkst zu viel uber dich 
nach und zu wenig uber die andern. Ich babe 
mich vor dieser Aussprache gefurchtet. Sie 
musste kommen. Jetzt bin ich froh, dass sie 
da ist. 

Sie richtete sich auf und nahm seine Hand. 

— Konun, wir wollen weitergehn, lass mich 
spreehen, unterbrich mich nicht. Ich will dir 
a-les sagen. 

. . . Erinnerst du dich der Fahrt nach Belfort, 
als der Zug uber die Grenze fuhr? Du sturztest 
ans Fenster, und ich sah dein Gesicht und das 
der andern, ihr schriet. Im selben Augenblick 
glaubte ich in euch h&ssliche Raubtiere zu sehen, 
die sich heimtiickisch duckten und die Zabne 
fletschten. So war der Ausdruck eurer Augen 
und das gem eine Grinsen um euren Mund. . . 
Ich furchtete, dass euch der Schaum davor trite 
und schloss die Augen. Das war das erste Mai, 
dass ich Ekd vor dir empfand ... Ich wurgte 
ihn hinunter. Ich fuhlte eine Unreinlichkeit auf 
meinem Korper, und ich verabscheute diese 
Mensdien, meine Eltern, deinen Vater, und dich, 
die ihr mich alle fur die Befriedigung einer 
tollen Wut mit Fussen tratet und unter den 




DIE AKTION 









Schmutz eurer groben Leidenschaften begrubt 
Ich dachte daran zu sterben. Mein Einziges, da, . 
war ja weit von mir fort und nur noch wie 
das Bild cines unvergesslichen Kindes, das 
schon lange tot ist. 

Frau Yvonnes Stimme hatte plotzlich den Klang 
gewechselt. Der tetzte Satz war ein eintoniger 
and susser Oesang, der aus ihrem Herzen 
strdmte. 

— Dann Icam Henrietta. Ich wollte dir an dem 
Abend sagen, entweder du wirst viel lieben, oder 
du wirst gar nicht lieben. Du wirst nie lieben, 
wenn du nicht lemst, dich zu beherrschen. 
Warte auf eine Liebe, die dich wie ein Blitz- 
schlag trifft. Du wirst nie lange genug darauf 
warten Icoonen; du wirst sie immer noch fruh 
genug finden. Vor allem verwechsle nicht Liebe 
mit Aufregungen aller Art und denke immer da- 
ran, dass die Liebe das einzige Gluck auf der 
Erde ist. Und wenn du eine Frau liebst, so 
liebe sie grenzenlos und veriasse sie nie. Du 
tStest grausamer, als wenn du sie totetest, denn 
sie wird nichts auf der Welt haben als dich, 
und mit dir ginge ihr alles verloren. Die Frau 
hat nur ihre Liebe. Mit ihr gibt sie die ganze 
Welt, ihr Gluck, ihren Tod und ihr Leben in 
deine Hinde; sie ist hilflos vor Liebe. Quale 
sie, aber lass ihre Liebe nicht verderben, tote 
sie, aber verlass sie nicht. 

... Ich begriff, dass der Abend ein Wende- 
punkt in deinem Leben sei. Einen Augenblick 
glaube ich, dass die kaum erhoffte Gelegenheit 
gekommen sein kOnnte, dich an mich zu fesseln 
und dir unentbehrlich zu werden. Aber ich sah 
ein, dass ich dir nichts bedeutete, dass deine 
Sinnlichkeit bald von einem dusteren Gebietder 
Wirklichkeit Beskz ergriffe, auf das ich dir nicht 
folgen kdnnte. Das Abenteuer hatte fur dich die 
iebhaftere und schillemde Farbe der Wirklichkeit 
angenommen, du musstest nun nach schamlosen 
Deutlichkeiten jagen, denn das waren ja die 
ersten Verwirklichungen deiner Phantasien und 
fur deinen aufgeregten Grist die einzige Mdg- 
lichkrit, das Leben, die Wirklichkeit mit dem 
Finger zu beruhren. Einige Zeit bliebe deine 
Sinnlichkeit kindliche Liistemheit, Neugierde, du 
Kindest halbe Erlebnisse, die deine Seele be- 
fledcten, dir deine Ursprungiichkeit raubten . . . 
Und dann kame ein Ungluck. Du warst ja 
masslos und ohne Ziel, und Ich konnte dich 
nur an die Hand nehmen und bis vor die Tore 
des Lebens fiihren, in deren Dunkel du fur im- 
mer aus meinen Augen verschwSndest. 

... Ich sagte dir das mit der „Nachfolge 
Christi". Du gabst mir eine dumme Antwort, 




du warst ein Kind und hottest nichts von dem 
verstanden, was ich dir hatte sagen kdnnen. 
Und spater ware es eben zu spat. Sp&terklmst 
du mit verstortem Gesicht und trockenen Augen 
nach Hause. Ich ekelte mich vor den Spuren, 
die die Liebe fremder Frauen auf deinem Ge- 
sicht zuruckgelassen hatten, wenn du mir dann 
wie friiher die Stim zum Kuss hinhieltest. Wie 
in einer Erleuchtung sah ich deine unrrine 
Mannlichkrit in meinen Zimmem, deine Freunde, 
mit denen du vertraut warst, vor denen dein 
Gesicht sich aufhellte, und die Luge vor der 
Mutter tate das tetzte, <iich zu entstellen. Ich 
war entsetzt. Ich war! mich in meinen Bet- 
stuhl und fiehte Got t an, dass ermich sterben 
liesse. 

Du warst der Inhalt aller meiner Liebe gewor- 
den, ich glaubte, an driner Seite konnte ich mein 
Leben von neuern beginnen; und weil ich es 
wunschlos und ergeben nur in dir liebte, hatte 
es die gedampfte Schonheit dessen, was man 
liebt, ohne es zu begehren; was man freudig 
annimmt, ohne es auf den Wert fur das eigene 
Gluck zu priifen. Dazu waren wir bride viel 
zu heftige Naturen . . . 

Wir waren glucklich gewesen, wenn wir jedcr 
die Erfiillung unserer Sehnsucht gefunden hatten. 
Du wirst sie vielieicht finden, ich nicht. Drum 
wird unsere Freundschaft keine gluckliche sein; 
fur mich ist sie bald schmerzvoll geworden, 
sie wird eine Qual werden, wenn du einmal 
andem gehorst — also morgen, und heute schon, 
und schon lange. Ich babe mich fur eine 
schlechte Mutter gehalten, writ ich nicht ver- 
gessen konnte, dass mich das Leben brim zwei- 
ten Schritt, den ich gehen durfte, stehn liess, 
mit einem geliebten Kind auf den Armen, das 
ich allein nicht glucklich machen konnte. Du 
hast mich die ganze Armseligkeit meines Schick- 
sals fuhlen lassen; ich habe, wie du, nach dem 
Gluck verlangt, damit du mich glucklich s§hest 
und mich ganz anders lieben konntest. Wahrend 
du aufwuchsest, habe ich angefangen, die zu 
hassen, deren Liebe ich einmal vertraut hatte. 
Ich glaubte, ich sei von ihnen mit Ueber- 
schwang aufgenommen worden, um gleichwie- 
der davongejagt zu werden, als ich am meisten 
liebte. Statt der Liebe sah ich nur brutale 
Gesten, brennende Lugen und Pausen, in denen 
ein Geliebter seine Langeweile hinter dummen 
Scherzen verbirgt. Ich schamte mich, dass ich 
geglaubt, dass ich geliebt und gelachelt hatte. 
Sie war noch blasser ge worden. Sie ging 
schnell, mit heftigen Atemzugen, sie lief fast, 
wahrend sie vor slcih hinstarrte und die Worte 




23 



DIE AKTION 



24 






hinausstiess, als wollte sie, dass sie litte. Nun 
blieb sie stehn und presste die Hand auf s Herz. 
Paul nahm sie und driickte seinm Mund da- 
rauf. Mit versagender Stimme: 

— Ich mdchte dich au! meinen Armen tr&gen, 
dich trdsten . . . Ich wunsche, dass du gluck- 
lich wirst, Mutter. 

— Ich bin alt. Paul. Keiner kann mir helfen. 
Es ist gar nicht gut zu machen. Keiner von 
uns hat schuld. Sprechen wir nicht mehr da- 
von. Morgen abend bist du fort. Ich kann dir 
keinen Rat geben. 

Und wieder hat te ihre St mme die dunkeln, 
wollustigen Schlage, die an das Gurren der 
Tauben erinnerten. 

Sie stizte sich auf die Erde. Paul stohnte* 

— Es ist furchtbar. 

Frau Yvonne sah lachelnd in die Taler, die wie 
grQne, gluckliche Strome sich ergebungsvoll in 
die Ebene ergossen, und antwortete: 

— Nein, mein Junge. Ich glaube, es ist selten 
anders im Leben. 

Als sie wieder auf der kahlen Heide gingen, 
zwischen Ginsfer und Erika, unterm hohen 
Himmel, da fuhlte Paul den Abstand zwischen 
sich und seiner Mutter, deren Bewegungen, 
deren Augen ihm folgten, die er so deutlich in 
sich trug. Seine Liebeskraft blieb tief unter ihrer 
machtigen Wildheit zuruck, die er in einem 
Sturm sich biegen und aufschnellen sah gleich 
einer Gerte. Er erschrak vor diesen starken 
Bewegungen einer Frauenseele, die ihm bis heute 
das heiiige Gefass einer goldenon Reife ge- 
schienen hatte, aus dem die lauterste Guteuber- 
floss. Das Bild, das er sich von Frau Yvonne 
gemacht hatte, wurde eine strenge und herrische 
Gottin, die ihn von sich stiess. Er schauderte, 
als $m dann bewusst wurde, dass dieses unbe- 
zahmbare Schicksal drohend und empdrt uber 
seiner Jugend stand, die aus ihm ahnungslos 
eine unterwurfige Dienerin seiner Liebe gemacht 
hatte. . . . 

Auf dem Taubenschlagfelsen sahen sie Pfalzburg 
und die lothringische Ebene sich wie ein blau- 
licher Rauch in der Masse grauen Licht9 ab- 
zekhnen, das dort druben von der Sonne nieder- 
hing. Ueber ihnen stieg der Himmel in tief- 
blauen Abgrunden empor. 

— Wie lange haben wir noch zu gehn bis 
Pfalzburg? fragte sie. 

— Drei Stun den. 

Er antwortete einer Fremden. Sie stand ausser- 
halb seines Lebens wie in seiner Kindheit, wenn 
er in ihr Zimmer trat, in diese weite, wehmutige 
Feme, in der kein einziges seiner Gefuhle und 



keiner seiner Gedanken lebte, wenn sie dann 
den Flugel schloss und sich in einer Stille er- 
hob, die dem Jungen ans Herz griff. Er lebte 
diese Augenblicke von neuexn durch, aber mit 
dem ganzen unbarmherzigen Wissen um das, 
was sie bis in den letzten Blutstropfen vonetn- 
ander trennte. 

Wie er hinter ihr den Pfad hinunterging, hdrte 
er wieder ihre Worte, sah er ihre biegsame Ge- 
stalt auf dem roten Weg uber die Heide gehn, 
und als er daran dachte, wie diese Leidenschaft 
neben ihm ausbrach, eine tyrannische Gewalt 
sich ihm auferlegte, war er plotzlich vcn einer 
tosenden Wirklichkeit umringt. Es war keine 
Mdglichkeit, sich ihr schmachtend hinzugeben, 
damit sie seine Phantasie nahre. Sie ging zer- 
storend uber ihn hinweg. Es war nicht mehr 
Frau Yvonne, aber ein lebendiges Beispiel jener 
grossen Leidenschaft, mit deren Bildem er sich 
seit Jahren umstellt hatte. Dieser Gedanke half 
ihm uber das a!te Gefuhl der Ohnmacht hin- 
weg, das ihn jedesmal niederdruckte, wenn er 
den gewalisamen Ausbruch einer Leidenschaft 
rr it Augen sah. Er erkannte eine neue strahlende 
Sinnlichkeit und empfand die Unendlichkeit einer 
Hingabe, die das Leben selber ist, das Empfangen 
tiefster ZartMchkeit in einzigen Vereinigungen. 
Die Eine. Die Gdiebte. 



In Pfalzburg konnte Frau Yvonne kaum noch 
gehn. Sie stutzte sich auf Pauls Arm. 

— Ich werde alt, sagte sie leise, ich glaube, 
tch werde nie mehr ein Pferd besteigen. 

Er trostete sie, indcm er ihr versicherte, siesei 
junger denn je. Er sprach noch viele Worte im 
selben Sinne und sah dodi, wie die Einsamkeit 
die Frau verschlang. Da er sie verliess, schlug 
die traurige Oede, die der Schauplatz seiner 
Jugend und ihr Leben war, uber ihr zusammen. 
Die Pfnntasmagorien ihrer Wuste waren er- 
loschen. 

Und sie bliebe das Opfer seiner Jugend. Es 
war lange her, dass er ihren Mund, den er so 
sehr Uebte, wie eine offene Wunde gesehen hatte, 
die nicht bluten wollte. Er hatte es schnellver- 
gessen und sie nur geliebt, weil sie stark und 
schon war. Ihre Zartlichkeit hatte ihn gelabt, 
solange er ihrer bedurfte; und nun stand er da- 
bd, wie sie unterging. Morgen liesse er sie 
entstellt und sterbend hinter sich zuruck. Er sah 
es so und nahm es an. Seit zwei Stunden erst 
wusste er, dass das Leben mit demselben 
Zeichen tdtet und segnet und schon hatte er 
sich daran gewdhnt, dass sein Gluck Opfer ver- 








DIE AKTION 






tangte. Er fuMte die grosse Unschuld der 
Menscjien aneinander und den unmenschiicbcn 
Drang der Scbicksale. 



Man moss ein Kind bieiben, fuhlte er, um nicht 
verloren zu gehn. Wissend unbedenklich sein. 
Das erkannfe er ohne Ueberschwang und ohne 
Grausamkeit. Es war nur der Starke und stille 
Wunsdi in ihm, glucklicb zu sein, und so 
konnte er seine Mutter bald mit sanften, bald 
mit ubermutigen Worten tiuschen. 

Sie horte ihm mit gesenktem Kopfe zu. 

Flotzlich verstummte er. Sie denkt, sagte er 
$ich 9 dass ich midi entschuldige, und sie will 
mich glauben lassen, dass ich sie trdsten kann, 
dass alles gut wird. 

Da hatte Paul auf der Stelle sterben mdgen. 
Aber er fing von neuem an, er spracb, sie nickte, 
und sie lacheite, und sie gingen immer soweiter 
in breiten leeren Strassen, uber grosse, sonnige 
Platze, durch eine unbekannte, menschenleere 
Stadt. 

(Fortsetzung foigt.) 



VORLESUNG 

Sonnabend, den 4. Januar 1013, abends S l / 2 
Uhr, wird Leo Matthias seine neue Komodie 
Der Impresario vorlesen im Festsaale Koch, 
Charlottenburg, Savignyplatz 11. Rudolf Kayser 
leitet den Vortrag mit einigen Worten ein. Der 
Eintritt ist frei. 



NEUERSCHEINUNGEN 




urgen Jurgensen. Fieber. 
Novellen. (Rutten & Loening, 
Main). Oeh. M. 4. 



Afrikanische 
Frankfurt am 



Dies 1st das Them* des Buches: die Begegnung des 

Europaers mit dem Urwald. Aber dieses Thema ist 
aus so vielfiUtigen Erfahrungen heraus, mit cinem 
soldien Reichtum an Bitdem und Erlebnissen variiert, 
dass es Hmner wieder neu, immer wieder in einer an- 
deren Weise denkwlirdig erscheint. Jiirgensen empfin- 
det und schiklert den afrikanischen Urwald als etwas 
Ungeheures, Geheitnnisvofles, Mythisches: als ein grosses, 
gewaltiges Wesen mit eigenen Traumen und eigenem 
wiUen, Aber such in dem Eu ropier lebt etwas, was 
Uber den Einzelnen und seinen .Wahn hinaus, ia fiber 
die Ga thing und ihren Wahn hinaus eine ewige Ab* 
sfcht hegt und betiUjgt. In dem Kampf dieses Etwas 



mh dem Urwald wird der Europier dahingeschleudert 
wie das Sandkorn in der Wmdgose. Es kommt ihm 
vor, als k&mpfe er, aher in Wahrheh wird der Kampl 
Uber seinen Kopf hinweg gekampft. Und dock wieder 
nicht ganz Uber seinen Kopf hinweg: denn der Ur- 
wald greift ttin selber an, beirrt seinen Biick, erschtit- 
tert seine Sicfcrheii, wirit ihm Angst ins Herz und 
Fieber in die Glieder. Eh er’s begriffen hat, hat ihc 
der Urwald in seine Traume eingeschlungen. Aber 
emige gibt es, die es noch rechtzeitig begreilen und 
daran gehen, die leindlkhen Riesen wesen zu versfih- 
nen. Etas sind jene, die den Traum des Urwalds er* 
kannt und verstanden ha ben. Nur wer den Traum 
des Urwalds verstanden hat, kann in ihm der ewigen 
Absicht der Kultur Bahn schaffen. Diese sind die 
namenlosen Helden: von alien Parteien der Mitwell 

verketzert, der Nachwelt unbekannt, nur von der Ewig- 
keit nicht vergessen. Von ihnen erzShlt Jtlrgensen 
in seinem Buche. 



ZEITSCHRIFTENSCHAU 



DER TUERMER (Stuttgart, Oreiner ft Pfcifler). Am 
dem Inha It des Januarheftes: Elisabeth DiakonoH. 

Das Tagebuch einer russischen Studentin. — Die 
Rabitz wand. Von Dr. J. Stanjex. — Geburtenrtick- 
zug und „agrarische Hehnatspolitik*. Von Ott 
Cor bach. — runners Tagebuch. — Die Haupt* 
Stadt. Von Hermann Kienzl. 

DIE SCHAUBUEHNE enthiilt in der Nummer 52 
Rose Bernd. Von S. J. — Nijinsky. Von Herbert 
jhering. — Der neue Sudermann. Von TheodOi 
Lessing. — Der Retter in der Not. Von Erich 
Mtihsam u. a. 

DAS LITERAR1SCHE ECHO. (Verlag: Egon Fleischel 
& Co., Berlin W. 9.) Das 1. Jamiarheft ist mi 
folgendem Inhalt erschienen: Hans Brandt: Unver 
Often ti ich te Briele von Zacharias Werner. — Paul 
Friedrich: Das neue Pathos. — Karl Strecker: 

Hauptmanns Hauptirrtum als Epiker. — Steiger: 
Wedekinds Faust u. a. 

SOZIALISTISCHE MONATSHEFTE. Herau&geber Dr. 
Bloch. Das 26. Heft enthiilt: Wally Zepler: Frauen- 
bewegung; Eduard Bernstein: Die Landtagswahlen; 
Leo Arons: Die Wahtperiode ftirPreussen; Wthelm: 
Schroder; J. B. von Schweitzer u. a. 

KAIN. Herau&geber Erich Mtihsam. Die neue Num- 
mer dieser vom ahnungslosen B. T. empfohkuen 
Monatsschrift enthiilt einen Essay fiber Frank Wede 
kinds „Franziska“ von Erich Mtihsam. 

DIE BUECHEREI MAI ANDROS. (Verlag P. Knorr, 
Beriin-Wilmersdorf.) Das zweite Heft dieser ZeiU 
schritt enthiilt: Alfred Richard Meyer und Heinrich 
Lautensack: Ekstatiache Walllahrten. Preis M. 1, — 

DER ZWIEBELFISCH. Herausgeber Hans von Weber. 
(Hyperion-Verlag, Mtinchen.) Das sechste Heft dieser vor- 
nehmen Zeitschrift ist erschien. Es enthielt: Ga* 

lantrie; Unmanier am Richtertisch* Ullstein, Ramsch 
fit Co.; Der Ekel vor der Gemahlm u. a. Das Heft 
kostet 60 Pfennig. 



VORNOT1ZEN 



GERHART HAUPTMANN. Gesammelte Werke, 5 
Btinde. (S. Fischer, Verlag, Berlin.) Geb. M. 10,—. 
EVA LOTT1NO. Vor den Toren. Noveik. (Erich 
Reiss, Verlag, Berlin.) Geb. Mk. 3,50. 



INHALT DER VORIGEN NUMMER: Franz Pfcmfert: Chrietbaum&chmuck — Martin Drescher: 
Weihnachtszeit — * • • Eine seltene Frau Otto Brahm: Ib9ens Probleme — AKredWolfen- 
stein: Furcht und Mut — Rudolf Leonhard: Ueber einen Vortrag — Der neue Bundesbruder 
1 — Wo steht denn das geschrieben? — Phrasen — Notizen — Ankundigung der Redaktion — 

Inhaltsverzeichnis des IV. Quartals 1912. 



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28 









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die iateUcklualfetische; ea wird gezdgf, wie beide 
aus dem Oeist Nietzschea geboren aind und wd- 
chen Entwiddungagang jede fUr aich genommen hat 

Preis: 2 Mark 



Zu beziehen dtuth jede gute Buchhandlung 



DIE DILETTANTEN DES WUNDERS 
CARL EINSTEIN: BEBUQUIN ODER 




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LYR1SCHE FLU G BLOTTER 

jt 0,50 H. 

des Verlags A. R. MEYER, Berlin-W ilmersdorf 

PAUL ZECH, Das schwarze Revier; ELSE 
LASKER -SCHUELER, Hebrftische Balladen; 
F.-T. MARTINETTI, Futurisdsche Dichtungen; 
ALFRED LICHTENSTEIN, Die Dammerung; 
VICTOR HADWIGER, Wenn unter uns ein 
Wandrer ist; FRANK WEDEKIND, Felix und 
Galaihea; BLASS, BROD, HARDEKOPF, 
HOLZ, RUEST, SCHICKELE, STADLER 
u. a., Ballhaus. 



(Benn, Morgue ist vergriffen und wird nicht 

wieder aufgetegt.) 

Die von Heinrich Lautensack, Alfred Richard 
Meyer, Anselm Ruest herausgegebene Zeitschrift 
von 60 zu 60 Tagen 

DIE BGCHEREI AVAIANDROS 



brachte bisher: die Novelle Teresa und Wolf- 
gang von Samuel Lublinski, Ekstatische Wall- 
fahrten (Semilasso in Afrika, Via Crucis) von 
A. R. Meyer und Lautensack, Apollodoros, Dia- 
log uber Lyrik von A. Ruest. Graphische Bei- 
trige von Max Beckmann, Walter Rdssner, 
Artur Segal. In Vorbereitung die lyrische An- 
thologie Mistral, fur die Einsendungen willkotn- 
men sind. 




SONNENLAND 



IN BUCH 



VON JOSEF 



DER SEHNSUCHT 

KARL RATISLAV 



Mit BEOLEITWORTEN 
von FRANZ BLEI und dem 
BILDNIS DES DICHTERS 
von MAX OPPENHEIMER 



SACULU/VVERLAG BERLIN S 14 



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Preis 3 Mark 

Verlag der Wochesschrift: DIE AKTION 



Am 4. Februar 1913 veranstalten wir in den 
Johann-Georg-Fesisilen den 

BALL DER AKTION 

Max Oppenheimer hat die kunstlerische Leitung 



SXtaMtton 

WOCHENSCHRIFT FOR POLITIK, LITERATUR, KUNST 



Dritter Jahrgang 


Herausgegeben von Franz Pfemfert 


Nr. 2 :: 8. Januar 






DaHakHnn< Manuakripte, Rezenaiona-, Tausch- 
lUJUasUUU. Exemplare etc. sind an den Heraua- 
geber, Berlin-Wilmeradorf, Nasaauischestraase IT 
zu senden :: s Telephon Amt Pfalzburg Nr. 6242 
Unverlangt ManuskripL iat RDckporto beizufQgen 


Erscheint Mittwoch 


ihAnnamant* Mk. 2.— viertelllhrlich (exkl. Be- 
ftoonueineini . atellgeld) bei alien Poatanatalten, 
Buchhandl. etc. Oder durcn Kreuzbd. gegen Mk. 2^0 
durch den Verlag der ..Aktion", Berlin-wilmeradorf, 
Naaaauiachestr. 17 :: Kommiaa. 0. Brauna, Leipzig 



DEM GEDACHTNIS GEORG HEYM'S 



Den 16. Januar 1913 is( es ein Jahr, dass Georg 
Heyir im Wannsee ertrank mit seinem Freunde 
Ernst Balcke. 

Es war ein Begeisterter, ein Gliihender, ein 
Starker, ein Seibstandiger, ein Kampfer. Er wai 
ein Empdrer. Er war ein Dichter. 

Daruni soli man ihn ehren, soil man seiner ge- 
denken, wo Kampfer atmen. 

Dem Gedachtnis GEORG HEYMS widme ich 
diese Nummer der AKTION. F. P. 

GEDENKEN 

I. 

Der Himmel blaut, Blauspritzer spriih’n. 
Orangen baumeln braungoldschwer. 

Ein Gummibaum sinkt gross und griin 
Sacht iiber eine Mauer her, 

Am Mittelmeer. 

Am Mittelmeer. 

Heimlich an betriefter Flache 
Raufen Rosen friihlingsfreche; 

Wackeln die vom Wind gewippten 
Zapfen alter Eukalypten, 

Und es wispern Rauschebadie. 

Welch absondrer Schopfungsaktus: 

Feigen spriessen auf dem Kaktus. . . . 

II. 

Nordwarts reist man. Walder, Schnee. 
Nadeldickicht schwarzverastelt. 

Und Berlin tropft an der Spree, 

Wenn sie freudlos in sich frostelt. 

Schweigend liest man von dem jungen 
Dichter, den das Eis verschlang; 

Diese Stimme jah entklungen, 



Die zu Donnerwipfeln drang. 

Wucht und Schwellkraft. Windumbraust. 
Wonne, wenn es wilder pfiff. 

Eine zwanzigjahrige Faust 
Mit dem Griff. Mit dem Griff. 

„Heym; Georg." Die Marmortafel 
Runzelt bald, umweht und fremd. 

Fahl bei Cladow hat die Havel 
Diesen Leib ans Land geschwemmt . . . 

III. 

Sicher steht es wo geschrieben. 

Doch es zahlt zu den Problemen: 

Ob die Gotter wen sie lieben 
In der Jugend von uns nehmen. 

Unerfullte Augensterne 

Schloss der friedlos Friihverbannte, 

Und die Welt lag in der Feme, 

Als er starb — und sie nicht kannte. 

IV. 

Der Himmel blaut, Blauspritzer spriih’n, 
Orangen baumeln braungoldschwer. 

Ein Gummibaum sinkt gross und griin 
Sacht iiber eine Mauer her, 

Am Mittelmeer. 

Heimlich an betriefter Flache 
Raufen Rosen friihlingsfreche; 

Wackeln die vom Wind gewippten 
Zapfen alter Eukalypten, 

Und es wispern Rauschebache. 



Alfred Kerr 











DIE ART ION 



40 



39 



Hans Baas 

BIRKEN 

An durren Reisern, die am Boden sleekest, 
Sind sie vorbei und gluhend hochgeeilt. 

Wie weisse Schlangen sind sie aufgesteilt 
Mit Halsen, die zum kalten Himmel blecken. . . 
Sehr fruhe werden Knaben schon verfiihrt, 
Dass mchts Geheimes ihre Seele narre, 

Das Ungekannte hat sie nie geruhrt. 

— Was ist der Spuk der Stamxne, dass ich haixe? 
Mit Hammersch lagen taubt mich ihre Starre 
Wie einen Vogel, der sich Beute spurt. 



Ernst Balcke 

SOMMERTAGE NOCH IM HERBST 

Das ist das Wunderbare dieser Tage, 

Dass sie uns ruhren wie geliebter Kr anker 
Genesungen und W iederbluhend werden . 

Wie wenn ein Vogel, der den Sommer lang 
Die sussen Lieder seines Lebens sang, 

Noch einmal sich aus dem Gebusche hobe, 

Wir aber meinten, dass der feuchte Wind 
Des ersten Herbstes ihn schon langst getragen 
Zu warmerer Lander lachelnden Gestaden. 



Und doch ist dieser letzten Tage Gold 
So mude uns, als ob ein letztes Echo, 

Das tot wir glaubten, plotzlich sich noch einmal 
In einem tiefen, femen Grund entschleiert 
Und unsere fast vergessene Rule rollt. 



Das ist wie Sonnenlicht auf gani verfallenen 
Gemauern dusterer Burgen, das den Ruhm 
Der grossen Zeit aus semen Winkeln weekt, 
Den Gang der Frauen an hellen Marzentagen, 
Die ganz verlorenen Klange alter Harfen, 

Und eine Bangigkeit vor diesem Leben. 



Gottfried Benn 

MORGUE II 

(An Adolf Petrenz) 

I. 

Plotzlich schreit eine Leiche in mittlerem 

Emahrungszustand : 

Kinder, lasst Euch das nicht gefallen! 

Mit tins wird Schindluder getrieben. 

Wer hat mir zum Beispiel das Gehirn in die 

Brusthohle geworfen? 

Soli ich damit atmen? 

Soli da vielleicht der kleine Kreislauf durchgehn? 
Alles was recht ist! 

Das geht zu weit! — 



II. 

Na, und ich? 

Wie bin ich hergekommen? 

Wie aus dem Ei gepellt! 

Und jetzt?? 

Waschen Sie mir gefalligst den Kot aus der 

Achselhdhle, Sie!! 

Und das rechte Herzohr brauchte auch nicht 

grade aus m&nem After rauszusehn! 
Das sieht ja wie Hamorrhoiden aus. — 

III. 

Eine Leiche singt: 

Bald gehn durch mich die Felder und Gewurme. 
Des Landes Lippe nagt: die Wand reisst ein. 
Das Fleisch verfliesst. Und in die dunklen Turme 
Der G lieder jauchzt die ewige Erde ein. 

Erlost aus meinem iranen iiberstrdmten 
Gitter. Erlost aus Hunger imd aus Schwert. 
Und wie die Moven winters auf die sussen 
Gewasser fliichten: also: heimgekehrt. — 

IV. 

Merkwurdig — murxnelt ein noch nicht wieder 

zugenahter Mann — 

Wenn man so mit der Hand an sich runterf&hrt: 
Wo hdrt die Brust auf? 

Wo fangt der Bauch an? 

Wo sass deine Kotfistel, fragt man sich? 

Vollig verandertes System. 

I>er Nabel uber Bord geworfen. 

Vereinfachter Mechanismus. 

Ruckkehr zur Natur scheint die Devise. — 

V. 

Ein Selbstmdrder : 

Kiafft nicht, ihr laffen! Pack. Pobel. 

Manner, behaart und brunsbg, Frauentiere, feige 

und heimtuckisch, 

Aus eurem Kot-leben fortgeschlagen, 

U mgr ein t von Menschenvieh. 

Ich bin acfgestiegen wie ein junger Adler. 

So stand ich: nackt, vom kalten Sternenlicht 
Umbrandet Stim und Blut. — 



Alexander Bessmertny 

SPRUECHE AN DIE MEISTER 

Stefan G-eorge 
Stefan George, Deuter meiner Blosse, 

Der Gipfel wies und talwarts mich verstiess. 
Ich steige schwer, geworfen durch die Stosse 
Des Sturmes, den dein Geisterodem bliess. 



DIE AKTION 





Rainer Maria Rilke 

Maria Rilke. Einst werd ich auch gleiehen 
Dem reifen Gott im seligen Gedicht. 

Du btst mir meines Auszugs Feuerzcichen 
Und meiner Tage kundendes Gesicht. 

Ernst Blass 

PAUSE 

Ich habe so iange hier aliein gesessen. 

Sch6n ist es, an das Fenster zu treten, 

Zu sehn den vom Winter durchwohnten, spaten 
Nachmittag; der ist klirrend weit und vergessen. 

Und nicht langer sucht’ ich den Dingen Natnen — 

Alles Verhullte war geisterhaft klar — 

Und durch die geoffneten Fenster kamen 
Luftzuge kalt und wunderbar. 

m i H 

Paul Boldt 

BERLINER ABEND 

Spukhaftes Wandeln ohne Existenz! 

Der Asphalt dunkelt und das Gas schmeisst sein 
Licht auf ihn. Aus Asphalt und Licht wird 

Eifenbein. 

Die Strassen horchen so. Riechen nach Lenz. 

Autos, eine Herde von Blitzen, schrein 
Und suchen einander in den Strassen. 

Lichter wie Fahnen, helle Menschenmassen : 
Die Stadtbahnzuge ziehen ein. 

Und sehr writ blitzt Berlin. Schon hat derOst, 
Der weisse Wind, in den Zahnen den Frost, 
Se n funkelnd Maul fiber die Stadt gedreht, 
Darauf die Nacht, ein schwarzer Vogel, steht. 

MEINE JUEDIN 

Du junge Judin, braune Judith, kdstliche 
Frucht der Erkenntnis, weisser Blutenfall: 

Aus Kleidem steigst du nackt, ein All ins All, 
Mit deinen Brusten, Mythenfrau, du ostliche. 

Sfeige vom Sockel, Venus, aus zerballter 
Wasche! Jungweib! Wie Morgensonne blitzt 
Dein Bauch — und in der Schenkd Schatten sitzt 
Wie Bluten saugend, test, ein schwarzer Falter. 

Und Schwarzes falit aus den geldsten Schleifen 
In den konkaven Nacken, wie Geruch. 

Und die zu grossen, graden Zahne blecken 

Als ob sie schon in Mannerkussen staken. 

Der Blick hangt glanzend uber dem Versuch, 
Die Lippen uber das Gebiss zu strrifen. 



BELLE AMIE 

Meine Arme sind jetzt sehr stark. 

Und so erfahren, 

Meine Nerven flustem 
Am Ruckenmark 
Von ihren Haaren; — 

Und wieder (lustem): 

Von ihren gelben Haaren — — 

DIE DIRNE 

Die Zahne standen unbeteiligt, kfihl 
Gleich Fi9chen an den heissen Sommertagen. 
Sie hatte sie in sein Gesicht geschlagen 
Und trank es — trank — entsch lessen dies Gefuhl 

In sich zu halten, denn sie ward ein wenig 
Wie fruher Madchen und erlitt Verfuhrung, 

Er aber spurte bloss Beruhrung, 

Den Mund wie einen Muskel, mager, sehnig. 

Und sollte glauben an ihr Offenbaren , 

Und sah, wie sie dann dastand — spiegelnackt — 
Das Falsche, das Frisierte an den Haaren; 

Und unwillig auf ihren schlechten Akt 
Sc h lug er das Licht, legte sich zu ihr, 
Mischend im Blut Entsetzen mit der Gier. 



Max Brod 

AN MEINE FEINDE 

I. 

O ballet euch um mich und aus der Schwiile 
Schlage die Zacke des gestreckten Blitzes, 

Und dass der schwarze Pfeifer eures Witzes 
Noch in der frischgerissnen Wunde wiihle! 

Mir halten ohnedies die Motekule 
Der Seele widerwillig nur zusammen, 

So 15set sie mit Sauren und mit Flammen, 
Dass ich Zerfall in jedem Nerve fiihle. 

Wie gut ist dies endgultige Zerstieben ! 

Wo sind die Lastigen nun, mich zu lieben, 
Und wo die Besserwisser, mich zu schelten! 

Nein, mogen sie mir ernstlich Ruhe schenken; 
Denn selbst mein Name ist und Angedenken 
Zu gut fur diese traurigste der Welten. 

II. 

Ich liebe ja nicht mich und nicht das Leben 
So unbedingt, dass ich die stets emeute 



43 



DIE AKTION 



44 



Aufforderung ringsum, mich aufzugeben , 

Um jeden Preis, aus alien Kraften scheute. 

Schon seht ihr mich bereit, emporzuschweben 
In Purpurland und ewiges Gelaute 
Zu Engeln, welche Gottes Mantel heben, 

Und geme gehe ich und geh noch heute — 

W&ren nicht solche Abende und hier 
Im Klosterhofe unter alten Linden 
Restaurationsmusik und schwarzes Bier, 

Und solche Eintradit zwischen dir und mir 
Dass noch die mindesten von deinen Blicken, 
Geliebte, fest ins Diesseits mich verstricken. 



Arthur Drey 

MONOLOG DES DICHTERS 

Atmen! Atmen! Atmen! Atmen! 
Immer-immer-immerfort : atmen ! ! 

— Will ich denn? 

Ich bin ein Schaf, 

Das atmen will. 

Und wenn ich schlaf’, 

Steht die chose nicht etwa still, 

Nein, nein: da beton’ ich noch 
Durch Schnarchen dass ich atme! 

So bin ich der grosste Ulk der Natur. 

Und immer nur, immer nur ist 

Was ich atme und dichte — : Mist! 

■ 

Ich bin noch jung. 

Aber ich war mal sehr sehr jung. 

Oh! Als ich Sonne war, als ich Regen war, 
(H e i s s e Sonne! H e i s s e r Regen ! ) 

Da bin ich hochgesprungen, 

Uebermiitig, vor meinen Gedichten. 

Man eh mal fand ich sie unerreicht schon. 
Manchmal wollt’ ich sie alle vemichten. 

Ach, viele Madchen hab* ich geliebt, 

Hah* weinend, irrend, leidend gesungen, 

Lieder gesungen, die es nur einmal gibt. 

War* jetzt eine Menschenmenge da, vor meinem 

Gesicht, 

Mich besturmend, mich anrasend 
Um ein Gedicht — , 

Ich war* so sehr bereit! 

Und deklamierte aus friihster Zeit: 

Das ist das Endlose, das in mir klagt: 

Muss meine Liebe zerstoren, 



Weil Treue sich mir versagt, 

Treue in Augen, die mir gehoren. 

Ach, helft mir mein Leben vergessen 
Bis zum Totsein zuruck — — 

Umsonst will ich mich zerpressen, 

Bin ein Kind ohne Gluck! 

Und nie ein Unierliegen, 

Es ist zu viel Sehnsucht da! 

Kann mich denn niemand betrugen, 

Dass alles anders geschah, 

Dass immer nur Fieber, beraubend, 

Meine Liebe mir zerrissen, 

Dass . . . liigenden Bilde glaubend, 

Ich so hah* weinen mussen? 

Was aber fang 1 ich an, 

Wartend jede Sekunde, wie ewige Frist — , 
Wenn nichtmal der Gedanke mich trosten kann, 
Dass alles so sinnlos ist? 

Damals war ich Anfanger, Stumper im Fiihlen. 
(Wie kindisch von mir, dies auf zuwiihlen ! ) 
Heute bin ich vollkommen; ein vollkonunc- 

ner Idiot. 

— In vierzig Jahren bin ich mausetot. 



S. Friedlaender 

DUNKLES LEBEN 

Dunkles Leben, du gliihst in Dammerungen, 
Wo Gram sich schleichend windetwie6chlangen, 
Die Seek eingekerkert ist in Bangen 
Bis sie zerspr ungen. 

Ein schwarzes Standbild glanzt die Gestalt des 

Todes, 

Stummes Gelachter schiittend auf alles Men- 

schenhafte, 

Das Unkraut iippigt in vollem Safte 
Du brichst und bitterst zuredenden Brotes. 

Ich will sterben, sieh mir ins fruhalte Gesicht, 
Besiegt habe ich’s und bin gebogen, 

Es hat mich in Herzensirmisse fortgezogen 
Und ich war es nicht. 



Reinhold Fruhling 

AUF MAX OPPENHEIMERS GEMAELDE 
„DER ERSCHLAGENE* 

Blutige Locken fallen von eingesunkenen Wan- 

gen; 



DIE AKTION 




46 



Furchtbar, zwischen Hilfc rufend gebffneten, 

schwarzen 

Lippen lauten zwei Reihen scbcusslicher Z&hne, 

so ragen 

Durre Beine ausGrabem hervor: die gefalteten 

Hande 

Decket Blasse, die unter zersplitterten Nageln 

zum Blau wird: 

Denn im einsamen, schreckenden Walde hat cr 

sich Sngstlich 

Mit verlarvten Mdrdem gerangen: es hallten 

die Wipfel, 

Von seinem bangen Rufen und dem morderischen 

Murmeln 

Seiner Gegner; bald erlagen die Rrafte des 

Kampfers, 

Schiaffe Anne streckt* er vergeblich , die tdd- 

lichen Aexte 

Von seinem Haupt abzuhalten; sie, die sonst 

schuchteme Vogel 

A us den gefallten Bitumen verscheuchten, spal- 

teten jetzt 

Grausam die gehimspritzende Scheitel des ster* 

benden Manncs, 

Dessen Seele ungem vom rochelnden Busen 

emporstieg. 

■ 

Streifende Jager fanden den zerzerrten Korper 
In dem See von eignem Blut, aus welchem die 

Graser 

Ihre befleckten Spitzen scheu erhoben : sie brachtcn 
Ihn der untrostbaren Witwe, die sein dunkles 

Auge 

Noch zu bedauem schien: noch sichtbar war 

auf der Wange 

Der sonst freundliche Zug, auf der verunstal- 

teten Stirne 

Die kennbare Runzel, die oft ein ahnender 

Rummer 

In melancholischen Stun den drauf pflanzte. 



Die Jungen nichts!" — Oft kommt auch ein 

Gendarm, 

Sehr roh uud stolz auf alten Henkersruhm. 

Und alle M&dchen machen kalte Augen, 

Und jeder Mann hat seine Frau am Arm, 

Wie ein erworbnes sichres Eigentum. 

DAS ANDERE DORF 

Alle Madchen und Frauen tummeln sich frei 
Mit blossen Briisten und offenem Haar, 
Nirgends ein Kreuz und ein weher Altar, 

Und die Wagen wehen bekranzt vorbei. 

Die Manner lieben Gelag und Gefahr, 

Spiel und Ringkampf und Jubelgeschrei, 
Betthasen hat jeder mindestens zwei, 

Und Bruder und Sch wester sind wie ein Paar. 

Reiner mit einem drohnenden Amt, 

Das auf den andera wie Alpdruck lastet. 

Reine, die gramlich als Jungfrau verbleicht, 

Reine, die frech vergallt und verdammt. 

Jedem Wanderer, der hier rastet, 

Wird Mahl und Lager und Liebe gereicht. 

Georg Heym 

GINA 

Noch weht urn dich der Duft der grossen Step- 

pen, 

Der Sommer Polens, und der Wogengang 
Der Wdzenfelder, wenn den Fluss entlang 
Der Treidler Schultem grosse Flosse schleppen. 

Tief, wie die schwarzen, herbstlichen Zisternen, 
Die einsam stechen in das Morgengraun, 

Sind deine Augen, die ins Weite schaun 
Aus engen Strassen nach den Winterstemen. 



Max Herrmann (Neisse) 

DAS EINE DORF 

Hier ist ein Herrengut mit dustrem Park 
Und eine Rirche und zwei scheele Schanken, 
Und eine Schule mit ganz alten Banken, 

Und eine wuste Mauer, steil und stark. 

Und eine Pfutze, wo sie Tiere tranken. 

Und alles tot als wie in einem Sarg, 

Und alle Menschen ohne Mut und Mark 
Und ganz verzerrt von Rache, Neid und Ran ken. 

Der Greise Mienen zetem: „AHe taugen 



Du wurdest fur ein wildes Pferd geschaffen, 
Fur einen Ritt durch N&chte und Gefahr, 

Die Schapka auf der Stim mit Goldagraffen. 



Darunter flatterte dein schwarzes Haar, 

Und wie von Silber glanzten unsre Waffen, 
Wenn durch die Mondnacht zieht der weisse 

Aar. 



LE TIERS ETAT 

20. Juni 1789 

Auf welken Blumen von dem letzten Ball, 

In Spiegdn, Rerzen, weichlichem Gestuhl, 

Steht der Stiefel der Burger. Ihr Gewuhl 
Brennt wie die Flamme. Und der Widerhall 



2a 



47 



DIE AKTION 



Der grossen Worte flatter! durch Paris. 

Man dnangt sich urn den Saal. Die Strasse rauscht 
Vom SI urine Mirabeaus, dem al!es lauscht, 

Da er die Tur dem Mann des Konigs wies. 

Der Kdnig sieht dem Abend nach, der lind 
In Park und Seine zieht zum Westen schon. 
Er zupft sein Halstuch. Le diner ist nah. 

Da blast in sein Centach ein lauter Wind. 

Der ruttelt seinen Hals und seinen Thron. 

Le tiers 6tat. Le tiers etat. 



Kurt Hiller 

AN EINEN KAMPFGEFAEHRTEN 

Weil die Menschen vielfach dumm sind 
Und der Tod sich nicht umgehn lasst, 

War es blode, wenn wir stumm sind 
Und wenn man einander stehn lasst. 

Eigentlicb hist du mir wurst, 

Wie sie alle, wie sie alle; 

Aber doch in manchem Falle 
Loschte mir dein Wort den Durst. 

Taglich nimmt mein Daseinstrieb ab, 

Denn das Leben trieft von Lues. 

Wenn ich irgendwas noch lieb hab, 
Stahlgeaugter, dann bist du es! 

AN DIE *WISSENSCHAFTLlCHEN w 
PH I LOSOPH IERER 

Begiaubigt euch nur feste eure Glorie, 

Macht ruhig weiter den Begriffesmist! 

Wohl euch, Fachkopfe, dass ihr noch nicht wisst, 
Wie wurscht System, Kriter und Kategorie 
Am ende doch am E n d e ist. 



Jakob van Hoddis 

TRISTITIA ANTE . , . 

Schneeflocken fallen. Meine Nachte and 
Sehr laut geworden, und zu starr ihr Leuchten. 
Alle Gefahren, die mir ruhmvoll deuchten, 

Sind nun so widrig wie der Winterwind. 

Ich hasse fast die helle Brunst der Stadte. 

Wenn ich einst wachte und die Mittemachte 
Langsam zerflammten — bis die Sonne kam — , 
Wenn ich den Prunk der weissen Huren nahm, 
Ob magrer Prunk mir endlich Ldsung brachte, 

War diese Grelle nie und dieser Gram. 



48 



AURORA 

Nach Hause stiefeln wir verstdrt und alt, 

Die grelle, gelbe Nacht hat abgebluht. 

Wir sehn, wie uber den Laternen, kalt 
Und dunkelblau, der Himmel droht und gliiht. 

Nun winden sich die langen Strassen, schwer 
Und fleckig, bald, im breiten Glanz der Tage. 
Die kraftige Aurore bringt ihn her, 

Mit dicken rotgefrorenen Fingem, zage. 

Dem Burger fliegt vom spitzen Kopf der Hut, 
In alien Lliften hallt es wie Geschrei. 
Dachdecker silirzen ab und gehn entzwei 
Und an den Klisten — liest man — steigt die 

Flut. 

Der Sturm ist da, die wilden Meere hupfen 
An Land, um dicke Damme zu zerdrucken. 
Die meisten Menschen haben einen Schnupfen. 
Die Eisenbahnen fallen von den Briicken. 



E. F. Hoffmann (Konstanz) 

DIE ALTE FRAU 

Schon lange bist du durch ein letztes Tor ge- 

gangen, 

Verschliessend hinter dir des Lebens Wunder- 

zimmer. 

Nur ein verklarter Abglanz von des Festes 

Schimmer 

Umleuchtet deine Stim wie schmaie Silberaugen. 

In deinen Augen loschtest du das letzte der 

Verlangen, 

Nun herrschet dort ein ewiges Verstehen, 

Dem Suchenden, den Leidenschaften noch um- 

wehen, 

Zum Trost: sie warfen einst auch dich innacht- 

lich Bangen . 

Und in mir rasen die verzehrendsten Gewalten, 
Die nach Erfullung heiss verlangend beben, 

Die stiirmisch flehen und befehiend fluchen. 

Es ist umsonst, ihr Rennen aufzuhalten, 

Sie wolien kein entsagendes Ergeben 

Und lemen nie das Tandeln fettgewordcner 

Eunuchen. 



DIE AKTION 




50 



Rudolf Kayser 

VENEZ I AN ISCHES BORDELL 

Weich von Seufzern und Atem biegt sich die 

Wand. 

Von der Lagune weht nacht ich zerruttet ein 

Wind, 

Streift Knabenstimen und schwarz fiebemdes 

Haar, 

Dem ein sturzender Schrei, hitzige Brunst enl- 

rinnt. 

Die Siunde wird eng. Schmale Finger durch- 

zucken die Nacht. 

Eine Lampe gluht blass auf dem Hof und er- 

schauert, 

Da sie biegende Schatten einer Jugend erzeugt, 
Die mit sechzehn Jahren das Laster umkauert. 
Sie stehen beisammen. Ein Licht schiebt sich 

vor, 

Glanzt uber den Menschenkeil. Die feuchte 

Mauer zerspringt. 

Ein Turspalt entsteht, der einen der Knaben 

verschlingt, 

Und uber heissen Geriichen: der Mond steigt 

empor. 



Willy KRsters (Konstanz) 

DIE HAESSLICHE 



Ich habe gelbe Tiere im Gekluft der Seele, 

Die Euer Mitleid schonungslos erregen, 

Und wenn sie stdhnend schmerzlich sich be- 

wegen, 

Hetz ich euch manchen bdsen Blick entgegen, 
Dass eure Sanftmut sich von dannen stehle. 
Dann zundet wohl der Hass die blauen Kerzen an, 
Die meine Schatten hohnend an die Wande kleben, 
Entsetzen lassen Herzlein Euch erbeben 



Und seltne Geier schwarz im Raume schweben 
Die Euch beangstigend, bek!emmend nah'n. 



Doch das sind Grilien, 

Denn mein Blick ist tot, seit ich gedacht; 
Nur meine demutsvotlen, stillen 
Hande weinen oft spit in der Nacht. 



Alfred Lichtenstein (Wilmersdorf) 

DER ENTLEIBTE 



Weiss iieg ich 

Auf einem Rest von einem Rummelplatz 
Zwischen zackigen Bauten — 

Brennende Blume . . leuchtender See . 



Ueber mich gleitet der kleine Mond. 

Augen greifen 
Weich in tiefe Welt, 

Hiiten versunken 
Wandemde Sterne. 



Leo Matthias 

GEBURT 

Mit tiefem Hass bin ich gesit, 

Und Speicheiwurf traf meines Kernes Bldsse, 
Und zweimal scharfes Pfluggerat 
Durchschleifte ringend ailes Werdens Schosse. 

Doch Wunder drangten aus den Zeilen: 

Auf gelbem Bauche krochen aus den Tiiren 
Die Eiter — die das Leben quellen .... 
Und WurzeJn ringelten aus den Geschwuron. 

Paul Mayer 

DER BLONDEN TAENZERIN 

I, 

Von bidden Burgeraugen angestiert, 

Umhulit vom Rauch der billigsten Zigarren, 
Bieibst du die Anmut, die sich nie verliert, 
Dein Haar ist Gold aus ungemunzten Barren. 

Und lacheind wirfst du ailes, was dich ziert, 
Wie Pfennige vor diese feisten Narren, 

Die angelrunken sind und wie vertiert 
Die Wunder nackter Heiligkeit bestarren. 

Dies muss ich dulden. Und ich bin doch der, 
So aus geheimsten Spielen einer Nacht 
Den blutenreinen Brand der Lieder facht. 

Drum gib Dich mir. Denn wisse, mein Begehr 
Jauchzt wie der Wimpet an des Schiffes Mast, 
Ein Sehnender ist stets bei Gdttem Gast. 

II. 

Nicht hilft es linger, dass ich mich verkleide, 
Dass ich den Tag mit Pflicht und Spiel belade, 
Aus tausend Larven meiner Maskerade 
Begreif ich Eines: Dass ich urn dich leide. 

Wie Einer, dem der Henker auf dem Rade 
Die Sohlen kitzelt mit des Dolches Schneide, 
So bin ich jetzt — nichts als ein Schrei urn 

Gnade — 

Den sonst Verachteten zur Augenweide, 



Zehen und Hande 
Streben ins Leere. 

Sehnsucht zerreisst den weinenden Korper. 



Denn jeder Abend gibt dich alien preis, 

Ich hore deine Glieder Hymnen singen 
Und fuhr mein Blut in gltidhen Rhythmen klingen. 



DIE AKTION 






5 ! 









m 



Einst wollte ich aus Traumen Leben schnitzen. 
Was sind denn Traume? Ich sah dich und weiss, 
Die neue Wahrheit: Leben heisst Besitzen . 

DER SPANISCHE BISCHOF 

Gesandt zum Eucharistischen Kongresse 
In eine dumpfe Stadt im nassen Norden, 

War er der Gastfreund seines Wirls ge worden. 
Und als er einmal heimkam aus der Messe, 

Zo g er die Ringe aus und seine Orden, 

Ging ans Klavier, dass er dies Land vergesse, 

Wo unaufhorMch graue Woikenhorden 

Auf schwarzen Schiefer schaun und Schornstein- 

esse. 

Erst spielte er die Egmontouverture, 

Dann aber, was in seinem Blute brannte, 
Blutfackeln anda.'usischer Barone. 

Des Hausherrn Kinder lauschten an der Ture, 
Belehrung spend end, sprach die Gouvernante 
Von dem „Konzert“, es ware von Giorgione. 



Alfred Richard Meyer 

NOTTURNO 

Der Mond rieselt Rauschgold auf das Parked, 
Hell knistem und wispern die Flammen. 

Das Leopardenfeil vor meinem Bett 
K use belt sich heimlich zusammen. 

Nun blinkt das Parkett wie ein blanker See, 

Nur fehlen ihm goldene Kahne. 

Die Tiir klinkt: Da gleisst es wie weisser Schnec, 
Schwebend schwirrt’s naher wie Schwane. 

Das ist deiner Fusse silbemes Paar. 

Wie zucken so zierlich die Zehen, 

Ak funkelte Mondlicht ihnen Gefahr. 

Spiegel nd die Nagel sich drehen 

Und spielen des Regenbogens Opal, 

Errofen, erblassen und winken. 

Sie sind meine Seligkeit, meine Qual, 

Jeglichen Traum sie mir schminken. 

Mein Kuss kugelt girrend um deinen Fuss. 

Den Mond plotzlich Wolken verdunkeln: 

Die Nacht fallt hemieder wie schwarzer Russ, 
Grun deine Augen nur funkeln. 

Erich MQhsam 

EIN KLEINES GELBES HAUS . . . 

Ein kleines geibes Haus, plump uberdeckt 
Von einem flachen Dach aus schwarzem Schiefer, 



In dem ein klobig roter Schornstein steckt. 
Unformig klimmt aus dieses Schomsteins Bauch 
Ein dumpfer Lichtschein, eingepackt in Rauch, 
Der in der Luft verkriecht wie Ungeziefer. — 
Ein Vogel macht sich aus dem Lichtkreis los, 
Wachst rot zum Himmef, wachst — wird 

weltengross, 

Durchzuckt die Nacht in grausiger Gebarde -- 
Und blutet schwere, rote Angst zur Erde. 



Richard Oehring 

DER GEHEMMTE 

Meine Stimme ist anders a!s ich. Ich wage 
Nicht mehr zu reden. Das Grauen wachst: 

In mSchtigen Netzen, regungslos, verhext, 

Lieg ich und starre den sonnefarbnen Fischer an. 
Der holt weit aus zum Schlage . . 

Miide am Tagc, 

Die Glieder in einen Kristallblock gespeirt, 
Durch den die ganze Welt in Fratzen gezerrr. 
Ich kann ihn nicht zerbrechen, 

Um mit den Leuten zu sprechen, 

Ich kann in ihren Ziigen nur Fremdheit lesen. 
Ich bin wohl nie mit ihnen zusammengewesen. 

DAS GESPRAECH 

Mein Hirn zerfetzt von gierigen Krampfcn, 
Ueberschiittct von brennenden Lawinen — 

Wein und Blumen konnen nicht dampfen. 
Hinter der Stim schauerlicbe Ruinen. 

Brandpfeile! Ho, zerhackt, zerrt, brecht, 

Ich will sterben. — Aber sprecht. 

Der dunklen Nachte wachsernes Werk 
Schmilzt schleimig — ekelhafter Dreck. 

Weg. 

Die Maske zittert vorm bebenden Gesicht. 

Die Worte wehen — die Lampe verlischt, 

Die Worte zerbranden in leuchtender Gischt. 
Bleiche Anilitze tonen rhythmisch verzuckt 



Erich Oesterheld 

IMPRESSION 

In grauen Schleiem, wie von Tranen feucht, 
SchleichtTag umTag verekelt durch die Strassen, 
Und meine Seele (dtese edle, wie mir deucht) 
Verkriecht sich scheu und zittrig vor den nassen 
Gespenstem auf den grauverhangten Gassen. 

Sieh, ich, ein Punkt im grauen Meer des Tags, 
Trag meinen Ekel pflichtgehorsam durch die 

Stunden, 



53 



DIE AKTION 



54 



Trag ihn durch fcuchte Menschenmassen stracks 
Zur Tram, ein Seelchen im Gewiihl, der Zeit 

entbunden, 

Und fluchtig auf der Sohle der Sekunden. 

Ich bin wie Irrlicht, das durch Nebel blinkt, 
Und schweigender Akkord, der hastig im brutalen 
Konzert der Strassen in sich selbst versinkt. — 
Ich bin wie eingesperrt in dem fatalen 
Verkehrswirrwarr fortschrittlicher Van d ale n. 

Und schemenhaft treibfs mich von Welt zu Welt, 
Denn eine grosse Stadt hat vielcr Welten Wesen; 
Ich bin ein Wachter, am Perron bested It, 

Um aus dem Wiisten Menschen zu erlesen, 
Damit es hell in mir, wie es gewesen. 

Und sieh! wie eine blonde Sonne, leicht und 

schlank, 

Steht da ein M&dchen vor mir, hell umglitten 
Von meinem Blick. Das Toben wird Gesang, 
Und wie ein Tag, der aus der Nacht geschritten, 
Steht sie in hellem Licht und ich inmitten. 



Anselm Ruest 

n 

HERBSTMORGEN 

Aus frdstelnder Umklammrung Nebelnacht 
Rolit sich die Flur zum kuhlen Morgenlichte; 
Grun schimmert unter’m Reif pur noch die Fichte, 
Indes der Laubwa!d wie verhext erwacht. 

Und wie aus Dampfen aufsteigt Pracht um Pracht, 
Erstaunt sich starrend in ihr Fremdgesichte — 
Schmiegt sich’s getrost zu neuem Farbgedichte, 
Das schon versohnt dem grellen Tage lacht. 
Ob tollster Mut gebar so wirre Traume? 
Sind’s kranke Wiinsche, deren Farben b!assten? 
Ein trunkner Aether — raschelnd welk in Kran- 

zen? 

Doch sicher ist’s ein Tod, als ging’s zu Tanzen ! : 
So soil auch meine Seele dump! nicht rasten, 
Webt einst die Nacht ihr Flughemd durch die 

Raume . . . 



Rent Schickele 

PHOENIX 

Wie warst in diesen Tagen du allein 
Und konntest es kaum ertragen! 

Es wird noch oft so sein — 

Doch musst du dir dann sagen: 

Um keine Trauer ist es schad, 

Wer Liebe hat, darf sie nicht schelten. 

Der Stemenvogel steigt aus gedscherten Tagen 



Strahlend im Auferstehungsschein, 
Sein Gefieder sind bluhende Klagen, 
Sein Gesang ist Seelenwein. 

Er schlagt sein silbemes Rad 
Und jubeit fiber die Welten. 



Mario Spiro 

AUF DEN KLIPPEN DER BRETAGNE 

1 . 

H y m n u s 

Konnt ich mit Deinen Farben malen, 

In Deinen Z ungen reden, Meer! 

Es fiele meiner Hand nicht schwer, 

Dir schuldigen Tribut zu zahlen. 

Wenn deiner W under Riesenheer 
Mich grfisst mit leuchtenden Fanalen — 
Smaragden, azurblau, opalen: 

Das Herz ist voll, das Fangnetz leer. 

Indes mein armer G riff el zittert, 

In Ewigkeit dir untertan, 

Und schliesslich zag und matt zersplittert — 
Regt sich’s in dir: du schaumst und qui'lst, 
Erschutterst alles Sein und schwiltst 
Zu brausendem Crescendo an. 

II. 

Vision 

Soli ich wehklagen, dass ich nicht singenkann 
Wie das schimmernde Meer? 

Was ich vermag ist gar karg: 

Jedes sundhafte Begehr, 

Das mein Herz in sich barg, 

Ersticken , 

Dann und wann 

Sehnsuchtsvoll zum versinkenden Horizonte 

blicken 

Und das Knie beugen 

Und gleich einem, der der Erlosung nahe, fur 

dich zeugen! 



Ist das gar so gering, 

Dass ich mein Ich vergesse 

Und des Lebens engen eisemen Ring 

Zersprenge, hor ich die Messe, 

Die du selbst deiner Grosse singst? 

Viele gleiten auf deinen Wogen 
Ach! von eitlen Gespinsten gezogen, 

Dich hoien sie zwar, doch ihren tauben Herzen 

klingst 



Du nicht . . , . 



Mir wirst du zum Gericht , . . 

Und doch ist mir nicht zage zu Mut! 






DIE AKTION 



56 



Wie meine Brust in deinen kuhlenden Wellcn 
Taucht unter mein Herz in deinen Myriaden 

Quellen 

Und lasst deine Frische und Reinheit in sich 

dringen 

Und badet und lautert sich in deiner kretsenden 

Wirbel Glut! 



Gassen der Stadt. In Not und Frost gepaart. 
Da die Latemen schon in schmutzigem 

Licht verdammem, 

Geht stumm ihr Zug zum Norden, wo aus 

lichtdurchsungnen Bahnhofshallen 
Die Schienenstrange Welt und Schicksal in 

verkrfimmte Winkelqueren hammem. 



Seh ich dich nicht ew’ge Geschicke weben? 
Fuhl ich nicht dein Walten? Hor nicht dein 

Singen? 

Wenn nur meine Tr&ume in deinen Rhythmen 

sch weben, 

So darf ich jeglicher Ohnmacht spotten und 

leben und in dir leben! 



Ernst Stadler (Brussel) 

GEGEN MORGEN 

I. 

Tag will herauf. Nacht wehrt nicht mehr dem 

Licht. 

(O Morgenwinde, die den Geist in ungestume 

Meere treiben!) 

Klang da mein Herz? O Schicksalsreif, der klir- 

rend fiber mir in Stucke bricht, 
Liess dich dein Zauber plotzlich los so wie das 

Dunkel die verhangnen Scheiben? 

Schon brechen Vorstadtbahnen fauchend in den 

Garten 

Der Frfihe. Bald sind Strassen, Brucken wieder 

von Gewuhl und Larm versperrt — 
O jetzt ins Stille fluchten. Eng im Zug der 
Weiber, der sich fibern Treppengang zur 

Messe zerrt, 

In Kirchenwinkel knien. O alles von sich tun 
und nur in Demut auf das Wunder der 

Verheissung war ten. 

O Nacht der Kathedralen! Inbrunst eingelem- 

ter Kinderworte! 

Gestammel unverstandner Litanein, indes die 
Seelen in die Sanftmut alter Heiligenbilder 

schauen . . . 

O Engelsgruss der Gnade . . ungekannt im 
Chor der Glaubigen stehn und barren, 

dass die Pforte 

Aufspringe und ein Schein uns krone konig- 
Kcher als der Stemenreif urns Haar von 

unsrer lieben Frauen. 

II. 

(Brussel, Gare du Nord.) 

Die Letzten, die am Weg die Lust verschmaht. 

Entleert aus alien 



Tag lasst die scharfen Morgenwinde los. Auf- 

frostelnd raffen 

Sie ihre Rocke enger. Regen fallt in Faden. 

Fruhe 

Entblosst die Leiber von dem Trug der Nacht. 

Geschminkte Wangen klaffen 

Nun blutbestromt, die vorher glanzten, wie 
wenn Apfelblust in Frfihlingsfeuem glfihe. 

Kein Wort. Die Masken brechen. Lust und 

Gier sind tot. Nun schleppen 

Sie ihren Leib wie eine ekle Last in arme 

Schenken 

Und kauem wortlos, eingelullt von dumpfiger 
Luft, im Kaffecdunst, der fiber Keller- 

treppen 

Aufsteigt, wie Geister, die das Taglicht ange- 

f alien, auf den harten Banken. 

III. 

Die Silhouette deines Leibs steht in der Fruhe 

dunkel vor dem truben Licht 

Der zugehangnen Jalousien. Ich fuhl, im Bette 
liegend, hostiengleich mir zugewendet dein 

Gesicht. 

Da du aus meinen Armen dich gelost, hat dein 
geflfistert „Ich muss fort" nur an die 

femsten Tore meines Traums gereicht — 

Nun seh ich wie durch Schleier deine Hand, 
wie sie mit leichtem Griff das weisse 
Hemd die Brfiste niederstreicht . . 

Die Strumpfe . . nun den Rock . . das Haar 
gerafft . , schon bist du fremd, fur Tag 

und Welt geschmuckt . . 

Ich dffne leis die Ture . . kusse dich . . du 
nickst, schon fern, ein Lebewohl . . und 

bist entruckt. 

Ich hore, schon im Bette wieder, wie deinsach* 

ter Schritt im Treppenhaus verklingt. 

Bin wieder im Geruche deines Korpers einge- 
sperrt, der, aus den Kissen strdmend, 

warm in meine Sinne dringt. 

Morgen wird heller. Vorhang blaht sich. Jun- 
ger Wind und erste Sonne will herein. 

Larmen quillt auf . . Musik der Fruhe . . sanft 
in Morgentraume eingesungen schlaf ich 

ein. 



DIE AKTION 



58 




GANG IN DER NACHT 

Die Alieen der Lichter, die der Fluss ins Dunkel 

schwemmt, sind schon erblindet 
In den streifenden Nebeln. Bald sind die Sta- 

den eingedeckt Schon findet 
Kein Laut den Weg mehr aus dem trSgen 
Sutnpf, der alles Fesie in sich schluckt. 
Die Stille lasiet. Manchmal blast ein Wind die 

Gaslatemen auf. Dann zuckt 
Ueber die untern Fensterreihen eine Welle dun- 
nen Lichts und schiesst zuruck. Im 

Schreiten 

Springen die Hauser aus den Schatten vor wie 
Rumpfe wilder Schiffe auf entstemtem 

Meer und gleiten 

Wieder in Nacht. O diese Strasse, die ich so 

viel Monde nicht gegangen — 
Nun streckt Erinnerung hundert Schmeichler- 

anne aus, mich rinzufangen, 
Legt sich zu mir, ganz still, nur schattenhaft, 
nur wie die letzte Welle Dufls von Schleh- 

dornstrauchern abgeweht, 
Nur wie ein Spalt von Licht, davon doch meine 
Seele wie ein Fruhlingsbeet in weissen 

Bluten steht — 

Ich schreite wie durch Garten. Bin auf einem 
grossen Platz. Nebel hangt dunn und 
flimmernd wie durch Silbemetz gesiebt — 
Und pldtzlich weiss ich: hinter diesen dumpfen 
Fenstem dort schist eine Frau, die midi 

einmal geliebt, 

Und die ich liebte. Hullen fallen. Eine Span- 
nung bricht. Ich steh bestrahlt, bestemt 

in einem guldnen Regen, 
Alte meine Gedanken laufen wie verklSrt durchs 
Dunkel einer magisch tonenden Musik 

entgegen. 



Hellmuth Wetzel 

NACHHALL 



Wenn ich dich sah und wieder feme von dir bin, 
Wenn ich die Ratsel unter deinen Wimpern her 

in stummen Truhen geborgen babe, 
Und die entrauschten Feste deiner Kleider noch 

in meinen Sinnen sind, 



Wenn ich wehmutig bin, 

Dann iaumeln meine Lieder 
Wie Foniainen, 

Und bohm tiefauf sich in die weisse Nacht 
Aus Kratem, die in ihrer glutberauschten Pracht 
Hoch in dem Donner blauer Berge g&hnen. 



Alfred Wolfenstein 

VOR DEM JAHR 

Wir leben beinah nicht, wenn Winter ist! 

Aber heute dieser Tag . , dieser Tag ist frei, 
Hilze, Kalte sind vor strahlendem Licht ihm 

einerlei! 

Wie mein Fenster hell starr’ ich hinaus und 

antitrist. 

Neben klaren Wolken dort das halbe sahnige 

Rund 

. . Als erblickte man schon den fiussersten Rand 
Des Fingemagels der vorausgestreckten Fruh- 

lingshand. 

. . Von Zeit frei ist der Tag wie von Nahrung 

ein kussender Mund! 

Die Gedanken schlagen zusammen (fur welches 

Fest?) im Gelaut. 

Und unten bunte Autos pfeifen vor Schnellsein 

(was ihr Ziel?) 

Die Trams spruhn am Draht und klingeln von 

Menschen voll Gefuhl. 

Dieser herrliche Blick vom Pferd! (aber wusst 

ich, was ihn so freut!) 

Mit erwartungtsvoll aufgehobnen Fussen rennt 
Das Trottoir halb hin, halb her, die Geslchter 

gtuhn nackt, 

Von einander und noch anderer Erregung ge- 

packt. 

Den Ohren telephoniert etwas vom Firmament, 

Und nun ist die Nacht . . nur wie schwanken- 

der Vorhang da, 

. . Und dah inter soli etwas kommen . . Oh, 

ich ertrage es nicht so sehr! 
Angespannt ist die Welt wie vom Gestade das 

Meer! 

— Nein — sitzt auch hinter mir auf mein Exa- 

men harrend Mama: 

Ich sturze mich hinunter — ! viellekht vor den 

schreienden Zeitungsmann — 
„Krieg und Sieg! funfundsiebzigtausend Gefal- 

lene! Krieg und Sieg!" 
Hier noch einer — ! Der die ungeheuer schbne 

Spannung nicht aussch wieg ! 
Vom Leben auch den Tod mitliebt, und ihn 

eher vertragen kann! 



INHALT DER VORIOEN NUMMER: $. Friedlaender: Zur weltlichei* Theologie — S. Friedlaender: Zwei €5e- 
dkhte — S. Friedlaender: Die bdden Bdraten — Paul Boldt: Der Duiker — Emmy Hennings: Im Kranken* 
— Mynona: Ernes Kindts HeldenUt — Ren 6 Schickele: Der Fremde — MajoriUlten — Die sterbende Oesell 
sdiaft — Dem Oedltehtnis Oeorg Heyms — Neuerscheimmgen — Max Oppenheimer: S. Friedlaender-Mynona (Zchg.) 



R 

viel GELD 



WENN SIE SICH VOR VER- 
GEBUNG IHRER AUFTRAGE 
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DIE AKTIONSDRUCKEREI 

LIEFERT ALS SPEZIALITAT 



ZEITSCHRIFTEN- 
und WERKDRUCK 





gDieggtion 

WOCHENSCHRIFT FOR POLITIK, LITERATUR, KUNST 

III. Jahr Herausgegeben von Franz Pfemfert No. 3 



I N h A LT 



Franz Pfemfert Los von Oesterreich 

P. von GQtersloh Abiturienten des Unterbewusstseins 

Kuno Kohn Der GerQhrte 

J. F Operetten 

Peter Scher Das VermSchtnis des Lyrikers 

Kurt Hiller Guter Rat 

Ernst Stadler BahnhBfe 

Rend Schickele Der Fremde 

„Heine und die Folgen“ — lnventur-Ausverkauf? — 

Philister — Mitteilung des Verlages — Literarische 
Neuerscheinungen 



Heft 20 Pfg- 



Verlag der Zeitschrift Die Aktion Berlin-Wilmersdorf 





SXe&ttton 

WOCHENSCHRIFT FOR POLITIK, LITERATUR, KUNST 



Drifter Jahrgang 


Herausgegeben von Franz Pfemfert 


15. Januar 1913 , 




J 


RmUMIak • Manuskripte, Rezensioni-, Tausch- 
lUHlUMUu. Exemplare etc. sind an den Heraui- 
geber, Berlin- Wilmeradorf, Nassauischestrasse 17 
zu seaden :: s Telephon Amt Pfalzburg Nr. 6242 
Unverlangt ManuskripL ist ROckporto beizufilgen 


Erscheint Mittwoch 


fthniuiAirtant • Mk - 2 -~ vierteljahrlich (exkl. Be- 
IWOIinemeni. atellseldl bei alien Postanstalten. 
Buchhandl. etc. Oder durch Kreuzbd. gegen Mk. 2J0 
durch den Verlag der .Aktion", Berlin-wilmersdorf, 
Nassauiscbestr. 17 :: Kommlss. 0. Brauns, Leipzig 



LOS VON OESTERREICH I 



In einem Aufsatz, den er im Januarheft der 
Neuen Rundschau drucken liess, weist Herr 
Karl Leuthner auf die Gemeingefahrlichkeit der 
Deutsch-Oesterreichischen Waffensolidaritat hin 
Mit aller Vorsicht natiirlich. Als deutscher 
Oesterreicher sozialdemokratischer Nationalist. 
Herr Karl Leuthner, der sich bescheiden zu den 
Wenigen seines Landes zahlt, so da „Urteils- 
fahige, Unbezahlte und Selbstdenkende" sind, 
bekampft (mit Recht) jene Solidaritatsgefiihle, 
welche in der wechselseitigen hemmungslosen 
Hingabe deg einen Bundesgenossen an die 
Wunsche und Plane des anderen bestehen. Er 
will nicht, dass die Preussen schiessen, sobald 
ein Wiener Reporter von richtig empfangenen 
seibischen Watschen traumt. Er hat, scharf- 
sichtig, selbstdenkerisch, unwiderlegbar festge- 
stellt, dass diese Waffenbriiderschaft eine Be- 
drohung des Friedens bedeutet. Aber er weiss 
mit der Erkenntnis nichts anzufangen, der liebe Herr 
Leuthner, oder doch nur spasshaft wenig: er 
ertraumt grauenhafte Nationalitatenprobleme, der 
internationale Sozialdemokrat bangt um sein 
osterreichisches Deutschtum. 

Dies Bangen mag berechtigt sein: wir aber 

wollen dem Bangenden nicht beispringen. Wir 
haben endlich Wertvolleres zu tun, als uns um 
nationale Riihrseligkeiten zu kiimmem. An der 
Kanonengenossenschaft Deutschland - Oesterreich 
ist gar nicht so ungeheuerlich die Unbedingt- 
heit der Hilfbereitschaft: die Kanonengenossen- 
schaft an sich ist die Gefahr! Schon zu lange 
haben wir uns tauschen lassen von diesem wider- 



natiirlichen Gebilde, schon zu lange schleppten 
wir aus Gespensterfurcht den kompromittieren- 
den Kulturballast: Los von Oesterreich! das 

wird das Signal der kommenden, nachsten 
Kampfe sein. 

Dass dieses „Los von Oesterreich!" nicht langst 
erschallte! Dass wir die Verdachtigung gedul- 
dig ertragen konnten, Gemeinschaft zu haben, 
mit einem Gemisch aus Geistlosigkeit, Stickluft, 
Diinkel und Korruption! 

Was ist uns dieses Oesterreich? was war es 
uns? was kann es uns jemals sein? Ein Hemm- 
nis unserer Entwickhmg. Eine Stiitze jeder 
Reaktion. Wenn wir den „Waffenbruder“, dieses 
Symbol des Barbarentums, wenn wir diesen 
Unwert buchen: welche Werte stehen dement- 
gegen? Welche Menschheitswerte kann 
die Geschichte auf schwarz-gelb registrieren? 

Und der „Waffenbruder“! Ist unseren liberalen 
Realpolitikern nicht unbehaglich, wenn sie an 
das Morgen denken? Heute mag der alte) Kaiser 
noch eine gewisse Friedensgarantie sein. Aber 
sobald der Protektor der „Reichspost“ ,(des 
Wiener Ahlwartblattes) unbehindert seine Han- 
dellustigkeit betatigen wird, was dann? Deutsch- 
land wird das Schwert ziehen, wenn die Rauf- 
lust eines vollig Gleiohjgiiltigen erwacht? 

Los von Oesterreich! 



Franz Pfemfert. 








71 



DIE AKTION 



72 



Glossen 

„HE1NE UND DIE FOLGEN" 

Die Grabreden, welche dem ehrlichsten alter 
Menschen, dem Dichter Heinrich Heine zu Leid 
und Lieb losgeiassen werden, nehmen nie ein 
Ende. Bei Nietzsche miissen sie gelehrt tun und 
b&ndeweises Studium pr&tendieffen, bei Heine 
kdnnen sie sich auf eine Strophe versteifen, diese 
Gladiatoren . . 

Nietzsche sagt einmal, dass keine Sprache die 
hbdisten Gedanken des Menschen ausdruckcn 
kdnne, aber er sprach doch selber, voll von 
Mitleid mit Andem und mit sich, dieser weise 
unweise Zarathustra, der ein Adler, aber nur 
ein Adler war und ausserhaib der atmosphari- 
schen Erdhulle erstarren musste. Heine sang, 
und er hatte immer seinen Text. Der Hohen- 
ganger hat selten einen neuen Ausblick gewoti- 
nen, ohne seineni Wolfgang Apollo einen 
Denksiein zu setzen; er wusste es aber kaum, 
was er unserem undefinierbaren Vogel zu ver- 
danken hatte, diesem Wundervogel ausTausend- 
undeiner Nacht, der heute kosmopolitischer Spatz 
war, morgen deutsche Nachtigali und immer 
die ohne Nest in den Luften waffenschfin klir- 
rende Lerche: Allons enfants! 

Als ich wieder Romancero las, wusste ich, dass 
es fur midi keiner verstandlicheren Sprache 
brauchte . . . 

Du, Moucbe! ich fuhle es, Du kommst zumir, 
solang ich noch sehen und fuhlen und Deine 
Tranen im Wein als die kostbarsten aller Per- 
len trinken kann, weisst Du, von was der tote 
Mann in seinem Sarg manchmal trjumt? Von 
der Kdnigin Pomare: 

Sie tanzt mich rasend, ich werde toll, 
Sprich, Weib, was ich Dir schenken soil? 

Du l&chelst. Heda! Trabanten! L&ufer. 

Man schlage ab das Haupt dem T&ufer. 

Und weil der tote Mann an sie gedacht, ist 
sie unsterblich wie Paris selber. 

Aber, Kdnigin Pomare! das ist ja bloss ein 
Glastroddelchen an dem stemhimmelgrossen 
Kronleuchter Heine'scher Dichtung, der nur 
durch die Elektrizitat des Herzens zu seiner 
Strahlenpracht entzundet werden kann. 

Was aber soli aus den armen Hanswursten wer- 
den, fragt Heine, die ich euch und mir zum 
Spass tanzen Hess? Ich mochte in einerStunde 
der Andacht mit dem Romancero zeigen, dass 
sie noch alle lebendig sind, ja dass sie tieute 
noch kriftig ubel riechen, wenn sie nur den 
Namen des Dichters horen. Das ist Heinrich 
Heine’s Unsterblichkeit, dass ihm das ganze 




Pack von Heuchlem, Sykophanten und Lakaien, 
von feierlichen Liignem und boshaften Dunun- 
kopfen nie verzeihen wird Sie wiiten heute, als 
ob er noch verwundet werden konnte, der Held, 
dessen Gebeine schon vor mehr als fiinfzig 
Jahren im Friedhof des Montmatre zu Staub 
und Asche geworden sind. 

INVENTUR-AUSVERKAUF? 

Wegen Ordensvermittlung musste sich ein fruhe- 
rer Rechtsanwalt vor der Aachener Straf- 

kammer verantworten . Er hatte unwidersprochen 
behauptet, p&pstliche Orden, so z. B. den Or- 
den zum heiligen Grabe, mit dem der Grafen- 
titel verb un den ist, fur 45 000 M., sowie russi- 
sche, griechische, rumanische, bulgarische und 
koburg-gothaische Hofpradikate vermitteln zu 
konnen. Ein Kaufmknn machie der Poiizei Mit- 

teilung, F wurde verhaftet. Bei der Verhand- 
lung behauptete der Angeklagte, papstliche und 
andere Ordensauszeichnungen besorgen zu kdn- 
nen, ebenso auch den Adelstitel, der gewohnlich 
eineinhalb Millionen Mark koste, den er aber 
urn 400 000 M. billiger Siefern konne. Ein als 
Zeuge vernommener Berliner Kriminalkommissar 
bestatigte in der Hauptsache die Angaben des 
Angeklagten, der darauf freigesprochen wurde. 

GUTER RAT 

Hulle dich in deine Windei, 

Krauche auf das Kanapee; 

Schdnhcdt ist ein fauler Schwindel, 

Kunst das Ueberflussigstee. 

Wennste was erleben konntest, 

Kannste dir *s Beschreiben sparen ; 
Poesien, Prosa, Schmonzes 
(Sta.lt Erleben) sind ja Schman?n. 

Darfste diingen weisse Leiber, 

Wozu dann ein Duplikat? 

Biste ein Zuhausebltiber, 

Nufzt dir ooch keen Surrogat! 

Kurt Hiller 

DER PH I LISTER 

Er hat die Farbe dieser Erde, ist ein Seins- 
kl uni pen, den die Wurzeln des Lebena umkrallen . 
Die ihn hassen, stossen mit dem Fuss in dieses 
Gerank, warten, dass er abbrdckelt und in die 
Weltecke fftllt, warten, dass er zerpresst wird, 
warten, dass er verzehrt wird, warten, dass 
Unkrautblumen Farbe saen . . . aber auch das 
nicht. Er sitzt auf dem archimedischen Punkte 
in der Erde, im Zentrum, er rotiert nicht mit. 

Osten und Westen ruhen in seinen Handschalen 



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DIE AKTION 



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. * . die Marsbewohner knien vor seiner Ruhe. 
Der Marsphiiister tanzt auf Bergesspitzen — 
deshalb lie ben ihn dort die Sehnsuchtigen der 
Ruhe. Sie leben in ihm ihre Ueberwindung 
. . . wir iiberwinden in ihm unser Leben. 
Jeder niochte seinen Kopf in der Hand tragen 
und den Rumpf am Boden kleben lassen. Und 
wit sie ohne ihn sleeken, hassen sie ihn und 
d t sie ihn hassen mussen, erregt er sie — diese 
Philister. Matthias. 



Rede an einen Abiturienten des 
Unterbewusstseins 

Von P. v o n Gutersloh 

Sie haben nun die Akademie des Absurden ab- 
solviert ; Sie haben (vermoge Ihrer femininen 
Unirisstechnik, wie sie vide Plastiker haben) 
das Unkorrekte korrekt ausgedriickt. Nunsollten 
Sie sich aber gegen den Zopf des RevoVutionareu 
eniporen. Auch das 1 1 legitime hat seine Moral, 
und Sie sind auf deni Wege siiii Professor zu 
werden. Ich g|aube aber, dass sogar der be- 
scheidenste Grashalm, den Sie jetzt andachtig 
inalen soil ten, mehr von der Kraft des Neuen, 
wonach Sie so grosse Sehnsucht haben, ent- 
halten wird, als Ihr automatisches Abreagieren 
von malerischen Protesten, von denen Siesichei 
nicht wissen, wogegen sie protestieren sollen. 
Und das macht Sie eben zu einem Aussensdter, 
dass wir uns einen, Ihnen beiliufigen Feind 
konstruieren mussen, um Ihre Angriffe zuwur* 
digen, dass wir selbst irgendwie unmoralisch 
werden mussen, um uns in jene Zust&nde ver- 
setzen zu konnen, deren Heuchelei Sie vielleicht 
gereizt hat. Aber es ist ein ungiinstiges Symp- 
tom, dass ein Kiinstler uns zu Entdeckungen im 
Philisterium bestimmt, uns detektiv denken lasst. 
Icli glaubte doch, seine Wirkungen lagen uber 
dem Spurs inn, oberhalb einer reflexions psycho- 
logie; das Gefuhl zu haben, als d&chten alle 
bildenden Zeitgenossen nur an mich, choldert 
mich, und hindert mich an der Objektivation; 
ich will nicht, dass die Werke mit Fingem auf 
uns deuten, sobald es naturlicher ist, dass wir, 
und mit viel reineren Fingem auf die Werke 
deuten. Sie sind zuviel Publikuni, Sie sehen zu 
viel Theater; eine einzige Geb&rde des Schau- 
spielers beschamt Sie. Sie fuhlen die Hege- 
monie des freien Menschen — Sie sind ein Ge- 
bundener — zu stark und zu deprimierend, so 
dass Sie daran gingen ihm die Technik Ihres 
Ganges, und Ihres Korpers heimlich beizubrin- 
gen, dam it Sie nicht mehr allein stehen und 



sich taglkh ans Gespott der Gamins wagen 
mtiissen. Weil das Mittelalter nicht gehen durfte, 
wohin es wollte und wie es gekonnt hatte, hat 
es sich in der Gotik getrdstet, die auch nichts 
durfte, darin alles gebunden, geknickt, ge- 
fesselt, geschraubt ist, W u rgbewegu ngen im 
Steine nachgemacht, und deren manche Gewand- 
faften ins Pomographische fallen. 

Behuien Sie uns vor einer Gotik, die uber ihren 
gewiss grossen Werten, doch nur zeigt, dass 
ihre Meister Verhinderte waren. Lassen Sie 
uns neue Menschen nicht spuren, dass es Ver- 
hinderte gibt, dass noch Gesetze und Moralen 
existieren. die auch uns belasten kdnnen ; denn 
vielleicht — und Sie k&nnen es nicht wissen 
— sind wir zufallig fret, ist zufillig unsere Be- 
gabung zu ketnen Anstdssen determiniert. Es 
ist mdglich, dass wir Formen geben, die die 
Sittlichkeit noch nicht missverstehen kann, geben 
Sie uns daher keine Gelegenheit, anarchisch 
werden zu mussen, weeken Sie durch Ihre Ge- 
breste kein Mitleid, das uns niederzdge und zu 
Polemikem machte, obwohl es oft unsere Pflicht 
ist auch fur jene Kiinstler in die Schranken zu 
treten, deren vergeblkhes Ringen nach Befrei- 
ung von ihren Psychosen den Banauaen eat- 
setzt, damit er uns bei Gelegenheit vor dem 
Entzuckai des Mobs schutze. 

Sollten Sie aber aus sich Icemen Weg zur Natur 
finden, die nichts Bezugliches zu uns mehr 
enthalten kann — oder besser gesagt, kdnnen 
Sie der Anregung aus dem Persdnlichen in uns, 
soweit es Sie tangiert, beschamt und ironisch 
macht, noch nicht k tempo entraten, so werden 
Sie Kurgast irgendwo, andern Sie Ihre ge- 
Sellschaftliche Atmosphare, die Ihre Begabung 
immer zu Schlusselromanen reizen wird, suchen 
Sie einen Verkehr, dem Sie nicht antithetisch sind 
und hoheres Beispiel, reiten Sie, tumen, baden, 

wan dem Sie, fiigen Sie dem stadtischen Erin- 
nerungskomplex die Rhythmen des wirklichen 
Wassers, des wirklichen Tieres zu, nicht die 
jener verzauberten Pferde, die unsere Autos 
treiben, noch die des sanften Wassers, worauf 
schamhafte Dampfer genau vorgeschriebene 
Flusswege ziehen mussen. Besuchen Sie die 
Operetten von heute, die uns nicht schaden kdn- 
nen. Die Operette wird Sie die Nebensachlidi- 
keit alles Stofflichen lehren und wie sichunter 
dem Titel: Genre, alles gleicfi bleibt. ob Sie 
nun Anekdoten der Oberflache gestalten oder 
Dialoge aus den hdchsten Dimensionen. Weil 
die Musik sich nicht wehren kann, zu so ziem- 
lich alien stofflichen Gerusten einzufallen, darf 
man nicht dem Librettisten alle Oewalt zu- 



3 




DIE AKTION 




schreiben, sondem sollte der Gdttlichkeit des 
Ton* nadidenken, die durch nichts komprom- 
mitiert werden kann. Und sehen Sie, das, was 
von jeher das Material, also bei Ihnen die 
Far be, koznprom i t tieren wollte, was eine direkt 
metaphysische Feindschaft gegen das Material 
hegt, ist das Stoffliche, das Genre jeder Dimen- 
sion. Nun ist das Genre aber unermudlich, 
in limner neuen und oft sehr unkenntlichen Ver- 
wandlungen immer wieder bei uns einzudrin- 
gen, und beinahe hatte es den Anschdn, als 
gewanne es bei Ihnen, durch die prophetische, 
geistige, mtellektuelle Manier, die es sich zu- 
legt, eine Art Selbstzweck, und lange hielt ich 
fur eine Art Ausnahmezustand, was doch wieder 
nur der so oft ausgetriebene Teufel des Stoff- 
lichen, die Hure der AktualitAi war. Und es 
ist bezeichnend fur Sie, dass ich, dem weit 
hdhere EinfAlle, idi m5chte sagen, Dedcengc- 
mAlde, gegen das Material einf alien, der Ver- 
suchung nicht nachgebe, sondern lieber fur 
dumm gelte, als gegen meine Ueberzeugung 
fur gescheit. 

Fur Sie liegt eben, wie fur alle Maler die Ver- 
suchung in der IntellektualitAt. Wir durfen 

nicht sehen, dass Sie die Farbe auf ifiremOrte 
auch erklaren und beweisen kdnnen, was durch 
dn paralelles Genre vielldcht geschAhe. Sie 
mussen das Gesicht, dem Sie alles verdankcn 
und das uns Ihre grdsste Verzdchnung bewies, 
im letzten Moment noch unterschlagen kdnnen; 
Sie mussen auf einen billigen Sieg uber unsere 
Skepsis verzichten temen; Sie mussen sich die 
Donut des Erwartens unseres VerstSndnisses 

gdnnen, und uns jene notwendige und schone 

Zdt des muhevollen Eindringens in Ihr Werk 
gestatten, weil sie alldn und nicht das Werk 
selbst, bildet und erwdtert. 

fch nabe auf Aepfdn Anton Faistauers, nach 
Ian gem im Kopfehaben des Bildes die Farben 
von menschlictien Antlitzen entdeckt, und auf 
einer Gdge von ihm die T6ne eines vdflig 
fllig-morastigen Wassers und die Haut eines 
Somali, der unter emem grfinen Baume, der das 
Licht kondensierte, stand. 

Das durfte aber nur mir einfallen, nicht aber 
dem Maler, der das malte. Sie jedoch tanzen 
mir meine Metaphem schon vor, olme zu 
Wissen, dass ich besser tanze, wenn auch an- 
dere Metaphern. Dadurch aber, dass Sie zuerst 
tanzten, hindem Sie mich, besser zu tanzen, 
denn ich will Sie nicht beschAmen. 

Und nur de9wegen steht heute das Theater so 
unter dem Leben. 



Weil wir Mitleid mit den geistigea Kruppeln 
haben, die Schauspider geworden sind. — 

Der Geriihrte 

Ich habe gem \erlas$en 
den lauten Ted der Stadt, 
der tausend Fratzen hat, 
die gelbe Nacht der Gassen. 

Ich schrei|;e in den weiten, 
silbrigen Hinunel ein; 
die frouimen Glieder gleiten 
tief in das sanfte Sein. 

Ich bin im weissen Leuchten 
von Wolke, Wiese, Wind. 

Bin Baum, bin Dorf, bin Kind 
Wie sich die Augen feuditen — 

Bald wird am Silberende 
der grune Abend stehn . . . 

Ich hebe seFge HAnde — 

Will ihm entgegengehn — 

Kuno Kohn (Konstanz) 

Operetten 

Ich habe mein schluchzendes MAdchen im Auto 
heimgebracht. Mag sie sich in den Schlaf 
weinen. Liebes kindlidies Herz! Deine Er- 
griffenheit ist wie die fliehende dunkle Wolke 
uber einer Fruhlingslandsdiaft: 15st sich in 
einem Trinenschauer; dann lacht gleicfa wieder 
die Sonne aus deinen Augen. Ich aber trage 
stArkere, dauemde Ruhrung, zu Fuss, den wei- 
ten Weg vom Osten nach dem Westen (Berlin W) 
nach Hause. Grosser, gewaltiger Meister der 
Operett e! Dass du „nach HOherem strebst®, 
haben dir bei jedem deiner fruheren Werke ein- 
st&unig alle iedlichen Kritiker bezeugi Dies* 
mal hast du nach dem Htohsten gelangt: hast 
es erlangt Nur neben dem Faust und dem 
Parsifal darf dieses Werk kunfdg genannt wer- 
den. Wird man ihm spAter, nach deinemTode, 
die vierzigjAhrige SchutzfriSt verlAngem? Ich 

werde es nicht erleben. Aber ich weiss: Vom 

■ 

heutigen Tage, dem der ErstaufTuhnmg, an wird 
der Streit nicht ruhen zwischen denen, die es 
(durch Ausgabe von Freikarten) zum Getnem- 
gut der Nation gemacht wissen wotlen, und 
den andem, die, in Hass und Abwehr gegen 
das profane Volk, auf voile Bezahlimg der Billets 





DIE AKTION 




Langsam, einsam, schlendemden und stockenden 
Schritts durch die Nacht. Schatteo von Melo* 
dien tauchen auf und verschwinden. Eine ist 
immer wieder da, will mir nicht aus dem Sinn 
wekhen. Morgen wird ganz Berlin daswun* 
dervolle Erldsungsmotiv aus der neuesten Ope- 
rette nachsumnien. Herrlidie Verse des Libret- 
tisten Staub — Viktor Leon und Leo Stein 
sind ubertroffen : 

Schwebet im Walzer himmelwirts an, 

Ringet Euch lo$ vom B6sen! 

Wer nie vom Weg einen Sechsschritt getan, 

Den kdnnen wir erl6sen. 

Und wie die Melodie den Worten Scnwingen 
gibt, mit ihm sich emporringt und zuletzt sich 
von ihncn losringt, frei aufstdgend! Derhehre 
Operettenkomponist l&sst selbst den geniateten 
Librettisten — Staub ist genial — weit himei 
sich. (Ein bewundemder Kritiker hat im Zwi- 
schenakt gesagt: An die9er Stelle schfittdt er 

den Staub vor seinen Ffissen.) 

Im vorigen , Winter war ich Redakteur in Wien. 
Es war bloss eine ganz kleine Redaktion. Unter 
den Kollegen war kein Operettenlibrettist. (Wir 
batten nur einen Dramatiker, der franzbsische 
Schwfinke schreibt, wie echt, und unser Musik- 
kritiker verfertigte Opemtexte aus aliens M6g- 
tichen.) Infolgedessen war ich ginzlich unbe- 
fangen, brauchte keine Rucksichten zu nehmen 
und schrieb fiber die hundertste Auffuhrung 
finer Operette, deren Librettist zwar einer be- 
freundeten Redaktion angehdrte, aber mir per* 
sdnlidi nicht bekannt war, ganz schlicht und 
ohne geschmacldose Uebertreibung: Bei diesem 
Jubil&um tonne man nur sagen „Die unbe- 
gmfiich hohen Werke sind herrlich wie am 
ersten Tag*. Der Librettist land das nicht fibel; 
sagte zu meinem Chefredakteur, ich hitte zwei- 
fetk* ein gewisses Theaterverstfindnis, undrfigte 
bloss sanft, dass ids ausser dem lyrischen und 
dem. komisdien Paar nur noch drei Darsteller 
und die ihnen von den Verfassem gewidmeten 
Oescbenke hervorgehoben, aber das Friuletn Mizzi 
Pippi zu nennen vergessen hatte. Schlimmer 
gin g es mir mit dem Komponisten. Ueberdas 
Buch, das die soziale Lage behandelie und 
(nach meiner Ueberzeugung) wenigstens ffir 
die Operetie endlkh IMe, hatte ich mancherlei 
zn sagen gewusst Bei der Musik kam ich in 
Verfcgenheit. Meinen Kollegen, den Kritiker del 
der ersten Auffuhrung, woltte ich nicht ab* 
schreiben: Er ist notarisch taub und ich ffirchtete 
sdierzhafte Anspidungen. Was ich selbst fest* 



stellen konnte, waren mannigiache Beziehungen 
dieser Operettenmusik zu Wagner und Beethoven, 
Anklange an Puccini und Leo Fall, und Re 
miniscenzen aus den fruheren eigenen Werken 
des Komponisten; wenigstens kannte ich sic 
von dort her. Aber ids besorgte, dass meine 
Reminiscenzensuche dem Meister nicht behagen 
kdnnte. Begnugte mich damns mit Allgemein- 
heiten, sprach von „slavischer Weichheit, in 
wienerischer Anmut hingegossen*, und nannte 
die Musik schliesslich ganz einfach „grazids, 
prickelnd, schwermfitig-lieblich, kunstvoll-unver- 
kfinsteit* Das wollte sich der Komponist mcnt 
gefallen lassen. Beschwerde bei meinem Chef- 
redakteur: Ich hatte ihn „unterdrucken* wollen. 
Warum hatte ich den sozialen Zug in seinem 
Vierviertdtakt, den ethiachen Schwung in seinen 
Walzem nicht erwihnt: Dinge, die einem 

Schwerhfirigen und Imbezillen auffallen mussten? 
Und uberhaupt das „Streben nach dem Hdheren?* 

Die Wiener Operette hat nidit erst seit dem 
vorigen Jahre, sondem schon lange — weil 
Johann Strauss, Suppi und, in gebfirendem Ab- 
stand zu nennen, auch MillOcker im Wiener Ge* 
dfichtnis noch zu frisch sind und weil seit der 
Offenbach-Renaissance den neuen Komponisten 
nichts mehr von ihren, d. h. seinen alten Lustig* 
keiten einfallen darf — nadt dem Hdheren ge* 
strebt. Eben jetzt merkt man's wieder bei 
Lehars Furstenlrind; alle drei Operetten Lehars 
die 1910 in Wien zuerst aufgeffihrt wurden, 
streben nads dem Hfihem. Aber wie hods 
sind wir heute schon darfiber hinaus! Walzer 
von Wagnerscher Wdse sind das wenigste, was 
wir in wahrhaft wehevollen Operetten verhusgen. 
Und das Buch sei nicht nur Idug und emst, 
sondem tief. Traurig lieb ids die heitere Muse. 
Und mein M&dchen, wenn sie in die Operette 
geht, will weinen; will sich in den Schlaf 
schludtzen. Die Operette, deren Eindruck ich 
im voraus gesdiildert habe, ist noch nicht auf* 
geffihrt, vietldcht noch nidit gesdirieben; wird 
aber sicherlkh gesdsrieben werden. Das Li* 
bretto handelt von der Vereinigung der Kant- 
schen Philosophic mit dem Buddhismus. 

J F 

Das Vermachtnis des Lyrikers 

Von Peter Scher 

Ich bin dreiuadsechzig Jahre alt, Lyriker von 
Beruf, durch Oottes Ffigung Rentier, vethdratet, 
evangelisch, vorbestraft wegen nidit rechtzeitiger 




DIE AKTION 



79 

Anmeldung eines Luxushundes. Meine Verdau- 
ung 1st geregelt, ich habe Frieden geschlossen 
mit meinem Oott und den Menschen, und so 
schaue ich denn von der Hohe eines friedevol- 
!en und — wie ich wohl sagen dar! — nicht 
unnutzen Lebens mit geruhigem Blick auf das 
manchmai, ach, nur zu heftige Gewoge der 
Umwelt nieder . * . Ja, ich habe es in meinem 
Berufe zu einigem Ansehen gebracht. Ich bin 
in Ehren grau geworden und nun, an der 
Schwelle des Greisenalters, gehegt von einer 
treusorgeuden Gattin, umspielt vo>n bluhenden 
Enkeln, drangt es mich, euch alien, dieihreuch 
in unserein aufreibenden Berufe vergeblich muht. 
der gleichen Glucksguter teilhaftig zu werden , 
mit der Preisgabe des Geheimnisses meines Er- 
folges zugleich das Mahnwort entgegenzurufen: 
Hattet unseren Beruf in Ehren! 

Ich sage euch dies alles, um darzutun, dass es 
nicht der Eitelkeit eines selbstgerechten und 
hochmutigen Herzens entspringt, wenn ichmich 
anschicke, im nachfolgenden von m einer eigenen 
geringen Person zu exempiif izieren . Es war 
dies aber, wie der geneigte Leser gar bald er- 
kennen wird, nicht wohl zu umgehen. 

Ich war ein junger feuriger Bursch, als ichvor 
nunmehr dreiundvierzig Jahren in dasGeschaft 
meines Vaters eintrat, der, ebenfalls Lyriker, lei- 
der trotz unausgesetzten brennenden Eifers in 
seinem Berufe niemals auf einen grunen Zweig 
gekommen war. Mir war dies dam als Grund 
genug zu schmerziichem Verwundern, denn die 
Verse meines Vaters dunkten mich fiber die 
Massen sch6n und wohlgeraten. Heute freilich 
ist es mir kein Geheimnis mehr, weshalb er nicht 
vorwartskommen konnte. Aber da9 steht auf 
einem anderen Blatte und wird sich des weite- 
ren von selber erklSren . 

Mein armer Vater hauchte eines Tages seine 
von bitteren Enttauschungen zerfleischte Seele 
aus, nicht ohne mir zuvor noch einen Reim auf 
Mensohheit, den ich lange vergeblich gesucht, 
in die Hand gedruckt zu haben. Da stand ich 
nun, eine Waise, mit einem Reim in der Hand 
und wilder Verzweiflung im Herzen. Wassollte 
ich beginnen? 

Aber nicht lange hielt dieser Zustand schwerer 
Niedergeschlagenheit an; es muss doch wohl 
von Anbeginn ein starker, lebensbejahender Kern 
in mir gestecfd haben. Ich kampfte also meine 
Verzweiflung mit Energie nieder, Oder richtiger 
gesagi: ich lockte sie mit Macht aus mir her- 
aus, und ehe noch die letzten Erdschollen pol- 
ter,id auf dem Sarge meines Vaters zersprun- 
gen waren, hatte ich meinen Schmerz bereits in 




80 

sechzehn vierzeilige Strophen gebandigt, die ich 
schon am nachsten Tage der Redaktion eines 
beruhmten Familienblattes einsdhickte. 

Was soil ich sagen — ich hatte mit diesem 
ersten Versuche, mich in meinem Berufe selbst- 
standig zu machen, leider kein Gifick. Indes 
liess ich mich dadurch keineswegs abschrecken, 
Ein rechter Lyriker verzagt nicht! Nicht um- 
sonst hatte mein Vater diesen Wahlspruch un- 
seres Hauses in mein empfangliches Gemut ge- 
senkt. Ich versuchte es immer und immer wie- 
der, ab es war kein Gluck dabei. Das ganze 
Missgeschick meines armen Vaters schien zu- 
gleich mit seinen ermuntemden Lehren auf mich 
iiber gegangen zu sein . 

Ach, es war eine harte Zeit und ich war der 
Verzweifhmg nahe, wobei ich es gleichwohl 
nicht unterliess, der Qua! meines zerrissenen 
Herzens in unterschiedlichen Vier-, Sechs- und 
Achtzeilem den gebiihrenden Ausdruck zu ge- 
ben; wenn ich mich recht entsiane, war auch 
eine Relhe nicht iibel gelungener Sonette dabei . 
Indes konnte mir das alles nicht viel helfen, da 
noch immer keine Redaktion sich bewogen 
fuhlte, auch nur eins meiner Gedichte in Druck 
zu bringen. Da schickte mir der Himmeljenen 
Greis, dessen giitigem Ratschlage ich mein gan- 
zes Lebensgluck verdanke. Preis und Dank sei 
ihm dafur in alle Fernen! (Ich habe seirvr 
iibrigens in dem bescheidenen Sonettenkranz ge- 
dacht, den der geneigte Leser im zweiten Band 
meiner „Stimmen der Sehnsucht" findet.) 

Es war an einem balsam ischen Morgen. Ich 
sass, die Seele von schneidendem Weh erfullt, 
auf einer Bank im Stadtpark und schickte mich 
eben an, der dreiundsiebzigsten meiner „Oden 
an die Nacht" die letzte Glattung angedeihen 
zu iassen, als der alte Herr vor mir stehen 
blieb und mich sinnend anblickte. Es dauerte 
keine Viertelstunde und ich hatte ihm, von sei- 
nem freundlichen Zuspruch ermuntert, den Kum- 
mer meines Lebens anvertraut. Er lacheltemild 
und weise. Dann forderte er mich auf, mit ihm 
zu kommen. Am Tore seines schlossartigen 
Hauses las ich einen Namen, angesichts dessen 
es mich heiss uberlief. Es war der Name un- 
seres grossen Lyrikers Otto F. Lehmann. Als 
ich, von heiligem Schauer iiberwallt, noch rat- 
ios stand, fuhlte ten seinen lachelnden Blick 
auf mich gerichtet. 

„Ja, ich binV, sprach Otto F. Lehmann 
schlicht und auf sein Besitztum deutend: rt Dies 
alles verdanke ich meiner Muse. a 

Ich war wie betaubt. Fast taumelnd folgte ich 
ihm in sein furstlich ausgestattetes Arbeitszim- 



DIE AKTION 



82 




mer. Ein Dicner nahm mir Hut und Stock ab. 
Der grosse Lyriker hiess mich setzen. Dann, 
als er sich eine Weite lSchelnd an meiner Ver- 
wirrung gewddet, sagte er freundlich: „Haben 
Sie einiges bd sich? “ 

In Hoffnung bebend und vor Wonne fast er- 
starrt, reichte ich ihm schuchtem das schlichte 
Bandchen, das ich, angefullt mit den kaum 
sechzig Gedichten der letzten Woche, stlndig 
bei mir trug. 

Er warf einen Blick hinein, stutzte, biatterte cm 
wenig, las abemials und schiittelte den Kopt 
Bei dem Hymnus „Sturmgedanken a angelangt — 
ich erkannte die Stelle an dem Fettfleck unten 

— legte er das Buch beiseitc, schlug die Hande 
zusammen und rief: ^Grundgu tiger Himmel — 
welcher Unverstand!* 

Ich erschrak in der Tiefe meines Herzens und 
wagte es nicht, zu ihm aufzusehen. Da begann 
er in mildem vSterlichem Tone: „Junger Mann, 
so geht es nicht! Ich sehe, Sie haben Anlagen 
fur unseren Beruf* — ich atmete tief auf — 
w aber die Art, wie Sie sie verwenden, dunkt 
mich wahrhaft kindlich 41 , fuhr er fort. Nach 
einer Pause stillen Nachdenkens, wahrend 
welcher sein Blick mit vaterlichem Wohlwollen 
auf mir ruble, trat er auf mich zu, legte mir 
die Hand auf die Schulter und sagte in einem 
Ton, der mir tief zu Herzen drang: „Ich bin 
ein alter Mann, der mit einem Fusse im Grabe 
steht, und fuglidi kdnnte es mir gleidigultig 
sein, wie ihr jungen Leute euch unvemunftig ge 
bhrdet. Aber es krinkt mich furwahr, sehen zu 
tntissen, wie schmihiich ihr an unserem schdnen 
Berufe handelt, indem ihr ihn nicht zu euresn 
und der Mitwelt Vorteil auszuuben wisst! Als 
ich in Ihrem Alter war, glaubte ich auch, mit 
Kraft und Feuer und wildem Dahersturmen vor- 
wartskommen zu k&men. Du lieber Himmel, 
ich war nahe am Verhungern. Eines Tages, als 
ich wieder einmal vergeblich bei einer Redaktion 
angeklopft hatte, sagte mir der Redakteur: 
ff Stimmung, Stimmung, mein lieber — das 
isfs. Anpassen, sich hineinfuhlen in die Em- 
pfindungen der Mehrheit unseres Volkes, die 
ihren treffenden Ausdruck im deutschen Familien- 
blatt fsndet. Brin gen Sie mir das, dann smd Sie 
mein Mann. 0 

Mir fiel es wie Schuppen von den Augen. Ich 
begann, aus mir herauszugehen, mich in der 
Welt, die mich umgab, umzusehen, mich ihren 
Anforderungen anzubequemen, und sehen Sie: 
bald war ich im besten Zuge. Sehen Sie hier“ 

— der Greis offnete einen Schrank, in dem, 
wohlgeordnet in Fachem, wohl an tausend Zet- 




tel lagen — „das ist das Geheimnis meines Er- 
folges*. Zur Probe entnahm er vor meinen cr- 
staunten Augen dem Schubfach „N W einen Zet- 
tel, auf dem, siuberlich untereinander geschrie- 
ben, etwa folgendes stand : Nebet (Stimmungs- 
momente: Rabe, heiseres Kr&chzen, wallende 
Schleier, femer Glockenklang, mude Seele) „oder 
da“ — er nahm ein Blatt aus dem Fache „0“: 
O s t e r n (Stimmungsmomente: Strahlenpfeil der 
Sonne, goldenes Wolkentor, Engelsstimmen, Auf- 
erstehungswonnen (s. Bronnen!). 

Mit scheuer Ehrfurcht betrachtee ich den Schrank. 
Der Greis strich liebkosend iiber die kleinen 
Zettel, dann wendete er sich zu mir und sprach 
mit fester Stimme: „Huten Sie dieses mein Ver- 
machtnis, j unger Freund, und achten Sie meine 
Lehren wohl. Ich will Sie im Interesse unseres 
geliebten Berufes und nicht zuletzt aus Zunei- 
gung zu T hnen gem unterweisen, wie Sie sich 
am besten eine ihnliche Fundgrube fur lyrisclte 
Antriebe schaffen. Und glaubea Sie es einem 
alien Manne: Sie werden auf dieser Basis rustig 
vorwartskommen So sprach Otto F. Lehmann. 
Unter Tranen heissen Dankes kusste ich die zit- 
temden H&nde meines Wohltaters. Nodi oft- 
mals bin ich sein Gast gewesen, und als er, 
betrauert von unserem ganzen Vaterlande, hoch- 
betagt von hinnen schied, hinterliess mir der 
Unvergessliche als VermSchtnis seinen Zettel - 
schrank. Er ist, wie es der Greis mir prophe- 
zeit hatte, der Grundstein meines Gluckes ge* 
worden. 

Nun stehe auch ich, ein alter Mann, an den 
Pforten des Jenseits. Es dr&ngt mich, dasVer- 
mSchtnis meines teuren Wohltaters, des grossen 
Otto F. Lehmann, in die Hande der sturmisch 
unbedachten Jugend zu legen ; Mdge sie es 
zum Segen fur unseren erhabenen Beruf und 
zum eigenen Heile zu gebrauchen wissen! 

BAHNHOEFE 

Wenn in den Gewdlben abendlich die blauen 

Kugelschalen 

Aufdammern , glanzt ihr Licht in die Nacht hin- 

uber gleich dem Feuer von Signalen. 
Wie Lichtoasen ruhen in der stahlemen Hut die 

geschwungnen Hallen 

Und warien. Und dann sind sie mit einem 

Mai von Abenteuer uberf alien, 
Und alle erzne Kraft ist in ihren riesigen Leib 

verstaut 

Und der wilde Atom der Maschine, die wie ein 
Tier auf der Flucht stifle steht und um 

sich sdiaut, 



it 



DIE AKTION 84 



Und es ist, als ob sich das Schicksal vieler 
hundert Menschen in ihr erzittemdes Bett 

ergossen hatte, 

Und die Luft ist kriegerisch erfullt von den 
Bailaden sudlidier Meere und griiner 

Kiisten und der grossen Stadte. 

Und dann ziebt das Wonder weiter. Undschon 
ist wieder Stille und Licht wie ein Stem- 

himmel aufgegangen, 

Aber noch lange halten die aufgeschreckten 
Wande, wie Muscheln Meergeton, die 
verklingende Musik eines wilden Aben- 

teuers gefangen. 



Der Fremde 

Von Rene Schickele 

(II Fortsetznng) 



Der growe Pan der Reiseit und die Vox angelica 
N&ter Orgel: der D-Zug. 

Zweimal des Tages, am Morgen und am Abend, 
iuhr der Gewaltige durchs Tal. Paul hatte nie 
vergessen, ihn zu grussen, auf seiner Fahrt nach 
Oaten, auf seiner Fahrt nachWesten. Die Berg- 
winde widerhallten, wenn er vorbeiiuhr. Das 
Gras auf dem Damm und die Blumen beugten 
sich tief, die Baume rauschten. Eine Majestat 
zog unier dem tosenden Beifall der Berge und 
Taler, unter Trommel wirbel und Viktoriarufen 
voruber. 

Das Echo roilte nach, und die Feier war been- 
det. Die heidnisdie Bevolkerung der Berge stand 
in zerstreuten Gruppen umber und wartete auf 
den Abend; dann kam der Gewaltige wieder, 
wie er jetzt kam, da Paul Merkel im Triumph 
sein Tal verliess. Auf dem Rande des Stein- 
bruchs hockten einige Nymphen und beugten 
sich weit vor. Sie starrten auf eine schwarze 
Oeffnung, die sich in den Berg hineinbohrte. 
Und hier standee mit gespreizten Beinen und 
die Hande auf dem Rucken vier oder funfSatyre, 
in den Anblick des iinsteren Lochs versunken. . 
Pldtzlich fiel ein gelber Schein auf ihr braun- 
zottiges Fell, sie taten einen wilden Bockssprung 
auf die Seite und kletterten schreiend den Ab- 
hang hinauf. Die Nymphen schnellten in die 
Hdhe* Die Nymphen warfen die Arme in die 
Luft, sie erfuliten den Wald und das Tal mit 
ihren heidnischen Rufen. Und es kam von Qber- 
all herbeigestrdtnt, es kletterte und purzelte und 
tief an alien Orten Viktoria schrien sie, 
schlugen an die Baume und rotlten grosse 




Felsen die Steinbruche hinunter. Die Kentaures 
siampften den Boden Viktoria brultien sie fiber 
die nachsten Berge hinuber. 

Paul lehnte mit halbgeschlosseneo Augeo im 
Polster und sab auf den mondbeschknenen 
Bergen alle die frdhlichen Geschdpfe sich regen, 
sie dringten einander an den Abhangen und 
auf den Hdhen, die er so gut kannte, und 
winkten ihm zu und entl lessen ihn jubdnd in 
die Welt der Stadte und der Menschen. 

„ Viktoria", h6rte er den tiefen Bass der Ken- 
tauren. Die Nymphen aber — wie ihre Augen 
blitzten ! — hoben sich auf den Fussspitzen. 
Sie streckten ihre mondweissen Kbrper und 
riefen ihm durch die hohlen H&nde zu: »Fare 
well, my darling, fare well!" Liessen die H&nde 
sinken und traten in den Schatten der Bitsme 
zuruck. 

Paul war glucklich und stolz, voll eines ver- 
wegenen Gleichmufs. Er war frei! Er fuhlte 
eine Menge unbestimmter Hindemisse, die er 
besiegte, Kampf und Geschrei, er stkg empor, 
er wusste nicht wie. Die Vox angelica t5nte 
wie ein Aufruhr. Ganze Himmel von Stemen 
eilten in einer leuchtenden Wanderschaft uber 
ihn hinweg. 

Ueber die Szenen seiner Jugend zog die Nacht 
herauf. Das Lied des Landes, das in der Luft 
urn ihn herum lebte, die wilde Marseillaise war 
ein Wiegenlied, dessen feurige Farben im Abend 
dunkelten und wie die alten Glasfensier in den 
Kirchen wurden. Das Bild eines Glucks, das 
mit tiefen Tdnen durch die halbgcschlossenen 
Augenlider schimmert . . Es enthielt das atte 
mutige Leben der Vorfahren, ihre Stimme, Ihren 
Ruhm, ihre Niederlagen, die laute Sprache und 
das Verstummen ihres Blutes — ihr ganzes 
warmes, leuchtendes Leben. 

Die Sonne der Viter schied von den Bergen der 
Heimat. Ihr letzter Strahl ^litt uber das 
tragische Gesicht seiner Mutter. 

ENDE DES ERSTEN BUCHES 

Zweites Buck: Zerreissende Bohime 

I. 

Paul war mit der uberspannten Vorstellung nach 
Paris gekommen, dass Frankreich die Republik 
und das fortschrittlkhste Land der Erde sei, die 
vorbildliche Nation, — frei sei e$ und das Volk 
sein eigener Herr, und so schien die erste Bedin- 
gung fur einen neuen, gewaltigen Fortschritt 
der Menschheit gegeben. Er wandte rich der 
Partei zu, die ihm die radikalste schien. Aber 
im Augenblicke, da er sich mit ganzetn Herzen 



DIE AKTION 





dem Sozialismus naherte, machte cr die Bekannt- 
schaft Yvan Tartrea; der versuchte, ihn fur den 
Anarchism us anzuwerben. Am Anarchismus zog 
Paul wiederum die entschiedenere Oesinnung an. 
Trotzdem fra t er als Volont&r in die Redaktton 
einer sozialistischen Zeitung ein. 

Im Hbrigen liess er sich widerstandslos von 
Paris verzaubern. Er verier alle Unschuld. Er 
wollte sich den Menschen hingeben, grenzenlos, 
er wollte sie grenzenlos beherrschen. Beides ge- 
lang ihm bei der und jenem. Er verschwendete 
sich tausendfach, stiindlich und bei jedem. Bis 
er mit leeren Handen allein vor seinem Spiegel - 
bild stand. Aber die grosse Stadt hulite ihn in 
einen Damp! von Licht und Far ben, von Lie- 
dem, Lachen und Musik, er versank in einen 
goldenen Nebel, worin Frauen schritten, die 
sich wie Tiere mustem und nehmen liessen, und 
andere, unnahbare, denen man zittemden Her- 
zens nachging, bis sie einem Mann begegneten, 
vor dem ihr strenges Gesicht in lauter Lust 
zerfiel. Das war, als ob ihre Kleider mit einem- 
mat zu Boden sanken. Ge&hminkte und blasse 
Gesichter unter bunten Huten glitten voruber, 
stifle Prinzessinnen, Traurige, Entt&uschte, und 
in diesem wunderbaren Reigen hielt auch er 
irgend eine Hand, druckte sie und liess sie 
fallen, weil sich eine andere ihm anbot. 

An einem Mirztag, als der Fruhling in den 
file im Buhnenlicht ihr wustes Leben vergessen 
fur ihn nicht anders waren als die Schau- 
Menschen, Wagen und Pferden mitriss und am 
Abend die ganze Welt in Wollust ermatten liess, 
an einem sonnigen Marztag kam Malva Brauer 
mit ihrer Mutter, die Witwe geworden war, 
nach Paris, und Paul liebte sie, wie ein Re- 
konvaleszent den Fruhling liebt. Sie dankte es 
ihm, Jndem sie sich von Mu'ter und Binder und 
ten Verwandten zuruckzog und nur noth fur 
ihn lebte. Er fGhrte sie in Theater und Vari&fe, 
und er war glucklich, weil die Gestalten, denen 
er gefolgt war, um die er gekampft und ge- 
litten, und solche, die er gekauft hatte, nunmehr 
liessen. Er fcannte sie nicht und durfte entzuckt 
sein, ohne dafur bussen zu mussen. 

Als er auch Malva zu entgleiten begann, machte 
er $ie mit seinen Freunden bekannt und liess sie 
an seinem alltag] ichen Verfcehr teilnehmen. 
Manchmal wunschte er, dass sie ihm untreu 
beugte sich zu Paul, . . . nein, ich bitte Sie 
nehmen zu durfrii. 

darum, bei Ihnen die Stel'e Ihrer Mutter rin- 
wie ein Besesaener; und dann lief er, verzerrt 
die Strassen Zabems. Als er am Abend nach 
gemacht. Gottes Wege sind wunderbar. 



II 



In den Sommerferien reiste Paul nach Hause. 
Er sehnte sich nach Frau Yvonne. Er wollte 
seine Angelegenheiten mil ihr besprechen. Nie- 
mand war so gutig wie sie. 

Er h&tte sie beinahe nicht wiedererkannt, so sehr 
war sie abgemagert. Ihre Haare waren grau, 
und sie sah ihn an, als ob er ein Gespenst 
wtre. 

Endlich sagte sie: 

— Wie du aussiehst! 

Sie bedeckte das Geeicht mit den Handen und 
ging schnell aus dem Zimmer. Sie stiess sich 
an den Mobeln und prallte heftig gegen die 
Tur. Sie vergass, die Tut hinter sich zu 
schliessen, und Paul hdrte, wie andere Ttiren 
geoffnet wurden, immer entfemter. Ein Dienst- 
madchen sah herein, knixte und schloss die Tur. 
Nach einer Stunde kam ein weisshaariger 
Pries ter. Er hatte Paul die ersie Kommunion 
gereichl Sie sprachen einige Worte, und Paul 
setzte sich in einen Sessel, dem Priesfer gegen - 
uber. Sie sahen einander an. 

— Wenn Sie wollen, flusterte der Grets, under 
Als er wieder das Wort nahm, geschah es 
Paul sah ihm mit kaltem Erstaunen in die 
Augen, worauf der Priester seine Rede abbrach. 
ruhig, geschaftsmassig. P^uf erfuhr, dass er 
nocb uber einige tausend Mark zu verfugen 
habe, die indes genugten, damit er seine Shidien 
beenden kdnnte. Vorausgesetzt, dass Paul cin 
besonnenes Leben beginne. 

Paul sprang auf und rief nach seiner Mutter. 
Er riss alle Turen im Hause auf und suchtesie. 
Ein Dienstmadchen, das er unter Drohungen 
schutfelte und an die Wand druckte, schwor, 
Frau Yvonne sei vor einer Stunde ausgegangen . 
Paul lief in den Salon zuruck, mit der festen 
Absicht, den Priester zu schlagen. Aber derer- 
griff schnell seine Hande und rief: 

— J unger Mann! Das, was Ihnen jetzt unbe- 
Hau-e kam, war seine Muter noch nicht zttruck- 
gekehrt. Aber der Priester sass da, genaii wie 
Paul ihn vor drei Stunden verlassen hatte, und 
las in seinem Brevier. 

von der Anstrengung nicht zu weinen, durch 
spiderinnen und TSnzerinnen, deren blasse Pro- 
noch immer liebte. 

wurde. Aber dann fiihlte er, wie sehr er sie 
de Boulogne ergoss, wimmelnde Mengen von 
Biumen der grossen Boulevards aufsch&umte 
und sich in giitzemden Wogen bis in denBois 
greiflich scheint, haben wit alle einmal durch- 
Er liess Paul erschreckt los. Denn Paul lachte 






DIE AKTION 



88 



87 



Der Greis war gut. Er brachte Paul an den 
Zug und blieb an der Tur stehen, bis der 
Wagen sich in Bewegung setzte. 

111 . 

Der Dichter Ivan Tartre war eine schmale Ge- 
stalt, die schlotternd den Boulevard hinaufzog 
und mit einer hohen Stimme auf Paul Merkel 
einsprach. Der Hunger und die Nachtwacheu 
hatten die sanften Zuge des Gesichls ein wenig 
gescharft, aber trotz des unbandigen Haarwuch- 
ses, der das Gesicht auffrass, waren die Augen 
Ii inter den Glasern des schiefen Zwickers gro6se, 
grauWaue Knaben augen. 

Was zum Teufel halt dich denn im Quartier 
zurtick! Das linke Ufer 1st eine langweilige 
Siunpfgegend. Die Herren Studenten tragen jetzt 
Zylinder und streicheln mit ihrem schonsten Voll- 
bart den Siegelring einer weissen Rechten, die 
sie auf einen kostbarert Stock gelegt haben. So 
sitzen sie an den Tischen und unterhalten sich 
wie Madchen handler. Sie haben nicht etwa mehr 
Geld als ihre Vorganger, sie hochstapeln; sind 
nicht im geringsten harmlos, aber hervorragend 
praktisch, d : e geborenen Volksfiihrer. Schnauzen! 
Sag mir doch, weshalb du nicht zu uns her- 
aufziehst! Hier oben hattest du Ruhe. Der 
Chat Noir ist eine Opiumoase, die suggestive 
Travestie unverbindlicher Gliicksfalle. Pierrot 
ist ein Held und Columbine eine Weise. Hier 
gibts Romanzen, die so vorgetragen werden, dass 
ihre Naivitat nicht verletzt und man mitlAnstand 
dazu naumen kann. Wir verschlafen die schuf- 
tigen Staatsaktionen dieser Zeit. Die Stimme der 
Makler, die vor der Schandborse unserer Repu- 
blik drohnt, versagt hier! Ist es so, Oder ist 
es nicht so? 

Paul Merkel schien verlegen. 

* 

— Gewiss, zweifellos, aber du musst wissen. 
Der Dichter stiess seinen Knotenstock aufs 
Pflaster: 

— Namlich, es ist so. Und jetzt warden wir 
etwas trinken. 

Sie traten unter das Zelt sines Bouievardrestau- 
rants. Tartre stellte sich vor die Tiir und ri*M 
hinein: 

— Tartre ist hier, mit einem Freund. Bringeu 
Sie Wein und einen grossen Siphon. Es ist lin- 
den Durst. 

Er setzte sich neben Merkel. 

— So, jetzt konnen wir fortfahren. Wo standen 
wir gleich? Aha. Ich verglich das Quartier. 
dieses privilegiertc Gestiit zukiinftiger Abgeord- 
neten und Akademiker, mit Montmartre, der 



Hochburg der Unbekiimmertheit, wo der poe- 

tische Fliigel des Anarchismus seinen Sitz hat. 

Ich fragte dich, weshalb du nicht auswanderst. 

Kennst du Salis? Salis ist ein Narr. Aber wenn 

er auf einem andern Piatz stsnde — bei alien 

Erzengeln, er wiirde einen Staatsstreich ver- 

suchen. Ich bin sogar iiberzeugt, dass er hm 

gelange. Er ist ein guter Komodiant, iibermutig 

und stampft Schlagworte wie eine Maschinc. 

Mehr gehort nicht dazu. Und als Unternehmer 

des Chat Noir ist er tiichtiger als unscr 

Minister des Innern, daruber ist gar nicht zu 

streitea. Es ist so. Du wirst hier oben die Po- 

litik der gebenedeiten dritten Republik gewisscu- 

hafter und vor alien Dingen mit mehr Ver- 

g mi gen studieren als im Quartier, wo man da- 
rauf sieht, dass die Komodie mit ernsthafter 

Miene gespielt wird. Urn den Rekruten zu im- 
ponieren. Diese politisierenden Friseure sind 
wahrhaft die Sohne ihrer Vater. Sieh sie dir 
doch an, die Stiitzen der Republik. Trager 
idealer Bauche, talentloser als die Haustiere. 
Denn sie haben nicht einm&l die Fahigkeit, sich 
ehxlich in ihren Ideal zustand zu versenken und 
das Rasonnieren aufzugeben. Nein, sie schwel- 
gen vielmehr in allerhand Spekulationen, wie 
fie als Propos von Trodlern und Pfandleihern 
in den diimmsten Witzblattern heimisch sind. 
Vielleicht hast du schon bemerkt, wie schwer es 
fallt, solche Witze nicht fur tiefsinnigen Ernst 
zu nehmen. Dieses mittelmassige Gesindel der 
w Majorilat“ optiert far den Himmel aller biirgtr- 
lichen Tugenden, insofern die Bedingungen 
nicht die Mastkur beeintrachtigen, der sie sich 
mit einem Fanatismus unterziehen, als gatte es, 
eine patriotische Pflicht auszuiiben, oder als 
handelten sie auf Befehl des Allerhochsten und 
befanden sich auf dem Marsch uach dem heiligen 
Grabe. Die Chinesen gebrauchen als Gradmesser 
ihrer Noblesse Pferdeschwanze, nicht wahr? 
Na, und daruber erheitert sich nun das Pack! 
Bei uns gibt es noch immer symmetrisch ge- 
formte MetaKstiicke, die man sich irgendwo an 
den Leib heftet. Immerhin hat sich in unserein 
demokratischen Zeitalter, wo mil.ionenschwere 
Rentner jede offentliche Rede init einem „Wir 
kleinen Leute" oder gar „Wir Arbeiter** zu er- 
offnen pflegen, das Standesbewusstsein mehr und 
mehr in die Faltenserien des Kinns zuruckge- 
zogen . . . 

Tartre sprang mit blutrotem Kopf auf und war 
mit einem Satz an der Tur des Restaurants. 

Er brulite: 

— Ja, Herrgott, bekommen wir denn nichts zu 
trinken?! Ich spreche hier draussen schon eine 



89 



DIE AKTION 




halbe Stunde mi t lauter Stinune und werdemich MiTTEILUNO DES VERLAOES 



gleich heiser geredet haben - . . 

( Fortsetzung folgt.) 



NEUERSCHEINUNGEN 



KURT TUCHOLSKY, Rheinsberg, ein BMderbuch fur 
V erliebte nut Bildern von Kurt Szafranski. Band 3 
der Orplkibiicher. Axel Juncker Verlag. 

Die Herren Tucholsky und Szafranski schufen in die* 
sen* zarllichen Birch lein kauni cine Menschensache. Sie 



enizBndelen kein die Epiderms durchfahrendes Lichi, 
hrannten kein Incitement fur Geistes-Nerven. Doch sie 
schildern erne episodische Begebenheit mit all der 
Leichtigkeii und schwebenden Konlureniosigkeit, die 
z&rtliche Sommerra usche in uns erzeugen. In gewahl- 
ler Sprache und kultivierieu Bittern. Ein Bdchlein t 
das auch der Literat freundlich lachelnd wie die 
Sftesigkeit des Maraschino schiiirft, ohne nachtr&glich 
von Bedenken befallen zu werden. R. Kay. 

OTTG RUNG. Die Gehermkammer. Roman. (Literar. 

Anstalt Riitten & Loening, Frankfurt a. M.) Geh. 

3,50 Mark. 

Otto Rung stellt in diesem Roman den isolierenden 
Einfluss der grossen Stadt dar, die die Menschen 
ausseritch einander nahe bringt, inner lich aber etna ri- 
der entfernt und entfremdet. Der gegenseitige Verkehr 
hat eine breitere Oberflache gewonnen, aber er hat 
seine Tiefe eingebusst: statt der Seelen beriihren sich 
berufbche oder gesells chaff liche Interessen. Das we- 
senflkhe Gemiitsleben birgt sich in verschlossenen Ge* 
heimkammern, zu denen keitiem, auch nich dem in 
Liebe vertrauten Menschen, der Zugang gewihrt ist. 
Es ist ein lesenswertes ehrliches Buch. 



BJOERNSTJERNE BJOERNSON, Briefe. Lehr- und 
Wanderjahre. * Herausgegeben und eingeleitet von 
Halvdan Koht unter Mitwirkung von Julius Elias 
fur die deutsche Ueberragung. (S. Fischer, Verlag. 
Berlin.) Geheftet 5 Mart, in Leinen 6 Mark. 

Aus dem h inter lassenen Briefschatz Bjdrnstjerne Bjdm- 
sons. der sozusagen ein Teil seines literarischen und 
kmistlerischen Lebenswerkes ist, ist eben ein erster, 
in sich abgesdilossener Teil erschienen. Das Buch 
umspannt bn wesentlichen Bjornsons Lehr- und Wan- 
derjahre (1857 bis 1870) und bereitet einerseits Kir 
die Biographie, ftir die charakteristische Darstellung 
des Menschen Bjornson eine neue Gr und l age; anderer- 
seils wird dieser Band ein Dokument der Zeit sein, 
der Bjdrnson wurzelte, und zwar nicht nur in 
lalional-norwegischer Beziehung, sondem auch-in einem 
Kosmopolitrschen Sinne. Auch auf Ibsens Werdejahre 
fallcr Lich ter. Deutsches Geistesleben spielt hmein, 

zunial eine bedeutsame Kleistvcrehrung. Die Genesis 
der Bj5rnson9Chen Erzahlungskunst wird klargelegt 
und sein Verhaltnis zum Theater historisch begrUndet. 



ZEITSCHRIFTENSCHAU 

PAN. Nr. 15 enhalf: Alfred Kerr: Platens Grab, 

'Meter-Grate, Ist Hauptmann Sozialist; Ludwig Hat- 
vany: Das Interessante; Gottfried Benn: Verse; El 
Hor: Der Mfirder u. a. 

..NEUE RUNDSCHAU" (S. Fischer, Verlag, Berlin). 
Das Januarheft bringt einen kurzen Aufruf auf Otto 

Otto Brahm von S. Fischer (Brahm hat diese Zeit- 
schrih seinerzeit als Freie Biihne gegrtindet), ihm 
folg: ein Aufsatz des anglischen Schriftstellers H. G. 
Wells „Der Sozialismus und die Mittelklassen". Dar- 
auj beginnf Hermann Stehr seinen Roman: „Ge- 

schichten aus dem Mandelhause". Julius 'Meier- 

Graefe schreibt iiber das Museum. Jakob Wasser- 

niann verdffenflicht seine neuesfe Novelte: „Lukardis u . 
die in den Kreisen russischer Revolutionare spielt. 
Oskar Bie fasst die Opern von Mozart zusammen 
— t vom Don Juan bis zur Zauberfftte. Moritz 

Heimann legt den Unfug der Kinotheater test. Robert 
Musil bringt eine kurze Betrachtung iiber die Lite- 
ratur von Dramen. Junius schreibt seine politische 
Chronik, und eine Reihe kte’nerer Anmerkungen iiber 
akfuelte Ereignisse und Bilcher beschliessen das Heft. 



Die zweite Januar-Nummer 1913 erschien als 
LYRISCHE ANTHOLOO IE 
Sie ist dem Gedachtnis Georg Hey ms gewidmet 
und enthait: Beitrage von Hans Baas, Ernst 
Balcke, Gottfried Benn, Alexander Bessmertny, 
Ernst Biass, Paul Boldt, Max Brod, Arthur 
Drey, S. Friedlaender, Reinhold Fruhling, Max 
Herrmann (Neisse), Georg Heym, Kurt Hiller, 
Jakob van Hoddis, E. F. Hoffmann, Rudolf 
Kayser, Alfred Kerr, Willy Kusters, Alfred 
Lichtenstein (Wilmersdorf), Leo Matthias, Paul 
Mayer (Bonn), Alfred Richard Meyer, Erich 
Miihsam, Richard Oehring, Erich Oesterheld, 
Anselm Ruest, Rene Schickele, Mario Spiro, 
Ernst Stadier (Brussel), Hellmuth Wetzel, Alfred 
Wolfenstein. 



Diese Sondernummer, die bald vergriffen sein 
diirfte, kostet im F.inzelverkauf 

50 PFENNIG 

Neu hinzutretenden Abonnenten wird sie ohne 
Erhohung des Abonnement gratis nachgeliefert. 

Die LYRISCHE ANTHOLOGIE bietet eine 
giinstige Gelegenheit, unserm B latte neue Kampf- 
genossen zu gewinnen! 

An die Arbeit, Freunde! dieser Ruf kann nicht 
haufig genug erschallen. Fordert vom Verlage 
Propagandamaterial, sendet personlich den Be- 
kannten Probenummern. An die Arbeit! damit 
die Stosskraft der AKTION wadise. 

EINLADUNG 

Die Zeitschrift DIE AKTION veranstaltet am 
Dienstag, den 4. Februar 1913 in den Johann 
Georg Festsalen, Berlin W., Johann Georg- 
strasse 19, ein Kostumfest unter dem Titel 

REVOLUTIONSB ALL 

Man erscheine im Kostum der Revolutionen von 
1789 — 1989. Wei reaktionar genug ist, in Ball- 
toilette zu kommen, wird vom Direktorium zu einer 
Konventionalstrafe von M. 1, — Fur einezwangs- 
weise aufzusetzende Jakobinennutze verurteilt . 
Das Ballkomitee bilden: Gertrud Eysoldi, Else 
Berna, Dr. Franz Blei, Rene Schickele, Max 
Oppenheimer. 

Ratschlage in Kostiimfragen erteilt der Ball- 
ausschuss taglich zwischen 5 und 7 Uhr im 
Atelier des Malers Max Oppenheimer, W. 15, 
Joachimsthalerstrasse 10. 

Eintrittskarten zum Preise von Mk. 5,— sind 
erhaltlich; Kaufhaus des Westens; Theaterkasse 
im Cafe Josty, Potsdamerplatz; Buchhandlung 
Edmund Meyer, Potscfamerstrasse 26. Buch laden 
Ku rfu rstendamms . 



91 DIE A K T I O N 92 




ein zartes, reines 6eficbt, rofiges, jugendfrifdbes Huafeben, weiBe, lammetweitbe fiaut und 
blendendlcbonen €cint? Riles dies bewirkt nur die allein edbte 



Stcckcnpfcrt>=£IHcnm»lcI|=Saifc 

% Bergmann Sf Co., Radcbeul. & St SO Pf. in alien Hpotbehcn, Drogerten u. parRhneHen. 




gftgmon 

WOCHENSCHRIFT FOR POLITIK, LITERATUR, KUNST 
III. JAHR HERAUSGEGEBEN VON FRANZ PFEMFERT NR. 4 



l N HALT 



Franz Pfemfert Wetterles Rechtfertigung 

G. Fuchs Der Politiker Haussmann 

Rudolf Leonhard Ueber den Tanz 

Marie Holzer Vom Wesen der Krilik 

Paul Boldt Capriccio 

Rudolf Kayser Nachl-Seufzer 

A. R. & F. P. Julius Meyer-Graefe 

Paul Mayer Knaben im Fruhling 

Johannes Lang Der Kanal 

Rene Schickele Der Fremde 



Drei Nachrichfen von Emanuel — Der Freigeist — 
Die Freie Studentenschaft — Zeitschriftenschau. 



Heft 20 Pfg. 



Verlag der Zeitschrift Die Aktion Berlin-Wilmersdorf 










Die Zeitschrift DIE AKTION veranstaltet am 
Dienstag, den 4. Februar 1913 in den Johann 
Georg Festsalen, Berlin W., Johann Georg- 
strasse 19, ein Kosturafest unter dem Titel 

REVOLUTIONSB ALL 

Man erscheine im Kostum der Revolutionen von 
1789—1989. Wer reaktionar genug ist, in Ball- 
toilette zu kommen, wird vom Direktorium zu einer 
Konventionalstrafe von M. 1,— fur einezwangs- 
weise aufzusetzende Jakobinermutze verurteilt. 
Das Balikomitee bilden: Gertrud Eysoldt, Else 
Berna, Dr. Franz Blei, Rene Schickele, Max 
Oppenheimer. 

Ratschlage in Kostumfragen erteilt der Ball- 
ausschuss taglich zwischen 5 und 7 Uhr im 
Atelier des Malers Max Oppenheimer, W. 15, 
Joachimsthalerstrasse 10. 

Eintrittskarten zum Preise von Mk. 5, — sind 
erhaltlich: Kaufhaus des Westens; Theaterkasse 
im Cafe Josty, Potsdamerplatz; Buchhandlung 
Edmund Meyer, Potsdamerstrasse 26. Buchiaden 
Kurfiirstendamm 




SifeMtion 

WOCHENSCHRIFT FOR POLITIK, LITERATUR, KUNST 

riTjflHRGANG | HERAUSGEGEBEN VON FRANZ PFEMFERT [ 22. JANUAR 1913 1 



ir\n - Manuskripte, Rezensions-, Tausch- 
rvcUQM I ill I - Exemplarc etc. aind an den Heraus- 
gt-ber, Berlin- Wilmersdorf, Naussauische Strasse 17 
zu aenden :: :: Tclephon Amt Pfalzburg Nr. 6242 
L’nverlangten Manuakripten ist Ruckporto beizufugen 



Erscheint Mittwoch 



AKnnnomon). Mk. 2 — vierteljlhrL (excl Be- 
ADOnnemem . stellgeld)bei alien Postanstalt., 
Buchhandlungen etc. Oder durch Kreuiband gegen Mk. 
2.50 durch den Verlagder, t Aklion", Berlin-Wilmersdorl, 
Nassauisehestr. 17 :: Kommissionar Oust. Brauns, Leipzig 



WETTERLES rechtfertigung 



In der Reichstagssitzung vom 16. Januar 1913 
hat mein personlicher Freund, Herr Dr. Haegy, 
auf Angriffe, die gegen mich erhoben worden 
sind, geantwortet. Ich will hier, an einer neu- 
iralen Stelle, auf diese Autwort antworten. 
Herr Dr. Haegy hat es fur richtig gehalten, 
mein Verhalten in Frankreich umzudeuten, urn 
es dann zu verteidiger.. Mein lieber Freund tat 
dies natiirlich in edelster Absicht, zweifellos 
glaubte er mix zu dienen, indem er meinen 
Reden eine harmlose Tendenz nachsagte. 
Dennoch kann ich diese Art der Verteidigung 
keineswegs gutheissen! Ich will der gemiitliche 
Konzertredner nicht sein, den Herr Dr. Haegy 
aus mir zu machen sucht. Ich wiirde ein er- 
barmlicher Kerl sein, wollte ich, umheult von 
den Zeitungsschreibern, heute verleugnen, was 
ich gestern nach klarer Ueberlegung fur richtig 
hielt. 

Ja, dreimal ja! der Wortlaut meiner Reden 
ist vollig identisch mit dem Text, der im 
,, Matin” zu lesen war. Ja, ich habe wirklich 
die Ungeheuerlichkeit gewagt, auszusprechen, 
was ich und alle guten Elsasser denken und 
fiihlen. Das stiinmt. Und ich wiederhole, was 
ich im elsass-lothringischen Landtag gesagt: 
ich nehme nicht ein Wort zuriick! Doch nur 
geschaftsdeutsche liberale und konservative Zei- 
tungen (sie haben sich gefunden, die „Post” 
und das „Berliner Tageblatt"), nur kulturfremde 
Schachergeister konnen den Mut aufbringen, 
mir „hochverraterische“ Agitation nachzusagen. 
Es miissen schon recht hirnlose Schreiber sein, die 
der Gutglaubigkeit die Liige servieren, ich 



hatte etwa als kriegslustiger ,,Franzosling” ge- 
sprochen. Ich habe meine Liebe zu Frankreich 
betont. Ja, ich liebe dieses Land, liebe Frank- 
reich als den Begriff des Freien, Wahren, 
Schonen. Ich liebe Frankreich, wie es der 
deutscheste Dichter, Heine, geliebt hat! Frank- 
reich . . . das heisst Kulturmoglichkeit, Geist, 
Menschheitsgipfel. Frankreich! . . . nur,, Mutter” 
kann noch diesen Klang haben! Und diese hei- 
lige Liebe soil ich verleugnen, wed arme Sold- 
ner, welche die beriihmte „Oeffentliche Mei- 
nung“ bedeuten mochten, mich beschimpfen? 
Nichts da! Mein lieber Dr. Haegy mag von 
mir abrucken, wie andere „Taktiker” demon- 
strativ von mir abgeriickt sind, von „Partei- 
wegen”; ich weiss, dass ich nur aussprach, 
was auch sie, soweit sie gute Elsasser sind, 
fiihlen. 

Ich liebe Frankreich! Verstosst dieses Gefiihl 
gegen das preussisch-deutsche Strafgesetz, dann 
kann ich dieses Strafgesetz nur bedauern. Dann 
aber ist meine Liebe nur noch berechtigter! 
Oder muss der deutsche Staatsbiirger etwa sein 
Innenleben, seine heilige Sehnsucht einsargeu, 
weil einigen altpreussischen Junkern dafiir das 
Organ fehlt? Weil der Reporterverstand „libe- 
raler“ Presseleutchen nicht mitkann? 

Nein, Bierkonsumenten, so haben wir nicht ge- 
wettet. Ich bin nur zuriickgekehrt, um eure 
Verleumdungen zu entlarven. Jetzt will ich 
durch die deutschen Lande reisen, will den 
deutschen Burger von einem Wahn zu befreien 
suchen! Ich werde dem deuischen Mann klar- 
machen, dass der Erbfeind nur ein Hirngespinst 










103 



DIE AKTION 



ist, geschaffen von egoistischen Scharfmachern 
und denkfaulen Philistern. 

Ich werde hier fortzuffihren suchen, was ich in 
Frankreich begann: hinwegzuraumen die Gegen- 
s£tze, die Aberglaube und Heimtiicke erf unden 
haben, um tichthungrige Menschen, Brfider, zu 
t rennen ! 

Glossen 

DREI NACHRICHTEN 

Das Experiment. Zwei bqkannte 
pubiizistische Personlichkeiten haben sich ge- 
meinsam zu einem eigenartigen Experiment ent- 
schlossen: Maximilian Harden tiber- 

nimmt die Herausgabe der Wiener „Fackel“ — 
Karl Kraus leitet die Berliner „Zukunft 4 . 
Jene Abonnenten, die sich wahrend des Expe- 
riments veranlasst sehen sollien, abzuspringen, 
werden jeweils dem gegnerfschen Organ uber- 
wiesen. 

Da beide Kontrahenten auch als Vertragskunst- 
ler tatig sind, erfolgt gleichzeitig ein R e p e r - 
t o i r - A u s t a u s ch. 

Jener Teil des Publikums, der sich nach den 
Vortragen veranlasst sieht, das Eintrittsgeld zu- 
ruckzufordem, wird — wenn nicht noch schrof- 
fere Massnahmen am Platze sind — mit Quit- 
tungen fur Abonnements auf das gegnerische 
Organ abgef unden. 

Als Unparieiischer ist der beiden Kontrahenten 
gleich nahestehende Dr. Alfred Kerr be- 
stellt. Von Rechts wegen. 

Der gesunde Fortschrttt. Bei dem 
diesjahrigen Ordensfest im Berliner Schlosse 
verlas Hofprediger Vits Timotheus 3, Vers 14: 
„Du aber b lei be in dem, was du 
gelernet hast... 4 und bezeichnete in der 
Auslegung die Ehrfurcht vor der Vergangenheit 
als die Grundlage eines gesunden Fortschritts. 
In konservativen Kreisen stimmt man dieser 
Definition des Fortschritts mit Vergniigen zu. 
Die Auffassung, dass der gesunde Fortschritt 
nur in der Ehrfurcht vor der Vergangenheit be- 
stehen kann, ist in vielen Fallen das einzige, 
was die Herren gelemt haben Und in dem 
wollen. sie bleiben. 

Im Anschluss an die erwahnte Festlichkeit wur- 
den 7000 Orden ausgegeben. Der gesund-fort- 
schrittliche Landtagsabgeordnete Cassel und der 
Zentrumsbackermeister Chrysant trugen den Kro- 
nenorden davon. Auch sie beschlossen, in dem 
zu bleiben, was sie gelernet hatten. 



104 



Was geht in England vor? Bei den 
Dezember-Offizierspnifungen der englischen Ma- 
rine — an denen insgesamt 65 Kadetten teil- 
nahmen — hat Prinz Albert, der zweite Sohn 
des Konigs, als 64. bestanden. Der Prinz 
wurde dem entsprechend in der Liste der Ad- 
miralitat als Vorletzter aufgeffihrt. 

Die Admiralitat befindet sich wohl. 

Dagegen ist Professor X, ehemaliges Mitglied 
einer deutschen Prinzen - Prufungskommission, 
nach Bekanntwerden dieser Note plotzlich einem 
Schlaganfail erlegen. Seine letzten Wortewaren: 
„Wehe — das Parlamentsregime ! 4 — 

Die Konigin von England — die Mutter jenes 
unglficklichen Prinzen — hat ihren letzten Palast- 
damen die SteHung aufgekundigt, da sie nichts 
mehr mit ihnen anzufangen weiss und mit der 
Oesellschaft einlger Freundinnen auszukommen 
gedenkt. 

Die Kdnigin befindet sich wohl. 

Dagegen ist der Hohnarschall der Prinzessin 
von Xburg - Sumsingen - Sumsingen scheinbar 
plotzlich irrsinnig ge worden. Mit dem Aus- 

ruf: „Icb will mich auf anstandige Art ernah- 
ren! a entfemte er sich aus dem Amt und be- 
warb sich um den Posten eines Kino-Ausru- 
fers in Berlin-Ost. 

Emanuel 



DISKUSSION 

(Besprechung des „ Kondor 4 in der FreienStu- 
dentenschaft, am Mittwoch-) 

Still sttzen sie mit angespannten Hirnen, 

Die Augen blicken leicht erstarrt ins Leere, 

Die tiefgefurchten Literatenstimen 
Umleuchtet das Imaginare. 

Da kommt aus einer zittrig zomigen Stimme, 
<Aus einem Heft, das ist ganz vollgeschrieben), 
Mit inuner wilder aufgepeitschtem Grimme 
Ein dicker Qualm von Worten hergetrieben . 
Schon weicht die reine Luft den dichten Schichten. 
Da steigt ein zweiter Rauch, senkrecht, in Stdssen, 
(Und unter Rep*tierung von Gedichten), 

So wie ein Tuch, das flattert vor den Bldssen. 
Ein Wind erhebt sich jahiings in der Ecke 
(Ganz reiner Wille, stahlem aufgerafft), 

Der schleudert eine kleine Tausendschaft 
Von Worten hin wie graue Regenflecke. 

Doch nunmehr regt sich’s auch am untern Ende, 
Ein susses S&useln tut heruberwinken, 

Das fulit mit warmem Dampfe das Gelande 
(Wie stiHe Pfurze, die am meislen stinken). 
Jetzt ist das Kampffeld ganz und gar verwandelt, 
Wie es sich turmt rings, Wolke fiber Wolke — 



DIE AKTION 





Ach, wuasf ich nur, worum es sich denn handelt? 
Ich bin ein Armer, einer aus dem Volke! 

Prolet 

WOHIN TREIBEN WIR? ALSO SPRACH 
MEIER-GRAEFE 

Vor emigen Wochen hat Sie Herr Meier-Grkfe, 
der schon so manchem Kunstkr eine ebenso 
unerwartete wie radikale Gotter- (oder wenn 
Sie wolkn:) Gdtzendkmmerung bereitete, das 
wie eine zeiotische Kapuzinade anmutende, be- 
dauerUche Schauspiel der von ihm selbst vor* 
getragenen Erschlaffung seiner sensuellen und 
intellektuellen Krafte miterleben lassen. Voreini- 
gen Tagen wiederholte er es in Wien. Die 
einen hietten es fur einen Akt geistigen Hara- 
kiris, die andem fur den Ausdruck des perver- 
sen Geliistes, sich bewuast zu prostituieren, die 
dritten fiir die sinnfallig werdenden Zeichen be- 
ginnender Verkalkung, und die letzten fur den 
Trik eines Kunsth&ndlers, der noch einige Ge- 
milde von Renoir „auf Lager“ hat. Was es 
war? Viellekht ein Gemengsel von alledem. De- 
primierend war es jedenfalls. Bisher batten die- 
sem Manne fast aile Achtung, manche wohl 
sogar Verdi rung entgegen gebracht (einige aller- 
dings mochten ein ungewisses Misstrauen nie 
ganz los geworden sein), weil sie ihn fur einen 
ebenso kuhnen wie kfaigen und zahen Heerfuhrer 
im Kampf wider Ungeschmack, Kunstfremdbeii, 
Stumpfsinn und Boswilligkeit hielten, weil sie 
ihn a Is einen Zernichter alter, iiberiebter Theoreme, 
ate einen leidenschaftlkh Begeisterien, einen Fackel - 
tragerim Dunkeln zu kennen wahnten; all diese 
sehen sich nun verwundert an und urn, denn sie fin- 
den sich von ihm enttauscht, gefoppt. Er hat 
sich als ein arglisdger Bezweifler, hdhnender 
Verneiner, geifemder Verdammer unserer Zeit 
und ihrer Kunst enthiillt. Der scheinbare Revo- 
lutionar demaskierte sich und wies den Ueber- 
raschten das kalte Antlitz eines Konservativen 
mit merklich reakdonaren Intentionen. Die Jun- 
gen gl&ubten ihn in ihrem Lager, sehen ihn 
aber jetzt bei den argsten Widersachem der 
Modeme stehen; aber sie haben sich von ihrer 
Verbluffung schon erholt und werden den Ab- 
fall des scheinbaren Mit- ja Vor gangers ver- 
winden. 

Auf den eineinhalbstundigen Vortrag n&her ein- 
zugehen, wire dn vergebliches Bemuhen, denn 
er bestand aus einem Sammeteurium kritikloser 
Verd&chtigungen wahrsagerinnenmasstger Pro- 
phezdungen, stdhnender Jammeriaden uber den 




unaufhaltsamen Einbruch der Barbarei in das 
untergehende Reich der Schdnheit. (Jawohl: 
untergehende Reich der Schdnheit!) Herr Meier - 
Grade hfttte sich und uns die Muhe seiner \ang- 
atmigen Fasten predigt sparen kdroien und sollen 
oder sie doch wenigstens knapper fassen; etwa 
so, wie einer der Zuhdrer meinte: kommen und 
fragen: Wohin treiben wir? — sagen: Weiss 
ich?! und gehen. A. R. (Wien.) 

JULIUS MEIER -GRAEFE GEGEN JULIUS 
MEIER-GRAEFE 

Er sollte nicht mit Scheuklappen durch dieVor- 
tragssale laufen, er nicht. Was J. M.-G. heute 
gegen die Kommenden der Malerei in die Zei- 
tungswelt schreit: riian schrie es vor einem 

Augenblick ihm zu. Dieser neue Reaktionar war 
gestern der Anstifter von Revolten ! Hat uns 
furs Umsturzen begeistert. Wir sind ihm dafur 
dankbar; indem wir unsere kompakte Pietat- 
losigkeit gegen seine Greisenhaftigkdt ins Fetd 
schicken, beweisen wir es. Was ist uns der 
geifemde Zahnlose? Eine iible Naturerscheinung. 
Hinweg damit. Wir kampfen mit dem Revolu- 
tion^ Meier-Graefe, 

Ich gebe Worte, die er einst aussprach, um 
seine Auflehnung gegen traditionelle Gotter zu 
begrunden. F. P. 

. . Ich tat Bdcklin und Wagner in ein Sepa- 
rat- Kastchen und Hess es unbeeinfluast von der 
Veranderung der Geluste, die sich im iibrigen 
in mir vollzog. Ich gewdhnte mir mancherlei 
ab, mancherlei an, fing an, ganz vemunftige 
Dinge zu denken, aber liess das Kastchen zu- 
frieden. Daran riihren ware mir wie Verratam 
Heiligsten erschienen. — Jahre vergingen . . . 
Ich schleppte das Kastcheh wie eine richtige 
Kiste mit mir herum. Schliesslich — ichglaube, 
es war vor dem ersten Portrat Goyas — offnete 
ich es, und siehe da: Wagner hatte sich merk- 
wurdig verandert, ich erkannte noch etwas von 
der fruheren Herrlichkeit, aber zusammenge- 
schrumpft, kleiner, und was das merkwurdigste 
war, ganz ohne Weltnebel, gar nicht gigantisch, 
sondem beinahe niedlich. Von Bocklin aber, 
den ich so zartlich damals in Watte verpackt 
hatte — keine, nicht die leiseste Spur. Unheim- 
Ikh, wie? Und seitdem — aus! . . . 

Wie Bdcklin- Wagner habe ich auch noch an- 
dere Dummheiten gemacht, leider. Aber immer 
genau so: erst in das Kastchen, vergessen, 

nachgesehen, futsch. Mit den Jahren bekommt 
man Uebung. Ich sage Dir, tout est Ik, die 
Hauptsache ist, immer sein Kastchen in Ord- 



107 



DIE AKTION 



nang, unter Kontrolle zu halten, und im allge- 
meinen: moglichst wenige, iiberhaupt keine! 

Alles furs Ganze. Na, das verstehst Du nicht. 
Leichtsinnig? . . . Konsequenz oder Inkonse- 
quenz, revient au meme. Tragst Du noch den 
heiligen Rock? — Na also! Auch mal dage- 
wesen. Adam und Eva liebten noch andere 
Dinge. Als ich klein war, — aber ich will 
Dich nicht kranken. 

Im ubrigen hat das mit Liebe oder Treue gar 
nichts zu tun; oder nur insofern: hast DuGe- 
liebte gehabt? — Ich auch, schockwefee .... 
Bestehst Du nicht etwa darauf, dass sie inline r 
besser wcrden? . . . 

In der Kunst ist es ebenso, nur ganz anders. 
Kein Moralischer, das ist das Schone, kcin 
Vitriol. Betriigen wird hier Pflicht. 
Nur sich selbst nicht! Die einzige Ausnahme. 
Und dann miteiserner Konsequenz 
inkonsequent sein. Das verstehst Du 
nicht? Gib Dir Miihe! Dass hier eine Spur 
weniger Dummheit vonnoten ist als in der 
Liebe ist wesentlich; dafur ist es schoner. 
Nichts bedauern! Lass sie schimpfcn: Du bist 

kein Kritiker. Mach Dir selber nicht bange, die 
anderen meinen es lange nicht so schlimm als 
Du selbst. Selbst wenn Du geschworen hast, 
beruhige Dich, es ist kein Meineid. . . Du wirst 
bemerken, dass mit dem einen, den Du ablegst, 
nicht einer, sondern tausend andere kommen, die 
Dir vorher im Grunde — - sei ehrlich! — Wurst 
waren. Jeder einzelne, unvergleichlich schoner 
als der abgelegte, alle zusammen das wahre Pa- 
radies. Und Du wirst die merkwurdige Er- 
fahrung machen, dass alle — trote der Ver- 
schiedenheit untereinander — Dir merklich im- 
mer naher kommen, naher als Bocklin, in eine 
andere, respektablere Nahe, — so nahe, dass Du 
Dir schliesslich, ohne grossenwahnsinnig zu wer- 
den, einbilden wirst, zu ihnen zugehoren. Dann 
versuche mal einen von ihnen in die Kiste zu 
tun. , . Gibts nicht! Keinen wirst Du wieder 
verlieren, immer mehr bekommen, bis Du selber 
in die Kiste kommst. . . M 
Heute halt M. G. seine Schachiel verkleistert: 
nichts gilt, was nicht schon eingeschachtett ist. 

DER FREIGEIST 

Ein Zwiegesprach mit einem Bekenntnis. 

Cohn: Sie halten Ihr Geschaft auf am Ver- 
sohnungstag? 

Lowy: Ich werde auch aufhalten am Langen Tag. 
Cohn: Halten Sie denn gar kane Jiidischkeiten 
mehr? 

Lowy: Ich halt — das Berliner Tageblatt. 



I OS 



LIEDERKEN UEBER KIDERLEN 

Die Redaktion der Zeitschrift „Marz* ist be- 
kanntlich jtingst von Wilhelm Herzog tiber- 
nommen worden, Herr Conrad Hausmann aber, 
M. d. R., hat, trotz dem Regierungswechsel, 
immer noch nicht demissioniert, sondern erz&hlt 
in einem sehr interessanten Lcitartikel „Kiderkn- 
Wachter*, dass ^gesalzene Junggesellenwitze 
Kiderlens aus der kaiserlichen Tafelrunde an 
Bord der „Hohenzollern“ der Kaiserin lebhaft 
missfielen u Wenn mich diese Mitteilung auch 
direkt aufregt, so weiss ich doch nicht, was da- 
mit bewiesen werden soil. Sollen die gesalzenen 
junggesellenwitze nur Kiderlens weltmannische 
Geste kennzeichnen, oder haben etwa die Ge 
schmacksdifferenzen im kaiserlichen Ha use zu 
familienzwistigkeiten gefiihrt, und sol! es die 
internationale Politik kennzeichnen, dass sie von 
dem Gefallen oder Missfallen an gesalzenen 
Junggesellenwitzen beeinflusst werden kann: Ich 
muss das bald wissen! Ich bitte also dringend, 
mit Nichts hinterm Berge zu halten, sondern 
sich ruckhaltlos zu aussern. 

Auch sehr interessant, aber nicht eindeutiger ist 
die Mitteilung, dass der ersten Rede Kiderlens 
im Reichstage folgten „in den Blattern hohnische 
Be merk ungen iiber die br&untiche Weste des 
Redners, die der Reichstag kaum beachtet hatte.“ 
Da weiss ich wieder nicht: Sollen die Blatter 
getadelt werden, weil sie gehohnt, und der 
Reichstag gelobt werden, weil er unbeachtet ge- 
lassen hat — oder umgekehrt? Ich bitte tun 
Antwort! Oder vielmehr: U. A. w. g. oder 
auch: 

U. a. w. G. und andere wichtige Geheimnisse, 
namlich: 

Das M. d. R. fordert die Leser auf, in der 
„Woche" nachzuschlagen. Sie sollen ihm nicht 
trauen, sondern durch Augenschein sich davon 
uberzeugen, dass die Dogge, die zugegen war, 
als Seine Majestat und sein Staatssekretar auf 
Deck der „Hohenzollern“ auf und ab gin gen, 
nicht die Dogge Seiner Majestat, sondern ledig- 
lich die Dogge seines Staatssekretars war. Muss 
ich nun zwar zugeben, dass „diese kleine Neben- 
sachlichkeit charakterfstisch fur Kiderlen-Wachter" 
ist, so kann ich keinesfalls zugeben, dass es 
eine kleine Nebensadilichkeit ist. Denn ich 
will es einfach nicht glauben, dass ein M. d. 
R. kleine Nebensachlichkeiten mitteilt, die kleine 
Nebensachlichkeiten sind, sondern fordere esauf, 
Auskunft dariiber zu geben, ob die Mitwirkung 
der Dogge bei dem wel^eschichtlichen AuE und 
Abgehen das internationale Gleichgewicht for- 



I 



DIE AKTION 



110 



109 



demd odcr storend beeinflusst hat, ob das M. 
d. R. die selbst vor Kaiserthronen nicht wan- 
kende Hundeliebe Kiderlens bewundert und ob 
auch das M. d. R. es wagen wiirde, in der 
Nahe Seiner Majestat klaffen zu lassen. 

Was nutzt es schliesslich, einen hochst politi- 
schen Aufsatz eines M. d. R. gelesen zu haben, 
wenn es am Schluss heisst: „War Kiderlen- 

Wachter bloss ein Diplomat, oder war er ein 
Staatsmann, hat er seinem Lande und der 
europaischen Entwirrung geniitzt und verdient 
seine Folitik fortgesetzt zu werden," und man 
also dennoch vor ungeldsten Ratseln steht?! 
Denn man fr&gt sich: Bestand auch die Politik 
Kiderlens darin, Fragen diplomatisch mit Fragen 
zu beantworten, und ist es diese Politik der 
offenen Fragen, die fortgesetzt zu werden ver- 
dient? Wenn nun aber auch die positiven Tat- 
sachen, wie sich gezeigt hat, den Wissensdurst 
unbefriedigt lassen, dann wird man an der Mog- 
lichkect verzweifeln, durch einen politischen 
Sachverstandigen Aufklarungen iiber Politik zu 
erhalten, und sich dem Eindruck nicht ver- 
schliessen konnen, dass der Drang eines M, d. 
R., pditische Lertartikel zu schreiben, ein Symp- 
tom von Drehkrankheit ist. 

G. Fuchs 

KNABEN IM FRUEHLING 

In dieser Zeit rinnt unser Blut so trage, 

Wenn erster Sudwind um die Stamme faucht. 
Da sind die Tage uns wie Ruderschlage 
Von muder Hand in stille Flut getaucht. 

Nicht freut uns mehr, im Spiele zu gewinnen, 
Den Ball zu schleudern uber freies Feld. 

Das Aussen starb. Ein niegekanntes Innen 
Wichst wuchtend auf und wird uns cine Welt, 

Die unerforscht ist, voll von dunklen Schrecken 
Verwester Schatten wirres Labyrinth. 

Wo HbMenhunde ihre Z&hne blecken 
Und TotenkSpfe feil wie Wurfel sind. 

Dazwiscben bliihen Garten, unter Hiillen 
Gedeiht der Beete wohlgeordnet Eland 
Und Gartner gehen da, die Kruge fallen 

Aus kleinen Brunnen mit verziertem Rand. 

■ 

So sind die Tage, welche Glasern gleicheti, 
Die keines Menschen Lippe angeruhrt, 

Hoch warten wir auf ein beherrschend Zeichen 
Dass uns au9 Tr&umen in die Taten fubrt. 



Von Bliitenbaumen fallen weiche Flitter, 
Tautropfen nassen unser nacktes Knie 
Wir spielen wieder, und ich bin der Ritter 
Der rufen muss: w O kame Eine, die . . . 

Paul Mayer 



Ober den Tanz 

Von Rudolf Leonhard 

Das russische Batlett, das schon mdinuals in 
unserer Zeit der Reformen alte Tanzkunst als 
neue Offenbarung bejubeln liess, brachte kiirz- 
lich eine Tanzszene, Tanzpantomime, Tanzdich- 
tung des T&nzers Nijinsky, die — vielleicht ist 
es nicht einmal selfcsam — aufs \ ochste untanze- 
risch war. Zu Claude Debussys Praludien zum 
Nachmittage eines Fauns war eine diinne 
Hand lung erfunden worden: „Ein Faun 

schlummert, Nymphen necken ihn, entfliehen. 
Ein Schleier bleibt zuriick. In ihm verwirklicht 
sich dem jungen Faun sein Traum," erklartdas 
Programm. Vor einer rot, gelb und grun er- 
gjluhten Landschaft — man dachte an gewisse 
Bilder russischer Malcr — reihten sich Nymphen 
aufschreitend zu einem antiken Fries; mehr assy- 
risch freilich als griechisch, denn in eckig gc- 
hobne Arme, wie auf den alien Vasenbildern in 
der Biegung erstarrt, und starr zuin Profit ge- 
wandte Kopfe glitt nicht die aus der Notwen- 
digkeit des Tanzes in Fussen und Hiiften sich 
hebende BewegUng. Da also die lest gestellte 
Brust und der Kopf nur ein hartes und scharfes 
Beugen, kaum ein seitliches Wiegen begehn 
durften, war der von der Musik bezauberte Leib 
gehemmt, sich tanzend zu erlosen, zerbrach die 
erfullende Geberde. Und es erschien schon eine 
Auaschreitung, als einmal ein schmaler, bc- 
hender Sprung den sonst so sanften Faun zur 
tanzenden — nein: stehenden, nein, gestellten, 
fast ruhenden Gruppe der Nymphen trug. Sonst 
immer durfte es ja auch, nach dem eigentlichen 
Wilten dieser Kunst, nicht zu einem endlichen 
Begegnen der Leiber, wie es Tanz heisst, son- 
dern nur zum Verfehlen kommen. 

Das alles bestreitet nicht, dass den Kenner der 
alten Malereien einzelne Steliungen und Grup- 
pierungen von zartem — sehr apollinischem — 
Reize entzucken konnten; und dass das Bitd, 
wie auch der Tanz des von den geschilderten 
Beschrankungen nicht gefesselten Fauns, von 
einer kindlichen, primitiven Schonheit war (wo- 
bei man wieder erkannte, dass Primitivitat nicht 






4 



Ill 



DIE AKTION 



112 



ein fruher technischer Mangel, eine Unvollkom- 
menheit des Kdnnens ist, sondem eine — viel- 
leicht durch gieiche Zeit und Studie ihr ver- 
bundne, aber auch ohne sie tndgliche — aee- 
lische Artung). Aber das Bild war eben zu 
sehr Bild, war Ruhe, das Auge des Schauenden 
glitt Linien entlang, statt dass das Geschaute, 
mehr als nur zu Schauendes, das Blut in 
gleichem Rhythmus zu f Liessen zwang; und der 
Leib der Tanzerin wurde eigentlich, statt sich 
darzustellen, nur Ornament des schliessenden 
Bildes. Es war verkannt worden, dass Gesetz 
des Tanzes nicht die Gruppe ist, sondem ihre 
Bewegung, nicht ein Ziel, sondem der Wedisel, 
Tanz ist Erregung und Uebermass, ist das 
Drama des Korpers oder der Korper, ist Ver- 
leiblichung musikaiischen Steigens und Strdmens 
— hier war massvollste Bewegung, kaum Be- 
wegung noch, hier war das geschlossene Bild, 
die Dauer, war Flastik. Und trotzdem das 
Thema doch eigentlich sinnliche Lockung, 
faunische Sehnsucht, Verlangen und Umfangen 
war, liass nichts den Ursprung des Tanzes fuh- 
len, den er, will er Tanz bleiben, nicht ver- 
gessen darf : Symbolisierung geschlechtlicher Vor- 
gange zu sein — sei er selbst Tempeltanz. 

Andre Tanze, die die Russen brachten — auch 
Bilder, auch Gruppen, die aber dariiber hinaus 
das Eigentliche des Tanzes hatten — liessen er- 
kennen, was eben Tanz ist: da war das Biegen 
und Strecken des Leibes in den Gewandem, das 
Suchen, Verschlingen und die Trennung der 
Leiber. Ganz rhythmisch strebende Regsamkeit 
im Banne des Klanges, animalisches Gluck, leib* 
liche Erfullung. Da waren slawische Volkstanze; 
Kauern, Wirbeln und Spriinge, als eine bar- 
barisch bunte Musik herrHch in die Leiber 
flammte. Zur Gruppe gefasst durch die Gleich- 
heit von der Musik gestachelten Wi liens und 
doch ganz sinnloser, selbstsuchtiger Ausbrnch 
des Einzelnen: Tanze das, Phantasmen des Kor- 
pers, in der Darstellung — die urn seiner selbst 
willen geschah — sublimierter Trieb. Oder zur 
schon, nur ganz selten etwas ubergrell inartru- 
mentierten Musik des Schumannschen Kamevals, 
Tanze einzelner und vieler: huschende, nicht zu 
baltende Spiele, aus dem fliessenden Chaos sich 
ordnend, die helle Heiterkeit und einen sussen 
Schmerz liessen, und in denen grade Nijinsky 
tanzend, nichts als tanzend alles Faunische gab: 
von der Grimasse zur Inbrunst. 



CAPRICCIO 

Entlaubte Parke liegen treu wie Doggen 
Hinter den Herrenhausem, um zu wachen. 
Schneesturme weiden, eine Herde Bachen. 

Oft sind die Rehe auf dem jungen Roggen. 

Und eine Wolke droht den Mond zu schanden. 
Die Nacht hockt auf dem Park, der starker 

rauscht. 

Zwei schwarze Tannen winken, aufgebauscht, 
Geheimnisvoll mit den harzigen Hinden. 

Die Toten sitzen in den nassen Nischen. 

Auf einem Kirchenschlussel blasst der eine, 

Und alle lauschen, uberkreuzte Beine, 

Die Knochenhande eingeklemmt dazwischen. 

Am grossen, kalten Winterhimmel drbhn 
Vier Wolken, welche Pferdeschideln gleichen. 

Der Winde Brut pfeift in den helkn Eichen, 
Daraus der gelbe Geier Mond geflohn 

Der Tod im Garten tritt jetzt aus dem Schatten 
Der Tannen. Rasch. Das Schnedicht spritzt 

und gl&nzt. 

Der Schrecken flattert breit um das Gespenst, 
Das seinen Weg nimmt quer durch die Rabatten. 

Zum Schloss. — Dort ruft man: „Prosk Neu- 

jahr! Prost! 41 

Zu zwolfen sind sie, der Apostel Schar, 

Und mit Champagner taufen sie das Jahr, 
Umstellt vom Sturm, der auf den Didiem tost. 

Armleuchter flacken . Damp! von heisaem Punsch. 
Der Hitze Salven krachen vom Kamin. 

Geruch der Weiber — Trimethylamin, 

Die Bauche sdiwitzen in der grossen Brunst. 

Jetzt stehn sie auf. Das Stiihle-rucken schurrt, 
Der Tod im Flur ist nicht gewohnt dieSpeisen. 
Er hebt den Kopf gegen das kalte Eiaen 
Der Schlusseltulle, schnuppert gierig, loiurrt. 

Kommt jemand? Still. Er hupft unter die 

Treppe. 

An einem Fraulein zerrt ein Kavalier. 

Der Tod schleicht hinterber, ein fletschend Tier 
Aus Mond; das tragt der Dame Schlepipe. 

Sie kommen an die Gruft „Hier sind wir 

9icher1“ 

— „Ich fiirchte mkh, o, sind die Baume gross." 
Der Tod schupst sie — kein Schrei, sie quieken 

bloss — 

Und lauft hinweg mit heftigem Gekicher. 




113 



DIE AKTION 



Es dammert endlich Mit 31utaugen stiert 
Der Morgen hin. Itn Saal zappelt ein Mirchen. 
Der Tod wuhlt in den fetten, welken Parchen, 
Frisst sie wie Tr tiff ein, die ein Schwein aufspurt. 

Paul Boldt 



DER KANAL 

Ich wandre unentwegt von Tal zu Tal 
Und lassc meine Frachten langsam gleiten, 

Ob Stadte mich umbranden, Einsamkeiten 
Mich wiegen; — Meine Stim bleibt streng und 

schmal. 

Und die Ahorne, welche mich begieiten, 

Sie bleiben ewig stumm und ewig fahl, 

Sie wandem unentwegt von Tal zu Tal 
Und lassen meine Frachten langsam gleiten. 

Mein Wasser rauscht nicht und es schmeckt so 

schal. 

Mein Spiegel wechselt nicht mit alien Zeiten: 
Metallen birgt er nur die Dunkelheiten, 

Die zu mir fluchteten in nachtiger Qual 
Auf meinem langen Weg von Tal zu Tal. 
Strassburg (Elsass) Johannes Lang 



NACHT-SEUFZER 

Ich dehne mich im Strahle des Abzynth 
Und schau auf Menschen , heiter und beweibt. 
Die Cigarettenwolken kosen mich sehr lind, 

An geikn Worten mandies Ohr sich reibt. 

Ich trage Sucht, zu werden ganz wie sie, 

Die schmausend sich ergehn in ihren Trieben. 
Ich spure, wie in dumpfer Agonie 
Hinstirbt mein Frohsinn, mein Lust zu lieben. 

Rudolf Kayser 



Vom Wesen der Kritik 

Von Marie Holzer 

Die Kritik ist im Gefolge der Kunst entstan- 
den, ist ihr Trabant, der sie unaufhdrhch um- 
kreist. Sie steht tells erkl&rend, teils vermittelnd 
zwischen dem Kunstler und dem Publikum. Sie 
bildet einen breiten, gewichtigen Arm des 
grossen Schaffensstr canes . 

Denn die Zeitung ist das gewahigste, lauteste, 
weithinreichendste Sprachrotar der Zeit, das 
tausend Verbindungisstelkii hat, zu gleicher 




1 14 

Stunde, dessen Worte aber nicht verhallen son- 
dem aufbewahrt werden konnen bis sie dieZut- 
kunft wider legt oder bestadgt. 

Die Kritik ist in erster Linie also Rekiame. 
Reklame im besten Sinne. Weil es in innerem 
Widerspruch mit dem Geist kiinstlerisch Schaf- 
fender steht, fur sich zu werben, weil der Dfch- 
ter, der Ktinstler sein Werk lautlos hinaus- 
schickt, auf dass es Freunde, Anhanger finde, 
seine fdeen und Gefuhle Junger, stellt sich die 
Kritik in den Dienst der Kunst, etikettiert das 
Werk, wird zum Apostel oder Henker. 

Die Kritik sitzt wohlorganisiert an der Zentrale 
und meldet durch das riesige Sprachrohr der 
Zeitung Hunderttausenden : „Schaut her, hier 

ist einer der etwas kann oder einer der will 
euch etwas sagen und kann es nicht." Die Jour- 
nalisdk hat nicht, wie sie wihnt, Macht uber 
das Urteil sondem bios uber die Aufmerksam- 
keit des Publikums, daher ihr einziger Gewalt- 
streich im Schweigen besteht. Hingegen muss 
jedem Schriftsteller von Verdienst ihr Tadel 
ebenso willkommen sein wie ihr Lob, es ist 
ganz eins." Diese bittere, Bemerkung Scho- 
penhauers ist heute nur zum Teil wahr. Die 
Zeitung ist in unseren Tagen eine unendliche 
Macht aber dadurch, dass die Presse tausende 
der widersprechendsten Richtungen vertritt, jede 
Sadie, jeder Gedanke, jedes Ziel, jede Gestal- 
tung da und dort einen Anwalt findet, so ist 
ein vdlliges Verschweigen, ein kunstliches In- 
denhimmelheben schwer denkbar. 

Ich mdchte nun nicht von den Mangeln der 
Kritik sprechen sondem von der Idee der Kri- 
tik, die von vielen heilig und als reines Ideal 
hochgehalien wird. 

Es hat sich jetzt eine zwiefache Art in der 
Kunstbeurteilung gebildet, die ich als c^jektive 
und subjektive Kritik gegenuberstellen mdchte 
um ihre hauptsachlichsten Merkmale zu unter- 
streichen, Mdglichste Objektivitat gait und gilt 
immer als erstrebenswertestes Ziel. Ein Sich- 
losldsen vom Persdn lichen. Nun wissen wir, 
dass das doch immer bis zu einem gewissen 
Grade eine Fiktion bleibt. Da wir doch von 
Antipathien und Sympathien gelenkt werden wie 
die Magnetnadel von elektrischen Strdmen, na- 
tiirlichs nicht allein von Personen, die uns ja 
in hundert Fallen vollig fremd sind, sondem 
fur Ideen, Gedanken, Formen, Ziele streiten. 
Hermann Bahr hat einmal des Ausspruch 
get an: Ich schreibe nur uber Bucher, die mir 

sympathisch sind. Weil jenseits der Sympathic 
ein dunkles Land sich vor uns dffnet. 







115 



DIE AKTION 



116 



Das Streben nach Objektivitat, das Unbeeinflusst- 
bleiben von Sympathie und Antipathie wird also 
hci manchen zur sachlichen Objektivitat, die sich 
von der reinen Subjektivitat folgendermassen 
unterscheidet. 

Die objektive Kritik gcht von einem Kunstideai 
aus, macht Vergleichsstudien, hat bestinimte Gc- 
wichte und Massstabe. 

Die subjektive fornit sich beim Lcscu m id 

Empfinden taglich ncue Masse. 

Dei objektive Kritiker beurteilt die Arbeit an sich 
Der subjektive sieht nur ihr Bild, als Reflex, 
als Wider spiel. Er fuhlt nur ihr Spiegelbild 
in der cigenen Seele. 

Der Objektive steht h inter deni Wcrk, der Sub- 
jektive vor ihm, er seziert nicht, er schildcrt nur 
den Losungsprozess. 

Der Objektive identifiziert sich mit alien. Er 

ist der Anwalt der Vielen, sein'Urteil ist der 

Ausdruck der Gesamtwirkung. 1st die Kubik 
wurzet gezogen a us dem Effekt. Er fuhlt sich 
als Rcprasentant des geistigen Publikums. 

Der Subjektive ist sich selbst Publikum. Er 

hah Zwiesprach mit dem Kunstler wie mit seincm 
Oott im weiten Dom, sein Urteil ist das Resul- 
tat inneren Erlebes, die Worte kommen ihm oft 
traumhaft iiber die Lippen nach einer Andachts- 
stunde. Er fasst die Cefuhle in Worte, wie man 
den Edelstein in Silberfiligran fasst. Er gibt 

sein Empfinden, sein Fuhlen, zeigt den Losungs- 
prozess in der eigenen Seele. 

Dei objektive Kritiker geht von Voraussetzun- 
gen aus und kommt zu Resultaten, der subjek- 
tive horcht nur auf seiner eigenen Seele Klang 
und Widerhall. 

Dort ein Analysieren. 

Hier ein Amalgamieren. 

Das Werk wird leuchtend auf eine Standarte 
gehoben. 

Hier sehen wir nur des eigenen Temperamen- 
tes facettierte Lichter in bestimmtester Beleuchtung. 
Der objektive Kritiker sieht in die Vergangen- 
heit und deutet in die Zukunfi. 

Der subjektive empfindet nur die Oegenwart. 

Der Objektive beurteilt und reiht ein. Der Sub- 
jektive geniesst. 

Die subjektive Kritik mochte ich als Korrektiv 
der objektiven bezeichnen. Sie wird nicht auf 
„ka|(cm Wege“ erzeugt, sic geht durch den 
Hochofen der Empfindung und das Tempera- 
ment formt sie zu Werten. 




Der Fremde 

Roman von Rene Schickele 

(12. Fortsetzung) 

Jemand antwortete, und Tartre kam kopfschut- 
telnd an den Tisch zuruck. 

— Merkwurdig, nachmittags kann man hier nicht 
bedient werden. Dabei komme ich jeden Nach- 
mittag zur selben Stunde und bilde die Schlaf- 
miitze zum Vdksredner aus. 

Er beugte sich zu Paul und sagte ihm mit einem 
Lacheln, ais ob er ihm etwas anvertraute, das 
ihn ein wenig beschamte: 

— Namlich, der ganze Erfolg im offentlichen 
Leben der Republik sitzt im Organ. Ein abge- 
sungener Tenor kann noch immer Volksfuhrer 
werden. Nun, und da es mit meinem schind- 
lichen Organ nichts ist, so durchforsche ich 
Restaurants und Kaffeehauser nach Kellnern, die 
es verstehen, etnen Frack zu tragen — das 
wegen der Frauen, nicht wahr? urn empor zu 
kommen! — und die vor allem den schmieg- 
samen Wohllaut eines Hahns in ihrer Kehle 
bergen. Ich bilde sie, und wenn es einmal so 
weit ist, lasse ich sie los auf die drdhncnden 
Bauche. Du wirst dir Antoine, den Prachtkerl , 
ansehn!" 

Der Dichter spahte nach der Tur, die leer und 
dunkel blieb- 

— Antoine, schrie er, Antoine, schlafst dunoch 
immer? Ich werde dich wachprugeln miissen, 
Antoine. Ja, und dann, wo stand ich doch 
gleich? ... Du siehst, mein Freund, ich bin 
ein systematischer Geist, ich stand bei der Er- 
klarung meiner soziologischen Entdeckung. Das 
also ist meine Hauptthese: Die Gesellschaft 
namlich besteht aus B&uchen . Sie teilen sich in 
often tliche und in verschamte Bauche. Wir er- 
sticken in Bauchen! Wie diese abertausend 
Bauche arbeiten, um das Gewicht der greifbaren 
Majoritat zu vergrossern! Ich sehe das, was 
man allegorisch den Staatswagen nennt, nur als 
einen vollgeiadenen Mehlkarren, dessen geheim- 
nisvolles Leben in den halbunterdruckten Lauten 
und den versejiwiegenen GeMrden einer scham- 
losen Verdauung besteht. Mein Freund, seiver- 
sichert, das w&chst sich zur Philosophic aus, 
zur Philosophic des Burgerlichen, einer inter- 
nationaten Gefahr, die in der dritten franzdsi- 
schen Republik akut geworden ist. Zwei Grund- 
pfeiler tragen das stolze Gebaude: der Begriff 
Tugend und der Begriff Laster. Laster heisst 
man alles, was den Neid der armen Teufel er- 
regen konnte; um sich des Lasters zu erfreuen, 



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117 



DIE AKTION 



118 



is t man genotigt, die Tugend vorzuschiitzen, 
namlich eine Gesinnung, von der die Masse 
alles fur sich erwarten kann. Nun musst du 
aafpossen: Laster und Tugend sind aber iden- 
tisehe Begriffe. Sie bezeichnen eine Bestandig- 
keit. Das Beharrungsvermftgen ! Sie sind das 
Htoraiische Beispiel fur das Gesetz der Trag- 
heit — Triumphe atomisclier Idiote. Es ent- 
ering* dem Haupt des heruniergekommenen 
Olympics Staat lassig und gewappnet die 
Langeweile. Wir haben im Chat noir den 
Schattenzug des grossen Napoleon in Blech ge- 
schnitten, aus besonderer Dankbarkeit dafiir, 
dass er die Vorfahren dieser trikoloren Kerle 
wie Hunde geprugelt und zusammenge- 
schmissen hat. 

Paul erhob sich und reichte Tartre die Hand. 

— Adieu und besten Dank fur deinen Vortrag, 
aber da es nun einmal 3 Uhr ist, muss ich zur 
Redaktion. 

Tartre sah ihn aus grossen Augen verstandnis- 
los an. 

— Nach all dem willst du zur Redaktion einer 
sozialistischen Zeitung? Mensch! Das ist doch 
nicht moglich. Der kleine Herr mit dem Aus- 
sehen eines fanatischen Burgers, der dein Chef 
ist — ich schwore dir, er ist ein Verbrccher. 

— Ich habe mich verpflichtet, ein Jahr dabei 
zu bleiben. Es ist die einzig mogliche Beschaf- 
tigung fur mich. So ist wenigstens dafiir gc- 
sorgt, dass meflne Nerven in gelindem Aufruhr 
bleiben. 

— Nein, nein, ich verstehe gar nicht. Wastust 
du denn da? Schreibst du? 

— Ob ich schreibe? Ich habe einmal eine Notiz 
von zwanzig Zeilen verfasst. Sie ist in der 
nachsten Nummer widerrufen worden. 

— Aber . . . Tartre blickte suchend um sich- 
Wir haben ja noch nichts getrunken. Du wirst 
mir das bei einem Gespr itzten auseinandersetzen . 
Ich bitte dich. 

Er sturmte ins Lokal und schrie, indem er 
schrittweise ins Dunkel vordrang, nach dem 
Kellner, dann horte Paul die hohe Stimme sich 
mit einem Tenor balgen. Der Kampf brachab, 
und Tartre tauchte langsam, ein Stuck Papier 
vor den Augen, aus dem Dunkel auf. An der Tiir 
angelangt, drehte er das Papier hin und her. 

— Seltsam. 

Er strich sich den zottigen Bart und sah 
Paul an. 

— Wann? rief er hinter sich ins Dunkel. 

— Vor zwei Stun den, kam es zuriick. 

Ja, dann muss ich gleich gehen. Die kleine 



Berthe namlich, du kennst sie doch? Ja, die 
sich mit dem Kerl verlobt hat. Sie will mich 
sprechen. Sie reist morgen weg. Da muss ich 
naturlich hingehn, nicht? Das ist ganz selbst- 
verstandlich. Nachher bin ich zu Hause. Du 
kannst gleich hinaufgehn zumir, das ist besser, 
als sich in einer schmutzigen Redaktion zu ver- 
sun digen. 

Als Paul sich umwandte, schwankte die hagere 
Gestalt des Dichters auf einem Omnibus davon. 
Unter dem grossen Hut flackerte etwas Weisses. 
Tartre las noch immer den Brief der klcinen Berihe. 



IV. 

Paul ging langsam den Boulevard hinunter. 
War Berthe die Geliebte Tartres gewe&en? 
Keiner kannte sie naher und wusste mehr von 
ihr als der andere. Eines Abends hatte sie im 
Kaffeehaus gesessen, Tartre hatte sich in das 
sehnsiichtige Oval ihres Gesichts verliebt, und 
Berthe war fur alle ein schweigsamer, aufmerk- 
samer Kamerad geworden. Man hatte dann und 
wann ein kleines Erlebnis mit ihr. Nichts mehr. 
Paul erinnerte sich . . . 

Einmal stand er auf dem Pont-Neuf und sah ins 
Wasser, das schwer und breit unter der Briicke 
hervorfloss. Da lehnte sich eine Dame an ihn, 
beugte sich tief vor und lachelte ihn von unten 
her an. Es war wundervoll, das schmale Ge- 
sicht mit den graugrunen Augen in der freien 
Luft neben ihm. 

— Guten Tag, Berthe. 

— Wohin gehst du? 

Sie hatte einen geringen slawischen Akzent. 

p 

Er wollte Calon aufsuchen, Frederic Calon, den 
Maler. Er mdchte ihn wiedersehen, da er seit 
voriger Woche ein beruhmter Mann geworden 
sei. 

Ob sie wohl mitdurfe? 

Naturlich dtirfe sie sich Frederic Calon ansehn. 
Er sei eine melancholische Schdnheit mit grossen, 
bis ins Feinste ausgezeichneten Lippen und 
Wimpern wie die Fliigel eines alleriiebsten 
kleinen Tie res. In seinen schwarzen Haaren 

wanderte immer ein blauer Glanz. Und die 
schonste Seele, die er kenne. 

Aber, ob das nicht der Kiinstler sei, der diese 
scheusslichen Frauenzimmer male! 

Bunte Bilder von gleissenden, schmerzhaften, er* 
greifenden Zusammenklangen, bald weiche, er- 
inattete Tone, etwas wie ein Gedicht, das einer 
auf dem Heimweg im ersten Pariser Morgen* 
grauen vor sich hinmurmelt, bald sieghafte Fan- 
faren Oder masslose, aufruhrerische Gebarden, 



4a 



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DIE AKTION 



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und mitten drin ein grober, abgefeimter Frauen- 
kopf, der emporend stupide Rucken einer feisten 
Frau, die aus dem Bad steigt . . sie kenne 
diese Bilder? Ja, das seien Werke von Frederic 
Calon. . . . 

Sie hatte den Maler neugierig betracbtet. Er 
hatte sie mit schuchtemer Stimme begriisst und 
vorsichtig durch mehrere Wandschirme und an- 
dere unsichtbare Hindemisse in sein Atelier ge- 

fiihrt. 

— Ich habe ein kleines Madchen da, das zu 
schon ist, urn gemalt zu werden. Ich lese ihr 
Baudelaire vor und stopfe sie mit Pralines. Sie 
raussen verzeihen, Fraulein, die Dame ist nicht 
ganz angezogen. 

Die Dame lag piatt auf der Chaiselongue, den 
kleinen hiindischen Kopf seitwarts gjedreht, und 
sah Paul ruhig von oben bis unten an. Sie 
kaute, wobei ihre Kiefem Brutalitaten begingen 
und ihr scharfes biankes Kinn im schwarzen 
Kissen wuhlte. Als sie die Fremde erblickte, 
warf sie sich auf den Riicken und zog die Decke 
iiber sich- Sie liess ihre Blicke zogernd iiber 
ihre braunen Anne gleiten und behielt siedann 
iiber der Decke. 

Calon gab Cognac und Sherry Brandy. Paul 
bemerkte, dass er bei allem, was er tat, in den 
Augen des Modells fragte und bat. Diese Augen 
zuckten nicht. Sie hatten eine unheimliche Ruhe. 
Aber der Maler musste sich zwmgen, urn zu 
ihr hinzugehen, die Hand, die ihr ein Glas 
reichte, war verkrampft. Wenn er Paul ansah, 
tat er es mit einem unvermittelten Kopfriicken, 
sprach mit gedampfter, unruhiger Stimme ein 
paar abgehackte Satze und blickte ihm, wahrend 
er antwortete, starr in die Augen. Er wollte 
weitersprechen und brach ab. Dann verharrte 
er in einem nervosen Stiilschweigen, den Blick 
auf die Asche seiner Zigarette gerichtet. 

Sie tranken. Berthe nahm ihren Hut ab. Als 
ihr Calon ausserdem noch aus der Jacke half, 
warf das Model! das Ende der Decke, womit 
es sich bedeckt hielt, zurtick und reckte die 
Glieder. 

— Wie schon sie ist, rief Berthe, und strich 
ihr mit den Fingerspitzen iiber das Bern, die 
Hiifie und langsam die Schulter entlang. 

Das Model! nickte freundschaftlich undochmiegte 
sich an den wannen Seidenrock. 

Berthe lachelie. 

(Fortsetzung foigt.) 



MITTE1LUNG DES VERLAGES 

Die zweite Januar-Nummer 1913 erschien als 
LYRISCHE ANTHOLOGIE 
Sie ist dem Gedachtnis Georg Heyms gewidmet 
und enthalt: Beitrage von Hans Baas, Ernst 
Balcke, Gottfried Benn, Alexander Bessmertny, 
Ernst Blass, Paul Boldt, Max Brod, Arthur 
Drey, S. Fried laender, Reinhold Frfihling, Max 
Herrmann (Neisse), Georg Heym, Kurt Hiller, 
Jakob van Hoddis, E. F. Hoffmann, Rudolf 
Kayser, Alfred Kerr, Willy Kusters, Alfred 
Lichtenstein (Wilmersdorf), Leo Matthias, Paul 
Mayer (Bonn), Alfred Richard Meyer, Erich 
Miihsam, Richard Oehring, Erich Oesterheld, 
Anselm Ruest, Rene Schickele, Mario Spiro, 
Ernst Stadler (Brussel), Helimuth Wetzel, Alfred 
Wolfenstein. 

Diese Sondernummer, die bald vergriffen sein 
diirfte, kostet im Einzelverkauf 

50 PFENNIG 

Neu hinzutretenden Abonnenten wird sie ohne 
Erhohung des Abonnement gratis nachgeliefert. 

Die LYRISCHE ANTHOLOGIE bietet eine 
giinstige Gelegenheit, unserm Blatte neue Kampf- 
genossen zu gewinnen! 

An die Arbeit, Freunde! dieser Ruf kann nicht 
haufig genug ersch alien. Fordert vom Verlage 
Propagandamaterial, sendet personlich den Be- 
kannten Probenummem. An die Arbeit! damit 
die Stosskraft der AKTION wadise. 

Zeitschriftensdiau 

PAN. No. 16 enthalt: H. Graf Schlieffen : Pokerspiel ; Alfred 
Kerr u. Sperber: Sexueller Urs prang derSprache; Waller 
Harlan : im FItegen u. a. 

DIE SCHAUBUHNE enthalt in der Nr 3: Der jubilierende 
H&lsen. Von S. J. — Ftorenza. Von Ulrich Rauscher. — 
Kindereien. Von Herbert Ihering u. a. 

DEUTSCHE RUNDSCHAU. (Qebr. Paetel, Verlag, Berlin.) 
Das Januarheft bring* Beitrige von: Enrica von Handel- 
Mazzctti, Erich Schmidt, Adolf Frey, Adolf Keller, Bernhard 
Qroethuysen, Isolde Kurz u. a. 

SOZIAUSTISCHE MONATSHEFTE. Herausgeber Dr. Bloch. 
Heft 1 enthalt: Roman Streltzow: Peter Krapotkin ; Dr. 
Frida Schak: Naturwissenschaften; Karl Leuthner: Der 
Krieg als moralische Anstalt; L. Radlof: Der Sozialismus 
und der Einzelne u. a. 

Vortrage 

Der dritte Abend des LITERARISCHEN CABARETS QNU 
findet am Dienstag, den 28. Januar, 8 f /j Uhr, in den Riumen 
der Reuss ft Pollack'schen Buchhandlung, Potsdamerstr. 118c, 
statt Einlasakarten sind daselbst, im Vorverkauf und an der 
Abendkasse, fur M. 2. — erstandlich. Hier das Programm: 
Ernst Blass: Chesterton / Kurt Hiller: Es ist an der 
Zeit; Trottelglosse; Kolleg im Ophir / Carl Einstein: 
Kapitel aus einem unveroffentlichtem Roman f Franz 
Ffemfert: Patriotismus / Blass, Paul Boldt, Ehren- 
b au m -Degele : Verse. Ausserdem gelangt eine neue Arbeit 
von Heinrich Mann („Der Fall Luck**) aus dem Manus- 
kript zur Verlesung. 



INHALT DER VORIOEN NUMMER: Franz Pfemfert: Los von Oesterreich / P. voo Oiitersloh: AbHurienten des Unter* 
bewusstseins / Kuno Kohn : Der Oeruhrte / J. F. : Operetten / Peter Scher : Das Vermachtnis des Lyrikers / Kurt Hiller : 
Outer Rat / Ernst Stadler: Bahnhdfe / Rene Schickele; Der Fremde / „Heine und die Folgen** / Inventur-Ausverkauf / Philister 




WOCHENSCHRIFT FUR POLITIK, LITERATUR, KUNST 
III. JAHR HERAUSGEGEBEN VON FRANZ PFEMFERT NR. 5 



INHALT 



Ueber die Presse 

G. L. Dikkinsson Gerechtigkeit und Freiheit 

Paris von Giitersloh Das Plagiat als Oekonomie der Kunst 

Paul Mayer Ahasvers frdhlich Wanderlied 

Erich Oesterheld Charles Baudelaires M Sarah" 

Paul Boldt Vormorgens 

Leo Matthias Brief an eine einsame Frau 

Rene Schickele Der Fremde 



F(lr Ernst Lissauer: Strom und Acker — Auf dem Presseball — 
Beliebte Pralineemischung — Literarische Neuerscheinungen 

8. Tappert Wilhelm Morgner (Zeichnung) 



Heft 20 Pfg. 



Verlag der Zeitschrift Die Aktion Berlin-Wilmersdorf 






V *0P» 



Die Zeitschrift DIE AKTION veranstaltet am 
Dienstag, den 4. Februar 1913 in den Johann 
Georg Festsalen, Berlin W., Johann Georg- 
strasse 19, ein Kostumfest unter dem Titel 

REVOLUTIONSB A LL 

Man erscheine im Kostiim der Revolutionen von 
1789—1989. Wer reaktionar genug ist, in Ball- 
toilette zu kommen, wird vom Direktorium zu einer 
Konventionalstrafe von M. 1,— fur eine zwangs- 
weise aufzusetzende Jakobinerniiitze verurteilt. 
Das Ballkomitee bilden: Gertrud Eysoldt, Else 
Bema, Dr. Franz Blei Rene Schickele, Max 
Oppenheimer. 

Ratschlage in Kostiimfragen erteilt der Ball- 
ausschuss taglich zwischen 5 und 7 Uhr im 
Atelier des Malers Max Oppenheimer, W. 15, 
Joachimsthalerstrasse 10. 

Eintritlskarten zum Preise von Mk. 5, — sind 
erhaltlich: Kaufhaus des Westens; Theaterkasse 
im Cafe Josty, Potsdamerplatz; Buchhandlung 
Edmund Meyer, Potsdamerstrasse 26. Buchladen 
Kurfurstendamm 




2)te&ftton 

WOCHENSCHRIFT FOR POLiriK, LITERATUR, KUNST 

I a. jahrgangI HERAUSGEGEBEN VON FRANZ PFEMFERT |28.januari8kT| 



Dorl^ldinn . Manuskriptc, Rezensions-, Tausch- 
IxcUalMlUII. ExcrnpUrc etc >ind an den Heiaus- 
geber. Berlin - Wilmeradorl, Nausaauische Straaae 17 
an aenden :: :: Telephon Amt Pfalzburg Nr. 6242 
Unveriangten Manusk.ipten ist RQckporto beizufflgen 



Erscheint Mittwoch 



AKnnnomont. Mk 2 vierteljihrl. (excl Be- 
MDOnnemeni . stellgcld) bei alien Postanst&Jt., 
Buchhandlungen etc. Oder durch Kreuzband gegen Mk. 
2.50 durch den Verlag der „Aktion“, Berlin- Wilmersdorf, 
Nas- auischestr. 17 :: Kommissionir Oust. Brauns, Leipzig 



UEBER DIE FRESSE 



Je schlechter heute ein Blatt, desto grosser ist 
sein Abonnenten-Kreis. 

Einst war die Presse wirklich der Vorkainpfer 
fur die geistigen Interessen in Politik, Kunst 
und Wissenschaft, der Bildner, Lehrer und 
geistige Erzieher des grossen Publikums. Sie 
stritt fur Ideen und suchte die grosse Menge 
zu diesen Ideen emporzuheben. Allmahlich aber 
begann die Gewohnheit der bezahlten Anzeigen. 
. . Es zeigte sich, dass diese Inserate ein sehr 
ergiebiges Mittel seien, um Reichtlimer zusammen 
zu bringen, um immense jahrliche Revenuen aus 
den Zeitungen zu schopfen. Von dieser Stunde 
an wurde die Zeitung eine ausserst lucrative 
Spekulaiion fur einen kapitalbegabten oder 
kapitalhungrigen Verleger. Um aber viele An- 
zeigen zu erhalten, handelle es sich zuvorders 
darum, moglichst viele Abonnenten zu bekom- 
men; denn die Anzeigen stromen natiirlich nur 
solchen Blattern zu, die sich eines grossen 
Abonnentenkreises erfreuen. Von Stunde an 
handelte es sich also nicht mehr darum, fur 
eine grosse Idee zu streiten, und zu ihr lang 
sam imd allmahlich das grosse Publikum hin- 
aufzuheben, sondern, umgekehrt, solchen Mei- 
nungen zu haldigen, welche, wie immer sie 
auch beschaffen sein mochten, der grossten An- 
zahl von Abonnenten genehm sind. Von Stunde 
an also wurden die Zeitungen, immer unter 
Beibehaltung des Scheins, Vorkampfer fur geistige 
Interessen zu sein, aus Bildnern und Lehrern 
des Volkes zu schnoden Augendienern des 
abonnierenden Publikums und dessen Ge- 
schmacks. Von Stunde an wurden die Zeitun- 
gen nicht nur zu einem ganz gewohnlichen Geld- 
geschaft, wie jedes andere auch, sondern, 



schlimmer, zu einem durch und durch heuchle- 
rischen Geschafte, welches unter dem Schein des 
Kampfes fiir grosse Ideen und fiir das Woh! 
des Volkes betrieben wird. 

Das sind ernste, sehr ernste Erscheinungen, und 
ich nehme keinen Anstand zu sagen: wenn nicht 
eine totale Umwandlung unserer Presse ein- 
tritt, wenn diese Zeitungspest noch fiinfzigjahre 
so fortwiitet, so muss unser Volksgeist verderbt 
und zugrunde gerichtet sein bis in seine Tiefen! 
Wenn tausende von Zeitungsschreibern mit 
hunderttausend Stimmen taglich ihre stupide 
Unwissenheit, ihre Gewissenlosigkeit, ihren 
Eunuchenhass gegen alles Wahre und Grosse 
in Politik, Kunst und Wissenschaft dem Volke 
einhauchen, dem Volke, das glaubig und ver- 
trauend nach diesem Gift greift, weil es eine 
geistige Starkung daraus zu schopfen glaubt, 
nun, so muss dieser Volksgeist zu Grunde 
gehen. . . Nicht das begabteste Volk der Weli 
hatte eine solche Presse uberdauert! 

Ein Schriftsteller von Ehre wiirde sich lieber 
die Faust abhacken, als das Gegenteil von dem 
zu sagen, was er denkt; oder sogar das 
nicht zu sagen, was er denkt. Bei den Zei- 
tungen ist dies ausgeschlossen. . . Die geistigen 
Proletarier miissen tagiich lange Spalten fiillen 
liber tausend Dinge. Ob man das Hinreichende, 
ob man das Geringste davon versteht oder 
nicht — die Sache muss behandelt sein. 

Wenn jemand Geld verdienen will, so mag er 
Kotton fabrizieren, oder Tuche, oder auf der 
Boise spielen. Aber dass man um des Geldes 
willen alle Brunnen des Volkgeistes vergiftet und 
dem Volke den geistigen Tod taglich aus tausend 
Rbhren kredenzt, — das ist das hoenste Verbrechen. 








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DIE AKTION 



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Gerechtfgkeit und Freiheit 

Ein Dialog von S. L. Dikkinson 

Martin. . . . Nun gut, ich will jetzt zum nach- 
sten Punkt iibergehen. Wir haben ini allgemei- 
nen ein nach unseren Ideen gerechtes System der 
Verteilung des Reich turns dargelegt; und wir 
haben den Fin wand beantwortet, dass eineGe- 
sellschaft, die dieses System annimmt, weniger 
produktiv sein wiirde als die heutige, Aber wir 
haben noch eine schwierige Frage zu beant- 
worten: Wie so ein System aufrechterhalten wer- 
den kdnnte? 

Stuart. Ja! Wie wiirde cure Geseltschaft regiert 
werden oder sich selbst regieren? 

Martin. Um logisch zu sein, miissen wir zu- 
erst eine andere Frage stellen. 1st es notwen- 
dig, dass sie iiberhaupt regiert wird? 

Stuart? Wie meinen Sie das? Natiirlich muss 
sie regiert werden. 

Martin. Aber was ist eine Regierung? 1st sie 
es, recht betrachtet, die die Gesellschaft in Wirk- 
lichkeit bewegt? Oder wird nicht jede Gesell- 
schaft durch ihre Gewohnheiten, Bedurfnisse und 
Wunsche bewegt, welche sich sozusagen in 
ihrem Willen kundgeben? 

Stuart. Aber ich dachte, dass die Regierung der 
endgiiltige Ausdruck dieses Willens rst. 

Martin. Es ist klar, dass dieselbe nicht der 
vollstandige Ausdruck dieses Willens ist: denn 
die Regierung beschrankt zwar die Tatigkeitder 
Menschen in jeder zivilisierten Gesellschaft, aber 
sie schreibt dieselben nicht vor . Sogar bei uns, 
so verwickelt und sorgfaliig ausgearbeitet unsere 
Gesetze auch sind, sind es freiwillige Ab' 
machungen und freiwillige Verbindungen, welche 
die meisten Beziehungen im Leben bestimmen. 
Leute kaufen und verkaufen, mieten und dingen, 
vereinigen sich auf allerlei Arten, Stir Geschafte 
oder Vergniigen oder zum Zweck des Lemens, 
in tausenderlei Verbindungen, welche durch ihre 
Bedurfnisse und Bestrebungen bestimmt werden; 
und wenn auch die allgen einen Forme n dieser 
Betatigung, und die allgemeinen Schranken der- 
selben, vom Gesetz vorgeschrieben werden, so 
wird dennoch der jeweilige Inhalt dieser Ab- 
machungen durch die die Vertrage schliessenden 
und sich vereinigenden Personen bestimmt; und 
diese freiwilligen Verbindungen und Vertrage 
greifen so gar uber die Grenzei der verschie- 
denen Staaten hinaus, um ihre besonderen 
Zwedce zu verfolgen, und bilden ein kompli- 
ziertes Netzwerk gesel Ischaf tlicher und wirt- 
schaftlicher Beziehungen zwisdien Leuten, die 




unter verschiedenen Gesetzen und Regierungen 
leben. 

Stuart. Dies ist allerdings der Fall. 

Martin. Daraus folgt, augenfaliig, dass wir 
die Regierung nicht als etwas zum Besiehen 
der Gesdlschaft unbedingt Nolwendiges anzu- 
sehen brauchen. Wir miissen zuerst erwagen, 
ob sie notwendig ist oder nicht, ehe wir da- 
nach fragen, welche Form sie annehmen sollte. 
Stuart. Aber dies ist doch eine rein theo- 

retische Frage; niemand bezweifelt, dass Regie- 
rungen tatsachlich notwendig sind. 

Martin. Ich hoffe, wir werden, wie inrnier, 
uns nach unserer eigenen Einsicht richten. Ich 
will den Nutzen der Regierung untersuchen und 
wir zuerst die Frage: Wodurch unterscheiden 
sich die Regel n, welche die Regierungen auf- 
stellen, von jenen, welche die Menschen selber 
in jenen freiwilligen Vereinigungen, von denen 
wir eben sprachen, sich schaffen? 

Stuart. Sie unterscheiden sich gerade dadurch, 
dass die ersteren nicht freiwillig sind . 
Sie werden fur die Menschen gemacht, und die 
Menschen miissen sich denselben, bei sonstiger 
Strafe, fugen 

Martin. Wir kdnnen also mit Recht behaup- 
ten, dass Zwang das Wesen jeder Regie- 
rung ist. Und wenn dieser Zwang notwendig 
ist, so ist dies darum, weil es in der Gesell- 
schaft Menschen gibt, die diese Regeln durch- 
brechen wollen, und sie durchbrechen, wenn 
sie nicht durch die Furcht davon abgeschreckt 
wiirden. 

Stuart. Natiirlich; es gibt eine Verbrecherklasae. 
Martin. Ja; aber waruxn? Wenn Menschen 
gewissen Regeln zuwiderhandeln wollen, so 
zeigt das, dass sie diese als nicht vorteil- 
haft fur sich betrachten. Und wenn sie ihnen 
nicht vorteiihaft sind, zeigt das nicht auch, dass 
diese Regeln irgendwie nicht recht sind? 

Stuart. Aber ich dachte, es ist klar, dass dabei 
nicht die Regeln, sondem die Menschen im Un- 
recht sind? 

Martin. Es tut mir leid, langweilig zu 

scheinen, aber ich frage eben desbalb, weil mir 
dies gar nicht klar scheint. Ich sehe keinen 
Grund zur Annahme, dass die von der Regie- 
rung aufgestellten Regeln, heute oder zuirgend- 
welcher Zdt, in allem, oder auch nur zum 
grossten Teil, die wahren Interessen dex All- 
gemeinheit fdrdem. Ich will nicht sagen, dass 
diese oder jene Gemeinschaft von Menschen 
nicht ihre wahren Interessen erkennt, was ja 
naturlich oft der Fall ist; aber, abgesehen da- 



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137 



138 



DIE AKTION 



von, gibt es keinen Grund, ohne weiteres an- 
zunehmen, dass die Regierungen das lnteresse 
der Gemeinschaft angestrebt haben. 

Stuart. Ich bin kein Historiker; aber dies 

scheint mir doch eine sonderbare Behauptung 
zu sein. 

Martin. Je mehr wir die Geschichte der 
Menschheit studieren, desto deutlicher wird es, 
dass diese Behauptung, so seltsam sie auch 
klmgen mag, den Tatsachen entspricht. Die 
besten Herrscher waren in ihrer Gesetzgebung 
bestrebt, den Untersctiied zwischen Arm und 
Reich zu befestigen; und die beriihmten demo- 
kratischen Republiken des Aitertums waren auf 
der Sklaverei aufgebaut. Es hat bis jetzt nie 
eine Regierung gegeben, welche das Wohl Aller 
angestrebt hatte, anzustreben wagen konnte! 
Die Regierungen der heutigen Staaten sind, 
wie die Regierungen aller Zeiten, ein Spiegel- 
bild der gesellschaftlichen Verhaltnisse. Jede 
Regierung ist, wie es immer der Fall war, in 
den Han den einer Klasse; der Wohlhabenden. 
Und da dies der Fall ist, so ist es nicht an- 
zunehmen, dass der Zwang, den sie ausiibt, 
zum Wohle aller ausgeiibt werden wird; jene, 
diese diesent Zwang Widerstand leisten, sind 
nicht notwendigerweise Verbrecher, das heisst 
Leute, die nicht in vernunftigen gesellschaftli- 
chen Beziehungen mit den ubrigen Menschen 
leben wollen Oder konnen. Wenn zum Bei- 
spiel — wie es eingestandenermassen der Fall 
ist — das, was wir „Verbrechen“ nennen, eine 
Folge der Armut, der schlechien Erziehung, der 
Vernachlassigung und des Mangels an niitzli- 
cher Betatigungsmoglichkeit ist, so entspringen 
diese Verbrechen gerade aus jenen gesellschaft- 
lichen Einrichtungen, gegen welche sie sich 
wenden; und die Regierung schafft so indirekt 

selber die unglucklichen Verbrecher, die sie be- 
st raft 

Stuart. ? — ? 

Martin. Es gab immer wkterspenstige Leute, 
die gegen die Regeln der bestehenden Gesell- 
schaftsordnung handelten, und die Regierungen 
rechtfertigten ihr Bestehen und ihre Zwangs- 
massregeln damit, dass sie unentbehrlich zum 
Schutze dieser Gesellschaftsordnung seien. Aber 
was ist der einzige Grund, dass Leute sich ge- 
gen die Gesellschaftsordnung auflehnen? Doch 
nur der, dass man von ihnen verlangt, sie sol- 
len sich Regeln unterwerfen, die sie nicht gut- 
heissen. 




Glossen 

BELIEBTE PRAL1NEEMISCHUNG 

Man las in Berliner Blattern: 

„Die Damenspende des Presseballs ist ein „ Mu- 
sen almanac h 1913“, eine jener poetischen 
Anthologien, die sich von Jahr zu Jahr 
immer grosserer Beliebtheit erfreuen. In origi- 
neller Ausstattung bietet die Sammtung die 
heiteren und ernsten Beitrage 
von 81 deutschen Schriftstellern, 
darunter — um nur einige zu nennen 
-- Walter Bloem, Oskar Blumen- 
thal, Ludwig Fulda, Rudolf Her- 
zog, Rudolf Presber, Karl Ros- 
n er, Hugo Salus, Frida Schanz, 
Julius Stettenheim, Johannes 
Trojan, Ernst Zahn. Auch Fiirst v. 
Bulow hat einen Gedankensplitter 
aus Rom geschickt. Das Buchlein diirfte das 
Entziicken der Frauen um so mehr hervor- 
rufen, als ihm eine reizende Bonbon- 
n i e r e mit Sarottis beliebter P r a 1 i nee- 
rn i s c h u n g „PressebaH“ beigefiigt wird." 
„Beigefugt?“ Welch Pleonasmus! Ist der Al- 
manach nicht selbst Bonbonniere? Und die 
Mischung, die er enthalt, vielleicht weniger be- 
liebt? Geschmack-volle Frauen werden freilich 
die Pralindes von Sarotti den . . ungeniessbaren 
vorziehen. 

STROM UND ACKER 

Grollt auf seinem Glorienschein 
aimer Schreiber Ohnebeki 
zehn Schritt hinterm heil’gen Hain, 
weil sie dorten Dinge treiben, 
die ihm selber h§ngen bleiben, 
an der Stelle, wo er sitzt, 
wenn er seine Lyrik schwitzt. 

Traumt auf seinem Glorienschein 
aimer Dichter Ohnebein 
— und er taucht die Feder ein! - 
dass er mit den Musen schreitet, 
die sein Wort in Purpur kleidet. 

Und das setzt sie von allein 
ferre k terre mit Ohnebein. 

Rudert auf dem Glorienschein 
stolzer Schiffer Ohnebein 
hurtig fiber Stock und Stein. 

Staunend blicken die Geschiirzten, 
jteidisch die so oft Ge9dirzten 
auf die starken Hosen hin, 
die auf groesen Strdmen ziehn. 



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139 



DIE AKTION 



N 






140 






Wtihl t auf seinem Glorienschein 
knorrger Bauer Ohnebein. 

Hoscn mussen Pfliige sein. 

Pflugen sich durch Feld und Wiesen, 

wo sie etwas hinterliessen, 

was nach Sch weiss und Tinte roch. 

Schwer in einem tiefen Loch, 
das er mit dem Steiss erbroch, 
fahrt aus Tr&umen Ohnebein. 

Und er taucht die Fcder ein! 

AUF DEM FRESSEBALL 

machten sich u. A. bemerkbar: Bethmann-Hoit- 
weg und Robert Saudek. 



AHASVERS FR0EML1CH WANDERL1ED 

Seht, ich bin der Wurzc'losc 
Kein der Uniwelt Anvermahltci , 

Kcines Heimwehlraums Narkosc 
Treibt das Herz mir in die Hose 
Denn ich bin cm Lcidgest&hltcr. 

Friedlich sitzt ihr in der Wolle 
Eurcr heiligsten Gefuhle 
Plliigend die ererbte Scliolle 
Wahrend ich die wandertolle 
Sehnsucht in Gesangen kiihle. 

Manchmal zerrt ihr mich am Rocke 
Und ihr kitzelt meine Wunden 
Doch ich greir zum Wanderstocke 
Ich bin frei und ich frohlocke 
Weil ich nicht, wie ihr, gebunden. 

Treibt ihr mich von euren Schwellen, 
Ich bin doch der Meistbegehrte 
Eure Neidgeschreie gellen 
Denn ich trinke eure Quellen 
Und ich wage eure Werte. 

Und mit eines Konigs Geste 
Schenke ich euch meine Gabe 
Und ich schmucke eure Feste 
Spende euch dazu das Beste, 

Was ich selbst errungen habe. 

Meiner Seele glatte Haute 
Bergen, was ich bettelnd biissie 
Doch es ttrrmt sich meine Beute 
Und es jauchzen eure Braute 
Mir, dem Auswurf fremder Wuste. 



Gahnend dampft Ihr euren Knaster 
Zu der ehrbaren Verdauung 
Doch ich bin ein kluger Taster 
Und ich reize eure Laster 
Zu hochsteigener Erbauung. 

Also treibe ich die Spiele, 

Meines reifen Uebermutes 
Sonderbare, sehr subtile 
Letzte, euch verhullte Ziele 
Meines Asiatenblutes. 

Heidelberg Paul Mayer 

■ ■ 



Das Plagiat als Oekonomie 
der Kunst 

Von P. von Gutersloh 
Es geht die Erfahrung uni, dass Renoir etwa, 
oder Tintoretto oder Cezanne, nicht so sehr 
das sind, was sie erwiesenermasseu ausdruckea, 
sondem vielmehr das, was wir von ihnen er* 
warteten, ehe wir sie sahen, und sicher nur 
das, wie wir von ihnen sprechen. 

Der jeweilige Bestand des optischen Bewusst* 
seins erscheint zuerst als Essenz der malerischen 
Kultur, verwandelt sich aber unter dem Ein* 
flusse starker Inielligenz in einen neuen Stoff, 
wiederum im Material einer hdheren Stufe, das 
nun der Sprache dient. und dessen Produkte 
umformend auf das optische Bewusstsein selhst 
zu r uckwir ken . 

Man sieht, dass die Rezeption von malerischen 
Werten von den Gesetzen der Sprache deter* 
miniert ist, sich paralell mit der differenzierten 
Architektonik eines Stiles offenbart, der sich 

zugleich mit dem Sehen, 
hdre als ein Fallen und 
als ein subtiles Mitschwingen der 
Stimmbander deutlich macht. 

Woraus Kritik oder ein iuteressantes Plagiat ent- 
steht — ist der intelligente Beschauer, Kntiker 
oder Kiinstler. Denn: Form ist eine Er- 
fahrung der Sprache, und ist das, 

womit das Sprach reservoir auf j e d e 
Erscheinung, auch auf jene, die in die ande- 
ren Organe einfallt, antwor tet. Sei es, 
dass die Sprache, die grosste Feindin des Chaos 
ist, sei es, dass sie in direkter Abkunft von der 
Vemunft steht, und so die vemunftige Maschi- 
nerie: Mensch, in ihrer Toialitat beherrscht. 
Was der Kiinstler also in seinem Werke als 
Form ausspricht, ist dadurch schon verdachtig, 
dass er erst der Objektivation durch die Er- 
innerung bedarf, um sich einer ganz bestimin- 
ten Eigen turn hchkeit seines Werkes bewusst zu 



im O e- 

Heben, 

affizierten 



DIE AKTION 



142 



141 



werden, und bingt durchaus nicbt mit dem 
wahren Zustand des Werkes zusammen, ist viel- 
mehr jene empfindliche Flache, jenes reizbare 
Neutrum, worauf das Sprachbewusstsein der an- 
dern dem sdnen ahnlich zu werden beginnt, 
Und jener horbare Dialog der Stimmbander 
entsteht. 

So ist Form — ich spreche nicht vom Stilisma, 
das ein schamloses Vorwegnehmen des ausser- 
lichen Vorgangs, der Formbildung ist — kein 
Akzidens, das dem Werk a priori zukotnmt, 
kein Teil des Gesamtorganismus, sondem die 
im Kulturelkn tausendfaltig bedingte Art, ein 
Frodukt der Kunst zu sehen. 

Erstreckt sich diese Art zu sehen auch au! Ge- 
gensfinde, die gerade nicht Modelie eines 
Malers sind, so entsteht das Kunstgewerbe. 
Form ist also kein Wert, womit sich rechnen 
lasst, keine alien gleichzeitig sichtbare Wahr- 
nehmung an den Grenzen der Reizsamkeit, 
variabel nach Alter, Bildung, Hereditat und 
Sprachkultur, und der Plagiator der „Fonn“ 
des Cezanne etwa, ein Psych otiker starksten 
Grades, weil er einem, fur einen andem, nicht 
nachzuweisenden Zwange erliegt, einem Zwange, 
der nicht im suggerierenden Werke selbst liegt, 
sondem in dessen Atmosphare, und des dftern 
gar nicht darin, sondem gerade im ergriffenen 
Nachahmer selbst, da jener gewisse Aeusse- 
rungswillen seine eigene Produktivitat noch 
nicht erscbaut, erfasst, und seiner Persdnlich- 
keit untergeordnet hat, sondem alles, was ihm 
an sich fremd, ultra und ( unbewusst) absurd 
vorkommt, mit der Vorstellung Cezanne belegt 
und sich so ein Symbol schafft, unter dessen 
Schutz er sich nun ausleben kann. 

Sobald sich aber der Plagiator des Cezanne als 
das Opfer eines psychologischen Vorganges dar- 
stellt, Plagiate nicht des tatsachlichen Cezanne, 
sondem nur seiner Vorstellung von jenem, die 
er, ohne bezugliche Bilder gesehen zu haben, 
vielleicht gewissen Kapiteln Meier - Grades ver- 
dankt, seines Wie also, staunt man vielleicht 
fiber die rekonstruierende Kraft der malerischen 
Intelligenz, die zugleich aber so der Sprache 
verfallt, und nun eigentlich nicht einmal mehr 
die eigene phcmetische Architektur zu Cezanne, 
sondem jene seines Historikers malt, und das 
Problem der Form entwirrt sich. Form ist ein 
Zustand der Veraunft, und heisst: Prophylaxis 
fur optisdte Psychosen. 

Aile Tradition ist nur durch jene sensitivsten 
Plagiate, deren phantastische Technik aller- 
grosste Kunstler vorauasetzt, mdglich, undKul- 




tur entsteht durch Verhinderung zum Original, 
durch das sich Komplizieremnussen mit dem 
Bericht davon. 

Die Boten im Homer, die Rapsoden und Ge- 
schichtentrager, die Hebbelschen Intriganten, die 
ein Problem, woran niemand gedacht, in die 
Menge werfen, urn das sie nun bis zur Ver- 
nichtung rodert, die Entdecker abenteuerlicher 
Lander und fremder vergessener Kfinstler stehen 
im Dienste einer schlauen Gottheit, die Grosse 
schafft und Kraft spart, und wissen urn ihr 
Geheimnis: Es gibt vielleicht gar kein Original. 



Anmerkung: Es ist eine, den Medizinem be- 
kannte Tatsache, dass das gelesene Wort nicht 
durch den Optikus direkt dem Gehirae vorge- 
stellt wild, sondem den Weg fiber den Akusti- 
kus nehmen muss und die Stimmbander affi- 
ziert, so dass wir eigentlich weniger mit den 
Augen als mit dem Ohre lesen. Was in der 
der Konsequenz eine Prioritat der Musik er* 
gibe, und die moralische Minderwertigkeit der 
Kfinste, die dem Auge reflexiv sind. Und wie 
sehr wir bei der Rezeption von optischen Wer- 
ten von unserm Sprachgefuhl abhingig sind. 
Wahrend der Ton keinen erldarenden Umweg 
macht, und umso schwerer zu verstehen ist, 
je leichfer wir ihn automatisch aufnehmen. 

BRIEF AN EINE E INSAME, SCHWANGERE 
FRAU. 

Meine Freundin: 

Du erzihlst mir von der Einsamkeit, die schwer 
und lautlos Deine weiten Raume verstaubt. Die 
Menschen und die Stfihle, die Biume und die 
Hauser ruckten von Dir, unmerklich, und eines 
Tages als Du in schwerem Schreiten nach einer 
Lehne griffst, lachte sie kalt durch Deine Glic- 
der, und wieder warst Du allein, und — so 
fuhrst Du fort — niemals wieder werden Deine 
Hande wirmen, was sie beruhrten. 

Aber ich glaube, dass die Einsamkeit nur ihre 
letzten Tiefen hohlt, um von der Sohle zu er- 
zittern bis zu den Augen, die die Freude sehen 
werden. Die Welt um Dich sinkt, wie ein 

Wasser — so schnell, dass Deine suchenden 
Hande nur noch eben Dein Bild im Spiegel 
strdcheln konnen, und dann verstromt es. 

Nachts wartest Du auf die Freude. Und jeder 
scharfe Schrei, der Deine weinenden Mund- 
winkel zerreissen wird, wird erstig und heilig 
sein. Dein Blut wird Dich umarmen und es 
wird heiss sein von Deiner Liebe. 



143 



DIE AKTION 



144 



Vergisst Du auch nicht, das sWuneche sich nut 
dffnen, wenn sie scfa5ne Dinge kosen? 

Stelle den Betenden Knaben oder den Ball- 
spieler (so nennen ihn Einige, aber es ist nur 
ein anderes Wort) in Dein Zimmer und schlafe 
mit ihm. Seine Schdnheit wird Dich schmerzen 
und Dein Kind wird den Kelch Deines Leibes 
zerzerren in Sehnsucht nach seinen schianken 
Oliedern. Nur jetzt noch kannst Du es mit 
dem Formdruck Demer Hande kussen. Wenn 
die Muschel aufklaBt und die Muskeln Deines 
Riickens stumm in grosser Fuge vom Schmerze 
tdnen, verstummt selbst das Capriccio Deiner 
Kndchel und nur die Kiage ringt in Deineu 
H&nden, die sich pre9sen. Erst, wenn das 
Wasser, mit dem man das Kind waschen wird, 
Kinnt, wirst Du wissen, dass es jetzt der Welt 
gehort und nicht mehr Dir. 

Aber wo es geht, wird es auf Deinen Handen 
schreiten, die wie ein weisser Teppich unter 
seinen Fussen schlafen. 

Du wirst einem Leben die Oewissheit geben, 
frei zu stehen. Denn Deine Ehrfurcht vor 

Deinem Kinde wird grftsser sein, als jene 
Liebe, mit der Du es betasten mochtest. Weil 
Du es achtest, wird es Dich lieben. Nie wird 
es einsam sein. Wer aber das weiss, kann zu 
der Erde beten oder mit ihr spielen , wie der 
Betende Knabe oder der Ball spieler (so nennen 
ihn Einige, aber es ist nur ein anderes Wort) 
— so stark ist er und so gHxddich. 

Und nun wunsche ich Deinem Kinde das Leid 
jeder Lust. Und alle Turen soli es erst brechen 
mussen! 

Dabei wollen wir Beide ihm nicht helfen, Du 
und ich. 

Wilmersdorf, im Januar 1913. Leo Matthias. 



VORMOROENS 



Sarah 

Von Charles Baudelaire. 

Ich liebe keinevon den vielumworbnen schonen Frauen, 
Der Welt zum Spott gehor ich einem Bettelweib 
In tiefer Liebe, dessen reizeamten Leib 
Nur meines Herzens Augen schon und lieblich schauen. 

Ffir ein paar alte Lumpen hat sie ihre Seele 
Verkauft; doch wenn ich Heuchler und gottthnlich war 
Bei ihr, dann traf mich Oottes Lacheln w under bar, 
Mich, der ich Geist verkauf und mein Talent verqu&le. 



Auf ihrem Kopf — o Lastermall — ruhn falsche Haare, 
Es fiob des Nackens Schnee der Haare dunkler Wald, 
Doch meiner Liebe Kfisse werden nimmer alt, 

Die auf der kahlen Stirn verweinen Tag und Jahre. 

hr Auge schielt, doch wunderbar ist ihres Blickes 
BerQhrung, der in Wimpernnacht das H trz entflammt, 
Datt alle Augen, die man lieb, ffir die man sich verdammt, 
Nicht so wie sie der Quell sind innerlichsten Glfickes. 



Trotz ihren zwanzig Jahren hingen ihre beiden Brfiste 
Schon tief herab, wie Kalabassen, weich und matt, 
Doch wenn ich ihren Leib umschlinge, nimmcrsatt, 
Sauge und beitt ich in die Mutterbrust der Lfiste. 



Oft fehlt ihr jeder heller, urn sich Brust und Lende 
Mit Oel zu salben und zu sSubern, aber doch 



Lippen drauf, mit gi 
st aes Herren F OB 



Und grausam rSchten sich die atemlosen Stunden 
Der wollust, die sie trieb, denn rauh und keuchend ist 
Ihr Atem, hohl die Lungen, die die Schwindsucht frittt, 
Und oft schon hat im Hospital sie Rast gefunden. 



Die beiden grofien, unruhvollen Augenfenster 
Erspfihn im Dunkel andre Augen angstverzagt, 

Denn da sie jeden nahm und keinem sich versagt, 
Glaubtfurchtsam sie desNachts anGeisterundGespenster. 



Und darum braucht sie mehr des Lampendis als greise 
Gelehrte, welche Tag und Nfichte fiber ihren Bfichern ruhn, 
Und weniger kann Hunger ihr zu Lcide tun, 

Als das Gespenst der Liebsten in des Bahrtuchs Weifle. 



Schnecflocken klettem an den Fensterschdbett. 
Auf meinem Sfchreibtisdi schl&ft der Lampcnschein ; 
Und hingestreute Bogen, weiss und rein, 

Ich wollte wohl etwas von Veraen sdireiben. — 



Wenn ihr sie trefft, in ihrem wunderlichen Futze 
Entlegne StraBen gehn im Schleichergang, 

Den Slick und Kopf gesenkt, wie Tauben wund und krank, 
Den schiefgctretncn Schuh und Fransenrock im Schmutze, 



Der Tag ist nah. Die Jalousien schurr’n, 

Die letzten Sterne torkeln von den Posten. 

Der Tag ist nab, den unbesternten Osten 
Bevdlkern Morgenwinde schon purpurn. — 

Und mich bewachsen Abende, beschatten 
Die Jahre! O ich dunlde ein. 

Das Gas singt in den Gassen Utanein, 

Dass meine Augen so sehr fruh ermatten. — — 

Charlottenburg Paul Bold 



Ihr Herren, speit mir nicht in dieses armen Weibes 
Geschminktes Antlitz, das euch abstdflt und erschreckt, 
Und weil der Hunger es verwittert und verdreckt. 

In freie Luft gehingt die Kleider seines Leibes; 

Denn dieses Weib ist mein, ist Anfang und Vollenden 
Des Glflcks mir, Klcinod, Herrin, meine Kdnigin, 

Die mich auf ihrem Schott gewiegt mit leichtcm Sinn 
Und mein erkaitet Herz erwfirmt in ihren Hindenl 

(Atttorlsierte Uebersetzunf von Crick Octterheld.) 



DIE AKTION 






147 



i 



DIE AKTION 



Der Fremde 



Roman von Rene Schickete 

(13. Fortsetzung) 

— Ich will mich neben Sie setzen. 

Das Madchen umfasste Berthe mit den hoch- 
gezogenen Beinen und dem Oberkorper, und 
Berthe lehnte sicn auf sie zuritek. 

Unterdessen hatte Calon einen Entschluss ge- 
fasst. Er las unaufhaltsaxn und mit ianggezogener 
Stimme, die pldtzlich heftig geworden war, 
Baudelaires * Morgen". 



La diane chantait dans ?cs cours des casernes, 
Et le vent du matin soufflait sur les ianternes. 
CStait l’heure ou i’essaitn des reves nialfaisants. 
Tord sur leurs oreillers les bruns adolescents. 



Calon las jede Zeile z wei* , dreimal und begann 
von neuem. Einmal stand er auf, griff mit zit- 
temden Handen ein Gtas Sherry und sturztees 
hinunter und nodi eins. Darauf kehrte er mit 
grossen, verwirrten Augen zu seinem Buch zu* 
riick. Er legte es auf die Knie, nahm den Kopf 
in die Fauste, und indem er las, wuchs neben 
ihm die versteckte Orgie, verastelten sich die 
Gefuhle und suchten. Der weisse Leib auf der 
Chaiselongue wurde in der Dammerung unbe- 
stimmter, er war nur noch eine tiefe lichte 
Masse, und dann begann er abgriindig zu 
ieuchten . 

Calon hatte sich vor die Chaiselongue auf den 
Boden gelegt und die Augen geschlossen. Er 
lauschte mit alien Fibem. 

Und spater war es ganz herrlich geworden. Das 
Modell hatte sich angezogen und war fortge- 
gangen. DabeS hatte es Paul angesdien und 
scherzend gesagt: 

— Fr£d6ric wird Ihnen sagen, wo ich zu fin- 
den bin. 

Dieses verfludite Kinn. Er hatte gezittert, als 
sie so vor ihm stand. 

Hatte die rtackte Wahrheit nicht eine unheim- 
liche Gewalt? Sie fanatisierte, riss hin, verge- 
waltigte, gletchgiltig, ob es nun Heiligkeit 
oder Prostitution war. Die Tucken und Schliche 
Satans waren gar nicht gefahrlich. Aber wenn 
er einem ohne jede Umstinde den Hintem hin- 
hielt, — das wirkte unwiderstehlich. Das he- 
geisterte. 

Calon schloss die Tur ab, und — es hatte Paul 
erschuttert, wie er das sagte: 

— Gott sei Dank, sagte er, nun sind wir end- 
lich unter uns! Und dabei lachelte er. 



148 



Welche verirrte Sanftmut, wenn er so leise 
lachelte. 

— Und nun mussen Sie sprechen, Lamonde. 
Da geschah es, dass es ganz herrlich wurde an 
diesem Abend. Der grosse Tragode sprach 
Verse aus dem Oedipus. Es war Ebene und 
Nacht. Ein toter Mond. Endlos. Keine Sterne. 
Auf dem tinstem Himmel die Cyklopenmauem 
einer Konigsburg. Und eine Stimme recktesich 
auf, wie einer, der lange und schwer geschlafen 
hat. Sie sprach Worte uralten Grauens Sie 
stand aufrecht vor dem Tor eines Schlosses und 
sprach in die Nacht hinaus, miter dem ewigen 
Hhnmel, vor der cistarrten Erde. Das alleswar 
vor so und so viel tausend Jahren, so wie es 
tausend Jahren ware. Eine halbe Stunde glaubte 
Paul den Wellenschlag eines Ozeans in der 
Brust zu tragen. Er sah den Menschen riesen- 
gross, schwer von seinen Gedanken bewegt. 
Dann war es voruber gewesen, und sie hatten 
grtrunken. . . 




Paul Merkel blieb vor einer engen Seitengasse 
stehen, die vom Gerausch stampfender Ma- 
schinen eilullt war. Nach dem trummerhaften 
Tor kam ein feuchter Hof. Es drohten die 
schmutzigen Gesichter der Arbdter, die ihnmit 
einer ausgezeichneten Verachlung bdianddten, 
und dann sah er sich unter den traurigen Ge- 
stalten der Redaktion, die ihm mit Nonchalence 
seine samtlichen Zigaretten wegrauchten und wie 
Freiplatzschuler aufschraken, wenn der Chef die 
Tur aufriss. Er glaubte schon die tiefe Stimme 
des Abgeordneten zu horen. 

— Herr Merkel, ich sah Sie heute in der Kam- 
mer mit Ihrem Landsmann, dem Abgeordneten 
X zusammenstehn . . . 



Paul kehrte um und ging eilig den Weg zuruck, 
den er gekommen war. Er errdtete vor Scham. 
Hatte er nicht in Gedanken geantwortet, dass 
Herr X ihm persdnlich angenehm sei? Diese 
Feigheit! Als ob es ihn, Paul Merkel, etwas 
anginge, ob ein Schriftsteller, den er schatzte, 
sich von Sozialisten oder von Nationalisten 
wajilen liess! 



Aber nun h6rte er den Chef antworten. 

— Herr Merkel, ich will Sie nur wamen. Wenn 
Sie Ratschlage n5tig haben, mussen Sie bei an- 
dem, zuverlassigeren Politikern vorsprechen. Ihr 
Herr X ist ein berufsmassiger Dilettant, er expe- 
rimentiert. Er ist ein Spieler. 







149 DIE AKT10N 150 



Und wenn nun ihm, Paul Meckel, gerade das 
Spiel des Heim X sympathisch ware? . . 
Nein, er tat dem Mann unrecht Der tnusste 
Herm X veraehttieh finden. Paul dachte uber 
seinen Chef nach und fand, dass er ihn bewun- 
derte, dass es dieser Mann gewesen war, der 
ihn so lange in dem Loch von einer Redaktion, 
in der Mitte berusster und stigmatisierter 
Streber zuriickgehalten hatte. Von ihm hatte 
Paul emen unvergleichlichen Handed ruck in der 
Erinmening . . Es war in der Nacht nach einer 
Voflcsversammlung, draussen in einer Vorstadt. 
Paul begleitete den Tribun nach Hause. Der 
ging biass and schweigsam neben ihm her. Seine 
eigene Partei hatte ihn schwer gekrankt. Sie 
hatte ihn beinah im Slich gelassen. Fuhlte er 
nun, dass der muhsam errungene Sieg doch nur 
ein Rednersieg gewesen war? Paul versuchteein 
Gesprich m Gang zu bringen, aber der andere 
antwortete ausweichend, seine Stimme zittertc. 
Schliesslich an der Tur seines Hauses driickte 
er Paul die Hand. 

— Vergessen Sie nie, Herr Merkel, worum es 
geht. Es soil so weit kommen, dass kein 
Mensch mehr schuldlos hungert. Es wird wahr 
sein, dass es keine Grausamkeit niehr gibt, die 
so unmenschtkh ist, dass sie jemand verkommen 
l&ssi Um das Gluck so vieler zu erreichen. 
learns ein einzelner nfemals zu viel lei den. . . 

Ein wnndervoller Mensch! Aber am andern 
Tag war er doch wieder Gesch&ftsmann und 
bestrebt, die Konkurrenz mit alien Mitteln tot- 
zuschlagen. Vielleicht iiess es sich nicht an- 
ders fechten in der Kloake der Polemiken. Viel- 
leicht war der ein Charakter, der bis an den 
Hals, aber mit glanzender Stim, im Kot stand 
und vorwirte schritt. 

Ivan Tartre? Der hatte es lricht, iiber die So- 
zialisten herzufallen. Er war Anarchist, Anti- 
parlamentarier, Antipolitiker. Er hatte keine 
Gekgenheit, in Versuchung zu geraten. Zwar 
wunschte er gewiss auch: es soil so weit kom- 
men, dass kein Mensch mehr schuldlos hungert. 
Im ubrigen aber trug er vorl^ufig sehr wenig 
dazu bei und trdstete sich damit, dass er die 
Kampfe der Sozialisten fur ein unnutzes, wenn 
nicht schadliches Geplankel erklarte, wahrend 
er, der gute, sentimentale Anarchist Ivan Tartre, 
cine Schlacht vorbereitete, die vielleicht in eini- 
gen hundert Jahren geschlagen wurde. 

Nun, es kam ja nicht auf die Zeitdauer an. 

Unterdessen erschien Paul das banalste Dasein 
entsetzlich schwierig, Musste er sich nicht 



von links und von rechts stossen lassen, aller- 
hand komischen Maschinen von Weibem aus 
dem Wege gehn, die, ungeheuerlich, die eine 
Seite des Trottoirs behaupteten, wahrend ein 
bem&nielter Koter, der mit einer dummen ttals- 
starngkeit an seinem Sett zerrte, die andere 
Seite frethielt, betrunknen Wagen ausweichen 
und sicb mit wilden Sprungen der Gefahr ent- 
ziehen, an irgend einer Ecke unter dem Zu* 
sammenstoss zweier Handkarren begraben zu 
werden? Ware er dann glucklich auf dem 
Boulevard Montmartre angelangt, galte es, in 
den engen Gasschen die Rutschpartien der Kin- 
der und andere Spieie, bei denen Holzstucke und 
Steine in der Luft hcrumflogen, zu passieren, 
dichte Gruppen von s&ugenden Frauen mitVor- 
sicht zu umgehn und endiich auf den Stein- 
treppen achi zu haben, um nicht von einem her- 
absausenden Bierfasschen mitgerissen zu werden, 
Es blieben noch die funf Stockwerke bis zur 
Wohnung des Dichters, iiinf schmale, enge 
Treppen voll schreiender Kinder und wutent- 
brannter Frauen. Dann . . . dann sahe er zum 
hundertsten Male die Aussicht, und Tartre 
wiirde ihn fragen, ob er nun das anarchistisdie 
Manifest unterzeichnen wolie oder nicht. Nam- 
lich, es sei noch Zeit. Nach 8 Uhr kameNie- 
land und erzahlte mit skeptischem Lacheln, dass 
Lamonde ihn ermunterte, dass er in der drama- 
tischen Aussprache grosse Fortschrihe machte, 
dass Lamonde ihn nachstens in seine Klasseam 
Konservatorium aufnUime, sein Vater aber wie- 
der einmal mit Entziehung des Wechsels ge- 
droht habe, wenn er nicht nach Deutschland 
zuruckkehrte und sein Referendarexamen ablegte. 
Herrgott, und dann kame vielleicht Malva, und 
die andern liessen sie allefn! 

VF. 

Er furchtete sich, mit ihr allein zu sein, wenn 
sie zuerst mit den andern zusammengewesen 
waren. Er fand nicht zu ihr hin. Er qu&lie 
sich zu Tode, um die Worte, die Gute eines 
Geliebteo zu finden. Ihre Vertraulifihkeit blieb 
banal, wie sie es vor den andern gewesen war. 
Es gab keine Vertiefung. . . . Warum hatte er 
Malva in diesen Kreis gezogen ! Welche Dumm- 
heit, ein Madchen wie Malva in die Gesell- 
schaft seiner Freunde zu bringen. Welcher 
Wahnsinn, sie an dem elenden Leben desHeute, 
Morgen, Uebermorgen teilnehmen zu lassen. 

Malva! . . Wie sie an einem Fruhliiigsmorgen, 
als im Hof die Kastanienbaume bliihteo und der 




DIE AKTION 



152 




ganze Linn der Strassc ein sonniges Bluhn 
untcr dcm blassblauen Himmei war, in sein 
Zimmer kam und sich mit zuriickgeworfenem 
Kopl und hangenden Armen, ein fliegendes 
Lacheln urn den Mund, an seine Brust lehnte! 
Wie sie zitterte und tr&nenlos weinte, als ersie 
nahm t bis sie nichts mehr, gar nichts mehr als 
seine Geliebte war. Malva! 

Nun sehnte er sich nach ihr. Vielleicht wartete 
sie schon lange auf ihn, droben bei Tartre. Er 
begann zu laufen. Mitten aul der Treppe blieb 
er stehn. Schon hatte er es nicht mehr m sich, 
dieses Brennende, Schmerzhafte, das unfrucht- 
bare Feuer, das ihn immer wieder ergriff und 
Sin hin und her warf wie eine Flamme . . 
Dieses Fieber! . . Er war kalt und ruhig und 
nui ein wenig mude. Was nutzte das alles? Er 
kam nicht mehr zu ihr hin. Und wenn er sich 
an ihrem Herzen getotet hitte. Sie war seine 
kleine Maitresse, wie die andenr die ihrehatten. 

Paul lehnte sich an das Gelinder der Treppe. 
Er nahm den Kopf in die Arme und sprach in 
sich hinein, wie in etwas Hohles, Dunkles, wie 
in ein leeres, dunkles Zimmer, in dem er selbst 
stand und buschte: 

Paul Merkel, du hast Gemeinschaften gesucht 
bei den Lebenden und bei den Toten. Du hast 
sie dort gesucht, wo die* Gemeinsamkeit am 
tiefsten ist: in der Liebe . . . 

(fortsetzung folgt.) 

M1TTEILUNG DES VERLAGES 

Die zweite Januar*Nummer 1913 erschien als 

LYRISCHE ANTHOLOO IE 

Sie ist dem Ged&chtnis Georg Heyms gewidmet 
und enthilt; Beitr&ge von Hans Baas, Ernst 
Balcke, Gottfried Benn, Alexander Bessmertny, 
Ernst Blass, Paul Boldt, Max Brod, Arthur 
Drey, S. Friedbender, Reinhold Fruhling, Max 
Herrmann (Neisse), Georg Heym, Kurt Hiller, 
Jakob van Hoddis, E. F. Hoffmann, Rudolf 
Kayser, Alfred Kerr, Willy Kusters, Alfred 
Lichtenstein (Wihnersdorf), Leo Matthias, Paul 
Mayer (Bonn), Alfred Richard Meyer, Erich 
Muhsam, Richard Oehring, Erich Oesterheld, 
Anselm ftuest, Rene Schickele, Mario Spiro, 
Ernst Stadler (Brussel), Hellmuth Wetzel, Alfred 
Wolfenstein. 



Diese Sondernummer, die bald vergriffen sein 
diirfte, kostet im Einzelverkauf 

50 PFENNIG 

Neu hinzutretenden Abonnenten wird sie ohne 
Erhohung des Abonnement gratis nachgeliefert. 

Die LYRISCHE ANTHOLOGIE bietet eine 
gunstige Gelegenheit. unserm Bbtte neue Kampf- 
genossen zu gewinnen! 

An die Arbeit, Freunde! dieser Ruf kann nicht 
haufig genug erschallen. Fordert vom Verlage 
Propagandamaterial, sendet persdnlich den Be* 
kann ten Probenummern . An die Arbeit! damit 
die Stosskraft der AKTION wadise. 



Liierarisdie Neuerscheinungen 

JAKOB SCHAFFNER: Die goldne Fratze. Novelien. — 
(S. Fischer, Verlag, Berlin.) Oeh. 4 M., in Leinen 5 M. 

Es ist ein weiter Weg von den „lrrf*hrten“ bis zu diesem 
neuesten Buch. Wenn man die Novelien liest, so merkt 
man, dass Sehaffner gesehen und erlebt haben muss, wie 
wenig schonungsvoll das Leben mit seinen Oeschopfen 
vertahrt. Die Novelien zeichnen sich alle durch die Be* 
scheidenheit des grossen Erlebnisscs aus, das keinen 
schmiickenden Aufputz braucht. Sehaffner erziihlt in dem 
neuen Buch einfacher als jc, aber sein Humor ist begriindeter, 
sein Ernst gewichtiger als frfiher und sein Lebensgebiet 
erweitert. 

Zeitsdiriflensdiau 

DAS LITERARtSCHE ECHO. Halbmonateschrift ftir Lileratar- 
freunde. Verlag: Egon Fleischel A Co., Berlin W. 9. Das 
1 . Feb ruar heft enthSIt: Ludwig Feuehiwanger: Dramatische 
Volkskunsl; Wolfgang Schuhmann : Ein Schitlerroman; Moritz 
Hetmann: Eine Hebbel*Ausgabe; Walter von Molo: Die Per* 
sdnlichkeit im Drama u. a. 

DIE SCHAUBOHNE enthilt in der Nummer 4: Bahrbarey. 
Von S. J. Das Kin1op»Epos, Von Ulrich Ranscher. Erwachen. 
Von Erich Muhsam. Ouvertiire. Von Kurt Tuchotski. Cart 
Clewing. Von Herbert Ihering u a. 

PAN. No. 17 enthilt: Alfred Kerr: Die Held-Komodie; Otto 
Feyen: Ueber Ernst Blass; Else Lasker-Schfiler : Egon 
Adler; Robert Reiner: Operation u. a. 

Vomolizen 

blur wichtige Neucracbcinungen warden bier angezeigt. Die Betprechuu 
der etnzelnen Werke tolft fai den uftebeten Nummem der AKTION) 

ERNST BLASS. Die Strassen komme ich entlang geweht. 

Verse. (Verl. von Rich, Weissbach, Heidelberg. Qeb. 2.50. 
AUOUSTE RODIN. Die Kunst. (Ernst Rowohlt, Verlag 
Leipzig.) Qeb. M. 5. — 

CARL NEURATH. Das DomguL Die Oeschichte einer 
Familie. (Lit. Anstalt Rutten A Loening, Frankfurt a. M.) 
Oeh. M. 4. — . 

MAURICE HEWLETT. Die Chronik der Konigin Maria 
Stuart. Roman. (Uterarische Anstatt Rutten A Loening ) 
Oeh. M. 6 

HANS HYAN Schlossermaxe. Posse. (Oesterheld A Co., 
Berlin.) Oeh. M. 2.—. 

ALFRED LICHTENSTEIN (Wilmersdorf). Die Dimmerung. 

Oedichte. (A. R Meyer, Verlag, Wilmersdorf.) Oeh 50 Pfg. 
FRANZ KAFKA. Betrachtung. (Ernst Rowohlt Verisg, 
Leipzig.) Oeh. M. 4,50. 



INHALT DER VORIOEN NUMMER: Franz Pfemfert: Wetter) £a Rechtfertigung / G. Fuchs: Der Politiker Haussmann / Rudolf 
Leonhard: Ueber den Tanz / Marie Hofzer: Vom Weaen der KrHik / Paul Boldt; Capriccio / Rudolf Kayser: Nacht-Seufzer f 
A. R. AF. P.: Julius MeyeHBrraefe / Paul Mayer: Knaben im Fruhling / Johannes Lang: Der Kami / Rend Schickele : Der 

Frcmde / Drei Nachrichten von Emanoel / Der Freigeist / Die Freie Studentenschaft / ZeHschriftenschau. 




3Xe3tttt»n 

WOCHENSCHRIFT FOR POLITIK, LITERATUR, KUNST 
III. JAHR HERAUSGEGEBEN VON FRANZ PFEMFERT NR. 6 



INHALT 



Franz Pfemfert An Alfred Kerr 

Peter 8cher Bethmann Hollweg neuestes Erlebnis 

Ad. Basler (Paris) Die Maler der Neuen Sezession 

Marie Holzer „Die lntellektuellen“ 

Richard Oehring Schneeiand 

Paul Mayer Pierrots 8chmach 

Rene Schickele Der Fremde 



An die Buchautoren — Qegen WindmOhlen ~ 
Wer es nur sein mag? — Zeitschriftenschau 



Richter (Petruschka) Russisches Ballet (Zeichnung) 



Heft 20 Pfg. 



Verlag der Zeitschrift Die Aktion Berlin-Wilmersdorf 






WOCHENSCHRIFT FOR POLITIK, LITERATUR, KUNST 

riTjAHRGANO | HERAUS6EGEBEN VON FRANZ PFEMFERT |5^ebruari9i3[ 



DorlpiLfinn . Manu»kriptc, Rczensiona-, Tausch- 
IxcUaiMIUII. Excmplarc etc. sind an den Hctaus- 
geber, Berlin - Wilmersdorl, Naussauisclie Strasse 17 
zu aenden :: :: Tclephon Amt Pfalzburg Nr. 6242 
I'nverlangten Manuskiipten ist Ruckporto beizulugen 



Erscheint Mittwoch 



A hnnnpmont - Mk. 2. viertcljihrl. (excl Be- 
AUOnnemeill - stellgeld)bei alien Postanstall , 
Buchhandlungen elc. oder durch Kreuzband gegen Mk. 
2.50 dutch den Vcrlagder ,,Aktion“, Berlin-Wilmersdorl, 
Nassauischestr. 17 :: Kommission&r Oust Brauns, Leipzig 



AN ALFRED KERR 



Sie kampfen in politischen Angelegenheiten mit 
zuversichtlichcr Weltfreude. Sie, der in Dingen 
der Kunst so absolut kritisehe Zergliederer, 
Zweifler, Verneiner, Sie aussern als Politiker den 
unbedingten Willen zum Bejahen, zum Hoffen, 
zum Glauben, zum Kompromiss. Sie treten 
der Sudemianniade Deutsche Parteipolitik mit 
der liebevolien Nachsicht entgegen, mit der ich 
etwa Romane von Liliencron hinnehme. Ihnen 
bleibt (scheint mir) selbst der politische Tages- 
larm, jenes kleinliche Bellen eifersiichtiger Ge- 
schaftemacher, ein Beweis des Vorwartsschrei- 
tens, Ihnen ist (scheint mir) der Reichstag ein 
hehrer Tempel, der bloss von reaktionaren Ele- 
menten befreit zu werden braucht, urn zukunfts- 
weisend dazustehen. Sie suchen das politische 
Gewerbe zu idcalisieren, Herr Doktor Kerr, aber 
es wird Ihnen nicht gelingen. Sie wollen den 
Fortschritt, wollen ihn urn jeden Preis, wollen 
die „praktische Politik" in den Dienst der Frei- 
heit stellcn, aber Sie iibersehen, dass unsere 
praktischen Politiker nur sich selbst und ihre 
Partei, nie aber Zukiinftiges, nie Merkantilfreies 
als Ziel liaben. Sie, Doktor Kerr, erhoffen iiber- 
all Kampfgenossen; was nicht rechts steht, sei 
es auch der schwammigste Liberale, ist 
Ihnen biindniswiirdig. Wobei Sie iibersehen, 
dass der kluge Heydebrand, als Feind, dem 
Aufwarts besser dient, als zwanzig Fortschritt- 
ler. Sie wiirden in der Kunst eine Arbeitsge- 
meinschaft Hauptmajin-Sudermann mit radikalem 
Spott verfolgen; den Bebcl-Friedberg Bund wiin- 
schen Sie herbei? 

Jetzt, Herr Doktor, kampfen Sie seit Wochen 
mit Ihrem gottlichen Temperament, das wir lieben, 
fiir den guten Ruf der Nationalliberalen Partei. 



Wenn es zu den dringenden Aufgaben eines 
Streiters gehort, die Waffen des Gegners blank 
zu erhalten, dann, Herr Doktor, dann erfiillen 
Sie im Fall Held eine Pflicht. Wenn es nicht 
einerlei ist, ob der Junker auf gesetzlichem 
Wege zur Volksauspliinder'ung auszieht, oder 
ein anderer unmaskiert, also mutiger vorgeht, 
dann, Herr Doktor Kerr, ist Ihr Kampf not- 
wendig. 

Ich leugne die Notwendigkeit durchaus. Es kann 
gegen Volksvertreter nur e i n e n wirksamen Ein- 
wand geben: geistige Belanglosigkeit. In dem 
Parlament, das ich als gesetzefabrizierende 
Korperschaft schatzen soli, miissen Leute sitzen, 
die z. B. die Wirkungen der verscjiiedenen 
Strafgesetze am eigenen Korper erfahren haben. 
Wenn heute der Reichstag ein Theatergesetz 
ausarbeitet, werden, mit Recht, sachverstandige 
Theaterleute um Rat gefragt. Der viel bedcu- 
tungsvollere Vorentwurf zum neuen Strafgesetz- 
buch dagegen ist von lauter weltfremden 
Juristen gedichtet worden, keinem ist es ein- 
gefallen, clwa in die Znchthauser und Gefang- 
nisse zu gehen und den Entwurf dort begut- 
achten zu lassen. Wir wiirden weniger Gefang- 
nisse notig haben, wenn bei uns die Ahnungs- 
losigkeit nicht gar so hartniickig Paragraphen 
studieren wurde. 

Nein, Herr Doktor Kerr, lhr Kampf gegen das 
Reichstagsmandat des Held ist nicht notwendig. 
Wird sind keine Polizisten und keine Staatsgewalt. 
Wir haben fiir die Zukunft zu streiten, aber das 
bedingt, dass wir die Moral der Nieertappten zu 
n e g i e re n haben. 



Sa 



Franz Pfemfert. 









DIE AKTION 



168 



Bethmann Hollweg gegen das 
Zentrum 

Von Peter Scher 



„Sachte, sachte, Kanzler," kam es lachend 
Aus des Oeistes schmunzetndem Gesicht, 

Doch Herr Bethmann, Gastlichkeit entfachend, 
Merkte solche Nebentdne nicht. 



Sinnend grelft der Dichter aus dem Schranke 
Das mit recht beliebte Instrument, 

Und er schlagt es feurig mit der Pranke 
Bis das Spiel der Phantasie entbrennt. 



Und mitnichten schien er ihm verd&chtig 
Nein, er musterte ihn herzlich froh, 

Denn sein Zenlrumshabitus war prichtig 
(Und wer ahnt da ein Inkognito ! ) 



Wenn sich die Oestalten lustig tummeln, 
Wird ihm uber alle Massen wohl, 

Denn die Seligkeit, den Reim zu fummeln, 
Wirkt betrachtlicher ats Alkohol. 



Als man gar gesetzte Reden tausdite 
Ueber Kan tens praktische Vernunft, 

Kam dem Kanzler, der ergriffen lausohte: 
Gar kein Zweifel — der ist von der Zunft! 



Aber noch erqukkender bereitet 
Sich der Seele ein erlesnes Fest, 

Wenn das Lied die Politik begleitet 
Und den Kanzler selbst agieren lasst. 

Doch nun, eh wir in die Handlung steigen, 
Halt ich es fur richtig und patent, 

Meincn Helfershelfer vorzuzeigen, 

Welcher sich der Geist der Zeit benennt. 



Aber plbtzlich in der schdnsten Wendung 
Fuhr der Oast empor und zischte: *Schlu8s ! 
Jetzt erscheint der Hauptpunkt meiner Sendung: 
Hokus! Pokus! Jokus! Fidibus! " 

Allsogleich vollfuhrte sich ein W under: 

Von den Schultem dieses Wesens sank 

Das Inkognito herab wie Zuhder 

Und der Geist der Zeit sass auf der Bank. 



Dieser nennt sich auch der Geist der Mitte, 
Denn er ist inmitten allem Tun, 

Femer ist er — auch beim tollsten Schritte — 
Gegeniiber jeder Macht immun. 



Doch zugleich im selbigen Momente 
Nickte auch des Kanzlers Kopf nach vom 
Und zum Zeichen, dass er wirklioh pennte, 
Schnurch er hell als wie ein WSchterhorn. 



Doch nun, Geist der Zeit, mir scheint e$ lohnend, 
Dass du jetzt nach Hohenfinow gehst 
Und Herm Beth (inkognito und schonend) 
Sozusagen mit dir selbst umwehst . . . 

Hohenfinow lag in Nacht und Frieden, 

Und die Stemlein gianzten hehr und blass; 
Nur dem Kanzler war kein Schlaf beschieden 
Und es schien, als qualte ihn etwas. 

Aber eben, als er schon die Frage 
Ernes Schlummerpunsches still erwog, 

Trat ihm plfitzlich ein Gerausch zu Tage, 

Das er ahnungsvoll auf sich bezog. 



Zynisch nahte sich der Geist detn Schlafer, 
Blies ihn an und sagte: „En avant — 

Surre nun einmal als muntrer Kfifer 

Mit mir mang den Geist der Neuzeit mang!“ 

Hui! Schon war’n sie in der Fnedrichstrasse 
Und bestiegen einen Autobus. 

Staunend sah der Kanzler das Gerase, 

Denn es war gerade Arbeitsschluss. 

Auf der Plattform eingektemmt, doch munter, 
Stand er dicht bei einem schlichten Mann, 
Welcher sagte: „Det wird immer bunter — 
Nachstens schaff ick mir een Auto an." 



Sc h feu rf end kam es und mit schwerem Tritte 
„Wer da?" rief der Kanzler etwas bleich, 
Und es haudite sanft: „Der Geist der Mitte 
Bitte, bitie, 6ffnen sie mir gleich ! " 



Solchermassen heitre Reden schwingend 
Nahm der Mann den Kanzler fur sich ein: 

* Seine Dialektik scheint mir zwingend , “ 

Sprach Herr Bethmann, „wenn auch roh zu sein." 



„Geist der Mitte," schrie der Kanzler lustig, 
„Ah, so wirst chi wohl vom Zentrum sein! 
Heissa, dass du kommen wurdest, wusst ich, 
Und soeben noch gedacht ich dein!* 



Doch ich will ihn einmal schlankweg fragen, 
Wie ihm meine Politik behagt." 

*Sie," sprach jener, „h6r’n Se ma, mein Magen 
Hat det ebend knurrend schon jesagtl* 



DIE AKTION 



170 




„Oh," rief Herr von Bethmann iiberkgen, 
»Lkber Mann, was nutzt ein voller Bauch, 
Seh’n sie mal, ich halte dem entgegen: 

Erst das Ideal! (Kant sagt es auch.) 

„ Jeist muss sind," sprach drauf der and’ re willig 
Und bewegte kauend sein Gebiss, 

„Doch wat woll’n Se denn dem Jeist so billig, 
Wo det Fleisch so schwach un teuer is! a 



Ueber diese schlichte Aeuss’rung schnappte 
Der verbluffte Kanzler jih nach Luft 
LJnd, indem er leicht zusammen klappte, 

Sprach er; „Hm*dada — hier liegt die Kluft. u 



Still und grnbelnd sah er in die Ferae, 
Philosophisch zog’s ihm durch den Sinn: 

Lebt nun dieser — kb ich daseinsfeme? 
Ach, ich weiss schon nicht mehr, wo ich bin! 

„Ruhe, Ruhe," sprach der Geist der Zeiten, 
„Was du hier vemimmst, ist ja nodi nichts, 
Denn du musst das Letzte noch erleiden — 
Dann erst stehst du vor dem Tor det Uchts! 41 



Nach dem Centrum schritten sie mitsammen 
Wo ein dusfrer Nebel sie umwob 
Und die st&rkste alter Gluhlichtflammen 
Wie ein Sternlein in den Wolken schwob. 



In das Lichtspielhaus *Zum Block derRechten" 
Traten sie mit frommem Schauder ein, 

Denn sie wollten unter lauter Hechten 
Still betrachtend stumme Karpfen sein. 



Was man hier auf dieser Buhne schaute, 
Fuhr dem Kanzler so durch seinen Rumpf, 
Dass sogar dem Geist der Zeiten graute — 
Und der Film hiess schlichthin ^Zentrurns-trumpf 



Hier nun sah man einen Ritter ragen, 

Der in Bismarcks hohen Stiebeln ging, 
Und er schien ein starkes Wort zu sagen 
Gen ein schwarzlich-ungefuges Ding. 



Dieses Schwarze hielt in seinen Klauen 
Einen langen, krummgebog’nen Stock, 
Ueber welchen eine Schar von Blauen 
Lustig niedersprang auf einen Block. 



Und sob&ld der Ritter mit den Stiebeln 
Einen Ideinen Schritt nach vorwfirts tat, 

Fmg bald schwarz, bald blau an, ihn zu zwiebeln, 
Und der krumme Stock lag stets parat. 



Ob des unerbittlichen Man 6 vers 
Str&ubte sich des Ritters Haar empor 
Und besonders heftig schnitt ihm Grbbers, 
Ale des Ftihrers, Feidgeschrei ins Ohr. 



Pidtzlich schien er Schwache zu empfinden, 
Denn er zog die grossen Stiebeln aus 
Und man sah ihn — schwupp — nur noch 

von hintsn; 

Und die andem machten den Applaus. 



Dumpfe Stifle fotgte diesem Spiele. 

Traurig sprach der Geist: „Herr Kanzler — nun? 
Wir sind sozusagea hier am Ziele — 

Und was m einen sie, was ist zu tun? 4 



Da erfolgte eine ungeheure, 

Eine Tat von ewigem Gewinn, 

Denn der Kanzler schrie: w Genug — ichfeure 
Diesem Zentrum meinen Handschuh hin!“ 



Sprach’s und hieb 
Mang dem Tisch 
Und — erwachte 
„Ave Bethmann!" 



die Faust mit lautenu Krachen 
und mang das and’re mang 
j&h von einem Lachen: 

(Das wk a u w e h ! klang.) 



Machtig t6nte seines Herzens Klopfen, 
Starren Blickes sah er Tisch und Bank 
Eingenasst von seines Sch weisses Tropfen 
Und dann schrie er selig: „Gott sett Dank!" 



Glossen 

OEOEN WINDMUEHLEN 

Der antisemitische „Turmer" hat ausgerechnet, 
dass die gebildeten Deutschen eine Million Mark 
fur Schundiiteratur ausgeben, wenn der Autor 
„Rideamu$“ heisst. Die Monatsschrift folgert 
nicht falsdi; 

Die K&ufer der „Rideamus“-Bucher rechnensich 
selber sicher zu den guten StSnden, bean- 
spruchen, in kunstlerischen Dingen ernst ge- 
nommen zuwerden, und gehdren in grossen 
Scharen zu den besten Zeterern wider die 
Schundiiteratur. Der w Turmer w - Glossist kann 
sich kaum niedrigeren Schund denken, als diese 
„Dichtungen" mit ihrem gequilten oberflach- 
lichen Wortwitz, der widerwirtig saloppen 
Verhdhnung alles Ideellen, der kaum verhullten 
pornographischen Absicht. Nur in einem, meint 
er, unterscheiden sich diese zumeist auchschrei- 
end bunten Rideamus-Bucher von der gewdhn- 



171 



DIE AKTION 



m 



172 



lichen Sctiundliteratur: sie sind unglaublich 

teuer. Der neueste Band („Lauter Liigen") ent- 
halt etwa 750 Verse und kostet 2,50 M. Da 
nach der Versicherung des Verlages 400 000 
Bande der Sammlung verkauft sind, ist wieder 
eine Million Mark fur literarischen Unrat ver- 
geudet. 

Gegen Windmuhlen kampft der ff Turmer a . Ri- 
deamus hin — Rideamus her. Nur Bier- und 
Sekttrotteln, verlorenen Menschenfragroenten ist 
dieser Qnatsch kein Brechmittel. Aber vielleicht 
ermannt sich der w Turmer“ einmal, gegen ge- 
fahrlichere Schundliteratur vorzugehen? Er 
mag den unvermeidlichen Fritz Muller- Zurich 
noch schonen (gegen Hauptmitarbeiter kann 

man wenig tun); aber da linden sich doch 

wurdigere Gegner, Etwan Richard Voss, etwan 
die Erzahler des „Turmers“ uberhaupt. 



WER ES NUR SEIN MAG? 

„Was es nur sein mag, 

Das mich am wachen Tag 
Wie im Traum bewegt, 

Still in den Schoss mir die Haude legt? 

Was es nur sein mag, 

Dass ich die Nacht durch lag 
Und konnte den Schlaf nicht finden? 

Wie verirrtc Lammer schweifen 
Meine Gedanken, wie Wolken im Wind; 
Mutter schilt mich 
Ein unniitz Kind. 

Was es nur sein mag?“ 

Diese Herrlichkeit strahlt aus dem Musenalma- 
nach des Presaevereins 1913. Wer es nur sein 
mag? wer es nur sein mag? Seine verirrten 
Schafe schweifen nach einem Gedanken . . Wer 
es nur . . . ? Blumenthal? Iwo noch grosser! 
Bernstein? Bewahre! Gustav ist es, unser lie- 
ber, su sser Gustav der Falke. 



„Die Intellektuellen" 

Von Marie Holzer 

Worte wechseln und der Sinn bleibt. Worte 
bleiben und der Sinn wandert. Worte sind 
stationarer als Begriffe. Sie sind nicht so 
schmiegsam und biegsam, sie sind nicht so 
nuancenreich als der Begriff der in ewigem 
Flusse iebf. Worte erstehen und vergehen. 
Worte reifen langsam zum Leben. So hat 
auch das Wort „intellektuetl" seine Geschichte. 
Hat jetzt, jene Deutung Kants in festeren Um- 



rissen angenommen, die da sagt: intellektuell 
sei die Gabe, das Objekt unmittelbar zu er- 
fassen, ein die Schranken des sinnlich-empiri- 
schen, des logisch-diskursiven Anschauens iiber- 
steigende Erkenntnisart. Jahrzehntelang hat sich 
alles intellektuell genannt, was in den Reihen 
der Gebildeten, der Intelligenz stand. Erst 
langsam hat sich jenem Wort ein neuer Be- 
griff unterschoben, lebt eine alte Auslegung 
von neuem auf. Und heute wollen wir, dass 
der Intellektuelle neben dem Bildungsgrad und 
Reifeausweis, noch eine Reihe anderer Eigen- 
schaften besitzt, ehe wir ihm das Adelspridi- 
kat „Intellektueller“ geben. Nicht das Wissens- 
mass, nicht die Stellung, nicht einmal der Geist 
allein, sondem ein wundersames Feingefiirl der 
Nerven gehort dazu, das zum Ahnen wird und 
sein Wesen zum leichtbeschwingten Instrument 
macht, in dem alle Saiten des dunklen Lebeiu 
widerhallen, widerklingen und fortzittem. . . . 
Dass ihm alles zum Erlebnis wird, dass er 
jedes Erlebnis in Erkenntnis umsetzt. Der In- 
tellektuelle ruht nicht in sich. Er wird vom 
fliessenden Gewasser der Erkenntnis vorw&rts 
getrageu, immer weiter, immer vorwarts. Er 
ist ein Schwimmer, dessen Geist die Flossen 
und dessen Nerven die Fuhlcr sind. 

In einem wunderschonen Aufsatz, den Heinrich 
Mann einmal in der Zeitschrift Pan veroffentlichte, 
prazisiert er das Wesen der wirklich Intellek- 
tuellen, im Gegensatz zu all denen, die in den 
gleichen Reihen stehen, gleicli uniformiert schei- 
nen, denen aber das bewusste Itupfelchen fehlt 
und die w Verrat am Geist begehen", der doch 
ihr Gott und Fiihrer sein musste. Der wirk- 
lich „ Intellektuelle* opfert sein ganzes Leben der 
Wahrheit. Der Intellektuelle muss, im Ge- 
gensatz zum Intelligenten, Idealist sein und 
fief im Herzen ein Stuck Prophetentum mitsich 
herumtragen. Er geht von unsichtbaren Mich- 
ten getragen einem Ziele nach. Das Ziel lebt 
im Dunkel der Zukunft, aber er tragt esahnencl 
in der klopfenden Brust. 

In solch ein Milieu R ingender, Suchender, 
Strebender filhrt uns Grete Meisel-Hess in ihrem 
Roman „Die Intellektuellen", der gross angelegt 
sich weite Probleme steckt, deren letzte Losung 
noch im Dimmer der Zukunft liegt und die 
nicht entschleiert wer den, wohl nicht entschleiert 
wer den konnen. 

Eine kluge Frau sagte mir, als wir von dem 
Roman sprachen, dessen Erscheinen wir erwar- 
teten, „das wird das Buch unserer Zeit sein, 



173 DIE AKTION 174 



wir alte kdnnten ihn geschrieben haben, denn 
wir alle erleben ihn. tt 

Das erste Kapitel, das beste, farbenfreudigste des 
Romans, ffihrt uns in das Haus des jfidischen 
Geiehrten, Forsoher and Professor Djamand, 
und zeigt uns eine Reihe wirklich interessanter 
Menscben, die alle Grosses vom Leben erwar- 
ten, alle mit hochgespannten Erwartungen dem 
Leben entgegen gehen. Und wir verfolgen dann 
das Leben einer bunten Reihe Inteliektueller 
alter Sp&hren, deren Empfindungswelt y deren 
seelische Wunsche, deren Affekte sie alle in an- 
dere Richtungen fuhren und doch vorwarts dem 
dunklen Land der Zukunft entgehen. Wir ler- 
nen Berlin kennen, Geistestypen alter Art und 
alle Probleme werden gestreift mit klugen Wor- 
ten. Wie ein Inteliektueller sich den Sozialisten 
verbinden will* „Denn wir Intellektuellen sind 
nicht mehr Schmarotzer der Theorie, wir sind 
Arbeiter wie die Ihren.“ Und gleiche Chancen 
fiir alle — beim Auslaufen, ungleiche Chancen, 
verschiedene Preise — je nach der Tuchtigkeit 
im Rennen — am Ziel." Wir gelriten Olga, 
eine der Hauptfiguren des Budies durch ihres 
Schicksals dunkle Gassen. Wir hdren, wie ihr 
ein Mannwerbend naht und sie die Seine wird, 
und wie er sie verlisst und sie unfer dem 
Schmerz zusammenzubrechen droht, und erst 
ihr Bruder richtet sie auf, „ MSdchen," sagt er, 
„wie sehr hast du die Orienderung verloren! 
Nun siehst du gar ein Unrecht darin, dass du 
dich in den Frfihling hinauswagiest? Wie feige 
musste man sein, sollte einen die Gefahr 
schrecken, wenn auch nur ein einziger Fruh- 
lingstag winkt. * Und inutig stellt sie sich wie- 
der dem Leben entgegen. Auch fiber die Liebe 
werden kluge, verstehende Worte gesagt. „Man 
kann die Liebe von niemandem erobern oder 
verscherzen. Denn die Zellen lieben sich und 
nicht die Widen, die Zellen ziehen sich an oder 
stossen sich ab! — Auch ist zwischen zweien 
immer ein bestiimnter Vorrat zu verbrauchen, 
Du kannst ihn nicht emeuem, um langer zu 
fesseln, und du kannst keine Bande 15sen, so* 
lange dieses Quantum nicht eneicht ist.“ Und 
durch manchen Wunsch, durch manchen Ver- 
zicht, durch Arbeit und Mfihsal ringt sich Olga 
zur Freiheit durch. Zur Ruhe. Den Weg zur 
Freiheit findet jeder in anderer Richtung. Ihn 
alien zu weisen wire eine sdifine dankbare 
Aufgabe, die ganz zu losen hier unmdglich 
scheint. Trotzdem ein kluges Buch, das ein 
warmfuhlender, stolzer, ganzer, ahnender Mensch 
geschrieben. Ein Inteliektueller. 




SCHNEELAND 

Ich schreite in weite, makellose Schneefelder 
Und singe: Du seliges, bluhendes Schneeland. 
Ganz in deinen Blutenkranz versunken, 

Traumt die schone Welt. 

Wie bin ich von dir erhellt, 

Wie bin ich von deinem warmen Leben 

trunken! 

Oh, ich gehe nackten Leibes in deinem Tage 
Und singe mein — dein Lied, 

Klar und ohne lrren die eine Frage, 

Die mich niemals flieht. 

Aus dieser einzigen weissen Milde 
Formt meine selige Hand neue Oebilde. 

Die tragen meines Herzens ganze Glut und 

Wilde. 

Richard Oehring 



PIERROTS SCHMACH 

Ich stehe an beschlag’nen Fensterscheiben 
Und ffihl* gleich Pendeln meine Pulse zittern 
Ich wollte heute einen Brief dir schreiben, 

Der sollte mich er losen aus den Gittem. 

Dei* Uebestorheit, die Du mir geschmiedet. 

Die Feder schreibt nicht, was ich ihr befehle, 
Frostfieber schfittelt mich. Mein Herzblui siedet. 
Ich kann es nicht. Ein Wurgen schnfirt die Kehle. 

Ich zfihle die Figuren der Tapeten 

Des Teppichs Blumen. O, ich mfichte weinen, 

Sehr lange weinen. Und ich mochte beten, 

Die Kniee pressend auf gespitzten Steinen. 

Es hfilfe nichts. Ich mbchte einmal schreien, 
Dass mir die Stimme splitterte in Fetzen. 

Ich mfidite schlafen. Doch die Tr&ume leihen 
Den Qualen Bilder, die mich wachend hetzen. 

Wie Weissglut wird mich meine Schande brennen. 
Ich hdre schon die Lieder auf den Gassen, 
Die hasslich hdhnend meinen Namen nennen. 
Ich kann nicht schrdben. Kann von Dir nicht 

lassen. 

Wie Aussatz muss ich meine Liebe schleppen, 
— Der niemals weicht, nicht auf geweihtcn 

Inseln, - * 

Auf des Kalvarienberges Martertreppen 
Von Lfigenlippen mit Erhdrung winseln. 

Heidelberg Paul Mayer 






175 DIE AKTION 

J _ 



Die Maler der neuen Sezession 

Von Ad. Basler (Paris) 

Im Buche „Auf den Wegen der Seek** hat vor 
15 Jahren der Ekstatiker Przybyszewski die 
symbolistische Aesthetik Munch’s der na- 
turalistischen Liebermann’s entgegengesetzt, 
Seit der Zeit haben die franzdsischen Maler den 
Symbolisinus in der Auffaasung des Bildes zum 
Dogma erhoben. in Deutschland aber bewun- 
dert man noch die Kunst eines Munch 
neben der eines K a 1 k r e u t h , ebenso wie die 
eines Pascin oder Pechstein neben 
Slevogt, Corinth oder Beckmann. 
Man muss zugestehen, dass in den Kunstver- 
hlltnissen in Deutschland ein grbsserer Libera- 
lismu8 herrscht, als in Frankreich . In Paris 
w&re e$ monstrds, Btlder eines Matisse, 
Picasso’s oder Derain neben denen eines 
Besnard, Roll oder Simon aufzuhan- 
gen. Dort werden die Kategorien streng geschie- 
den, w&hrend in Berlin «ne Vermengung der- 
selben entsprechend dem Angebot und derNach- 
frage stattfindet. Eine spiessburgerliche Kunst 
geh&rt in Paris in einen Salon, wo der spiess- 
burgerliche Oeschmack seine kunstlerische Nah- 
rung findet. Die von allem Akademisdien be- 
freite, lebendige, erfinderische Kunst dagegen 
geh&rt nur den Wenigen, die die neuen Kunst- 
werke zu erkennen imstande sind. Es ist eine 
Ambition des Kenners und des unabhangigen 
Kritikers, eine werdende Kunstlerpers&nlichkeit 
zu erkennen. Und so entstehen manche Klassi- 
fikationen, die dann die kunsthistodsche Phra- 
seologie der deutschen Kritiker zu ihren Oe- 
meinpiatzen macht. — In Deutschland scheint 
mir jeder Mut zu fehlen, das anzuerkennen, 
was noch nicht klasstfiztert ist. Statt dessen 
heben die Kritiker die akademiscben Entstdlun- 
gen der Kunst Van O o g h's empor, oder so- 
gar eine kunstgewerbliche Malerei, die sich 
unter dem Einflusse dieses grossen Visionars 
in langweiligen Bildem mancher Van Gogh-Ver- 
ehrer aussert. Es ist dies ein ganz eigentum- 
licher Einfluss Van Gogh’s, der in Frankreich 
nicht zu den ken wire. 

Futurist braucht man gar nicht zu sein und 
k&nnte doch das f&rdem, was der Mehiheit 
noch nicht zugflngig ist. Man kann sogar dem 
Kubismus gegenuber sich ganz feindlich verhatten, 
aber wenn man nur ein klein wenig von wirk- 
Ikher Kunst versteht, so kann man nicht 
schweigend vorubergehen an Werken nicht nur 




der Nadelman, Kars, Marchand, 
Burty, Kisling und sogar des Kubfetert 
Leger. Es ist umso leichter, einen Standpunkt 
gegenfiber der Gruppe der neuen Seces- 
sion einzunehmen, als sie mit einer ebenso bc- 
stimmten Aesthetik hervortritt, wie der Blaue 
Reiter, wie die Briicke, wie die Fau- 
ves in Frankreich, die nicht nur auf das all- 
gemein Kulturelle in der Kunst, sondern vor 
allem auf das Elementar-Schdpferische Gewicht 
legen. 

Mit der Kunst der Neuen Secession tritt 
eine Neue Konvmtion in der Malerei hervor, 
die parallel mit der Schaffenskraft eines Ma- 
tisse, Picasso, Derain, Friezz, 
de Vlaminck und (in der Skulptur) mit 
der Nadelmans geht. Die Kunst eines 
Richter, Tappert, Cesar Klein, 
Melzer, Morgner ist der grdsste Feind 
der Virtuosen-Kunst. Sie alle haben die Ten- 
denz, das Ideelle in der Malerei zu verwirk- 
lichen . Sie besitzen Sensibilitlt, Instmkt, lussem 
sich mit der originellsten Erfindungskraft und 
Flhigkeit, ein Bild zu organisieren. Sie er- 
streben einen Stil, indem sie die Wirklicfakeit 
defonnieren das Gegens&ndliche zum Sym- 
bolischen emporheben . Ea ist eine kosmische 
Idee der Bewegung, die Richter zu verwirk- 
lichen versucht. Bei Rembrandt sah er das 
Plastische der Naturerscheinungen und den 
viskmlren Rfiythmus des Uchtes durdi das 
Magische der Kreiseinteilungen der Fttche 
ausgedrikkt. Aber die Mechanik der Fllcheist 
bei Rembrandt stadsch. Richter verarbeitet 
dieses statische Prinzip zum dynamischen. Das 
Relief vermeidet er, wie uberhaupt das (statische) 
Plastische und stellt nur dar die Funktionen 
der Formen in Flfichen, wdche krtisfcrmig zu 
rotierai scheinen und daa Bewegliche der Na- 
turerscheinungen offenbaren. — Eine Veredeiung 
der Wirklichkrit flnden wir auch bei T a p - 
pert, der weniger abstrakt ist und mehr Sinn- 
lkhkeit in den Formen ausdrtickt. Seine Raum- 
vorstdlungen sind vor allem in FUchen ge- 
schlossene Kompositionen. Er umgehi die per- 
spektivische Mechanik dutch gewisse bewegte 
FUtehen, die bei ihm Expansionskraft haben und 
die umgebenden Bildteile beleben. Eine jede 
Formmodifikation wird von einer Farbenmodiflka- 
tion begleitet, eine jede Farbenmodifikatioci ruft 
eine neue Form hervor. Eine nicht passende 
Farbe wfirde im Bild tasten, denn es gibt bei 
Tappert kdne total Fllchen. sondern nur 
hinktionierende. 






179 



DIE AKTION 






Aus dem Fragmentarischen dcr Formenbildung 
befreit sich Melzer, der aus Volumengleich- 
gewichten dekorative Konipo&itionen schafft. Es 
sind dies konccntrierte, abstrakte Gestaltungen, 
die eine klassische Geschlossenheit haben. 

Die lyrischeste Inteiisitat offenbaren die andach- 
tig komponierten Bilder Cesar K I e i n’s, die 
neben Flachenbau auch kubische Etemente 
haben. Die Flachenverteilung bedingt bei ihm 
die rhythmischsten Uebergange von Form zu 
Form, von Farbe zu Farbengegensatz. Durch 
ihre archaisierende Art erinnern manche Bilder 
Cesar K 1 e i n*s an alte volkstumliche Holz- 
schnitte. 

Das Symholische der Erscheinungen versetzt in 
abstrakste. Formen und Farbensymphonien der 
welten truck te Morg n e r. Das Mystische 
seiner Kunst Sussert sich in einer durch spek- 
trale Farbenanalyse bedingten Architektur der 
Dinge, wo Zeit und Raum verschmelzen. Es 
is* eine absolute Malerei, in der alles Lokale, 
alles Gegenstandliche durch die alleinherrschende, 
ungebrochene Farbe das Erdhafte verliert. Seine 
Bilder sind wic brennende Visionen, die man 
auf den Kirchenscheiben sieht. 

Die Maler der Neuen Secession stetlen 
der objektiven, konventionellen Realitat der Im- 
pressionisten eine ideale Realitat entgegen in 
welcher die Individualitat der Gegenstande ins 
Absolute gehoben wird. — Nur blinue Kri- 
tiker konnen von einer solchen Kunst sagen, sie 
sei eine Kunstdammerung. Vielmcshr ge- 
wahren wir eine Kunstlerdimmerung 
und gehen vom Kunstlerischen zur Kunst zu- 
riick — zur authentischen, grossen Kunst, wir 
gehen vom Kunstler zum A r t i s t e n , der die 
Vision der Dinge durch einen neuen und stren- 
gen Slit verwirklicht. 

In dieser Malerei triumphieren die neuen und 
reinen Expressionen der Raumformen fiber das 
Anekdotische der burgertichen Kunst. Es ist 
der Expressionismus, der nach den 
Worten Moeller van den Brucks ), als 
Kunst des markanten Ausdrucks die Kunst des 
vibrierendeu Eindrucks abl&sen soil. Und es 
ist eine neue Konvention der dekorativen 
Flachenverteilung, welche die naturalistische Hu- 
ston der Perspektivmechanik beseitigen soli. 



Der Fremde 

Roman von Rene Schickele 

(14. Fortsetzuflg) 

Aber erinnere dich des Abends im Atelier 
Frederic Calons, des Malers, als Lamonde Verse 
sprach . . . Oedipe Roi. Schon der Tonfall 
dieser beiden Worte ist wundervoll, und La- 
monde ist gewiss ein Genie. Er sprach nur, 
wei! er nachher die blasse Berthe mit sich in 
sein Bett nehnien wollte. Aber sie bestand 
darauf, dass du sie kusstest, als sie halb be- 
rauscht auf dem Divan tag. Du hattcst Scham. 
Du latest es nicht. Da sprang Calon auf und 
wuhlte seinen Mund zwischen ihre Lippen- 
Derweil suchte ihre Hand nach dir, . . . aber 
du warst klug, du rfihrtest dich nicht im ge- 
ringsten, obwohl du wusstest, dass es bei dem 
Kuss geblieben ware. Nein, wahrscheinlich 
rfihrtest du dich nicht, w e i 1 du wusstest, dass 
es dabei geblieben ware . . . Jedenfalls hastdu 
sie lieb behalten, denn du hatlest den Augen- 
blick, als du sie begehrtest, gcnossen undliessest 
ihn vorfibergehn. Merke dir das, Paul Merkel, 
solange es noch Zeit ist: lass alle Kelche, die 
der Wollust und die der Schmerzen, an dirvor- 
ubergehn. Betrinke dich nicht! Sei kein Sau- 
fer. Du hast den Magen nicht dafiir, du bringst 
dich urn. 

Siehst du, du bist einer Partei trcu geblieben, 
deren Hauptakteure dich abstiessen, wei I einer 
von ihnen dir an einem Abend, als du daffir 
empfanglich warst, ein paar schdne Worte sagie. 
Du bist fibersattigt bis zum Ekel. Fur einige 
Augenblicke, in denen Malva das Schonste war, 
das du kennst, hast du dir eine moralische In- 
fektion zugezogen, die vielleicht unheilbar ist. 
Du hattest sie nicht zu deiner Geiiebten machen, 
sie nicht mit dir durch Strassen, Restaurants 
und Theater und niemals in die Zimmer deiner 
Freunde schleppen sollen. . . 

Wenige Minuten halten das ganze Leben. Dann 
zerfliesst es dir unter den Handen. Du kamist 
nichts tun, es festzuhalten. Jeder Versuch ist 
nur Verwirrung und Qual. Vergegenwartige dir 
das! Lass diese Einsicht dein Fleisch und Blut 
werden und im ubrigen sei wunschlos . . . 

— Aber das ist der Tod. Und du trcibst ihm 
langsamer entgegen, wenn du viel wunschst. 

— Dann musst du hundertfache Todesangst 
leiden . . . 

Seine Gedanken verwirrten sich. 



DIE AKTION 



182 



181 



VII. 

PIdtzlich htirte er Schritte neben sich. Jemand 
fassfe ihn am Ann. 

Er $ah rufaig aul und sagte: 

— Guten Abend, Nieland. 

— Guten Abend. 

Nieland zog ihn die Treppe hinunter. Paul 
straubte sich. 

Ich wollte zu Tart re, ich habe mich mit ihm 
verabredet. 

— Es ist gut, ich war gerade oben und suchtc 
dich. Wir $a hen dich hier stehn. 

— Ich habe Kopfschmerzen und bin zu sehnell 
die Treppe hinaufgelaufen. 

— So? . . . Wir treffen einander iin Casino de 
Paris. Ich will mich von Paris verabschieden, 
weil ich morgen reise. 

— Du reist morgen? 

Von Paul war alle Angst gewichen. Er hatte 
sich vergessen. Ein Fremdes ergriff ihn 

— Ja, deshalb wollte ich dich sprechen. Das 
beste wird sein, wir nehmen eine Droschke 
und lassen uns iangsam nach meiner Wohnung 
fahren. 

Auf der Place de Clichy stiegcn sie in cinen 
Wagen. Nieland steckte sich eine Zigarettc an. 
Er bliess Ringe in die Luft, schien nachzu den- 
ken. Plotzlich: 

— Weisst du schon, dass Tartre die kieine 
Berthe wiedergesehn hat? 

Paul wusste nur, dass sie ihm geschrieben habe, 
er solle . . . 

— Ja, also Tartre setzt sich hin und wartet. 
Nach einigen Minuten tritt die Kieine herein. 
Tartre steht auf, sie springt an ihn heran, uni* 
armt ihn, kiisst ihn, sagt: Einen Augenblick . 
geht hinaus und kommt nicht wieder. Nun 
wandert Tartre in seinem Zimmer und versichert, 
es sei das grosste, ruhrendste Ereignis seines 
Lebens. Und sie sei ganz, von oben bis unten, 
in braunen Samt gekleidet gewesen, und der 
Teufel solle die Staatsjuden holen, die einem ein 
solches Madchen wegnehmen. 

Paul fand die kieine Berthe bewundernswert. 

— Warum bewundernswert? 

Weil sie es fertiggebracht habe, einige ihrer 
Freunde zu beglucken, ohne sie hinterdrein ent- 
tauschen zu mussen. Sie nahm keinen Geliebten. 

— Ich glaube vielmehr, dass sie krank war 
und dabei zu anstandig, urn . . . 

Paul hielt ihn auf. 

— Es ist mdglich. Aber das bat doch wohl 
nichts mit deiner Abreise zu tun? 

— Das nicht. 



Nieland lehnte sich vor und sog an seiner 
Zigarette. Der Wagen fuhr Iangsam den Boule- 
vard hinunter. Auf beiden Seiten wurden die 
Strasseniatemen angezundet. Einmal, als das 
Licht der Schaufenster das Innere des Wagens 
iiberstromte, sah Paul eine krampfhafte Falteum 
den Mund seines Freundes. Das spottische 
Lacheln, das einem immer so liebenswurdig 
folgte, war gefroren. Und das schmale, gelbe 
Gesicht sank wieder ins Dunkel zuruck. 

— Sag mat, Merkel, hast du Vorurteile? 

Paul lachte muhsam: 

— Hast du gestohlen? 

Seltsam, ein Lacheln konnte wie eine katte Leiche 
sein . . . 

— Ja. 

Paul begriff nicht. 

— Du hast gestohlen? 

— Gott, man kann es so nennen. 

Nieland raffte sich auf. Er liess das Fenster 
herunter, warf die Zigarette hinaus und schloss 
es wieder. 

— Hdr zu, Merkel, ich verbrauche seit einem 
halben Jahr das Zehnfache . von dem, was mein 
Vater mir zukommen lasst. Ich habe viele und 
grosse Ausgaben getiabt . . . Eine Dame hat 
dieses Geld aus dem Schreibtisch ihres Mannes 
genommen und mir gegeben. Eines Abends, 
sehr spat, trat ich aus ihrer Haustur. Imselben 
Augenblick hielt eine Droschke. Ich drehte mich 
urn, es stand ein Herr vor der Tur und sah 
mir nach. Ich verschwand um die n&chsie Ecke. 
Der Herr aber stiirzte die Treppe hinauf, und 
plotzlich horte ihn seine Frau an ihre Tiir 
klopfen. Naturlich brauchte sie einige Zeit, um 
aufzuwachen. Er betrachtete sie aufmerksam, 
machte einen Rundgang durchs Zimmer und 
entschuldigte sich, dass er sie gestort habe. 
Nach einer Weile kam er zuruck und fragte, ob 
sie in seinem Arbeitszimmer gewesen sei. Nein. 
Und ob sie kein Gerausch im Hausgang gehdrt 
habe? Wann? Vor einer Viertelstunde viel- 
leicht . . . Nein, sie hatte sich kurz nach 10 Uhr 
schlafen gelegt . . . Die Schreibtischschublade 
des Herrn Gemahls stand often. Im Schloss 
stak ein Schlussel. Was willst du, eine Ver- 
gesslichkeit. Aber es fehlten einige hundert 
Franken. Dies wurde am Morgen der Polizei 
mitgeteilt. Du ratst mir doch auch, sofort ab- 
zureisen, nicht wahr? 

Paul packte Nielands Arm und schiittelte ihn. 

— Du, ist das ailes wirklich so passiert, oder 
erfindest du? 

Nieland schrie auf. 



183 



DIE AKTION 



184 



— Ja, ja, frag doch nicht! ... Ich Hebe sie! 

. . . Es ist die Frau von Lamonde. 

Paul sank zuriick. Waren denn alle Menschen, 
mit denen er verkehrte, wahnsinnig? Diese 
blonde Frau, die ihr Mann als etwas Hdheres 
verehrte, die ihm so rein und zart schien, dass 
er sie floh, nur um sie nicht sagen zuhdren: 
„Du stdrst mich, du bist so laut, du tust mir 
weh“ . . . Einmat war sie krank gewesen •— 
Gott, das war ja erst zwei Wochen her. Der 
arme Lamonde hatte nicht mehr auftreten 
kbnnen, er hatte wie ein Schatten an seinem 
Schreibdsch gesessen und, die Augen an der 
Decke, die Hinde krampfhaft um das Knie ge- 
faltet, auf jedes Gerausch in ihrem Zimmer ge- 

horcht . . . (Fortsetzung folgt.) 

Die Aktion brachte bisher Beitrage von: 

Max Adler, Peter Altenberg, Hans Baas, Ernst 
Balcke, Hermann Bahr, Peter Baum, Gottfried 
Benn, Martin Beradt, Alexander Bessmertny, 
Ernst Blass, Franz Blei, Paul Boldt, Georg 
Brandcs, Max Brod, Otto Buck, Edward Car- 
penter, Otto Corbach , Richard Dehmel, Arthur 
Drey, Ossip Dymow, Frederik van Eeden, Carl 
Einstein, Emil Faktor, Pastor Emil Felden, S. 
FriedUtadcr, Alfred Gold, Rudolf Orossmann, 
Paris von Gutersloh, Victor Hadwiger, Ferdinand 
Hardekopf, Maximilian Harden, Ludwig Hat- 
vany, Max Herrmann (Neisse), Gustave Herv6, 
Oeorg Heym, Kurt Hiller, Jacob van Hoddis, 
John Hoexter, Marie Holzer, Heinrich Ilgenstein, 
Franz Jung* Rudolf Kayser, Alfred Kerr, Peter 
Krapotkin, Rudolf Kurtz, Willy Kusters, Hans 
Kyser, Else Lasker-Schuler, Alfred Lichtenstein 
(Wiimersdorf), Heinrich Mann, Rolf Wolfgang 
Martens, Paul Mayer, Grete Meisel-Hess, Prof. 
Eduard von Meyer, Alfred Richard Meyer, Prof. 
Dr. Molenaar, Erich Muhsam, Viktor Noack, 
Richard Oehring, Erich Oesterheld, Max Oppen- 
heimer, Kurt Peschke, Franz Pfemfert, Otto 
Pick, Alexandra Ramm, Arthur Rtesler, Ludwig 
Rubiner, Ansdm Ruest, Peter Scher, Ren6 
Schidcele, Robert Seidel, Arthur Silbergleit, 
Mario Spiro, Ernst Stadler, Max Sterner, Helene 
Stacker, Nadja Strasser, August Strindberg, Curt 
Titering, Siegfried Trebitsch, Jacob Wasser- 
mann, Frank Wedekind, Hellmuth Wetzel, Alfred 
Wolfenstein, Cheskel Zwi. 



Zeitschriftenschau 

DIE SCHAUBOHNE enthilt in der Nummer 5: Schmidtbonnm 
Zwiechenspiele. Von Julius Bab. — Flnsteres Oesieht. 
Von Rudolf O. Binding. — Parsifal in Monte Carlo. Von 
Panurg. — Kiel. Von Alexander Bessmertny. — Wieaef- 
chen. von Herbert Ihering u, a. 

KAIN. Zcitschrift ffir Menschltchkeit, herausgegebeo von 
Erich Muhsam (Kain- Veriag, Munches). Dai lannarheft 
enthalt: Das We Itpir lament; Trauerfeier; Peter krapotkin 
u. a., simtliche Beitrige vom Herausgeber. Das Heft 
koatet 30 Pfg. 

SOZ1ALISTISCHE MONATSHEFTE. Das 2. Januarheft ent- 
hilt; Max Schippel : Das Wirtachaftsjahr 1912; E. Bernstein : 
Das Ergebnis zweier Preussentage ; Robert Schmidt: 
Renten hysteric; S. Katayama: Das japaniache Regime a. a. 
Das Heft koatet 50 Pfg. 

DER TORMER. Herausgeber: Jeannot Emit Freiherr von 
OrotthuQ (Stuttgart, Oreiner A Pfeiffer.) Aus dem Inhaft 
des Februarheftes : Das artige Kind. Von Friedr. Nonne- 
mann. — Da m Caste ich ja Tinte geaoffen haben. Von 
Fritz Muller (Zfirich) — Heilkunst und Philosophie. Von 
A. Messer. — Tflrmers Tagebuch u. a. 

DIE GOlDENKAMMER. (Veriag Kaffeehag Bremen.) Das 
Februarheft enthalt: Otto Fla eke: Aus vier Wochen; Alex 
Ular: Eine moralische Kataatrophe; Fritz Wertheim : Auf- 
gaben in China u. a. Das Heft koatet 80 Pf. 

Vomotizen 

(Nur wichtige Netienchehmngen wetden tder anaeselgt. Die Benrecbang 
der etnzelnen Werke folgt In den ntchsten rtummera der AKTION) 

VALERIUS BRJUSSOFF. Die Republik des Sfidkreuzcs. 

Novellen. (Hype ri on- Veriag, Hans von Weber, Mflnchen.) 
PAUL ZECH. Das sc h wane Revier. Verse. (A. R. Meyer, 
Veriag, Berlin -Wiimersdorf.) Oeh. 50 Pfg. 

FRANZ JUNG. Das Trottelbuch. (Theodor Oerstenberg, 
Veriag, Leipzig.) Geh M. 2.50. 

EUGENE DELACROIX. Uterarische Werke. (tnael-Veriag, 
Leipzig.) 

DIE INSEL-BUCHEREl. Bucher von hleibeadetn Werte ffir 
50 Pfg. das StGck. (Insel-Verlag, Leipzig.) 

KARL BoRROMADS HEINRICH. Mentciien von Oottes 
Onaden. Roman. (Veriag Albert Langen, Mfinchen 1910.) 
Geh. M. 3, — . 

JAHRBUCH DER FREIEN GENERATION 1913, herauage- 
geben von Pierre Ramua. (Veriag „Die freie Generation", 
Zurich III.) Freia M. 1.—. 

AN DIE BUCHAUTOREN UND VERLEGER! 
Ich richte jetzt in der AKTION (nach dem 
Vorbild der Selbstanzeigen in der „Zukunft a ) 
eine neue, stfindige Rubrik ein: 

UEBER DAS EIGENE BUCH 

Die Selbstkritiken werden (dies gilt als War- 
nung!) keineswegs die Kritiker der AKTION 
entlasten. . . Da ich jedoch gewillt bin, auch 
diese neue Rubrik nicht nur presage- 

$ e 1 z 1 i c h zu verantworten, bitte ich die Auto- 
ren (und Verleger), Werturteile dem Kri- 
tiker zu ikberlassen. F. P. 

Vortrage 

Der dritte Abend dea LITER ARISCHEN CABARETS GNU 
wird am 6. Februar in den Riumen der Renas A Pollack' ~ 
schen Buchhandlung, Potsdamerstr. 118c, mit unverlndertem 
Programm wiederholt Einlasskarten sind daselbst, tm Vor- 
verkauf und an der Abendkasse, ffir M. 2. — zu haben. 



INHALT DER VORIOEN NUMMER: Ueber die Presae / O. L. Dikkinsson : Gerechtigkeit und Freiheit / Paris von Gfiterstoh: 
Das Plagiat als Oekonomie der Kunst / Paul Mayer: Ahasvers frohlich Wanderiied / Erich Oesterheld; Charles Baudelaires 
„Sarah“ / Paul Boldt: Vormorgens / Leo Matthias: Brief an eine einsame Frau / Renl Schickele: Der Fremde / Ffir Ernst 
Lisssuer; Strom nnd Acker / Auf dem Presseball / Beliebte Prallindemiachung / Uterarische Neuerscheinungen / O. Tapper! 

Wilhelm Morgner (Zeichnung). 




stegmon 

WOCHENSCHRIFT FOR POLITIK, LITERATUR, KUNST 
III. JAHR HERAUSGEGEBEN VON FRANZ PFEMFERT NR. 7 



INHALT 



Franz Pfemfert Vom Kompromiss 

G. Fuchs Zur Bekampfung der Sozialdemokratie 

Paul Boldt Hinrichtung 1813 

Rudolf Kayser Das Gedichtbuch des Ernst Blass 

Fritz Max Cahen (Paris) . . . Boulevard am Morgen 

Alfred Lichtenstein Die Sehnsucht Kuno Kohns 

Max Brod Busslied 

Rene 8chickele Der Fremde 



Ein Jugendgedicht Heinrich von Treitschkes — Das dQmmste deutsche 
Blatt — BierOde — Zeitschriftenschau — Der zweite Ball der AKTION 



Heft 20 Pfg. 



Verlag der Zeitschrift Die Aktion Berlin-Wilmersdorf 







5Me&ttion 

WOCHENSCHRIFT FOR POLITIK, LITERATUR, KUNST 

I a jahrgang I HERAUSGEGEBEN VON FRANZ PFEMFERT H FEBRUAR 19131 



. Manuikripte, Rezensions-, Tausch- 
IxcUalVIlOll . ExempUre etc. sind an den Heiaus- 
geber, Berlin - Wilmersdori, Naussauisclie Straase 17 
zu eenden :: :: Tclvphon Amt Pfalzburg Nr. 6242 
Unverlangten Mtnuskiipten ist Ruck porto beizufitgen 



Erscheint Mittwoch 



Ahnnnpm0nt. Mk 2 " vicrtcljlhrL (excl Be- 
MUUlIIltilllcIII . sfcllgclit) bei alien Postanstalt., 
Buchhandlungcn etc. Oder (lurch Kreuzband gegen Mk. 
2.50 durch den Vcrlag der ,,Aktion“. Berlin- Wilmersdori, 
Nassauischcstr. 17 :: Kommisstonar Oust. Brauns, Leipzig 



von KOAPRomss 



In Deutschland stirbt jedes politische Wollen als 
Halbheit, als Handelsangelegenheit, als Korr.pro- 
miB. Bei uns konnen revolutionare Energieen 
nicht einen Tag iiberleben, — sie werden aus- 
gehokert. Wir feilschen, wo es zu handeln gilt. 
Was etwa zahe genug ist, eine Biertischdiskussion 
zu uberdauern, was den Leitartikel ubersteht, was 
gar im Parlament nicht restlos totgeredet wird, 
das erliegt rettungslos der KompromiB- Seuche. 
Wir ziehen aus, die Freiheit zu befreien. Wir 
marschieren letzten Endes allein: wer nicht mit 
Herz und him mit uns ist, der ist wider uns. 
Aber wir marschieren doch nur wenige Schritte, 
ja (sein wir aufrichtig!) wird reden nur eigentlich 
erst vom Marschieren: in Wahrheit bleiben wir 
stehen bei Skatbriidern, denen unser Ziel verhaBt 
ist, verhaBt sein muB, und kibitzen. Wir wissen 
wohl: es ist eine faule Olibbrigkeit; wir wissen 
wohl: diese Gesellen wollen uns vom Wege ab- 
lenken; wir wissen: Feinde, Todfeinde sinds. 
Dennoch ertraumen wir eine ,.Verjiingung“ aus 
einem Biindnis mit der politischen Greisenhaftig- 
keit. Dennoch wahnen wir leichter zu marschieren, 
wenn wir die Skater nebst Skattisch ins Schlepp- 
tau nehmen. 

Wir sind resolute KompromiBler, weil „Nicht- 
KompromiB in der Politik Verpassen des An- 
schlusses“ bedeutet. „Wenn faule Mittelparteien 
zn nichts Selbstandigem gut sind, bleiben Sie 
wenigstens gut zum Bundnismachen", ist die Formel. 
Folgen wir einen Augenblick den „Realpolitikern'‘ 
in die Biindnismacherei. Wir erhoffen folgende 
Situation: Mittelparteien drangen beschworend auf 
Radikale ein: „Seid gnadig, seid politische Kopfe! 



Weiset uns nicht ab, die wir mitkampfen wollen 
gegen das Dunkel. Eure letzten Ziele sind nicht 
unsere Traume. Aber das tut ja nichts: Wir alle 
wollen die Befreiung des Volkes, wir alle wollen 
die Reaktion niederringen. LaBt uns vorlaufig 
Weggenossen sein." Aber die erhoffte Situation 
ist leider ganz anders. Trostloser. Beschamend 
klaglich. Die „faulen Mittelparteien" drangen nicht 
nur auf die Radikalen nicht ein: sie wehren sie 
sogar deutlich ab. Die Mittelparteien wissen sehr 
wohl: die Interessen der Freiheit sind nicht mittel- 
parteiliche Interessen. Sie wehren ab. 

Was bleibt? Dieses: Die Feinde, die uns furchten 
sollten, verachten uns. Was bleibt? Des Mittel- 
parteilers Bassermann boshaftes Wort: „Wenn 
die Herren der auBersten Linken ihre Forderungen 
durchaus ermafligen wollen, weshalb sollen wir 
sie davon abhalten!" Was bleibt? Nicht etwa: 
ein Bund fur die Freiheit! Es bleibt ein Biindnis 
fur Glibbrigkeit. Nicht etwa: ein kluges Vorwarts- 
drangen. Es bleibt das sinnlose Vergeuden von 
Energieen. Es bleiben (hochstens!) Freisinns- 
ideale, d. h. Verkalkung! 

Aber dafiir leben wir eben in Deutschland. Wer 
hier logisch zu sein wagt, wird als „Anarchist“ 
abgetan. Wir haben sicher im Volke Begeisterungs- 
fahige, aber uns fehlt (in der Politik) der groBe 
Begeisterer, der unbeugsame Agitator. 

Uns fehlt in der Politik Heinrich Mann. Er, 
der groBe Kiinstler, konnte der politische Erwecker 
sein. Denn er besitzt die Elastizitat des Geistes, 
das klare, schonungslose Wort, das mitreiBen und 
umsturzen kann. 



Franz Pfemfert. 








199 



DIE AKTION 






Ein Vorschlag zur Bekampfung 
der Sozialdemokratie 

Von G. Fuchs 

kh stimnie mit den Konservativen darin itber- 
ein, dass ich, wie sie, die Sozialdemokratie fur 
cines der gefahrlichsten sozialen Uebel halie. 
Aber weil die Motive unserer Abneigung nicht 
die gleichen sind - die Konservativen halten 
den Ueberfluss, ich den Mangel an Radikalis- 
mus fur gefihrlich — , darum sind wir auch, 
was die Mittel zur Bekampfung der Sozialdemo- 
kratie betrifft, nicht e i n e r Meinung. Ich gtaube 
namlich, die Konservativen rechnen falsdi, wenn 
sie glauben, dass ein neues Sozialistengesetz die 
Sozialdemokratie zu revolutionaren Wildheiten 
reizen und dass das Grauen vor der bedroh- 
lich im Winde flatternden roten Vogelscheuche 
die schreckhaften liberalen Spatzlein in das 
schutzende Nest der konservativen Geier treiben 
konnte. Ich bin, im Gegenteil, der Ueberzeu- 
gung, dass es keinen Terror gibt, grauslich ge- 
nug, die sozialdemokratischen Fuhrer von dem 
Pfade burgerlicher Akkomodation abzulenken. 

Die Sozialdemokratie erscheint nur so be- 
kampfenswert, weil sie, als die am meisten 
oppositionell sich gebardende Partei, die lllu- 
sionen des Parlamentarismus am kraftigsten 
nahrt Allerdings wird sie gerade deshalb, in 
je weiterem Umfange ihr die Mogtichkeit par- 
lamentarischer Aktion geboten wird, umso eher 
diese Illusion bei ihren treuesten und glaubigsten 
Anhangern, den deutschen Ar bei tern, zerstoren. 
Die Sozialdemokratie krankt daran, dass sie 
zwei Aufgaben zugleich zu erfullen strebt, die 
in einem unversohnlichen Gegensatz zu einander 
stehen: die wirtschaftliche I n teressenvertretung 

der Lohnarbeiterschaft zu sein und eine parla- 
mentarische Majoritatspartei zu werden . Die 
Menge der sozialdemokratischen Wahlstimmen 
wurde sich iiber eine bestimmte Durchschnitts- 
zahl nie we send ich erheben, unter eine be- 
stimmte Durchschnittszahl nie wesentlich sin ken 
konnen, wenn sie allein von der Stimmenzahl 
der Arbeiterschaft abhangig ware. Ausschlag- 
gebend fur das Wachstum der sozialdemokra- 
tischen Sti rumen iiber dieses Durchsiphnittsniveau 
hinaus und das Sinken bis zu ihm hinab ist 
nicht die treue Arbeitergefolgschaft, sondem die 
parteipolitisch schwankende Mitlauferschaft. Diese 
rekrutiert sich, wie man annehmen darf, im 
wesentlichen aus den burgerlichen Kreisen ent- 
stammenden, mit burgerlichen Denk- und Lebens- 
gewohnheiten durchtrankten Schichten der Privat- 




angestellten und anderen burgerlichen Missver- 
gniigten. 

Die Arbeiterschaft allein ist nicht zahlreich ge- 
nug, um jemals eine Mehrheit von Abgeord- 
neten in das Parlament entsenden zu kdnnen. 
Je mehr also die Sozialdemokratie die Vertre- 
tung der Arbeiterinteres9en hinter das parla- 
mentarische Machtstreben zuriicktreten l&ssit, um 
so mehr wird sie ihre Aktion dem Geschmack 
ihrer burgerlichen Gonner anbequemen, um so 
mehr von sozialistischem Geist aufgeben tnussen, 
um eine biirgerliche Reformpartei zu werden, 
wie die anderen auch* 

Die Sozialdemokratie wird nur fett davon, dass 
Regierung und Rechtsparteien die gesetzmassig 
feste Grenze noch immer nicht erkannt haben, 
die der sozialdemokratischen Machterweiterung 
gezogen ist. Philokapitalistische Schichten agt- 
tatorisch umwerben und den Sozialismus her- 
beifiihren wollen: das ist Gewitter bei klarem 
Himmel. Es gibt keine Mdglichkeit, Tendenzen, 
die logisch und vollig einander ausschliessen, 
diplomatisch und kompromisslich anzunahem. 
Die Sozialdemokratie hat nur zwei Moglich- 
keiten: entweder auf die parlamentarische Majo- 
ritatspolitik zu verzichten. Denn die Grenze 
ihrer parlamentarischen Mach tmfigl ichkeiten be- 
findet sich gerade dort, wo der Sozialismus ein - 
setzen konnte. Die biirgerliche Wahlergefolg- 
schaft kann nie so hoch anwachsen, dass die 
Sozialdemokratie, wenn sie ihre parlamentarische 
Macht betatigen will, auf die Hilfe burgerlicher 
Parteien verzichten diirfte. N i e also kann sie 
zu einer Machtposition gelangen, die es ihr er- 
moglicht, ihre programmatischen Ziele auf dem 
Wege der parlamentarischen Aktion zu verwirk- 
lichen. Der Glaube an eine sozialdemokratische 
Parlamentsmehrheit ist also eine Illusion und 
die Furcht davor ein Aberglaube — ebensowk 
es eine Illusion ist, dass der Sozialismus durch 
sozialpolitische Ref or men herbeigefuhrt werden 
konnte, die das Kapital- und Lohnverhiltnis alien- 
falls verfestigen, menials aber beseitigen werden. 

Diese Illusion nahrt sich nur noch von der 
Nichterfullung politisch - demokratischer Forde- 
rungen. Je eher die Demokratisierung der par- 
lamentarischen Institutionen in vollem Umfange 
erreicht ist, umso eher wird die Arbeiterschaft 
begreifen, dass die Arbeit in den Parlamenten 
an dem System der freien Lohnsklaverei nicht 
zu riitteln vermag, und dass der Produzent 
reinc sozialpolitischen Verbesserungen efciheimsen 
kann, ohne sie als Konsument wieder heraus- 
zahlen zu mtissen. 






DIE AKTION 



202 



Ich empfehle also a)s sicber wirkendes Mittel 
zur Bekampfung der Sozialdemokratie: Neuein- 
teilung der Reichstags- und Landtags wah ikreise 
und Uebertragung des Reichstagswahlrechts aut 
Freussen. Je weniger politisch zu wunschen 
ubrig bleibt, umso rascher wird die Sozial- 
demokratie dem in Frankreich, Italien, England 
und den Vereinigten Staaten bereits iippig 
blubenden antipolitischen Syndikalismus das Feld 
raumen mussen. 

„Damit ware uns aber erst recht nicht gedient," 
werden nun meine Freunde, die Konservativen, 
sagen. „Ja, meine Herren, dann bleibt Ihnen 
nichts ubrig, als endlich zu begreifen, class die 
Sczialdemokratie kein furchterlkhes Gespenst ist, 
sondem ein Herr im Bratenrock, der seine be- 
habige Harmlosigkeit hinter einem blutroten 
Tuch verbirgt. Und eine Gefahr, die keine ist 
— nicht wahr — , braucht man nicht zu be- 
kampfen * 

Glossen 

DAS DUEMMSTE DEUTSCHE BLATT 

Falsch geraten, lieber Leser, nicht was du 
denkst, meine ich. Diesmal hat sich herausge- 
stellt, dass das ^Hamburger Fremdendlatt" alles 
liberragt. Dieses Blatt (es ist hier geprugeii 
worden, weil es politisch niedertrichtig war) 
dieses freisinnige Blatt bringt es fertig, den Ar- 
tikel Wetterlfe Rechtfertigung, den ich mit 
meinem vollen Namen zdchnete, wie folgt 
zu bek&mpfen: 

. . Wir wollen auch dieser Selbstan- 
betung des Schwaben mit dem Akzent ein 
paar Worte der Erwiderung mitgeben. Herr 
Dr. Haegy wird von dem so freundschaftKch- 
dankbar applizierten Fusstritt seines Lands- 
mannes nicht besonders entzuckt sein. Das ist 
seine Sadie. Der biedere Herr AbW liebt 
Frankreich. Das ist seine Sache. Das verwehrt 
ihm niemand, und da er in Deutschland „Kul- 
turmdglichkeit, Geist, Menschheitsgipfel" nicht 
findet — vielleicht liegen sie ihm zu hodi? — , 
da fur ihn jjFrankreich* klingt wie „ Mutter", 
warum eilt er nicht mit schnellster Post in das 
gelobte Land seiner Seele? . . . Er wird in 
deni so gesdimfihien Deutschland, in dem so 
geknechteten Elaass-Lothringen eine so riick- 
sichtslose Entrechtung der Kirche nicht erleben, 
wie sie die aufgeklirte Republik betiebt, (das 
schreibt ein Freisinnsblatt, schreibt ein Mensch, 
der weiss, weldie Last uns die Kirche ist). 
Was soil das albeme Gerede vom preussisch- 




deutschen Strafgesetz, gegen das sein Gefiihl 
verstossen soli? Das Strafgesetz, vor dem Herrn 
Wetterte graut, droht nicht seiner Liebe zu 
Frankreich; es droht seinen zu landesver- 
raterischen Handl ungen treibenden Hass gegen 
Deutschland, gegen das Land, in dem erSchutz 
und — unverdiente — Ehren geniesst, und das 
er auch in die9er „ Rechtfertigung" wieder ver- 
achtlich zu machen sucht." 

Ich habe nur einen Bruchteil der „Erwiderung" 
abgedruckt. Es genugt, scheint mir. Aber dem 
^Hamburger Echo" empfehle ich die Nutnmer 
^Hamburger Fremdenblatt" vom 28. Januar. 
Die Redaktion des sozialdemokratischen Organs 
sei jedoch milde. Beileibe nicht Bosheit weilt 
beim „ Fremdenblatt". Nur ausgewachsene Ah- 

nungslosigkeit. 

BIEROEDE 

Er sitzt am Biertisch, halb nach links gewendet, 
zu seinen Bierkrugs Rechten liegen aufge- 

schichtet 

die Untersfitze aus gepresstem Filz, mit Bier 

durchtr&nkt. 

Sein Blick ist ohne Glanz und auf's Buffet ge- 

richtet, 

dieweil die Kellnerin die Zahl genoss’ner Kruge 

uberdenkt 

und jedesmal, wenn sie ein Mass gespendet, 
den Hugel aus den Unters&tzen freudig hauft. 
Es handelt sich urn einen Mann in reifer’n 

Jahren. 

Auf jenem Tuche, das seine Hand michGIeich- 

mut knftllt, 

stehn ausserdem noch viele Krfige, die den 

Tisch befeuchten, 

vor Mftnnem von verschied’nem Alter, zumTeil 

bebrillt, 

die l&ngst vor Alltagsforderungen Haupt und 

Rficken beugten 

und hMistens noch beim Biere sich gedanken- 

voll durch ihre Haare fahren 
und dde Nichtigkeiten mit gewichtigem Wort 

vertreten. 

Doch stumm sitzt jener, zupft sich zuweilen 

wohl an seinem Umlegkragen, 
und unterbricht sein Schweigen nur um gluck- 

send aus dem Krug zu schlurfen , 
worauf er mit gewohnter Handbewegung Bart 

und Augen wischt 

und, — wenn wir es, mit Verlaub natfirlich, 

sagen durfen — 

mit rotgebliimtein Taschentuche Wurmer aus der 

Nase fischt. 






203 



DIE AKTION 




Er konnte doch so gut seine alte Weisheit auch 

in die Debatte tragen, 

doch fallt’s ihin gar nicht ein. Er zahlt, knurrt 

einen Gruss und geht 

E. F. Hoffmann (Konstanz) 
EIN UNBEKANNTES GED1CHT TREITSCHKES 

T reitschke kennen wir nur als Historiker, Aber er hat auch 
einmal andere Ehrgcize gehabt; er versuchte sich als Dieh- 
ter, siehe: ,,Ambrosius Dal finger". Der 22jahrigc Student 
hat da in langatmig- schwungvollen, festrednernden Versen 
„auch eine Entrii stung" etabliert, auf deren Hintergrfinden 
bewundernde Reminiszenzen an Freiligraths „Au*wanderer" 
und „Ein Dampfer kam von Bibertch** sehr einflussreich 
sich spiegelnd zu linden sind. Hier sei, nicht ungekurzt, 
der „Ambrosius Dalfinger'* der Bewimderung der Nachwelt 
ausgelief ert ; „Dalfinger, deutscher Cortez, stolz und prach- 
tig 41 , der ubrigens seinen Namen dem Qedicht unbeteiligt, 
wie eine Hoheit den ihren zum Protektorat einer Rindvien- 
ausstellung, hergeliehen hat. Zu finden ist e$ in einem 
dicker Privalbuch: „Dichters1immen der Gegenwart", vor 
57 Jahren in Leipzig erschienen. 

HELLMUTH WETZEL 

Ambrosius Dalfinger. 

Hin fliegt das Schiff, die Rader stohnen laut. 
Rot aus dem Schlote sprit ht die Fiut der Funken, 
Und Stadte, Dorfer, Burgen, kaum geschaut. 
So sind sie auch entschw unden und versunken. 
Wchin denn, sprich, mit deiner wilden Hast, 
Du rasches Boot, vorbei dem Rebenlande? 
Hennnt nicht in deinem Fluge dich die Last, 
Die du entfuhrst, die Last voll Quai und Schande? 
Wohin ihr Armen auf clem Vorderdeck, 

Mit eurer Habe leicht bewegten Resten, 

Der hohen Truhn unform lichem Gepack, 
Wohin?! -Ins Land der Freiheit, nach dem 

Westen . 

Du junger Bursch, derSchule kaum enisprun gen, 
Ja briiste dich rnit deiner blanken Pfeife, 

Der Manneszierde, vor der Zeit errungen, 

Und blase schmunzelnd deine biauen Reife; — 
Sieh clu nur trotzig drein, du braune Dime, 
Und inustre mutig mit gefurchter Stime 
Der reichen Schiffsgenossen bunten Kreis ; — 
Ja lache du nur, harter Bauer ngreis, 

Mit deinen Enkeln ... oh ich sah dich gehn 
Zur Seite, sah dich lange brtitend stehn, 

Mit feuchtem Auge und du hast gezittert. 

Wohl mag das Herz euch wund sein und er- 

bittert, 

Ein schweres Joch habt ihr daheim getragen. 

Es klagt des Elends viel in uns'ren Tagen; 
Die Menschheit schreitet vor, sie darf nicht 

weilen, 

Der Armut ekle Krankheit auszuheilen 

Ja singt nur, sin gt die alien Melodien. 

Bald sind auch sie vergessen und verschwunden. 



Unwiederbringlich gleich wie Traume flieh'n 
Vom frost’gen Hauch des Tages angeweht — 
Kein Ohr wird dort, es wird kein Herz ge- 

f unden, 

Das sich auf alte Lieder dort versteht; 

Es ragt kein Mauerrest aus alten Tagen, 

Von dem die Enkel iraute Mare sagen, 

Wie mir das Herz erbebt bei eurem Sange! 
Das Rot der Scham farbt mir die feuchteWange 
Und trauernd wend’ ich mich, es fallt mein Blick 
Im Flug uni drei Jahrhunderte zuriick — 

Und ktihn und stolz, wie man kein zweitessah, 
Sc weit auch ich gespaht im deutschen Lande, 
So steht dein Bikinis leuchtend vor mir da, 
Dalfinger, deutscher Cortez, gross und prachtig ! 
Ach wie ein Hohn auf uns'rer Zeitcn Schande 
Scheint mir dein Tun, so heldenstark und 

machtig: 

Wic deine deutschen Btirgerbanner standen 
Siegreich am schneebedeckten Grat der Anden; 
Wie sich mit des Kaziken Federhaube 
Der deutsche Landsknecht schmitckte, seinem 

Raube; 

Wie du Varinas goldnen Gau durchdrungcn 
Mit deiner deutschen Reiter Rosseshufen 
Des Orinoco rotes Volk bezwungen, 

Dass es gezittert vor den Herrscherrulen 
Der Biirgerkonige in Augsburgs Mauernl 
Ja, grosse Zeiten sind’s, urn die wir trauern, 
Nicht flohen da als Bettier uns’re Sohne, 
Gefolgt vom Jammer ihres Vaterlands. . . . 

Oh Bild des Stolzes und der Herrlichkeitf 
An deinem Zauber hang ich allezeit, 

In Wonne halb und halb in Gram versenkt: 
Dem Jiinglich gleich, der an der Liebsten Bah re 
Den gier’gen Staub mit blufgen Tranen trankt 
und spielt doch uoch mit ihrem gold’nen Haare. 
Und kiisst den Mund, der, einst der Sitz der 

Wonnen 

Nun kalt und stumm ist wie des Grabes Schoss. 
Verdammt ihn nicht! Nur harter wird sein Los, 
Wenn ihm der Tauschung kurzer Traum 

zerronnen . 

So wird auch mir der Blick in jene Zeit 
So stolz, so groes, so unerreichbar weit, 

Zum Spotte nur. Der alten Tage Grfisse 
Macht doppelt fiihlbar unsure eig’ne Bldsse, 

J* selbst der Ruhm wird uns ein Quell der 

K la gen — 

Das ist der Fluch,. den krankc Volker tragen! 

Heinrich von Treitschke 



205 



DIE AKTION 



206 



Das Gedichtbuch des Ernst 
Blass 

Vcn Rudolf Kayser. 

Wenn die Meinung manch edlen Kopfes ver- 
gangener Tage, dass Dichtung Kunst der An- 
schauung sei, zu Recht bestunde, was ware 
dann Lyrik? Ich glaube etwa dies: die meist 
entstotfflichte, geschloesenste und persdnlichste 
Dichtung, da Anschauung hier nichts weiter ver- 
mittelt als sich selbst, sich test zusammenhatt 
im Einheitspunkte des Gedicht-Erlebnisses und 
von keinem objektiven Punkt gelenkt wird, son- 
deni vom Wissen uni das Ich. Wahrheit, Ehr- 
lichkeit, Gultigkeit im Gedicht geben, heisst: 
Anschauung komprimieren, stets^ Letztes geben, 
mit Anspannung aller Seh- und Nervenkraft, er- 
kennen durch Abstreifen alles Ueberflussigen. 
Ich sage: Der Lyriker muss den Zeitraum seines 
Gedichtes bis zum letzten Winkelchen auszufullen 
trachten (mit Blut), muss Intensit&ten geben 
und ersch6pfen, muss die Einmaligkeit des Er- 
lebnisses im Bewusstsein haben, so gluhend, 
jagend, peitschencl, als wenn er glaubte: beim 
letzten Punkt, beim letzten Versende, sterbe , 
sterbe ich. Darum: Wahrheit, Ehrlichkeit, Gultig- 
keit Der Weg zur Lyrik ist der Weg von 
Dichtung zur Verdichtung. 

Inhalte wechseln (auch Formen sind lnhalte). 
Die Form bleibt (die zu linden, einem jeden 
von uns Lust und Sinn auf diesem Planeten 
gibt). Sie ist die Einheit, die Welt-Erzeugung, 
die Lebenskraft, der wachende Wahnsinn. Gleich- 
gultig, ob sie das „Funkchen“ des Meisters 
Eckehard oder die Monade des Leibniz oder der 
Gott der Glaubigen heisst, gleichgfiltig, ob sie 
in Produzieren oder Reproduzieren beruht. Sie 
ist die Einheit, die die Inhalte ordnet, siebt und 
— verachtet. Sie ist die Farbe dieses Erden- 
seins. Dem Kunstler heisst sie Stil, Rhythm us. . 
1st aber kein Gesetz, keine Enge, kein Schlauch, 
sondem: die Welt, das Sein, das Rauschen der 
Sturme, das Tasten und das Rufen urn das 

Gluck. Inhalte wechseln. Die Form bleibt. 

* 

Die Form: das ist das Gestaltende, die einwir- 
kende Kraft, das Amhauchen der Dinge, der 
elan vital. Dass sie (beim Kunstler) als Stil, 
Rhythmus ... an den Werken nicht immerab- 
lesbar, aufschliessbar ist, liegt nicht am Kunstler, 
nicht an der Form, sondem an den Objekten, 
den Inhalten (und deren Formen). Man ver- 
gesse nicht: ein Kunsiwerk ist nicht da und 



wird herausgestellt, sondem ist qualvoll ge- 
macht. Es ist eine Reaktion und eine Relation 
(zwisdien dem Ich und Du der Welt). Es ist 
ein Produkt wie das Leben, wie die Form, wie 
das Erkennen. Es ist das Aussenden von 
Strahlenbundeln in die Welt, durdi ein Fluidum 
von Zeit und Raum und Geruchen aller Art. 
Die Form: das ist das Menschliche des homme 
cr£aieur, das Ueber-Technische, das Nicht- For- 
male, die Identitat. Sie ist das schlechthin Un- 
Determinierte. In den Gedichtbuchem sie auf- 
weisen zu wollen, ist keine Aufgabe der Optik 
und Erkenntniskritik: sondern der Nervenspitzen. 
Sie ist im ganzen, nicht in den einzelnen Ge- 
dichten (deren Inhalten und Formen). Form 
liisst sich nicht in Formeln spannen. 



Damit ist fur die Besprechung von Gedicht- 
buchem viel gewonnen. So mussen diese S§tzc 
endgfittig verffilschte Rufe ersticken, wie . . . 
„Emst Blass ist ein Grossstadtdichter". Nein, 
eher: ein grossstfidtischer Dichter. Ihr, die lhr 
in Wut gerSt, wenn feiste Manner Bilder so 
erkliren: „Dies ist der edle Markgraf Kasimir 
. . . welcher anno . . . sein Wappen bedeutet 
. . konnt es nicht begreifen, dass Themati- 

sches auch bei Wortkimstlern — sehr oft 
Wesentliche, stets aber Sekundfires, Nie-Erschop- 
fendes bedeutet. 



So ziehe ich die Nerven zusammen, mache sie 
zu stahligen Tasten, zu riesigen Empfangs-Tur- 
men und lasse die rieselnden, ziingelnden, 
schwingenden Wellen auf mich einwirken. Sie 
kommen durch sickemde Nebel, stumm zittemde 
Atmosph&ren, matt konturierte Welten aus einem 
schlanken blauen Buch „Die Strassen komme ich 
entlang geweht (Aus Richards Weisbachs Ver- 
lag in Heidelberg)" und schlagen mit heissen 
Blitzen auf vorgehaltene Nervenspitzen ein. 

Ich spure : 



Die Gedichte des Ernst Blass stammen aus dem 
weissen Glflnzen des Intellekts, aus geistiger Er- 
lebnismdglichkeit, aus in uns schlagenden Gel- 
tungen dieses Hierseins. 



Ihre Form greift fiber eine Welt, die dem Dich- 
ter Symbol- Verwandtes gibt: nervenschuttemde 
Grossstadtstrassen, Cafehausmusiken bei auf- 
wfihlenden Gesprachen, erregende (nicht satti- 
gende) Eroten .... Symbole: fflr Angefegenhei- 
ten eines durchseelten Nerventums. 



Alle Sturme wehen hier, die uns nachtige, ner- 
vine, wiseende Menschen biegen, unter denen 
wir lSchelnd atmen, unsere Finger weiss in die 



ttk 




DIE AKTION 



208 




i 



Luft recken, und unser zweifelhaftes Gluck be- 
tasten, Sturme, die uns biegen und doch auch 
tragen . . . uber die violetten Fluten unseres 
taglichen Atmens, Denkens, unseres kn&benhaft 
tniumerischen Seins. 

Die Form dieses Dichters: das ist das heisse 
Lachen der greisen Phrase von „$onniger 
Jugendzeit* entgegen, der Kamp! gegen geruh- 
same Heiterkelt, das Erkennen (nicht: die Er- 
kenntnis), das fiihlende Wissen, das Ueberwin- 
den und Beherrschen der Realitaten unter blut- 
sdiiumendem Erleben. 



Ich erzitterte vor der Urgultigkeit dieser Kunst. 
Das Blasssche Buch ist die Angetegenheit eines 
Menschentums, das nicht beleuchtet werden 
braucht, da es selbst leuchtet in den springen- 
den Flammen heutiger Lebendigkeit : in dem 
Rausch der Sinnlosigkeit, den Denk-Wahrheiten 
und dem Tasten und dem Rufen und dem Gliick. 
Feinde dieser Kunst sind Feinde der Gegen- 
wart (was nicht heisst: diese Kunst sei nichts 
als Gegen wart). Die sie bekampfen, liefern sich 
dem eigenen H&ndewerk aus: dem, was neu 
sie errichteten, was aber nie Kultur wird, ewig 
zivilisatorisch bleibt, wenn sie nicht den Mut 
des Bekenners fin den. Soiche werden nie be- 
greifen, dass man an nachtige Latemen , an 
Strassengewoge, Cafehausgeflirr und ahnliche 
Wirklichkeiten seine Seufzer, seine Junglings- 
tranen und Einsamkeiten hangen kann, dass 
ohne botanisches Blinzeln, chne Tanz- und 
Fruhlingslieder aus eitier noch distanzlosen Ge- 
genwart (mit zerrmnenden, verwehenden Kon- 
turen) Gesange erstehen. 

Wird man begreifen , dass alles dies mit „Gross- 
stadt* trotzdem nichts zu tun hat? Sender n, 
dass es sich urn ein N&herrucken an das eigene 
Wesen, um ein Hertibemeigen uber das Rau- 
schen des Blutes handelt? 

Rilke spricht einmal von der Feme der Natur: 
„Die Landschaft ist ein Fremdes fur uns, und 
man ist furchtbar allein unter Baumen, die 
bluhen, und unter Bachen, die vorubergehen . 
Allein mit einem toten Menschen ist man lange 
nicht so preisgegeben wie allein mit Baumen. . 
Die Natur weiss nichts von uns. 41 Ist es da 
nicht edle Folgerichtigkeit, wenn man sich das 
zum A usdrucks* Material wlhlt, was immerhin 
die Bindung von Zeit-Raumlkhem fur den Dich- 
ter ausmacht? 

Ernst Blass gibt die Wirrnis dieses Seins, so 
wic sie ihn betrifft: in stumpfen Schmerzen , im 
handestreckenden Erflehen, in mildem Hoffen und 
heissem Kampf. Ein Wiihlen^ eine Angst, ein 



Zerspringen reckt sich iiberall empor. Der 
Dichter weht durch diese Welt naehtlicher 
Strassen, von dem Rhythm us der Zeit getrieben, 
und geht doch hinter sich und sucht sich zu 
packen, lachelnd und fieberblind. Der Tag f alii 
von seinem Korper, ein gemodertes Kleid. Durcli 
das Gehim sdirillt Abschied und Hoffnung: 

Doch von den Hohen plotzHch welche Feier! 
Mit sithnend wundervollesi Schleier 
Hat sich das Leben leise iiberdeckt. 



Und Augen glanzen wie an hohen Festen. 
Und blasser seh ich das Gefomite werden 
Und reicher und berauschender die Gesten. 



Durchs Fenster kommt der Prunk der Nacht 

geglitten. 

Sei still, mein Lieb! Der Tag hat ausgelitten, 
Vielleicht, dass wir noch einmal giticklich werden. 

Er sieht die harte Fremdheit der Menschen, 
eine Welt, die besteht, nicht den Oesetzen und 
Schicksalen untertan, die seine Jugend gefahrden. 

Die nacht’gen Strassen, feucht und nebelhaft, 
Ermuden ihn, so dass er schliesslich weint. 

Er sieht sich um, am Ende seiner Kraft: 
Hauser bestehn, wachend und versteint. 

Biass hat die Fahigkeit, seine Fieber, sein Glei- 
ten, seine Himltchkeit einzufangen in das 
wehende Netz seiner Form, seines Lebens. Da- 
her das Geheimnis dieser (auch von reaktion&ren 
K6pfen anerkannten) besttirzende Nacktheit, Ehr- 
lichkeit, Guttigkeit. Er hat die Tiefe, die Lust, 
die Sehnsucht und das Kdnnen. 

So kommt es, dass dieses Buch eins der wenigen 
ist, das nach den grossen Gekrdnten George 
und Rilke einen Fortschritt ermdglicht. So 
kommt es, dass aus dem Bluhen dieses jungen 
Menschen lebens neue Friichte entstehen und 
singend die Seelen bevdlkem, unter zauberischen 
Lichtem von Menschentum, Leid und Einsamkeit. 



BUSSLIED 

Wenn ich gestorben war — ! 
Mein Schreibtisch lage leer, 
Die Feder wegger^umt, 

Das Tintenfass versaumt, 

Die Tinte eingestaubt, 

Das L5sch papier geraubt, 

Das Skizzenbuch im Fadie 
War eine tote Sache 



209 



DIE AKTION 




Und ruhte aus wie ich 
Oha einen weitern Strich. 

Kein Brief kam ferner an 
An den gestorbnen Mann 
Und keiner ging heraus. 

Aus dem vertass’nen Haus. 

Auch war ein Weinen los 
In meiner Heimat gross, 

Doch hatt’ es wenig Kraft: 

Denn ich war fehlerhaft. 

Ich stiess an viete an, 

Ging ich in meiner Bahn, 

Und wich ich manchen aus 
So nahmen’s a lie kraus, 

Beleidigendes Wort, 

Der Wohlgefiihie Mord, 

Wo ich auf Giite zielte 
Aus meinem Munde spiel te. 

So wurde offenbart, 

Dass meines Herzens Art 

Trotz aller Zugelei 

Nur schlecht und gierig sei. 

Und doch war ich geliebt. — 

Nun lebet unbetriibt, 

Ihr Freunde und ihr Gassen, 

Ich will euch uberlassen 
Den ausgegiichnen Seelen, 

Die euch wie ich nicht qualen. 
Gedenket, wie in Jahren 
Wir oft vereinigt waren, 

Nun mog es doppelt schon 
Euch ohne mich ergehn. 

Prag Max Brod 



LIED DER SEHNSUCHT DES KUNO KOHN 
(aus der Geschichte: Der Sieger) 

Die Fallen des Meeres platzen wie Peitschen 

auf meiner Haut. 
Und die Sterne des Meeres reissen mich auf. 
Von schreienden Wunden ist der Abend des 

Meeres Einsamen. 

Aber die Liebenden finden den guten ver- 

traumten Tod 

Sei bald da, Schmerzaugige, das Meer tut so 

wen. 

Sei bald da, Liebleidende, das Meer erschlagt 

mich so. 

Deine Hande sind kuhle Heilige. Hull mich 

mit ihnen, das Meer brennt auf mir. 
Hilf doch! Hilf doch! . . . Deck mich. Rette 

mich. Heil — mich — . . Freund in. 
Mutter du. 

Alfred Lichtenstein ( WilmersdorE) 



HINR1CHTUNG 1913 

Er heult ein Dun kein . Horch! Sie kommcn. 

Hui! 

Er schwirrt hervor wie eine Fledermaus 
Gegen die Wande. Fort! Er will heraus; 

Der Geistliche beginnt: „Ich bitte Sie" — — 

Er sitzt, rutscht wie ein Affe auf dem Steiss 
Zwischen den Pfaffen durch ; der falU zusammen. 
A her die Warier greifen ihn, die strammen 
Geiibten Manner schnaufen voller Sch weiss. 

Sie trugen ihn. Er liess Urin, er riss 
Die HSnde los zum Schutz an seinen Hals. 

Er schnatterte, er sah nichts weiter als 

Den Herrn im Frack: ta-ta-ta-ta-ta-tattt! 

Die Zunge hobelte noch Wortsalat, 

Als ihr das Beil wild durch die Wurzel hiss. 

Paul Boldt 



BOULEVARD AM MORGEN 

Ein seltner Hund, den gestern man vennisste, 
kommt jetzt den Boulevard herabgewetzt, 
ein dicker Mann, der eine Trambahn hetzt, 
rutscht aus und f&llt in eine Aschenkiste. 

Wie grosse Koffer in den Bahnhofshallen 
sind tausend Hauser aufeinanderbalanziert, 
Kamine fliichtig oben drauf geschmiert, 
die wacklig sind und bald herunterfaileu. 

Fritz Max Cahen ( Paris) 



Der Fremde (15. Fortsetzung) 

Roman von Rend Schickele 

— Was fehlte ihr denn, als sie vor vier Wochen 
krank lag? 

Nieland dachte nach. Dana schnell: 

— Es schien so, als ob sie schwanger ware. 

— Ach! . . . 

Paul ruckte unwillkurlich von Nieland ab. 
Wollte der ihn mit sich in eine Katastrophe 
hinein reissen, die Paul noch nicht verstand, aber 

— er White sie in alien Nerven, es kam heran, 
ganz sicher, etwas Grassliches, Unvermeidliches. 
Da fuhr es ihm durch den Kopf: er wird sich 
erschiessen. 

Er fragte: 

— Sie hat dir heute morgen geschrieben? 

— Ja, zehn Zeilen. Ich solle sofort abreisen. 

— Hat Lamonde dich erkannt? 

— Du fragst so viel ... Ich weiss nicht. Sie 
glaubt: nein. Aber ich weiss, dass er mich er- 
kannt hat. 



211 



DIE AKTION 



212 



Seine Stimme klang rauh, er hatte sich tief in 
die Eclce zuriickgelehnt. 

— Das ist alles, alles gleichgiitig . . . Ich babe 
Lamonde gem gehabt, ich hatte mir eingeredet, 
dass sie gar nicht seine Frau sei, und dassich 
schliesslich der einzige sei, der sie vielleicht 
glucklich machen kdnnte, und so writer, Sie 
half mir ja auch dabei ... Sie ist sehr schon. 
Ja, nun bin ich tot fur sie. Das versteht sich. 
Er lachte leise, zwrideutig. Hassle er sie, oder 
war er dem Weinen nahe? . . . Er kndpfte 
seinen Rock zu und setzte den Hut auf. 

— Ich wollte dich bitten, sagte er laut, auf 
mein Zimmer zu gehn und die Wirtin zu be- 
zahlen. Ich habe schon alles gepackt. Nimin 
rinen Wagen und bringe die Sachen nachdem 
Ostbahnhof. Ich werde heute Nacht mit euch 



zuaatnmen srin und morgen frith nach Deutsch- 
land fahren. Nicht wahr, du lust mir den Ge- 
falien? Wenn du Lamonde siehst, so sage ihm 

— was du willst. Es ist nichts gutzuinachen. 
Paul zwang sich zu lacheln. 

— Du wirst dich doch nicht erschiessen? 
Nieland schien erstaunt. 

— Erschiessen? Nein, mein Lieber. Das ware 
Unsinn. Ich werde mich irgendwo erholen und 
dann an mrine Karriere denken. 

Er hatte seine Glacdtandschuhe angezogen und 
den kleinen Stock mit dem Goldknauf an den 
Arm gehkngt. Darauf Hess er den Kutscher 
halten und stieg aus. 

— Adieu, Merkel, nur keine Angst, es wird 
noch alles gut gehn. Nachher im Casino. 
Adieu! 

Er schlug die Tur zu. 

— Kutscher, fahren Sie weiter. 

Nieland stand steif mit grossen, schwarzen 
Augen und griisste ISchelnd mit der Hand. 



VIII. 

Der Wagen roilte weiter. Paul erinnerte sich 
pldtzlich, dass er ein Zittem in der Seele seines 
Freundes gefuhlt hatte. Ein kurzes, heftiges Er- 
zittem, wie eine unheimliche Verwirrung alles 
Fuhtais und Denkens, als Nieland auf seine 
Frage geantwortet hatte: „Erschiessen? a Er 

hatte dieses Wort sonderbar ausgesprochen . 
Eine versteckte Angst war darin gewesen, die 
gewaltsame Unterdriickung von etwas Grass- 
lichem, das unvarmittelt in des andem Seele 
emporgetaumelt war und ihm alle Kraft hatte 
nehmen wollen . . . Pauls Herz klopfte mit 
grossen, dumpfen Schlagen. Er atmete ein iiber 
das andere Mai tief auf, er suchte sich Rechen- 



schaft tiber diese Unruhe abzulegen, er war 
einem rettenden Gedanken dicht auf den Fersen 
und konnte ihn nicht erfassen. Was war es 
denn nur? Er fiihlte sich wie in einer Volks- 
menge. Sie stiess ihn vorwarts, rechts und links 
waren immer Ellbogen, die ihn schoben, er 
straubte sich, aber es waren ihrer zu viele. Und 
man kam immer naher ... Sie schleppten ihn 
an einen Abgrund, in den sie ihn hinabzogen. 
Das alles geschah in der Luft urn ihn heruni, 
er konnte sich ihm nicht entziehen. 

Er riss sich zusammen . Was ging ihn denn 
Nieland an? Er hatte ihn geliebt, weil er ihn 
fur einen phantastischen Gentleman hielt — ja, 
weil er „gezeichnet w war, Und jetzt, da esernst 
wurde . . . 

Malva! Er wollte zu ihr. Sich in ihre Arme 
stiirzen, in den Zuckungen, in dem Aufleuchten 
und Versinken alles vergessen, in erschuttern- 
den Tumulten sich vernichten. Nein, sie sollte 
plaudern, im Zimmer herumgehn, lachen! 

— Ich bin verloren, sagte er sich. Ich bin 
verloren. Ich habe keine Widerstandskraft mehr. 
Alles, was den Untergang entgegengeht, reisst 
midi mit. Fremde Schicksale ergreifen mich, 
als waren es meine eignen . . . 

IX. 

Der Wagen stand still. Paul ging langsam die 
Treppe hiuauf. Als er in Nielands Zimmer trat, 
erhob sich Lamonde vom Sofa. 

— Bleiben Sie sitzen, Herr Lamonde, sagte Paul 
mude. Ich bins. 

Lamonde setzte sich. Sie schwiegen. Endlich 
fragte der Schauspieler : 

— Herr Nieland hat Sie geschicki, nicht wahr? 
Paul antwortete nicht. 

* Da stehn seine K offer. Sie sollen sie zur 
Bahn bringen? Er reist also ab. Das wire 
nicht ndtig gewesen. 

Paul horchte auf: 

— Verzeihung. Sie meinen, es ware nicht ndtig 
gewesen? 

— Nein, wozu denn? 

Paul ging auf die Tiir zu. 

— Ich will urn eine Lampe bitten, stotterte er. 

— Halten Sie das fur unbedingt ndtig? 

— Wie Sie denken. 

Ich bin ein Tdlpel, dachte er. Aber ich kann 
die Stimme dieses Mannes im Dunkel nicht er- 
tragen. 

Er sank in einen Lehnstuhl und schloss die 
Augen. Diese verbissene Verzweiflung rings- 




DIE AKTION 



I 



214 



213 



urn! Diese stummen, tobsuchtigcn Erregungen 
in der Luft! . . . Er fuhr empor. 

— Wie sprechen Sie denn heute, Lamonde, sagte 
er gequalt. 

— Wie ich spreche? Ich denke, sehr ruhig? 
Hat Herr Nieland anders gesprochen? 

Darauf erwartete Lamonde offenbar keine Ant- 
wort. Die Frage war eine kranke Bosheit, unci 
das sollte verleugnet werden. Die ersten Worle 
warden anders ausgesprochen, als die letzten, 
die so leicht hingesagt waren; so, als sol! ten 
sie nicht gelten. Da sass Paul dem Schauspieler 
mit kalter Neugierde gegen fiber. 

— Sie wollten Herrn Nieland sprechen? 

— Ja. Sehen Sie, heute abend wtirde es mir 
in meiner Wohnung unheimlich. Ich habe meine 
Frau fur einige Wochen zu ihren Eltem ge- 
schickt; sie war eben in der Droschke wegge- 
fahren, und ich gin g in der Wohnung umher. 
Ich musste zu jemand h in la u fen und mit ihm 
sprechen. Wohin sollte ich, wenn nicht zu 
Herrn Nieland? Nicht wahr, er hat lhnen doch 
erzahlt, dass wir einander gestern in der Nacht 
begegnet sind? . . . Er konnte nicht zu uns 
komtnen, er ging also zu lhnen. Das dachte 
ich mir, als ich hier die Treppe hinaufstieg. 
Ich habe die Erfahrung gemacht, dass die tadcl- 
losesten Oentlemen bei solchen Gelegenheiten ein 
ganz klein wenig zusammenknicken . . . Eigent- 
lich wollte ich ihm nur den Rat geben, keinc 
Dummheiten zu machen. 

Nun fulilte Paul auch bei dem ein Zittern durch 
den ganzen Organismus, die heuchlerische Ab- 
wehr des Schreckens, die Todesangst. Das 
wars. Die Todesangst . . . Und Paul sah diese 
Blicke der Todesangst in den Augen vieler, 
vieler; blasse, weggleitende Blicke; er sah sie 
in semen eigenen Augen. Alle Menschen wur* 
den gleich vor ihm, fremd und in ihr Schicksal 
eingeschlossen . 

— Nur keine Schiessereien, sagte der andere. 
Paul ndrte kaum. Er verstand das De Profundis 
der Gussen. Die Trauer, die ihn manchmal be- 
fiel, wenn er hundert Menschen ins Gesicht ge- 
blickt hatte, das Ansteckende, Verzehrende 
solcher Spaziergange ... 

Es schlich sich in seine Gedanken, dass dieses 
das All erverach tlich ate am Menschen sei, das, 
was so sehr ermude . . . 

— Herrn Nieland wurde von meiner Frau ge- 
schrieben, dass ich den Diebstahl angezeigt habe. 
Das ist nicht wahr, ich habe keinen Augenblick 
daran gedacht. Aber sie hatte sich etwas aus- 
gedacht und wollte es durchffihren. Herr Nie- 



land sollte sofort verschwinden, sie selbst dr&ngte 
dann darauf, dass der Diebstahl verfolgt werde. 
Es bliebe eben ein geheimnisvoller Diebstahl. 
Sie hatte die Nacht fiber Zeit nachzudenken . . 
Ich sehe jetzt, dass ihr Plan das beste war, 
was in einer derartigen Lage getan werden 
konnte. Ste hatte bei der blossen Nahe der Ge* 
fahr jeden Gef alien an Herrn Nieland verlorcu. 
Unbequeme Aufregungen waren ihr immer ver- 
hasst . . Herr Merkel, Manner haben zu wenig 
Solidaritaisgefuhl, sie sind primitive Hahne ge- 
blieben. Ich habe mit dem Herkommen ge- 
brochen. Herr Nieland soil wissen, was gc- 
schehn ist, und die Angelegenheit wird aufeine 
reinliche Weise erledigt sein. Sie werden es bc- 
greiflich finden, dass ich diese Nacht un ruhig 
war. Es stand fur mich fest, dass der Begriff 
Ehebruch im besten Fall ein juristischer Altruis- 
mus, im ubrigen aber nichts anders als die De- 
nunciation eines Grdssenwahnsimnigen, einc 
Lacherlichkeit sei. Ob eine Frau nun eine Be- 
gierde unterdriiokt, Oder ob sie ihr nachgibt, 
das ist doch wahrhaftig ein und dasselbe. Im 
Augenblick, da Hire Frau einen andern als Sie 
begehrt, gehort sie nicht mehr lhnen. Aber - 
dass sie sich schlafend gestellt hatte, und als 
sie mir kaltbliitig entgegentrat und verwundert 
sagte, es sei niemand dagewesen , sie habe nichts 
gehdrt! ... Ich blieb ruhig, bis ich mich in 
mein Zimmer eingeschlossen hatte. GlaubenS ; e 
mir, so etwas wie die Nacht, die ich da ver- 
bracht habe, — wiederholt sich nicht im Leben 
eines Menschen. 

Ueber Paul kam ein Wohlgefuhl, das beinah 
Behaglichkeit war. 

— Herr Lamoilde, dass ich diese legend&rc 
Nacht erfahren habe, verdanke ich einer Mo* 
distin. Seither bin ich in Angelegenheiten der 
Liebe die Scham nicht losgeworden. Nach eini- 
gen Tagen hatte ich dem Madchen nichts mehr 
vorzuwerfen, als meine heimliche Selbstdemuti- 
gung in jener Nacht . . 



Paul lichelte im Dunkel. Er sah al!es so deut- 
lich vor sich, wie er die Treppe hinaufstieg, 
sehr glucklich. Es war noch nicht lange her, 
seit er nachts bei ihr schlief und sozusagen bei 
ihr wohnte . . Sie hatte Licht. Er freute sich. 
Sie sah entzuckend aus im roten Schein der ver- 
hdngten Lampe. Das Pariser Jungensgesicht 
tief im tiefschwarzen Haar auf dem weissen 
Kissen. Er klopfte. Er rief; leise, damit ja nicht 
die Nachbarn aufmerksam wurden. Dann horte 
er Hiistern, und eine entschiedene Mannerstimme 
fragte, ob Paul wiinsche, dass man ihn die 



215 



DIE AKTION 



216 



Treppe hinunter werfe. Er blieb eine Stunde 
vor der Haustiir stehn, bis ihm vor Kalte die 
Zahne klapperten. Zu Hause hatte er eine wahn- 
sinnige Angst, dass es Tag werden konnte, er 
zog die Oardinen zu und riickte den spanischen 
Schirm an die Riickwand des Zimmers . . Er 
legte sich dahinter auf den Fussboden und 
dachte nach . . . (Fortsetzung folgi.) 

Zeitschriffenschau 

DIE SCHAUBUHNE enthalt in der Nummer fa: Die Oeliebten. 
Von Rene Schickele. — Brand. Von S.J. — Dem Dichter 
Thomas Mann. Von Julius Bab. — Miinchen. Von Erich 
Miihsam u. a. 

DIE NEUE RUNDSCHAU (S. Fischer, Verlag, Berlin). Das 
Februarheft bringt einen auch in franzosischer Sprache 
noch unveroffentlichten Artikel von Maurice Maeterlinck 
„Ueber das Leben nach dem Tode“. In demselben Heft 
beginnt Paul Schlenther die Biographie von Otto Brahm 
zu erzihlen. Robert Hessen schreibt einen aktuellen 
Essay fiber den Qeburtenrfickgang. Hermann Stehr setzt 
seinen Roman „Oeschichten aus dem Mandelhause' 1 fort. 
Hans Reisiger veroffentlicht seine neueste Novelle „FrauI’n 
Anna". Jakob Wassermann schreibt fiber die Texte, die 
Hugo von Hofmannsthal fur Richard Strauss gemacht hat, 
Lucia Dora Frost fiber den neuen zweibandigen Roman 
von Ricarda Hoch, Karl Jentsch fiber den Jesuitismus. 
Oedichte, kleinere Essays und Anmerkungen ffillen das Heft. 
DAS LITERARISCHE ECHO. Halbmonatsschrift ffir Literatur- 
freunde. Verlag: Egon Fleischel * Co., Berlin W.9. Das 
2. Februarheft enthilt: Qeorg Hermann: Peter Hille. — 
Charlotte Lady Blennerhassett: Einige Worte Uber die 
engfische Romanliteratur. — Karl Berger: Schillerschriften. 
— F. Schotthoefer: Der neue Donnay u. a. 

Vornotizen 

(Nur wichtige Neuerachcinungen werden hicr angeieigt. Die ftesprediung 
der elnzelnen Werke folgi in den nSchsten Nummern der AKTION) 

MAX OPPENHEIMER. Sieben Kopfe. Zeichnungen. (Verlag 
DIE AKTION ) M. 10 -. 

WERNER SOMBART. Krieg und Kapitalismus. (Duncker 
A Humblot, Verlag, Leipzig.) 

OTTO FLAKE. Freitagskind. Roman. (S. Fischer, Verlag, 
Berlin.) Oeh. M. 3 50. 

E. A. NAORODSKAJA. Der Zorn des Dionysos. Roman. 
Ins Deutsche fibertragen von Alexandra Ramm. (Oester- 
held A Co., Verlag, Berlin.) Oeh. M. 3.—. 

RUDOLF KASSNER. Der indische Oedanke. (Insel-Verlag, 
Leipzig.) Oeh. M. 2.50. 

Die Aktion brachte bisher Beitrage von: 
Max Adler, Peter Altenberg, Hans Baas, Ernst 
Balcke, Hermann Bahr, Peter Baum, Gottfried 
Benn, Martin Beradt, Alexander Bessmertny, 
Ernst Blass, Franz Blei, Paul Boldt, Georg 
Brandes, Max Brod, Otto Buek, Edward Car- 
penter, Otto Corbach, Richard Dehmel, Arthur 
Drey, Ossip Dymow, Frederik van Eeden, Carl 
Einstein, Emil Faktor, Pastor Emil Felden, S. 
Friedlander, Alfred Gold, Rudolf Grossmann, 
Paris von Giitersloh, Victor Hadwiger, Ferdinand 
Hardekopf, Maximilian Harden, Ludwig Hat- 



vany, Max Herrmann (Neisse), Gustave Herve, 
Georg Heym, Kurt Hiller, Jacob van Hoddis, 
John Hoexter, Marie Holzer, Heinrich llgenstein, 
Franz Jung, Rudolf Kayser, Alfred Kerr, Peter 
Krapotkin, Rudolf Kurtz, Willy Kiisters, Hans 
Kyser, Else Lasker-Schiiler, Alfred Lichtenstein 
(Wilmersdorf), Heinrich Mann, Rolf Wolfgang 
Martens, Paul Mayer, Grete Meisel-Hess, Prof. 
Eduard von Meyer, Alfred Richard Meyer, Prof. 
Dr. Molenaar, Erich Miihsam, Viktor Noack, 
Richard Oehring, Erich Oesterheld, Max Oppen- 
heimer, Kurt Peschke, Franz Pfemfert, Otto 
Pick, Alexandra Ramm, Arthur . Ro6Sler, Ludwig 
Rubiner, Anselm Ruest, Peter Scher, Rene 
Schickele, Robert Seidel, Arthur Silbergleit, 
Mario Spiro, Ernst Stadler, Max Steiner, Helene 
Stocker, Nadja Strasser, August Strindberg, Curt 
Thesing, Siegfried Trebitsch, Jacob Wasser- 
mann, Frank Wedekind, Hellmuth Wetzel, Alfred 
Wolfenstein, Cheskel Zwi. 



EIIMLADUNG 

Donnerstag, den 13. Februar 
1913 wiederholen wir in den 
Johann-Georg-Salen, 
Johann- Georg- Str. 19, den 

BALL DER 
AKTION 

Man erscheine im Kostiim der Revolutionen von 
1789—1989. Wer reaktionar genug ist, in Ball- 
toilette zu kommen, wird vom Direktorium zu einer 
Konventionalstrafe von M. 1, — fur einezwangs- 
weise aufzusetzende Jakobinermiitze verurteilt. 

Das Ballkomitee bilden: Gertrud Eysoldt, Else 
Bema, Dr. Franz Blei, Rene Schickele, Max 
Oppenheimer und Peter Scher. 

Ratschlage in Kostiimfragen erteilt der Bali- 
ausschuss taglich zwischen 5 und 7 Uhr im 
Atelier des Malers Max Oppenheimer, W. 15, 
Joachimsthalerstrasse 10. 

Eintrittskarten zum Preise von Mk. 5,— sind 
erhaltlich: Kaufhaus des Westens; Theaterkasse 
im Cafe Josty, Potsdamerplatz; Buchhandlung 
Edmund Meyer, Potsdamerstrasse 26. Buchladen 
Kurfurstendamm und im Verlage der AKTION. 




INHALT DER VORIQEN NUMMER: Franz Pfemfert: An Alfred Kerr / Peter Scher: Bethmann Hollweg neuestes Erlebnis 
Ad. Basler (Paris): Die Maler der Neuen Sezession / Marie Holzer: „Die Intellektuellen" / Richard Oehring: Schneeland 
Paul Mayer: Pierrots Schmach / Rene Schickele: Der Fremde / An die Buchautoren / Oegen Windmfihlen / Wer es nur 
sein mag? / Zeitschriffenschau / Richter (Petruschka): Russisches Ballet (Zeichnung). 




mmmn 

WOCHENSCHRIFT FOR POLITIK, LITERATU R, KUNST 
III.JAHR HERAUSGEGEBEN VON FRANZ PFEMFERT NR. 8 



INHALT 



Victor Hadwiger Zur Psychologic des Hochverrats 

Robert Neulaender .... Gustav Mahlers Neunte 

Otto Pick (Prag) Franz Kafka 

Franz Luft Revolutionsball der AKTION 

Alfred Lichtenstein .... Nach dem Bade 

Rene Schickele Der Fremde 

Rudolf Kayser Ins Weite 

Hellmuth Wetzel G&hnendes Cafe 

Anl&sslich einer SchmierenaufFOhrung — Aphorismen von 
fOnf Autoren — „Der lose Vogel" — Der nfichste Autoren- 
Abend der AKTION — Neue BQcher 



C6car Klein 



Zeichnung 



Heft 20 Pfg. 



Verlag der Zeitschrift Die Aktion Beriin-Wilmersdorf 






WO CHENS CH R I FT FOR POLITIK, LITERATUR, KUNST 

I 3. jahrgang] HERAUSGEGEBEN VON FRANZ PFEMFERT |i9. Februaries] 



Dortakf ir*n - Manutkriptc, Rezensions-, Tausch- 
lACUalMIUI 1 . fc-xemplare etc sind an den Heiaus- 
gtber, Berlin- Wilmersdorl, Naussauischc Strasse 17 
zu scnden :: :: Tel*-phon Amt Pfalzbttrg Nr 624Z 
Unverlangten Mauiusk.ipten ist Ruckporio beizufugen 



Erscheint Mittwoch 



AhrmnomAnt • Mk 2 ~ vicrtelilhrl. (excl Be- 
Auonnemeill . stellgeUDbei alien Postanstalt., 
Buchhandlungen etc. Oder durch Kreuzband gegen Mk. 
2.50 durch den Verlag der „Aktion“. Berlin-Wilmersdorf, 
Nas-auiscliestr. 17 :: Kommissiondr Oust. Brauns, Leipzig 



ZUR FSYCHOLOG1E 

Victor Hadwiger, der Friihverstorbene, hat, als 
Dichter, einen selbstlosen Apostel in Anselm Ruest; 
wer jedoch nimmt sich der wertvollen politischen 
Schriften Hadwigers an? Nachstehende Zeilen 
schrieb er mir im Oktober 1910. P. 

In der Entwickelung der grossen und kleinen 
Revolutionen gibt es mehr als eine Genieinsam- 
keit. Ja, in ihrer Psychologie sehen sie sich so- 
gar ahnlich, wie die Rassentypen einer sich in 
aufsteigender Linie entwickelnden Spezies. Des- 
halb soil man den Mannern nachforschen, die 
in friiheren kritischen Tagen von Gut und Bose 
spiachen und aus dem kochenden Kessel der 
Masseninstinkte Geniessbares, Festes hervor- 
hoben. Gewiss, oft schraken sie schon wahrend 
ihrer Arbeit vor der eigenen Erkenntnis zuriick, 
sobald sk iiber alle Erwartung schnell ihre 
Ideen realisiert fanden. Das waren Theoretiker 
und der Theoretiker wiinscht seinem Gedanken 
ein kommendes Jahrhundert. Aber die Ge- 
schichte kiimmert sich nicht um die Schiichtern- 
heit ihrer Apostel. Sie gibt ihnen, soweit sie 
ihr zu Willcn gepredigt haben, auch dann Recht, 
wenn sie wahrend der Arbeit hinter der Ge- 
schichte und den eigenen Ideen zuriickbleiben. 
In seiner Sonntagsheiligung streift Proudhon, 
einer der Prediger der „Gleichheit“ und im ge- 
wissen Sinne Vorkampfer der Marx und Engels 
einen friiher vernachlassigten Punkt seines Pro- 
gramms: die Egalitat des Rechtes zur Gesetz- 
gebung. Es ist nicht am Platze, dem eifrigen 
Apostel der Volksintelligenz eine Halbheit vor- 
zuwerfen, wo es sich hochstens um eine per- 
sonlich gefasste Tatsache handelt. Derselbe 
Mann, der den Satz geschrieben hat: „Vom Ge- 



DES liOCM VERRATS 

horsam ermiidet, erhebt sich plotzlich der 
Merisch, und lange vor seiner Vernunft hat sein 
Herz die Gleichheit verkiindet", sagt: „Politik 
ist — Sache der Wissenschaft, nicht der Mei- 
nung.“ — — — Wir greifen diesen Passus aut, 
nackt wie er gedanklich dasteht ohne Beziehun- 
gen auf Proudhons System, ohne Rucksicht a\tf 
Berechtigung oder Nichtberechtigung, auf Kon- 
sequenz Oder Inkonsequenz seiner philosophischen 
Anschauung, so wie er uns in der Dammer- 
stimmung der Tage aufflammt, mit aller Innig- 
keit des Herzens. Am Vorabend der sozialen 
Verschiebungen ist es mehr am Platze, voraus- 
setzungslos zu empfinden, als systematisch nach- 
zufolgen. Der Satz mag uns im Gedachtnis 
bleiben, gleichgiiltig, wie sein Erfinder weiter 
enischeidet, und went er die Sache der Wissen- 
schaftlichkeit in die Hande gelegt wissen will. 
So vcraussetzungslos machen wir ihn zum 
Eigentum nnserer Ueberzeugung und berechnen 
seine Unbekannte. Und wir werden Proudhon 
recht geben miissen, ebenso wie wir stets unsern 
I’einigern Unrecht gegeben haben; wir werden 
vor dem Tribunal nnserer eigenen Vernunft die 
imperialistische Demokratie des franzosischen 
Philoscphen und Sozialpolitikers verteidigen 
rnussen. wir werden bei aller Gleichmachersucht 
sagen, dass ein Kaninchenbock von noth so 
grosser Ehrwiirdigkeit tins nieinals wird regie- 
ren konnen, auch nicht eine ganze Masse von 
Kaninchenbockcn. Aber wir wollen von der Er- 
kenntnis zu den Temperamenten zurtickkehren 
und die Reflexe der Gegenwart geniessen. Wir 
glauben es ist nicht zu viel gesagt, wenn wir 













DIE AKTIOH 



behaupten, dass es so rasch klare und einfache 
Resultate noch in keiner dffentiichen Abrechnung 
gegeben hat, wo ein Volk als Rechenmeister auf- 
trat, Jene negative Unbekannte, die Wurzel aus 
minus I ist die UnterdrQckerpolitik, die soziale 

Entmundigung, wie sie gegenwirtig in den 
beiden konservativsten europ&ischen Staaten, in 
Russland und Preussen getrieben wird, 

Es sei ein Wort hinzugesagt, das mehr ein 
Schlussel zum Verstandnis des Proudhonschen 
Satzes* nicht das Verstandnis selbst sein will. 
Was meint Proudhon, wenn er sagt „Wissen- 
schalt in politischen Dingen“. Der Mensch 
Proudhon selbst in seiner Entwickelung gibt 
sicherlich keine juristische Fakultat oder gar 

eine_ Diplomatenakadem ie gemeint, wahrend er 
schon eine Erklirung. Dieser eitle Autodiktat hat 

sich zum Lehrer der sozialen Oemeinschaft auf- 
schwang, urn diesen charakteristischen Satz zu 
sprechen. Ein in alien Einzelheiten foigerich- 
tiges fortschreitendes Verstandnis fur die Ent- 
wicklung der Oemeinschaft ist es, was ihn zur 

Fiucht vor der Brutalitat und der Verwirrung 
des vielkdpfigeii Ungeheuers Massenwille veran- 
lasst. Es war der Respekt vor der Erkenntnis, 
die den Instinkt uberragt, ohne sich deshalbvon 
ihm loszuldsen, ihn unberucksichtigt zu lassen. 
Der Instinkt soil organisiert werden durch die 
Intelligenz. — — — Die franzdsische Revo- 
lution hat es bewiesen, wie die zum Siege ge- 
langten politisch^ortschrittlichen Instinkte sich in 
Hdhepunkten markieren, die sodann als full- 
rende Intelligenzen gelten. Es war nicht nur der 
eine Bonaparte, den die Revolution geboren hat, 
Das Vertrauen der Masse rankt sich an solchen 
fuhienden Geistem, an solchen Bonapartismen 
der Intelligenz empor, mdgen sie demokrahsche 
Reden halten oder erkl&rte lmperialisten sein. 
Ein Kulturevangelium, eine Epoche des Fort- 
schritts, die aus den garenden Geistem der 
Revolution geschaffen wurde, ist ihrer uber- 
ragenden kosmischen Intelligenz, ihrer „politi- 
schen Wissenschaft* anvertraut. 

Proudhons Philosophic furchtete sich noch vor 
der Mundigkeit der Masse. In den letztenjahr* 
zehnten ist vieles, sagen wir ein wenig anders 
geworden. Die Erziehung zur Macht bei den 
Massen hat jene politische Enttiuschung, jene 
Missachtung der regierenden Klasse, die noch 
immer so hartnackig Klasse sein will, vollendet. 
Solche Missachtung und ihre laute Aeusserung 
gilt als Hochverrat. Wie pathetisch klingt dieses 
Wort, das wir eigentlich so lacherlich finden 
auf dem politischen Theater, wie feige istdoch 



232 



dieser Begriff. — Angst vor dem Kri- 

terium des Volkes ist doth nur Eingestandnis 
der eigenen geistigen Unfruchtbarkeit und Un- 
zuUUiglichkeit. Und es ist nichts krSnkender und 
verstimmender als dieses Gefuht der eigenen 
LScherlichkeit, wenn es mit Angst oder Verant- 
wortung gepaart wird. Der hereditSre Impe- 

rialismus hat sich deshalb mit Gesetzen bewaff- 
net, Gesetzen, die mit dem Knuppei gegen das 
empdrte Lachen der malcontenten Intelligenz los- 
gehen sollen. — — — Was sollen die Buttel 
und Denunzianten gegen die Reflexe der Massen- 
seele, und was ist die Folge der (Scherlichen 
Versuche, zu verge walti gen?? — — — Immer 
wieder emportes Lachen! 

Aber eine reakdonare Regierung denkt nie an 
Folgen ihrer Massnahmen, sie rechnet nur mit 
Erfolgen derselben, wie eine Kriegspartei gegen 
die andere. Und ihre Erfolge sind ja gewdhn- 
lich auch nur Gewalttatigkeiten, gleidigultig, ob 
Blut dabei fliesst oder nicht. Sie selbst sind es, 
die als Schnauzer und Handabsdi lager die 

Schule zum Hochverrat beaufsichtigen und mit 
Lehimaterial versorgen . — Das sind Tatsachen, 
und missgelaunt fragen wir wieder: Wo ist hier 
die Wissenschaft? 

Die klagliche Wissenschaft der bevorzugten 
Klasse besteht also zunfichst in einer nachhal- 
tigen sozialen Feindschaft. Durch die ihr zur 
Verfugung stehenden uberkommenen Gewaltmit- 
tel sucht sie ihren Mangel an psychologischer 
Erziehungskunst zu ersetzen. Anstatt der ihr 
anvertrauten „ Menge* ihren uberlegenec Geist 
zu beweisen, schwingt sie den Knuppei. Was 
Wunders, wenn die ungelehrigen Schuler aus 
der Schule laufen, die ihnen nichts ist als ein 
Regiment des Kruppels. Wie aber, wenn diese 
Schuler endlich gelemt haben werden, die Etfiik 
ihrer Freunde und Lehrer zu verabscheuen, 
wenn sie Laster nennen, was ihnen Studium 
sein sdl, wenn sie als politischen Sadismus be- 
zeichnen, was hier Staatskunst heissen m5chte, 
alle die blutigen und unbhttigen Variationen dies- 
seits und jenseifs des Memel? Wehe, wenn sie 
mit den eifrigen Ohren des entlaufenen Schulers 
nach Osten hinhorchen. 

Es gibt nur Relationen nn Bereich der sozialen 
Begriffe insofem diese entwicketungsfthig sind 
und nicht ganz der Geschichte angehoren. Man 
kann einen Druck, eine soziale Knechtschaft aben 
so hart empfinden, mag sie sich bhiiig oder 
unblutig gebSrden, wenn man lediglieb in Re- 
lationen denkt und empfindet. Es ist nicht gleich- 
gultig, cb man einen podolischen Bauem tot- 




DIE AKTION 



234 



schiagt oder einen deutschen Redakteur hinrich- 
tet. Mit welchen Mitteln eine Reaktion arbeiten 
darf, beurteilt man deshalb am besten mit den 
Augen des Hisiorikers. In einer Broschiire des 
russischen Fursten Krapotkin erkennt man die 
Mitte! der russischen, aus den Aeusserungen der 
massgebenden deutschen Presse uber das 
preussische Wahlrecht die Mittel der neuen 
preussischen Reaktion. Die preussischen Poli- 
tiker haben es endlich gelemt, trotz alter Jun* 
keralluren politisch nicht mehr mit dem Messer 
zu essen. Das ist aber auch alles. Sonst wurde 
man ja ebenfalls den preussischen Demokraten 
die Haare ausreissen, die Gefangenen mitNadeln 
stechen und ihnen geschnittenes Rosshaar in die 
Oeifnungen des Leibes schieben. Man hat in 
Pieussen andere, ebenso sorgfiltig organ isierte 
Systeme der Rathe. Das einzig Guts ist, dass 
man weiter nach Westen liegt. 

Wir wollen mit Proudhon schliesseu. — „Poli- 
tik ist Sache der Wissenschaft". Wie heisstdiese 
in Preussen und Russland? fragen wir unsnoch 
einmal. — — Ein System der Unterdruckung 
mit alien Rauschen des Unterdriickers antwortet 
es aus der Tiefe des Volksherzens. Diese 
dumpfe, schwule, drohnende Antwort aber ist 
begleitet von der Melodie der Auflehnung gegen 
brutale Torheiten der erwahlten Klasse. Und 
gegen diese Melodie, gegen diese dumpfe 
Marschmusik der Massen, hilft keine Kette. 
Mehr Wissenschaft meine Herren! 

Victor Hadwiger 

Glossen 

REVOLUTIONSBALL DER AKTION 

Von Franz Luft 

I. 

Blutrot inmitten ragt die Guillotine 
und wirft ihr Rotsein atrahlenf&rmig aus 
wie eine Palme schattige Baldachine, 
und alle Lichter firfot sie rot im Haus. 

Rot spiegelt sie die Jakobinermutzen, 
die Mantel der Banditen, das Gewirr 
nackender Glieder, die wie Schlangen blitzen, 
der Schultern und der Bruste Perlgeflirr. 

Rot springt ihr Blutgesang, die Marsaillaise, 
unter das Volk, sie tanzen Mann und Weib 
verschlungen ineinander heiss und b doe, 

8kh stossend wild mit ihiem Unterleib. 




11 . 

Wie munter treibe ich im bunten Meer. 

Bin ich der Tintenfisch? ich weiss es nicht. — 
Dies violette Wesen blickt so sehr. 

Ganz nackt ist jener Judin Angesicht, 

sie hebt ein Bein, das schimmert im Trikot, 
viel irdischer als die Natur es schuL 
Dort steuert einer irr und qualenfroh, 

Das ist gewiss ein Dichter von Beruf. 

Jungiinge schleudem Augen schieierlos 
und schwarz wie Sammet briisk von Weib zu Weib, 
siegreiche Madchen, bis zur Hufte bloss 
uben den wundervollen Schlangenleib. 

III. 

Inzwischen steht an eine Wand gelehnt 
ein wurdiger Oast, dem jedes Barthaar fehlt, 
die Augen, an des Geistes Werk gewdhnt, 
blicken aus schwarzer Brille tief beseelt. 

Als dachte er, des Wissens dtirren Sand 
farbt doch die L i e b e nur mit Bluten bunt, 
so hebt er langsam eine MIdchenhand 
und fuhrt sie stumm andachtig an den Mund. 

Und wie er leicht hineinbiss, war es mir, 
als wenn er einem seltnen Vogel glich, 
und eine innre Stimme wuchs in mir 
und rief: Das ist der Intellekterich! 

IV. 

Ach, wie berauschend wird das Farbenspiel . 
Die grune Nacht der Seiden, dunkelrot 
von Stemen uberfunkelt, im Oefuhl 
von sussem Schweben zwischen Tag und Tod 

■p 

Und Prichte dstlicher Kulturen gluhn 
dazwischen auf, kostbar gewirktes Gold, 
versunk’nes Violett und fremdes Grun, 
das ist in Arabasken aufgerollt. 

i 

O, wie da& schwimmt in einem Meer von Licht 
und Worten — manchmal springt ein Laut heraus, 
just hftr’ ich eine Stimme, welche spricht: 

Ich geh doch heute nicht mit Dir nach Haus! 

V. 

Ist das der letzte Tanz? Zwischen den Paaren 
kann man schon viel vom glatten Boden sehn, 
sie stuxmen druber bin wie Janitscharen, 
es ist ein grosses Stampfen und GedrOhn. 



" s : 1 " "• 1 



235 



DIE AKTION 



236 



Blutrot inmitten ragi die Guillotine 
und wirft ihr Rotsein strahlenformig aus. 

AuS ihrem Treppenbau sitzt Messaline 
vovn Tanzen mude und sie ruht sich aus. 

Ihr Kopf liegt weit zuriick, die Augen blicken 
unten den Lidern unbeweglich fort. 

Der Leib schwingt leise und die Lippen zticken 
Erkenntnisse, die schildert nie ein Wort. 

NACH DEM BALL 

Die Nacht kriecht in die Keller inuffig matt. 
Glanzkieider torkeln durch der Strassen Schutt. 
Gesichter sind verschimmelt und kaput. 

Kiiht brennt der blaue Morgen auf die Stadt. 

Wie bald Musik und Tanz und Gier zerrann . . 
Es riecht nach Sonne. Und der Tag beginnt 
Mit Schienenwagen, Pferden, Schrei und Wind. 
Ein Mann streicht cinen Herrenruinpf grau an. 

Alltag und Arbeit staubt die Menschen ein. 
Faniilien fressen stumm ihr Mittagsmahl. 

Durch cinen Schadel schwingt noch oft ein Saal, 
Viel dumpfe Sehnsucht und ein Seidenbein. 

Alfred Lichtenstein (Wilmersdorf) 

LEBENSSCHATTEN 

Drama in vier Aufziigen und eineni Vorspiel 
von J. Jacobstahl und Ernst Epstein 
Selten hat mich etwas so sehr geruhrt wie die 
Schmierenauffuhrung des Schauerdramas: Lebens- 
schatten, die ich neulich im Theatersaal der 
Konigl. akadem. Hochschule fur Musdk erleben 
durfte. 

Ich will versuchen, das nDrama* zu schildern. 
Es beginnt mit einem Ende, dem sogenannten 
„Vorspiel“: Asta, die totkranke Tochter des 

Muskei- und Gewaltsmenschen Eisen . . (Eisen!) 
. . Eisenring und seiner schwachlichen Frau 
Eva, muss wohl sterben, ehe noch das Vorspiel 
aus ist. So leid es alien tut. Asta verschwin- 
det zu diesem Zweck aus der quatschigen, 
grunen Buhnenstube, gestiitzt auf die altc Amme 
Kathuschka. Ein ungiaublich uberfliissiger alter 
Nathan — cin pathologisch guter, judelnder 
Mcnschenfreund - Frau Eva und der sclost- 
verstandliche Arzt Poktor Norman n (mit cdlent 
unheilverkiindendeii Micnenspiel) reden in- 
zwischen gefuhlerisch allerlci uber die allgcuieiu 
bekannte Tatsache des Sterbens. Zu meinem 
Gluck kommt Aemmchen Kathuschka bald 
schreiend und stiirzend wieder auf die Buhne, 



weil die arme Asta — o ahnendes Publikum! 
— jetzt wirklich mausetot ist. Ein Aubeufzen 
der Erleichterung in dem Zuschauerraum. . . 
Ein schwindsiichtiger Schrei der Mama, hinter- 
her das ubliche verhaltene Stohnen. . . Ein 
Hinausgehen des Normann und des Nathan, da- 
bei jenes Achselzucken, dass da sagt: ach, wie 
traurig ist doch das Dasein! Seht ihr’s. Und 
herein kommt Robert Eisenring, Vertreter der 
Kraft & Gesundheit. Er war lange fern (in 
den Krallen eines anderen Weibes), da er keinen 
Sinn fur Familie und Lebensschatten zu haben 
scheint. Eva verhehlt ihm den Tod Astas kernes- 
wegs. Ein innerer Kampf tobt in ihm. Dann 
will er mit seiner Frau ein „neues Leben" 
(so nennt er das) beginnen. Die schwachliche 
Eva hat umgehend einen WutanfalL Sie 
quietscht uberschnappend. sie hasse ihn schon 
lange (geballte Faustel). Er h&be sie bisher 
schlecht behandelt. Jetzt wolle sic nichtsmdir 
von ihm wissen. Sie tritt heroisch ab. Eisen- 
ring aber spricht einen Monolog: — — Toch- 
ter tot — — Frau weg — — Schicksal, ver- 
wunschtes — — Ein Eisenring — — lasstsich 
ii ich t unterkriegen von Lebensschatten — — 
nic — — niemals — — Man sieht noch, wie 
cr in ein neues Leben steigt. Da schliesst sich 
san ft der blutrote Vorhang. 

Dies war das Vorspiel. Nach der Pause (zebn 
Jahre spater) ist der Eisenring nicht mehr 
A thief, sondern ein reicher Kaufmann. Er hat 
einen leichtsinnigen Freund Hans und eine 
leichtfertige Braut Meta, die im zweiten Auf- 
zug schon seine Frau ist. Im dritten Aufzug 
kommt ein mehrjahriges Kind Ruth hinzu, 
dessen Muffler Meta, dessen Vater eigentlich 
(heimlich) Hans ist. Hans hat ausserdem be- 
deutende Unterschlagungen in dem Geschaft 
Eisen rings gemacht. Deshalb ist der reichc 
Eisenring im letzten Aufzug wieder ziemlich 
arm. Man merkt deuttich, dass die Lebens- 
schatten jetzt auch iiber ihn gekommen sind. 
Er ist wohl schwer ruckenmarkleidend, ahnt 
alles. Er iiberrascht den ruchlosen Hans mit 
der Meta. Die Katastrophe folgt auf dem Fusse: 
Eisenring enterbt Meta, lasst den Hans ins 
Gefangnis bringen, dann fatlt er tot (Herz- 
schlag) auf eine Chai$e*onguc. Die Enterbte 
will sich jetzt auch entleiben. (Das Publikum 
iitnimt die Geschichtc schon lange komisch. 
Es hatte sicher cinen verenuglichen Skandalge- 
geben, wenn die ungluckliche Meta Wort ge- 
halten hatte.) Aber ein Redakteur spricht zu 
ihr ungef&hr die weisen Worte: Nicht durch 



237 



DIE AKTION 



238 



voreiligen Tod suhnt mao, sondem durdi langes 
und edles Leben. Wollen Sie? . . . Meta und 
das w intellektuelle* Publikum jubeln: ja — — ! 
Und der sanfte Blutrote schliesst sich endgultig. 
„ Lebensschatten" ist ein trostlos schlechtes 
llieaterstuck. Trotzdem war ich ergriffen wie 
bei einem Ibsendrama. Noch nirgends offen- 
barte sich mir so deutlich und rein die Kom- 
mistragodie vom (dkhterischen) Dilettantismus 
Ich musste immer daran denken, dass alle die 
schalen beschrSnkten Schwafeleien, die dtimmen 
tolpatschigen Geschehnisse, die pappigen Kol- 
portagegestalten aus der selben heilig schmerz- 
lichen Himmelssehnsucht geschaffen sind wie 
Goethes oder Rilkes unsterbliche Werke. l»h 
habe dem winzigen Herm J. Jacobsthal, 
so oft er sich, halb betaubt von seiner plotz- 
tichen Wichtigkeit, unter vielen linkischen Vcr- 
beugungen an die Rampe schieben liess, von 
Herzen zugeklatscht, weil ich kundtun wollte, 
dass ich, (zwar keinen Dichter) cinen von Tod 
und Dasein gequalten Menschen grusse. So 
eiuer ist gewaltig hoher zu schatzen als sein 
besser angezogenes, tantiges, beschautich grin- 
sendes Publikum. Und sein Stuck — das un- 
mogliche — ist mir hundertmal lieber als ein 
unverschamt routiniertes Nichts des Herm 
Dreyer oder des Herm Philippi. 

Die Schauspieler waren nicht Dilettanten, son- 
dem mittelmissige und schlechte Schauspieler. 
Die meisten kommen von der Schmiere, andere 
gehen erst zur Schmiere. Ich kdnnte noch 
manches uber die Darstdlung und die Regie 
(die aus lauter Fehlem bestanden) sagen, aber 
die Einzdheiten haben fur den Leser kaum In- 
teresse. Und schliesslich ist Schiller und Suder- 
mann leichter zu spielen als J. Jacobsthal. Dann 
nodi: Der unfihigste, wusteste 

Schmierenschausp icier hat — so 
behaupte id) . . und will es hier nicht beweisen 
— tieferen menschlichen Wert als 
ein Krimer, ein Beamier und viel- 
leicht ein praktischer Rechtsan- 
w a 1 1. Aliwi. 

APHORISMEN 
Von funf Autoren 

Echte Kunst hat immer Moral, nur die Zuhorer 
und Beschauer haben oft keine. 

* 

Wer der Welt ein Heiland zu sein glaubt, tut 
gut, mit dreiunddrdssig Jahren zu sterben. 



Die Wdt wurde nicht, die Welt wird. 

Kunstler wird nur der, der sich vor seinem 
eigenen Urteil furchtet. 

Es gibt ein ganz untrugliches Kriterium fur 
Genie und Talent und dies besteht darin, dass 
man sich fragt, wenn man sich einer imponie- 
renden Leistung gegenuber befindet, ob man bei 
einer hinreichenden Potenzierung des eigenen 
Vermogens ihrer selbst fahig gewesen ware 
oder nicht. Darf man die Frage bejahen, findet 
man in sich einen Faden, der, gehdrig ausge- 
sponnen, sich an dem fremden anknupfen liesse, 
so hat man es immer mit einem Talent zu tun 
und nur im en tgegengesetzten Fall mit dem 
Genie, lm Genie liegt immer etwas durchaus 
Neues, streng an ein bestimmten Individuum 
Geknupftes. Der mittelmlssige Poet, der die 
Abendrote besingt oder ein Sonett auf einen 
Maikafer macht, wurde es zu einem Gedicht, 
wie Schillers Spaziergang. oder seine Glocke 
bringen, wenn 9eine Kraft millionenfach ver- 
starkt wurde; Schiller sdbst aber wurde nie 
einen Fischer oder einen Erlkdnig erzeugen. 

# 

Ich zeige die Wunde ain Korper auf, nun sagt 
man, ich sei in Wunden verliebt. 

* 

Die Nuancen sind das Unuberbruckbare. 

* 

Fatalismus ist Bequemlichkeit. 

Am Ende erlebt man nur viel, um viel zu ver- 
gessen. 

* 

Stefan George hat ein Erlebnis: das Nicht-er- 
leben-konnen . Dies dichtet er. 

* 

G5nne nur Hervorragenden deine Feindschaft. 

Man soil Ratsel nicht um ihr Leben bringen. 

* 

Es muss Uebertretungen geben, weil Richter da 
sind, und um Uebertretungen zu schaffen mussen 
wir Gesetze haben. — Aehnliches gilt vom 
Krieg und den stehenden Heeren. 




7 



239 



DIE AKTION 



Gustav Mahlers Neunte 

Stockender Oesang des Homs gehalten von 
dumpfen Glockenschllgen, aehnsuchtigere H6mer» 
rule, di e sich schmerzh&ft von einem bebenden 
Hiniergrunde abheben, und in einem unaufhalt- 
saxnen Crescendo gleitea wir in das Chaos der 
Mahkrschen Weltseele. 

„Andante commodo* betitelt sich dieser erste 
Satz von Mahlers „Neunter“, und das inhalt- 
lldi wie formal mit Unrecht. In diesen Her- 
zensndten ist keiner Ruhe Piatz, es sei eine 
noch stSrker aufwuhlende Cellokantilene, es sei 
ein inniger Qeffihlsaustausch zwischen Horn und 
Ftote (eine weitgehende solistische Tecbnik ist 
der „Neunten“ uberhaupt eigentumlich). Stetig 
und unabanderlich steigen schmerzbeschworene 
Hiniergrunde auf mit Weltgeheimnissen drohend. 
Blecherae Ghdre der Bl&ser wehen hinein, und 
schcn sind sie von den Tiefen der Basse auf- 
gesaugt. Und dass detn aliem ein Ziei sei, 
mahnt eine sehnsuchdge Melodie, die in den 
Hdrnem ab und zu zu singen begehrt. Doch 
es bleibt beim Versuch. Gewaltige Fragezeichen 
tfirmen sich von neuem .auf, und aus den 
dumpfen Ahnungen heraus lost sich ein Schrei 
des Weligefuhls, des Ewigkdtserkenntnisses. 
Dieser erste Satz der neunten Symphonie ist eng 
verwandt mit dem ersten Satz der dritten Sym- 
phonie. Beiden Satzen ist forma] gemdnsam 
die rastlose Zerrissenheit, beideauch bringen mit 
fihnlichen Klangmitteln (es sei nur an das 
Trioleiithema der Trompeten im ersten Satze der 
„Dritten* erinnert) kongruenten Inhalt zum Ausdruck 
Auch in anderer Hinsicht ist ein Vergleich beider 
Werke interessant. Wie setfeam! Wfihrend 
Mahler sonst von der traditioneUen und j&auch 
so naturlichen Symphonieform wesentlich nicht 
abweicht, stellt er in die Mitte der w Dritten a 
aufdnanderfolgend zwei scherzhafte leicht be- 
wegte Satze, in die der „Neunten“ zwei auf- 
einanderiolgende burleske S&tze. Und das, wie 
festgestellt werden muss, nicht zum Vorteil des 
Ganzen. 

Im ersten der beiden Mittelsatze der „Neunten w , 
dem n gemfichlichen Landler* rumort Humor. Es 
ist nicht der erdenfreie Humor des Scherzes der 
Beethovensdien „Neunten", es ist ein bitterer, 
etwas verzerrter Humor, der in sprdden Klang- 
farben Groteskerieen vollffihrt. Die B&sse grun- 
zen das wahrhaft „tappische* Hauptthema, das 
bald im lustigen Wiehern der Blaser retoumiert, 
und so geht es in tanzendem, aber kaum ^e- 
machlichen* Rhythmus dem in kdsflicher Klang- 
farbe gehaltenen Finale zu. 



240 

Und diesem durchaus burlesken Satz von un- 
gew6hnlicher Dimension folgt nunmehr nodi ein 
Satz desaelben Charakters im „ Rondo*. Dieser 
Satz mit der U nterbezeichnung „sehr trotzig* 
ist geradezu eine Scbatzkammer Mahlerscher 
Klangkostbarkeiten. GeheimnisvoUe Beziehungen 
im thematischen Gewebe, die ihn mit dem ersten 
Satz der „Neunten* verknupfen, geben ihm eine 
besondere Bedeutung. Trotz aliem steht er an 
falscher Stelle. 

Denn „trotzigen* Charakter im Gegensatz zum 
„LSndler“ nehmen erst die straffen Rhythmen 
seines Finale an; im ubrigen gibt dieser Satz 
ekten dem des zweiten Satzes durchaus ver- 
wandten Inhalt wieder in nur neuer Faasung. 
Die dnzige genetische Notwendigkeit fur dieae 
unvorteilhafte Stellung des „ Rondo* scheint ausser 
sdner den Schlusssaiz vorbereitenden Bczug. 
nahme auf den ersten Satz die beabsichtigte 
Schlussstellung des „ Adagio* zu sein. 

Und dieser Zweck heiligt allerdings auch jenes 
an sich so gefahrliche Mitte!. Denn nichts ist 
wohl berufener gewesen, Mahlers letztes Werk 
zu beenden, als dieser Schlusssatz des Werkes, 
das „ Adagio*. Es ist das eigenste und wohl mit 
grdsste Kind der Mahkrschen Muse. Den 
Schlussel zum Verstindnis des Verhiltnisses der 
ubrigen Teile des Werkes zum „ Adagio* liefern 
wohl am beaten Mahlers eigene — fur jedes 
seiner Werke gdtende — Worte aus dem Chor 
der II. Symphonie: 

w H6r auf zu bebeni 
Bereite Dich, zu leben!* 

Die gratzenlosen Klagen des ersten Satzes haben 
sich fiber den grimmigen Humor der Mittel- 
sitze gelautert zu einem Schmerz volkr Milde 
und Verzeihen, Auf den beschwingten Fanlaren 
der Trompeten geleitet er durch Zwiegesprfich 
der Violine, des Basses und Cellos in ein keu- 
sches lyrisches Melos. Doch jeder vergehende 
Schmerz scheint neuen zu gebaren. Wieder Icehrt 
das Urgefuhl des ersten Satzes, und in seiner 
Gefolgenschaft naht Schmerzuberw&tigung, da- 
raus keine Erldsung. Nach mutlosen Ansitzen 
findet die Seele doch endiich den Weg fiber 
singende Streicherch&re und strahlendstes Vibrie- 
ren der G eigen zuruck zum befrdenden Ver- 
zeihen, nunmehr n bereit* zum Leben. Und mit 
einem Rfihren an einen tiefsten und darumbe- 
gliickendsten Schmerz (es sei nur des geistesver- 
wandten Finale des „Liedes vcm der Erde* ge- 
dachf) verklingt Mahlers w Neunte*. 

Robert Neulaender 




DIE AKTION 




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DIE AKTION 



Franz Kafka 

Von Otto Pick 

Ein einziges Mai erst, in Franz Bids „Hype- 
rion", 1st uns der Name des Praters Franz 
Kafka begegnet. Dort waren, zwischen Verse 
von Hofmannsthal und ein Claudelsches Dramen- 
fragment etwa, wie zufallig hineingeweht, diese 
tagebuchartigen Anmerkungen eines seltsamen 
Mamies zu lesen. Stilistisch von unglaublicher 
Reife, von der Leichtigkeit franzdsischer Meister- 
prosa, rhythmisch wie Klagelieder einsamer 
Madchen, anspruchslos und ihrer Neuartigkeit 
bewusst, berichten die knap pen, manchmal in 
einem einzigen Satze alle Auf- und Abschwel* 
lungen eines dauernden Oefuhls gewahrenden 
Prosastucke etwa die taglichen Erlebni9se eines 
Menschen aus burgerlichem Hause. Scheinbar 
nur. Denn diese neue Art von Betrachter, wie 
Kafka sie resilos, daher unnachahmbar reprasen- 
tierf, sicht nie die Dinge an sich undauch nicht 
ihren Schein: Die Begriffe verschieben sich, 

Alltagliches steigert sich zum Ausserordentlichcn, 
Gespenstisches wird wohlvertraut. . . 

Kafka empfindet direkt; aber sdne Direktheit 
fuhrt ihn dorthin, wo wir nur auf Irrwegeu 
hinzugelangen pflegen, ohne es zu erstreben. 
Fiir ihn wird der zufallige Bekannte, der sich 
ihm fur ein Stuck Weges anschliesst, in einer 
unkonfroJIierbaren Sinnesaufwallung zum Bauern- 
fanger, zum Erzfeind, den er mit Anspannung 
aller Kraffe zu entlarven strebt. . 

In diesem Buche wird die Welt als etwas un- 
endlich Ratselhaftes, in seiner derben Wirklich- 
keit bereite Unwirkliches betrachtet, -als eine Art 
Marktplatz, wo die Menschen einsam herum- 
irren, vieler Gefahren gewartig, so dass sie 
misstrauisch etnander meiden, jeder den vei- 
meintlichen Gegner zu durchschauen glauben 
und ausweichend in weicher Scheu verborgenen 
Gasschen zutraben. 

Franz Kafka ist der stets aus seiner irdischen 
Form Schlupfende, der ungluckliche Durch- 
sturmer seines Zimmers, der Enfdecker von 
T agesgespenstem , der Melancholische mit der 
Gebarde der Geschiftigkeit. Scheinbar frfthlich 
Idingt es, was er als „ Kaufman n“, „Herren- 
reiter", w Junggeselle“ usf. uns erzahlt: aber da 
taucht mitten im Bericht die Kubinsche ^andere 
Seite" dieser Existenzen auf: Das Undurch- 

schnittliche an ihnen, die Gedanken, die nicht 
sie haben, sondem die ihnen, als Personifika- 
tionen des Dichters suggeriert werden. 

Versucht man eine Formel fur diese Art der 
Lebeosbetrachtung zu finden, so gerat man in 




244 

Verlegetiheit. Vielleicht, sagt man sich, ist hier 
der eigentliche „Indifferenti$mu$“ am Werke, der 
die Luft hinter den Dingen sehen lasst, da die 
Dinge sdbst ohne Belang und allzu leicht zu 
durchschauen sind. Oder hat die schlummernde 
Kraft eines Schwachen hier ihren Ausdruck ge- 
funden? Die heftigen Stellen des Buches lassen 
es vermuten, z. B. der „Wunsch, Indianer zu 
werden", dieser Wunsch, in dessen Aeusserung 
der Sehnsuchtige alien Schwung und alle Kraft- 
verdichtung seiner unmOglichen Erfullung legt. 
Die Art, wie n Entschlusse w so lange bis in ihre 
letzten Konsequenzen durdikbi werden, bis sie 
die Berechtigung der Ausfflhruvtg vertoren haben, 
vor allem aber die furchtbare Erkenntnis des 
Verlassenen, der sich mit der Betrachtung des 
Lebens von seinem Gassenfenster aus zu begnu- 
gen entscheidet, — solche Stellen des Buches 
„ Betrachtung" verraten die ganze Seelenquai 
eines neuen, befangenem Kaspar Hauser. 

„Betrachtung" it! bei Ernst Rowohlt, Leipzig, erachienen. 

GAEHNENDES CAFE 

Die Nacht ringt heut’ an einer totgebor’nen 

Freude ; 

Die Langeweile hangt an alien Winden her 
In grossen Fetzen, wie verra ucherte Goblins, 
Auf denen Gottinnen verzierte Hoffrisuren 
Auf wurdig flacher Nacktheit balanziem. 

Die unanstandig fdngeschliffne Kuhle blinkt 
Nicht mehr begehrlich aus geschminkten Augen; 
Die Geige klebt in ihrer faden Susse 
Und fett klatscht breites Gihnen an die Scheiben. — 
Ein irgendjemand 

Versucht brutal zu sein; pldtzlich verstummter 
Hilflos ; 

Von fernher rollen Zuge. 

Hellmuth Wetzel 

iNS WEITE 

Komm, lass uns flieh’n, Geliebte, aus derEnge, 
Wo Stunden, Raum und Lichter fasten, 

Wo spitze Finger in das Him mir tasten 
Und Alles quilt und stdsst mich ins Gedrange. 

Mich trinkt das Rufen und der And’ren Gluck, 
Ich sink herab in Niegeborensein 
Und trage Haar und Haut doch und bin mein, 
Und lasse nichts als Tranen hier zuruck. 

Komm, lass uns tauchen in die weiche Nacht, 
Die deine blonde Haarflut wird zerwehen. 

Ich will von Mond beschienen meine Hande sehen 
Und fuhlen dumpfig schwere blinde Macht. 

Rudolf Kayser. 



245 



DIE AKTION 






Der Fremde (1b. Fortsetzufif) 

Roman von R e n 6 Schickele 

— Und wissen Sie, welchen Eindruck kh von 

dieser Nacht bewahrt habe? Ein Bildchen mii 
dem Titel: Frontispiz fur das Tagebuch aller 

bessem Junglinge. Ein spanischer Schinn in 
einem unordentlichen Zimmer, hinter dem 
Schirm liegt ein Jungiing in etwas gequllter 
Lage am Boden, Vom Fenster Kilt das erste 
Licht herein, und in diesem Morgengrauen sind 
zwei KnochenMnde, die sich oben an den 
Schirm klammem, und ein Totenschadel, der 
sich hochreckt und auf den Jungen hinunter* 
grinst. 

— Herr Lamonde, sagte Paul heftig, wir miissen 
uns entmenschlichen. Wir miissen fanatischc 
Impressionisten werden, die von der Hand in 
den Mund leben, wir miissen griindlich ver- 
zichten, aber unbedingt und bis auf denGruml 
der Seek verzichten. Man findet nirgendseine 
Sicherheit, als im schrankenlosen, seelischeu 
Anarchismus, der von kurzen, bewussten und 

unverbindlichen Staatsstreichen unterbrochen 
wird. Kein Mensch kann uns betriigen, nichts 
enttauscht uns. Da wir nichts verlangt haben, 
kann uns das, was uns geschenkt wurde, jeder- 
zeit wieder genommen werden, ohne dass wir 
leiden miissen: wir haben alles Diktatorische 
abgelegt undwandeln als Barfiissler in seelischen 
Bezirken. Wir erfreuen uns einzig der Erinne- 
rung: alles Schdne lebt unverganglich in uns 
weiter, weil es unabh&ngig vom Gegenstand ist, 
durch den es uns vermittelt wurde . . Ich habe 

— gestatten Sie, bitte, dass ich Ihnen das an- 
vertraue — seit meiner fruhesten Jugend an 
einem infemalen Drang nach Beherrschung gc- 
litten. Mein Ideal war, der Sklavenhalter mog- 
lichst vieler Schicksale zu sein. Aber ich habe 
auf die ^Thrones et Dominations* Verzicht ge- 
leistet und hoffe, mich bald endgultig in mich 
zuruckzuziehn. Es ist unwiirdig, sich ein Leben 
unterwerfen zu wollen! Und es tun, ist das 
Verbrechen. Dieser Unterdriickungsgedanke geht 
bis zum Oottesbegriff. Der Mensch kann sich 
erst wahrhaft fret nennen, wenn er dieser 
Schlinge, die die Natur ihm legt, entronnen ist. 
Nam 1 ich, dem Drang nach Vergewaltigung, 
oder, was dasselbe ist: nach Beherrschtwerden. 
Paul stockte. Lamonde hatte sich auf der 
Chaiselongue herumgeworfen, Natiirlich , es ware 
hdflicher gewesen, Lamonde zu Ende sprechen 
zu lassen, aufzustehn und sich mit einigen kor- 

rekten Worten zuruckzuziehn. Oedipe Roi . . 




Er schien sehr zeitgenbssisch heute abend. War 
er denn nicht schon wieder „Mann* in^lesem 
Salonstuck, das er auffuhrte? Mit den be- 
herrschten Bewegungen . . Es fiel doch schwer, 
sich fiber seine hunderttausend tn&nnlichcn 
Ahnen zu erheben. 

— Lamonde, ist Ihnen schon einm&l aufge- 
f alien, wie schwer es ist, sich in gewissen $i- 
tuationen mit Anstand zu beherrschen? Das 
beste wire, man liefe da von. Denn entweder 
man beherrscht sich nur unvollkotnmen, dann 
ist die unwillkurlichste Bewegung mit Stumming 
geladen. Auf Frauen wirkt das am meisten. 
Es reisst sie zu den tollsten Verlogenheiten hin, 
es wirft sie urn. Vor Mannem fuhlt man sich 
geniert . . Oder aber, man beherrscht sich so 
vollkommen, dass nicht die geringste Ruhrung 
herausspringt, dass man ganz dicht bleibt. 
Frauen gegeniiber ist das undankbar. Sie sind 
einem besten falls im ersten Augenblick sklavisch 
ergeben, und spater, wenn sie aus dem ersten 
Tete-&-tete erlost sind, werden sie einen fur gefuhl- 
I os halten . . Lamonde, ich ffirchte, Ihre Frau 

hilt Sie fur gefuhllos. 
lamonde sprang auf. 

— Herr Merkel, ich spreche hier ftlr Herrn 
Nieland. 

Das war die Stimme von Oedipe Roi. 

— Setzen Sie sich, bitte, Herr Lamonde . . . . 
Ich verstehe vollkommen. Was Sie hier sagen, 
h^tten Sie ebenso gern einem Dienstmann cr- 
zahlt, wenn Sie sicher gewesen wlren, dass er 
fiber einige notwendige Kenntnisse verffigte. 
Paul begann ihn zu hassen. Er ffihlte etwas 
Lauemdes in der Haltung Lamondes. Der Schau- 
spieler hatte ihn mit einigen Satzen gekodert, 
die aus seiner eigenen Tasche stamm ten. Was 
wollte der Mime? Paul ahnte einen Angriff, 
der noch nicht begonnen hatte. Gegen wen ging 
dieser Angriff? Gegen Nieland oder ihn, der 
von der Geschichte wusste. Er brauste auf: 

— Zum Teufel, so sagen Sie mir doch endlich, 
was Sie von mir wollen! 

Lamonde, erstaunt: 

— Von Ihnen? 

— Oder von Nieland, das ist jetzt dasselbe. 
Ich soil ihm mitteilen . . . Was soli ich ihm 
mitteiten? Dass Sie nidit daran gedacht haben, 
ihn anzuzeigen, das ist das erste. Was dann? 
Dass Sie gelitten haben . . . 

Paul unterbrach sich wieder. Und wenn La- 
monde noch so sehr Kombdie spielte, — sicher 
hatte er gelitten, sicher. Es gibt keine Aesthetik 
im Leiden. Man leidet. Ein Hund leidet . . 






7a 



DIE AKTION 



248 



247 



Paul wollte semen Hut nehmen und hinaus- 

gehn. Nurnichtsich linger hin- und herzerren 

lassen. Bei aliedem war er beteiligt . . Er hatte 

Erinnerungen. Sie uberfielen ihn beim gering- 

fugigsten Anlass, und dann war er ubertdlpeit, 

blind und verbohrte sich . „ 

— Sie irren, sagte der Schauspieler langsam. 

Icb mochte Herrn Nieland davor bewahrt wissen , 

dass er Dummheiten begeht . . . 

(Fortsetzung folgt.) 



Zeitsdiriflensdiau 

DER LOSE VOOEL 

Eioe kleine Oruppe von SchrHtsteUern schreibl diese 
Monatssdirift, uni bn Zusammenfluss der Kr&fte und 
Leisfungen unserer Zeit emen Damm zu ziehen zwischen 
den Wassem, die von Oott sTOmen und den Abfltissen 
ftir das geitteine Bediirfnis. Es kommt nur darauf an, 
dass der Mensch die Sicherheit seiner Haltung hat und 
nkht zufMUigen Erfolg und Bei fall. Zum anderen Mai 
rufen hier die Streiter: Was hi! He es dem Menschen, 
wenn er die Welt gewanne! So ist diese Zeitschrift 
nadi ihrem Progranim das Flugblatt der Bergpartei, 
gegen die Partei der Niederungen. — — Das Pro- 
gramm klang negierend, aber das Geleistete ist durch- 
aus ErKillune des hn deutschen Leben Vermissten. Aus 
den Geschehnissen wrrd das Diskutable zur Diskuss'ou 
gestellt und die Leistungen gerichtet nach der Norm 
ihrer munanenten Notwendigkeit. ^General von ^ Bern- 
hardis Buch und der nachste Krieg" <rehttrt hierher, 
wie eine Betrachtung „iiber ^ das Geisttiche, den Mo- 
dern is mas und die Metaphysik". Die Spekulation wird 
analysiert und Erinnerungen an Bismarck peben das 
Mass politischer GentaliUU. Es ist nur natiirtich. dass 
das Temperament des Losen Vogels in den Angelegen- 
hehen der Kunstwertung, der fratzenhaflen Proportion 
der deutschen Kunst zum deutschen Volk skh iiber die 
Produktionen fur den Bedarf der Arbeitsermiideten er* 
hebt. Einige grosse Beispiele der grossen Kunst sind 
da, die zeigen. dass trotz der pseudoapollinischen De- 
krete der PubiikumspSpste, doch noch der aus sich 
selbst begeisterte Sanger Orpheus unter uns wandert. 
Da ist eine unerhbrt schone Impression „das siindhafte 
Ma.nl ua M zu lesen. Aber voran steht hier das Kri* 
tiscfie, auch die Wertung des Tanzes, des Theaters, 
der Mode, und Variationen all dieser Mannigfalbgkeb. 
Swinburne, die neue franzbsische Lyrik, Gabriel Schil- 
lings Flucht ki die OeffentHchkeit werden erwogen zur 
Verehrung, zur Kenntntsnahme und zur Besinnung. 
Die barbarische Popularisierung exklusiver Kunst wird 
hier geheiM, indem ftir die relativ wenigen, die exklusiv 
geniessen kdnnen, eine adaquate Analyse geboten wird. 
Absolut wird die Zahl dieser schon einige zehntausend 
in Deutschland betragen. Sie sollten hierher kommen 
und sich bes&t’gen lassen, dass Statisten keine Man- 
ner sind, und dass die grosse Tat eine Feindut der 
viefen kleinen Pfuschwertce des Alltags ist, aus denen 
sie so hoch rapt, dass der gemeine Blick die Kuppel 
ihrer Hoheit nicht mehr zu sehen vermag. In den 
fortlaufenden „neuen Gesorachen Goethes init Ecker- 
mann“* ^ in mancherlei Aphorismen und Glossen stellen 
Wahrheiten blinder Dummheil ein Bein. dass der Mensch 
sehend wieder aufsteh . Und dann erkennt er sich und 
die Welt in den gebotenen Beispkfen, die er ftir Anek- 
doten des Amflsements nahni. Aber sie sind Svmbolc 
der grossen Bewepung und Erlcenn'nis. eriunden von 
den Menschen mit dem grossen Temoerament. Auch 
unserer Zeit fehlen diese Analvtiker nicht. Wcr Herz 
und Him hat, sei mutig, sich von ihnen erschtittem 



zu lassen. Das Wort „an die jungen Deutschen 1 ' 
spricht von Dienst der grossen Liebe und scheint der 
st&rkste Ausdruck dieser im Orunde ethischen Bewe* 
gung zu sein, die es nicht ntttig hat zu schreien, we3 
sie etwas zu sagen hat. 

Franz Blei gibt den Losen Vogel heraus, dessen Sach- 
Ikhkeit den Namen der Mitarbdter verschweigt Zuerst 
mutet diese Anonym itSt sonderbar an, aber bald freut 
man sich des Dienstes um die Sache. Was bis heute 
im Losen Vogel steht (es ist em halber Jahrgang) 
mbchte ich nkht missen. Alexander Bessmertny 

DIE FACKEL, Herausgeber Karl Kraus, Nr. 368/369 enthilt: 
Olossen ; Notizen ; Verbrecherische Irrefuhrung der neuen 
Freien Presse u. a. 

PAN. Herausgeber Alfred Kerr. Heft 20 enthilt : Adolf Josef 
Storfer: Prinz Eifel Friedrich; Kurt Martens: Ei net Men* 
schen Antlitz; Vindex: Aktionarschutz; Alfred Kerr: Gottes- 
gericht u. a 

DIE SCHAUBOHNE enthilt in der Nummer 7: Lied. Von Paul 
Mayer. — Die grosse Liebe (Heinrich Mann im Lessing* 
theater.) Von S. J. — Kerkyra. Von Herbert IHering. 



Vornolizen 

{Nur wlchtlge Ncuertchelnungen werden liter ingeiefgL Die Besprechwig 
der etnzelnen We rite folgt in den nlchsten nummem der AKTION) 

HUDSON LOWE. Der sterbende Napoleon. Unverdffent* 
lichtes Tape buch (Erich Reiss Verlag, Berlin.) Geh.M.3. — . 
PAULA BECKER- MODERSOHN, Katalog ihrer Werke. 
I . Lieferung. (Horenverlag, Worpswede.) 



Autoren -Abend der AKTION 

Soruiabend, den I.Marz, veranstalfet die AKTION 
den ersten diesjihrigen Autoren-Abend. Es werden 
aus eigenen Werken lesen: Gottfried Benn, Paul 
Boldt, Alfred Lichtenstein, Richard Oehring, Hell- 
muth Wetzel, Alfred Wolfenstein. Erich Oesterheld 
spricht fiber „Kino und Bfihne“, Max Oppenheimer 
fiber „Neue Malerei", Franz Pfemfert Qber „Dic 
Notwendigkeit des Dreiklassenwahlrechts". 
Wflnsche um Einladung richte man umgehend an 
die AKTION. 



DER MONISMUS UND DIE FRAUEN 

Unter diesem Xitel halt Grete Meisel-Hess auf 
Einladung der Berliner Ortsgruppe des „ Deut- 
schen Monistenbundes" am 20. d. Mts. um 
Syi Uhr einen Vortrag im Logenhaus, Kteist- 
strasse 10. Unter dem „ Monism us“ wird aber 
ledigllch die wissenschaftliche Weltanschauung 
zum Unterschied von der dogmati sch -m ystischen 
vers tan den . 

Druckfehlerberichtigung 

In dem Artikel von 0. Fuchs in Nr. 7 sind zwei storende 
Druckfehler zu korrigieren. Es muss heissen in Spaite 2, 
Zcile 23 von oben: „Die Sozialdemokratie hat nur zwei 
Moglichkeiten: entweder auf die parlamentarische Majoritits- 
potitik oder auf den Sozialismus zu verzichten 0 , 
und ferner Spaite 2. Zeile 3 von unten: „ . . . und dass 
der Produzent keine sozialpolitischen Verbesserungen 
einheimsen kann, ohne sie als Konsument wieder heraus* 
zahlen zu m&ssen". 



INHALT DER VORIGEN NUMMER: Franz Pfemfert: Vom Kompromiss / G. Fuchs: Zur Bekimpfung der Sozialdemokratie 
Paul Boldt: Hinrichtung 1913 / Rudolf Kaiser; Das Gedichtbuch des Ernst Blass / Fritz Max Cabin (Paris): Boulevard am 
Morgen / Alfred Lichtenstein: Die Sehnsucht Kuno Kohns / Max Brod: Busslied / Ren l Schickele: Der Premde / Ein 
Jugendgedicht Heinrich von T rcitschkes / Das dummsle deutsche Blatt / Bierodc / Zeitschriftenschau / Der 2. Balt der Aktion 



SKegmoti 

WOCHENSCHRIFT FOR POLITIK, LITERATUR, KUNST 
III. JAHR HERAUSGEGEBEN VON FRANZ PFEMFERT NR. 9 



INHALT 



Erich Oesterheld Die Kinopest 

Maxim Gorki Das graue Kompromisstier 

Gottfried Benn Alaska 

Mynona Siehst du! 

Hellmuth Wetzel Tief in der Mondnacht 

Rudolf Kayser Mary 

Paul Boldt VorfrQhling 

Mario Spiro Spleen 

Ren6 Schickele Der Fremde 



Wir werden politische K&pfe — Aus Balzac — Der Autoren- 
abend im Salon Paul Cassirer — Literar. Neuerscheinungen 



Heft 20 Pfg. 



Verlag der Zeitschrift Die Aktion Berlin-Wilmersdorf 






DIE AKTION 



« 



Kunstsalon Paul Cassirer 

Viktoria - Strasse 35 




Es werden lesen aus ihren Werken: 

Gottfried Benn, Paul Boldt, Alfred 
Lichtenstein, Richard Oehring, 
Hellmuth Wetzel, Alfr. Wolfenstein 

Es sprechen: 

Erich Oesterheld: Kino und BCihne 

Max Oppenheimer: Politik u. Kunst 

Franz Pfemfert: Die Notwendigkeit 

des Dreiklassenwahlrechts 



... v . v . : 



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Sie&ttion 



WOCHENSCHRIFT FOR POLITIK, LITERATUR, KUNST 

I 8- jahrgano | HERAUSGEGEBEN VON FRANZ PFEMFERT Kfebruar.9i3 



DarlaLlinn Manuikripte, Rczcnsions-, Tausch- 
KeaaiMIOIl . Exemplzrc etc. Bind an den Hctaua- 
geber, Berlin • Wilmersdorl, Nausaauische Straase 17 
zu aenden :: :: Telephon Amt Pfalzburg Nr. 6242 
InverUngten Manuski ipten ist Ruckporto bcizutugcn 



Erscheint Mittwoch 



Ahnnnpmpnl* 2. vierteljihrl. (exc! Be- 
ADOnnemeill . ttellgeld)bei alien PottanaUlt, 
Buchhandlungen etc. Oder durch Kreuiband gegen Mk. 
2.50 durch den Verlag der ,.Aklion“. Berlin- WUmeradorf, 
Nassauiachestr. 17 s Kommuaionir Gust Brauns, Leipzig 



WIE DIE DEUTSCtiEN DRA/AATI KER 
BARBAREN WURDEN 



Dieser Aufsatz war bereits im Satz, als Herr Kyser 
seinen von dem Filmisten H. H. Ewers kindisch be- 
grinsten Artikel in der „B. Z. am Mitlag" veroffentlichte. 
Dass Erich Oesterheld als Leiter einer bekannten Buhnen- 
vertriebsfirma sich so energisch gegen die Kino-Mit- 
taler wendet, ist um so erfreulicher, als ja die Biihnen- 
vertriebsstellen durch die Barbarentat der deutschen 
Dramatiker iinanziell nicht geschadigt sind. 

Ist iibrigens den Herren Hauptmann und Schnitzlcr die 
liebliche Tatsache bekannt, dass ihre Kino-Tantiemen 

von den Filmfabriken als Reklameunkosten 

gebucht werden? He? 

Vielleicht berichtet die Tagespresse, der ich den Nach- 
druck des Oesterheldschen Aufsatzes empfehle, von 
dieser Tatsache ihren Lesern ... F. P. 

Anno 1775, am 23. Oktober, schrieb das pro- 
blematische Genie des „Sturm und Drang", der 
damals aussichtsreichste Dramatiker Jakob Mi- 
chael Reinhold Lenz an seinen Kollegen, den 
Alexandriner dramatiker Fr. Wilh. Gotten 
„lch bin nie gewohnt gewesen, meine Sachen zu 
verkaufen, nur die hochste Not treibt mich da- 
zu “ Und am 20. November desselben Jahres 
heisst es in gleichem Sinn an Herder: „War’ 
ich meiner kleinen Schulden erst frei, nalini’ 
ich durchaus kein Buchhandler 
honorarium, das mir fiir jeden 
S c h r i f t s t e 1 1 e r ausserst schimpf- 
lich erscheint." Das war anno 1775, 
und Lenzens Worte, die innerlich auch heute 
nicht ohne Berechtigung sind, haben nach aussen 
hin das Patina der 137 Jahre angenommen, 
die sie von unsrer Meinung trennen. Heute 
ist im Gegenteil jedes Schriftwerk Wertob- 
j e k t und sein Verkauf um so schimpflicher, 
je weniger Honorar es einbringt. Mit Geist 
Handel treiben, ist gewiss jeder edlen Kiinstler- 



seele zuwider, dieser Handel ist durch den Ma- 
(erialismus der modernen Z'eit geniigend sank- 
tioniert worden. Der moderne Dramatiker gibt 
sich mehr denn je als money-maker, als Spe- 
kulant auf Metal Iwerte, den die Gunst des 
Publikums als Gegenwert bietet; und das ge- 
wiss mit um so grosseren Recht, je weniger 
er die Gunst seines Publikums mit Blechmiin- 
zen bezahlt. Heute ist Armut eine Schandeund 
kein Handwerk schandlich, das sich rentiert. 

Aber mehr denn je ist das moderne Dramati- 
kerhandwerk auf die launische Gunst des Pu- 
blikums angewiesen, und so schien es verniinf- 
tig, als sich die Tiichtigsten zu einem „Ver- 
band“ zusammentaten, der ihre wirtschaftlichen 
Interessen vertreten und ihr zumeist undankba- 
res Gewerbe „ertraglicher“ machen sollte. Die 
Erwartungen der „verbiindeten“ Dramatiker sind 
denn auch nicht enttauscht worden: die Ver- 
triebsstelle des „Verbandes deutscher Biihnen- 
schriftsteller" konnte, wie bereits an mehreren 
Stellen dargetan wurde, im letzten Jahre ziem- 
lich erkleckliche Dividenden auszahlen. Diese 
erfreulichen Erfolge sollen mir gewiss nicht als 
Grund zu einem neidischen Angriff auf ihre 
Organisation dienen, wenn ich diese Erfolge 
auch als auf falscher Grundlage beruhend nicht 
gar so hoch estimieren kann, wie es, alien 
ausseren Anzeichen entsprechend, gegeben ware. 
Denn diese betrachtlichen und fiir jedes Mit- 
glied gewiss erfreulichen Dividenden konnten 
nicht, wie man annehmen miisste, auf Grund 








263 



DIE AKTION 



264 



energischer Ausnutzung der dramatisdien Pro- 
duktion ihrer Mitglieder bezahlt werden, son- 
dem zum grossten Teil nur aus den Ertrag- 
nissen der schlimmsten Feindin deutscher Dra- 
matik: der Operette (man denke an die 
Gilbertschen Operetten, die der Vertriebsstelle 
angehoren), und ich bin gewiss, dass die ersten 
und ringenden Dramatiker mit den Erfolgender 
eigenen Werke nicht ganz so sehr zufrieden 
sein konnen. Aber aucb dagegen kann man, 
zumal als outsider des Verbandes, keine Kla- 
gen richten, denn es bieibt immer Angelegen- 
faeit der Einzelnen, ob sie sich mit diesen Er- 
gebnissen ihres literarischen Ehrgeizes beschei- 
den kdnnen; und schliessiich spricht alles nur 
fur den geschaftlichen Geist und die energische 
Art des Verbandsleiters, wenn er die Objekte 
so weit als moglich ausniitzt, die dem Ge- 
schmack des Publikums am meisten entsprechen . 
Aber dieser „Verband deutscher Buhnenschrift- 
steller", der die schlimmen Feinde des Theaters, 
des Dramas, und die Benachteiligung seiner 
Mitglieder mit alien Machtmittdn bekampfen 
will, treibt seinen geschaftlichen Spekulations- 
geist auf die Spitze hasslicher Gewaltmassregeln 
und vemichtet auf diese Weise das, was zu for- 
dem ihm Amt und Pflicht gewesen ware. Und 
dagegen drangt es mich aufzustehen, da es 
bisiang keiner fur mich getan, -Aber zuvor bin 
ich Erldarungen schuldig: 

Vor gar nicht zu langer Zeit protestierte, wie 
man weiss, die Phalanx der verbundeten Buh- 
nenschiiftsteller gegen die kaninchenartige Ver- 
mehrung des Kinos und die sch&dlichen Fol- 
gen dieses Kulturauswuchses. Allen Einsichti- 
gen war die Gefihrlichkeit und Massensug- 
gession des Kinos mit seiner von alter edien 
Kunst abwendenden Verrohung ernst bewusst, 
und so hieUen wir die energosche Reakdon alter, 
die in der Kunst des Theaters und des Dra- 
mas Notwendigkeit und edien Zweck sahen, fur 
ein Verdienst um die gute Sache und klaisch- 
ten ihr Beifall. Gewiss mag das Kino in man- 
cher Hinsicht seine Vorzuge haben und fur wis- 
senschaftliche Zwecke auch fdrderlich, viel- 
leicht sogar notwendig sein, aber da, wo es 
mit der Kunst des Theaters in Beruhrung 
kommt, wo es als Ersatz der Buhnenwirkung 
in den Vordergrund tritt, 1st es gemeingefahr- 
licfa. Die Vermnerlicbung des Buhnenbildes be- 
wirkt der dichterische Gedanke oder die Idee 
im Wort, die auf eine Beseelung des Raumes 
ausgeht. Biihne imd Drama oder Raum und 
Gedanke gehoren so tief innerlich zusammen, 



dass alle dramatische Kunst sich auflosen muss, 
wenn dieses von jenem getrennt wird. Die Film- 
wirkung ist die bewusste und notwendige Aus- 
schaltung von Gedanken und Wort, gibt nur 
Raum und Vorgang, gibt nur Bild im Bilde, 
ist also eine schematische Verausserlichung je- 
ner Kunstform, an der Genie und Geist von 
Jahrhunderten gearbeitet haben. Die Masse ist 
der naturliche Feind des Gedankens: ihr ge- 
niigt die Oberflache des Geschehens, dielogischc 
Aneinanderreihung von Bild an Bild, die Ge- 
hirn und Seele ausschaltet, so wie den Ober- 
flachlichen der aussere Mensch fur die ganze 
Persdnlichkeit genugt. Sie ist infolgedessen 
auch der gebome interessent des Kino un 
reisst, stromartig, auch die edleren Teile des 
Volkes mit sich. Das Theater erfordert, soweit 
es Kunst bietet, Einstellung, Organ, Resonanz- 
fahigkeit, die zum edien Mark des Volkes ge- 
hdren. Der schlimmste Feind des Kunstleri- 
schen ist die Veriusserlichung, und somit ste- 
hen sich Theater und Kino als extreme Pole 
feindlich und unversohnbar gegenuber. Denn 
dieses bezweckt Verinnerlichung und jenesVer- 
ausserlichung; ein Hinstromen zum Kino heisst 
ein Abwenden vom Theater. 

Deshalb war es emste Pflicht, besonders der 
Buhnenschriftstelier, gegen die Kinopest ener- 
gische Massregeln zu treffen, zumal da jene 
gunstigerer Existenzbedingungen sich erfreuen, 
als die Theater sie je gekannt. Aber diemoney- 
maker-Natur des Menschen nutzt mit naturlicher 
Selbstverstandiichkeit die Ghancen aus, die ausse- 
ren Nutzen und Vorteil mit sich bringen. Des- 
halb ist es begreiflich, wenn auch nidit ver- 
zeihlich, wenn nach und nach auch die besten 
Schauspielerkrifte ihre Tatigkeit den schlimm- 
sten Feinden ihres Berufs zur Verfugung 
stellen. (Es fehlt in den Direktorenvertrigen 
ein Fassus, der wenigstens den ersten Kraften 
ihre Mitwirkung im Kino untersagt!) Fur das 
immer grdsser werdende Lichtspielpublikum ist 
natiirlich die Tatsache ausschlaggebend, dass es 
im „Kientopp* fur billiges Geld auch ein „ Dra- 
ma" sehen kann, und gar mit den abenteuer- 
lichsten Geschehnfssen und spannendsten Ver- 
wicklungen, die die Biihne gar nicht einmal zu 
bieten vermag. Was ihnen die „Latema magica" 
ihrer Kindertage war, ist ihnen jetzt das Kino, 
das ermudende Augenreizmittel: ein konzessio- 
nierter Ersatz fur die Indianer-und Nic Karter- 
Geschichten ihrer Jugend. 

Doch zur Sache: Kurze Zeit, nachdem sich der 
„Verband deutscher Buhnenschriftstelier" in die- 



265 



DIE AKTION 



t 



266 



sem Sinne gewehrt hatte, berief er abermals 
eine Versammlung tin, die das geschaftliche 
Verhaltnis des Dramatikers zur Filmfabrik re- 
geln sollte. Mit andern Worten: die Buhnen- 
dichter wurden auf gef order t, auch Kinodichter 
zu werden und ihre Tantiemen durch finanziell 
glanzende Abachliisse mit ersten Filmfabriken 
zu erhdhen. Diese niedliche Tatsache wurde 
aisbald durch samtliche Zeitungen lanziert, die 
kurz darauf als letzte Aktuatitat brachten, dass 
die Buhnendichter von Rang und Wert von jetzt 
ab auch fur’s Kino arbeiten wurden. Blumen- 
ihal war vorangegangen, Gerhart Hauptmann 
und Arthur Schnitzler, zwei wichtige Stiitzen 
der deutschen Biihne, kamen nach. Das Publi- 
kum ist natiirlich entzuckt ob dieser direkten 
Aufforderung zur Abwendung 
vom Theater und wird jetzt voraussichtlich 
seine obligaten Hauptmann- und Schnitzlerpre- 
mieren im Lichtspieltheater suchen. 

Ich frage mich; Sieht denn niemand die grosse 
Gefahr, die in diesem durch die Dramatiker und 
ihren Verband bewirkten Umschwung der Ver- 
hatlnisse deft ernsten Theater droht? Be- 
sonders jetzt, in dieser krisenreichen Zeit, wo 
Theater und Plette sich erganzende Begriffe ge- 
worden? Geschalt ist Geschaft, gewiss! Aber 
muss diese Lichtspieldramatikerallianz nicht das 
spariiche Theaterpublikum mit Gewalt aus dem 
Parterre treiben? Und ist es nicht schimpflich, 
dass Dramatiker, auf deren FShigkeiten die 
Schaubuhne bauen konnte, und die nicht mehr 
auf jeden Pfennig angewiesen sind, sich skrupel- 
los in den Dienst der schlechten Sache steilen, 
dass ein Hauptmann, ein Schnitzler ublen Film- 
dichtem ihr morderisches Handwerk sanktionie- 
ren? Das heisse ich eine sch&ndliche Vergrfibe- 
rung dramatischer Kunst, ein barbarisches Char- 
mieren mit P&belinstinkten, dem man en t - 
gegenwirken sollte. Und keiner erhebt 
seine Stimme wider dieses modeme Sodom und 
Gomorrha einer verruchten Zeit, die aus Liebe 
zum Geld ihre Kunst aus dem Tempel jagt 
Oder zum Gaudium der Masse gefilraten Oeist 
auf die geduidige Leinwand malt!? Und wer 
ist schuld an dieser schmahlichen Vergroberung 
des literarischen Triebs? Der „ Verband deut- 
scher Buhnenschriftsteller" und seine money- 
suchtigen Dramatiker, dieselben, die so wehlei- 
dig den Niedergang des Theaters beklagen. 

Es ist schade um ein Volk von Dichtern und 
Denkem, das seine dramatischen Ideale in der 
Bilderreportage sieht. 

Erich Oesterheld 




Das graue Kompromisstier 

Von Maxim Gorki 

Auf der Erde fuhren der Rote und der Schwarze 
einen blutigen Kampf. Die unersattliche Be- 
gierde nach Macht fiber die Menschen ist die 
Kraft des Schwarzen. 

Der Rote hingegen wunscht sehnlichst das Leben 
frei, vemfinftig und schon zu sehen. In diesem 
Wunsche ist seine Kraft. 

Sein vor Erregung immer zitternder Gedanke 
beleuchtet die Finstemis des Ld>ens mit der 
heissen Flamme des Schdnen, mit dem blenden- 
den Lichte der Wahrheit, mit dem milden Lichte 
der Liebe. Sein Gedanke hat uberall die mach- 
tige Flamme der Freiheit eniztindet und dieses 
Feuer umarmt jauchzend und heiss die finstere, 
blinde Erde und lasst sie von dem Glucke fur 
alle traumen. 

Er sagt: 

„Alles — fur alle! Alle sind gleich, das Herz 
eines jeden Menschen birgt eine ganze Welt von 
Schdnheit, man darf das menschliche Wesen 
nicht vcrletzen, indem man es zu einem stumpfen 
Werkzeuge der sinnlosen Kraft herabsetzt, nie- 
mand soil unterliegen, niemand hat das Recht, 
jemanden zu zwingen, die Macht als sokhe ist 
ein Verbrechen." 

Schiichtem und unsicher, aber rasch bewegtsich 
zwischen dem Schwarzen und dem Roten der 
kletne eintonige Graue. Er liebt nur eine satte 
Warme, ein Leben voller Bequemlichkeiten. Und 
wie eine ausgehungerte Dime an der Strassen- 
ecke ihren verganglichen Leib, so bietet ergerne 
dem besser Zahlenden seine schmutzige Seele 
fell . . . Nur, um dass sein Leben dahinfliesst 
so ruhig und sanft, so weich und bequem, so 
satt und warm . . . Er ist geme bereit, jed- 
weder Macht wie ein Sklave zu dienen, wenn 
sie ihm Wohlstand und Ruhe verspricht. Das 
ganze Leben ist fur ihn ein Spiegel, in dem er 
nur sich selbst sieht. Er ist sehr lebensfahig, 
denn er besitzt alle Eigenschaften des Parasiten. 
Es ist ihm ganz gleichgultig, von wem er sein 
Essen bekcmunt — mag es ein Mensch sein oder 
ein Tier, ein Genie oder ein Schwachkopf. Seine 
Seele ist der Thron eines schliipfrigen Frosches, 
den man Gemdnheit nennt, sein Herz ist ein 
Reservoir feiger Vorsicht. Er will das Ver- 
gnugen geniessen, er lechzt damach und zu- 
gleich beunruhigt ihn eine immerwihrende Angst 
— das macht ihn falsch und doppelzungig. 

So oft im Kampf um die Macht der Schwarze 
als Sieger hervorgeht, hetzt er den Roten vor- 



267 DIE AKTION 268 



sichtig auf. Heimlich flustert er ihm ins Ohr: 
„Siehst du, wie die . . . Reaktion jetzt wieder 
stark ist?" Gelingt es einmal dem Ritter der 
Freiheit und der Wahrheit, seinen grimmigen 
Feind zu Boden zu strecken, wamt er den 
Sch warzen : „Du musst auf der Hut sein — 

die Anarchie . . .!“ Sein Ideal ist immer ein 
und dasselbe: Ruhe und Ordnung — fur sich. 
Und wenn es auch den geistigen Tod des ganzen 
Landes kosten sollte. Sieht er den Sch warzen 
im Kampfe ein wenig ermuden, mengt er sich 
in den Streit ein, den der Schwarze und der 
Rote miteinander fuhren, und betrugt stela beide. 
Mit Ehrerbietung und vorsichtig sagt er zum 
Sch warzen: „Ja, naturlich, die Menschen — das 
ist doch eine Viehherde, und die muss doch 
unbedingt cinen Hirten haben, aber ich glaube, 
es ware vielleicht zweckmassig, den Weideplatz 
etwas zu erweitern. Wenn man ihnen zu dem t 
was sie jetzt haben, noch ein klein wenig gebeti 
wurde, wurden sie, trotzdem sie weniger haben 
wurden, als sie wiinschen, doch mehr haben, 
als jetzt. Das wird sie beruhigen und der Rote 
wird aufhoren, gefahrlich zu sein — denn seine 
ganze Macht beruht ja nur auf ihrer Unzu* 
friedenheit. Bide — wenn Sie eriauben — ich 
will Ihnen bei diesen neuen Einrichtungen gerne 
behilflich sein “ 

Es wird ihm erSaubt und er richtet — fur sich 
— das Leben angenehm, warm und behaglich 
ein . . . 

Der Schwarze wird durch den Verkehr mit dem 
Grauen weniger grausam, aber dummer und ge- 
meiner. Der Rote gerat in eine noch starkere 
Glut. 

Nun spricht der Graue belehrend zum Roten. 
„Naturlich ware es schon Zeit, das Leben nach 
den Idealen einzurichten, aber es konnen doch 
nichi alle auf einmal befriedigt werden. Die 
Rechnung — das ist der Enthusiasmus des 
Weisen . . . Der Schwarze wird schon nach- 
geben, wenn wir vorsichtig handeln . . . er- 
laubet nur, ich werde mit ihm vorsichtig 
sprechen . . * 

Und es wird ihm erlaubt, oder nicht erlaubt und 
er richtet — fur sich — das Leben warm, 
ruhig, gemutlich ein ... 

Der Rote wird immer blasser. Der Schwarze 
brcitet die Flugel seiner Macht immer weiter 
aus, das Leben wird finsterer, dei Lebensatem 
beginnt zu stocken . . . Der Graue trinkt aus 
seinetn schmutzigen Becher mit vollen Zugen das 
Gluck des Friedens. Er kann verraten und ver- 




schachem, er ist zu allem fdhig, aber nie ban- 
delt er redit und nie ist er schon. 

Diese kleine, doppelzungige Schlange ist immer 
in der Mitte zwischen den Extremen und durch 
ihr egoistisches Treiben verhmdert sie die voll- 
kommene Entwicklung des einen ad absurdum 
oder des anderen bis zum Ideal. Immer in der 
Mitte mischt er die zwei Grundfarben des Lebens 
in eine Farbe, die tonlos ist und fad und 
schmutzig . . . 

Der Graue sucht den Tod desjenigen abzuwen- 
den, was schon zu leben aufgehdrt hat, er 
hemmtdas Gedeihen dessen, was lebensf&hig ist, 
er ist der ewige Feind all dessen, was schdn 
und kuhn ist. 

Glossen 

WIR WERDEN POLITISCHE KOEPFE 

Selbst den Annoncenteil verseucht die Politik: 
„ Auf meiner diesmatigen Einkaufsreise nach dem 
Orient hatte ich Gelegenheit, grosse PostenTep- 
piche ausserordentlich billig zu erwerben. In 
Konstantinopel war ich gerade in den Tagen, 
an denen Enver-Bet die Umwalzung herbei- 
fuhrte, und war es mir moglkh, die Situation 
fur meinen Einkauf auszunutzen. Die neuen 
Erwerbungen , . 

LESEFRUCHT 

Armer j tingling! Sie wollen schone Werke 

schreiben und schdpfen aus Ihrem Herzen die 
Zartlichkeit, das Mark, die Energie, lassen das 
alles durch litre Feder gehen und breiten es als 
Leidenschaft, als Empfindung, als schdne Satze 
aus! Ja, Sie schreiben, st&tt zu handeln, Sie 
siegen, statt zu kampfen, Sie lieben, Sie hassen, 
Sie leben in Ihren Buchem; aber wenn Sie 
Ihren ganzen Rekhtum Ihrem Stil gegeben haben, 
wenn Sie Ihr Gold und Ihren Pur pur fur Ihre 
Gestalten verschwendet haben, wenn Sie in Lum- 
pen durch die Strassen von Paris gehen und 
begluckt daruber sind, dass Sie mit den Standes- 
amtsregistem gewetteifert haben und Geschdpfe 
namens Adolf, Corinna, Clarissa, Renle oder 
Mancn in die Welt gesetzt haben, wenn Sie mit 
dieser Schopfung Ihr Leben und Ihren Magen 
verdorben haben, dann mussen Sie er leben, wie 
sie von den Joumalisten in den Lagunen des 
Totschweigens verleumdet, verraten, verkauft und 
verstossen, wie sie von Ihren besten Freunden 
begraben wird. 



Balzac 



269 



DIE AKTION 






Alaska 

Von Gottfried fienn 

I 

Europa, dieser Nasenpopel 
Aiis einer Konfirmandennase, 
Wir wollen nach Alaska gehn. 



te einmal, eine junge Birke 
Schenkte mir einen Sohn. — 

Oh, welch ein Abend! Ein Veiichenlied des 

Himmels 

Den jungen Rosenschossen hingesungen. 

Oh, durch die Nachte schluchzt bis an die 

Sierne 

Mein Mannerblut. — 



Dei Meermensch: der Urwaldmensch : 
Der alles aus seinem Bauch gebiert, 

Der Robben frisst, der Bftren totschlagt, 



Der den Weibem 
Der Mann. 



manchmal was reinstdsst : 




Wir gerieten in ein Mohnfeid. 

Ueberall schrien Ziegelsteine herum. 
Baut uns mit in den Turin des Feuers 
Fur alles, was vor Gdttem kniet. 



Zehn nackte, rote Heiden ianzten um den Bau 

und bldkten 

Dem Tod ein Affeniied : 

Du zerspritzt nur den Dreck einer Pfutze 
Und irittst einen Wunnhugel nieder, wenn du 

uns zertrittst, 

Wir sind und wollen nichts sein als Dreck. 
Man hat uns belogen und betrogen 
Mit Gotteskindschaft, Sinn und Zweck 
Und dich der Stinde Sold genannt. 

Uns bist du der lockende Regen bogen 
Ueber die Gipfel der Glucke gespannt. — 



V 

Vor einem Komfeld sagte einer: 

Die Treue und M&rchenhaftigkeit der Korn 

blumen 

1st ein hubsches Malmotiv fiix Damen. 

Da lobe ich mir den tiefen Alt des Mohns. 

Da denkt man an Blutfladen und Menstruation 
An Not, Rdcheln, Hungem und Verrecken - 
Kurz: an des Mannes dunklen Weg. — 



Oesange: 



VI 



1 . 



Oh, dass wir unsre Ur-ur-ahnen waren. 

Ein Klumpchen Schleisn in einem warmen 

Moor. 

Leben und Tod, Befruchten und Gebftren 
Glltte aus unseren stummen Siften vor. 



Ein Algenblatt oder ein Diinenhiigd: 

Vom Wind geformtes und nach unten schwer 
Schon ein Libellenkopf, ein Mdwenflugel 
Wire zu weit und litte schon zu sehr. — 



III 

Einer sang: 

Ich liebe eine Hure, sie heisst To. 

Sie ist das BrSunlichste. Ja, wie aus Kahnen 
Den Sommer lang. IhrGang sticht durch mein 

Blut. 

Sie ist ein Abgrund wilder, dunkkr Blumen. 
Kein Engel ist so rein. Mit Mutteraugen. 

Ich liebe eine Hure. Sie heisst To. — 



IV 

Don Juan gesellte sich zu uns: 



„Fruhiing: Samen, Schwangerschaft und Durch 

einandertreiben. 

Feuchtigkeiten ein lauter Rausch. 

Ein Kind! O ja, ein Kind! 

Aber woher nehmen und nicht — sich scha 

men. 



2 

Verachtlich sind die Liebenden, die Spotter, 
Alles Verzweifeln, Sehnsucht und wer hofft. 
Wir sind so schmerzliche, durchseuchte Gdtter. — 
Und dennoch denken wir des Gottes oft. 

Die weiche Bucht. Die dunklen Waldertraume. 
Die Sterne schneeballbliiten gross und schwer. 
Die Panther springen lautlos durch die Bau me. 
Alles ist Ufer. Ewig ruft das Meer. — 




Da fiel uns Ikarus vor die Fhsse: 

Schrie: treibt Gattung, Kinder! 

Rein ins schlechtgeluftete Thermopyla! — 

Warf uns einen 9einer Unterschenkel hinterher. 



Schlug um, war alle. 




271 



DIE AKTION 



Siehst du! 

Von My non a 

Ein gemeiner Kerl zwischen 30 und 40 sass 
abends auf seinem ekligen Zimmer. Der Kerl 
sah auch widerlich aus, so verschwiemelt, ver- 
schnickt — 5h! Hatte allerdings ganz netten 
Blick an sich, roch nach Fusel und ddste ludrig 
ins Blaue. 

Oeffneie sich auf einmal kleine feine T apeten- 
tiir, und ein geradezu siisser Junge von ca. 
3 Jahren koount an den Ekel ran und schweigt, 
sieht ihn an, flemnt lautloe, immer lautloser. 
Dem Kerle wird’s nicht recht. Solche Lumpen 
fuhlen sich Kindem gegen uber nicht sicher, 
ihnen wird's so . . so — (lesen Sie bei 
Rosegger oder so nach!) Der Junge will dem 
Kerl ins Auge kucken, ganz dicht, aber uer 
Kerl wendet’s Auge weg, will nich, er will 
nich. Was zu machen? — Der Junge will ihm 
gerade aufs Knie klettem, da kommt vom vom 
Haupteingang aus ein schimmliger verstunkener 
Greis rein, grinst zahnlos mit wackelndem Un- 
terldefer und h&lt dem Schlingel seine tdnenie 
Tabaksdose hin, in Form eines Grabea. Oho! 
ruft der ganz verschnupft — was soli mir das? 
Oiler Zipollerich! Wie kommt er mir? Was 
will er mir? — Der Olle glupscht nach dem 
Kleinen und will nach ihm langen, aber der 
Junge Idammert sich an den Flapps und wehrt 
skh. Der Olle wird handgreiflich, der Knabe 
heult auf und Icriegt die wundervollste Rotz- 
nase. Der junge Mensch emuchtert sich, greift 
zwischen beide, trennt sie mit seinen immerhin 
recht muskulosen Armen und schnautzt: ver- 
flucbte Bagage, was soli mir der ganze Dreck? 
Da sagt der Olle so leicht hin: „Ick bin dein 
Alter." „Mein Alter? Ne, Aujust, der sieht 
proprer aus, pfui Deiwel." Da sagte der kleine 
Jammerknabe : „Er meint, du sollst jetzt altem 
und drauf gehen." „Fallt mir nicht ein", unter- 
brach ihn der Kuli! „Doch, denn sieh, ich bin 
dein Kind." „Wa — ! — doch nicht von 
Truten mit die Hfingelocken?" „Ne!" knurrte der 
Olle, „det G6r meint, er sei du als wie noch 
*n Hosen . . . r warst; biste ja leider noch!" 
Der junge Mensch brullt wie rasend: *Wa$ 
wollt ihr von mir?" Der Olle: „Krepieren 

sollste; fertig!" Der Knabe: „Jrun bleiben 

sollste wie ich — siehst du?" Dieses „siehst 
du?" Idingt dem Aermsten so merkwfirdig ins 
Ohr! Er sieht Beide an. „Wer bin ich?" 
flustert er. Beide antworten : „Du bist die 

dkmliche Jugend des ewig vertrottdten Mea- 




schenlebens ! Wenn du dir doch nur besSanest! 
Wenn du uns doch endlich erlostest!" — „Un- 
selig, ein Kind zu seinl" sagte das Kind: w es 
ist unselig; Lortzing, du dummer Affen9chwanz ! 
Kindheit ist Idiotie, Unmundigkeit: soviel die 
Menschbeit Kind ist, soviel ist sie nodi i m- 
bezill," — „ Recht hat er," fiel der Oreis bei, 
„soviel sie altersschwach ist, soviel ist sie noch 
Mist, jawohl Mist." „Und da verlangen 
diese mistigen Ollen noch Ehrfurcht, diese 
Blutsauger. Und Ellen Key macht sich 

mit ihrer „Ehrfurcht" fiber das Kind 

her — !! Man sollte ihr mit ihretn Vomamen 
mores beibringen." So raunte nachdenklich der 
junge Mann. Und laut und deutlich fragte er 
beide: „Ueber Lortzing und Ellen Key sind 
aile Akten geschlossen . Was denn nu?" — 
„ Mensch," madite der Olle, „wenn du gioobst 
ick fihle mir wohl? Mensch, wenn ick deine 
Muskeln hatte! Folge mir! Ick steh dir bevor, 
du wirst ich; und du warst selbst diese Rotz- 
nise. Mensch, befdge meinen Rat: wenn du 
wirklidi leben willst, mache uns den Garaus, 
ich sterbe gem um deinetwillen, denn nur die 
mittleren Jahre, die echte kriftige und wdse 
Jugend verdient Ehrfurcbt." — „Habe kein Mit- 
leid mit uns," riel der Knabe, »wir totendich, 
Der Jfingling blickte unentschlossen zum Greis. 
Da erwurgte dieser den Knaben mit seinen 
kndchernen Krallen. Der junge Mensch fuhlte 
den furchtbarsten Schmerz, ergrimmte und schlug 
dem Ollen mit der Faust so auf den Deetz, 
dass er das alte Gehirn wie ein Handschuh 
auf hatte. — — Im selben Augenblick machte 
sein Schmerz der allersonderbarsten Entzuckung 
Platz. Na, nichts ist auch klarer! Der Mensch 
hatte naturlich die Ewigkeit, Weisfaeit und Kraft 
seiner Jugend gegen alte Unmundigkeit von 
Kindheit und Greisenalter auf ewig gesdhutzt. 
Mit der Allegorie kdnnte man nur so um sich 
haun vor Wut fiber Lortzing und Ellen (!) 
Key. Siehst du? 

AN MARY 

Ich kaufte dir Veilchen, als zum ersten Male 
Die Lenzlufte dies Jahr an meine Fenster klirr- 

ten, 

Und hatte das Lacheln eines Verirrten, 

Der heimsucht aus etnem verschlossenen Tale. 

Wir gingen zusammen durch viele Strassen, 
Die quttend midi sonst begleitet batten. 

Doch heute trugen sie leuchtende Schatten, 

Die wir Ificheind zu treten uns vermassen. 



273 



DIE AKTION 




Blond ruht mein Deriken jetzt an deinem Busen 
Und Sefansucht sich auf deinem Korper wiegt. 
Das Sterben, das seit Monaten auf mir liegt, 
Flieht fingstlich und . . . ich grusse gesichert 

die Musen. 

Rudolf Kayser 



TIEF IN DER MONDNACHT 

Ich kam von dir' und brachte dich mit mir. 

In alien Falten meiner Kleider trug ich dich 
Und goss die Susse deines fernen Seins 
In meine nachtverkeilte Stube aus; 

Noch waren meine Augen Liebkosung r 
Und meine Hande spiirten feme Tanze 
Und alle meine Zirtlichkeiien schenkt ich an die 

Fmstern&s, 

Tninken und koniglich verschwendend an mein 

Gluck. 

Und da ich noch sann . . . 

Stand im silbernen Brand des Monds der 

Himmel, 

Zwischen den Aesten, 

Vor meinen schmalen Fenstern die von Wein* 

laub leuchteten. 

Hellmuth Wetzel 



VORFRUEHLINGSH1MMEL 

Blatter wollen im Winde fliegen, 

Winde die Gbaussee begleiten, 

Wotken sich auf Winden wiegen, 
Taumelnde Besch werlichkei ten . — 

Und ich komme, seltsam kiihn, 

Und als ob ich nicht Ich wire, 

Aus den Winden, Avenuen, 

Mehr in das Imagin&re. 

Paul Boldt 



SPLEEN 



I 



Gelassen ritt ich uber Trummem hin, 

Und zwischen Spur und Spur lag gleiches 



Mass . . 

Und vor mir schimmerte so klar wie Gias 
Der Zukunft Bild mit ebenmassgem Sinn. 



Kein Glas 1st klar genug, so rein kein Spiegel, 
Es bHckte draus ein Masses Angesicht . . 
Kommt es nicht nSher? Michtiger wird’s 

nicht — 

Aufbrechend noch so festen Schlosses Riegel? 



274 



Und 

Und 

Und 



schaut mich an mit Blicken so vertraut 
kundet sussen, engelhaften Laut — 
Kuhlung, Frieden seine Locken facheln . . 



Soil ich Dir folgen, meiner Seele Einst? 
Spridit Weisheit: *Sieh, es bricht Dein Herz. 

Du weinst." 

So wird mein Mund nicht suchen mehr, nur 

iacheln. 



II 

Und lachle doch nicht nur, ich steh dir Rede, 
Wenn ich verzagt gleich Wunsch und Zielver 

hulle, 

Des Spruchs gedenkend wamender Sibylle, 
Dass jegliches Gefuhl ich streng befehde. 

Dass nimmer meiner solche Uebe harre, 

Der Tod und Leben eins (o Nacht, diekront!), 
Durch gteiche Trauer werde nur versdhnt, 
Verzicht auf Gluck, nach dem so lang ich 

starre. 



Gemach, gemach ... das Leid ist suss und 

bitter. 

Es bergen deines Mantels reiche Falten 
Der Lust Fans], der Trubsal Ungewitter . . . 



So neig ich denn zu dir mich von dem Pferde, 
Ein Sklave alter zwingender Gewalten, 

Und kusse — wissend, dass ich sturzen werde. 

Mario Spiro 



Der Fremde (17. Portsetzung) 

Roman von R c n 6 Schickele 

Paul dachte: Lamonde entschuldigt sich. 

. . Deshalb wird es ihm gut tun, wenn cr er- 
fahrt, dass meine Frau mir unter anderem ge- 
beichtet hat, dass sie sich in einer kleinen Par- 
terrewohnung beim „Grossen Stern" trafen, die 
1200 Franken koetete, und die Herr Nidand be- 
zahlen musste, Dazu war naturlich Odd ndtig. 
In solchen Fallen nimmt man, wo man findei . . 
Ich habe ihr am Morgen gesagt: Herr Nidand 
war heute nacht hier. Du hattest fur ihn dnen 
Nachschlussel zum Schreibtisch anfertigen lassen. 
Du hast ihm von mdnetn Geld gegeben , . Sie 
leugnete. Das hat mich rasend gemacht, ich bin 
brutal geworden; sie ist zusammengebrochen 
und hat alles gestanden. AUes, verstehen Sie, 
bis in die letzten schamlosen Einzdheiten. Sie 
hat geschrien, dass Nidand sie vergewaltigt 



375 PIE AKTION 

habe, dass sic aus Angst seine Oeliebte gewor- Kunst fertig gebracht, sich nicht das Geringste 



den sei, dass sie zugrunde gegangen wire, wenn 
sie nocb Unger die Luge vor mir hltte aufrecht 
erhalten mussen . . lcn erfuhr, dass sie mich 
ma$slo9 liebe, dass siemich nie so begehrt habe. 
wie gerade in dieser Zeit . . Ich hatte sie 
nehmen sollen, ich hatte sie schlagen durfen, 
und sie wire glucklich gewesen. Aber nur nicht 
sie vernachlassigen. Sie sei kein Weib, das ge- 
schont sein woile. Sie hat gewinselt, ich mdchte 
sie nicht fortschicken, sie konne nicht leben ohne 
mich . . 

Ich habe sie zu ihren Eltern geschickt, damit 
ihre Sehnsucht nach mir noch grosser werde 
und sich fur immer festige. Ich bin also, so- 
zusagen, glucklicher denn je, und Herr Nieiand 

— kann sich trdsteu. 

X. 

Lamonde und Paul sind eilig die Treppe hin- 
abgesdegen. 

Vor der Haustiire bleiben sie unschliissig stehn. 
Der Schauspieler blickt nach rechts und blickt 
nach links. Er lachelt einem bunten MIdchen 
zu, das, von Seide knistemd, in einem Aufruhr 
massiger Parfums steil an ihtn voruberstreicht. 
Der Schauspieler badet in ihrem Kielwasser. 
Seine Starke Mimennase, die blauen Augen, die 
dicken saftigen Lippen beben. Einen Augen- 
blick lang schnuffelt alles an ihm. Wie eine 
Schnecke, die ihren Kopf zuriickzieht, kehrt er 
in seine Rtthe zuruck. Er dreht eine Zigarette. 

. . . Paul erinnert sich. Jemand sagt: 

— „ Lamonde mdchte seine Frau am liebsten 
wie eine Kokotte anziehn" 

Nieiand sitzt bei Calon auf einem Taburett und 
sieht dem Schauspieler llchelnd in die Augen. 
Lamonde zuckt mit der Achsel: 

— Es wire eine Synthese — sagt er, verstummt 
und hebt plotzlich an, das hohe Lied von der 
unnahbaren Schonheii seiner Frau zu singen . 
Nieiand sitzt aufrecht auf dem Taburett, llsst 
seinen Stock zwischen den Flngerspitzen rotieren 
und hdrt hdflich zu. Das war vor vier Monatea 
Paul ruft einen Wagen an. Adieu, Herr La- 
monde, sagt er. Lamonde nimmt die Zigarette 
aus dem Mund. Er klopft die Asche ab, wan- 

rend er Paul ins Gesicht sieht. 

— Adieu, Herr Merkel, griissen Sie, bide, Herrn 
Nieiand von mir. 

Er geht stattlich von dannen. 

Paul sieht ihm nach. 

. . . Ja, Sie sind ruhig, Herr Lamonde, sehr 
ernst, ich bemerkte es. Sie haben es mit viel 




zu vergeben. Es soil alles ausgeglichen warden. 
Nieiand wird nicht andcrs tun. Der Hahnen- 
kampf geht im Geheimen weiter. Aber der 
Schnabelhieb von heute Abend sitzt. Nieiand 
ist total geschlagen. Er wird zerfetzt und trau- 
rig in den vaterlichen Huhnerhof zuruckkehren 
Der Kutscher kommt mit einem Dienstmann zu- 
ruck. Sie laden die Koffer in den Wagen. Der 
Dienstmann wird Paul den Gepackschein nach 
Hause bringen. Rue de PUniversitt, Hotel de 
Nice. 

Paul schwingt sich auf den Omnibus Qitfty- 
Odeon. Er wird langsam durch die dicke taue 
Luft gezogen. Unter ihm ist das vide Licht, 

sind die fliessenden Farben, die Aufregungen, 
die Laune der grossen Boulevards. In den 
Gassen wird der Abend noch schwuler, die 
Paare gehen langsam, mit schweren Schritten. 
Aus den Fenstem lehnen Frauen, den Blick 
unverwandt auf das rote Licht des Boulevards 
gerichtet. Das tiefe Weiss ihrer Gesichter in der 
grauen Luft hat etwas Anziehendes, wie Mar- 
morbrunnen in einem abendlichen Garten. Wenn 
sie ihr Gesicht bewegen, fuhlt Paul ein Brausen 
im Dunkel fainter ihnen. An hundert solchen 
Lichtern schwankt er langsam vorbei. Sie sind 
iiberall, gross und winkend an den Fenstem, 
sie wandeln stumm wie matte Ampdn in der 
Tiefe der Zimmer. 

Die Fahrt iiber die Seine ist kdniglich . Auf den 
Kais sind die Schaufenster entzundet. DiestiUe 
Prozession der Gaslatemen zieht die Ufer her- 
auf und hinunter. Drunten, wo die Dampfboote 
gleiten, sturmen die Widerscheine der Strasaen- 
latemen und Signallichter zusammen, schaukeln 
die Wellen ein tiefes Rot, ein Grun, ein Geib, 
stocken; erzittert eine einzige breite Welle und 

fullt sich, in einem tiefen Atemzug, mit dem 
dunkeln Blau der Luft, das die Sterne versilbem. 
Rings im Umkreis, wie ein himmlisches Amphi- 
theater, hangt ein roter Schein in der Luft. Dort 

sitzen die vermummten Odder und sehn der 
Erde zu, die dlmmert. 

XL 

Paul steigt aus und geht den Boulevard St. 
Michel hinauf, wo in der lauen Herbstnacht die 
Madchen mit den Studenten auf der Strasse 
fanzen und die Krebsverklufer mit niedertrich- 
tigen Gesichtem zwischen den Tischchen umher- 
gehn, indes die wilden Frauenhute sich neigen. 
Paul biegt in die Rue de l’Universite ein. Vor 
ihm schlendern zwei Burschen und ein MIdchen. 






277 



DIE AKTION 



278 



Sie schreien, sie stossen einander. Paul will sie 
uberholen, aber er wird zu Boden gerissen. 
Neben ihm schlagt es dunipf auf die Kante des 
Trottoirs und rollt in die Mitie der Strasse. Er 
springt auf und sieht, wie die beiden Burschen 
sich bin- und herzerren und einander lautlos, 
mit einem Rocheln zwischen den Zahnen, 
knappe, harte Stdsse ins Oesicht versetzen. Dem 
einen fliesst in vielen dunnen Strlhnen dasBlut 
fibers Oesicht. Er windet sich unter seinem 
Gegner, presst ihm krampfhaft die Daumen in 
die Augen. Unterdessen umhupft die Frau sie 
wie dne verstdrte Gans, mit schlagenden 
Flugeln, schnarrend, und versucht bald den 
einen, bald den andern durch FaustschULge auf 
den Kopf und mit verzwdfelten Fusstritten zur 
Besinnung zu bringen. Pldtzlich jagt sie in der 
Riehtung nach dem Boulevard da von. Die 

K&mpfer halien sich mit langen, zuckenden Griffen 
umschlungen. Paul hort die Rippen krachen. Sie 
beissen. Das Gesicht des einen ist ganz mit 
dem Blut des Gegners beschmiert . . Da kommt 
ein dunkler Schwarm mit roten , zottigen Kopfen 
h inter zwei Polizisten, die wie galoppierende 
Wettlaufer die Ellenbogen in die Seite gepresst 
haben, auf den KampfpLatz zu. Paul wird an 
die Wand gedruckt. Man schreit. Man lacht. 
Man pfeift Die beiden Kampfer werden vom 
Boden gerissen und weggeschwemmt. Einkleiner 
verwildeter Bursche bleibt zuriick und wischt 
sich an einem Haustor die blutigen Hande ab. 
Paul geht schnell davon. Der kleine Kerl hinter 
ihm pfeift die Internationale. 

Er ist bei Malva. 

Er sagt ihr, dass er sie liebe, dass er gliick- 
lich sei. 

Sie lachelt aus tiefstem Herzen und umschlingt 
ihn langsam, immer defer. Sie saugt sich 
lachelnd in ihn hinein. Dann legt sich ihr Mund 
auf den seinen. Er packt sie und tragt sie aufs 
Bett. 

— Du sollst mich lieb haben, knirscbt er. 

— Ich hab dich ja lieb! Ich hab dich lieb! 

XII. 

Die hohen Turen des Casino de Paris batten 
sich wie von selbst aufgetan, die betressten 
Diener batten gegrusst. Durch den dunkelroten 
Raum schwarm te das Licht der grossen Bogen- 
lampen, und vom, auf beiden Seiten der Vor- 
buhne, glanzte durchsichtig das Wasser der 
runden Gliser, worin sanfte Goldfische schwam- 
(nen. Dort standen auch die hohen Palmen und 




die ZypressensfcScke, tiefgrun mit grossen weissea 
Flecken, in der Versilberung des Lidhts. Dicht 
fiber den Lampen hing eine mattleuchtende 
Wolke von Zigarettenqualm, zu der immerfort 
ein dunner bl&ulicher Rauch emporstkg. 

Die Musik raste gegen den Larm von Stimmen, 
die ubereilig und sich stossend durcheinander 
liefen, von Glasern, die rasselten, von klappern- 
den Stuhlen. Schwarze, schwerbeladene Kell- 
ner, auf deren Gesichtern der Schweiss wie rote 
Schminke klebte, fuhrten zwischen den Stuhl- 
reihen und in den Gangen ihre aristokratischen 
Tanze auf. 

Das Parterre fieberte. Blicke schwammen und 
stockten, sie verbissen sich fur einen Augen- 
blick ineinander, und dann schienen sie die 
ganze Umgebung zu bannen. Paul $ah nur das 
Gewaltsame, das alles andere unterdrudde. Es 
war seltsam zu beobachten, wie sie endlich von- 
einander liessen, l&chelnd, ver&chtlich, absichtlich 
zdgemd, oder mit einem jahen Riss. Und wie 
sie hier und da wiederkehrten und suchten, und 
die Schonheit ckrer, die voruberghtten . . Die 
Gebarden kamen heftig und schnell unter den 
Gruppen, die einander drangten ; die Reihen 
entlang, im grauen Hintergrund unter demBal- 
kon, wie Quecksilberkugeln in einem Glas, 
sprang ein aufgeregtes Lachen umher. 

In der rotlichen Dammerung der Loge war Pauls 
schmales braunes Oesicht mit der weissen Stirn, 
fiber die wie ein schwerer Flugel das dunkle 
Haar fiel, unbewegt der Buhne zugewandt. 

Er hat die grossen, kahlen Augen seiner Mut- 
ter , dachte Alfred Brauer, der ihn betrachtete, 
und er empfand etwas wie eine feme Liebe zu 
ihm. Er stand neben Paul und fragte: 

— Habe ich euch gestort? 

Nieland sah mit seinem spottischen Lacheln zu 
ihm auf. 

— Nein, wir waren gerade zu Ende. 

Brauer setzte sich hinter Paul, Nieland gegen- 
uber. 

Die kurze, aufgeschwollene Italienerin, die mit 
unformig eingeschnurten Bewegungen und im 
sudlichen Feuer der Musik ein neckssches Lied 
gegurgelt hatte, zog sich grimassierend zuruck, 
die Lampen erloschen. 

Am Ende ernes Lichtstrahls, der zitternd im 
dunkeln Raum hing, stand eine Tanzerin in 
einem weissen Netzkleid, unter dem das Rosa 
Sires Korpers gluhte. Sie sprang in einer hef- 
tigen Wendung einen Schritt vor, und indes 
ihre langen, weissen Tullrdcke einen weiten 
Bogen beschrieben, flammte sie ganz in einem 



279 



DIE AKTION 



280 




Oewitter von greUen Farben, die, eine hinter 
der andem, uber sie hinwegrasten. Sie streckte 
den Kopf vor imd tanzte, hingegeben in der 
Wildheit heisser Farben, die sie schuttelten , un- 
ablassig besturmt von den Schreien der Musik, 
und mitibren finstem Augen, die seitwirts ins 
Dunkel starrten, Der lange zitternde Lichtstrahl 
schnelite in den Hintergrund des Theaters zu- 
ruck, aus den Seitenkulissen floss belles Licht 
und nahm die Tanzerin in die Mitte. 

Nun tanzte sie mil au!gel5stem Haar und sang 
dazu. 

— Merkwiirdig, fliisterte Nieland, sie tanzt letzte 
Zartiichkeiten, nicht? Sie gibt unerhorte Heim- 
lichkeiten preis, die in lange Umarmungen ge- 
hulh werden, und gttnzt dabei vom Scheitel bis 
zur Sohle. Schdn, schdn! 

Sie wand ihren Korper, warf ihn, nahm ihn 
zuruck. Versank in einem Erbeben aller Glie- 
der, fuhr steil daraus empor, sie hatte die 
grossen, schlanken Bewegungen eines selbstbe- 
wussten Ringers, der ein wenig Ifissig tut, und 
die sanften Bcherrschungen einer Frau. 

(Fortsetzung folgt.) 



Literarische Neuersdieinungen 

KNUT HAMSUN, VOM TEUFEL GEHOLT. Schau- 

spiel in vler Akteu. Autorisierte Uebersctzuug nach 
dem norwegischen Manuskript von Carl Morburger. 
(Verlag von Albert La n gen in Miinchen.) Gehcftef 
3,50 Mark. 

lm Mittelpunkie des Ganzen sleht eine ehemaligc Chan* 
sonette, jetzt Gatlin eines alten reichen Mannes, dessen 
siebzigsten Geburtstag man gerade feiert, Sie hatnoch 
einen Liebhaber, der sich aber mH eineni jungen Mad- 
chen verlobt und einen glanzenden Posten in Argen* 
linien gefunden hat, weshalb cr sie verfossen will. Sein 
Jugendfreund holt ihn ab, der argentinische „Nabob“, 
der schlau und Geniesser genug i$t, um die umgehen* 
den Liebcsaffaren sogleich zu durchschauen und sie sich 
nutzbar zu machen. Ein Leutnant mit Ehrbegriffen, ein 
heruntergekomniener Musiker und Bob, der Neger, mH 
dem die Chansonelle zum Schlusse sich trdstet, schliesseit 
den Krcis. A lie diesc Menschen sind, durch Lebens- 
k2mpfe aufgerieben, defekt geworden, werden lacherlich 
oder genie in, sie verkommen in ihrem Innern, — wer- 
den vom Teufel geholt. 

WILHELM HEGELER. DAS AERGERNIS. Roman. 
(Fischers Bibliothek zetigendesischer Romane. 5. Reihe, 
2. t Band.) Pappband 1 Mark, in Leinen 1,25 Mark. 
In irgend einer Stadt erregt irgend em Denkmal den 
Zom frommer Eiferer. — Eine Agitation wird einge- 
kitet, Brand reden werden gehalten, eines Nachts wird 
das Denkmal von fanalischer Hand beschadigt. Der- 
gkkhen soil in Deutschland ja vorgekommen sein . . 
Ein Stoff fUr einen Dichter, um seinerseits den Eiferer 
zu spielen, Brandreden toszulassen und ein Tintenfass 
votl Zom liber den Kopf der Eiferer auszugiessen. 
Aber der Au*or dieses Romans gehdrt nicht zu den 
Begeiftterten. Vidmehr sdieint er bescheiden rmWinkel 
zu atehen und sich hdchstens schmunzelnd die H&ndc 



zu reiben. FUr ihn iat die ganze Affitre nkhts als eine 
menschlicher Art in alien mdgiichen Formen. Ueber- 
zeugt, dass Tatsachen beredler als Worte. dass emzig 
unwidcrleglich aber die If ^endigen Menschen sind, hat 
er seine Kraft darauf verwendet, all die Personen, die 
in der kleinen Komodie t ne wichtige Oder unwichtige 
Rode spielen, wesenhaft r>uf die Beine zu 3tellen. In 
diescr Objekfivitat liegt st ine Bosheit. Seine Mensdien 
wirken atle sich aus nach ihrer Eigenarl; wenn man 
Uber. sie lacht, so ist es ihre eigene Schuld. Die Be* 
SchMdigiuig eines Denkmals mag keine grosse Begeben- 
heit sein, aber die Manifestationen der Dummheit sind 
ein unerschbpflicher Gegenstand der Komik. 

Zeitsdiriflensdiau 

DIE SCHAUBOHNE enthilt in der Nummer 8: Der lebende 
Leichnam. Von S. J. — Der Kopf der Colette Willy. Von 
Ludwig Rubiner. — Krimakrams. Von Herbert Ihering. — 
Der freie Horst. Von Erich Muhsam u. a. 

DIE DEUTSCHE RUNDSCHAU (Verlag R. Paetel, Berlin). 
Das Februarheft enthalt Beitrage von: Generalfeldmar- 
schall Freiherr von der Qoltz, Paul Bailleu, Enrica von 
Handel * Mazzetti, Irene Forbes-Mosse, Albert Leitzmann, 
Theodor Birt, Richard M. Meyer u. a. 

DAS L1TERARISCHE ECHO. (Verlag: Egon Fleischel A Co., 
Berlin W.9.) Das 1 . Februarheft enthilt: Georg Ransohoff: 
Rabelais, — Helene Raff: Friedrich Naum an n als Schrift- 
s teller. — Friedr. Naumann: Autobiographische Skizze a. a. 
PAN. Herausgeber Alfred Kerr, Heft 2i enthilt: Allred Kerr: 
Wassermann- Hofmannsthal; Kurt Hiller; Trottelglosse; 
Th. von Bodisco: Die Freiherren u. a. 

Vomotizen 

(Nur wichtige Neuertcheinungcn werden bier angexelgt. Die Bcsprechung 
der etnzelnen Werfce fotgt in den nftduten Nummera der AKTION) 

EMIL HOLAREK. Krieg. Ein Zyklua von 19 Bildern mit 
Text von Tolstoi u. a. (verlag Emil Plessner, Berlin NW 87.) 
Oeh. M. 1. — . 

PAUL CLAUDEL. Verkiindigung. (Verlag der Nenen Blitter 
in Hellerau.) 

HENRI BEROSON. Materie und Qedichtnis. Essay. (Engen 
Diederichs Verlag in Jena.) Oeh. M. 8. — . 

OTTO FLAKE. Freitagskind. Roman. (S. Fischer, Verlag, 
Berlin ) Oeh. Mk 3 50. 

JAKOB WASSERMANN. Der Mann von vierzig Jahren. 
Roman. (S. Fischer, Verlag, Berlin.) Oeh. Mk. 3.— . 



Autoren - Abend der AKTION 

Sonnabend, den l.M&rz, abends 8 l / a Uhr, veran- 
staltet die AKTION den ersten diesjahrigen Autoren- 
Abend im Kunstsalon Paul Cassirer, Berlin W 10 
Viktoria - Strasse 35. Es werden aus eigenen 
Werken lesen: Gottfried Benn, Paul Boldt, Alfred 
Lichtenstein, Richard Oehring, Hellmuth Wetzel, 
Alfred Wolfenstein. Erich Oesterheld spricht fiber 
„Kino und Bflhne", Max Oppenheimer fiber „Potitik 
und Kunst", Franz Pfemfert fiber „Die Notwendig- 
keit des Dreiklas$enwahlrechts“ 

Eintrittskarten M. 5. — und M. 3. — im Vorverkauf 
im Kaufhaus des Westens, in der Buchhandlung 
Edmund Meyer, Potsdamer Strasse 27 b, im Buch- 
laden Kurfurstendamm, Kurfurstendamm 210. 
Abonnenien-Vorzugskarten a Mk. 3. — und 2. — 
nur im Verlag der AKTION. 



INHALT DER VORIOEN NUMMER: Victor Hadwiger: Zur Psychologic des Hochverrats / Robert Neulaender: Gustav Mahlers 
Neunte / Otto Piek (Prag): Franz Kafka / Franz Loft: Revolutionsbatl der AKTION / Alfred Lichtenstein: Nach dem Balle 
Rend Schickele: Der Fremde / Rudolf Kayser: Ins Weite / Hellmuth Wetzel: Oihnendea Caid / Anlisslich einer Schmieren- 
auffflhmng / Aphorismen von ffinf Autoren / „Der lose Vogel M / Der nachste Autorenabend der AKTION / Neue Bficher 

Cdcar Klein: Zeichnung 



SXt&ttion 

WOCHENSCHRIFT FOR POLITIK, LITERATUR, KUNST 
III.JAHR HERAUSGEGEBEN VON FRANZ PFEMFERT NR. 10 



INHALT 



Honore de Balzac .... Talent und Journalismus 

Sabine Ree Ueber das Buch Vathek 

Heinrich Nowak Gustave Flaubert: I’Education sentimentale 

Martin Knote Das Grauen 

Paul Boldt Impression 

Ernst Stadler Auferstehung Winteranfang 

Richard Oehring Oe Profundis 

Rene Schickele Der Fremde 



Nietzsche contra Cassel — Anekdoten — Beliebte Lyrik — Der Theo- 
retiker Hermann Bahr — Ringsum Klabunde — Die Folgen der Hoheit 
Jagows erster Unfall — Franz Blei-Abend der AKTION Nikodemus 
Heliogabal Schuster — Literarische Neuerscheinungen 



L. Meidner: NMchtliche Strasse in Friedenau (Zeichnung) 



Heft 20 Pfg. 



Verlag der Zeitschrift Die Aktion Berlin-Wilmersdorf 






SDte&Uum 

WOCHENSCHRIFT FOR POLITIK, LITERATUR, KONST 



I 3. jahrgang | HERAUSGEGEBEN VON FRANZ PFEMFERT [ 5. MAERZ t913| 



. Manu$kripte, Rezensions-, Tausch- 
KtiUaiMlUIl . Exempltre etc. sind an den Heraus- 
geber, Berlin -NVilmcrsdorf, Naussauische Strasse 17 
zu eenden ;; Tdephon Amt Pfalzburg Nr. 6242 
L'nverlangten Manuskiipten iat Ruckporto oeizufugen 



Erscheint Mittwoch 



Ahnnnpmpnl - Mk 2 ~ vicrtclifthrl. (excl Be- 
MUUnneillt:ilI . stellge!d)bei alien Postanstalt., 
Buchhandlungcn etc. Oder durch Kreuxband gegen Mk, 
2.50 durch den Verlag der„Aktion“. Berlin- Wilmeredorl, 
Nassauischestr. 17 :: Kommiasionar Oust Brauns, Leipxig 



TALENT UND JOU RN ALIS/AUS 



Wo, wie und wodurch mein Brot verdienen? 

Diese Frage musste ich mir vorlegen, als der 
Hunger naher und naher an mich herankam. 
Naeh vielen Versuchen stand es bei mir test, 
dass der Journalismus einzig und allein mir 

Brot geben konnte. Aber wie war es moglich, 

in die Redaktionen einzudringen? Ich will 
lhnen nicht von meinen vergeblichen Schritten 
und Bittgangen erzahlen, auch nicht von dem 
halben Jahr, das ich als Volontar arbeiten, wo 
ich mir sagen lassen musste, ich verscheuchte die 
Abonnenten, wahrend ich sie im Gegenteil an- 
lockte . . . 

Was uns unser Leben kostet, der Gegenstand, 

der in langen Nachten der Arbeit unser Hirn 
miide gemacht hat, all dieses Wandern im Land 
der Gedanken, das ganze Ergebnis unserer Ar- 
beit, die Schopfung, der wir Geist und Blut ge- 
geben haben, wird fiir die Verier ein gutes 
oder schlechtes Geschaft. Die Buchhandler ver- 
kaufen ihr Buch oder verkaufen es nicht. Das 
ist fiir sie das ganze Problem. Ein Buch stellt 
ihnen riskiertes Kapiial vor. Je schoner das 
Buch ist, urn so weniger Aussichten hat es, ver- 
kaufc zu werden. Jeder hervorragende Mann 
erhebt sich iiber die Massen, sein Erfolg steht 
also im geraden Verhaltnis zu der Zeit, die notig 
ist, urn das Werk zur Geltung zu bringen. Kein 
Buchhandler will warten, das Buch von heute 
muss morgen verkauft werden. Auf Grund die- 
ses Systems lehnen die Verleger die gewichtigen 
Bucher ab, die der hohen Anerkennung be- 
diirfen und sie nur langsam linden. 

Ausserhalb der literarischen Welt gibt es keinen 
Menschen, der die schreckliche Odyssee kennt, 



auf der man zu dem gelangt, was man je nach 
den Talenten Beliebtheit, Mode, Ansehen, Re- 
nomee, Bertihmtheit, Popularity nennen muss. 
.... Alle fallen sie in den Graben des Elends, 
in den Schmutz der Zeitung, in die Siimpfe der 
Biicherfabrikation. Wie ahrenlesende Bettler 
nahren sie sich kiimmerlich von biographischen 
Artikeln, von Klatschnotizen, von Pariser Neuig- 
keiten in den Zeitungen, oder von Biichern, die 
durchaus logische Lieferanten von Papier und 
Druckerschwarze bei ihnen bestellen, die einen 
Schmarren, der in vierzehn Tagen abgesetzt 
wird, lieber haben als ein Meisterwerk, das sich 
langsam verkauft. Diese Raupen, die zugrunde 
gehen, ehe sie Schmetterlinge werden, leben von 
der Verleumdung und der Infamie, und sind be- 
reit, auf den Befehl eines Paschas vom „Con- 
stitutionnel", der „Quotidienne“ oder den „De- 
bats“, auf einen Wink der Verleger, auf das An- 
suchen eines neidischen Kollegen, oft bloss fiir 
ein Diner, ein werdendes Talent zu zerreissen 
oder zu riihmen. Wer die Hindernisse alle iiber- 
stiegen hat, vergisst den Jammer seines An- 
fangs . . . 

Arbeiten ist nicht das Geheimnis des Glucks 
in der Literatur, es handelt sich darum, die Ar- 
beit der andern auszubeuten. Die Zeitungsbe- 
sitzer sind Unternehmer, wir sind Handlanger. 
Je mittelmassiger ein Mensch ist, urn so schnel- 
ler gelangt er ans Ziel; er kann ja lebendige 
Kroten verschlucken, sich mit allem zufrieden 
geben, den niedrigen kleinen Gelusten der litera- 
rischen Despoten schmeicheln. . . 

Honore de Balzac 










295 



* 



4 



DIE AKTION 



Glossen 



NIETZSCHE CONTRA CASSEL 

Die Deutsdien haben als auf der Briicke 
zwiscben zwei decadence- Jahrhunderten eine force 
majeure von Genie und Wille sichtbar wurde, 
stark genug, aus Europa eine Einheit, eine poli- 
tische und wirtschaftliche Einheit, zum 
Zweck der Erdregierung zu schaffen, mit ihren 
„Freiheitekriegen a Europa um den Sinn, umdas 
Wunder von Sinn in der Existenz Napoleons ge- 
bracht, — sie haben damit alles, was Icam, was 
heute da ist, auf dem Gewissen, diese c u 1 1 u r- 
w i d r i g s t e Krankheit und Unvernunft, die es 
gibt, den Nationalismus, diese nevrose na- 
tion ale, an der Europa krank ist, diese Ver- 
ewigung der Kleinstaaterei Europas, der k 1 e i- 
n e n Politik .... 

(„Ecee Homo", Seite 111) 



ANEKDOTEN 

Bei der letzten osterreichischen Mobilisierung 
wurde auch ein Musiker ausgehoben, der hier- 
auf stracks zur nachsten Wassertonne lief und 
sich in ihr ertrankte. Das ist der wahrhaft neu- 
zeitliche Kriegsmut. Der junge Mann konnie 
das E rschossen wer den nicht mehr erwarten . 

Als Siurlai und der Doktor Wolfsohn auf einem 
Rheindampfer fuhren, begeisterte sich neben 
ihnen ein hamburger Herr an der Landschaft. 
„Aber Sie finden das ja gar nicht schdn 41 , sagte 
Siurlai zu ihm, „nur Ihr Wissen verleitet S ; e 
dazu." „Um so besser, dass ich was weiss, 
wenn mich mein Wissen zur Schdnheit fuhrt," 
erwiderte jener. 

Ein kleiner, aber reinlicher Knabe war durch 
das Schwarze unter seinen Nageln gequait. Da 
er, um sich nicht zu verletzen, keine spitzen 
Instrumente hatte, versuchte er, es mit den ZSh- 
nen zu entfemen. Hierbei biss er sich oft die 
Nagel ab. Deswegen nannte man ihn Schwein. 
Sein aufgeklarter Vater wandte sich an einen 
ebenfalls aufgeklarten Arzt. Dieser stellte leicht 
fest, dass der Knabe, der in unbewachten Augen- 
blicken die Finger oft und gierig saugend in 
den Mund steckte, homosexuell sei. 

Dr S. FriedUmder erkundigte sich in einem 
Restaurant, was es zu essen gabe. „Cotelett tf , 
sagte der Kellner. „Und das Gegenteil?" fragte 
der Philosoph. 






Seit ich keine Zeitung mehr lese, fiirchte ich 
immer, erschlagen zu werden, ohne eiwas da- 
von zu bemerken. 

Die Prinzessin sagte: „Wie kdnnte ein Prinz 

mich lieben? Oh, wie erhaben ist ein Prinz; 
tausende leitet er, gibt ihnen ihr Schicksal, voll- 
bringt sie, tragt sie. Wie schwer muss dies 

sein: oh, was kdnnte ich als ihn stdren." Dann 
gab sie sich ohne TrSne einem Stalhneister hin. 

Mein Grossvater mutterlicherseits fuhr 1911 in 
einem Omnibus, wo eine Dame mit einem 

Schosshunde ihm gegenubersass. Mein Gross- 
vater fragte sie: „Waram kraht der Hund 

nicht? Warum belli der Hund?" Dass sie nicht 
zu antworten wusste, liess meinen Grossvater 

den Verfall des Gottesglaubens in der Gegen- 
wart erkennen. 

Dzidjivisse 



RINGSUM KLABUNDE 

Ein Herr S. Klabund (aus Suddeutschland) sendet 
an Alfred Kerr Lyrik, die bemerkenswert ist, 
erstens, weil sie auf Telegrammformularen das 
Licht der Welt erblickte, zweitens: weil folgende 
Zeilen den Anfang bilden: 

Es hat ein Gott mich ausgekotzt, 

Nun lieg ich da, ein Haufen Dreck, 

Und komm* und komme nicht vom Fleck. 

Diese Art, Redaktionen zu beglucken, scheintin 
der Luft zu liegen. Auch ich kann aufwarten. 
Auf Original- Klooettpapier gekritzelt, sen- 
det mir ein Dichter aus Apoida folgende Verse: 



Der Empfindsame singt: 



In leichter Schale schwimmt ein glatter Traum, 
Die hohle Wange ruht in schwacher Hand, 
Sehr ode und verrucht ist dieser Raum, 
Schmerzhaftes Frdsteln dringf durch eine Wand 



Gespannter Bogen . . . kummerlich Klavier* 
Gebimmer. Kreischen unserer Kinder. 

h 

Der Zugwind haftet schrfig in jeder Tur. 
Zerwalkt und rot sind alle Sunder. 



Gar zage stammelt ein geborstnes Schwein — 
Die Filter tropfen wie die Regentraufen, 

O, welche Lust ein solcher Monsch zu sein. 
So leicht beschaK den glatten Traumzu saufen. 



DIE AKTION 



298 



297 

HERRN VON JAGOWS ERSTER UNFALL 

Ich denke nur an die Erlasse. Wer hat es mog- 
lich gemacht, dass die Tollwut eines Kdters die 
Stadt Berlin gefShrdete? Herr von Jagow, in- 
dent er die MauIkort)freiheit (fur Vierfussler) 
proklaroierte. Alle Jungfem klatschten ihmBei- 
fall — und nun ist die Hundesperre der Er- 
folg Jagowscher Fortschrittlichkeit, Wie, wenn 
der AUgewaltige von Berlin von einem riihrigen 
Staatsanwalt fur den Erlass t der sich als fahr- 
Idmges Vergehen gegen die offentliche Sicher- 
heit envies, unter Anklage gestellt werden wird? 
Es ist nichts mit fortschrittlichen Gcdanken, 
Herr von Jagow! — 

DER THEORETiKER HERMANN BAHR 

hat sich gegen das Geldverdknett der geistigen 
Arbeiter ausgesprochen . „Es ist mir wider lich, 
dass einer das Recht haben soil, seine Kunst 
zu Geld zu machen. . Sagte Babr. Dann 
nahm er im Prkizip Rucksicht auf seine Pro- 
vinzgeschafte. Und jetzt hdren wir, unser Bahr 
ist nicht nur gegen bar als Dichter zu haben: 
er schmiert, wenn’s geniigend Vorschuss gibt„ 
auch Tingeltangelrevuen . Freilich gestaht er 

durch den Mund seines Reporters nur „E i n - 
mal" — „Einmal in seinem Leben hat sich 
Hermann Bahr, allerdings nach manchcrlei Be- 
den ken, dazu berdt linden lassen, eine Revue 
zu schreiben. Sie hiess „Die Reise nach Eipel- 
dau" und sollte im Ronachertheater aufgefuhrt 
werden. Der Dichter bekam auf das Stuck einen 
Vorschuss von 7000 Kronen." Die Revue war 
jfimmerlfch . „Darauf verlangte Dirdctor Steiner 
den Vorschuss zuriick, eine Forderung, in die 
Hermann Bahr naturlicherweise riicht 
einwilligte." 

1st er nicht herzig, der Vorschuss-bar-Bah r? 
Herzig ist er. 

DIE FOLGEN DER HOHEIT 

Es lebte ein Tyrann. Der war siren g erhaben 
und hdchst grausam; nrcmand war wert, seinen 
Namen Oder sonst ein wenig von ihra auszu- 
sprechen. Einigen Lobrednem, die sich solcher 
Dreistigkdt unterfingen, erstickte er die besten 
Perioden am Galgen. Erstarrende Scheu befiel 
einen jeden, keiner wagte ein Wort von 
„IHM“ zu reden. 

Der Tyrann starb veigessen zu seinen Lebzeiten , 
angebellt von seinem Schosshund. Er erinnerte 
sich selbst nicht mehr seiner Herrschaft und ist 
nur eine Lucke in der Geschichte, die durch eine 
wiasenschaftliche Hypothese ausgefullt wurde. 




BELIEBTE LYRIK 

In dem Tale an dem Hang 
Tdnt der Vogelein Gesang. 

Zwar das Herz ist dir gebrochen, 

Das die Welt dir nicht bezwang, 

Das ein Menschenalter lang 
Stets vergeblich musste pochen 
An die Turen. Nicht verldang 
Dein Gesang > du bist gerochen. 

Liege still, dein Odem weht 
Uebers Heimatland, Poet. 

Ueber das Buch Vathek 

Von Sabine Ree 

William Beckford schrieb 1781 Vathek, die Be- 
deutung dieses literarischen Geschehnisses wird 
versucht darzustellen. 

Ein Buch der artistischen Imagination, der Will* 
kur; die Laune des Spleens wird von Beck- 
ford zur Technik gerundet; eine ansteigende 

Phantasdk beginnend mit dem unzihtigen Glanz 
des Kalifats; von dort aufbrechend ein Zug zu 
Wundern satanischer Mystik, der durch rankt 
wird von groteskem Spiel; die unermessliche 
Gier des Vathek) die keusche Perversitat seiner 
Mutter Karathis hemmen und vereinen das Tempo 
des Zugs zu den Gteheimnissen des Eblis. 
Vathek ist das Buch der unerschopflichen Gier, 
des uberspreizten Willens zur Originalitit; 
endend in hdllischer Langeweile, verzweifelnder 
Banalitat. (Man kennt Alien einer Langeweile, 
die Bedeutung, sogar Erhabenheit verrii und 
durch grosse Werke, schwere Verbrechen, ,ja 
Wahnsinn entbunden wird.) 

Vathek ist ein Kunstmdrchen. Der Glaube an 
die Realitat, die Mdglichkeit des Mirchens 
schwand; da der Mythus ausstarb, ging dem 
Marchen der glaubige Gehalt verloren (das 
Mirchen ist Andcdote des Mythenepos) dochein 
Wille blieb, der der WirHichkeit ubermudet ist, 
und man bildet eine, die asthetisch wahr ist 
im Sinne des omamentalen bildhaften Zusam 
menhangs, Tautologie, Ailgemdnes und Bekann- 
tes meidend. Das Wunder wandelte sich zum 
Wunderlichen, das Staunen, die religiose Unbe- 
greiflichkeit wurde Bluff. Das Ehrwurdige, in 
Gott mdgliche, die Unermesslichkeit des Ge- 
schehens verengte zum begrenzt Unmdglichen 
wo am Ausgang die Dinge zeraichten oder in 
biirgerliche Geleise einfahren. Das Kunstm&r- 
chen sei als Archaismus gezeichnet, worinkoat- 
bare Triebe, die ihre Wirldichkeit verloren, le- 
bendig werden* 



299 



DIE AKTION 






Man besitzt bier ein Beispiel, dass Religidses 
asthetisch abwirkt und geheim im Poetischen 
besteht. (Man erklare hieraus die oftere Um- 
kehr des „Ardsten M zur Kirche, welche in der 
immer gefuhlten Verwandtschaft asthetischer und 

m ___ 

religioser Transzendenz sich griindet.) Das 
Kunstmarchen meidet wie der Myth us die Psy- 
chology. Der unnennbare Glaube an den Hel- 
den des Mytbus wird asthetisches Erstaunen 
iiber die wundersamen Krafte der Kunst, wel- 
che die Realitat ausschaltet, deren Kraft und 
deren Wahrheit in dem kompositionellen Zusam- 
menhang und der Bildkraft wohnt, denen eine 
rationale Erklarung ebenso entfremdet ist wie 
der Einheit des mythischen Vorgangs. 

Vathek ist ein Gleichnis des unerreichlichen 
Mysteriums, das einer englischen moral ischen 
Farbung nicht entbehrt. Das Fanatistische ist 
etwa ein unbekdmmliches Regulativ, aber wenn 
das Buch die Moralitat der Grenze leise bedeu- 
tet, so weist es auf die Kraft des Imaginaren, 
dieser wahrhaften Essenz hin. Das Leben des 
Machtigsten, der jede seiner W i llensr egungen 
verwirklichen kann, geht an der Lehre seiner 
Imagination, an einem begehrten Traum zu- 
grunde. Dies ist die verborgene Idee des spi- 
rituellen Buches, in dem die Personen stilisiert 
sind, dessen Magie sich in mathematisch be- 
stimmte Anschauung umsetzt. 

Oft persifliert der Erzahler das Marchenhafte und 
lasst es zur Groteske werden; er fie] einem fei- 
neren Snobismus anheim, ist der Form des ty- 
pischen Sehens und Erlebens mtide, geniesstzur 
starkeren Heizung vieles in superlativischer Form , 
er begrundet vor alien Dingen nicht, schreibt er 
dcch geradezu, um mit der WiUkiir die Kausa- 
lifat zu beschamen. 

Die Menschen des Vathek sind zur Bedin- 
gungsiosigkeit gesteigert, sie verwerfen vorallem 
den abbildenden Positivismus und suchen, was 
ihre Willkur ubertrifft, — das unbeantwortete 
Staunen, dessen Losung unmdglich, denn fur 
das Fanatistische verliert jeder Gegenstand durch 
die Existenz den Wert; der Fantast verwirftim 
tieferen Sinn die Welt, und sein Gott ist Pro- 
teus Der Fantast erschopft sich ieicht, da er 
die Realitat nfcht ertragt, sondem weiter hetzt. 
Beckford erledigte sich an Vathek, er hatte nur 
variieren konnen, im gleichen Grundgefuhl be- 
fangen. 

Wir finden in Vathek einen stilisierenden Ratio- 
nalismus, dem das Organische fremd ist. Seine 
WasserfSlle, Sonne und Mond, Berge und Wal- 
der sind streng modellierte Objekte, voll ma- 




thematisener Funktion. Das Fantastische war 
fur Beckford kein Vorwand fur ein Sentiment, 
romantische Ironic oder einen Vergleich hetero- 
gener Momente, diesen Mittefai der Dichter de 
sekonde ordre. 

Beckford ist der Vater der Heutigen, die ent- 
wicklungslo6 im Fieber ihres oft intellektuellen 
Spleens produzieren; diese Kunstlichkeit, wo 
der Stoff sich gewissermassen aus ornamentalen- 
literarischen Associationen weiterbildet, liegen 
ein asthetischer Pessimusmus, eine Anaestesie 
fur das Lebendige, eine besonders reizbare Sen- 
si bilitat zugrunde. Diese Bestimmtheit weist sie 
auf das fremde Erlesene; ihre Landschaften, 
Menschen sind Konstruktimen; diese Dichter 
zehren mit ihrer Stilisierung den Stoff auf. Ich 
mochte sie im Gleichnis Schwarzweisskunstler 
nennen, seiche, die mit abstrakten Farben ar- 
beiten. 

Vathek versetzt den Leser in einen kunstlichen 
Rausch, einen kuhlen, hellen Zustand; Vathek 
lasst nicht die Blute auf dem Stengel, ernimmt 
ihr das Wachstum. Die Blume erinnert ihn an 
ein Ornament, sie ist ihm als Blume nicht ge- 
nug. weil nicht sein geometrischer Witle darin 
isi. 

Vathek erdffnet die Reihe der Bucher, welche 
uns die Erkenntnis und Zucht der reinen Kunst 
spendeten, diese in das Gebiet der abgeschlos- 
senen Imagination verwies, und ihr die Kraft 
eines in sich vollendeten Organismus verlieh. 
Damit wurde dem allegorischen Charakter der 
Literatur ein Ende gesetzt; zunachst durch- 
drang die Gewissheit einer isolierten Kunst, die 
gesetzmassige Willkur, den Stoff. Man sucht 
kostbare Materiale auf, die aristokratische Tech- 
nik fordert Auslese und Seltenheit. Wir ver* 
sptiren etwas von literarischem Kunstgewerbe. 
Als wertvollste neuere Oeuvres dieser Klasse 
bezeichne ich: 

Mallarme, Herodiade; Flaubert, Herodias, Sa- 
lam bo; Beardsley, Under the hill; Baudelaire, 
z. B. Harmonies. 

Diese Kunstler erinnerten uns seit langer Zeit 
wieder der rhythmischen Anschauungskraft der 
stilisierten Sinne, der Bildhaftigkeit des Kunst- 
werks und seiner konstruktiven Art. Sie zeig- 
ten, es ist nicht gestattet, mit Kunst Assoziatio- 
nen zu erregen (die Ausgeburt der didaktischen 
Kunst) oder zwischen heterogenen Momenten 
(groben roman tischen Mitteln) zu voltigieren, 
sondern dass ein Wort unreal und dicht wie 
ein Kreis sein muss, die Bilder auseinander her- 
vorgehen im gestuften Wechsel der symbolisier- 




DIE AKTION 



502 



501 




ten Organe. Diese Kunstler befreiten uns von 
der langeweilenden Wortlichkeit gegenstandlicher 
Sentimentaiitat. Die noces spirituelles der Bit- 
der und ihrer Organe, die vollig einem musi- 
kaliscben Gesetz untertan werden, die Verwen- 
dung aller physiologischen Fahigkeit im asthe- 
tischen Gebrauch zur Erzeugung des adaequa- 
ten Bildes danken wir ihnen. Diese Kiinstler 
zeigten den niitzlichen Gebrauch objektiver 
Kunstmittel; ihre Person iichkeit verzichtete aui 
unsachliche Darstellung, sie lehnten das Inter- 
essante der komplizierten, so konstruktionslosen 
Seele ab und zehrten in strengen Eifer die Per- 
son in der Zucht der kunstlerischen Auswahl 



auf. 

Eines ihrer Gesetze: man gebe konzentrierte 

Resultate — keine Wege. Ein reiner astheti- 

scher Platonismus. George zog allzu voreilig 
daraus den Schluss, das lange Gedicht sei un- 
mdglich . Diesist wohl eine Frage der Technik, 
Welche in langer kunstterischer Tradition wachst 
durch Darstellen verwandter Motive. Diese 
Kunstler stellten das Gesetzmassige der Kunst, 
Technik und Form, wirksam dem zerfliessen- 
den Individualisnrus unkunstlerischer, analyti- 
scher Psychologie — der Kunst als Ausdruck 
entgegen. 



William Beekford; Vathek, deufech von Franz Blci, ist bei 
Jolhi* Zeltlcr, Leipzig, erschienen. 



Gustave Flaubert, PEdu cation 

sentimentale 

I. FREDERIC MOREAUS RUECKKEHR 
NACH PARIS 

Meine Pulse jagen und gliihen . . . 

Wahnsinnig tolle Sterne spruhen 
Zittemdes Fieber au! meinen Leib . . . 

Paris wartet . . . es wartet das Weib . . . 

Bleicher als das kommende Morgen grau 
1st meine fieberkalte Stirne . . . 

Durch die Nacht leuchfcet heute ein griines Blau ■ • 
Durch die Nacht lockt der weisse Leib der Dime, 
Die sich lustem in ihrem Bette wilzt . . . 

Zwischen Montmartre und Pere Lachaise 
Pendelt das Leben und hdhnt . . . 

Paris, so sah ich dkh nie, 

Wie ich dkh heute ahne . . . 

Mein Wagen poltert, drdhnt, stdhnt . . . 

Paris, Paris singt: „ma vie, ma douce vie“ . . . 



II- MASKENBALL BEI DER MARSCHALL1N 
Musik. 

Wie sich die Tone auf meine Sinne senken . . . 
Und die Qual: 

An eine, die irgendwo fern ist, denken, 
Wahrend der Leib einer anderen reizt . . . 
Rosanette tanzt: 

Wie sie die Fusse zu meinem Antlitz spreizt, 
Und ihre Bruste mir entgegendehnt ; 

Die Nacht leuchtet heute in blauer Gier . . . 

III. FREDERIC MOREAUS LETZTES 
ZUS A MMENTRE FFEN MIT MADAME 
ARNOUX 

Und die Dammerung siegt . . . 

Aus schweren, schwarzen Tiiren tritt das Dunkel 
Und bleicht gespenstig meine kuhlen Wangen . . 

Einst rief dich mein ganzes Leben . . . 

Und heute bist du gekotnmen, . . . rait grauen 

Haaren . . . 

Du liebst mich . . . 

Ich liebte Dich . . . 

An dir brauste das Leben, mein Leben, vorbei . . 
Du riefst mich nicht . . . 

Und heute bist du gekommen . . . 

Das Leben ist irgend ein Spass, 

Den ein Narr im Bette 

Einer verschlafenen Dime traumie . . . 

Die Dammerung siegt . . . 

Langsam vergeht meine Zigarette 
In Rauch . . . 

Heinrich Nowak 



AUFERSTEHUNG 



Flut, die in Nebeln steigt, Flut, die vereinkt. 
O Gliick: Das grosse Wasser, das mein Leben 

uberschwemmt, sinkt, ertrinkt. 
Schon wollen Hugel vor. Schon bricht gesanf- 
tigt aus geklarten Strudeln Pels und Land. 
Bald wehen Birkenwimpel fiber windgestrahltem 



Strand. 

O langes Dunkel. Stumme Fahrten zwischen 

Wolke, Nacht und Meer 
Nun wird die Erde neu. Nun gibt der Himmel 
aller Formen zarten Umriss wieder her. 



Herzlicht von Sonne, das sich noch auf gelben 

Wellen baumt — 

Bald kommt die St unde, wo dein Gold in 

griinen Fruhlingsmulden schaumt — 



303 



Die AKTJON 



304 



Schon tanzt im Feuerbogen, den der Morgen 

ubem Himmel schlagt, 

Die Taube, die im Mund das Oelblatt der Ver- 

heissung tragi 

Brussel Ernst Stadler 



DE PROFUNDIS: CHARITE 

Auf unserm Aussatz liegen die Laken wie Schnee 

— Kuhler Schnee deckt die Verruchten der Charite. 
Unser Fieber sinnt immer urn das eine: 

Wir standen auf in einer Nacht, erffilit 
von Angst, dass du uns ewig bliebst verhullt. 

— Du warst strahlend fiber dem toten AH. 

Das lag wie ein verlassnes Bett zerwfihlt . . 
Wie hab ich tiefer dich als je gefuhlt 

in meiner Liebe frommem Sundenfall. 

Wo bist du? — Strassen hat es mich durchhetzt. 
Der bdse Nachtwind hohnt: was willst du jetzt? 
Aus alien Ecken kriechen Spinnenschrecken 

— geschwollner Leib zerbricht die durren Seine — 
mid weben Netze, die ein Herz umkiammern. 
In Gossen kfissen Saufer Riesenkroten. 

Ein Sumpf kommt gnadig; Bettelfrauen jammem, 
die schnell verwandelt hohnisch mich um- 

schwirren 

— O Grauen, das ich jede Nacht durchsdiwimme. 
Wer spielt mit meinem Leid ? Klang einer 

Siimtne: 

Komm mit — und eine Hand zieht mich ins 

Tor, 

urn das die Nacht wirft dunklen Trauerflor: 



Und iigendwo singt es vergessene Lieder. 

Im Dunkeln weine ich besinnungslos: 

Wie kamst du spat. Ich ffihle deinen Mund 
— Geltebie! Heitand, mach mich nun gesund — 
Und die betrogenen entsetzten Glieder 
erwachen, wissen und vergessen alles. 

Hore nie meinen Schrei — 

Wach. Die schdnen leidseUgen Schwestem 

kommen. 

Aus ihren Gewandern wolkn uns Blumen 

spriessen. 

Wir mochten immer blicken nach euch Frommen. 
Dodx wir mfissen vor Scham die Augen 

schliessen. 

lhr kennt ja unsere sdunerzvollen Phantasieen . 
Ihr seid lieb — ihr habt uns selig verzkhen, 
ihr Mutter, ihr Sch western , ihre liebebereiten 
Fremdlinge auf der Insel der Entweihten. 

Richard Oehring 




IMPRESSION DU SOIR 

Die Wilder iechzen. Nacht kommt, sie zu 

saugen. 

Die Kiefem stehen abendrot mit Bluten. 

Und wir vom schrillen Wdtgefuhl Verbruhten 
Blecken die Zahne, rdcheln schwarz und augen. 
Und speihn Geffihl, das unsem Magen fasste 
Wie Tabaksaft. Da liegt etwas! Erkenn, 

1st das nicht ein Sonett! — Dich angstigen 
Die grossen koloristischen Kontraste — : 

Des Abends schwarze WolkenvOgel flogen 
fm Osten auf vom Fluss der Horizonte. 

Garten vertropft in Nacht, die, als es sonntc, 
Wie Seee grfinten und den Wind einsogen. 

E insame Pappeln pressen ihre Schreie 
Angst vor den Sturmen in die blonde Stille. 
Schon saugen schwarze Munde Atem. — 

Schriile 

Fabrikenpfiffe. Menschen ziehn ins Freie. 

Ein rotes Mohnfeld mit den schwarzen Kopfen, 
Ragen die Schlote, einsam, krank und kahl. 
Die Wdkenvogel, Eiter an den Kropfen, 

Wie Pelikane flattern sie zum M&hl. 

Und als die Horizonte Dunkel schdpfen, 

Wirft sich der Blitz heraus, der blanke Aai. 

Paul Boldt 



WINTERANFANG 

Die AHeen mud schon entlaubt. Nebel fliessen. 
Wenn die Sonne einmal durch den Panzer 

grauer Wolken sticht, 

Spiegeln ihr die tausend Pfutzen ein gebkichtes 

nmzliges Gesicht. 

Alle Gerausche sind scharfer . Den ganzen Tag 
fiber hdrt man in den Fabriken die Maschinen 

gehn — 

So tdnt dutch die Ebenen der iangen Stunden 
mein Herz und mag nicht stille stehn 

Und treibt die Gedanken wie surrende Rader 

hfei und her 

Und ist wie eine Mfihk mit windgedrehten 
Flfigeln, aber ihre Kammern sind lange leer: 

Sie redet irre Worte in den Abend und schifigt 
das Kreuz. Schcn schiafen die Winde ein. 

Bald wird es schnein, 

Dann f&llt wie Sternen regen weisser Friede axis 

den Wolken und wickdt alles ein. 

Ernst Stadler (Brussel) 



DIE AKTION 




L. MEIDNER .... NACHTLICHE STRASSE IN FRIEDENAU 




307 



DIE AKTION 






Das Grauen 

Von Martin K note 

Gott bewahre Euch vor unseligen inorderischen 
Traumen, denen wir in der Erschopfung der 
Nacht unterworfen sind. 

Erschopft kani er nach Hause, und seine ge- 
schwachte Seele btieb zuriick in den Augender 
Weiber, in dem Larin der Wagen und der Ecke 
eines Gasthauses; er kehrte zuruck, um sich 
mit seinem abendlichen Nichts zum Schlaf zu 
iegen. Er stand auf der Strasse, auf einige 
Sehritte seinem Hause nahe und sciiaute ver- 
stort in die rein leuchtenden Lam pen, die iiber 
der Mitte der Strasse h ingen. Dann stieg er 
rasch die Treppe zu seiner Wohnung hinauf. 
Der ging hinter ihm, ein Feind, oder fiihlte er 
scin von dem Tage enttauschtes Seibst? Er 
schlug hastig die Tiire hinter sich zu, ver- 
riegelte alles und legte sich zu Bett. Ein seiner 
steten Gesetze sicherer Nachthimmel stand voi- 
der Stubc, von dem er sich abwandte, um die 
steile Treppe in den Keller des Schlafes hinab- 
zusinken. Noch ein tiefblaues, dann ein rotes 
Zucken vor den geschlossenen Augen, und er 
schlief, ein verangstet junges Tier, ohne Seele, 
denn diese wohnte in den Augen der Weiber, 
gor in dem nichtigen Gesprach seiner Freunde, 
irrtc reuig unter den blitzenden Reihen der 
Bogenlampen, und sein Herz stohnte noch im 
rasenden Stampfen der Tramway, die ihn her- 
gebracht. Da fiihlte er, jemand trat aus der 
weissen Wand des Schlafgemachs heraus, ein 
feiner grauer Staub mit einem hofrlen gluhenden 
Auge, um das sich wachsende Kreise drehten. 
Diese Kreise riickten naher bis der m die 
Augenhohle eingeschlossen war. Eine Stimme 
hulHe ihn ein, welche eine Weise summte, sie 
drang aus den Kreisen, die Deeke der Stube 
senkte sich, und vor seinem Bett stand die 
weisse Nachtluft. Du mirsst ihn toten, der die 
Kraft nimmt, du hast einen Feind, sagte das 
Sausen und er stand gebuckt vor diesem seidi- 
gen raudiigen Staub, der in die Poren drang. 
„Er liegt verborgen irgendwo"; er fuhlte, eine 
Gestalt lage in dieser dunklen Hohle. 

Suche deinen Feind, dann ist die unbewegte 
Stille in deinen Ohren — nimm, nimm. 

Die Wande riickten naher, der Staub benahm 
die Luft und umhiillte ihn mehr. Jetzt sah er 
ihn, da lag er, der die Schwachheit in die Ge- 
lenke traufelte, die Laune in den Blick, und den 
Ekel in den Murid, diesen haufigen Abscheu. 
Er hdrte einen Knall, wachte auf mit ver dreh- 
ten Augen, und stiirzte tot auf den Boden, als 




er dem Feind im Sprung zu entkommen ver- 
suchte. Erschossen fand ich ihn. 

Ich werde versuchen, einige Tage vorsichtig zu 
leben, um meine Ruhe zu erhalten, was nichts 
leichtes ist, denn wir werden von der Angst 
zur Qual geschiittelt. 

Der Fremde ( 18 . Fortsetzungi 

Roman von Rene Schickete 

— Jetzt, meinte Paul, sollte sie sich das Kleid 

vom Leibe reissen und in einem epileptischen 
Anfatt zu zucken beginnen. Dann ware sie 

vollendet. 

— Ja, darauf lauft alles hinaus, antwortete Nie- 
land zdgernd. Und die Augen gross auf die 
Tanzerin gerichtet, wiederholte er: Darauf lauft 
alles hinaus. 

Abet Alfred hatte sie personlich kennen mogen. 
Wer sie wohl aushielte, diese Frau . . Paul be- 
ruhigte ihn. 

— Hinter den Kulissen ist sie ein Madchenwie 
iedes and ere. I lire Liebe ware eine erschopfen- 
de, vernichtende Langeweile. So etwas will mit 

der Reitpeitsche regiert werden, oder doch mit 
geballten Fausten, Ihre Liebhaber mussen nach 
dem Stall riechen. 

— Ja, lachte Alfred, wahrscheinlich. Ach, Paul! 
Und er druckte Paul in einem paradoxen An- 
fall von Leichtsinn und Zartlichkeit die Hand. 
Paul kehrte ihm den Rucken zu und sah ange* 
strengt auf die Biihne . . Brauer war gut auf- 
gelegt heute abend und naturlich taktlos genug, 
ihn mit langst verjahrten Sentimentalitaten zube- 
helligen. Es war ausgescnlossen, dass siewieder 
Freunde wurden. Paul konnte keine Freunde 
mehr haben, das war vorbei. Warum ihn immer 
wieder daran erinnern wollen, dass er sich 
friiher vor ihm lacherlich gemacht hatte! Paul 
brauchte ihn nicht mehr! Er brauchte ihn nicht! 
Und der andre verzjeh ihm das nicht; oh, 
Brauer hatte sein en Freund Merkel redlich ge- 
hasst . . „Paui, entweder du unterdruckst mich, 
oder du behandelst mich wie einen entfemten 
Bekannten . . Beides passt mir nicht" Er konnte 
bose aussehn, der Kleine, wenn er es mit seinen 
Gefiihlen bekam. Anfangs hatte Paul ihn dann 
immer zuriickerobert. Sie batten „skh ausge* 
sprochen", und es hatte sich schliesslich gezeigt, 
dass sie doch ein Herz und eine Seele seien. 
Handedruck! . . Verschamtes Andeuten von Um- 
arniungen . . Paul biss die Zahne zusammen. 
Ekelhaft war das! Wie er den Kleinen dann 
zurcchiknelde, ihu iteben sich setzte und ihn 



309 



DIE AKTION 



310 



glauben machte, dass er ihn nicht entbehren 
konnte . . „Du bist ein Dichter, und ich bines 
ni«.ht. Aber wir luhlen ahnlich, wir habendie- 
selbe Tradition, du bist mir das, du bist mir 
jenes" . . Und der Grossenwahn Brauers ver- 
sohnte sich . . Plotzlich schoss Paul das Blut 
in den Kopf. Genau so war Mary Carell mit 
ihm umgegangen . . . War er schon so weit, 
dass sich in seinem Leben alles nur noch wie- 
derholte? Horte er vom Leben nur noch die 
Kehrreime? . . . 

Nieland beugte sich zu ihm. Mit abgewandtem 
Gesicht, flustemd: 

— Wohin hat er sie geschickt? Zu ihren Eltern? 
Nach Genf? Bist du sicher? 

— Ja, ja, zu ihren Eltern. 

H inter sich h5rte er Alfred Brauer tief auf- 
atmen, und ein Gedicht fiel ihm ein, ein Ge- 
dicht von Brauer: 

Ich mochte schlafen, ewig schlafen, wenn die 
Menschen frohlich sind . . 

War es das? Er erschrak heftig. 

— Ich bin mude, sagte Alfred. 

Paul fuhtte, wie etwas in ihm angstlich zuckte. 
Er wollte sich umdrehn und zu Alfred sprechen. 
„Nicht, du, nur das nicht! Du bist doch immer 
der Starkere von uns beiden gewesen, wenn du 
es auch nicht weisst, du hast so viel Gesund- 
heit in deinem Empfinden, du bist von Natur 
frohlich und gut, du wirst mich uberleben, 
und dein grosses Talent* . . 

Er blieb starr sitzen. Es ware nutzlos. In 
jedem arbeitete sein Schicksal. 

— Alfred, hast du heute Malva gesehn? 

Alfred liebte sie ja. Sie war ihr Gemeinsames. 
Der Junge erinnerte manchmal an sie. Dieses 
tiefe Aufatmen, dieser Druck von Trauer, der 
sich auf Paul iibertragen hatte . . Ja, das war 
Malva. Und es war das, was ihn schwach wer- 
den Hess vor ihr. 

— Ja, ich habe sie bis zu deiner Tiir begleitet. 

— Acfc! 

Paul drehte sich hastig urn, sie sahn einander 
in die Augen. Aber an Alfreds Blick erhartete 
langsam der seine. Ihr Hass wurde in wenigen 
Augenblicken einer dem andem gleich. Alfreds 
Stimme zitterte: 

— Ich habe mit ihr von dir gesprochen. Ich 
wollte nicht, dass sie zu dir hinaufginge . . 

Er warf einen Seitenblick auf Nieland und stiirzte 
mit einem jahen, zomigen Entschluss aus der 
Loge. 

Nieland schien nichts bemerkt zu haben. Auf 
der Biihne Hefen jetzt kleiue Japaner mit grin- 




senden Gesichtern und wirbelten und stiirzten 

in gewagten Spriingen durcheinander. Ihre 
kurzen, schrillen Zurufe scbossen hin und her, 
hoben jsie auf, warfen sie auf die Schultem eines 
andem, nssen sie uber alle Hindemisse hin- 
weg. Ein letzter Schrei, und sie kamen geruh- 
sam grinsend vor die Rampe und verbeugten 
sich so ruhig, als ob sie nur ein kleines Lied 
gesungen hatten . Dann begannen sie vonneuem. 

— Sieh doch, flusterte Nieland, den Blick des 
Kleinen, der mit den Augen den Sprung ab- 
misst . . Eben grinste er noch, jetzt, wahrend 
er die paar Schritte zum Anlauf zuriicktritt, ist 
sein ganzes Gesicht eine starre, unheimliche 
Spannung, er sieht dem Tod in die Augen . . 
Sieh nur, mit welcher grausigen Selbstbe- 
herrschung, . . und jetzt springt er ihm mit 
zusammengebissenen Zahnen und flammenden 
Augen iiber den Kopf . . Diese beherrschte 
Vabanque-Gebarde, die wie ein Todesschauer 
iiber das ganze Theater hinstreicht. Fuhlst 
du? . . Da, und jetzt dieser wutige Beifail . . 
Das sind die Schauspiele der Zeit! 

Paul wurde von der Aufregung, die sich im 
ungeheuern Beifail des Theaters austobte, mit- 
gerissen, er musste mit den andem klatschen, 
er musste wie sie aufstehn, er schrie. Und das 
kam ihm alles so bekannt vor, es beruhrte ihn 
so in seinem Innersten, der ganze Mensch war 
in Aufruhr . . Er wandte sich zu Nieland . . 

— Jetzt die Marseillaise! Die Marseillaise, schrie 
er. Als der Beifail losbrach, war es nicht an- 
ders, als wenn ein Reiterregiment sich hinter 
seinem Fiihrer in die feindHchen Reihen stiirzt. 
Derseibe Wurf und derselbe ZusammenpralL 
Die Marseillaise! schrie er. Man sah ihn ge- 
stikuiieren, und dann ver stand man ihn. Die 
Marseillaise! Die Marseillaise! Es schwoll zu 
einem unverstandlichen Gebrull an, in dem das 
scharfe S des Wortes wie eine geschwungene 
Waffe zischte. Klirrend und rasselnd wie die 
Rustung eines Riesen setzte sich das Lied in 
Bewegung. Man sang und pfiff, man fie! 
lachend in die Stuhle zuruck. 

Paul setzte sich, an alien Gliedern zitternd. Er 
schnitt eine Grimasse. 

Soeben war ich 16 Jahre alt und glaubte an 
Napoleon wie an einen Gott. Das ist doch die 
schonste aller bestialischen Aufregungen, das 
farbigste aller schlechten Fieber . . Er be- 
herrschte sich, als er Nielands spottischem Blick 
begegnete . . 

Uebrigens genugt es, Krieg und Heldentumauf 
diese doch sehr harmtose Weise zu geuiessen. 



311 



DIE AKTION 



312 



Ich wenigstens fuhle mich vdllig beforiedigt. 
Hast du die Frauen gesehn? Schdn warensie! 
Eine Amazonenschlacht muss etwas Grossartiges 
sein. Es fiel ihm ein: solange die feindlichen 
Heere mit klingendem Spiel aufeinander losgehn 
und das Handgemenge nicht begonnen hat . . 
Und schon war er erschopft, voll Ekel und 
masslos traurig, wie nach einer billigen Aus- 
schweifung, die er hatte verleugnen wo lien. 

— Gehn wir, sagte er. Ich halte es hier nicht 
mehr aus. (Fortsetzung folgt.) 



Literarisdie Neuersdieinungen 

BRUNO SCHRADER: .Die franzdsisthe Re- 

volution." — Friedrich der Gro&se." 

i Hansa-Verlag, Hamburg.) — Meisterbilder in 
'arben: „DUrer.“ — M Holbein. 4 * — Leonardo da 

Vtuci." (Sditesische Verlagsanstalt, vormals: Sdiot** 

lander. G. m. b. H. p Berlin.) 

Unter den Neuerscheinungen von illustrierten Ge- 
Gdiichtswerken popularen Stils erre^ten einige Publi* 
kationen des Hansa-Verlages m Hamburg meine 
Aufmerksamkeit. Da war von Wilhelm Preusse 
n Die franzdstsche Revolution in Wort und Bild u , ein 
Bilderwerk, das durch die kunstverstandige Auswahl der 
Hlustrationen, Reproduktionen von Originalen derbesen 
Ktinstler alterer und neuester Zeit, tieferes Interesse 
herauslorderte. Mein Interesse ward reichlkh belohnt 
durch die Lekture des verhaltnismassig umfangrekhen 
Textes. Wenn sich der Verfasser vielfach auch damit 
begntigfe, die vornehmsten aleren Historiker sprechen 
zu lassen, so bekundet doch auch dabet< die Auswahl 
den Ireffsicheren Blick und die Beherrschung der Ma- 
lerie. Wo der Verfasser oder „ Herausgeber" wie er 
sich bescheiden nennt, selbst das Wort ergreift, ver- 
spliri man ein leises philosophisches ( Lacheln. Machte 
midi diese Physiognomic schon stutzig, so wurde ich 
noch neugieriger auf den Wilhelm Preusse, als 
ich seine KongeniaiitMt mit dem Verfasser, bezw. Her- 
ausgeber des ebenfalls im Hansa-Verlage und m genau 
demselben Gewande erschknenen Bilderweikes: „Frie- 
drich der Crosse und seine Zeit“ entdeclde. Der Name 
Wilhelm Preusse auf dem Tkelblalt der Revolutions* 
geschkhte rm£ete mich an wie ein kaustischer polki- 
scher Witz, und dem Bruno Schrader, dem 
Verfasser eines bei Seemann in Leipzig erschienenen 
glMnzenden Werkes Uber die Campagna di Roma, der 
bekannfen Musiker-Bicgraphien: Berlioz; Handel, Men* 
delssohn, dem Herausgeber der Neuausgabe von 
Bremers Handlexikon (sMmtlich bei Reclam, Leipzig) 
ist dieser Witz schon zuzutrauen. Erkundigungen an 
massgeblicher Stelte bestStigten mir, dass meme Ver- 
rnutung zulrifft: Wilhelm Preusse hdast Bruno Schrader. 
Dass Schrader auch auf dem Gebiete der Kunstge- 
schidTe zuhause ist, bekunden die in der Sammlung: 
Meisterbilder in Farben bei Schoftlander. 
jetzt Schlesisdie Verlageanstalt, G. m. b. H., Berlin 
erschienenen Bandchen: „Holbein“; „D4irer" und 

„ Leonardo da Vinci*. Auf wenige Sdten zusammen- 
gedrkngt g&t Schrader hier das Results t em s iger ge- 
jehrsamer Tiefseeforsdiung. ck. 

Zeitsdiriffensdiau 

SOZIAUSTISCHE MONATSHEFTE. HerauafcberDr. j, Bloch. 
Heft 4 enthilt: Frida Ychak: Exakte Nsturwissenschsften ; 
Wilhelm Hauaenstein: Flaubert; Kart Kollwitz: Aerzte und 
Krankenkasaen; Robert Schmidt: Daa Theatergesetz- 

projekt n. a. 



DER TURMER. (Stuttgart, Greiner k Pfeifer.) Aus dem 
Inhalt des Mirzheftes: Der Scheideweg. Von Klara Hofer. 
— Menschen, die vortibergehen. Von ilka v. Miehaelsburg. 

Der Pseudofruhling zur jahreawende 1912/13. Von 
Pfarrer W. Schuster. — Turmers Tagebuch. — Wo sind 
die Meister? Von Hermann Kienzl. — Frieda Oentea. Von 
Friedrich Kimpfer. — Wieland der Schmied. Von Dr. Kart 
Storck. 

DIE SCHAUBGHNE enthilt in der Nummer 9: Kritik der 
Kritik. Von S.J. - Dramaturgische Resignation. Von 
Jntius Bab. — fh^tre pard. Von Panurg. - Der Fldten- 
spieler. Von Crete Meisel-Hess u. a. 

KA1N. Herausgeber: Erich Miihsam (Kain-Verlag, MOnchen). 
Nr. It enthilt: Polizeidiktatur; Buchrezensionen; Fir 
Wetterli; Eugen DShring u. a. Das Heft kostet 30 Pfg. 
Probenummem gratis durch den Herausgeber. 

PAN. Herausgeber Alfred Kerr. Heft 21 enthilt: Alfred Kerr: 
Verweile doch; Max Brod: Wieder bei Flaubert; H. J. 
Gramatzki : Nordpol-Unfug u. a. 

DIE NEUE RUNDSCHAU (S. Fischer, Vertag, Bertin). Im 
Mirzheft beginnt Arthur Schnitzler seine neueste Erzlhluitg 
„Frau Beate und ihr Sohn", Bricfc von Friedrich Nietzsche 
an Franz Overbeck, die von hdchstem Interesse sind ffir 
die Absichten und Arbeiten Nietzsches, werden in einer 
Auswahl zum ersten Male veroffentlicht. H.O. Wells schreibt 
Dber den „Sozialismus und die Familie". Richard Dehmel 
veroffentlicht ein grosseres Oedicht „Die Musk des 
Mont Blanc". Herbert Eulenburg schreibt einen Dialog 
uber die modernsten Lyriker, Julius Elias 6ber Lot is 
Corinth. Die politische Chronilc von Junius und „An- 
merkungen" fulten das ubrige Heft. 



Vomotizen 

S 



or wichtige Neuencbeinuuccn u-erdcn hier aneezeigL Die Bewrodmia 
er ointelnco Wcrke folgt in den ulchstea Hummers der AKTION) 

THOMAS MANN. Der Tod in Venedig. Novelle. ($. Fischer 
Veriag, Berlin.) Geh. M. 2.50. 

MAX BROD und FELIX WELTSCH. Anschauung und Be 
griff. Grundzuge eines Systems der Begrmsbildung 
<kurt Wolff, Veriag, Leipzig.) Geh. M. 6i>0. 

NIKODEMUS HELIOGABAL SCHUSTER. Oesichtete Schrif 
ten. Erscheinen in acht Tagen in Nr. It der AKTION 



Franz Blei-Abend der AKTION 

Der nichste A u tore n- A bend der AKTION ist Franz 
Blei gewidmet. Er findet Mitte MSrz im Salon 
Cassirer statt. Vorbestellungen auf Karten (i 5 
und 3 M., fflr Abonnenten a 3 und 2 M.) wolle 
man umgehend an den Veriag der AKTION, 
Nassauischestr. 17, richten, da nur noch wenige 
Platze zu vergeben sind. 



Die nSchste Sondcmummer der AKTION 



soil einem neuen Mann den Wer 

keit bahnen: dem Dichter und P 



in die Gffentlicb- 

hilosophen 



NIKODEMUS HELIOGABAL SCHUSTER 



Literarhistoriker der Zukunft (denen die Werke von 
N. H. Schuster mehr bedeuten mfissen als etwa 
unseren Literarhistorikern R. M. Lenz und Georg 
Buchner) werden sich mit der seltsamen Tatsache 
beschaftigen, dass unsere Zeit die Schriften dieses 
Dichters undPhilosophen jahrelang vollig ignorierte, 
dass unsere Zeit Paul Schfiier-Tingeltangeleien ver- 
schlang, obwohl ihr ein Nikodemus Heliogabal 
Schuster lebte. 



INHALT DER VORIGEN NUMMER: Erich Oesterheld: Die Kinopest / Maxim Gorki: Dus gruue Kompromisstier / Oottfried 
Benn: Alaska / Mynona: Siehst du! / Hellmuth Wetzel: Tief in der Mondaacht / Rudolf Kayser: Mary / Paul Boldt: Vor> 
Frfihlinf / Mario Spiro: Spleen / Rene Schickele: Der Fremde / Wir werden politische Kopfe / Aus Balzac / Der Autoren- 

abend im Salon Paul Cassirer / LHerutur. Neuerscheinungen 



Station 

WOCHENSCHRIFT FOR POLITIK, LITERATUR, KUNST 
III. JAHR HERAUSGEGEBEN VON FRANZ PFEMFERT NR. 11 



INHALT 



Franz Pfemfert Die Ungehemmten 

Nikodemus Schuster Aus dem Tagebuch 

Nikodemus Schuster Brief an den lieben Gott 

Nikodemus Schuster Bei Mama; Ein Idyll 

Ernst Stadler Sommer 

Rene Schickele Der Fremde 



Franz Blei>Abend der AKTION — Zeitschriftenschau 



Heft 20 Pfg. 



Verlag der Zeitschrift Die Aktion Berlin-Wilmersdorf 






WOCHENSCHRIFT FOR POLITIK, LITERATUR, KUNST 

I s. jahrgang | HERAUSGEGEBEN VON FRANZ PFEMFERT H^Tmaerz 1913 1 



Darl^Uinn . Minupkripte, Rezensions-, Tausch- 
KtUauiSUII. Hxemplare etc. slnd an den Heraus- 
"t'ber, Berlin - Wilmersdorf, Nausaauiachc Straase 17 
zu aenden :: :: Telephon Amt Plalzburg Nr. 6242 
Unverlangten Manuskiipten iat Rilckporto Deizulfigen 



Erscheint Mittwoch 



A hnnnompnt - ^ ^ vtertcljihri. (cxcl. Bf- 
/ADOIIIItilTItlll . stellgeld) bci alien Postanstalt., 
Buchhandl ungen etc. Oder durch Kreuzband gegen Ml.. 
2.50 durch den Verlag der ,jAktion“, Berlin-Wilmeredorl, 
Nassauischestr. 17 Kommiasionar Gust Brauns, Leipzig 



DIE UNGE HE A/ATEN 



Es gibt kein Halten mein . Das Volk steht auf T 
der Sturm bricht los. Schon ist Lokales uml 
Vermischtes vom patriotischen Veitstanz erfasst, 
morgen geht es an die Annoncen. Wollen wir 
nicht taglich zweimal vom Ekel geschiittelt sein, 
wir mussen das Zeitungslesen bis zum Herbst 
einstellen. 

Alles ist ein Herz und cine Hirnlosigkeit. Re- 
publikanische Demokraten und jesufromme Cas- 
seler wetteifern iin Fabrizieren von Jubelstim- 
mung. Eben noch hat diese Oesellschaft man- 
nerstolz vor Wahlerohren nach dem freien Wahl- 
recht getobt, an das „uneingeloste Konigswort" 
erinnert, der Junkerhochburg Preussen Verach- 
tung gezollt, ... da lauten die Glocken, — 
mid die Aufrechten, die Nachfahren der Acht- 
undvierziger verlassen hastig den Borsensaal und 
die Volksversamnilungen und stiirmen zur Kir- 
che, dankend, dass Gott es erhalteu, so rein, so 
schon und hold, dieses Vaterland. 

Wahrlich, er ist zum Speien, dieser ungehemmt 
jubilierende Liberalismus. Wenn Konservative 
heute festen, wenn die Kreuzzeitung und die 
Tagliche Rundschau freudig erregt sind, so hat 
diese Erregung innere Berechtigung und Wiirde. 
Uns, die wir die Vaterlandslosigkeit als Kultur- 
ideal preisen, die wir den Patriotismus als eine 
gefahrlichc Verirrung der Menschheit bekampfen, 
uns fehlt das Organ, die konservativen Rausche 
nachzuempfinden- doch wir konnen dariiber so 
wenig lachen, wie wir uns etwa iiber den Kopf- 
putz eines Indianers oder iiber den verziickten 
Tanz der Derwische lustig machen konnen. Sind 
diese patriotischen Empfindungen auch langst 
panoptikumreif, lesen sich die Kreuzzeitungslest- 



artikel auch wie Spriiche auf alten, verwitterten 
Grabsteinen: unser Spott schweigt angesichts die- 
ser in ihrer Greisenstunde iingstlich nach licben 
Erinnerungen taslenden Weltanschauung. Wir 
bringen die Verlogenheit nicht auf, dem abster- 
benden Todfeind eine Sympathiekomodie vorzu- 
spielen. Wir treten achtungsvoll beiseite. 

Unsere Liberalen jedoch fiihlen sich nicht ge- 
hemmt. Sie mussen dabei sein. Innerlich haben 
sie zu dem Geist von 1813 ungefahr die glei- 
chen Beziehungen wie zu dem Gottesgnadentum 
Wilhelms II., aber sie mussen dabei sein. Ware 
die Sinnesrichtung der patriotischen Bankelsan- 
ger Arndt & Co. heute in Deutschland aus- 

schlaggebend, die von christlichen Gefiihlen er- 
fullten Casseler wiirden stohnen, wie die Juden 
in Russland. Dennoch: die Casseler miissen 

1813 feiern. Dass sie in der jubilierenden Mo- 
narchic stets als Biirger dritter Klasse behandelt 
worden sind und behandelt werden — nach den 
Festen werden sie es wiedcr gestehen. Nach 
den Festen werden sie sich wiedcr als Stunuge- 
sellen von unentwegter Steifnackigkeit etablieren, 
jetzt jedoch, wo patriotisches Fiihlen Saisoji- 
mode 1913 ist, jetzt sind unsere Liberalen be- 

tende Hurra-Jubelpatrioten, wie die „Staatsbiir- 
ger-Zeitung“ sich bessere kaum wiinschen kann. 
Aber das entspridit ja dem Ruf dieser Helden, 
das ist ja das beriihmte deutsche Biirgertum. 

Die Regierung tut recht daran, den Patriotismus 
dieser Untertanen praktisch auszunutzen solange 
der Taumel es ermoglicht. Die neue Wehrvor- 
lage bildet nur den Anfang. Die Echtheit der 

Casseler Gefiihle wird noch eine scharfere Be- 
lastungsprobe zu bestehen haben: die Regierung 









323 



DIE AKTION 



ist gewilft (diese Mitteilung wird nicht 
dementiert werden f) dem Reichstag in we- 

nigen Wochen auch die Wiedereinfuh- 
rung der dreijahrigen Dienstzeit 
(in etwas verklausulierter Form) zuzumu- 
ten! Ein teures Jubilaum, Herrschaften, aber 
die Ungehemmten sind dennoch so froh. Sie 
durfen dabei sein. 

Franz Pfemf ert 

Aus dem Tagebuch 

Von Ntkodemus Schuster 

Vor dem Affenhaus im Zoologischen hdrte kh 
ein Freudenmadchen zu einem andem Freuden- 
niadchen sagen: „Es fehlt ihnen nur das Geld. M 
Der Anstrengung der Berliner scheint es ge- 
lungen zu sein, die Hubschlerinnen zu Philo- 
sophinnen gemacht zu haben. Die erstaunliche 
Hingabe der Berliner Manner an den Gelder- 
werb entspringt sc^mit aus dem begreiflichen Be- 
streben, jenen konstatierten einzigen Unterschied 
zwischen sich und den Insassen jenes Kafigs 
quantitativ so bedeutend zu machen , dass er 
jenen Punkt erreicht, wo die Quantitat in die 
Qualitat umschlagt. Man sage alsonichts mehr 
gegen das Geld! 

* 

Jederman weiss, wie mir bei den Affen einfillt, 
dass die Berliner Sdiimpansin in unsem guten 
lieben Professor Schillings, der zum ersten Mai 
wilde Tiere im Freien mit Blitzlicht usw., ver- 
liebt ist. Die Kunde dieser Liebe — so gross 
wai sie — kam bis nach Paris, wo ein Gelehr- 
ter an Schillings schrieb, er nidge doch im In- 
teresse der Wissenschaft den Annaherungen der 
Schimpansin keinen andem als den unter Liebes- 
leuten gebr§uchlichen Widerstand entgegensetzen , 
weit es doch, im lnteresse der Wissenschaft, sehr 
wichtig ware, zu erfahren, was dabei heraus- 
kame. Professor Schillings vermochte es nicht 
ulbcr sich und der Wissenschaft dieses Opfer zu 
bringen. — Bei den Affen soil der Brief des 
Pariser Gefehrten eine grosse Aufregung hervor- 
gerufen haben. Sie wollen einen Schutzverband 
gegen die Verschlechterung ihrer Rasse durch 
Vermischung mit Menschen grunden. Werfuhlt 

das den Affen in Berlin nicht nach?! 

* 

Wie jedermann weiss, ist die Liebe das einzige 
Mittel, die Frauen zu bekommen, die fur Geld 
nicht zu haben sind. Deshalb kommt die Liebe 
in den Grossstftdten immer mehr her unter. Bald 
wird sie im Legendaren verschwnnden sein. Die 




Lyriker der AKTION haben sie sogar als dichte- 

risches Requisit schon aulgegeben. Und Neun- 
zehnjihrige denken , wenn sie bei einem MM- 
chen liegen, an nichts sonst als an die Lues, 

— und an einen Reim darauf. 

* 

Eint schdne Dame, die manchmal in die nicht 
immer ganz fur sie angenehme Lage kommt, 
die Ehen anderer zu brechen, wurde unlfingst 
von der ehelich Gebrochenen vor den Richter 
citiert als Zeugin dafur, dass sie mit dem Gat- 
ten der KUgerin eben jene Lage eingenommen 
habe, die zu der Anwesenheit der sdidnen 
Dame vor dem Riditer fuhrte. Dieser zeigte der 
Dame, der entzuckend schdnen, die Photogra- 
phic des Mannes, mit dem sie usw. Denn sie 
wusste von gar niohts, kannte weder die Frau, 
noch den Mann. Sagte daher, als man ihr die 
Photographic zeigte: „Wie soil ich das wissen? 
Sie mussen mir die Photographie des nackten 
Herm zeigen, damit ich ihn erkennen kann. w 
Ich hltte nie gedacht, dass so viel Griechisches 
ini heutigen Berlin noch sein konnte! In Paris 
ware diese, die so sprach, dadurch beruhmt ge- 
worden. In Berlin aber wurde sie nur vom 
Richter zu wurdigem Benehmen ermahnt. Diese 
Stadt lasst eben keine Bedeutung aufkommen. 
Siehe N. Schuster. 

* 

Wenn man aus dem Fenster des sechsten Stockes 
herunterf&llt, so hat man, wenn man am ersicn 
Stock vorbeifiicgt, nicht den Gedanken: Gottsei- 
dank, jetzt bin ich gleichunten. Aber Bethmann- 
Hollweg . . . Hier wurde ich durch ein Tcle- 
phongesprach unterbrochen, das ich mit M. O. 
Soc Jes. hat te. Dariiber hab ich vergessen, was 
ich sagen wollte. . . , Was fur ein fonnidabler 
Scbafskopf dieser M. O.f Und vor solchen 
Leuten furchtet sich der deutsche Burger libe- 
raler Zeitung! Er hat allerdings seine einzige 
Kenntnis von den Jesuiten aus einer Legende, 
die ein schwacher Rest jenes Jesuiten ist, der 
in Sue’s Ewigem Juden als der Inbegriff alter 
Scheusslichkeit vorkommt, ein melodramatischer 
Bose w ich t im Stile des Schauspielers Grube. 
Mein Gott ja! Es gibt keine Institution von 
einigem Alter, die nicht irgendwann einmaleine 
grosse Gemeinheit war. Und die katholisdic 
Kirche ubertrifft als die altesite alter Institutionen 
darin alle andem. Der kaiserliche Automobil- 
klub kann naturlich noch nicht vie! auf dem 
Gewissen haben. Der Streit dariiber ob die Je- 
suiten hannlos sind oder nicht, dieser Streit 
ist sehr hannlos. Viel wichtiger scheint mir, 



DIE AKTION 



326 



dass es von Inxien her mi t den Jesuiten zu 
Ende 1st: sie tun nur mehr so als ob sies&ten! 
Sie tun nur mehr so als ob sie emteten ! Sie 
freuen sich, dass man sie wichtig niimnt, denn 
das belebt den Oestus, aber der Oeist ist seit 
etlichen vierzig Jahren in vollkommenen Verfall. 
Denn der Geist der kathoiischen Kirche ist seit 
Newman und Kierkegaard nicht mehr beim 
Kterus. Und wie das immer war: die katho- 
lische Renaissance kommt von den Laien. Die 
heutigen Jesuiten aber sind weder Gute- noch 
Bosewichte, sie sind arme gottverlassene Ha- 
scherln, die halt leben wollen. 

Man hfirte in den Debatten wietier oft den ganz 
sinnlosen Satz „Ich respektiere jede ehrliche 
Ueberzeugung." Nur Eunuchen kbnnen das 
sagen. Ich sag’s vielieicht auch einmal, wenn 
ich mit 70 Jahren vertrottele. Spricht einereine 
Meinung aus, die ihm schaden kann, so ist er 
mutig, nicht ehitich. Die Ehrlichkeit ist nam- 
lich was ganz Verstecktes, Innwindiges, an 
ausseren Zeichen gar nicht zu erkennen. Ausser- 
dem sagt die Ehrlichkeit gar nichts uber den 
Wert einer Ueberzeugung aus, und auf den 
Wert kommt eswohl doch schliesslich an, nicht? 
Am ehrlichsten sind dieVerruckten; die zweifeln 
keinen Moment, und sagen einem sofort: so bin 
ich. Diese Leute mit der ehrlichen Ueberzeu- 
gung sperren sich in dem Zimmer einer Idee 
ein und schmeissen den Schlussel beim Fenster 
hinaus. Mein Gott, was ist das viel, eine Idee, 
zwei Ideen! Atle oder gar keine! Das andere 
ist Faulhdt: man ludert auf dem Bett seiner 
Idee herum und brullt jeden, der zum Aufstehn 
auffordert, an: ich liege auf meiner ehrlichen 
Ueberzeugung. Nimm dein Bett und geh, du 
Kerl! 

* 

Das sogenaiwte Problem in den modemen 
Tbeafcerstucken ist in der folgenden Geschichte 
ebenso einfach wie erscfedpfend definiert: 

Ich: Was ist denn das fur ein Vogel, der da 
singt? 

Er: Das ist ein sehr merkwurdiger, seltener 
Vogel. 

Ich: So, so? 

Er: Das ist der Wachtelkonig, ein Wandervogel, 
der im Winter in Aegypten lebt. 

Ich: Das ist doch nicht merkwurdig. 

Er: O doch! Er geht namlich zu Fuss nach 

Aegypten. 

Ich: Erlauben Sie, wie kommt er denn uber 
das mittell&ndische Meer? 

Er: Na, so viel kann er schon fliegen. 




Dass man den Reichen einmal ihr vides Geld 
wcgnehmen wird, das ist sicher. Ebenso sicher 
ist aber auch, dass sie es hergeben werden. Es 
wird da keineswegs eine Rauferei sein, und die 
Sozialisten fuhlen das dunkel, wenn sie vom 
Hindnwachsen und ahnlichexn sprechen. Es 
wird sich nimlich konform zu den dkonomi- 
schen Forderungen eine parallel laufende Reihe 
des psych ischen Verhaitens bilden, und dies 
sich darin aussem, dass der Reichtum sein 
moral isches Prestige verlieren wird, wie er jetzt 
schon sein aesthetisches verloren hat und dabei 
ist, sein intdlektudles zu verlieren. Reichtum 
wird bei den Reichen selber als etwas Unan- 
standiges, Unmoralisches gelten, als dn metisch- 
licher Defekt, als kompromittierend. Man wird 
ihn erst verheimlichen, so tun als ware man 
nicht reich, die Gewohnheiten des Reichen ver- 
lieren, urn sich schliesslich nur mehr als ein 
mit der Verwaltung dieses Reichtums Geplagter 
vorzukommen, — wie gem wird man sich da 
expropriieren lassen! Ganz gewiss: es wird 
eine Zeit kommen, wo reich zu sein fur llcher- 
lich und ordin&r gelten wird. Seien wir also 

sehr stolz auf unsere Armut! 

* 

Wir haben in Deutschland drei sehr witzige 
Kdpfe, Kerr, Kraus und Harden, und so spin- 
nenfeiiid sind sie einander, dass Kraus es wie 
eine Insulte empfinden wird, mit Harden hier 
dutch ein „und“ verbunden, Kerr froh sein 
wird, von Kraus wenigstens durch ein Komma 
getrennt zu sein. Dass Kraus, der atehr gut 
schreibt, dass Kerr, der oft briliant schreibt, 
Harden wegen seines kummerlichen „schonen 
Stil" auslachen, das reicht fur sofche Feindschaft 
nicht bin. Die politischen Ueberzeugungen? 
Ich wusste nicht, dass einer von den dreien 
welche hatte, die so leidenschaftlich waren, dass 
er den andem mit Rattengift vemichten mdchte. 
So viel ich weiss, haben die drei sich auch nie 
wegen einer Frau zerkriegt. Solhe es dieWitzig- 
keit sein, die sie also feindlich gegeneinander 
macht? 1st der Witz nicht aber Eitelkeit? Kraus 
gibt sie unumwunden zu. Kerr wird keine 
Schwierigkeiten machen, wenn man ihn eitel 
nennt, was ja auch ausserdem nicht der ge- 
ringste Fehler weiter ist. Harden, der Eitelste 
wohl, wird sicher ablehnen und von derSache 
reden. Harden war Schauspieler, Kraus wollte 
es werden, war es gdegentlich, Kerr ist sehr 
interessiert fur alles Schauspielerische und hat 
einen vortrefflichen Blick dafur. Es sind Ver- 
wandtschaften da, die den ersten Grund zum 



327 



DIE AKTION 



328 



Hass geben, den Nebendinge f order n. Alle drci 
geben Zeitschriften heraus, — ein toller Traum: 
Kraus (grosse Pause), Kerr (grosse Pause), 
Harden sollten zusammen eine Zeitschrift her- 
ausgeben, mit Harden als stillen Sitzredakteur. 
Das ware der beste Witz der drei witzigsten 
Kopfe Deutschlands. (Fortsetzung folgt.) 



Brief an den lieben Gott 

Von Nikodemus Schuster 

Lieber Gott im Himmel, ich will dir cinen Voi- 

schlag mac hen, 

Un<l biite dich, G utci, hochstens daruber zu 

lachcn, 

Nicht aber midi sell on so viel Gcpriiffcn noch 

arger zu schindcu, — 

Was hast du davon? In den Tugcmlcn. mid hi 

den Sun den 

i last cln mir bcsondcrcs zu Icisien nicht zulx- 

schicdcn, 

Ich bin finer aus den vielcn gew oh n lichen Men- 

sdien hietiicdeu, 

Nicht gut, nicht schtecht, und ich denke mil*, 

solche 

Die sin d dir lieber als diese komplizierten Strolche, 

Ob sie nun mit Heiligkeit dir nahzukommen 

suchen 

Oder als aufstandige Teufel dich und deinen 

Himmel verfluchen. 

Ich kann mir denken, was fur grosse Unan- 

nehnilichkeiten 

Diese Ausnahmemenschen deiner himmlischeu 

Einfachheit bereiten, 

Und was filr Sorgen du hast bei Tag und Nacht, 

Bis du diese Genies dir irgendwie konform gc- 

macht, 

Du guter, lieber, bescheidener Gott fur uns 

armen Leute! 

Und das ist es gerade was mich heute 

Auf den Gedanken gebracht hat, dass du dich 

erholen musstest 

Und dass du es gerne latest, aber nur nicht 

recht anzufangen wtisstest. 
Ich weiss es. I fiul wenn auch fiir mich cin 

Vorteil dahei ist, 

Sieli, uh bin fin anuer Kelt, deni es manchmut 

nicht einetiei ist, 

Dass es ihm so hundeeleud auf dieser Welt gcht, 

Nichts zu essen oft hat und nicht weiss, wo 

scin Zelt steht, 



Und hat er schon einmal seine Liebsucht auf ein 

Madchen gerettet, 

Nicht weiss, wo ein Lager finden, worauf er 

die Gutige bettet , . 

Also wenn ich dabei auch mich, o Gott, be* 

schenke, 

Wahrend ich an deine so ndtige Erholung 

denke, — 

Lass gut sein, es ist drum nicht weniger herz- 

lich gemeint, 

Wenn es auch auf den ersten Blick nur egoi- 

stisch scheint. 

Linen Fehler hab ich, ich sage ihn gleich: dass 

ich Gedichte schreibe, 

Aber da ich das saudumm und ohne jedes 

Talent betreibe 

Und mil eleud dam it mein annes Nachtmahl 

verdiene 

(f in 20 Pfennig Brot, cine Wnrst und Frcitags 

eine Sardine) 

So wirst du in deiner grossen Gute daruber 

hinwegsehn 

Und wirst mich nicht deshalb lassen auf einem 

Fleck stehn, 

Dass alle mich „Dichter“ schimpfen und voriuir 

ausspucken 

l T nd als ehrlichc Leute von mir weit wegruckcn — 

Und jetzt pass auf, lieber Gott, jetzt kommt die 

Sache, 

Wie ich dcin Gluck und meines in Einem mache: 

— Wir tauschen! Lass mich einmal acht Tage 

du aein! 

Ich tasse die acht Tagc Alles in schonster Ord- 

nung und Ruh sein, 

I lab keinc Angst, dass ich niidh schlecht auffuhre 

Und ctwa gar an deine Weltregierungsmaschine 

ruhre — 

Ach nein! Ich will nur acht Tage ein sicheres 

gutes Bett haben, 

Nicht inehr mit den Hotelbettwanzen mein ewiges 

Gefrett haben, 

Ordentlich essen, jeden Tag, wenn es sein muss, 

baden, 

Mir ein paar Engel zuin Klaviervorspielen ein* 

laden, 

Deine guten Ziga rotten raitcheu, deinen tiirkischen 

Kaffee brauen 



Und srelnr.crgiiugl zmn 



I Eimiuclsfeustcr hin 
unterschaucu 



Auf Berlin, wo du 

— also nochmals, nicht wahr, ich riihr dir 

nicht an, 

Was so dein spezielles theologisches Ressort ist, 



529 



DIE AKTION 



Ehrenwort! Wenn etwas von demon besonde- 

ren Hausrat bricht, datrn — 
Dann darfsi du tnicta ziehen, wo sdunerzbaft 

mein Ohr ist, — 

Nein, nein, nein, ich will es nut einmal so gut 

haben, 

Wie mir von dir und deinen englischen Knaben 
Meine verstorbene Mutter oft erzablt hat, 
Wenn sie zum Abendbrot die Kartoffel ge- 

sch&lt hat — 

Adi wenn ich nur schon hin war, sagte sie dann, 

So sehr sehnte sie sich nach deinem himmlischen 

Kanaan. 

Sdiau, ich weiss ja nicht recht, ob meine Mutter 

nicht log, 

Damit uns die alten Kartoffel besser sduneckten, 
Nadi denen wir uns weiss Gott nicht die Finger 

leckten, 

Ich bin ja nicht sicher, ob aie mich mit dem 

schonen Hitnmel nicht betrog, — 
Ich probier’s. Sch lech ter kann das Essen bei 

dir unmogiich sein 

Als dieses schon sdnkende Schmkenbein, 

An dem kh und mein K6ter abwechselnd nagen 
Und jetzt, lieber Gott, jetzt lass dir sagcn, 
Was alles dir fur Annehmlfchkesten 
Skh in diesen vertauschten adit Tagen bereiten. 

Du kannst zum Beispiel am Cafe des Westens 

vorbeigehn, 

Und drinnen die beruhmtesten Dichter Deutsch* 

lands dabei sehn, 

Wie sie im Schweiss ihrer Fflsse und Angesichter 
Bei jedem Glas Bier werden immer grdssere 

Dichter, 

Und ein Wunder noch delist du da, ungdieuer, 
Hier bebruht ein Hahn die bohlen Eier! 

Des Femeren kannst du dich unter den Linden 
Auf einmal inmitten begeisterter Scharen be* 

finden, 

Die warten, bis ER oder jemand von seiner Famile 
Vorbeifihrt in einem trompetenden Automobile. 
Du kannst im Reichstag den Oertel hdren 
Oder wenn dir das mehr Spass macht den 

sdigen Rdhren 

Nor den Bethmann Hollweg kann ich dir nicht 

versprechen, 

Der ist immer wo „Hier“ steht und da nicht 

zu spree hen. 

Er hat einen gar sehr empfindiichen Magen, 
Und kann Medizin weder von links noch von 

redds vertragen. 

Am Abend aber da musst du zu Reinhardt gehen; 
Vergeht dir das Hdren, so doch nicht das Sehen. 
Und nicht genug wirst du mir wissen desDanks, 



Gehst du nachher als Qnkd vom Lande ins Pala 

de Dangs, 

Und dehst hier, wie Jagow im Sitdichen waltet 

Und Frauenschdnheit sich ohne Fallen zu haben 

entfaltet. 

Bist du aber mude vom Herumgdin in den 

graden Strassen, 

So kannst du dich hinsetzen und von Oppen- 

heimer malen lassen 
Oder wen sonst dir Paul Cassirer empfiehlt, 

Weil der in Berlin die bildende Kunst befiehU. 

Zum aesthetischen Tee lass dich von Blei ein- 

laden, 

Wenn du von Aesthetik auch nur was merken 

wirst an den Waden 

Der schonen Damen, die wie er glaubt, in ihn 

verliebt sind, 

E. B. zum Beispiel, dieses schlankste irdische 

Himmelskind. 

Auch bei Herrn Heymel findest du, wenn er 

nicht gerade lierrenreitet odcr schiebt, 
Das angenehmste was man in Berlin an Frauen 

begleitet oder sozusagen liebt. 
Die Leitartikel von Theodor Wolff kanst du 

lesen und ihre Politik ergriinden , 
(Mit deiner Abneigung gegen die Juden wirst 

•du dich in Berlin rasch abfinden.) 

In Fischers Rundschau genugt ein Blick, 

Du gibst sie samt dem Losen Vogel raschest 

dem Kellner zuruck. 

(Zum Ausschlafen hast du namlich wieder im 

Himmel Zeit, 

Jetzt ist die Parole: hochste Munterkeit!) 

Und ist alles vorbei, so kaufst du bei Wertheim 

ein 

Das Mitgebrachte fur deine liebsten Eagelein . . 

O lieber Gott, sag nicht, du kennst das alles 

schon, 

E. B., das Tageblatt, den grossen Kaiser und 

den kldnen Kohn — 

Naturlich kennst du Alles, aber doch nur von 

Weiten 

Sub Specie Aeternae lasst du dein grosses Auge 

daruber gleiten, 

Wie ich ja auch deinen Himmel nur von Weiten 

kenne 

Und ihn dm Himmel ja nur vom Sagenhdren 

nenne . . . 

Versprach ich noch zu wenig? O es gibt noch 

viel del mehr! 

Was weiss ich armer Kerl, wie gross, wie sehr 

Sehr gross der Reichtum deine Welt, besonders 

in Berlin! 




9k 



DIE AKTION 



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lefa streife daran ja nur so an den billigen 

Enden hin, 

Ein anner Hund wie ich! Dich aber wird es 

amusieren, 

Die Dinge, die du schufest nah zu sehn, 

Du bist ja ein Herr, ich kriech ja fast auf alien 

Vieren — 

Du solitest doch einmal statt meiner hier inmitten 

stehn 

In Deiner Welt! Und mich, mich lass in meinen 

Hixnmd gehn, 

Denn wenn alle, meine Mutter hat nicht gelogen ! 

Sommer 

Mein Herz steht bis zum Hals in gelbetn Ernte- 
licht wie unter SommertiimmeSn schnittbe- 
reites Land. 

Bald lautet durch die Ebenen Sichelsang: mein 
Blut lauscht tie! mit Gluck ges&ttigt in den 
Mittagsbrand. 

Komkammern meines Lebens, tang verodet, alle 
eure Tore soften nun wie Schleusenfliigel 
often stehn. 

Ueber euem Grund wird wie Meer die goldne 
Flut der Garben gehn. 

Ernst Stadler (Brussel) 

Bei Mama. Ein Idyll 

Von Nikodemus Schuster 

PERSONEN: Die Mama. 

Ihre Tochter Anna, die 
sicb Anette d e Prime- 
rose nennt. 

Ihre andere Tochter 
C 1 o t i i d e. 

Der Baron, Anettens 
eleganter Freund. 

Die Szene passiert vor dem kleinen Hauschen, 
das .Mama auf dem Land nahe der Stadt be- 
wohnt, in dem kleinen Gartchen, dasdazu gehdrt. 

ANETTE. Na, wie findest du Mama? 1st sie 
nicht nett? 

BARON. Entziickend ist sie. 

MAMA. Ach Gott. . . Es ist sehr ehrenvoll 
fBr mich, Herr Baron, dass Sie mich da heraussen 
aufsucben. Ich kann ja nichts bieten. . . . 

BARON. Aber ich bitte Sie! 

ANETTE. Hast du nicht von dem Cognac, 
Mama, den dir Harry schickte? 

MAMA. So eine Flasche reicht bei mir Mo- 
nate, mein Kind, — naturlich hab ich noch. 
Gleicb hoi ich ihn. (Ab ins Haus.) 




BARON. Wie ruhrend das ist: das ideine 
Hauserl, das Garterl, die Mama, der Cognac 
von Harry. . . 

ANETTE. Ach ja, ich werde ganz weich . . . 
und da glaubst du nicht, dass ich eine Seele 
habe! 

BARON. Gewiss hast du, Anette. Aber die 
Seek, weisst, das ich doch mehr fur Jungere, 
fur meinen Vorganger Harry zum Beispid. Ich 
kann doch nicht fur alles aufkommen. 

ANETTE. Cyniker! 

BARON. Man muss sich beschranken. 
ANETTE. Idi hab Mama doch sehr lieb, — 
sie hat mir viel Haue gegeben. 

BARON. Sei ihr dankbar dafur. 

ANETTE. So stell ich mir das Gluck vor: ein 
kleines Haus, ein Garten, Aussicht auf die 
Eisenbahn. 

BARON. Und der Daimler im Schuppen, der 
uns hergefahren hat. . . 

ANETTE. Dir ist alles ein Witz. 

BARON. Der Daimkr ist kein Witz, mein Kind. 
Schau, der Cognac! 

MAMA (mit dem Cognac) Der Graf Harry, 
der hat mich auch einmal mit Anette besucht, 
— war ein reizender Herr. Anette hat inline r 
nur reizende feine Herren gekannt. 

ANETTE. Was hast du denn da in dem Beet, 
Mama? 

MAMA. Das ist Salad. Ach wenn dein Vater 
noch lebte, der hat so gern Salad gegessen ! 
BARON. Ein sympathischer Anlass, oft und 
gerQhrt seiner zu gedenken. 

MAMA. Wie meinen, bitte? 

BARON. Ioh meine, die Schnecken werden ihn 
fressen. 

MAMA. Das tun sie wirklich, da haben Sie 
recht, kaum dass er den Kopf herausstreckt. 
ANETTE. Du musst eine Vogelscheudte hitv 
einstellen, Mama. 

BARON. Einen schonen Pflaumenbaum haben 
Sie da. 

MAMA. Ich glaube, es ist mehr ein Kirsch- 
baum. 

BARON. Sie glauben? Sind Sie denn nicht 
sicher? 

MAMA. Wissen Sie, Ueber Herr, die Vogel, 
kaum dass so was wie ein Obst sich bilden 
will, dann fressen die Vdgel weg. 

ANETTE. Du miisstest die Nacht durch mil 
einer Lateme daneben steh’n, Mama. 

MAMA. So war sie immer. Immer sich lustig 
machen uber mich. (Anette ist ins Haus ge- 
gangen.) 



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DIE AKTION 



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MAMA. Sie sind gut zu ihr, Herr Baron, und 
sie verdient es. Die Freude meiner alten Tage. 
Sie dankt es einem, was man an ihr getan hat. 
Nicht jede tut das. Ah, wenn Qotild so wire! 
BARON. Qotilde? 

MAMA. Meine altere. Mein Sorgenkind. Viel- 
leicht weii ich sie so verwohnt habe, wie sie 
klein war. Sie 1st seit funf Jahren verheiratet 
mit einem eleldrischen Installateur, — vier 
Kinder, und das Elend im Haus, — ja wenn 
ich mkh auf die veriassen hatte! 

BARON. Dafur hat Anette ailes vergolten. 

MAMA. Ja, die 1st gut und brav. Und dank- 
bar fur das, was man fur ihre Erziehung ge- 
tan hat Man schuftet ja nur fur die Kinder, 
nicht? Und die Madchen kosten ein schweres 
Geld. 

BARON. Wem sagen Sie das! 

MAMA. Die Menschen haben ja nicht alie die 
gleiche Berufung, wie unser Pfarrer $agt. Aber 
was mich argert, das ist, wie sich die Andern 
mit Anette stellen. Wenn Clotilde sie aufsucht, 
uin Geld zu fechten, natlirlich, dann muss sie 
es heimlich tun, damit derMann es nicht merkt. 
Und wenn der von ihr spricht, — wie im 
Theater ist es, wenn’s grausig wind und ciner 
so furchterlich zu reden anfangt. Glauben Sie, 
der wunde den Cognac da trinken? Und mag 
doch ganz gem einen Guten. 

BARON. Da weiss er wirklich nicht was er 
aiisschldgt. 

MAMA. Manche hat eben kein Gluck im Leben. 
Und jetzt kriegt sie das Funfte. 

BARON. Mein Gott, die Liebe! 

MAMA. Ach was, es ist das Elend. Und was 
hat man sich Miihe gegeben, die Kinder auf 
den rechten Weg zu bringen! Religios erzogen 
alie beide, denn die Religion ist die Haupt- 
sache, und da muss ich das mit Clotilde er- 
leben! 

ANETTE (kommt zuriick). Mama, du konn- 
test einen Kaffee kochen. 

MAMA. O wenn mir der Herr Baron dieEhre 
geben wollen. . . 

ANETTE. Er wird schon. Auf Kaffee ver- 
stehst du dich. 

MAMA. Gleich soil er fertig sein. (Ab ins 
Haus.) 

BARON. Sorgeti hat so eine Mutter . . . (am 
Zaun geht der Pfarrer voriiber). 

ANETTE. Ein Geistlicher, das bedeutet Un- 
gluck. (Wendet sich ab.) 

BARON. Ich wusste gar nicht, dass du anti- 
klerikal bist. 




ANETTE. Du wirst bldd. Ich weiss doch 
l&ngst, dass die Gdstlichen Manner sind. 

BARON Die M&nner pflegst du doch sonst 
nicht als dein Ungluck zu betrachten. 

ANETTE. Als mein Gluck vidleicht? Dich? 
Idiot. 

BARON. Mein Gott, ich muss mich damit ab* 
finden. Was sonst kann man machen!? 

ANETTE. Auf der Kommode drinnen sah ich 
meine Photographic von der ersten Kommunion 
. . . ganz geriihrt hat es mich . . . 

BARON. Das merk ich. 

ANETTE. Man hat ein Herz. 

BARON. Wer zweifelt? 

ANETTE. Und daneben das Bild meiner braven 
Schwester als Braut mit ihrem Elektriker. 
BARON. Dem so stolzen Burger. 

ANETTE. Dem Schafskopf, ja. Woher weist 
du? 

BARON. Mama. 

ANETTE. Aber ich leih ihn inir schon aus. 
Ich leih ihn mir schon aus. Uebrigens ein ganz 
strammer Bursche. Dem Bild nach. 

BARON. Warst du nicht bei der Hochzeit? 
ANETTE. Ich war damais in Nizza. 

BARON. Und seitdem? 

ANETTE. Icn leih ihn mir aus, den Genossen. 
BARON. Den Genossen oder den strammen 
J ungen? 

ANETTE. Einen durch den andern. Eine 
Rache muss der Mensch haben. 

BARON. Es' geht nichts fiber eine religiose 
Erziehung. 

ANETTE. Ic bitte dich, nicht iiber die Re- 
ligion zu spotten. Du hast deine Quaiitaten, 
aber das verstehst du nicht. 

BARON. Siehst du, mein Kind, ich habe mich 
fur die Freidenkerei entschieden, weil man da- 
mit auf die bequemste Weise davon dispensiert 
ist, Gedanken zu haben. Dass ich ein idiot 
bin, hast du ja selbst schon konstatiert. 

ANETTE. Dir bekommt dieses friedliche an- 
standige Milieu nicht — ; du wirst spitzig. Wir 
wollen heimfahren . 

BARON. Wie du meinst. Aber ich hab mich 
schon so auf den Kaffee gefreut, und Mama 
scheint es auch, nicht? 

ANETTE. So sag’s doch gleich, dass ich ein 
undankbares Kind bin, — das meinst du doch 
damit. 

BARON. Aber das ist doch Qotilde! 
ANETTE. Diese dumme Cans. Heiratet sich 
da so einen Kerl, der ihr nichts zu beissen gibt, 




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DIE AKTION 



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ihr tits Kind urns andere macht, and sie oben- 
drdn betrugt. 

BARON. Woher wcisst du denn das, Anette?! 

ANETTE. Ein Elektriker, — man kennt 
dock das! Kommt in alle Hauser, wann er 
will, kommt und geht, tut so herum, in der 
Kuche, mit dem Stubenmidel, — ich tame dock 
die Elekmker. Der Vaier von Qotildens Brut 
wird nicht anders sein. 

BARON. Und das willst du also aus Rache 
ausprobieren. 

ANETTE. Weil mich diese Gans argert mit 
ihrem Getue. 

BARON. Was tut sie denn so Schiimmes? 
ANETTE. A was! 

MAMA (kommt aus dem Haus, verlegen er* 
sckrocken argerlich). 

BARON. Der Kaffee! 

MAMA. Gteich ist er fertig, nur nodi (leise 
zu Anette). Gerade ist Qotilde gekommen. Ich 
kann nichts dafur. Und sie sagt, sie muss mit 
dir sprechen. Und gekt nicht weg. 

ANETTE. Schau an, Clotilde. Na also. Wieder 
einmal muss die Schwester herhalten, die der 
Herr Gemahl nicht beim Namen nennt, ohnc 
ein liebenswurdiges Wort dabei. Sag nichts, 
ich weiss. 

MAMA. Ein ungebildeter Mensch, was willst 
du. 

ANETTE. Ich werd ihm’s beibringen. Clotilde 
soil herauskommen . Hier hab ich mehr Luft. 
(Zum Baron.) Schau dir einstweilen die Um- 
gebung an oder erklare der Mama ein Auto* 
mobil. Das wird sie sehr interessieren. Ab- 
marsch. 

BARON. Gotf beschutze Qotilde! 

MAMA. Sag ihr’s nur ordentlich! (Beide ab 
urns Haus herum.) 

ANETTE (geht zur Tiir, die ins Haus fuhrt 
und ruft) Qotilde! (Und geht wieder in die 
Mitte des Gartchens, wo sie auf dem Stuhl sich 
niedersetzt und mit ihrem Schirm im Wegsand 
herumf&hrt.) 

CLOTILDE (erscheint in der Tiir im dritten 
Monat schwanger. Bleibt erst stehn, kommt 
dann Kangsam natier.) Anna! 

ANETTE. Erstens lieisse ich i nuner nodi Anette. 
Und dann weiss ich alles. Auch wenn du mirs 
nicht geschrieben hattest. Und ich hab dir gc- 
antwortet. Ich hab nicht einen Pfennig. Mama 
kostet mich schon genug. 

CLOTILDE. Ich hab dir nicht alles geschrie* 
ben, Anette. Zwei Kinder sind krank . . . 




ANETTE. Zur Taufpatin von kcittem hab ich 
euch gepasst. 

CLOTILDE. Du weisst doch, Anette, meine 
Schwiegennutter . . . mein Mann . . . 
ANETTE. Den schickst du mir, verstehst du, 
mit dem will ich zurecht kommen. 

CLOTILDE. Du weisst doch Anette, dass er 
nicht woilen wird. Er darf ja nicht einmal 
wissen, dass wir beide uns sehen. 

ANETTE. Ich bin schon mit andem fertig ge- 
worden. Du sdiickst ihn. Wenn ihr ubrigens 
reich genug seid, um euern Stolz zu bezahlen, 
so braucht man mein Geld nicht. 

CLOTILDE. Weisst du noch, Anette, wie es 
dir einmal schlecht gegangen ist, hab ich dir 
nicht jede Woche was gebracht, so scftwer es 
mir wurde? 

ANETTE. Hab ich dir’s nicht mriickgegeben? 
Also. Und du? Gestern hab ich’s zusammen- 
gezahlt. 845 Mark sind’s. Ich hab das Geld 
auch nicht gestohlen. Verdien doch selber. 
Arbeite. Ich muss auch arbeiten! (Sie blickt 
zum ersten Mai auf.) Was? Schon wieder? 
(Tupft Qotilde mit dem Schirm leicht auf den 
Bauch.) 

CLOTILDE. Ja. . . 

ANETTE. Und das nennt sich eine anstattdige 
Frau. Schweinerei. 

CLOTILDE. Was weisst du, Anette! Macht 
man’s dem Mann unbequem, so sucht er sich 
sein Vergnugen wo anders, und so . . . 

ANETTE. Das wird dein Herr Gatte auch so 
machen, meine Liebe. Man kennt die Elektriker. 
CLOTILDE. Und er ist ausser Stellung, durch 
den Streik. . . 

ANETTE. Bin ich die Streikkasse? 

CLOTILDE. Du kann9t mich nicht so fort- 

schicken, Anette. 

ANETTE. Weil mir vorhin ein Bild unter die 
Augen kam, nur deshalb. Da. Hundertzwanzig 
Mark. Ich schreib es zu dem andem. Und 
eine Bedingung: Du schickst ihn mir. Ueber- 
morgen abends um Sechs. Und . . . sollte er 
am andem Morgen nicht zu Haus v sein, so mach 
dir keine Sorgen, — du kannst ihn bei mir 

abbolen kommen. Den Herm Gatten, den 
stolzen. Jetzt Abmarsch. 

CLOTILDE. Du hast ein gutes ilerz, Anette. 
ANETTE. Ja, zu meinem Schaden, ich weiss. 
Lebwohl. Und vergiss nicht: ubermor gen abend 
um sechs erwart ich ihn. Dem will ich den 
Kopf waschen. Ich will doch sehn, ob ich 

nicht Taufpatin bei dem Jungsten da werde! . . 
Und lass dir auf meine Rechnung die Z&hne 




337 



DIE AKTION 



machen, Clotild, man lauft nicht so herum. lch 
geb deinem Mann die Adresse. Und diefalschen 
Haare sind auch nicht dazu erf unden, dassman 
Sophakissen damit stopft. Wie man, bei deinem 
Aussehn noch immer Kinder kriegen kann, is t 
mir ratselhaft. 

CLOTILDE. Ich dank dir, Anette. Leb wohl. 
lch schick ihn. (Geht ins Haus, trifft an der 
Tfire mit dem Baron zusammen, der da schon 
eine Weile stand und nun tief den Hut zieht.) 
BARON (koxnmt vor). Die Sch western ! 
ANETTE. Bifte, erinnere mich nicht noch da- 
ran. Ich habe sie mit einem Taler zum Teufel 
gejagt, 

BARON. Du gute Schwindlerin! Und den 
Mann? 

ANETTE. Wenn es mir passt, lass ich ihn den 
Taler abverdienen . 

MAMA (tritt in die Hausschwcllc). Darf ich 
bitten, der Kaffee ist fertig. 

VORHANG. 

Der Fremde (10, Fortsetzung) 

Roman von Rene Schickclc 

XIII. 

Auf der Strasse atmete er freier. Man iasst sich 
halt immer von den schonstcn Gcbarden impo- 
nieren, . . und jedes schone Schauspiel endet 
gespensdsch und trauervoll. Man stiirzt sichaus 
einem vierten Stockwerk, weil man w&hrend 
cines Augenblicks geglaubt hat, dass man herr- 
lich floge . . Die bravsten Menschen machen 
sich einen Beruf daraus. 

Nieland ging versunken neben Paul her. Er 
horte nicht darauf, was der andere sprach, und 
Paul schwieg. 

Aber nun nahm Nieland Pauls Arm* Paul 
ffihlfe, wie Nieland sich unmerklich an ihn tehnte. 
Das wollte er nicht! 

Es darf sich keiner an ihn tehnen, er vertragt 
es nicht, es ist die ganze Last einer fremden 
Seeie, die ihn erdrucken will, dieser Mensch 
wird schreien! Paul furchtete sich. Zugleich 
aber war er neugierig. Das Spiel der Ver- 
mu tun gen in seinem Gehim hattc begonnen. 
Wie wird Nieland es sagen, dass er ieidet? Er 
ist erschuttert, es wird ihm schwer fallen 
Empfand Paul nicht eine gewisse Genugtuung, 
da er den gepanzerten Gentleman erschuttert 
sah? Es war doch eine namenlosc Verlogen- 
heit, wie ein fertiges, kuhles Kunstwerk in den 
Strassen und zwischen seinen Freunden herum - 
zugehen und dann mit der Vorsicht cines Be- 




338 

dienten sich in das Schlafzimmer einer Frau zu 
schleichen . . 

Nein, nur Anstand. 

Aber . da sah er ja, wie es endete ! Lamonde 
kannte ihn. Seine Parade war vor ziiglich . Er 
hatte den Vorteil, dass er das Handwerk kannte. 
Nieland war entwaffnet. 

Nielands Stimme kam freundlich zogemd: 

— Es gibt Frauen, die sich nur im Ehebetl 
wahrhaft umarmen lassen. Sie bringen essonst 
einfach nicht fiber sich, von Sinnen zu werden, 
sich hinzugeben. Ihre Ehebruche sind Pfusche- 
reien, und schliesslich, schliesslich verlieben sie 
sich aus schlechtem Gewissen in ihren Mann. 
Die bequemste und koketteste Puppe liesse sich 
dann mit Emphase von ihrem Mann ein Kind 
machen. Sie enidecken ihre Muttergefuhle. 

— Du hasst sie? fragte Paul. 

Nieland richtete sich auf. Er schuttelte den 
Kopf. 

— Nein, . . icji glaubc nicht, ich spreche ja 
nicht von ihr, Lamonde hat mich vergiftet . . 
mit einer so durchsichtigen Roheit . . und es 

hat trotzdem gewirkt! Wenn ich nur die Zeit 
fande, ruhig nachzudenken, um mir ein Bild 
von ihr zu machen, so wie sie war . . Du 
hast sie ja gekannt. Wie fandcst du sie? Sic 
war schon, nicht wahr? Nein, nein, du weisst 
nichts . . lch sah nur immer ihre grauen 
Augen, die mich schwindlig machten, wenn sie 
mich mit diesem lan gen, zersetzenden Blick an* 
sah, den schmalen Korper, der sich in den 

Huften biegt ... die glatten, schmiegsamen 
Linien vom Hals bis zu den Ffissen, die immer* 
fort so leise in Bewegung sind . . Dabei weiss 
ich ganz bestimmt, dass ich nie, nie das Ge* 
ffihl hatte, wir seien miteinander verschmolzen , 
wir besassen einander so sehr, dass wir nur 
noch ein einziges Wesen seien, die Frau, die 
ich in den Armen hielt, gehorte mir mit Leib 
und Seeie. Nein, immer stand etwas dagegen, 
es war eine Harte in ihr, die dumme, bdse 
Harte, die nicht schmelzen konnte, und die 
feindlich blieb. Ja, feindlich! . . Es ware nicht 

so schlimm gewesen, wenn man mich ge* 
zwungen hatte, einen hartgefrorenen Boden mit 
den Fingem aufzukratzen, um etwas herauszu- 
holen, das vielleicht einige Meter tief vergraben 
lage. Die Finger bluten wenigsteos, und man 
weiss, wo man graben soil, und dass man doch 
zum Ende kommt, wenn man nur rechi lange 
geduldig bleibt, man sieht doch einen gewissen 
Erfolg . . Nicht wahr, Paul. Nicht wahr? Das 
weiss ich ganz genau, und ich hasse dieses 



339 



DIE AKTION 




Ungluck, aber dann seh ich sie nicht, ich denke 
nur an meine jammervollen Erfahrungen . . So 
bald ich sie leibhaftig vor mir sehe, weiss ich 
nichts mehr da von. Ich bin von ihrem Bilde 

geblendet und ganz so, als ob sie zum ersten 
Male sich mir geben sollte und das diegrosse 
Erfulhang ware . . Es ist schwer, sich da aus- 
zukennen, glaubst du? 

Er lachte hohnisch, in kleinen heftigen Siossen , 
schmerzvoll und ganz leise; wie ein Betrunke* 
ner, der einen Monolog halt, fuhr er fort: 

— Wenn sie sich nur ein einzigesmal vergessen 
hatte! Ich ware ihr so dankbar, und allesware 
gut. Aber so — Es ist nicht moglich, dass es 
damit zu Ende sein soli. Wir mtissen zu- 
sammen in einer fremden Stadt sein, wo sie 
sich an mich gewohnen kann, ohne gestort zu 
werden. Verstehst du, das ist es ja, hier wurde 
sie immer aufgeschreckt. Eine solche Frau 
wachst nur ganz sacht in einen hinein. Sie 
lasst sich in ihrem Tiefsten nicht fortreissen . . 

fi 

Ich werde uber Genf fahren — 

Er sah Paul scheu von der Seite an. 

— Nicht wahr, ich soil uber Genf falircu? 

Und da Paul mit der Achsel zuekte: 

— Es ist meine Pflicht, sagte er sanft, nichts 
unversucht zu lassen. Sonst werde ich wahn- 
sinnig. Glaube mir, Paul, ich werde tobsiichtig, 
wenn es mir nicht gelingt . . 

Er stand in der Mitte der Strasse, die geballten 
Fauste plotzlich dicht unter dem verzerrten 
Gesicht. 

Er schuitelte sie und stampfte den Boden. 

(Fortsetzung folgt) 

Zeitschriftensdiau 

DIE SCHAUB OHNE enthalt in der Nummer 10: An Holderlin- 
Von Arthur Silbergleit. — Ariadne auf Naxos. Von S. J* 
— Dramaturgist he Hoffnungen. Von Julius Bab. — Ber- 
liner Cabarets. Von Kurt Tucholsky u, a. 

PAN. Heft 23 enthilt: Rene Schickele: Die Leibwache; Adolf 
Behne: Bruno Taut; S. Kfabund: Verse; Alfred Kerr: 
Kino u. a. 

LA NOUVELLE REVUE FRANfAISE. Sommaire du No. 51: 
Paul Claudel: Canttque de la Pologne; Albert Thibaudet : 
L’Esthetique des trois tradition; Prancia-Viel£ Oriffin : Le 
Oeste de Saul etc. 

DIE DEUTSCHE RUNDSCHAU (Verlag R. Paetel, Berlin). 
Das Mirzheft enthilt: Oskar Walzel: Friedrich Hebbel; 
M. Morris: Bonaventura; Handel - Manzzetti : Stefana 
Schwertner u. a. 

DIE OULDENKAMMER. Die unter diesem Titel von der 
Kaffeehag - Oesellschaft herausgegebene Zeitschrift wird 
bitter langwetlig redtgiert. Die besten Arbeiten verpuffea 
wirkurtgsfos, wenn sie in eine temperamentsarme Um- 
gebung gestetlt werden. Die Redaktion {drei Namen sind 



fur die Langeweite verantwortlich) verpatzt, was doch so 
gut gemacnt werden konnte. Die. Idee, eine Industrie- 
gesellschaft dem Oeist dienstbar zu machen — in der 
kapitalistischen Preate ist das Oegenteil der Fall — 
scheint mir zu gut, als dass sie derart verquatscht wird, 
wie es heute in der Ouldenkammer geschient. 

DAS LITERAR1SCHE ECHO. Das 2. Mirzheft enthilt: Leon 
Kellner: John O als worthy. — John Galsworthy: Aus: „Der 
Demonstrationszug". — Erich Oesterheld: Baude lair i ana. 
— Charles Bauddaire: Zwei Oedichte u. a. 

M RZ. Nr. 10 enthalt: Paul Oraf von Hoensbrocch: Feuer- 
bestattung. — Ludwig Rubiner (Paris): Das Buch vom 
Zollner Rousseau. — Wilhelm Herzog: Notizbuch u. a. 

Vomotizen 

(Nur ivichtfgc Ncuerschctniingcn werden hier angezeigt. Die Besprcchuni; 

der eituelnen Wcrkc folgt in den nichstcn Nummens der AKTION} 

FRANZ BLAZEK. Das Feuer. Sexual-psychologischer Ro- 
man. Mit sieben Illustrationen von Tnolcy. (Pariser Ver* 
lagsanstalt, Hans Zepp, Paris 1b, rue Lamartine.) Oeh. 3. — . 

KARL NEURATH. Das Domgut. Roman. (Lit. Anstalf 
Rutten ft Loening, Frankfurt a. M.) Qeh, M. 4. — . 

HENRI BEROSON. Schopferische Entwicklung. (Eugen 
Diederichs Ver lag, Jena.) Qeh. M. b. — . 

RICARDA HUCH. Der grosse Krieg in Deutschland Roman. 
(Inscl-Verlag, Leipzig.) Zwei Binde. Oeh. M. 7.— 



Franz Blei-Abend der AKTION 

Der nachste Autoren - Abend der AKTION findet 
Mitte Marz im Salon Cassirer statt. Franz Blei 
wird aus seinen Manuskripten lesen. Vorbestel- 
1 ungen auf Karlen (& 5 und 3 M., ffir Abonnenten 
a 3 und 2 M.) sende man umgehend an den 
Verlag der AKTION. 



M1TTEILUNG DES VERLAGES 

Die zweite Januar-Nummer 1913 erschien als 

LYRISCHE ANTHOLOGIE 

Sie ist dem Ged&chtnis Georg Heyms gewidmet 
und enthalt: Beitrage von Hans Baas, Ernst 
Balcke, Gottfried Benn, Alexander Bessmertny, 
Ernst Blass, Paul Boldt, Max Brod, Arthur 
Drey, S. Friedlaender, Reinhold Fruhling, Max 
Herrmann (Neisse), Georg Heym, Kurt Hiller, 
fakob van Hoddis, E. F. Hoffmann, Rudolf 
Kayser, Alfred Kerr, Willy Kustsrs, Alfred 
Lichtenstein (Wilmersdorf), Leo Matthias, Paul 
Mayer (Bonn), Alfred Richard Meyer, Erich 
Muhsam, Richard Oehring, Erich Oesterheld, 
Anselm Ruest, Rent Schickele, Mario Spiro, 
Ernst Stadler (Brussel), Hellmuth Wetzel, Alfred 
Wolfenstein. 

Diese Sondernummer, ist fast vergriffen und 
kostet im Einzelverkauf 

1 MARK 

Neu hinzutretenden Abonnenten wird sie ohne 
Erhdhung des Abonnement nachgeliefert. 



INHALT DER VORIGEN NUMMER: Honors de Balzac: Talent und Journaliamua / Sabine Ree: Ueber das Buch Vathck / 
Heinrich Nowak: Gustave Flaubert: l a Education sentimentale / Martin Knote: Das Grauen / Paul Boldt: Impression / Ernst 
Stadler: Aulerstehang — Winteranfang / Richard Oehring: De Profundis / Ren6 Schickele: Der Fremde / Nietzsche contra 
Cassel / Anekdoten / Beiiebte Lyrik / Der Theoretiker Hermann Bahr / Ringsum Klabunde / Die Folgen der Hoheit / 
Jagows erster Unfall / Franz Blei-Abend der AKTION / Nikodemus Heliogabel Schuster / Lite ran schc Neuerscheimuigen / 

L. Meidner: Nichtliche Strasse in Friedeuau (Zeichnung) 



gfegmon 

WOCHENSCHRIFT FOR POLITIK, LITERATUR, KUNST 
III. JAHR HERAUSGEQEBEN VON FRANZ PFEMFERT NR. 12 



INHALT 



Ludwig Rubiner . . . . 
Ludwig Rubiner . . . . 
Nikodemus Schuster . . 
Ren6 Schickele . . . . 

Rudolf Kayser 

Gustav 8pecht 

Franz Jung 



Brief an einen AufrOhrer 

Mein Haus 

Tagebuch 

Der Fremde 

Friedrich Hebbel 

Lateinische Verse 

Oagne 



Ich bitte urn ein Dementi — Grete Wiesenthal — Literarische 
Neuerscheinung — Der Franz Blei* Abend der AKTION 



Heft 20 Pfg. 



Verlag der Zeitschrift Die Aktion Berlin-Wilmersdorf 







WOCHENSCHRIFT FOR POLITIK, LITERATUR, KUNST 

rrJAHRQANG 1 HERAUSGEGEBEN VON FRANZ PFEMFERT wa I 



• Manuikripte, Recensions-, Tauscli- 
. Bxcmplare etc. sind an den Hcraus- 
Xeber, Berlin - Wilmcrsdori, Naussauischc Strasse 17 
zu semien :: :: Tcl*»plion Amt Pfnlzbnrg Nr. 6242 
t nvertangten Manuskiiptcn ist Ruck porto ueizulugen 



Erscheint Mittwoch 



Ahnnnomonl. Mk - 3 _ viertetjlhrl. (excl Be- 
ADOnnemeni . stellgeld) bei alien Postanstalt., 
Buchhandlungen etc. odcr durch Kreuzband gegeti Mk. 
2.50 durch den Vcrlag der„Aktion‘\ Berlin-Wtlmersdorf, 
Nassauischestr. 17 :: Kommiasiondr Oust. Brauns, Leipzig 



BRIEF AN EINEN AUFROHRER 



. . . Sie fragen mich weiterhin an, ob ich ein Mitlel 
wiisste, das die Haare griindlich chemisch weiss farbt. 
Sicherlich gibt es so ein Mittel, und es wird Ihnen eine 
Zeitlang helfen konnen, im glaubwiirdigsten Aufzuge 
als alter Mann unbeobachtet arbeilen zu konnen. Aber, 
wissen Sie es noch nicht, ich hin garnicht der, 
an den Sie sich um Kostumierungen wenden diirfen. 
Ich verstehe auch nichts von der Romantik der Revo- 
lution, denn ich verstehe nichts von Einzelfallen, von 
Stolz Oder Mantelwiirfen. Nur weil ich in Paris lebe 
— darum weiss ich noch langc nichts vom lustigen 
l.eben. Wie Sie zu den Menschen reden wollen, das 
muss ich Ihrem Korper iiberlassen; Oder (ohne das 
Letzte zu verschweigen) dem Korper Ihres uachstcn 
Kameraden, wenn Sie hochgehen. Aber womit Sie er- 
regen, was der Sinn Ihrer Erinnerungsrufe sein kann, 
das will ich Ihnen sagen, an meinem runden Tisch, vor 
dem Tintenfass, das nicht mit Sprengstotf gefiillt ist. 
Und als eine Einzelzelle, solange isoliert in ihrem Pro- 
toplasma, bis sie das Zucken einer andren Zelle, irgend 
wo in der Welt, spurt. 

Dann noch, Sie sind der Korper, Sic strecken den Arm 
aus. Drum muss ich Ihnen iiber die erregendslen Dinge 
dieser Erde die abstraktesten Worte sagen. Ich muss 
Sie wissen lassen, dass immer irgendwo in diesem Zu- 
sammenleben der Menschen eine Willensmaschine da 
ist, nach der Sie und Ihre Kameraden handeln oder 
immer gehandelt haben. Lassen Sie sich, mit alien 
Voraussetzungen Ihres denkenden Lebens, das Ent- 
scheidende ohne Verkleidung sagen, sein Knochiges, 
sein Oeriist. Das, wonach Sie, in der llmsetzung des 
Korperlichen, handeln miissen. Also abgrzogon, knn- 
struktiv, aul Denkgitlcr projiziert 

Meines Sinncs war es, am Ernie vide tausend 
Blatter aus weissem Papier alle Monat miter 
die Leute zu bringen, auf deren jedem nichts 
andies zu stehen brauchte als die gewiss schon- 
sten Worte unserer Sprache: Freicr O e i s t. 

I lent erscheint mir diese tautologische Fassung 
als die machtvollste an Wirkung. 

Wei! sie ein Entschluss ist. Weil sie Zusammen- 
hauen von historischen Hemnmngen ist. Weil 
sie Umsetzung vieler betrachtender Stunden in 
eincm Fndsinn ist. Weil sie weit weg ist von 
Farbigkeit, von Eingehiilltsein; von Melodie. 



Von Diddling- Von Mitlaufertum; von Ge- 
niissen; fern von Kunst. Herrlich. Des weite- 
ren eine Kriegserklarung. Bewusst gegen alle 
Schwindler (die, um sich die kleinen technischen 
Vorteile ihres Schriftsteller-, Maler-, Musikge- 
werbes zu erhalten, den eigenen anstandigen 
Menschen zu verstecken suchett). Denn dies 
alles handelt vom anstandigen Menschen. 

I leute glaubc ich endgiillig: es ist notig, dass 
unsere Mitlebeaiden imnier wieder in Unruhe 
gestelll werden. Nicht, indent man sich iiber 
sie lustig macht, da ja die Ueberlegenheit bloss 
das Leben in die Liinge zieht Sondern dutch 

das Beispiel. Es handelt sich in der Welt, 

diesem Leben Zusamuien, um den Anstandigen 
Menschen. Dies ist tins alien sicher Wir 
wissen von ihm, wir erwaden ja nie ein an- 
deres. (Lhid allein die Litgenhaftigkeit eines So- 
ciologen wild versnehen, hier Definitionen an- 
/ubringeu. Man kennt die Melhode und ihre 

Motive.) Nur darum geht es, dass man zu 
jeder Zeii die Grundantriebe unsrer iiberhaupl 
moglicheii Existeiiz der Oeffentlidikeil bloss 
/eigt. Meinetwegen in der schmierigsteii lllunii- 
nation eines billigen Iransparents. Oder mil 
Pathos. Oder mit Sentimentalitat. Oder mit 
irgend einem Mitlel, das den Korper in Er- 
schiittenmg bringt; ihn ahnen lasst, dass der 
mitteluiassigslc Toil — der nur tins alle eine 
Sekunde besonnen zittern macht — besser ist 
als die mirakelvollste Hinaufstnfung. Den einen 
Moment nur regen konnen! in dent alle Ge- 
wohnheiten abfallen als historische Kostiime. 
In dem alle selbslverstandlichen Annehinlich- 
keiten des Lebens garnichts niitzen, sondern 









343 



DIE AKTION 



N 



ft 



allein die Feuererinnerung unseres Collektivda- 
seins. Dass wir da sind, mit vielen — die ge- 
wisslich dasselbe merken . Und die auf uns 

warten. 

AUes Wort ist Schwindel, alle schdne Rede ist 
Heschwindelung. Oas Wirkliche fur unsere 
Ohren, das unbetrugerische Sinnvolle liegt ein- 
zig in der verse hliffensten, verbrauchtesten, faul- 
sten Rede; bei der keiner schon mehr was Be- 
sonderes dental kann. 



Vielleicht ist heut der allerabgebrauchteste Aus- 
druck aller Ausdrucke das Wort: freier Geist. 
Gut . Sagen Sie es, sprechen Sie es aus. Schrei- 
ben Sie es: verbreiten Sie es. Und Sie haben 
die Propaganda durch das Beispiel. Sie holen 
bei Ihren Mitmenschen einen Maelstrom von 
unterdruckten Enipfindungen herauf. Die Urn- 
setzung aller Hemmungen (die den Einzelnen 
gewiss gotterahnlich individualisierten) in ein 
deutliches, klar gezeigtes Resultat. Result at. 

(Und das ihn wieder in die Menge einreiht.) 
Diese urvgeheuerjiche Transposition des Seeti- 
schen in gestaithaftes Dasein sprengt auf unse- 
rer Erde alle Riegel zu den Instinkten der Mit- 
lebenden. Menschenhaftes Beispiel — einzigvon 
Wert in unserni Leben — ist da, sowie nur 
Einer mit Bestimmtheit, und der unbedingten 
Aussichtslosigkeit des Manns vor dent Schafott, 
Gedachtes ausspricht. Ausspricht. Dies Letzte 
in die Welt ejaculiert: Der freie Geist. 

Doch sind noch einige AnhSnge da, deretwillcn 
ich die bedingungslose Rede vom freien Geist liebe. 
Ein Protest? Ja, sie ist ein Protest gegen die 
verschmierten Hirne von Uebhabem der schbnen 
Kiinsie, von Sektierem der Empfindung, von 
vegetativer Hochnasigkeit der Sammler, oder nur 
so kleiner Leute wie unsere neuen alexandrini- 
schen Poeten. Derm nichts auf der Welt ist ge- 
meiner, verschmitzter, tiefer in schweinfscher Hilf- 
losigkeit versunken als die Kflnstler unserer Zeit 
und ihre Schriftsteller. (Jeder ein Ego, jeder ein 
Erleber, jeder ein besonderer Beschauer der Dinge! 
Und jeder Lump ein Erklirer.) 

Aber „Der freic Geist w — ist das nicht die 
Rede von 1848? Ja. 

Die gewohnte Abkurzung der Polemik mit Hin- 
richtungsabsichten ist, einen Gegner als auf- 
rechten Achtundvierziger auszulauten. Das be- 
deutet einen dicken Mann mit graueni Bart und 
Brille, wie etwa Franzosen den deutschen Pro- 
fessor den ken. Und es ist ein Mensch, dersicli 
an der Einbildung Demokratie vollsauft, urn 
beim Kegelspielen mjt dem Trinkglas auf flacher 
Hand gegen Minister zu poltern. 




Aber was geht uns ein Datum an? Nun, die- 
ses centriere eine Zeit, in der Tagesschreiber 
dicke Romane fertigten, Reporter Gedichtbande 
ausgaben, Pauker Philosophic mimten. Sehr 
merkwiirdiges Datum — ein Schimpfwort fur 
Kiinstler, eine Verlegenheit heute fur die Bur- 
ger, eine L&dierlichkeit fur die geordneten 
Systematiker der proletarischen Umwllzung 
(durch Abwarten). Offenbar ein Protest-Datum. 



Oder — da man diesen gebrechlichen Klatschem 
wohl mal auf die Historic hauen muss — 
oder ftihren diese epileptisch daiierenden „Geg- 
ner“ etwa mit List einen kurzbeinigen Politiker 
aus der Bismarckzeit an ? rechnen sie auf Ah- 

uuugslosigkeit des Zuhdrers durch geschwindc 
Ueberredung, hegen sie die komische Hoffnung, 
ein Geduldiger werde vielleicht die Burger- 
phrase irgendeiner Kaiser-Friediich-Liberalie be- 
sinnungslos mit dem Wissen urn lebendige Kraft 
vertauschen lassen? 



Ah, vielleicht rufen Sie sich alle eine Sekunde 
nur zuruck, wo zu Deutschland in den letzten 
Jahrhundertan Menschliches sich regte. Mensch- 
liches, keiti Begriff, sondem der Zustand eines 
einzigen Moments, der Augenblick, in dem klar 
wird, dass nichts, nichts, nichts zu verlieren ist. 
Dass es nicht zu lehren, zu verbessem, zuent- 
wickeln gilt — sondern zu beseitigen. Zu 
stdren. Zu zerstdren: Hindemisse zu sprengen; 
die K lumpen der Materie zur Explosion zu 
bringen. Auf dass ein Funke, ein Wissen ums 
Erste, eine Gewissheit vom Geist in 
uns alien pldtzlich und gemeinsam hinauf 
springe. Ho, was nachher ist, das ist gleich; 
es gilt nur einmal, einmal an unser wahrhaftes 
Dasein in uns — und in alien — zu erinnem. 
Wann gab’s das bei Deutschen, wenn nicht um 
jene Zeit! O, wir wissen alles selbst: dass die 
Katastrophe klein war, dass sie in eine „Be- 
wegung“ auslief, dass sie Staatliches zeugte und 
auch amerikanische Zeitungsbesitzer fett werden 
liess. Aber. Aber sie war doch da; siespritzte 
doch hoch, sie machte Unruhe. Und nicht 
durch Sammeln von Unterstutzungsgeldem son- 
denr durch das Beispiel. Durch das 
Lebendige an Korpern ; durch indiscutable Hand- 
lungen, Gefahren, Wutausbruche. Nie vorher 
und nie spater hatten die gesammehen Men- 
schen deutscher Sprache und deutschen Beneh- 
mens diesen Mut der Aufrichtigkeit. Dieses 
Ziel der Intensity. Diese F&higkeit zur Expan- 
sion! (Und ich weiss selbst, warum die Ge- 
schichte schief auslief!) 



345 DIE AKTION 346 

Es i si die sinistre Narkose der heutigen Ge- Zellen-Friihe. Aufleuchten lasst der, was uns 



sellscbaft, die immer wieder zwingt, bistorisch 
zu kommen, wo es sich doch tun Angekgen* 
heiten des Anfangs handelt. Urns Erste. Die 
entsetzliche Verkummerung der Zeiigenasseu 
steht immer wieder da in der Angst vor sich 
selbst, in der feigen Sorge entsdiieden anders 
Oesprochenes zu vernehmen, in dem Verstecken 
der eigenen Anst&ndigkeit. (Und heute muss 
noch immer bestimmt gesagt werden, dass c$ 
sich nicht um Systeme der AnsUmdigkeit han- 
dd^ sondern um die unanzweifeibar in der 
Welt vorhandene Anstandigkdt selbst. Die Angst 
der Havarierten unserer Zeit findet ja immer ge- 
wisse Mode-Symbole — das historische, das 
sodologische, das psychologische — um mit 
Hilfe von £>elinitionen eigene iepr&se Oebreste 

zu vertftuschen.) 

Schnell noch Pummheiten abtuu. Die damliche 
Wahrheit ist doch, dass hinter alleni Misstrauen 
gegen den deutschen Aufruhr eine absurde Vor- 
stdlung steclct. Zwange man, sie deutlidi aus- 
zusprechen, zeigte sich Biddsinn. Vielieicht „zu 
jener Zdt gab es keine Kunstwerke. (Und 
nun ganz toll:) Zum Beispiel Stefan 

Georges Gedichte nicht." Und wollte 

man einigen Kretins wirklich erwidern, konnt 
man doch nur sagen: jeder Ltimmel weiss, 
dass Corneille, Hdlderlin, Alfieri, George — 
michtige Kunst-Energien ~ in jeder Epoche 
(Epoche) selten waren. 

Wieder hinauf. Man muss aus solchen Tagen 
das Wort uberiiefem „Die schlechteste Madonna 
ist mir wichtiger als das bestgemalte StiReben". 
Und dieser Spruch des Mannes, der die Lob- 
rede au! Jean Paul atzte, bleibt ewig; bleibt 
fur uns, weil er besitzloser, wissend verarmen- 
der, fflr immer unverk&uflicher ist als die be- 
ruhmten Spargelbunde, an denen die Kunst- 
hkndler reich werden. Doch (zu schweigenvon 
Bakunin, zu schweigen von Proudhon, die im 
Draussenland standen) bluhte in jenen Jahren 
nicht der grdsste deutsche Mann, Stimer? Der 
deutlichste Seelenschreiber seit Meister Eckhart, 
der gediingteste Bauherr des Bewusstseins vom 
Aufruhr, der Lehrer der Katastrophen, der kali 
hitzende Verkunder der Brande. Und seit Den- 
kensmdglichkeit der Erste, der alles Erworbene 
von uns ablest, alles Zufailige zermodern Idsst, 
alles Zeitiiche in seiner Gesetzlosigkeit entdeckt. 
Ein Mann, bestrahlend im hetlen Lichtkreis das 
dunkelste Bewusstsein, die Erinnerung an em- 
bryonal afomlsche Zustande, an Dasein in 




treibt aus Tagen vor unserer Geburt her. Unser 
Erstes, unser Menschliches, unser Anstandiges. 
Und unser Gemeinsames: den Geist (ein Wort 
dessen panoptikumardges Alter niemand harter 
erwiesen hat als Er), Den Geist, der gewiss- 
lich frei ist. Frei — unzuf&llig, unZeitlich, un- 
besitzlich — ewig und frei; gerad so alt wie 
es diese Attribute aus VolksverSteunmlungen sind, 

Dass die Volksversammlung Unrecht hat, ist 
einc dumme, von individualen Affen aufgestellte 
Behaupiung. Naturlich, naturlich, sie hat auch 
nicht Recht. Das wissen wir selbst. Abcr da* 
zu ist sie gar nicht da. Sie ist da, um fest- 
zustellen, Resultate definitiv zu zeigen. Und aus 
dem einzigen Moment, wo die Kellner und die 
Bierglaser und die Zigarren gleichgultig wer- 
den, und wo man dran ist, Tische umzu- 
schmeissen — aus diesem Moment kommt ein 
Sinn hervor, den jeder langst kennt, und den 
ungestort auszudenken jeder sich sdhamte. Hicr 
kann — — 

hier kann das bewusst werden , was 
wir Geist nennen. Unsere Wucht kann (kann) 
vorstossen. Unser Dasein kann einmal im Le 
ben ein Ziel haben: Alles Schwingen Ausser* 
Uns brennt blendend durch unsere Einzelheit 
hindurch! Gut — mogen einige hingehen, und 
darnach Fresken auf Kalkw&nde malen, dass 
nacli Jahrhunderten versprengte Volker noch in 
ihnen sich bejaht finden; es mdgen Leute diese 
Sekunde professionell vernutzen, um gdttlkhe 
Dramen zu schreiben. Doch sagt dies nichis 
fur die Schreiber und Maler, und alles ffir den 
Geist. Denn, horen Sie mich fur diesen Ton, 
den wir alle hassen, und der uns unsere Kind- 
heit vergfillt hat, als wir begannen zu denken. 
Hflren Sie mich fur den Ton „Frei“. Wie soil 
man das sonst nennen, dies lebendige Gewachse 
das — nicht mit dem Definitiven, dem Festge- 
stellten, dem in uns alien Gegebenen; mit den 
Resultaten nicht verkittet ist; nicht wolkig darum 
brutet, um Realismen oder Mystizismen zuzeu- 
gen. — Sondem diese helle, unzweifelbare, nim- 
bische Kraft, die von den Resultaten erst aus- 
geht, die sie nicht bildet oder umbildet, nidit 
ausseres oder inneres Ding produziert. — Son- 
dern das Oegebene* leizt Erschienene, Befass- 
bare . . . ienkt. Lenkt: des Gelenkten Orga 
nisches erweist, sein Wirkungsf&higes. Seine 
Latenz zum Zusammenhang. Da wird das Ge- 
gebene, das Ding, das Kdrperhafte mit eineni 
Mai zum Sammler der Krkfte; zum Bild; zur 
Haltung, unter der man iiebt und hasst. Zum 



347 



DIE AKTION 



348 




Gleichnis, das zu fiihren s c h e i n ( und mit 
dem wir in die ewigen Katastrophen der Em- 
porung sturzen (und das uns zur religidsen 
oder politischen oder sozialen Draperie wird). 
Wie soli man das sonst nennen, das die triim* 
merhafte Zufalligkeit der Massendingc in Not* 
wendigkeit zusam men z wing t, nicht durch Quan- 
titatives, Gleichebenes, Stufung, Entwicklung; 

auch nicht durch „Einswei*den*\ — Sondern 
lenkend, lenkend, gerad aus unseren eigenen Ent- 

k6r per ungen, aus unserem Nicht-Bemessbaren 
und Unzeitlichen; zulctzt gesprochen, aus unsc- 
rcm Menschlichen. Was ist das, wenn nicht der 
Fi eie Geist. 

Wir sind beladen mit deni Cedachtnis an alle 
Klumpen des Mas&enhaften, an Daten dcs Re- 
alen, welch c alle der freie Geist als Bilder und 
Kulissen bewegt, hingeworfen, unigeschoben hat. 
Allcs Ding, das iticht belcbt ist, wird ja fur 
uns alt urn! abgeb ranch t scin. Daruin nur 
schien uns das Feuer und der Wind, und das 
Meteor und der Blitz, daruin dunkte uns das 
Schopferische, der Geist dcr frei lenkl, alt und 
veibraucht, 

Doch klar zu sein, dass dies da ist, der freie 
Geist; und mit Witten und Bewusstsein, im 
schwunghaftcn Hcrunterstreifen alter eitrigen 
Hcmmuugen, die uns Jahre auf der Haut brann- 
ten, laut zu nennen: was wahrhaftig in unsercr 
Wdt schafft — ist das noch grosser Mut? Es 
ist nur eine (Confession. 

Mortal Man. In der neutralen Stadt Paris. 

Ludwig Rubiner 

Glossen 

ICH BITTE UM EIN DEMENTI 

Die es wissen konnen, behaupten: 

Die neue Wehrvorlage wird deni Reichstagc 
auch die Wiedereinfiihrung der dreijahrigeti 
Dienstpf licht zumuten . 

Die es wissen konnen, behaupten: 

Dies? inhaltsscawere Vorlage wird zuriickgehal- 
ten werden, bis die preussischen Landtagswah- 
len voruber sind, um (wortlich:) — „den Par- 
teien der Linken die Mdglichkeit zu nehmen, 
die iin Reichsinteresse not wen digen Forderun- 
gen der Regierung in einer die Wahler irrefiih- 
renden Weise auszunutzcn." 

Die es wissen konnen, behaupten: 

— — Doch genug. Erst sol leu diese zwei 

Punktc nicht dementiert werden. Dana wolleu 
wir weiter sehen, Ich hoffe, die Presse wird 
meine Bitte um ein Dementi un terstutzen . . . 



GRETE WIESENTHAL 

In leiser Delice schwebt sie an den Saulen. 
Abends — im Hebbel-Theater — sietanzt; h in- 
ter Git tern glitschig geturmter Haartouren, wo 
der Vorhang ihr gelegentlich den Kopf abreisst; 
fliesst sie iiber blauen Segeln, seligstem Thron 
(wahrend mich auf der Galerie sixtinische Da- 
men beklemmen). Befreit, straft sie die gleich- 
massig verfettetc Musik Ltigen: transparentc 

Dreiecke der Ellbogen steiger. empor; der Hals 
wie eine gewundene Saule; o Schmerz der flat- 
ternden Gelenke; einen Dolch stdsst sic die 
Hand an den Griff des Lichtgefasscs, das sic 
iiber Eros 1 Schlaf tragt. In Bogen streben die 
Arnie iiber sie. Und sie flammt zu dem Gott. 
Als weit ein Dunkel hereinflackt, sie verweld 
und zerreisst; treibt das allzu gierige Licht zu 
der Feststellung, dass Hofmannsthal einen Vor- 
gang, der dcr Worte entrat, fiir eine Pantomime 
halt. Aber zwisclicn Schatlcn wiihlen die 
Beine des Madclicns hi nab in die Trunkenheit 
der Ncbehnccre. Wiedcr werfen, die dicSchwcr* 
kraft zur Sonne zuriickzieht, Gelenke, zci- 
brochenc, sich an die vcrgleitendc Gewissheit. 

In einer Pantomime, in der Hofmannsthal ein 
Madchen, das Rauber als Koder beniitzen, dent 
Gefiihl rettet, indem cr es als gestohten u;id 
missbraucht dem Mitleid preisgibt: aber die 

Hande Grete Wiesenthals fallen aus den Gelen- 
ken, verschlossen taumelt sie. Bis ihr cine 
Schnapsftasche als Quelle alter Moglichkciten in 
die Hand gedruckt wird. Und von keiner Mauer 
bedrangt steigt iiber die Tiirme ein Springbrun- 
nen, mit Sternen spielend, wehend im Blau. — 
Tausendmal von der Angst der Winkel und 
Mauern Ueberwundene, Freunde, die Ihr dies 
M£dchen liebt, hort Ihr auf, Euch um das 
Leben zu kummern? 

Das Ende der Pantomime ist mehr fiir die 
Mitleidigen. Aber noch einmal entbrennen hin- 
ter Segeln alle Weiten; o Fieber der Palastc, 
Gold und Floten. Noch einmal ging iiber dic- 
sem Theater a bend die Sonne auf. 

Therese Bauer 



DAGNF. 

Eine Frau wird Jahr um Jaltr geschmaht. Von 
dem Gesindef, das sicli um Kultur inulit, von 
Literatcn, Frauen, Profcssuren, Studenten, von 
Poleii, Schwcden und Dcutschcn. Eine blonde, 
blasse junge Frau. 

Sie kam zu einer Zeit, da man sich anschickte, 
den neuen Menschen zu suchen. Sie haft e die 
Erkenntnis, die Gewissheit, den siegjubelnden 



DIE AKTION 



349 

Erfolg, sie kam mi t ihrem singenden, spietenden, 
brausenden, heulenden Blut, und jubelte zu de- 
nen f die den neuen Menschen such ten. 

Es waren da zwei Manner, die urn dieser Er- 
kenntnis willen sich zerfleischten. Ein Nord- 
lander, schwerfalhg, knetend, verbissen und doch 
voller Gluckszuversicht, und einer mitdemBlut 
der Steppe, mit fiebernder Sehnsucht und eksta- 
tischen Schneien, gluckstrunken und zweifelnd. 
Sie fuhlten Dagne, aber sie verstanden nicht 
ihre Aengste, Bitten, Tranen, Fiuche, Fusstritte. 
Sie waren die, die am reinsten gesucht batten, 
Menschen und Dichter, sie verstanden sie nicht, 
aber sie g I a u b t e n. Sie waren Menschen und 
Dichter, gehetzt, voll qualender Ahnungen. 

So kam es, dass einer sie in sich hinein trass 
und blutend ausspie, die Fauste halite, wah- 
rend der andere chaotische Hymnen in zerfetz- 
ter SchOnhtit schuf. So kam es, dass, als sie 
Kinder gebar, der eine kalt von dannen reiste, 
sich aus deni Hammern der Rader eine stahl- 
harte Hulle schlug, wahrend der andere heu* 
lend zu ihren Fussen sciirie und sich selbstver- 
gass. 

Sie selbst w o 1 1 1 e n sich nicht verstehen. So 
kam es, dass sie wie Kreaturen und Liter&ten 
sic)i gegenuberstanden, den Hut in der Hand, 
voller Bosheit und vergiftenden Lugen. 

So kam es, dass der eine l&chelte, als der an- 
dere starb. 

Dagne aber war tangst von ihnen gegangen. 
In einem elenden Hotelzimmer im Kaukasuser- 
schoss sie sich und einen harmlosen armse- 
ligen Studenten, der sie um ihretwilkn liebte. 
Es war wie eine Tandelei, sie ging l&chelnd, 
ohne Grass und liess der blinden, tauben, fau- 
len Menge ein Fragezeichen zuriick. 

Und doch waren die beiden Manner Menschen 
und Dichter. Die Welt kennt ihre Verzweiflung 
und Liebe, und noch will fast nieniand ver- 
stehen. Es gibt noch Leute, die in ihrem ver- 
bitterten und knirschenden, taumelnden und 
schreienden Tanz um die Tote dieses singeiide, 
spielende, brausende, heulende Blut nicht fuh- 
len. Die nicht horen, dass es das tranenerstickte 
Gebet eines reinen, grossen Menschen ist. 
Man grabt in Briefen und literarisch verseuch- 
ten Erinnerungen, man hat den einen, noch ehe 
der andere starb, lebend begraben und sich die 
Ohren zugestopft, man beschmutzt Jahr um Jahr 
eine Frau, die ihr Blut fur uns alle hingegeben 
hat 

Bande! Franz Jung 



350 

Mein Haus 

Von Ludwig Rubiner 

Um mein Haus sind Strassen, Kreise von 

Brunnen. Plakatsaulen. 
Gemuseladen. Uhrmacher mit Schmuck. Finstere 

Brunnen. Plakatsaulen. 
Polizisten stelin vor Theater n. Die Untergrund- 

batin sturzt in ihren Kocher. 
Weisse Kellner mit Tassen. Zeitungsjungen 

laufen. Kutscher reden zu Gaulen- 
Unter der Briicke fahren Dampfcr durch 

gemalte Lam pen. 

Kaufleutc winken vor den Tiiren. Die 

Backereien dampfeu. 

Menschen stelin um einen Ueberfahrencn. In 

geheizte Kirchen gehn Gepacktrager. 

Atte verteilen Zettel. In Gerichtssalen sprechen 

und schweigen Klager. 
In Trompetenwagen sitzen Frauen mitSchleiern. 

Frauen verkaufen Kastanicu an Ecken. 

Menschen unter Kuppcln sehen nach Stenien . 

Finder rechneu auf Papier Formeln. 

An den Lichtern in Zimmern sitzen Denker 

gekriiinmt und lnurmchi. 
In den Tanzsalen lachclt man. Einbrecher 

konimen aus Verstecken. 
Einsame ini Schatteu essen schnell Brote. 

Geldhauser werden geschlossen. 

Menschen mit Sacken suchen Weggeworfenes. 

Emporer lesen Reden. 
Paare sitzen an Tischen und streiten. In Hotels 

erschiessen sich Menschen verdrossen. 
Die Sonne ist auf und untergegangen. Der 

Mond ist oft zu sehen. 
In bewachten Krankenhausern liegen Menschen 

auf niedrigen Kissen . 
Hinter Tiirmen von Kasernen treten Soidaten 

mit groben Handen 
Man peitscht geschwachte Menschen 

festgeschnalit in den Gefangnissen . 

In kalten Wohnungen sind Greise, die 

jungfrauliche Kinder schanden. 
Es klingett in roten Fabriken, Mude losen 

siedende Pfiffc. 

Ucber alien und ucuen Dachcrn drehn sich 

gel be Luftschiffc. 

Auf grtincii Fischteichcn /.icheti die Ruder cr 

Netzc und Schniire 
Bet tier mit Biindeln schrciten auf Lehmwegen 

um spitze Steine und kalte Regenlachen. 
F.in Fleischer tritt vom Wagen in eine auf* 

geklinkte Ture. 




10 



DIE AKTION 



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Hunde bellen schrill auf einen Judcn miteinem 

Pack alter Sachen. 

In heissen Feldem zerren gebuckelt braune 

Bauera. 

In breiten WSldern schlafen Arrae und 

Brandatifter. Ea 1& rmt von Holzhauern. 
Ueber weisse Meere mit Kabeln werden 

Auswandererschiffe auf und nieder gebogen. 
In langen L&ndem werden die Hungrigen 

ennordet. Hauser fallen grau um. 

Menscben im nassen Blut unter spitzen Kanonen 

baben blaue Messer gegen 
schwere Pferde gczogen. 
Zerquetschie liegen unter halben Balken. Ferne 

Telephonzellen sind stumm. 
Eingehullte mit alten Flbiten scbiessen knochigc 
Tiere auf kalten Meilen im Schneegestraucli . 
Auf weiten Oeden leben Verlassene in Unrat 

und H5hlen ohnc Oerausch. 

In Affenparadiesen springen nackte Sqhwarze 

durchs blaue Licht. 
Oolfmeere fliegen mit Flaschen und Schlamm 

zu Inseln und Muschelketten. 
An kleinen Dachem auf wackligen Strassen 
besprechen alte Frauen das Mittagsgericht. 
Vor geordneten Zeitungssalen erwarten steife 

Raucher den Ausgang der Wetten. 
Die Brieftrager fuhren dicke Taschen auf runde 

Treppen. 

SchlAfer triumen Oder sind bleich. Laute 

Lastkutscher schteppen. 
Eilige gehn iiber dunkle Steine, Wagen gleiten 

auf Strassen. Mein Haus. Aus 
dem Schomstein steigt Rauch. 
Umher sind Sonne. Mond. Die Abendsterne auch. 

Aus dem Tagebuch 

Von Nikodemus Schuster 

Unlangst sah ich in einem Varied eine Sangcrin 
ein Couplet mimen; es handelte von ihrem Lieb- 
haber, (ten sie erwartete, und was sie mit ihm 
machen wurde. Man war vollkommen im Bilde. 
Ich bin uberzeugt, drei Viertel der Zuschauer 
machen es im Leben genau so wie die Dame 
da oben, oder werden es so machen oder wfir- 
den es so machen, wenn der Liebesfall dntrate. 
Nicht weil die Dame genau das Leben niimte, 
die Natflrlichkeit, — mir kam alles sehr unna~ 
turlicb vor und albern. Und doch war es das 
Leben. Die mehreren Menschen beziehen nam- 
lich ihre Leidenschaften oder mindestens den 
Ausdruck dafur, Mimik und Vokabeln, ausdiesen 
sonderbaren auf alterlei Buhnen vorgemachten 




Zwittergebilden, balb CJkM, hatb Wirkllchkeit, 
und diese Gebilde fallen in das Leben der Mei- 
sten und werden da wirklich. Die meisten Men* 
schen leben P&stichen. Nicht nur in der Politik, 
sogar in der Liebe. 

Es war sehr schamlos was die Dame da oben 
machte. O, nicht so, dass Mutter nicht ihre 
Tdchter . . . o nein, in dem Sinne war esganz 
so korrekt wie es nur immer eine um das Wohl 
der Burger besorgte Polizei verlangt. Und doch 
war das schamlos. Es entblGsste die Seek von 
gut drei Viertein der Anwesenden, die gar ntehts 
dagegen hatten, dass man ihre Intimitftt vor* 
fuhrte. Im Oegenteil: sie warm sehr emverstan* 
den damit und passten gut auf, dass ihnen kem 
Detail entginge, das ihnen ja gehdrt, aber in der 
Uebung noch nicht vertraut war. 

An diesen Variftfeindruck musste ich denken, als 
ich eben ein Buch aufachlug, in dessen Vorwort 
der Verfasser sich entschuldigt, eine Uebesge- 
schichte geschrieben zu haben, was eine bedau* 
emswerte Beschaftigung sei. Muss man dem 
Manne nicht Recht geben? Man wird es sicher 
einmal. Ich glaube, es wachst eine Generation 
heran, wdcher die durch die erotische Pursche 
ctwas verfallcne Intelligenz verd&chtig und ver* 
achtlich vorkommt. Die ehemals so betiebten 
Trinklieder warden von Untersuchungen fiber die 
Trunksucht und die Siuferleber abgeldst Die 
Liebesromane werden dassdbe Schicksal durch 
die Analysen der Freudschuler erfahren. Denen 
ja jetzt schon jede Liebesgeschichte nichts sonst 
ist als ein pathologisches Paradigmaa. Ichkann 
mir ganz gut eineZeit und eine keineswegs feme 
Zeit denken, die den Lidbesbeziehungen der Ge- 
sdilechter ein ebenso geringes Interesse entge- 
genbringt wie der Verdauung oder den sonstigen 
Kdrperfunktionen, iiber die kein schdngeistigcs 
Gerede ist. Eine Zeit, in der man es taktlos 
finden wird, wenn einer von der Liebe spricht. 
Und geistlos, wenn einer iiber Liebe einen 
Roman schreibt. Das Thema wird in die mcdi- 
zinisdie Literatur fallen. 

CLEMENS BRENTANO ZUM OEDAECHTNIS 

Patiens virgo Catarina — 
dulcc gliscit Tua vox: 
tarn sollemnis noctium nox, 
cfflorescit tarn divina. 

Mox patescit haec sementis! 

Jesus pastor pasrit nos . . . 

Flam mans crescit Tuum os 
inter lacrimas Ckmentis. 






353 



DIE AKTION 



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N. M. 

Intipit ver! Jubilate, iuventus! 
Zephyrus roseus, rosddus ventus 
ludtt solaribus tuis capillis, 
hidit, amicola, mentibus illis, 
quae oriuntur Aprile . . . Aprile, 
cor rigorosum inflammant virile! 

Nuda, o filiola, tua labella, 
mammas duldssimas, omnia bella! 

Ride hi-hi! ride ha-ha! 
omnia nuda et oscula da! 

M. J. 

Intelligisne hunc latentem sensum, 
me turbulenia occupantetn hora? 
Firmismme amato me! et mora 
secretum hoc intelleges immenaum! 
Secretum unum infinite pensum: 
te amat Amor! floribus decora, 
ftorente virgula, venusta Flora, 
cor Virginia, re nulla deprehensutn! 
Decora te! decora me! amata! 
nos lucida exspectat fetix via, 
poetica, iuventa odorata . . . 

Tu! ! Tibi credo, soror mea pia! 
in terris, in excelsis es beata, 
o Domina, Madonnola Maria! 

Gustav Specht 

Friedrich Hebbel 

Von Rudolf Kayser 

Er 1st in mancher Hinsicht der Reprasentant 
seines Jahrhunderts. Er war voll von Aktivi- 
tften wie seine Zeit und wie diese anschlusslos 
und auch von aussen vereinsamt Er war, wie 
sie, von Grund aus politisch, indem er der Tat 
mehr bedurfte als der Melodie. Sein Denken 
strebte nicht zum System, woltte keine Stutze, 
keine Weltanschauung sein, sondern rein pro- 
gress! ver Trieb, zweck- und abschlusslos. Er 
suchte keine Stellungnahme zu Vergangenheiten, 
sondern strebte vorwlrts, urn fiber den Moment 
binwegzukommen und selbstherrlich weiterbauen 
zu kdnnen. Er 1st grfiblerisch, schwerfillig und 
konstruktiv wie sein Jahrhundert, das nicht von 
sich loskommen konnte und im steten Schwan- 
ken zwischen Reaktion und Revolution den An- 
schluss an sein Gestern und Morgen zu verlic- 
mi drohte. 

Am Ende seines Lebens grubelt Hebbel fiber 
die Berechtigung seiner Sehnsucht und ihrerEr- 
fullungen und schreibt an die Sidle seiner frfi- 
heren Gdtter den Namen, der einige Jahrzehnte 
vorher den Studenten Hdnrich Klelst bis in den 




Lebensnerv zu zerstdren drohte. Statt Ooethc: 
Kant, sagt der altemde Dichter und sein Jahr- 
hundert spricht es mit. 

Wir sind erst jetzt dahin gekommen, dasWesen 
dieses hundertjahrigen Ringens zu erkennen, wie 
wir auch jetzt erst das Werk Hebbds verstehen. 
Ein Zug geht durch die heterogenen Elemente 
dieses (nun beschlbssenen) Zeitabschnittes, ein 
Licht glanzt fiber die tausend Augen seiner Fra- 
gen und Konfllkte: grausend, taumelnd, inqual- 
voller Sehnsucht. Unter den fruheren Weltan- 
schauungen und Dogmen hatte es sich verfluch- 
tigt, doth diesem Jahrhundert, das dem Ererb- 
ten den Rucken kehrte, kam es wieder: dasEr- 
schrecken vor dem Leben! Man hatte emsthaft 
und grundlich philosophiert, ob es Substanz, 
Einheit usw. sei. Docfa jetzt packte es einen 
selbst und tragic nach seinem Sinn. Das war 
das Neue: dass man das Leben nicht mehr als 
etwas Gegebencs nahm, sondern als einen schdp- 
ferischen Prozess, ate ein Grdnen von Inhalten, 
denen gegenfiber man nur die Fragen fcennt: 
Warum? Weshalb? 

Friedrich Hebbel wurde in diesem Sinne der 
Drainatiker des Lebens, wie Fichte, Nietzsche 
und Bergson Philosophen des Lebens sind. 
Vorher brachte man es in seinen Inhalten, Zu- 
filligkeiten und Einzelfallen auf die Bfihneoder 
wie bei Shakespeare als Historic, ate sich ent* 
wirrendes Chaos. Hebbel brachte es selbst, als 
schdpferische Macht, als Wtllc, der in Menschen 
sich individualisiert. Er sagt: „ Meine Stucke 
haben zu viel Eingeweide, die der anderen zu 
viel Haut*; seine brauchten eben nicht die iso- 
lierende und percipierende Haut. Hiebbel erfin- 
det nicht, sondern deduderi, ihnlich wie die 
attische T ragddie, nur ganz anders. Er steilt 
die Menschen in die Strfimung und sieht zu, 
wie sie es ertragen. Er gibt Schicksale, die nicht 
seelische Verwicklungen sind, sondern Ausein- 
andersetzungen mit dem Sein. Er gibt den 
Menschen Realitaten in die Hand, damit sie an 
ihnen fuhlen, dass sie sind, und alle Schicksale 
und Perspektiven gehen auf diesen einen Punkt, 
wo die verschleierie Maja thront. 

Wir sind durch Ibsen zu Hebbel gckoimiien. 
Wollte man bdde in den wesentlichen Bindun- 
gen charakterisieren, so konnte man sagen, 
dass der erstere mehr das Letandige, der zweitc 
aber das Leben gibt, dass Ibsen das Allge 
meine im EinzeUall, Hebbel das Einzelne im 
Allgemeinen sieht, dass der Jungere durch Er- 
fahrung, der Aeltere durch den Begriff das 
Sein erfasst. 






355 



DIE AKTION 



P 



356 



In Hebbefs Tagebiichem lesen wir: „Das ganze 
Leben ist ein verungluckter Vesrsuch des Indi- 
viduums, Form zu erlangen" und „Unser Leben 
ist der aufzuckendc Schmerz einer Wunde". Auf 
derartige Feststellungen kam es ihm an. Scin 
Werk will nichts anderes als dies: die formen- 
den Gewalten erschliessen, die trerbenden Stiir- 
me des Paseins geben. Er wahit dazu den in- 
direkten Weg, indem er die Menschen ihr Sein 
erschaffen und aufbauen lasst. Doch der Schluss 
ist stets die Erkeintnis dessen, was sie getrie- 
beu hat: dies G^schopf-Sein, wo man selbst 
schafft; dies Gewollt-Sein durch eine ausser dein 
ich liegende Macht. Wenn das Leben Schmerz 
ciner Wunde ist, so ist es das Produkt desje- 
nigen, der die Wunde schiug, und hat in ihm 
seinen Sinn. Und das ist das Dramatische: dass 
di$ser crlittene Schmerz notwendig das Leben 
schafff } dass dieser vom objektiven Widen 
Icnkte Vcrsucti zur Form schlechthin das Leben 
ausmacht . . . 

In der Art dcs Charakterisierens zeigt sidi dicse 
Auffassung. ilebbd zeichnet die Menschen nicht 
durch psycliischc Bcwegungen, egoccntrischc 
Seelenvorgange, durch all das Zerwehte und 
Durchk&mpfte einer Menschenexistenz. Er gibt 
die Gestalten nicht in ihren subjektiven Mog- 
lichkeiten, sondern als die verschiedenen M6g- 
lichkeiten des Lebens uberhaupt. Er stellt sei- 
nen Menschen Ziele, die nicht die Entfaltung 
von Person I ich keiten bewirken sollen, sondern 
die des Willens, der ihr Leben schafft. Holo- 
femes sucht sich seinen Feind, nicht tun seine 
Krafte spielen lassen zu konnen, sondern um 
sich an diesem Widerstande zu erkennen. Judith 
lebt und zerbricht durch ihre Tat. Golo ist 
nicht schledht, sondern er wird ein Schurke; 
sein Leben ist schurkisch. Er tritt vor Gott und 
fragt nach seinem Schicksal: „Er aber tat ein 
Wutider — und warum? Damit in mir der 
Schurke reifen kann.“ Er wird zum Teufel, weil 
er leben soil, sonst hatte ihn Gott von der 
Turmspitze herabgesrtirzt. Herodes will Mari- 
amne nach seinem Ende tdten lassen, nicht aus 
iiberinassig eiferstich tiger Verantagung, sondern 
weil er die Sicherheit seines Lebens, die ihm 
Marianuie gibt, erst vollauf besitzt, wenn sie 
nach seinem Todc noch Giiltigkeit hat. 

Wenn Ibsen Sytnbolc gibt fi'ir mcnschlichcs Wol- 
len, so gibt Hcbbel Symbole fur das Leben, fur 
den Wiilen. Und da das Wesen des Symbols 
nun einmal „abslrakt“ ist, so sind es bei Ibsen 
die Handlungen, bei Hebbel die Menschen, die 
abstrakt erscheinen. 



Das Leben als Form: diese neue Stellungnahme 
bedingte auch eine neue ethische Wertung. Da 
nicht die einzelne Individuality in Fragesteht, 
sondern das Lebens-Symbol, das sie darstellt, so 
ist auch ihr Handeln kein Wertmesser und For- 
derer ihrer Eigenart, sondern: die Manifestation 
des Willens, die Erfullung des Lebens. Daher 
ist es fur Hebbel gleichgultig, „ob der Held an 
einer vortrefflichen oder verwerflichen Bestrebung 
scheitert". 

So stehen die Menschen Hebbels auf einer 
Biihne, die abstrakt und ideell ist, weil Trago- 
dien auf ihr gespielt werdeu, deren Stimmungen 
( uberpersonlich und ubermenschlich) einem Jahr- 
hundert entstammen, das die Frage nach dem 
Sinn des Lebens am starksten erschiitterte. 



Der Fremde 

Roman von Rene 



(20. Fortsetzung) 

S c h i c k e 1 c 



Dann schritten sie schweigsam dureh leere 
Gassen, zwischen starren Hausera, unter dem 
dunkeiblauen Himmel, der mit winzigen weissen 
Sternen gespickt war. Manchmai fuhr einlanger 
Windstoss tib er die DScher hin, die ganze 

Strasse erschauerte, irgendein Fensterladen ruhrte 
sich leise. Und die Stille der Nacht, in der 
gleidunissig und so verloren das Echo ihrer 
Tritte wanderte, senkte sich lastend auf Paul 
herab. Aus dem Weiten kam es, aus dem Ster- 
nenraum, und vereinsamte ihn . . Es war seine 
eigene Atmosphare, die sich dicht um ihn ge- 
schlossen hatte, und in der er schritt, in der 
er fuhlte. Er dachte: das sind die N&chte, in 
denen die Gedanken der Wachenden laut wer- 
den . . Laut, laut! Ein Hellhdriger musste 
ihren wirren Chor zwischen dem unendlichen, 
bestimten Himmel und der bteichen Erde ver- 
n eh men. Es sind die Einsamen, die traumen und 
denken. Das ist sie, die Sprache der Erde, die 
da ins Leere, ins Dunkle hinaufsteigt. Kein 
andres Gehim auf Erden hat diese Macht! . . 
Er war der Mensch, losgeldst von den Zu- 
fallen des Einzelwesens, er war nichts anders 
mehr, als der reine Mensch, die Gattung . . . 

Und hatte in der Welt niemand neben sich und 
liber sich keinen Herm. Es war gerade so, als 

ob er tot ware. Jedes Band, das ihn mit an- 
dern Wesen, mit so vielen zusammengehaften 
hatte, war gerissen. 

Nirwana . . 

Paul lachelte. 

— Nein, ich denke, das ist der einzige Tod, 
den ich fassen kann: dass ich mich losgdM 



357 



DIE AKTION 



358 



denke von allem, was ausser mir ist. Ich muss 
kampfen, dass ich ein soldier Nachtwandler 
werde im Leben . . Dann bin ich unverwund* 
bar, und mein Gluck hort nicht mehr auf zu 
singen. Ich muss ein unglaubiger Heiliger 
werden . . 



Sie gingen iiber den Boulevard Montmartre. 
Der Weg zwischen den B&umen war ganz 
finster, unfdnxHge Schatten bewegten sich schwer, 
wie etwas Versunkenes darin, wie etwas, das 
ertrunken ist, und das nun die Seepflanzen fest- 
halten; aber am Ende fiammte, wie ein Fanal, 
das Kaffeehaus zwischen den Baumen. 



XIV. 

Calott sass in einc Ecke dcs Sofas gedriickt und 
rauchte mit Aufmerksamkeit seine Zigarette. Er 
warf eineu Witz unter die Gesellschaft und 
lachelte dann verschamt vor sich hin. Wenn er 
mchr als zehn Worte sprach, war cr bernuht, 
seine Stimnic hart zu machen. Aber es gelang 
ihm nie; unruhig und verwirrt erzahtte er zu 
Ende. Die Art, wie er die von ihm entkleideten 

und verrateuen Geschopfe init den lieuchlerischen 
Taillen ansah, war eher angstlich. Er zuckte 
zusammen, wenn cine auf ihn zukant, aber so- 
bald sie ihm den Rticken zukehrten, verfolgte er 
sie mit einem lan gen, fest anliegenden Blick, 
der von den Gestalten einen sorgfaltigen Ab- 
druck zu nehmen schien. 

— Ich male nie, erklarte er gerade einem hohen 
Weib, dessen Busen dicht iiber seinem Gesicht 
hing. Ich projiziere meine Bilder direkt auf die 
Leinwand. Das Verfahren ist mein Geheimnis. 
Tartre, den man unterbrochen hatte, drehte sich 
unwillig urn. 

— Kind, geh schlafen, riet er vaterlich. Du 
kanns * doch nicht jede Nacht so lange auf- 
bleiben. Der ganze Teint geht zum Teufel, — 
und er 9etzte Paul neben sich auf einen Stuhl 
und fuhr fort. Ein Dutzend Gesichter, die Paul 
im selben Augenblick hasste, da er sie hier 
wiederfand, sah gespannt auf den Dichter, dessen 
aulruhrferische Unentwegtheit in Verbindung mit 
seinem Haarwuchs durch die jahrelangen Be* 
muhungen von Witzblattern und Gerichtshdfen 
zu einer gewissen Autoritat gelangt war. 

Nieland isolierte sich, indem er den „Gauloi$“ 
zur Hand nahm. Als Tartre ihm wegen seines 
reaktion&ren Spleens den iiblichen Verweis er- 
teilte, tat Nieland mehr, als er sonst zu tun 

pflegte. Er bestellte nicht nur einen Punsch fur 
Tartre, sondem er verlangtc noch ausserdem 



den „ Figaro", den „Temps", das „Echo dc 
Paris", kurz, alle konservativen Blatter, die er 
kannte, und zitternd in einer Aufregung, die 
niemand verstand, schwor er, nicht eher zu 
ruhen, bis die gesamte konservative Presse vor 
ihm iage. Er hahe das wuste Gcschrci salt, 
fiigte er halblaut hinzu. 



Tartre kiimmerte sich nicht darum. Er sprach 
vom Generalstreik. Calon lachelte iiber seine 
Zigarette und erledigte seine kleinen Audienzen, 
indes Nieland alle filnf Minuten dem Kellner 
den Namen eines Blattes zurief und allmihlich 
seine Sammlung konservativer Blatter vervoll- 
standigte. Zehn Menschen tauschten politische 
Ansichten und extravagante Psychologien aus, 
mit denen sie sich im Laufe des Tages versehn 
batten, jeder bestrebte sich, seine eigne Formcl 
zu produzieren, an einer fixen Idee zu leiden, 
starker, kranker, eigentumlichcr zu crscheinen, 
als er war. llnterdesscn ging in Paul folgendes 
vor: 



Ailes, was ge&proclien wurdc, wandte sich mil 
geschliffenen und blitzenden Messern gegen ihn. 
Er sass zusainmengekrampft und den Blick un- 
verwandt auf diese innerliche Metzelei gerichtet, 
in der sein Ehrgeiz, seine Licbe, die Sehnsuclit 
und alle Kraft verbluteten. Diese Menschen 
sind Idioten oder Kranke, dachtc cr. Aber jede 
ihrer Aeusserungen gehort irgendwie mir, gc- 
hbrt zu meiner Vergangenheit oder Gegenwart 
Es war ein groteskes, ein barbarisches Ma- 

rionettenspiel seiner unwillkiirlichen Regungen 
und der bedachten Gefiihle, eine aufdringliche 
Satire, die sein Wesen in hdhnischen Verzer- 
rungen wiedergab. Welche Unzucht! Welche 
Qual! Und die Qual war doch das einzige, 
wodurch er jetzt eben lebte. Er klammerte sich 
an diese let zte Hoffnung, dass er sich leiden 
ftihlte, sinnlos, ohne Ende. Er starrte auf den 

Zug der Fratzen und sog alle Hasslichkeit aus 
ihnen mit langen zitternden Blicken, die manch- 
mal das Bewusstsein verloren und jah auf- 
schraken. Sagte jemand etwas Prinzipielles, so 
merkte Paul sogleich die Schwa che, die verdeckt 
werden sollte, er erkannte die Hasslichkeit, die 
verschdnt, die Qual, die verleugnet wurde, und 
hi liter a Hein ftihlte cr die angst! iche Unsicherheit 
der Menschen, die inimer nur vor dem lauern* 
den Ungetimi in ihrem Innern ztiruckwichen, der 
Verzweiflung, die sie zerreissen wollte. — Herr* 
gott, wie konnten sie nur diese Todesangst er* 
tragen?! Und er fragte sich, woher die Men- 
schen den Mut nehmen zu leben, wie iiberhaupt 
der Mensch in der Welt moglich sei. 



10 * 




359 



DIE AKTION 



360 



Er wollte gehn — nach Hausc, sich angekleidct 
aufs Bett werfen und schnell einschtaien! Aber 
er konnte sich nicht fortreissen. Er war zu 
miide. Und dann der entsetzliche Heimweg, das 
schale Wiederkauen der Eindrucke des Tages, 
wenn man halilos all dem Widerlichen ausge- 
liefert ist: Satzen, die im Ohr eitern, Oesichtern, 
die didst vor einem grimassieren, und vor ailem 
seinen eigenen Erbarmlichkeiten, . . der Scbam, 
der Selbstverachtung — Es war unmdglich, dem 
zu entrinnen. Man lag dann zu Hause im 
Dunkel mit ausgebranntem Gehirn und so er- 
schdpft, dass man glaubte, nun konnte irgend 
so ein gutgefuhrter Dolchstoss einem ganz 
gleichgultig sein, man dachte nicht da ran, sich 
zu wehren, wahrend man zugleich keinen 
Augenblick daran zweifelte, dass sich nur ein 
menschlicher Schatten neben dem Bett zu er- 
heben brauchte, um einen alsogleich in ein 
angstvol! sich wehrendes Tier zu • verwandeln. 
Man lag und lag im Dunkel und walzte sich 
herum und wartete lauernd, fiebemd vor Un- 
geduld aui den Augenblick des Erldschens, auf 

den Schlaf, auf die Vernichtung Ob nicht 

einmal der Abend kame, da man die grausani 
zogemde Vernichtung in eincr jahen, unwidcr- 
ruflichen Bewegung der Uugeduld gewaltsam 
beschleunigte? . . 

Aber nun begann Tart re ihn auf einc besondere 
Weise zu interessieren. Es war etwas in seiner 
Stimmc, das ihn fesselte, und nicht nur in der 
Stimme . . . 

(Fortsetzung folgt) 



Literarisdie Neuersdieinungen 

PETER ALTENBERO, } ,Senunering 1912“ Skizzen. (Berlin, 
S. Fischer, Verlag.) Oeh. 3 50 M, geb. 4 50 M. Es sind 
janz kletne Sachen, klein dem Umfang nach, und wie in 
alien seinen fruheren Blnden spaziert eine ganze bunte 
Welt vor diesem Adam vorbei, der ihr die Namen gibt. 
Ein HotetstubenmSdchen und eine Komtesse, ein Oesprach 
mit einem sechsjahrigen Madchen und eines mit der Mutter 
eines zwolfjahrijen Knaben, Bergschonheit und Stadt- 
schonheit, Oartenkultur und Hygiene, Toiletten, Wetter, 
Lebensform, Sterbensform, unversiegbare Freude an der 
Welt, unversiegbare Bitlerkeit gegen die Welt, — alles 
das bildet einen bestrickenden Reigen von Erscheinungen 
und Oedanken. Eines der kleinen Kapitel des Bucnes 
heiOt: „Noch nicht einmal Splitter von Oedanken"; aber 
das Buch ist iiberall von wirklichen Oedanken, von un* 
mittelbaren Lebensgedanken. E. W. 

Vomolizen 

fNur wtehtige NeueiSLheinungcn n etdco bin itiseicigt. Die Btibtcchutuc 

der tttuelnen Werke tolgt in den nflebaten Nummem der AKTION) 

ARTHUR SACKHEIM. Magnificat. Oedichte. (Verlag Carl 
Reissner, Dresden.) Qeh. Mk. 2. — 

PETER SCHER. Holzbock im Sommer und andere akluellc 
Lyrik. (A. R. Meyer, Verlag, Wilmcrsdorf.) 50 Pig. 



ALOES HILMAR HUBER. Per Llebe wunderlich Weseti. Eine 
Roman dichtung. (Xenlen -Verlag zu Leipzig.) Mk. 3. — 

ARNOLD ZWE10. Die Noveilen um Claudia. (Kurt Wolff 
Verlag frflher Ernst Rowohlt, Leipzig.) Oeh. Mk. 3. — 

FRANZ HELD AusgewaMteWerke. (verlag Eberhard Frowein, 
Berlin.) Oeb. Mk. 3.50. 

GABRIELE REUTER. Ellen von der Weiden. Roman. 
S Fischers, Verlag, Berlin.) Pappbd. Mk. 1. — 

THOMAS MANN. Der Tod in Venedig. Novelle. (S. Fisehers, 
Verlag, Berlin.) Oeh. Mk. 2. — 

ANNETTE KOLd. Das Exemplar. Roman. (Ebendbrt) 
Oeh. Mk. 330. 

Zeitsdiriftenschau 

DIE FACKEL. Her.utgeber Karl Kraus, No. 370 371 ealhalt : 
Der Automat; Olossen; Notizen; Olossen; samtliche Bei- 
trige von K. K. Preis 50 Pfg. 

DIE ZUKUNFT. Herausgeber Maximilian Harden, No. 24 fullt 
ein Essay (1813) von Haiden Preia 50 Pfg. 

PAN. Herausgeber Alfred Kerr, No. 24 enthilt: von Rolhkirch 
und Panlhen: Einige ernste Worte; emmy hennings: Jetzt 
muG ichl; Max Hermann: Verse; Herrmann Essig: Der 
schone Beck, Preis 50 Pfg. 

SOZIALISTISCHE MONATSHEFTE. Herausgeber Dr. J,Bloch. 
Heft 5 enthilt: Erdmann : Jesuitengesetz und die Liberalen ; 
Julius Bab: Hebbel; Max Hocndorf: Dichtkunst u. a. 
Preis 50 Pfg. 



Franz Blei-Abend der AKTION 

Der nachste Autoren * Abend der AKTION findel 
den 28. Marz im Salon Cassirer slatt. Franz Blei 
wird aus seinen Manuskripten tesen. Vorbestel- 
lungen auf Karten (4 5 und 3 M. t ffir Abonnenten 
k 3 und 2 M.) sende man umgehend an den 
Verlag der AKTION. 



* 



MITTEILUNG DES VERLAGES 

zweite Januar-Nummer 1913 erschien als 

LYRISCHE ANTHO LOG IE 

Ste ist dem Gedachtnis Georg Heyms gewidmet 
und enthilt: Beitrage von Hans Baas, Ernst 
Balcke, Gottfried Benn, Alexander Bessmertny, 
Ernst Blass, Paul Boldt, Max Brod, Arthur 
Drey, S. Friedlaender, Reinhold Fruhling, Max 
Herrmann (Neisse), Georg Heym, Kurt Hiller, 
Jakob van Hoddis, E. F. Hoffmann, Rudolf 
Kayser, Alfred Kerr, Willy Kusters, Alfred 
Lichtenstein (Wilmersdorf), Leo Matthias, Paul 
Mayer (Bonn), Alfred Richard Meyer, Erich 
Muhsam, Richard Oehring, Erich Oesterheld , 
Anselm Ruest, Ren£ Schickele, Mario Spiro, 
Ernst Stadler (Brussel), Hellmuth Wetzel, Alfred 
Wolfenstein. 

Uiese Sondern until icr ist vergriffen und kostet 
im Einzelverkauf 

I MARK 

Neu hinzutretenden Jahrcs- Abonnenten wird sie 
ohne Erhohung des Abonnements nachgeliefert. 



INHALT DER VORIOEN NUMMER: Franz Pfcmfert: Die Ungehemmten / Niko dem us Schuster: Aus dem Tagebueh — Brief 
an den licben Gott — Bei Mama; Ein Idyll / Ernst Stadler: Sommer / Ren£ Schickele: Der Fremde / Franz Blei-Abend 

der AKTION / Zeitschriftenschau 



M'rt 



WOCHENSCHRIFT FOR POLITIK, LITERATUR, KUNST 
III. JAHR HERAUSGEGEBE N VON FRANZ PFEMFERT NR. 13 



INHALT 

* * * Der Borsenbericht der grossen 

Presse 

Gerhard Kornfeld Der Kampf der Generationen 

Kurt Hiller Kolleg in Ophir 

Alexander Bessmertny .... Franz Blei 

Friedrich Eisenlohr Raubvogel 

Alfred Wolfenstein Krankes Wohnen 

Gustav Specht Die Liebesformel 

Rene Schickele Der Fremde 

Gottfried Benn Englisches Cafe 

Der Franz Blei -Abend am 28. Marz — Maximilian Harden — 
Die Jagd auf Bassermann — Mitteilung der Redaktion — 
Ueber das eigene Werk 



Heft 20 Pfg. 



Verlag der Zeitschrift Die Aktion Berlin-Wilmersdorf 






ADOtPH 
BURCHARDT S0HNE 



-JNHABEft ■ 
ERNST BURCHARDT 
KClPRHOf LIE FE RANT 
JACER5 TRj26H 










enfrvorfen *22 
PVIOF. BRUNO PAUL 






PROF EMIL ORUK 




.CURT TUCM j 



Phanomobil 




Ein Gebranchsfahrzeug allerersten 
Ranges, von grundsolider Arbeit 

Im Betriebe der weitaue billigete 
kleine Wagon auf dem Weltmarkt 

= Stark, komfortabel s 
vorzligi. gefedert, fUr sc h lech teste 
Strassen gut geeignet, ein ganz 
EE grossartiger Bergsteigerl = 

Phanomen-Werke, Zittau 

in Sachsen 




Behordlich festgestellt 



wurde, dass wiederholt auch in der letzten Zeit die Marken 

♦ Duke of York » Duke of Edinbourgh* 
♦ Konigin von Saba * 

gefalscht und nachgeahmt werden 

Wir warnen daher vor Ankauf dieser minderwertigen Nachahmungen 

Alle Qualitatsraucher wollen daher nur echte 

iiiiniiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiniiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiM^ 

Garbaty fordern 



iimiiiiiiiiniiiiiiiiiiiniiiiiiiiniiiiiiiiiiiiiiiiiiiniuniiiiiiiiiiiiiiiiiiiNtnH 







WOCHENSCHRIFT FOR POLITIK, LITERATUR, KUNST 

riTjAHBGANG I HERAUSGEGEBEN VON FRANZ PFEMFERT I ze . maerz ieia | 



J a L|; nn . M*ini»krlpte, Rezenskmj-, Tau»cb- 
l\CUui\IIUI I ■ ExempUre etc. «ind an den Heiaus- 
geber, Berlin -WHmersdorl, Naussauische Straws 17 
zu aenden :: :: Telephon Amt Pfalzburg Nr. 6743 
Unverlangten Manusk. ipten 1st Rflckporto beizutfigen 



Erscheint Mittwoch 



Abonnement: r.gVdjM^.^ 

Bucbbandlungen etc. Oder durcb Kreuzband gegen Mk. 
2.50 durch den Verlag der _Aktion“, Berlin-Wumersdorf, 
Naasauischestr. 17 c Konrmlaaionlr Oust Brauns, Leipzig 



DER BORSENBERICHT DER FRESSE 



Einer, der die „lnfo^miel1en ,, taglich bei der Arbeit 
sieht, schreibt mir diese Zeilen als Einleitung zu 
einer Artikelreihe, die den Handelsteil der „grossen 
Presse" auch fur nicht an der Borse Interessierte 
demaskiert. . . P. 

Die Borse ist eine individuelle Frau, sie lasst den, 
der sich einfuhlt, nicht zu kurz kommen. Der 
Kampf gegen Animierbankiers und Winkel- 
blitter, die hinter dem Zugehorigkeitsdokument 
Borse Worte wie Rundschau, Nachrichten, Post, 
Ratgeber etc. setzen, ist licherlich und verlogen. 
Diese Blatter wollen nichts verbergen, sie gehen 
mehr oder weniger drangend auf Inseratenfang 
aus, sie bekommen von den Grossbanken ihr 
Almosen, weil sie irgendwie mit dazu gehoren, 
und alles liegt often und klar — ebenso wie die 
Montagszeitungen oder die Berliner Wochenblitter, 
ob sie Roland, Salon, Herold, Kritiker etc. heissen, 
verdienstvoll fur jenen Tratsch sorgen, der unbe- 
dingt den Reiz einer schonen Frau vervollstindigt. 
Diese Casca, Artaxerxes, Silesius, Alins, Vasa 
etc. mit ihren ,,Kritiken“, Spaziergangen, Rund- 
ums sticheln, kitzeln und hetzen Personen oder 
Gesellschaften bitter grollend, mit pathetischen 
Staatsanwaltsmanieren, oder wohlwollend boshaft, 
aber mit der Geste eines Menschen, der dazu 
gehort und sich dabei fOhlt. Sie wissen, oder 
deuten an, appellieren, aber alles bleibt beim 
Alten. Hochstens, dass manchmal sich Aktionire 
zu Gruppen zusammenfinden, Proteste loslassen 
und inserieren, fast immer die gleichen Leute, sie 
sitzen fast immer urn denselben Tisch, und fast 
immer lauert hinter ihnen derselbe Rechtsanwalt. 
Ich nenne das Offenheit und finde es sehr ver- 
dienstvoll und sehr schon 
Aber — die, urn im Jargon zu bieiben, solide 
Presse, unter der auch der Vorwirts verdienter- 
massen figuriert, rumpft die Nase wie eine alte 
Jungfer, die nicht gern sieht, daB jemand zur Frau 
geht. Das ist jene Presse, die einen Redaktions- 
stab fur Handelssachen unterhilt und taglich ihren 
Lesern den Borsenbericht serviert, die solide an- 
standige Presse ohne Ausnahme von 1000 bis 
300000 Abonnenten. 



Dieser Borsenbericht gibt vor, klar und offen 
und objektiv zu sein, und der kommt so zustande: 
Die Kursdifferenzen werden mit Klischeeworten 
umschrieben: schwachte sich ab, matt, rGckliufige 
Tendenz, wenig aufnahmefahig, Glattslellungen 
finden statt, Material in schwachen Handen, Ver- 
kauforders etc. — entsprechend, ebenso bei Kurs- 
besserungen. Was urn 1 1 Uhr noch unberechen- 
bar, leitet man urn 1 Uhr aus den MorgenbISttern 
ab, New-York, Eisen- und Ruhrkohlenmarkt, Politik. 
Der Ultimomarkt bleibt Geheimnis der Gross- 
banken. Tag fur Tag wird automatisch Qberall 
dasselbe geschrieben, jeder Schuljunge kann es 
lernen. (Auch die B. Z. spielt eine Rolle.) — Da- 
gegen der Kassamarkt. Ein Mann mit schSbigem 
Cylinder kommt ins Pressezimmer und verkGndet 
an jedem Tisch: Grosse UmsStze in dem und dem 
Papier, denn — ; da ist der Kurs gestrichen, weil 
— und so weiter. Man schwitzt, schreibt nach 
und freut sich uber die Menschenfreundlichkeit, 
die der geplagten Presse hilft. Dann kommt wieder 
ein Mann und so weiter. (Das ist der wahre Idealis- 
mus.) Der Chefredakteur hraucht Informationen, 
lisst durch den Jfingsten rumfragen, horen (denn, 
weil) glaubt Leuten, die wissen, was und warum 
es in die Presse kommen soil, glaubt dem Mann, 
der von 1-2 Uhr mit Feldherrnmiene herumsteht, 
Bilanzen und Prospekte automatisch weitergibt 
und berufen ist, hinter klaren Telegrammen Mysti- 
fikationen zu wittern. Die Presse glaubt und 
schreibt, und aile Bicker, alle Rentner, alle Leute, 
die nicht dazugehorig sind, glauben und lesen und 
h5ren und zahlen und finden Dementis, die so an- 
fangen: Wie man uns in Bestatigung und teilweiser 
Erginzung unserer gestrigen Notiz mitteilt. . . (In 
Krotoschin und Posemukel gibt es Leute, die an 
Zufall glauben.) 

Vor etwa zwei Jahren wurde der Versuch gemacht, 
die Handelspresse als bestechlich hinzusteTlen. Ich 
finde das nutzlos, langweilig und immer ffir den 
Einzelfall zu spit. Es ist wichtiger, ihre Dumm- 
heit, Unverfrorenheit und Gewissenlosigkeit an den 
Pranger zu stellen. 









363 



DIE AKTIOM 



3b4- 



Der Kampf der Generationen 

Von Gerhard Kornfeld 

Der Kampf der Generationen — das isf der 
grausamste, sch icksalsreichste, durch kein Welt- 
pariament zu schlichtende Krieg, Er braust 
durch die Weltgeschichte, und sein Echo erfiillt 
Literatur, Kunst und Philosophic. Dafur seien 
dieae — in willkurlicher Auswahl — afs Zeu- 
gen berufen: Friedrich Wilhelm 1. und sein 

Sohn Friedrich (der spatere „Grosse a ), Artur 
Schopenhauer und seine Mutter (deren Verhalt* 
nils beinahe typisch ist fur die Beziehungen 
zwischen dem „grossen Manne" und seinen — 
korperlichen — Erzeugern), Shakespeares Lear 
und seine Tochter (die einmal einen Pyrrhus- 
sieg erringen), Schillers Ferdinand, Luise, Car- 
los. — Doch diesen Kampf kampft beinahe 
jeder taglich. 

Seine erste Wurzel ist: der groteske Anspruch 
der Zeugergeneration auf Liebe, Dankbarkeit, 
Pietat der Sprossen. — Zwei Geschdpfe gehor- 
chen einem Naturtriebe (oder — noch scalim- 
mer — einem materiellen Zweck: Fideikommiss- 
kinderei!), setzen ein neues Wesen in dieses 
fragwurdige Dasein. Und jedenfalls, ohne es 
vorher gefragt zu haben. Dafiir: Dank? — 
„Das Junge" wird in den Jahren argster Hilf- 
iosigkeit emahrt, gekleidet, behaust. Bei neun 
Zehntdn der Menschheit kummerlich genug. 
Und dafur: Liebe? — Der Rest vergallt den 
Nachkonunen das bischen Wohlstand durch ewi- 
ges w Es-ihnen-Vorhalten a und vergisst, dass alles 
Bedeutende — uberhaupt in practicis — leich- 
ter ex nihilo, als irgendwo anders her, emin- 
gen wird, und dass Armut besser ist, als an* 
erzogene Bedurfnisse, die beim Verlassen des 
elterMchen Hause nicht befriedigt werden kon- 
nen. Und dafur: Pietkt? — — Doch dies ist 
alles noch der Menschheit besser er Teil. Denn 
es werden auch Kinder in die Welt gesetzt: 
alkoholvergiftet, syphilitisch, tuber kulos, lahm, 
blind. Und dafur: Liebe, Dank, Pietat? — 

Vom Geistigen hier ganz zu schweigen . Denn 
eine so geartet e Erzeugersippschaft kann natur- 
lich nur vor dem plump und augenfaltig „Sei- 
enden", „Fertigen“ Respekt haben, nie aber vor 
dem Werdeoden, der dem „garenden Most", 
und gar wenn er sich etwas absurd gebftrdet. 
Statt sich darauf zu beschranken, den Leib des 
Kindes fur den Kampf mit der Welt systema- 
tise zu train ieren, ndrgeln sie bestandig an un- 
abanderlichen Charaktereigenschaften herum, die 
doch nur von ihnen selbst oder — durch ihre 




Vermittlung — von ihren Ahncn stammen kon- 
nen, und achten nicht der Wamung des Dich- 
ters: 

„Verletze nicht durch kalten Ton 
Den Jungling, welcher diirftig, fremd 
Urn Hilfe biitend zu dir kommt — 

Er ist vielleicht ein G5ttersohn. 

Siehst du ihn wieder einst, sodann 
Die Gloria sein Haupt umflammt, 

Den strengen Blick, der dich verdammt. 

Dein Auge nicht ertragen kann." 

Aber einer der wenigen ganz Ehrlichen, leiden- 
schaftlich Trotzigen, ehem Aufrichtigen, Multa- 
tuli-Douwes-Dekker, hat so zu seinen Kindern 
gesprochen : „Ihr seid noch klein und wurdet 

mich nun nicht begreifen, doch einmal wird die 
Zeit kommen, da werdet ihr lesen, was ichhier 
sage. Nun denn, so ich mich gegen euch be- 
rufe auf meine Vaterschaft . . . lachet michaus! 
So ich je euch Untertanigkeit VOTSchreibe . . . 
spottet meiner! So ich je von euch Liebe feu** 
deiie . . . weil . . . weil . . . wie soil ich 
sagen? Liebe, well ich etwas verrichtete, be- 
vor ihr bestandet; Liebe, weil . . . Erginzet 
den Schluss, Kinder, ihr werdet es konnen, 
wenn ihr reif seid, zu lesen, was euer Vater 
schrieb — erganzet meine Worte! So ich je 
Liebe forderte darum . . . bewerfet mich mit 
Kot! Lachet mich aus, spottet mein, bewerfet 
mich mit Kot, so ich je Untertanigkeit oder 
Liebe fordere . . . darum! Lebet der Meinung, 
dass jener Bibeltext in den n Geboten“ verdor- 
ben ist von Uebersetzem. Ja, ja, so ist es. 
Glaubet mir; es stehet geschrieben: *Hasse dei- 
nen Vater, dann wirst du lang leben!" Erprobt 
es nur! Ich mdchte wohl einmal einen „Herm" 
sehen, der die Macht hfttie, euch zu hindem, 
eure Mutter lieb zu haben, und verhiesse er 
auch zehn lange Leben, in zehn Landem zu- 
gleich! Mit oder dine Bibeltext, mit oder ohne 
Gebot werden sie und ich eure Liebe zu ver- 
dienen wissen durch Liebe. Wer das nicht 
kann, hat auf Liebe keinen Anspruch! Eure 
^Untertanigkeit" wird bestehen, solange undin* 
soweit mein Geist mehr entwickelt ist als der 
eure, weil ich ein paar Jahrzehnte fruher be- 
gonnen habe. Diese Spanne Zeit werdet ihr 
bald eingeholt haben, vor allem, da ich, ach so 
oft stehen bleibe auf meinem Wege! Kinder, 
ihr werdet mir nichts zu danken haben, denn 
das, was ich fur euch tat nach eurer Gebun, 
und selbst das nicht. Die Liebe findet ihren 
Lohn in sich selbst. Ach, waret ihr schon so 
weit, dass ihr meine „ldeen a kdnntet lesen und 



365 



DIE AKTION 



366 



alles, was ich bewahrte fur euch allein . Ach, 
horte ich es schon: Wir haben dich lieb, o Va- 
ter, doch du hattest dazu nicht ndtig, unser 
Vater zu sein!" — 

Aber die Multatulis sind unter den Menschen 
dunner gesat, als die Perlmuscheln im Meere. 
Und die meisten Viter gehoren zu denen , die 
„genau wissen, wieviel ihre Kinder sie an Un- 
tenicht kosten , aber nicht, wieviel sie von ihnen 
iemen". Und die sich dann noch uber ihrer 
Kinder Lieblosigkeit und Pietatlosigkeit bekla- 
gen und besonders uber Undankbarkeit, diese 
„Erfindung falscher Wohltater"! — 

Die zweite Wurzel des Kampfes der Generatio- 
nen liegt hier: die Masse der Menschen ver* 
steht noch nicht r jung zu sein und fung zu 
bleiben. Wirklich gibt es Sdiaren Ungliickli- 
cher, die nie — wenigstens nicht mit Bewusst- 
sein — jung waren. Immer fertig. Immer le- 
bensklug. Immer „ Burger". Und grdssere Scha- 
ren sind es, die wohl einmal gluhen konnten 
fur Femes, Hohes, UnmSgliches, die aber er- 
starrten vor dem Eishauche des „praktischen 
Lebens". Sie sind der Jugend argste Feinde, 
denn sie kennen den Schatz, uber den der Geg- 
ner verfugt. Nicht augenblicklich, jahre- und 
jahrzehnfelang mag das „Erfrieren" geschehen, 
bis so ein armes Menschlein nichts weiter ist, 
als — bestenfails — eine gut funktionierende 
money - making - machine. Sowas arbeitet dann 
„gei$tig" mit den paar Formeln, Gedanken, Ide- 
alen, die es bis achtzehn, zwanzig mehr oder 
minder unverdaut geschluckt hat, und zeigt sich 
alien! „Neuen", alkr Jugend hartnackig ver- 
schlossen. Solche Viter, Mutter, Tan ten und 
GrosSeltern konnen mit ihrer aufgeblasenen Ver- 
stocktheit ein junges Menschenkind zumWahn- 
sinn und zur Vemichtung bringen. Am Grabe 
aber sagen sie: „Wir haben dem Kinde sein 
gutes Essen, seine Kleidung undWohnung ge- 
geben. Wir haben es standesgemiss erziehen 
lassen. Wir haben es in der Krankheit gepflegt. 
Und ihm den guten Weg weisen wollen. Wenn 
es verruckt wurde, ist’s nicht unsre Schuld. Wir 
haben unsre Pflicht getan." — Diesen armseli- 
gen Eiszapfen ist ja alles ihnen Unbekannte 
,, verruckt". So aber sind von 100 Eltern 99. 
Es sind die lieben, zartlichen Verwandten, von 
denen Oskar Wilde einmal launig sagt, sieseien 
einfach eine langweilige Sippe, die nicht die 
geringste Ahnung habe wie man leben, und 
nicht das schwachste Gefuhl, wann mansterben 
solle. Und wie wenige sind es, die jung waren 




und bleiben und sagen diirfen: „Nur wer sich 

wandelt, bleibt mir verwandt." — 

Die Eltern wollen Liefce ernsten und saen — 
Hass. Ja, ihr ewig Verblendeten, Jugendver- 
gessenen! Habt ihr’s nicht hundertmal gesagt, 
hundertmal ruhig mitangehort: „Ich hab’ es 
schwer gehabt. Mogt ihr euch jetzt auch pla- 
gen"? — Und so wird kiinstlich noch das Na- 
turgesetz verscharft, das beisst: „Weh dir, dass 
du ein Enkel dist!" — D;nn wirklich: wird 
es nicht taglich, stundlich auf jedem Gebiete 
schwerer, etwas Tiichtiges zu leisten? Setztihr 
Vater doch unbedacht wie das liebe Vieh die 
Kinder in die Welt! Das einfache Fortschreiten 
der Dinge aber macjit ja schon bei massigem 
Bevolkerungszuwachse durch das blosse An- 
schweEen des „ Materials" jede neue Arbeit 
schwieriger, als jede voraufgegangene auf glei* 
chem Gebiete. Und da steht ihr alten Toren 
protzig gelassen da und stohnt: „War ich noch 
einmal jung!" Prost Mahlzeit! Ihr ligt im 
Dreck! — Camegies Energie, Fleiss, Intelligenz 
und Gluck genugen langst nicht mehr, urn Car* 
negies Milliarden heute neir zu schaffeii. Und 
ein neuor Goethe miisste nicht nur die gesamte 
vorgoethische Kultur, sondem auch das Riesen- 
opus des neunzehnten und des Beginns des 
zwanzigsten Jahrhunderts in sich aufnehmen und 
kunstlerisch gestalten. Von diesem Standpunkt 
ist die „Zeitlosigkeit des Genies" eine leere 
Phrase. Der Meister selbst hat’s zugestanden: 
„Ich freue mich," sagt er am 15. Februar 1824 
zu Eckemiann, „da$s ich jetzt nicht achtzehn 
Jahre alt bin. Als ich achtzehn war, war 

Deutschland auch erst achtzehn, da liess sich 
noch was madien; aber jetzt (1824!!) wird un* 
glaublich viel gefordert, urid es sind alle Wege 
verrannt Deutschland selbst steht in alien 
Faction so hoch, dass wir kaum alles uberse- 
hen kftnnen, und nun soUen wir noch Griechen 
und Lateiner sein, und Englander und Franzo- 
een dazu! Ja, obendrein- hat man noch die Ver- 
rucktheit, auch nach dem Orient zu weisen, und 
da muss denn ein junger Mensch ganz konfus 
wer den. . . . wie gesagt, ich danke dem Him- 
mel, dass ich jetzt, in dieser durchaus gemach- 
ten Zeit, nicht jung bin. Ich wurde nicht zu 
bleiben wissen. Ja, selbst wenn ich mich nach 
Amerika flucliten wollte, ich kame zu spit, denn 
auch dort wire es schon zu helte." — — — 

Wer aber reicht der neuen Generation die Hand, 
sich hinaufzuschwingen? Muss jede aufs Neue 
ihre besten Krafte im Hinaufklettern verpuffen 
und griesgramig und verbittert oben ankom- 



i ^ > < ■: > 



367 



DIE AKTION 



368 



men? — Wer nimmt endlich von der Mensch- 
heit den Fluch der rachsuchtigen Alten „Ihr 
sollt’s nicht besser haben als wir“, der sich 
suhni bis ins tausendste und abertausendste Ge- 

schlecht? — Von Ewigkeit her leidet die 

Menschheit an der Sterilitat des „Anciennctats- 
und Autoritatsprinzip* das jeden zielsicheren 
Fortschritt hemmen muss. Und so war bis heute 
noch jedes Jahrhundert ein „Jahrhundert des 
Greisen*. — Doch: „es nahet gen den Tag*. Va- 
ter kommen, die wie Douwes-Dekker denken: „Es 
ist nicht wahr, class ein Kind Unterfeanigkeit 
und Liebe schuldig ist seinen Eltern. Diese 
elende Vorschrift ist erfunden zur Bequemlich- 
keit von Eltern, die Mangel fiihlten an geisti- 
gem Uebergewicht und zu faul waren oder zu 
diirr von Herzen, um Liebe zu verdienen.* Es 
kommt die Generation, die iuhlt, dass sie fur 
das blosse „ In-die- welt-setzen* eine Riesenschuld 
den Kindern abzutragen hat. Und die sie ab- 
tragt durch Liebe, Verstehen, Verzeihen und — 
Mit-jung-bleiben ! — Nicht okonomische noch 
politische oder religiose Mittel sind es allein, 
die das „goldene Zeitalter“ heraufftihren kon- 
nen. Der Friede zwischen den Generationen 
muss der Menschheit die ewige Verjungung 
bringen. — — — 



Glossen 

EINE JAOD AUF BASSERMANN 

wird seit langerer Zeit von der „Suddeutschen 
Nationalliberalen Korrespondenz* veranstaltet. 
Diese Parteistimine, die ungefahr das Reaktio- 
narste bejubelt, was Nationalliberale bisher zu 
bejiubeln wagten, die einfach als konservativ 
angesprochen werden darf, mochte Herm Bas- 
sermann niederschreien um jeden Preis, selbst 
auf Kosten des Wortchens — liberal. National- 
liberale, die der AKTION „Gerechtigkeilsgefuhl* 
nachsagen, schreiben mir, es sei notig „ f ii r 
Bassermann etwas zu tun*. Ich bin nicht der 
Ansicht. Ich begrusse die Demaskierung der 
nationalliberalen Partei. Ich bin nicht nur nicht 
empdrt dariiber, dass die Suddeutsche National- 
liberale Korrespondenz „scharf macht* — ich 
sehe in diesem Scharfmachen den wahren Cha- 
rakter der unsaglichsten Partei. Bassermann ver- 
dient die Hetze: entweder man ist nationallibe- 
ral; dann hat man konservativ zu ftihlen; oder 
man kehrt der Partei den Riicken. Herr Bas- 
sermann mochte Unmogliches zusam men bringen, 
mochte funf Seelen in einer Brust hegen, Herr 
Bassermann verdient die ^Suddeutsche National- 
liberale Korrespondenz*. F. P, 



MAXIMILIAN HARDEN 

Maximilian Harden sprach jiingst in der Philhar- 
monie uber die gegenwartige und die voraussicht* 
liche zukunftige Rollc der deutschen Nation ini 
weltgeschichtlichen Drama Europens. Er malte 
schwarz auf grau. Schon sieht er das pracht- 
volle Germanentum umstrickt von den Ustigen 
verschlagenen Fein den im Ost und West und 
Sud, — sieht Oesterreich-Ungarn erdruckt von 
deni „Slavenwall* ? dem „Slavengebirge“, ini 
Siiden und Osten, dessen Massen sich vorschie- 
ben gen Norden und Westen und das Deutsch- 
tum verdrangen, zersplittern, zermalmen. Eine 
Bewegung, die England, Frankreich und Russ- 
land gemeinsam betreiben . . . Hie Slaveutum, 
hie Germanentum werden die Volker briillen im 
Getummel des Entscheidungskampfes um die Vor- 
herrschaft in Mittel- und West-Europa . . . 
Maximilian Harden sprach annahernd zwei 
St unden lang. 

Es war sehr interessant, was Harden sagte; in- 
teressanter noch wie er es sagte. 

Ungemein kokett ist Harden seinen Leuten gegen- 
iiber. Rasch und tanzelnd triit er auf. Man 
denkt unwillkurlich an das Auftreten einer schon 
etwas patinierten Ballerina. Der Frack prall auf 
Taille gearbeitet; die Achselu hochkantig ausgc- 
polstert. Die schneeweisse Weste von kiihnem 
Schnitt, das elegante Beinkleid so eng wie ein 
Trikot. Die grosse weisse Blume im Knopf loch, 
das so nett in die Stirn frisierte krause Haar — . 
„Sehr interessant!* flu stern die Damen im Audi- 
torium, „$ehr interessant!* Und die Opernglaser 
richten sich auf den Redner. 

Man sieht’s: Harden fuhlt vollcr Wonne, wie er 
wirkt, es erftillt ihn mit Wohlbehagen, entzuckt 
ihn, es macht ihn eitel. W;e er alhnahlich die 
weissen engen Handschuh von den Handen zupft 
— nach der ersten halben Stunde seines Vor- 
trags ist der linke herunter, der rechte wird 
etwas rascher erledigt. Danach tritt dasTaschen- 
tiichlein als Dekorativum auf. Meist ruht die 
Rechte auf der Halsoffnung der Wasserkaraffe, 
Das wirkt auf empfindsame Menschen angenehm, 
zudem Harden das Gef£$s bald benutzt, um — 
diese Geste ist ebenfalls gut studiert — sane 
Lippen zu benetzen. Das aufmerksame Augebe- 
merkt noch andere kleine briichige Steilen in der 
Politur dieser hochzivilisierten oder auch hoch- 
kultivierten Person lichkeit. 

Wie Harden schreibt, so spricht er. Er legt 
Sorgfalt auf die Herauskehrung der individuellen 
Note. Er imterstreiaht sie, und das stort. Eine 
wirklich starke Personlichkeit wirkt uuwillkiir- 






DIE AKTION 



370 



m—mrn 



lich. Bet Harden merkt man die Absicht, die ge- 
drillte Absicht, und man muss licheln . Die 
Kunstpausen vor jedem betonten Wort, dieetwas 
aufdringliche Mimik, die den H5rer mit aller 
Eindringlichkeit sagen zu sollen acheint: „lst 
das nicht geistreich? 1st das nichl geradezu 
blendend?" — mit einem Wort, die Koketterie 
wirkt. Inmitten eines Satzes flocht Harden ein: 
„Ja — ich weiss, dass das alles sehr langweilig 
ist — ich konnte es ja durch allerlei — — — 
Mittelchen interessanter gestalten . Giauben Sie 
mir, ich h Stte dabei ein sehr leichtes Spiel! 1, 
Eine Aeusserung, die etwas unhedacht war. Es 
ist zu bekannt und selbst von Hardens Verehrern 
nicht bestritten, dass M&xchen Matzchen macht. 
Und niemand wird im Saale gewesen sein, der 
Harden — es nicht geglaubt hatte, dass ihm das 
Spiel mit so allerlei rhetorischen Mittelchen 
kinderleicht falle. 

Jedesmal, wenn ich Harden sprechen sehe, be- 
dauere ich, dass er statt des Ruhmes eines Man- 
nes der „Welt des Schemes* den Schein eines 
Weltmannes erwahlt hat. Harden hatte dasZeug, 
ein grosser Sehauspieler zu werden. . . 

Bonaventura 

Franz Blei 

Von Alexander Bessmertny 

I. 

Franz Blei schrieb sein Bedeuisamsies im Ur* Pan 
und in der Insel, er gab den Hyperion heraus 
und den Losen Vogel. Seine vermtschten Schrif- 
ten erscheinen bei Georg Muller. 

II. 

Franz Blei fuhrte uns zu den exqui&iten alien 
Franzosen, er brachte Paul Claudel nach Deutsch- 
land, er zeigt auf Max Brod und Stemheim . 
Er hat sich fur Kunstler eingesetzt wie einer, 
dem es aut die Kunst ankommt. 

III. 

Franz Blei schrieb den Prinzen Hippolyt und 
den Beau, uber die deutsche Kultur, uberG'ott 
und die Frauen und uber Beardsley, Ropsund 
Wilde; uber den Dichfer und das einzige Ro- 
koko. — 

IV. 

Jeder Satz von ihm ist Programm; ist Vemei- 
nung von Unterhaltung und Zweck, und Sta* 
bilierung der schonen Kiinste als einziger Wirk- 
lichkeit wie ein rocher de bronce. Er zeigte 
uns im Kunstwerk die letzte Steigemng; und zeigte 
uns an Beispielen aolche, die es versuchten sich 
in der Hingabe zu steigern: Helden, amoureuse 



Frauen und Kiin&tler. Er lehrte uns die Ban- 
digung und den Dienst zur Erfullung dies Ge- 
botes der Vergeistigung. 

V 

Er hat bei allem das Spielerischc, weil er mit 
der Wichtigkeit seiner Dinge, die Gieichgiiltig 

keit aller Dinge weiss. Sein Gebet trifft den 

Ewigen als Scbrei und echot als Gelachter zu- 
ruck. 

VI. 

Die Eutziickungen iiber seine Worte sind Mo* 

niente unseres Erfiilltseins vom grossen Stil, der 
den grossen Menschen bedeutet: grade und 

leuchtend und verdeutlicht im Spiegel kristalle- 
uer Bilder und Geschichten. 

VII. 

Aber er ist kein Apostel, denn er wirbt nicht. 
Er ist kein Literat, denn er zankt sich 

nicht. Er ist kein Typus: Er ist ein alterer, 

eleganter Herr mit einer schwarzen Hombrille 
vor dem mythologischen Kopf. Und er hat als 
Tarnkappe seiner olympiseben Wiederkehr eine 
Allongeperucke, die ihm das verliebte 18, Jahr- 
hundert aufsetzte, weil es ihn posthum entbehrt. 

VIII. 

Aber aus der Masse der Hisiorie strahlen seine 
Augen zutn deutschen Olymp, wo die Gotter 
Kunstler sind. Er ist Hermes Musagetes, der 
Praeceptor German iae, der pathetisch deutsche 
Analytiker. 

IX. 

Aber er ist nicht Herausgeber der einflussreich- 
sten deutschen Revue; er ist nicht der geistige 
Chef der bedeutendsten deutschen Zeitung. Man 
sammelt sich hier nur wo einer zu begaffen 
oder zu bewerfen ist, und er ist sogar keine 
Schiessbudenfigur, auf die anzulegen sich ver- 
lohnte. 

X. 

Denn er lebt im Lande der unteremfthrten Dich- 
ter und Denker. 



DIE LIEBESFORMEL 

Champagne Batist die Lilienstickerei — 
Langhflftige Form dessin direktoire — 

Der Banddurchzug aus goldnem Hexenbaar — 
Oepresste Seide aus der Tartarei . . . 

Uhrfeder-Zauber! doppelt Stahl! samt drei 
Paar Haftern! Spitzen-Ansatz ! zart und klar — 
Mond-Mandeldl! Mohnknospe vom Bazar! 
Schwan! — Abfanatanalba — Du bist frei! . 



371 



DIE AKTION 



372 






Was scheu m Formeln sich nicht fassen lasst — 
Dies seltsam Seltne, unbeweglich Wehe — 
Umschreibt im Tanz der Zirkel Deiner Zehe . . . 

Triumph des Schwelgens — grauenvolle Nahe — 
Erschdpfte Scham — der Schauer letzter Rest — 
So gottverlassen Mensch an Mensch gepresst . . . 

Gustav Specht 

RAUBVOEGEL 

. . Und all die Luste sind nun Qualen worden, 
die schwarzen Vogeln gleichend mich umschweben, 
in Hass und Hohn schwirrcnde Fliigelhorden, 
und die von meinem heissen Herzblut leben. 
Ihr FJugelschlagen trifft mich jede Nacht . . 
Voll Cier seh ich sie um mein Lager sitzen, 
wie eine Morderschar, die mich bewacht, 
und deren Augen grell wie Dolche blitzen. 

Und jede Nacht hoi; ich ihr heisres Schrein, 
wie Geier schreien, wenn sie hungrig sind, 
ohnmachtig fuhlend, wie tnein tiefstes Sein 
aus tauseud Wunden blutend mir zerrinnt. 

Friedrich Eisenlohr, Paris, 



KRANKES WOHNEN 

Dieses Gehn iui truben Tunnel der Strassc . . 
Bleiche Fenster spielen an mir vorbei. 

Oben des kleinen Hi mine's Einerlei 
Wirft in die Scheiben cin schiefes Lachen. 

Trocken kreisch t die hundistii liegende Strassc, 
Die mein Fuss in Unruh und Hass gebraucht. 
Niedre Luft, von Stadtgeriichen durchraucht, 
Speit auf meine Stirn aus pfeifenden Rachen. 

Gahnend endet die Strasse. 

Und di: zuckenden Lippeu atmen ins Freie 

hinau&, 

Wo sich warm der Tiefe Griin und go!dene 

Hoheit umfangt . . ! 

Doch ich werde mich wenden . . . dump! ge- 

drangt . . . 

In der Gewait der Hauser bin ich zu Haus. 

Alfred Wolfenstein. 

Kolleg in Ophir 

Vou Kurt Hiller 

An der Hochschulc fur Vorgeriickte, Ophir, liiclt 
jitngst Lil Turkher, Professor der deutschen Lit- 
teratur, folgendc Vorlesung — die ich, in fast 
wortlicher Uebersetzung (hochstens Turkhers 
manchmal zu heftige Konzentriertheit cin wenig 
mildernd), hier wiedergebe: 



L 

Philosophische Kunst fordern, heisst nicht: 
eine Kunst fordern, in der von Philosophic die 
Rede ist. „Schlos$ Nornepygge" des Bohmen 
M. Brod gilt mir nicht deshalb als ungeheurc 
Schopfung, wei! sein Held ein Werk uber die 
Wiilensfreiheit schreibt. Und wer, wie Dela- 
croix, Raffaels „$chule von Athen M fur anna- 
hernd kitschig halt, der wird sehr recht haben, 
sich durcji den Hinweis, dass, mit Cortege, 
Platon und Aristoteles auf diesem Fresco lust- 
wandein, in seinem Urteil nicht beirren zu 
lassen. 

Aber philosophische Kunst fordern, heisst: eine 
Kunst fordern, die so ist, dass Menschen, die 
viel gedacht haben, sich nicht bei ihr langwei- 
len, welche mithin von Menschen, die viel ge- 
dacht haben, herriihren muss. Philosophische 
Kunst fordern, heisst: in Gleichguit gegensamt- 
lichc Volks- und Snobsunlerhaltungen; die hei- 
teren wie die ernsten; die, welche der Verdau- 
ung zutraglich, und die, welche ihr hinderlich 
sind, . . eine Kunst fordern, die zeigt (und sei 
es durch Mitschwingendes, durch Ungesagt- 
Unsagliches, durch eine Untermelodie), dass ihr 
Urheber jene zentralen Menschheitsfragen mit 
dem Herzen seines Hirns erlebt hat, welche, von 
Anbeginn zu Anbeginn, das Schicksal dem Geist 
aufgibt; Fragen, die es in sich haben, einmal 
leidenschaftlich erf asst, die Atome einer Psyche 

fur immer umzukonstellieren. 

Philosophische Kunst fordern, heisst: Tiefe for- 
dern. (Man hute sich, Tiefe mit Scharfainn zu 
verwechseln . . und Philosophic mit einer pra- 
philosophisch unumganglichen Einzeldisziplin, 
deren Stoff: mathemateskes Be-denken des Den 
kens . . nur Fach- und Flachkdpfe ganz aus 
fullt.) — 

11 . 

Hochat wunderbar und zu tierischem Weiuen 
verfuhreud bleibt. die hoffnungslose R&tselhaf- 
tigkeit dieses Phanomens „Da-sein“; das so Be- 
seligende wie Zerriittende seiner Einzigartigkeit; 
der Umstand, dass mein lchbewusstsein, zwi- 
schen den mystischen Ufern Geburt und Tod, 
in die grenzenlose Wuste der Zeit eingebettet 
ist . die der Verstand als gleichfalls irgend- 
worein gebettet sich vorstellen musste, um sie 
zu begreifen. Jene totale Urteilslosigkeit, zu 
der wir der Welt gegenuber verdamint sind — 
da wir doch nur mittels Vergleichung zu urtei- 
len vermogen und eine zweite Welt, eine Un- 
Welt, eine Welt, die nicht mit sidh selber idem 
tisch, nicht wiederum Welt oder Weltbestand- 



373 



DIE AKTION 



374 



teil ware, sich keineswegs vergleichsweise her- 

r 

anziehen lasst — : diese kindische Hilflosigkeit 

unsrer (dabei mit dem Trieb zur Herrschaft 
doch ausgestatteten) Vemunft, dieses Fiasco aller 
Metaphysik, dieser ewige Triumph des Nihilis- 
mus (und nicht etwa der theoretischen Skepsis 
nur, sondem duichaus auch des Nihilismus in 
e t h i c i s ; denn woher sollen die obersten 
Werte genommen werden, wenn vom Urgrund 
und Wesen des Seins, vom Sinn des Lebens, 
vom Ziel der Welt nichts feststeht?) — : oh, 
diese Lage erschwert einem geistigen Oeschopf 
das Hierbleiben sehr; ais klar verharrt vor sei- 
nem Blick die Schwindelhaftigkeit aller dialek- 
tischen Dennochs; und bloss das, was es mit 
dem u n geistigen gemein hat: diese fragwur- 
dige, unheimliche, komische, heilige Atmens- 
lust, . . verhindert es, sich samt seinem Pro- 
blem auf eine gordische Weise zu erledigen. 

III. 

Seltsame Naturkraft! So machtig und unwider- 
legbar, dass sie noch ihren gefahrlichsten Wi- 
dersacher, den Geist, sich zum Werkzeug und 
Helfershelfer zu machen versteht. Was tut nam- 
lich der (philosophische) Kiinstler? Er gibtdem 
nihilistischen Eriebnis au! neue und immerneue 
Weise Form. Den ganzen Kreis psychischcr 
Tatbestande, der jenes Eriebnis zum Mittelpunkt 
hat, wandelt er formuiierend ab; und formulie- 
rend setzt er sich uber das iragische Wissen 
hinweg, wonach alles Tun, die Formulation ein- 
geschlossen, sinnlos bleibt. Gerade die fiusserste 
Qua! ist es, aus der er seine Freude zieht; ge- 
rade des Nicht-Werts Fixierung erhebt er zum 
Werte. Worin besteht, wahrend jeder unpriva- 
ten Minute, sein Handeln? Darin, dass er der 
Erkenntnis seiner Ohnmacht Macht entsaugt; 
mehr: dass er der Erkenntnis des Un* 
werts von Macht . , Macht ent- 

saugt. Und er fahrt in dieser Uebung fort, 
. . bei allem Bewusstsein ihrer Dreckigkeit. 

Wenn die letzte Vergasung des Ethischen . . 
Konsequenz heisst, so f rage ich : mutet 
dieses Verhalten ethisch an? Wahrhaftig, dass 
Skepsis an alien Kulten einen Kullus der Skep- 
sis gebiert; dass jeder Verneinerich und Scho- 
penhauer sich und se n Vemdnen gewaltig be* 
jaht; dass ohne Rest alles, selbst die Mortali- 
tat noch, sich zu Vitalitat umlfigt — : das er* 
leichtert es . . Meta-Zynikern sehr, die Erdbe- 
wohnerschaft einzuteiien in O c h s e n , 
S c h w e i n e und L e i c h e n ; will sagen in 
solche, die nichts ahnen; seiche, die wissend 



dennoch weitermachen ; und solche, die mutig 
die Konsequenz ziehn. Die Ochsen wiircte, 
wer so einteilt, wohi gegen sich haben; denn 
dfe Ochsen lassen sich ihr Gluck nicht geme 
schanden. Ja, er wurde sie sogar dann gegen 
sich haben, wenn er gestiiude, sich selber zu den 
Schweinen zu zahlcn. , . Und am ende hatfcn 
die Ochsen gar nicht so unrecht; denn . . wo- 
her nimmt das Schwein die Befugnis, zu wer- 
ten? Wurde die Geltung eines Ethos, wel- 
ches n Folgerichtigkeit" postuliert, von einem 
Schweine . . nicht erst zu beweisen sein? 

IV 

Hannoniker sind gegen philosophische Kunst. 
Harm on ike r pflegen dergkichen turbulente 

Schliisse und Zirkelschlusse . . mit schonen 
Augen als „krankhaft w zu verwerfen. Wohin 
beharrliches, muskuloses, unfeiges, alleweil zu 
Ende strebendes, nie ablenkbares, zahes, selbst 
dufeh den Aspekt desTodes nicht totzukriegen- 
des Denken den Menschen mit Notwendigkeit 
ffihrt, — das nemien sch wach kopf ige Schauten 
(wie der begabte Poet Jakob Schaffner) krank- 
h a f t und i s c h a r i o t haft. Dort, wo vicl- 
leicht die Welt widerlegt ist, meinen sie, der 
Geist sci es. 

„Iutellekt" — dieses Wort ist diesen Buffeln 
das rote Tuch. Sie assoziieren bei „Intellekt* 
sofort britische oder semitische Rassenunarten : 
seelenloses, berechnendes Verstandesklappexn ; 
Nfichternheit, Spitzfindigkeit oder giftige Spiele- 
rei; etwas, was kalt ist iind schielt. Atknfalls 
sei er ein Akzedens; ein Notbehelf; ein unent- 
behrlicher, aber glficklicherweise jederzeit aus- 
schaltbarer Apparat; eine Sache n e b e n dem 
eigen tlichen, dem echten, wahren, wertvollen 
Leben : als welches vom G e f it h I gebildet 

werde. „Geffihl“ und „ Intellekt* — auf dieser 
Anti these fur arme Leute reiten die Harmonikcr 
blondgelockt herum. Oh, sie ahnen nicht, dass 
das sogenannte Geffihl vom sogenannten Intel- 
lekt betrachtlich determiniert werde, — voraus- 
gesetzt, es ist welcher vorhanden! Dass 
er n lebensfeindlich w sei — : ja, das dfirftestim- 
men, . . aber nicht Hanschen Rotwang ent- 
schuldigen, dem er fehlt. Und dass sich das 
„Gefuhl“ liber des Intellekts „lebensfeindtiche* 
„$ophistereien“ „kfihn hinwegsetzt", das diirfte 
genau so wenig fiir den grosseren Wert dcs 
Gefiihls besagen . . wie die Tatsache, dass ein 
Floh sich fiber einen Elefanten „hinwegzusetzen“ 
vermag, fiir den hoheren Adel des Flohs. 



375 



DIE AKTION 



V. 

Mail treibt mit clem Worte „Gefiilil“ einigcn 
Unfug. Umso liebcr, als es ja eine Personal- 
union darslellt, durch die gewisse ganz hetero- 
gene Begriffe mitcinaiider verbunden sind. Un- 
ter ihnen stechen zwei hier hervor. Einmal bc- 
dcutet „Gefuht“ cine blosse M o d a 1 i t a t von 
Bewusstseiusablaufen, einen Schmelz, eine „Be- 
tonung" (wie die Zunft sagt); also eine be- 
stimmte Form intellektualer (oder sensualer) 
Inhalte. Diese Art Fiihlen lasst sich, da sie 
nichts Selbstandiges, nichts dein Denken Koor- 
dinablcs ist, somlern es nur begleitet, in gar- 
keineu Gcgensatz zu ihm bringen; und dei 
philosophische, ich meine der unfach-philoso- 
phische Kopf wire! dieses Fuhleu mit Enthusias- 
mus bejaben, . . weil, wo es fehlt, das Denken 
zu etwas Blutloseni, Lebensfernem, Mechani- 
schem, zu . . Wissenschaft verkummern muss. 
Dagegen ein zweiter Begriff von „Gefuhl“ (und 
er ist es, den die Harmoniker meiuen) besagt: 
einen dumpferen Vor-Zuslancl der Erkenntnis; 
jenes Verschwonuiiensein und sclige Nichtzu- 
cndegelangen, das den Bi Id ungsphi lister zu eineni 
Typus macht, der tins weit heftiger anwidert 
als der dcs Barbara). „GefuhI“, in diesem zwei- 
ten Sinn, bedeutet ein anrhropologisches Sta- 
dium, das relativ zum Geist das primitivere ist 
und welches der philosophische Kopf darum 
nicht gelten lassen kann. Behauptet jedoch der 
Harmoniker, auf dieser Stufe sei das ludividuum 
frischer, fruchtbarer, lebcnsfahiger als im Sta- 
dium des Inteitektualismus, so hat er recht . . 
und stellt fest, dass die Dummheit lebcnsfahiger 
ist als die Eiusicht. 

VI. 

Lassen Sie also (da die Stunde utu ist und ich 
Ihnen eigen (licit von erzahlender Literatur lieu- 
tiger Deutscher bench ten wollte) . . lassen Sie 
also, meine Herren, den epischen Papier-Gauri- 
sankar, den hirnlose Fabulierer jahrlich ver 
ursachen, getrost unerstiegen; fallen Sie auch 
weder auf die „Anekdote w noch auf den „neuen 
Detail" hinein, noch gar auf die Bierburlcske 
mit Hintergrund. Son der n studieren und gc- 

niessen Sie, wenn Hire Zeit Ihnen lieb ist, „Be* 
buquin", diesen tmeudlich gedankenreichen, oh 
zwar zu privatterniinologischen Roman, den 
Carl Einstein jetzt der Weltgeschichte 
itbergeben hat; lesen Sic die Schriften Robert 
M u s i 1 * s ; und vor alieni versenken Sie sich 
wieder und wieder in die tiefen, iippigen, riih- 
render Bucher dcs grossen denkenden Kunstlers 
Heinrich Mann. 



376 



ENGL1SCHES CAFE 

Das ganze schmalschuhige Raubpack, 

Russinnen, Judinnen, tote Volker, feme Kusten 
Schleicht durch die FrOhjahrsnachi. — 

Die Geigen griinen. Mai ist um die Harfe. 

Die Palmen roten sich, 1m Wiistenwind. — 

Rahel, die schmale Golduhr am Gelcnk: 
Geschlecht bchiitend und Gehirn bedrohend: 
Feindin! Doch detne Hand ist eine Erde: 
Sussbraun, fast ewig, tiberweht vom Schoss. — 

Freundlicher O hiring komnd. In Charmc d’orsay. 
Die hellen Osterblumen sind so schon: 
Breitmaulig gelb, mit Wiese an den Fussen. 

0 Blond! 0 Sommer dieses Nackens! O 
Diese jasmindurchseuchte Ellenbeuge! 

O, ich bin gut zu dir. Ich streichle 
Dir deine Schultern. Du, wir reisen: 
Tyrrhenisches Meer. Ein frevelhaftcs Blau. 

Die Dorertempel. In Rosenschwangerschaft 

Die Ebenen. Felder 

Sterben den Asphodclentod. — 

Lippen, verschwarmt und lief gefiillt wie Becher, 
Als zogerte das Blut des stissen Orts, 

Rauschen durch eines Mundes ersten Herbst. — 

O wehe Stirn! Du Kranke, tief im Flor 
Der dunklen Brauen! Lachie, werde hell: 

Die Geigen schimmern einen Regenbogen. — 

Gottfried Benn 



Der Fremde ( 21 . Fortscfzungt 

Roman von Rene Schickele 

— Ich reise morgen in den Nordcn, sagte Tar- 
trc. Sobald die Arbeiter einiger Kohlengmben, 
die man vergessen hatte, organisiert sind, 
schliessr sich der Ring, der Paris, das vermale- 
deite Verbrcchcrherz, umklammert und auf einen 
Wink auseinandersprengt. Wir sind Millionen. 
Aber wir warten, bis wir unbedingt sicher sind; 
denn es muss alles mit einem Schlag voliendet 
sein. Der Generalstreik wird das ganze System 
der Zentralisation mit einem Griff ausrenken, 
und das so griindlich, dass nicht einmal mehr 
der Versuch einer Restauration moglich ist. 

Er erzahitc von den abenteuerlichen Reisen 
durch ganz Frankreich, die er seit zehn Jahren 
im Dienst der Agitation unternahni, von seinen 
Kerkerstrafen, von Aufstandeu, cr nannte Zah- 
len, Ortschaften, Namen, und plotzlich sah Paul 
von feme und wie in einer Staubwolke die 
schlotternde Gestalt Ivan Tartres, die in fieber- 
h after Tatigkeit war und vom grossen, frucht- 



377 



DIE AKTION 



378 



baren Leben uberfioss. Er handelt doch, clachte 
Paul. Er ist in die tiefste, noch unbewegte 
Masse untergetaucht. Den Spross einer alteu 
kranklichen Burgerfamilie nahren unverbrauchte 
Energien. Er hat Boden gefasst . . . Jetzt er- 
blickte Paul den Dichter im dump fen Lami auf- 
gcregter Massen, die uberall hervorkamen, die 
der Horizon t in grossen Strom en iiber das 
Land erbrach, mitten in schwarzen, wimnieln* 
den Mengen, dercn Marsch ungeduldig die Erde 
stampftc, es ging vorwarts, ja, es ging vor- 
warts, die hagere, schiefe Gestalt mit dem wiid- 
behaarten Kopf stiess und drangte, ihre gro- 
tesken Gebarden griffen unter sich , wie in 

lebendiges Erdreich hinein, und rissen grelle 
Schreie, weithin flammende Drohungen aus, die 
sie in gekrampften Handen wie Trophaen 
schiitteitcn . . . 



Oh, Paul verstand. Es war wie cine Offen- 
barung iiber ihn gekommen. Er brauchte nicht 
die Republik und das handelndc Biirgertumdcr 
Verderbtheit und der Heuchetei anzuklagen. Ein 
solcher Jammer kann den Hass gebareu, und 
der Hass hatte aus Tartre einen Helden gemacht. 
Man musste tief in sich hinabsteigen, uni der 
Tat fahig zu werden. Man musste die primi- 
tivsten Sprungfedern des Mechanismus springen 
lassen, uni in Bewegung zu kommen. Heute 
brauchte man die starksten, die letzten Reizun- 
gen, man musste bewusst das gerade Tier im 
Menschen hervorkitzeln und auf sein Heulen 
das Tempo des Fiihlens und Denkens einstellen. 
Jeuseits der Verzweiflung winkte nur eine Ret- 
tung: Die Tat, die alle Fahigkeiten eines Men- 

schen steigert, ihn auf einen Gipfel empor- 
peitscht, ihn im Rausch aller entzundeten Krafte 

gegen alles abschliesst, was einen Menschen ver- 

wirren, zersplittem und schwachen kann. Tatre 
hatte recht: dort, wo er die Kraft dafiir ge- 
sucht hatte, ja, dort lebte sie noch, dort allein. 
Aber diese Moglichkeit gab es nicht mehr fiir 
Paul. Er hatte sie in seiner fruhesten Jugend 

verloren. Seine Phantasie hatte sich in den 
Traumen von unerhorten Verwirklichungen miide 
getobt, er hatte den Glauben an seine Phan* 
tasie eingebiisst. Ausserdem liebte er zu sehr 
die Dinge, die nichts als schon sind, und den 
vielfaltigen Schimmer der Gedanken an der 
Sonne. Farinata degli Uberti war kein Lehrer 
fur ihn. Der Verachter, der bei Dante aufrecht 
in seiner flammenden Hollenkluft stand und 
verachtete, ruhte von grossen Taten aus, Paul 
kannte nur eines, das immer und unverander- 
Ikb ihn beherrschte, das ihn mit finsterer Ge- 



wait anzog, und das er immer naher fiihlte: 
den Abgrund der Vernichtung, die Nacht, in 
der ein Licht erloscht, die Springflut von Stillc, 
wenn die Musik verstummt — das Ende. 

XV. 

Als Paul Merkel an citiem sell widen Scptember- 
abend in sein Zimmer trat, sah cr eine Gestalt 
auf dem Bert liegcn und wusste, dass es Malva 
war. 

Die Weissc des Himmels stand brenneud im 
offenen Fenster, der Himniel war von Span- 
nung wie zerrissen. Paul fiihlte, dass es eine 
schmerzhafte Lust ware, den Zeigefinger lang- 
sain a usz us tree ken. Er zitterte am ganzen Leib 
und musste sich an die Tur lehnen, mit so un- 
begreiflicher Gewalt war er von der plotziichen 
Gcgenwart der Geliebten ergriffen. 

Sie lag unbeweglieh zwischen den dun kein Vor- 
hangen des Betthimniels, das Gesicht in die 
Kissen gedriickt. Der eine Arm hing iiber den 
schweren Falten des Rockes am Belt heruuter, 
vom an der n sah Paul nur einen roten Schimmer, 
der an der Wand im Dunkel fiackerte. Das 

tiefe Rot der Bluse glich einer unfbrmigen Bliite, 
und diese Btiite hatte ein fieberhaftes Leben, 

das in einem geheimnisvollen Zusammenhang 
mit der Unruhe des Abends draussen stand. 
Der herabhangende Arm war ein ungeheuer- 

licher Staubfaden, der von Blut und Feuer 
strotzte. 

L 

Eine ziigellose Leidenschaftlichkeit bcmachtigtc 
sich seiner hilflosen Sinne. Es war nicht Malva; 
aber dort im Dunkel war die Glut langst ver- 

ausgabter Leidenschaft, waren die Aufregungeu 
vieler Stunden, so viel Qua), so viel Lust, 

Gleichgultigkeit, kraftloses Verstummen und 
und heisere Schreie, all das entHammte und 

verrauchte Leben lag da aufgehauft, ein ewiges 
Feuer, das dieser Abend geheimnisvoll schiirte, 
und das unter der dicken Asche nie vcrloschen 
konnte. Es war sein eigenstes Leben, sein Blut, 
das ton te, und dessen schreckliche Stimme ihn 
nie verliess, das nur begehrlicher wiirde, je 
1 anger er sich zu verleugnen suchte, und das 
ihn auf jeder Flucht eifriger, in jedem Versagen 
heisser verzehren wurde. Er begriff, dass er 
jeder Leidenschaft, der er einnial nachgegeben 
hatte, rettungslos verfalien war. Selbst der Atem 
unerfullter Wiinsche wiche nie von ihm . . 

In seiner bittern Schnsucht rief er ihren Nametil 
Malva erhob sich langsani und setzte sich auf 
den Rand des Bettes. Wahrend sie ihr Haar 

zuriickstrich, sagte sie: 



11 



379 



DIE AKTION 



380 



— Ich habe gewartet, bis du mich riefst. Ich 
fiirchtete mich, wed du im Zimmer standest und 
mich sahsi und nichts sagtest. 

Er setzte sich neben sie, nahm sie in die Arme 
wie ein Kind und begann mit schmeichelnder 
Hand ihr Haar zu ordnen. Sie rilhrte ihn, er 
kusste ihren Scheitel, die Stim. War sie nicht 
ein reizendes Gefass, worin seine unlauteren 
Freuden gekocht hatien! Einsam und unfass- 
bar drang ein weisser Glanz aus ihrer Seele, 
der immer fiber die Zweideutigkeit der Leiden- 
schaften siegte. Sie verstand es, sich hinzu- 
geben, sie! 

Malvas Kopf war auf seine Schulter gesunken. 
Sie hatte leise gesagt, dass ihre Mutter am 
Sterben sei. Erst jetzt kamen Paul ihre Worte 
zum Bewusstsein, und nur allmahlich, wahrend 
er sie an sich druckte. 

Er Hess sie loe und stammelte erblassend: 

— Wirklich? 

Dann sprang er auf und liess sich auf den 

Stuhl vor dem Schreibtisch fallen, 

Der Himmel draussen schien zu sieden. 
Schwalben jagten mit angstlichen Schreien 
durch den Hof. 1m geheimnisvoll gedampften 
Larm der Strasse surrte die Kirchenglocke von 
Saint-Sulpice. 

— Sie mochte dich noch sehn. Alfred hat mich 
geschickt, damit ich dich hole. 

Als Paul noch immer nicht antwort ete, fragte 
sie: 

— Wollen wir gehn? 

Paul ging einige Male durch das Zimmer. Er 
suchte seinen Hut und vergass es. 

Er stand wieder unbewegt vor setnem Schreib- 
tisch. Nach einer Weile bemerkte er, dass er 
seinen Hut ansah. Er nahm ihn. 

— Bitte. 

(Fortsetzung folgt) 

Zeitsdiriflensdiau 

PAN. No. 25 e nth* It: Alfred Kerr: Bretohenland ; S. Klabund: 
Verse; Alfred Kerr: Kritik als Stand u. a. 

DAS LITERARISCHE ECHO. Das I.Aprilheft enthXIt: Arthur 
Eloesser: Bfirger Schippel; C. Bry: Heinrich Federer; Ed. 
Heyk: Begriffe und Formen der Bibliothek u. a. 

Vomolizen 

(Nur wichtigc Neiimchuinungcn wenkn hi«r angiiuigt. Die BesprechuniE 
der elnulncn Werke folgt in den nfletuten Nummeni der AKTION) 

PELADAN. Das atlmachtige Qold. Roman. (Georg Muller, 
Verlag, Munchen.) Oeh, M. 4. — . 

FRANZ BLEI. Vermischte Schriften. 4 B&nde. (Oeorg 
Muller, Verlag, Munchen.) 

LUDWIG RUBINER. Essays. (Ernst Rowohlt, Verlag, Lpzg.) 



Uber das eigene Werk 

RICHARD ELSNER. Moderne Dramatik in kritischer Be- 
leuchtung von Richard Eisner. Heft 1 — IS (Wedekind, 
Fr&hlings Erwachen; Halbe, Jugend; Wildenbruch, Raben* 
steinerin; Hardt, Tantris der Narr; Hauptmann, Oriselda; 
Hauptmann, Die Ratten; Schonherr, Olaube und Hetmaf; 
Stucken, Qawan, Lawal, Lanzelot; Schnitzler, Das weite 
Land; Sudermann, Bettler von Syrakus; Hardt, Oudrun; 
Hauptmann, Gabriel Schillings riucht; Christusdramen; 
Wedekind, Franziska). Ernst Eisner, Verlag, Pankow. 
Jedes Heft 0.30 Mk. 

Die Sammlung bringt ausfuhrliche und durchaus unabhingige 
Besprechungen der bedeutendsten dramatischen Erschem- 
ungen der Gegenwart. Sie will eine Schule zur Bildung 
eines idealen von Sensationaluaternheit freien Theatcr- 
publikums sein, das bei aller Schatzung der Buhnenwirk- 
samkeit eines Stiickes des innern W tries der dramatischen 
Dichtung nicht vergiOL Daneben verfolgt sie den Zweck, 
durch begrundete Kritik an der Entwicklung des modernen 
Dramas mitzuarbeiien* Dr. Richard Eisner. 

Franz Blei-Abend der AKTION 

Der nichste Autoren - Abend der AKTION findet 
den 28. MSrz im Salon Cassirer statt. Franz Blei 
wird aus seinen Manuskripten lesen. Vorbestel- 
tungen auf Karten (k 5 und 3 M., ffir Abonnenten 
A 3 und 2 M.) sende man umgehend an den 
Verlag der AKTION. 

MITTEILUNG DES VERLAGES 

Die zweitc Januar-Nummer 1913 erschien als 

LYRISCHE ANTHOLOG IE 

Sie ist dem GedAchtnis Georg Heyms gewidmet 
und enthalt: Beitrage von Hans Baas, Ernst 
Balcke, Gottfried Benn, Alexander Bessmertny, 
Ernst Blass, Paul Boldt, Max Brod, Arthur 
Drey, S. Friedlaender, Reinhold Fruhling, Max 
HeiTmann (Neisse), Georg Heym, Kurt Hiller, 
lakob van Hoddis, E. F. Hoffmann, Rudolf 
Kayser, Alfred Kerr, Willy Kusters, Alfred 
Lichtenstein (Wilmersdorf), Leo Matthias, Paul 
Mayer (Bonn), Alfred Richard Meyer, Erich 
Muhsam, Richard Oehring, Erich Oesierheld, 
Anselm Ruest, Rene Schickele, Mario Spiro, 
Ernst Stadler (Brussel), Hellmuth Wetzel, Alfred 
Wolfenstein . 

Diese Sondernummer ist vergriffen und kostet 
im Einzelverkauf 

1 MARK 

Neu hinzutretenden Jahres- Abonnenten wird sie 
ohne Erhdhung des Abonnements nachgeliefert. 

Die nachste Nummer bringt den Schluss des 2. Buches vom 
„Fremden". Es folgen dann zwei kiirzere in aich abge- 
schlossene Dichtungen von Rend Schickele: „Da$ Meer" 
und„Das Lacheln Venedigs". — Im ubrigen sei bemerkt: 
Werke in Fortaetzungen zu zerstiickeln ist nicht das Ideal 
der AKTION. Jede Nummer soli abge&chlossen wirken. 
Wenn den noch in einigen Fallen (Einstein: „Bebuquin“; 
Schickele: „Der Fremde") von der Regel abgewichen wor- 
den ist, so rechtfertigt der Wert der Dichtung das Abweichet*. 



INHALT DER VORIGEN NUMMER: Ludwig Rubittcr: Brief an einen Aufrfihrer — Mein Haus / Nikodemua Schuster: Tage- 
buch / Rend Schickele: Der Fremde f Rudolf Kayser: Friedrich Hebbel / Gustav Specht: Lateinische Verse / Franz Jung: 
Dagne / Ich bitte um ein Dementi / Orete Wiesenthal / Literarischc Ncucrscheinung / Der Franz Blei-Abend der AKTION 




Sftatttt on 

WOCHENSCHRIFT FOR POUTIK, LITERATUR, KUN8T 
III.JAHR HERAU8GEGEBEN VON FRANZ PFEMFERT NR. 14 



INHALT 



Franz Pfemfert .... Das Jena der Vernunft 

Otto Gross Die Ueberwindung der kulturellen 

Krise 

A. Err Das Vaterland ruftl 

Nikodemus 8chuster . . Aus dem Tagebuch 

Max Brod Liane de Vrifes 

Paul Boldt FrQhling 

Rene 8chickele .... Der Fremde 
Alexander Bessmertny . Am Ende 
Margarete Rosenberg . Verse 



Die Wftchter der Kunst — Japans Niedergang — Das Jiibi* 
l&umsjahr — Literarische Neuerscheinungen — Bdrse und 
Presse — Der n&chste Autoren-Abend der AKTION — , .Brief 
an einen AufrQhrer" 



HEFT 20 PFG. 



VERLAG / DIE AKTION / BERLIN- WILMERSDORF 







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PROF BRUNO PAUL 
PROF- E • Po W£I55 
PROF- EfilL ORLIK 
P ROF-F-A-O-KRuSES 
RUD -ALEX-5CH R .C£0£R 
TH-TH-HE1NE 
ERH5T HAIGER 
CURT TUCH 




Ein Gebranchsfahrzeug allerersten 
Ranges, von grundsolider Arbeit 

Im Betriebe der weitaus billigste 



kleine Wagen auf dem Weltmarkt 



= Stark, komfortabel = 
vorzllgl. gefedert, fllr schlechteste 
Strassen gut geeignet, ein ganz 
= grossartiger Bergsteiger! = 

Phanomen-Werke, Zittau 

in Sachsen 



BIOCITIN 



Wer got ntthrt, heilt gut, sagte der ver- 
storbene berQhmte Kliniker Prof. Dr. v. Leyden. 
Dies ist auf keinem Gebiete so zutreffend, wie 
auf dem der Nervenschwiiche und nervosen 
Siorungen jeder Art. Denn diese Storungen 
sind in den meisten Fallen dadurch bedingt, 
dass durch Ueberanslrengung, Aufregungen, 
Ausschweifungen usw. die lebenswichtigste 
Subslanz der Nerven und des Gehirns, das 
Lecithin, im Uebermass verbraucht worden 
ist, so dass sie nicht wieder aus der taglichen 
Nahrung, die nur geringe Mengen Lecithin 
enthalt, ersetzt werden konnte. Hler schafft 
nun daa Nervenn&hrmittel Blodtin AbhUfe, 
indem es dem Korper jenen unentbehrlichen 



Stoff wieder zufQhrt und dadurch die Nerven 
wieder kraftigt. Das im Biocitin enthaltene, 
nach dem patentierten Verfahren von Hofrat 
Professor Dr.Habermann gewonnene Lecithin 
ist namlich physiologlsch rein und von der- 
selben Beschaffenheit wie das Lecithin des 
menschlichen Gehirns und Nervensystems, 
und darin liegt die Ueberlegenheit des Bio- 
citins gegenfiber den zahlreichen Nach- 
ahmungen, die in der letzten Zeit angeboten 
werden. Jeder, der ein Kraftigungsmittel 
braucht, verlange daher vollkommen koaten- 
los eine Geschmacksprobe von Biocitin 
nebst einer belehrenden Broschfire von der 
Biocitin-Fabrilc G.m.b.H., Berlin S 61. K 6. 






aceaMtton 



WOCHENSCHRIFT FOR POLITIK, LITERATUR, KUNST 

I a. jahrgang | HERAUSGEGEBEN VON FRANZ PFEMFERT [ 2. APRIL 19l3~| 



Dn/lal>li/\n . Muuikripte, Retentions-, Ttusch- 
KcUCIlVIIUII . Exemplars etc. tind an den Hetaut- 
geber, Berlin - Wllmeradorl, Nauatauiache Straaae 17 
tu tenden :: :: Telepbon Amt Pialtburg Nr. 614 1 
Unverlsagten Manuakiipten 1st Rflckporto 



Erscheint Mittwoch 



ind gegen J 

1 JO durcb den Vertag der _Aktion“, Berlin-WUmeradort, 
Nassauischettr. 17 n Kommlatlonlr Oust Brauns, Letpslg 



DAS JENA DER VERNUNFT 



Wenn die Herrschaften der „Friedenswarte“, die 
nobeipreiswerten Fried, Suttner etc. Feingeffihl 
besitzen, sie werden jetzt ffir ffinf Minuten mit 
der Schusswaffe Frieden schliessen und sich eine 
Kugel in den Schidel jagen. Schwanken sie, 
glauben sie wieder mit leeren Phrasen uber das 
Alberne ihrer Existenz hinwegtauschen zu konnen, 
wagen sie etwa noch einmal auf ihre „zwanzig- 
jahrige Arbeit" zu verweisen, dann wollen wir ein 
Gelichter anstimmen, das diese Sportsverbindung 
auseinander treiben wird. Diese Ffinf- Uhr-Tee- 
Antimilitaristen, deren Phrasenreichtum unerschopf- 
lich war, haben abzutreten! Wir werden es ffirder- 
hin nicht dulden, dass offensichtlich bankrotte 
Unternehmungen ernstes Wirken durch seichtes 
Quatschen diskreditieren. 

Aber nicht nur die Spezialisten ffir tantenhafte 
Humanitatsfaxen sind erledigt. Abgetan sind auch 
die liberalen Kulturhariekine, aufgedeckt ist (und 
das bleibt die wichtigste Tatsache) die Wertlosig- 
keit des sozialdemokratischen Antimilitarismus. 
Der Rastungstaumel der Welt wire heute undenk- 
bar, die Anwirter auf methodischen Menschenmord 
wiren heute eine unbedeutende Sekte, wenn die 
Partei, die die Volkerverbrfiderung programmatisch 
vertritt, ihre voile Pflicht getan haben wfirde. So 
aber stehen wir heute, wo wir vor hundert Jahren 
standen: ein hohles tdnendes Wort, — und die 
Volker werden sich wie Tiere zerfleischen. 

Die Wehrvorlagen in Frankreich und Deutschland 
sind das Jena der Vernunft, der Menschheits- 
entwicklung, der Menschengeduld. Diese Wehr- 
vorlagen bedeuten einen brutalen Appell an die 
kulturwidrigsten, indianerhaftesten Instinkte. Dass 
ein solcher Appell gewagt werden kann, das allein 



entscheidet. Belanglos bleibt, ob eine Milliarde 
oder eine Million der Ausdruck dieser Unsittlich- 
keit ist: eine gesittete Generation wfirde es als 
Schmach empfinden, die Umrechnung einer Toll- 
heit in Mark und Pfennig flberhaupt zu erwfigen. 
Wir aber rechnen. Der demokratische Chefredakteur 
des Berliner Tageblatt ffirchtet nicht ffir seine 
Fensterscheiben: er sieht einen Handel vor sich 
und sucht Offizierspatente ffir Juden herauszu- 
schlagen. Wolff wird, wenns trefft, wieder den 
Kulturfaktor mimen; heute scheint ihm eine Barbarei 
diskutierbar, wenn nur der Ehrgeiz der Herren 
Sternberg und Levy dabei in Rechnung gezogen 
ist. Und wie er, so die andern. Nicht einer wird 
von der Scham geschfittelt: alle prostituieren die 
Vernunft, um Parteigeschafte zu machen. 

„Aber das Volk will es; wir sind ja nur Wort- 
fflhrer des Volkes." Die so reden, suchen die 
Schande mit Pflichtvergessenheit zu entschuldigen. 
Das ist ja das Erbirmliche, das Niederschmetternde: 
dieses Volk ist durch seine Parteibonzen derartig 
verdummt worden, dass ihm das kulturelle Ehr- 
geffihl vollig abgeht. Dieser Gesellschaft haben 
die Besten umsonst gelebt! Geschiftsgewandte 
Pressehelden missbrauchen das Schlagwort vom 
„Fortschritt“, um der Menge zu schmeicheln. Nicht 
die Kultur, sondern das Abonnement ist das Ziel. 
Das Abonnement oder der Stimmzettel. Beides 
ist nur zu haben, wenn die Verdauung der Um- 
worbenen nicht gestdrt wird. 

Die Vernunft hat ihr Jena erlebt. Wird ein Jena 
folgen? Erst wenn es gelingt, das Volk von der 
Vormundschaft der Presse und der Mandatsinter- 
essenten freizumachen. 



Franz Pfemfert 











383 



384 



DIE AKTION 




Das Vaterland ruftl 

Ich bin glucklich, Genoese einer so erhabenen, 
grosseu Zeit zu sein, wie die, in der wirleben. 
Ich kannte bis jetzt nur aus der Geschichte 
verschiedene Momente „nationaler Begeisterung", 
wo Manner ihr Gold, Frauen ihr Silber und 
die Damen ihren galant erworbenen Schmuck 
zu Sabel umschmelzen Ues6en. Wahrhaftig, was 
kaiin grdsser, sitthcher, schoner, menschenwhr- 
diger, christlkher sein, als Opfer zu bringen. 

Das aufgeklarie deutsche Volk, das sich selbst 
regiert, opfert aus Begeisterung fur sein Vater- 
land em Milliardchen. Es sotlte sich eirt deut- 
scher D’Annunzio finden um unsere grossen 
Tag© zu verewigen! Auf dass er komme! (Ein 
Ausruffingszeichen extra!) 

Oder 1st es nur ein Regierungsmanover und gar 
keine „nationaie Begeisterung"? Doch, doch ! 
Wir leben ja nicht in einem absolutistisch re- 
gierten Lande; bd uns vertritt jeder erwachsene 
Mann die Gesetze! Wir haben ein demokra- 
tisches Parlament! Wir haben eine politische 
Kultur! Wir!!! 

Feiere Opferfeste, deutsches Land! 

Unsere langgestreckten Grenzen sind in Gefahr! 
Von iiberall die Moglichkeit des Kriegs, Kriegs, 
Kriegs. . . Also: 116965 Soldaten mehr! und 
Offizkre und Generate und Pferde!! 1st das eine 
Lust zu leben! 

Aber . . . der verdammte Pessimismus . . . jetzt 
kommen mir neue Zweifel , . . wird das ge- 
nugen? Es liesse sich doch so leictit verdoppeln. 
Das soil „Volksbegeisterung w sein! ein paar 
lumpige Groschen fur den Altar des Valerian- 
des. Eine Schmach! 233 930 Soldaten und dem 
entsprechend mehr Generate, Offiziere und 
Pferde — das wire doch immerhigx imposanter 
und auf ein btschen Begeisterung mehr kommt 
es doch wahrhaftig nicht an, nicht uns! 

Wer nicht will, mag es lassen. Wir haben Pa- 
trioten genug! Wenn man bedenkt: unsere In- 
dustriellen, unser Landbodenbesitzer, unsere Pro- 
fessoral, unsere Studentenl Die lumpigen Pro- 
letarier? diese Parasiten am sozialen VolkskOrper, 
auf diese Elemente kommt es nicht an. Die 
wollen ja den Frieden nur, weil sie nichts zu 
fressen haben. Diese verhungerten Lasttiere, die 
sich keine andere Freude leisten konnen als ihren 
Fusel, die entbettren wir geme. Was wiren das 
auch fur Soldaten ! Sohne verhungerter, im 
Schweisse ihres Angesichts sich abrakemder 
VSter, auf denen, wie unser Dichter sehr richtig 



bemerkt hat, schon „die Sunden Hirer Oross- 
vSter lasted. . Weg damit. . . . 

Noch besitzen wir unseren Adel, noch haben 
wir ein gesundes Burgertum. 

Aber . . . zum Niederschiessen ware dieses so* 
zialdemokratische Oesindel vielleicht doch gut 
genug? Denn ein Krieg ist ja immerhin eine 
ernste Gefahr! Gewiss, in erster Liniefur unsere 
Feinde. Aber der Schweinehund von Feind 
kann sich am Ende auch national begeistem — 
und dann haben wir die Bescherung. Dann 
dreht der die Sache um, und will uns nieder- 
metzdn, und auf jeden Fall mussen wir ihm 
Materia L liefern. 

Also; es ist richtiger, wir begeistem auch die 
Proletaries 

Alle Mann — los! 

Hurrra a a a ah! ! M !!!!!!!! ! 

A. Err 

Zur Ueberwindung der 
kulturellen Krise 

Von Otto Gross 

Diese Zeilen sind e'uie (verspitete) Antwort auf einen 
Angriff, den Landauer in seinem „SozialisF* gegen die 
Phychosnslyse and gegen mich gerichtet hat nod den 
ich dam sis unbeantwortet lassen musste, da Herr Qastav 
Landauer meinem Aufsatz die Publikation in seinem 
Btatte verweigerte. Ich gehe heute nur auf da a Saeh- 
tiche des Angnffs ein. Was das Person! iche anbelangl, 
so konnte ich nur sagen : Herr Landauer hat infam die 
Wahrheit verdreht 

Im iibrigen soil die Phychoanalyae energiach propagiert 
und vertreten werden in einer Zeitschrift, die ich ab 
Juni miaammen mit Franz Jung herausgeben will. 

Die Psychologie des Unbewu9sten ist die Phi- 
losophic der Revolution, d. h. sie ist berufen, 
das zu werden als das Ferment der Revoltierung 
innerhalb der Psyche, als die Befreiung dervoot 
eigenen Unbewussten gebundenen Individuali- 
tat. Sie ist berufen, zur Freiheit innerlich f&hig 
zu machen, berufen als die Vorarbeit der 
Revolution. 

Die unvergieichliche Umwertung alter Werte, 
von der die kommende Zeit erfullt sein wird, 
beginnt in dieser Gegen wart mit dem Gedan- 
ken Nietzsches iiber die Hintergrunde der Seele 
und mit der Entdeckung der sogenannten psy- 
choanalytischen Technik durch S. Freud. Es ist 
dies die praktische Methode, die e9 zum ersten 
Male maglich macht, das Unbewu 96 te fur die 
empirische Erkenntnis freizumachen, d. h. fur 
uns, es ist jetzt moglich geworden, sich selbst 
zu erkennen. Damit ist eine neue Ethik gebo- 
ren, die auf dem sitttichen Imperativ zum wtek- 
lichen Wiseen um sich und um den N&chsten 

beruhen wird. 




h 

DIE AKTION 



* 



Dies ist das Ueberwiltigende in diesem neuen 
Wah rheit-Begreifen mfissen, dass wir von dem 
Eigenilichen, Wesentlichen, vor alien Fragen un- 
vergieichlich Fragenswerten — von unserein Sein, 



Leben, von Uns, vom Men* 



schen his zu diesen Tagen nichts gewusst ha- 
ben, ja nicht einmai danach zu iragen imstande 
gewesen sind. Was wir zu wissen lernen, das 



ist, dass jeder Mensch von uns, so wie wir 
heute sind, nur einen Bruchteii dessen innehat 
und als sein Eigen kennt, was seine psych ische 
Fers6nHchkeit in ihrer Gesamtheit umfesst. 



Ausnahmslos in jeder Psyche ist die Einheitder 
Gesamtfunktion, die Einheit des Bewusstseins 
durchgerissen, hat sich ein Unbewussfces abge- 
spalten, das sich der Fuhrung und Kontrolle 
durch das Bewusstsein und jeder Selbstwahr- 
nehmung fiberhaupt an sich entruckt erhilt. 

Ich muss die Kenninis der Freudschen Me* 
thode und deren wesentlichen Ergebnisse als 
bereits allgemein voraussetzen. Seit Freud ver* 
stehen wir die Unzweckmissigkeiten und Unzu- 
lingiichkeiten des psych ischen Lebens als Fol- 
gerungen innerer Erlebnisse von intensiv kon- 
ffikterregendem Affektgehalt die sdnerzeit —vor 
allem in der fruhen Kindheit — als uuauflOs* 
bar scheinend aus der Kontinuitit des ichbe- 
wussten Innenlebens ausgeschaltet wurden und 
aeither aus cfem Unbewussten als Kontrastmo- 
tive und unbeherrscht zerst&rend weiterwirken. 
Ich glaube, dass das wesentlich Entscheidfende 
fur das Zustandekommen der Verdrangungen im 
inneren Konflikt gegeben ist — unerreicht bldbt, 
was Carl Wernicke fiber den Konflikt als Krank* 
heitsursache geschrieben hat — mehr als in der 
Beziehung zum sexuetten Moment. Die Sexua- 
Hit ist das unlverselle Motiv fur eine Unend- 
lichkeit an inneren Konflikten, nicht an sich 
selbet sondem als das Objekt einer Sexuabno- 
ral, die in unltisbarem Konflikt mit allem steht, 
was Wert und Witten und Wirklichkeit ist. 

Es zeigt sich, dass das eigentttche Wesen die- 
ser Konflikte im tiefsten Grund sich sists auf 
ein umfassendes Prinzip zuruckffihren lisst, 
auf den Konflikt des Eigenen und Fremden, 
des angeboren Individuellen und des Suggerier- 
ten, das ist des Anerzogenen und Aufgezwun- 
genen. 

Dieser Konflikt der Indivklualit&t mit der ins 
eigene Innere eingedrungenen 
Auioritit ist mehr als jemals sonst der 
tragische Inhalt der Kindheitsperiode. 

Tragiach gerade desto mehr, je reicher in sich 
selbst, je fester in der Eigenart die Individuali* 



tat veranlagt ist. Je intensiver und je fruher 
das Widerstandsvermdgen gegen Suggestion und 
Eingriff seine schutzende Funktion beginnt, um 
soviel intensiver und soviet fruher wird derzer- 
reissende Konflikt vertieft und verschfirft Ver- 
schont sind nur die Naturen, deren Individuali- 
tfitsanlage so schwach entwickelt und so wentg 
widerstandsfahig ist, dass sie unter dem Druck 
der Umweltssuggestionen — dem Einftuss der 
Erziehung — geradezu der Atrophie verfaUt 
und uberhaupt verscbwindet — Naturen, deren 
richtunggebende Motive endlich ganz aus fiber* 
kommenem Eremdem Material an Wertungen und 
Gewohnheiten des Reagierens sich zusammen* 
setzen. Bei solchen Charakteren zweiten Ran- 
ges kann eine — scheinbare — Gesundheit sich 
erhalten, d h. ein ungestortes Zusammenfunktio- 
nieren der seelischen Totalitat oder, besser ge- 
sagt, des Seeienrestes. Jedwedes Individuum <ja- 
gcgen, das irgend hbher steht als diese Norma- 
litat von heute ist unter den bestehenden Ver- 
haltnissen auaserstande, am kran kheitsschaffenden 
Konflikt vorbeizukommen und seine in.divi- 
duelle Gesundheit zu erreichen, d. h. 
die harmonische Vollentwicldung seiner indivi- 
dudlen, in angeboiener Anlage prifonnierten 
hdchsten Mdgttchkeiten. 

Man versteht aus alt dem, dass derartige Cha- 
raktere bisher, gleichgfiltig in welcher Erschei- 
nungsfonn sie sich offenbaren — ob gegen Ge- 
setze und Moral, ob posjtiv fiber den Durch - 
schnltt hinausffihrend oder in sich zusammen- 
brechend und krank — mit Abscheu oder Ver- 
ehrung oder Miflesd als beunruhigende Aus- 
nahmen empfunden und auszumerzen versucht 
worden sind. Man wird v^rstehen, dass heute 
die Forderung besteht, diese Menschen als die 
Gesunden, die Kimpfer, die Fortschrittler gut- 
zuheissen und von und an ihnen zu lernen. 

Es ist keioer der Revolutionen, die der Ge- 
schichte angehfiren, gelungen, die Freiheit der 
Individualist aufzurichten. Sie sind wirkungs- 
los verpufft, jeweils als Vorl&ufer einer neuen 
Bourgeoisie, sie sind geendet in einem hasten- 
den Sicheinordnenwollen in allgemein geltende 
Normalzustinde. Sie sind zusammengebrochen , 
weil der Revolution^ von gestem die Autori- 
tit in sich selbst trug. Man kann jetzt erst er- 
kennen, dass in der Familie der Herd 
aller Autorit&t liegt, dass die Verbindung 
von Socualittt und Autoritat, wie sie sich in der 
Familie mit dem noch geltenden Vaterrecht zeigt, 
jede Individualit&t in Ketten schligt 







387 DIE AKTION 



Die Krisenzeiten hoher Kulturen haben bisher 
immer die Klagen fiber das Lockem der Ehe 
und der Familienbande in Gefolgschaft — die 
Ehe ist eine vorwiegend b&uerliche Institution 
— man koonte indes aus dieser „Unsittlichkeits- 
tendenz® den kbensbejahenden ethischen Schrei 
nach Erlosung der Menschheit nicht heraushd- 
ren. Es ging alles wieder zugrunde, und das 
Problem der Befreiung von der Erbsunde, der 
VerUavung der Frau um der Kinder wttlen, 
blieb ungeldst. 

* 

Der Revolutionar von heute, der mit Hilfe der 
Psychologic des Unbtewussten die Beziehungen 
der Oeschlechter in einer freien und glfickver- 
heissenden Zukunft sieht, kampft gegen Verge- 
waldgung in ursprunglichster Form, gegen den 
Vater und gegen das Vaterrecht. 

Die kommende Revolution ist die Revolution 
furs Mutterrecht. Es bleibt gleichgultig, unter 
welchen Erscheinungsformen und mit welchen 
Mitteln sie sich vollzieht. 

Glossen 

JUBILAEUM DES JAHRES 1913 

Parademlrsche protzen schroff und kiirrend 
An Fensterscheiben . Lichter stehn bereit 
Um Kaiserbilder. Weihrauch wogt verwirrend. 
Mit Orden 1st ein Oehrock-Feld bcschneit. 

Die Jugendwehren fluten fiber Schollen. 
Denkmiler jubeln. Kirchen kriegen Luft. 
Studenten trampein proizig und geschwollen. 
Bienreden werden in den Wind gepiifft. 

Die Burger rudem mit ge&albten Flossen. 

In Schulen werden Kinder zugespitzt. 

Aus Hirtenflftten wird ganz scharf geschoesen. 
Jungfraun zerplatzen. Herz und Hose schwitzt. 

Max Herrmann (Neisse) 

DIE WAECHTER DER KUNST 

Die Zeitschrift „Ueber Land und Meer" hat eine 
JRubrik „Die Kultur der Gegen wart®, wddtefan 
allgemeinen gut redigiert ist und das Blatt fiber 
das Niveau des Famihenjouraals erhebt. Aber 
Prof. Eduard Engel, der grosse Walzer fiber 
Stilkunst schreibt, hat dort das st&ndige Referat 
fiber Uteratur inne. Erstaunlich ist es, mit wel- 
chem Geschick er gerade die banausischsten und 
subaltemsten unserer „Dichter“ herauszufinden 
und herauszustreichen versteht. Sich selbst fiber- 
boten hat er aber in einer der letzten Nummem. 
Dort bringt er die folgende „literarische Be- 




aprechung® — samt dem Bild des Gefeierten — 
in der wir vorderhand den Namen nidtt aus- 
schreiben woikn, um ihn dem Leser als Ucber- 
raschung zu vergdnnen. 

„F. M , dieser neben Roda Roda fleiseig- 

ste, geistreichste Spdtter unsrer Tage, hat etaen 
neuen kdstlichen Sammelband 9einer Oeschichten: 
n O Frieda!® (E. Fleischel in Berlin) erschetaen 
lassen, und es genugt, ihn emfach anzuzeigen, 
denn wer F. M. ... ist tund was er uns bc- 
deutet, das weiss die Welt, in der man 

sich nicht langweilt. F. M. . . . schreibt, so- 
viet ich weiss, nur in Prosa, und fur seine ab- 
sonderlichen Geschichten ist sie die notwendige 
Form. Er hat sich seine sehr eigentfim- 
liche, dabei sehr natfirliche Prosa ge- 
schafien, oder besser: nicht geschaffen, sondem 
sie ist, was jede gute Kunstprosa sein 
soli, der vollkommene Ausdruck sei- 
nes inneren Wesens.* — Und wer meinst 
du, lieber Leser, ist dieser Dichter, dessen 
Ruhm so schalknd verkfindet wird, Am auch 
die Besten nicht mehr Anerkcnnung wfinschen 
kdnnten? Wer ists?? Seta Portfit in der 
Stellung des versonnenen Denkers schmuckt das 
Blatt. Es ist: Fritz Muller (Zfirkh)! 

JAPANS N1EDERGAN0 

In dem „KuIturteil“ der Zeitungen wird folgende 
Ungcheuerlichkeit gedruckt: 

„Von Prof. Dr. Ino Kubo ist in einer der 
grossten japanischen Zeitschriften eine Ueber- 
setzung der lyrischen Gedichte von Hugo 
Salus zugleich mit einer Biographic desDich- 
ters erschienen — eta tateressantes Dokument 
fur die immer weiter um sich greifende Ver- 
breitung und Schatzung deutscher Ltfteratur 
in Japan. 41 

Das Ubdleneiiand ist nicht erst auf den Hund, 
es ist glekh auf Herm Salus gekommen. Armes 
Japan! Es war vor mehr als 1000 Jahren, da 
Ufihten dir Verse wie diese (716 n. Chr. ge- 
schrkben!): 

Japan 

Bald ist die Stunde der Heimkehr. 

Die Seek siefat im Tr&um 
Kasugas Dicher funkeln; 

Sie sieht den letzten Baum. 

Sie sieht des Berges Konturen, 

Die Blume, die sich erschliesst, 

Und den Mond, der fiber dk Fluren 
Seta silbemes Licfat ergksst . . 



389 



DIE AKTION 






Oder (750 n. Chr.!): 

Die Winde alle Blitter mir entrafften. 

Es start der Lenz, der langst schon blass und 

trub . . . 

Und nur an meinem seid’nen Aermel blieb 
Der susse Duft der Pflaumenbluie haften. . . 



Jetzt, 1913, sollst du es erleben, dass man dir 
einen reimenden Stammler als Vertreter deut- 
scher Lyrik ins Land schwindelt? Ich appeliere 
an deine Grobheit: steinige deinen Ino Kubo 
fur diese Uniat! F. P. 



Aus dem Tagebuch 

Von Nikodemus Schuster 



1m letzten Kameval wollten sich emige junge 
Leute fur den Fasdungsdienstag ala Indianer 
herrichten lassen, und ein Spassvogel hat sie — 
t&towiert fur ihr Leben lang. Unausloschlich 
haben sie Schlangen und Sauigel auf ihren 
Backen. 

Als ich davon einer ehetnals sehr schonen alien 
Dame erzihlte, sagte sie: n Diese Jungen sind 
zu bedauern; aber sie werden den Vorteil ha- 
ben, sich nicht altem zu sehen. Das ist nam- 
lich recht traurig: ein Uares und reines Gesicht, 
das von Tag zu Tag abwelkt Und gar erst 
fur schone Gesichter, die daraus ihre gauze Hal- 
tung, ihr gauzes Kdnigtum hatten! Es istdar- 
um gar nicht erstaunlich, dass bei manchen V61- 
kern die Hiuptlinge den Brauch des Titowie- 
rens einfuhrten. Dadurch wild die Arbeit der 
Zeit fast unmerldich gemacht; die jungen Leute 
wurden durch eine Mode verhisslicht und die 
Alien hatten nicht mehr so viel Unannehmlich- 
Iceit mit dem Altwerden. Man war nicht mehr 
dieser Widerwirtigkeit ausgesetzt, dass einen 
ein junger Gelbschnabel mit einem frischen 
Uchdn in der Kunst des Gefallens schlug. 
Naturlich verliert die Jugend durch das Tito- 
wieien, — aber sie hat ja so viel andere Res* 
sourcen! Und sie profitiert ini Alter. Deshalb 
hat sich sicher dieser Brauch des Tatowierens 
erhalten, den wir auf den ersten Anblkk fur 
sinnlos halten mdchten. 

Aber die9e honetten Br&uche verschwinden gleich* 
zeifig mit dem Respekt vor dem Alter. Die jun- 
gen Frauen wollen sich jetzt nicht mehr Rot 
und Weiss auflegen wie zu meiner Zeit, und 
nicht mehr ihr Haar pudern, urn mit zwanzig 
einer alien Dame zu gleichen, die jugendlich 
scheinen will. Deshalb pakttere ich ganz mit 



meinem Alter und versuche keine Malerei mehr, 
die niemanden t&uschen kdnnte. Aber dodisind 
die jungen Herrschaften zu bedauern, denn u 
Alter, wo sie Rot ndtig haben werden und die 
Jahre das Haar pudem, da wird es ihnen ieid 
tun, das Rouge und den Ptider verachtet zu 
haben." 

Und l&chelnd schloss sie: „So werden die be- 
straft werden, die in ihrer lustigen Jugend 
weise Einrichtungen verlachten, weil sie sie nicht 
ndtig hatten. Aber die Einrichtungen sind wie 
der Stock, auf den man sich im Alter stutzt. 
Waren die Jungen klug, so t&ten sie so, al9 
stutzten sie sich auf den Stock, damit sie spl- 
ter urn so leichter die ersten Attacked der Gicht 
cachieren k&nnen." 



F6lix F6nfon, der, leider! das Sdiraben seit 
langem aufgegeben hat und sich nur mehr um 
den Bilderhandel kiimmert, war in M. und be- 
suchte mich. Seinen famosen Kopf hat erimmer 
nodi, innen und aussen. Einer von den wenigen 
Menschen nach meinem Geschmacke. Alsernoch 
bo was wie Sekretar bei der Revue Blanche war, 
stiirzte einmal ein Mensch herein und schrie 
ohne Gruss und Form: „Herr !*“ FAnfon riihrte 
sich nicht. „Herr!" schrie der Fremde. Ffofon 
schrieb weiter. „Herr, ich bin Herr Balochard, 
Deputierter". Und da sich F&ifon immer nodi 
nicht ruhrte, packte ihn der Deputierte an der 
Schulter, Da warf F6n6on einen erstaunten Blick 
auf den Mann und sagte: „Ja, merken Sie denn 
nicht, dass ich taubstumm bin?" — Fdnfon er- 
zahlte ihubsche Sachen von Degas, die ich, um 
Liebermann eine Freude zu machen, weiterer- 
zahle. Eines Tages fuhrte ihn Jean Paul Laurens 
vor seine neue melodramatische Riesenleinwand: 
„Fredegunde verlasst das Gemach, in dem ihr 
Liebhaber ermordet wurde". Liebenswurdig frSgt 
Degas, warum die Dame denn den Ort des Ver- 
brechens verlasse, worauf Laurens eine Menge 
von Merowingem, Chilperich, Galaswintha Chlo- 
domir erzahlt. Worauf Degas: „Nein, mein 
Lieber, deswegen geht sie nicht hinaus. Sie ver- 
l&sst das Gemach, weil sie schlecht im Raum 
steht." Als Degas einmal einen Ktirassier die 
Rue Rivoli hinunter sprengen sieht, sagte er 
„Wieder einer, der vor Detaille davonl&uft." 
Als Gustave Moreau, der immer den Einsamen, 
Verkannten, nur in seinen Triumen Lebenden 
spielte, ins Institut kam und zum Professor an 
der Ecole des Beaux- Arts emannt wurde, sagte 
Degas: „Ein Eremit, der genau den Fahrplan 
kennt." — Zweifelhaft ist es, ob von ihm diese 



391 



DIE AKTION 



392 



Memung 

Gegend, 

gnugcn," 



fiber die Liebe stammt: 
l&cherUcbe Bewegung, 



n Schmutzige 
kurzes Ver- 



Sie kannte von Liebertnann sein. 



Wenn ein Mann daran denkt, sich zu verheira- 
ten, fangt er an, sein Leben zu reformieren; und 
das ist ja auch ganz naturiich . Das Ungtuck 
1st nur, dass er gleichzeitig auch seine Sprech- 
weise, seine Mdnungen, seinen Charakter refor- 
miert, und fast immer schneller als das die 
menschliche Natur erlaubt. Er komponiert sich 
eine Fassade, das heisst, er t&uscht haU> sich 
selber und meistens vollkommen die andern. 

Man muss allerdings ztigeben, dass das Milieu, 
in dem sich der Br&utigam in einen Gatten ver- 
wandelt, der Freimutigkeit nicht sehr gunstig ist. 
Es gibt in diesem Milieu immer Leute, kltere 
Damen meistens, die ganz genau wiseen, was 
man als einwandfreier Br&utigam in alien m&g- 
lichen Situationen zu sagen und zu tun hat. 
Risldert besagter Briutigam anfangs einige He- 
resien gegen diese Orthodoxie, so gibt er bald 
den ungleichen Kampf auf und redet das, was 
man will, dass er redet. Auf dem Theater hat 
man diese Komddie hundertmal gesehen, darii- 
ber geiacht, — aber das rottet sie im Leben 
nicht aus. 

Nun ist es aber ein recht schlechter Start fiir 
die Ehe, besser erscheinen zu wollen als man 
ist. Denn hier ist es nicht so wie im Krieg, 
wo die Tauschung des Feindes den Sieg bedeu- 
tet oder dauerhafte Vorteiie. In der Ehe ist es 
unmdgtich, lange den Gegner zu tSuschen. Wenn 
es keinen grossen Mann gibt, der vor 9 einem 
Kammerdiener gross ist, wie soli ein durch- 
schnittlicher Mann vor seiner Frau den Thea- 
terhelden spielen, ohne ausgepfiffen zu werden? 
Man soil sich von Anfang an so einlach und 
so durchsichtig als mdgiich zeigen, wenig ver* 
sprechen, um mehr halten zu kdnnen, als man 
versprochen hat. Es gibt in fast alien Familien 
ein ungesdiriebenes Gesetz, nach dem ein jeder 
dem andern schmeichelt und ihm was vormacht, 
um ihm zu gefallen. Ein wahres Wort inmitten 
solcher hergerichteter Gesprache wire eine Art 
Skandal, und viel mehr in den Augen der unter 
das hodizeittiche Messer gebeugten Iphigenieals 
in jenen der Eltern und Grosseltem, die min- 
destens wissen, wie das Leben lauft. 

Anders ist dieses unvermeidlich: die Frau in- 
struiert sich auf Kosten des Mamies, und sie 
macht eine Erfahrung jedesmal, wenn der Mann 
etwas von seinem Prestige verliert. Und w&h- 
ratd sie entdeckt, dass ihr Gott aus versilber- 



tem Messing besteht, sieht er vox sich eine 
Frau entstehn, die er nicht kannte und die sich 
nicht kannte. Deshalb ist jede Ehe nach einem 
Jahre wieder von vorn anzufangen. Und diese 
neuen Flitterwochcn sind eine viel grundlichere 
Probe als jene ersten im Hotel am Lido. 



VERSE 



Bine schtxehiijahrife Dichterin ichreibi der 
AKTION dieae Verae 



Wir werden herrlich aus Wunsch nach Freiheit. 
Der K6rper dehnt sich, 
dieses Zerrende nach geahnten Formen 
gibt ihm U e b e r spannung. 

Schwere Huften schauem sich zu langem Wuchse; 
im Straffen beben wir vor innertm Geffihl. 

Wir sind so sch6n im Sehnen, dass wir ster- 

ben kOnnten. 



Zwei gehen nackt durch einen Wald; 

sie schreiten hoch 

und lachen mit den Vogelschreien. 

Der wunde rasende Klang wurgt ihre Kehlen. 
In ihren Hauten brennen sie eisig, 

Atemstucke brechen aus verschutteten Massen. 
Menschen reissen sich hdher: 
ihr Kopf starrt vor; 

Augen, die tief bluten, 
sturzen in Sch&del zuruck. 

Arme und Beine sind Stricke; 
sie meistern krachende Leiber. 

Zwei fuhlen sich breit verschmelzen und be- 

ruhren sich nicht. 

Sie schlingen sich um B&ume und brechen 

entzwei . 

Margarete Rosenberg 



AM ENDE 

Mit mir schritt mein Schwert, 

M&del trug das Pferd. 

Lied floss aus der FlOte 
Und die Sonnenrbte 
Sprang auf meinen Herd. 

Krucke ward mein Sdiwert, 
„Dime" heisst das Pferd, 

Zum Gequik der Flote 
Paart sich Frosch und Krote 
Auf dem kalten Herd. 

Alexander Bessmertny 



393 



DIE AKTION 394 



FRUEHLING 

Ab trfigen Frauen In den Straussenfedem 
Das junge Licht wie eine weisse Fahne, 
Gehdrten alle HSuser reichen Rbedem 
Und waren Schiffe, schwimmt um die Attane 
Die blaue Luft! Oh, jetstt in einetn Kahne 
Auf Wassem fahren, sussen Morgennebdn 
Entgegensteuem, gbich dem leisen Schwane 
Die Wellen teilend mit den schwarzen Hebeln. 
Geh in die Leipzigersirasse! Geh ins Frde! 
Schdn ist die Wollust! Gott ein guter Junge. 
Die Dirnen sommem, brunstiger ab Haie! 

Ich babe Geld! Ich bin so schdn imSchwunge. 
Sonette aus Sonne Idizein mir die Zunge! 

In meiner Kehle sainmeln sich die Schreie! 

Paul B o 1 d t 

Liane de Vri&s 

Von Max Brod 

Der Reklamograph : interessanter, alstnan glaubt 
Dann schnellte eine „akrobatische Neuheit* fiber 
die Varbbbuhnfe, dann hiellen Qowns Violinen 
und Glocken an DrehbSnke, und es klang wie 
eine Art von Musik, so sotlte es auch sein. 
Die Kulisse oftbenutzten Herbstlaubs erzitierte 
vom Urwaldgekreisch dressierter Kakadus und 
von ihren springenden Far ben. Gut, gut, all 
das sind Versprechungen — kommt sie noch 
nicht? Ich sah sie versteckt hinter den tumen- 
den Arabern, hinter dieser tem peramentvollen 
Wuste, hinter synkotpischen EnglSnderihnen, bin* 
ter der Pause, die den Riesensaai hell machte 
und all die blauen schdnen Zigarrenrauchwolken 
zu den Wolken des Plafonds trieb, zu den 
Ficherspiegeln, den Verzier ungen. Aber sie 
zeigte sich nicht. Noch diese Germania mit 
kantfgen H Often musste auftretend sie verdecken 
und Zigeunerweisen geigen, mit ihrem Bogen 
alb Zbhbrunnen der Pussta heben, pizzicato 
und im Flageolet, wobei passenderweise ihre 
Postichen krtuselnd in Unordnung gerieten, 
wfthrend zur nachsten Cantilene doch wieder 
schon der gehdrige Augenaufschlag in Bereit- 
schaft war* Geh schon weg! Und auch du, 
ade, Amerikanerin, die den Kunststucken der 
Bruder hilft, auf sie zeigt, im tiefsten Mund- 
winkel ihren Goldzahn aufblitzen ISsst Ade, 
geh schon weg. . . . 

Dann trat Liane de Vries auf. („W&hrend dieser 
Nummer wird nicht serviert.* Das Plakat ist 
von Damart in Paris gedruckt und schlecht 
Ein Freund hat mir erzfihlt, er habe in der 
Nacht, nachdem er sie gesehn, nicht schlafen 




kdnnen. . . So sammle ich schneli noch, vor 
dem erregten Moment, albs, was ich bisher von 
ihr webs.) Musik. Ich schliesse die Augen. 

Und dann sehe ich sie, sie steht da auf der 
Buhne, und ich hdre sie und es ist die Sprache, 
die Sprache Flauberts. Da steht sie, so which 
mir immer die Pariserin meiner Legenden vor* 
gestellt habe, ich habe Parb noch nie gesehn; 
da ist nun das Vorbild der mondainen Wochen- 
schriften, der Bilder von Fabiano, Gose, Gala- 
nis, de Mouvel, das Vergnugen meiner einsamen 
Abende im Kaffeehaus, nachstens werde ich da- 
von schreiben. Da ist sie, und es ist keine Ent- 
tiuschung, nein, eher war das Erwarten eine 
Entt&uschung, denn ich h&tte sie sehnsudhtiger 
erwarten sollen. ... Ihr Hut, das Kbid mit 
Flittergotd, und dazu geben die viekn echten 
Perlen eine Harmonie, eine Harmonk imhdhe- 
ren Sinne, o jenseits, dort wo auch dieWurzeln 
von Minus-Eins schweben! Die Perlen, die 
solitaren Brillanten und an Ketten die Schmuck- 
sfcucke, neben ihrer Schonheit sagen sie tauto- 
logisch noch einmal dasselbe: „Man muss mich 
iieben, alle lieben mich. 41 Das sag>en die 
Schmuckstficke, das sagt db Schduheit auch 
allein. Denn sie ist schdn. Hab ich’s noch 
nicht gesagt? . . . Sb ist schdn und so webs, 
andere werden vom elektrischen Reflektor be- 
leuchtet, sie wirft ihr Licht in den Reflektor, 
bebuchtet ihn. Toiletbkunste, wendet eine ein. 
Aber matfi es ihr doch nach, Ideine Hausfrau, 
eben wirst du von der Buhne her aufgefordert, 
nicht eifersuchtig auf deinen Mann zu sein: 
denn dieser Kuss gilt gerade ihm! Sie bf schdn 
— kdnnen diese H&nde auch Wirme geben? 
Unmdglich, daran zu glauben! . . . Ganz ruhig 
nun betrachtet, denn es ist hdchete Zeit, einige 
wertvolb Beobachtungen zu machen : ihre Brust 
liegt im oberen Funftel etwa des Leibes, das 
macht ihn stark und schlank zugleich, schafft 
Raum fur m&nnerartige Freiheit des Unbrkdr- 
pears, fur die in Mullers System gelbbten Kor- 
settmuskeln. Wie gesund sbht sb aus, wie 
schdn und gesund. Lieber nodi als mit ihr 
sein . . . mdchte man sie sdn! Sie bt so rein, 
gewaschen, uberwacht, Suntifluten von Reini- 
gungsb&dem fdrmlich mussen durth ihre Haare 
gegangen sein, dass sie so n&ss glinzen und 
so trocken sind. Das bt unbegreiflich, obwohl 
nichis unbegreiflich ist. Und diese freb Stim, 
das intefligente Achselzucken, dieses Sich-wenden 
einer grossen Dame, wobei der nackie Rficken 
mit Grubchen, Schatten, Setmen, Anhdhen er* 
scheint. Gewiss bt sie witzig, das sehe ich an 



395 



DIE AKTION 



396 



ihrem nackten Riicken, und gut, brav. AUe 
schonen Frauen sind brav, nur bei Maupassant 
und andem schlechten Autoren (Wiener Schule!) 
sind sie’s nidht. Und siehst du, sehn Sie . . . 
ich babe Recht gehabt, sie bat deutscb und 
schechisch gelernt, um uns etwas zu sagen. 
Was tst das fur eine Szene? Ein Kellner kommt 
auf die Buhne, bringt ihr einen Brief. Jetzt 
fetzt sie den Brief auf, ihr Zeigefinger als 
Messer, wie der sich ins Seidenfutter wuhltund 
einen Schlitz macht, um den sich Locken des 
Papiers aufbaumen! Sie erklftrt uns alies: je- 
mand mochte sie zum Souper ein laden: „Sind 
Sie es? Oder Sie in der Loge, auf der Galerie?" 

Strophenweise antwortet niemand, naturlich, weil 
ftlle wie im magischen Banne liegen und viel- 
leicht auch nicht so perfekt die Sprache Flauberts 
beherrschen, und das gibt ihr Gelegenheit zu 
ihren aufreizenden Mienen, zu dieser ewig lug* 
nertschen, ironischen Geste: „Niemand will 

mich, ach warum will mich niemand?" Den 
Finger an der Lippe steht sie da, weinerliche 
Vorwurfe heuchdrid. 

Ihre andern Kuplets. O schonster Abend meiner 
Saison heuar, neben Variationen von Reger . . 
Die andem Kuplets: Sie ist Masseuse und 

streichelt ihre Umrisse, raodelliert sidi, zu 
unserer grosseren Aufmerksamkeit. Oder sie hat 
was Schdnes, sie gefallt und weiss nicht warum. 
„Fragt nur eure Sttme, die wissen’s." Oder sie 
muss lachen, von unsichtbarer Hand gddtzelt. 

Oder das ldeine Erschrecken, die . Halbkreise 
(statt Halbellipsen) der Augenbraunen, der 
Mund, der ein o sagt, weil er einmal runid sein 
mochte, nach seiner sonst so sanft gesdiwunge- 
nen Form. Die Klappen des Kleides an ihrem 
Busen und zwischen diesen Klappen, das feste 
Licht im Ausschnitt locker, doch nicht schwan- 
kend. Nun verteilt sie Blumen und ist einfach 
das, was sie ist, ohne Gesang und Pointen: 
eine schdne, gutartige, gescheite Frau, ein Ak- 
tivum des Weltalls. . . . Zum -Schluss verbeugt 
sie sich tief . . . ein Kollektivkuss, den sie in 
ihre hohle Hand gibt und ausstreut; dennoch 
bin ich in Dankbarkeit beschamt. . . . 

Mein lieber Freund, audi ich habe die Nacht 
darauf nicht gesdilafen. Ich musste das da 
schreiben. (In erster Linie namlich bin ich 
Schriftsteller, nicht Erotiker.) 



Der Fremde (22. Portsetzwif) 

Roman von R e n ft Schickeie 

XVI. 

Vor der Tiir, die Paul schon zu jeder Stunde 
des Tages und der Nacht gedffnet hatte, hielt 
Malva ihn test. Er hatte gewohnheiismassig 
aufgeschlossen. 

— Ich furchte, es wird zu einem Auftritt kom- 
men, sagte sie und sah ihm angstlich in die 
Augen. 

Paul zuckte gleichgultig mit der Achsel und 
stiess die Tur auf . . Diese Tur, die sidt in 
seinen Trftumen auftat, um Malva durchzulassen. 
Sie ging an ihm vorbei, und er folgte ihr. 

Auf der Treppe begegneten sie einem Priester, 
der mit mitleidsvollem Gesicht vor Malva den 
Hut zog. 

Darauf sass Paul in einem Zimmer am Fenster 
und horte, wie Alfred Brauer auf ihn ein- 
spiach. Von Zeit zu Zeit trat eine Pause ein, 
und dann sah Alfred sich um. Dort an der 
Wand gegenuber schlummerte die kranke Frau. 
Die Vorhftnge waren uber das Bett gezogen. 
Auf einem runden Tischchen brannte eine Nacht- 
lampe, deren Licht in einem gequilten Kreis 
uber den Tisch, fiber Malvas Kidd, fiber die 
Vorhinge des Bettes lief; ein gelber Kreis, voll 
ruhig leuchtender Funken. 

Draussen braute die Stadt ihren hdllischen Lfirm; 
jede Minute schoss es siedend herauf und flel 
platschend in die Tiefe zuriick. 

Malva sass am Bett und sah ihren Bruder 
ruhig an. 

Paul hdrte zu, was Alfred von seinem ver- 
geudeten Leben erzfthlte; wie er sich langsam 
zugrunde gerichtet habe. 

— Die Liebe hat mich verblddet. Ich habe nur 
eine Frau geliebt, und sie hat mich verachtet, 
weil id) nicht zu verderben war. 

. . Warum erzfthlte ihm dieser Mensch sdne 
eigensten Angelegenheiten, da er ihn doch nicht 
darum gebeten, da er sich nie dafur interessiert 
hatte. Ja, er holte zum Schlag aus, er breUete 
eine Szene vor, und unterdessen genoss er die 
Niedertrftchtigkeit, sich vor Paul und vor seiner 
Schwester zu demutigen. Er machte sich Mut. 
Und nun verriet sich Alfred in einer pldtzlichen 
Wendung, aus der wie dicker Eiter der Haas 
quoll. Er trat an Malva heran und beugte sich 
zu ihr; es schien, als musste er sich die Worte 
aus dor Kehle reissen. 

— Siehst du, er ist gleichgultig. Er weiss, was 
kh will, und er denkt nicht einmal daran, ffir 



397 



DIE AKTION 






dich euizutreten. Er kimpft mit keincm Wort 
utn dich. 

Malva machte cine langsame Bewegung der Ab- 
wehr gegen das weisse, verzerrte Ocsicht vor 
ihr. 

— Er braucht es nicht, antwortete sie. 

— Du stehst fur dich ein, du? Hier liegi deine 
sterbende Mutter, und hier stehe ich. Undid), 
ich sage dir, jetzt beginnt mein Amt. Ich werde 

dafur sorgen, dass der Teufel dich nicht mit 
Haut und Haaren verzehrt und . . 

Seine Stimme senkte sich, es trat cine pldtzliche 
Stilie ein . . Paul hdrte den Atem dreier Men- 
8chen f die sich an irgend etwas anzuklatnmem 
suchten, um iiber den reissenden Abgrund hin- 
wegzukommen . 

— Und ich k&mpfe um dich, weil ich dich 
liebe. Ich Hebe keinen Menschen so wie dich. 
Das kiang wie eine Drohung. 

Paul schoss das Blut in den Kopf, seine Hande 
ballten sich . . 

— Lass das, zischte Malva. Ich verbitte mir 
das. 

Ihre Stimme schlug iiber. 

Alfred ging pldtzlich auf 
streckte schnell die Hand 
er biieb stehn. 

— Malva, flusterte er, siehst du, wir mussen 
etnander helfen. Wir sind bald ganz allein auf 
der Welt, wir beide . . Denke doch an deinen 
Verlobten, an Axel, er liebt dich, du hast ihn 
doch auch lieb gehabt, ja ja, du hast ihn sehr 
lieb gehabt. Wenn er wusste! 

Eine neue Springflut der unsauberen Geister 
warf sich mit englischem Gesang ins Zimmer 
und schlug Alfreds Stimme zu Boden. 

Alfred wartete emige Augenblicke, dann fuhr 
er fort: 

— Du schreibst ihm doch noch! Du hast nicht 
gewagt, mit ihm zu brechen . . 

Er sah zu Paul hinuber. 

Malva sasa ersiant Ihre Augen ruhten gross 
auf Paul. 

— Warum beiriigst du ihn, Malva? 

Alfred fragte leise, eindringlich. 

Malva schuttelte heftig den Kopf. 

— Paul , . begann sie langsam, und ihre Augen 
ruhten gross auf ihrem Geliebten. Und sie 
wiederholte: 

— Paul. 

Paul sagte l&chelnd und wie nebenbei zu Alfred: 

— Ich habe nicht gewollt, dass sie mit ihi 



Malva zu; aber sie 
gegen ihn aus, und 



bricht Verstehst du? Ich habe es nicht ge- 
wollt 

Der andere staunte, und hdhnisch: 

— Ach? . . Du hast nidit gewollt? Das ist 

grossartig. Wenn du ihrer satt bist, willst du 
sie an Axel abgeben, und es ist, als ob nichts 
geweaen wire . . Naturlich! Dass mir das 
nicht fruher eingefallen ist! 

Er schnelHe herum und zeigte mit dem Daumen 
hinter sich auf Paul: 

— Der dort verrit dich. Malva, ich weiss, dass 
er dich verrit Es kommt, wie ich gesagthabe. 
Ich weiss es aus Erfahrung . . 

Malva fragte mit ratiher Stimme: 

. . Wie bleich sie war, wie sch&n sie war! 
Malva fragte: 

— Wieso? . . Was weisst du aus Erfahrung? 
Sie betonte jedes Wort. 

— Sprich leise, schrie Alfred. Er sah sich nach 
dem Bett um und schrie noch lauter Paul ins 
Gesicht: 

— Weil ich ihn kenne. Weil ich ihn mit an- 
dem Frauen gesehen habe! Mit deinen Vor- 
gingerinnen! 

Paul sa as gelfihmt und starrte ihn an. Er wollte 
aufspringen . . Schuft — Schuft! — 

— Schuft! schrie er. 

Malva fuhr vom Stuhl auf. Sie biieb regungs- 
los stehn und lauschte. Die Mutter hatte ge- 
rufen. Sie rief wiederum, ein schwerer Seufzer: 

— Alfred. 

Malva riss die Bettvorhinge auseinander. Alfred 
sturzte zum Bett und brach aufheulend zu- 
sanunen. Er bedeckte die Hande der Kranken 
mit Kdssen, sein Kdrper zuckte auf und ab. 

— Mutter, Mutter, schluchzte er. 

Malva stand aufrecht neben ihm. 

— Malva? 

— Ja, Mutter. 

— Ist er da? 

— Ja, Mutter. 

— Hat Alfred mit ihm gesprochen? 

Ja, Mutter. 

— Und willst du ihn verlassen? 

— Was? 

XVIf. 

Nach einer Ewigkeit vonNacht und Stilie wurde 
Paul heftig hin und her gertssen und wadite 
auf. Gleichzeitig vemahm er ein Pochen und 
Rutteln an der Tur. Zuerst glaubte er, es sei 
Morgen und der Portier weeke ihn. Dann sah 
er Malva, und die Lampe brannte. 



399 



DIE AKTION 



'400 



Malva stand iiber ihn gebeugt und hielt ihn mit 
beiden Armen test. 

— Oeffne nicht, fliisterte sie. 

Es sdioss ihm durch den Kopf — : Alfred! Er 
sprang auf und ging zur Tur. Malva hieltihn 
zurflck: 

— Oeffne nicht. Ich fleh dich an. Oeffne nicht! 

Alfred befahl mit heiserer Stimme, dass man 

6ffne. Man solle ihn hereinlassen, wenn man 

kein Feigling sei — 

— Er spielt den Wahnsinnigen! 

Malva biss die Zahne aufeinander. Sie war 

bleich vor Hass. 

Ob sie denn vorher abgeschlossen habe, fragte 
Paul. Sie nickte. 

— Er spielt den Wahnsinnigen, weil er dich 

toten will. 

Und als Paul sie noch immer erstaunt ansah: 

— Ja, — du musstest ihn wohl niederschiessen. 
Laut setzte sie hinzu: 

— Nimm deinen Revolver. 

Alfred briillte und rannte mit aller Gewalt gegen 
die- Tur. Sie widerstand. Das Haus schien von 
den Fusstritten zu erbeben, mit denen er die 
Tiir bearbeitete. 

— Nimm ihn, nimm ihn, wenn du Zeit hast! 
Ein langes, schmales Brettsttick in der Tur 
schlug klatschend auf den Boden. Man sah 
Alfreds Fuss in der Oeffnung, und nun fasste 
seine Hand hinein und versuchte, das ganze 
Brett herauszureissen. 

(Schluss folgt) 



Vornotizen 

(Nur wichtigc Ncuertcheinungen werden hier angezeigt. Die Besprechung 

der elnzelnen Werke lolgt in den nAchiten Nummero der AKTION) 

OEORO HEYM. Der Dieb Novellen. (Kurt Wolff, Verlag, 
Leipzig.) Mk. 3 — 

THEOPHILE v. BODISCO. Im Hause des alien Freiherrn, 
Roman. (S. Fischer, Verlag, Berlin.) Qeh. Mk. 4. — 

BERND ISEMANN Lothringer Novellen. (S. Fischer, Verlag, 
Berlin.) Qeh. Mk 3.— 

HERTHA KONIO. Emilie Reinbeck, Roman. (S. Fischer, 
Verlag, Berlin.) Mk. 4.— 

PAUL CLAUDEL. Der Tausch. Deutsch von Franz Blei. 
(Hyperion -Verlag, Hans von Weber, Munchen.) Mk. 3 — 

Das in der vorigen Nummer vornotierte Essaybuch ist nicht 

von LUDWIG RUBINER sondern von Herbert Eulenberg. 

Zeitschriftensdiau 

DER LOSE VOGEL. Eine Monatsschrift. Herausgeber 
Franz Blei. (Kurt Wolff, Verlag, Leipzig.) No. 8,9 enthalt: 
Epigramme; Mailand; Das Unvergangliche; Ein Wort iiber 
Rudolf Borchardt; Moralische Fruchtbarkeit; Oeheimge- 
sellschaften u. a. 

DIE SCHAUBUHNE. No. 13 enthalt: Epstein: Das Theater- 
geschaft; Paul Mayer: Oedicht; Paul Stephan: Isabeau u.a. 



DIE NEUE RUNDSCHAU (S. Fischer, Verlag, Berlin). Das 
Aprilheft bringt den Vortrag von Julius Meier-Grafe „Wo- 
hin treiben wir?“, der bereits in der AKTION besprochen 
worden ist. In demselben Heft schreibt Lawrenze von 
Mackay iiber die Beziehungen von Deutschland und England. 
Die Briefe von Franz Overbeck an Friedrich Nietzsche 
werden in einer ausgezeichneten Auswahl veroffentlicht. 
Arthur Schnitzler setzt seine Novelle „Frau Beate und 
ihr Sohn" fort. Kleinere Essays von Georg Wegener 
iiber den Siidpolfahrer Scott, von Hermann Stelir iiber 
Oercard Hauptmanns Roman ,, Atlantis", die politische 
Chronik von Junius und allerlei Bemerkungen fiillen das Heft. 

Lilerarisdie Neuersdieinungen 

ARTHUR SAKHEIM. Magnificat - Qedichte . (Dresden, 
Verlag von Carl Reissner 1012.) Eine hauptsachlich 
stofflich orienticrende Kritik mag Arthur Sakheim mit der 
scheinbar unverwiistlichen Katalogmarke ,,Neuromantiker'' 
versehen. Damit ist aber iiber die Oattungsmerkmale 
seiner Kunst wenig ausgesagt. Allerdings ist er der 
Sanger „mystischer Avalune' 1 und er verschmaht nicht 
Nixen und Nornen und Talismane und Opale. Seine Re- 
quisitenkammer ist iiberhaupt bis ans Dach gefiillt, meist 
mit selbsterworbenem Gut, gelegentlich auch mit ent- 
liehenem. Die iiberreiche Habe weiss er mit einem Ge- 
schick zu verwenden, dass schon fast der Verdacht entsteht, 
man habe es lediglich mit einem Kunstgewerbler des 
Wortes zu tun, mit einem Arrangeur gutgestellter Bilder, 
mit einem Drahtzieher archaich aufgeputzter Marionetten. 
Und man konnte sich versucht fiihlen, das nun langst 
schon zur Sektenparofe entwcrtete Wort ,,1’art pour I'art" 
auf die Eingangspforte zu schreiben, durch die man in 
den Tropengarten der Sakheimschen Kunst eingeht. Aber 
wenn der Dichter durch seine Treibhauser geleitet ' — 
die „Vielzuvielen‘‘ bleiben besser draussen — erbltihcn Or- 
chideen, die sich in Gesichte verwandeln, von denen wir 
wissen, dass sie Traume sind und an deren Realitai wir 
doch glauben, wenn unser allzu decent lachelnder Fiihrer 
mit seiner narbenlosen Hand uns den Weg weist Unser 
Blut gerat selten in Wallung, aber unsere Nerven zittern. 
Die bewusste Abwehr der Wirklichkeit ist bei Sakheim 
keine patzige Pose sondern notwendiges Erlebnis seines 
von einem iiberstarken Kunstwilien beherrschten Wesens. 
Viele werden ihn ,,intelIektuetl“oder„aesthetiscfT‘schimpfen, 
aber einige, die nicht immer void Dichter Nackttanze der 
Seele und Flagellantenspiele des Hirns heischen, werden 
sich nach diesem Buche zuraunen: Ecce poeta. 

Paul Mayer 

BRIEF AN EINEN AUFRUHRER. Am Schluss meines Briefes, 
den ich der AKTION Nr. 12 schrieb, befindet sich an einer 
durchaus plausiblen Stelle ein Wort, das wirklich anzuwenden 
mir mein Diktioniir bis jetzt leider nicht Qelegenheit gab. 
Der Setzer hat dieses Wort erfunden; es heisst „schwung- 
haft“. Ich nehme nicht an, dass einer der Leser sich 
an den Schlussabsatz meines Briefes erinncrt; es ware 
darum kindlich, das wirkliche Wortchen aus meinem Manus- 
kript noch anzufiihren. Es muss genugen, einen Begriff, 
der mir nicht zusteht, seinem Eigentiimer zuriickzugeben. 

Ludwig Rubiner 



Der nachste Autoren- Abend 

der AKTION ist Andre Giae, Pegui, Carl Einstein 
und Ludwig Rubiner gewidmet. Er findet am 
23. April statt. Vorbestellungen auf Karten (a 2 M., 
fflr Abonnenten a 1 M) richte man an den Verlag 
der AKTION. 

Wir bitten unsere Freunde, fflr den Autoren-Abend 
rege zu agitieren. In dieser Saison werden noch 
zwei Abende (Novellen-Abend und Gertrud Eysoldl- 
Abend) folgen. 



INHALT DER VORIGEN NUMMER: Anonym: Der Bdrsenbericht der grossen Presse / Gerhard Kornfeld: Der Kampf 
der Qenerationen / Kurt Hiller: Kolleg in Ophir / Alexander Bessmertny: Franz Blei / Friedrich Eisenlohr: Raubvogel / 
Alfred Wolfenstein: Krankes Wohnen / Gustav Specht: Die Liebesformel / Ren6 Schickele: Der Fremde / Oottfried Benn: 
Englisches Cafe / Der Franz Blei-Abend am 28. Marz / Maximilian Harden / Die Jagd auf Bassermann / Mitteilung der 

Redaktion / Ueber das eigene Werk 





SXeattion 

WOCHENSCHRIFT FOR POLITIK, LITERATUR, KUNST 
III.JAHR HERAUSGEGEBEN VON FRANZ PFEMFERT NR 15 



INHALT 



Franz Pfemfert .... An den deutschen Reichstag 
Stanislaw Przybyszewsky Dagny, Strindberg und ich 
Ludwig Rubiner .... Eine Zeitschrift ist etwas Wichtiges 
Rene Schickele .... Der Fremde (Schluss) 

Nikodemus Schuster . . Aus dem Tagebuch 

Paul Boldt Mondschein 

Johannes Lang .... Nachtlied 



Anekdoten — 1813 — Der Epigone spricht — Was bedeutet 
die Wehrvorlage — Kommerzienrat Lissauer — In Erwartung 
der Rupfung — Literarische Neuerscheinungen 



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H'R 




AN DEN DEUTSCHEN REICHSTAG 

Meine Herren Volksvertreler! Sie haben (fur die gekommen, dass es zwecklos ist, Verstecken zu 

nachsten Jahre) die Mandate sicher in Handen. spielen mit dem Ideal der Vaterlandslosigkeit. Die 

Kein Proteststurm betrogener Wahler kann Herrn Arbeiter haben das Diplomatentum satt. Und die 

Bassermann oder Herrn Wiemer oder sonst wem Fuhrer (das klang aus alien Reden der Ietzten 

das werteschaffende M. d. R. entreissen. Sie sind Demonstrationsversammiungen klarheraus) werden 

stolze Selbstherrscher von Volkes Gutglaubigkeit die Konsequenzen ziehen mussen. 

und Feigheit. Wenn Sie nur die Geste des Volks- Also, meine Herren Volksvertreter, wirken Sie nur 

mannes nicht unterlassen, dann brauchen Sie keinen s0 weiter. In diesen Tagen wird Ihnen eine „Er- 

Volksverrat zu scheuen, dann diirfen Sie sogar klarung" der ersten deutschen Geister zugehen, 

(was Sie ja auch im Augenblicktun) den Patriotismus die also lautet: 

gegen Scham, Vernunft und Kulturgewissen aus- „Die Wehrgesetze, die dem deutschen 

spielen. Nichts, meine Herren, braucht Sie schrecken. Volke jetzt zugemutet werden, wider- 

Sie haben die „Post“, die „tt+-Zeitung" und Herrn sprechen dem Kulturgewissen und 

Keim als Bundesgenossen; und wenn die Welt kompromittieren Deutschland vor der 

voll Teufel war, nichts kann Ihnen widerfahren. Geschichte. Weit entfernt, eine Frie- 

Glauben Sie mir, meine, Herren, ich meine es mit densgarantie zu sein, reizen diese 

diesem Zuruf bitter ernst. Ich schatze Ihre sonstige Wehrgesetze vielmehr die ubrigen 

Tatigkeit nicht nur nicht: ich verachte sie. So Staaten zu neuem Wettriisten und 

jedoch, wie Sie im Moment wirken, so heiter erschweren die friedliche Annaherung 

rucksichtslos, so ehrlich volksfeindlich, so ent- der Nationen. 

zuckend brutal, so, meine Verehrten, dienen Sie Da die Wahrscheinlichkeit leider nicht 

der Freiheit! Was der Sozialdemokratie in vierzig besteht, dass der Reichstag die Wehr- 

Jahren nicht gelungen ist (weil sie zaghaft, re- vorlage ablehnt, sei hier festgestellt, 

formerisch blieb), Sie haben es in vierzig Stunden dass das geistige Deutschland sich 

erreicht: Sie entkleideten den blddsinnigen Begriff seiner sogenannten Volksvertretung 

„Patriotismus“ und zeigten ihn nackt, schamlos schamt." 

nackt, als Barbarei. Seit Sie (und die Presse, die Lassen Sie sich dennoch nicht storen, meine 

von Ihnen bedient wird) die viehischste Seite des Herren. Zwar werden sich die Unterzeichner der 

Vaterlandsgedankens entblosst haben — es sind Erklarung nicht als „sozialdemokratisch“ abtun 

kaum zwei Wochen vergangen — ist eine b u rge r- lassen. Zwar ist es ein Protest des Geistes 

liche Antinationale entstanden, eine bewusst gegen eine skrupellose Ungeistigkeit. Aber was 

vaterlandslose Biirgerpartei, die heute bereits mehr tut das? Sie haben (wenn auch unter falschen 

als 2000 Mitglieder zahlt. Seit Ihrem schmach- Voraussetzungen) Ihre Mandate, Sie haben damit 

vollen Versagen, meine Herren Fortschrittler, ist die Macht, und Sie haben, zur Beschonigung jeder 

auch die Sozialdemokratie endlich zu der Einsicht Untat, Ihren Patriotismus. Franz Pfemfert 



12 








DIE AKTION 



463 

liegen. Ja, die ganze intellektuelle und mora* 
lische, poiitische und soziale Geschichte der 
Menschheit ist nur ein Reflex seiner okonomi- 
schen Geschichte. 

Alle Zweige der modemen Wissenschaft, der 
wahren und unlnteressierten Wissenschaft, laufen 
darauf hinaus, diese grosse, fundamentals und 
entscheidende Wahrheit zu verkunden, die Wahr- 
heit: die soziale Welt, die eigentlidi mensch- 
liche Welt, die Menschheit mit einem Wort ist 
nichts anderes als das hdchste Entwicklungspro- 
dukt, die erhabenste Manifestation des Tierischen 
— wenigstens fur uns und beztiglich unseres 
Planeten. Aber da jede Entwicklung notwen- 
digerweise eine Negation einschliesst, namlich 
diejenige der Basis oder des Ausgangspunktes, 
so ist die Menschheit zu gleicher Zeit und dem 
Wesen nach die planmassige und fortschreitende 
Negation des Tierischen in den Menschen, uad 
es ist gerade diese Negation vemiinftig, weil sie 
naturlich ist, historisch und logisch zugleich, 
unabanderlich, wie es die Entwickelungen und 
die Verwirldichungen aller naturlichen Gesetzein 
der Welt sind; gerade sie ist es, welche bildet 
und erzeugt das Ideal, die Welt der intsllektuei- 
len und moralischen Ueberzeugungen, die ldeen. 
Ja, unsere ersten Vorahnen, unsere Adams und 
Evas waren, wenn nicht Gorilla’s, so doch 
wenigstens sehr nahe Vettem der Gorilla’s, 
Omnivoren, intelligente und trotzige Tiere, in 
einem hdheren Grade als die Tiere aller ande- 
ren Rassen mit zwei kostbaren Gaben ausge- 
stattet: mit der Fahigkeit zu denken und dem 
Bedurfnis, zu revoltieren. 

Diese beiden Gaben, ihre fortschrittlichen Wir- 
kungen vereinend, reprasentieren die negative 
Macht in der positiven Entwicklung dermensch- 
lichen Tierheit und erzeugen demzufolge alles, 
was es Menachliches in den Menschen gibt. 
Das System der Idealisten lehrt uns das direkte 
Gegenteil. Es ist die absolute Umkehrung aller 
menschlichen Erfahrungcn und der universellen 
und gesunden Vemunft, welche die wesentliche 
Bedingung fur jede menschliche Verstandigung 
ist, welche von der so einfachen und von alters- 
her ’ anerkannten Wahrheit, dass zweimal zwei 
vier ist, ausgehend bis zu den erhabensten und 

kompliziertesten wissenschaftlichen Betrachtungen 
gelangt, und welche im iibrigen nie etwas an 
erkennt, was nicht durch das Experiment und 
durch die Beobachtung der Dinge und Ereig- 
nisse exakt bestatigt ist, welche die einzig zu- 
verl&ssige Basis fiir alle menschliche Kenntnis 
ausmachh 



464 

Man begreift vollkommen die allmachtige Ent- 
wicklung der materiellen Welt, des organischen 
tmd tierischen Lebens und der historisch indivi- 
duell sowohi wie gesellschaftlich fortschreiten* 
den Intelligent Es ist dies eine ganz naturiiche 
Entwicklung vom Einfachen zuxn Komplizierten, 
von unten nach oben oder vom Niedrigen zum 
Hdheren; eine Bewegung, konform alien unseren 
taglichen Erfahr ungen und folglich auch kon- 
form unaerer naturlichen Logik, don unserem 
Geiste eigenen Gesetzen, die sich inuner nur 
bilden und entwickein konnen mit Hilfe dieser 
selben Erfahrungen, und sozusagen die geistige, 
gehirnmassige Reproduktion derselben, ihr durch- 
gedachtes Resume sind. 

Weit entfemt dem naturlichen Wege von unten 
nach oben, vom Niedrigen zum Hdheren und 
vom relativ Einfachen zum Kocnplizierteren zu 
folgen; anstatt natiirlicher- und vernunftigerweise 
den fortschreitenden und wirklichen Uebergang 
von der Welt, welche man unorganisdt nennt, 
zur organischen, zur Pflanzen-, zur Tierwelt 
und dann zur speziell menschlichen Welt, von 
dem Stoff oder dem chemischen Wesen zu dem 
Stoff oder dem lebenden Wesen und vom leben- 
den Wesen zum denkenden Wesen anzunehmen, 
nehmen die Idealisten, besessen, verblendet und 
getrieben von dem gbttlichen Phantom, das sie 
von der Theologie geerbt haben, den absolut 
entgegengesetzten Weg ein. Sie steigen von oben 
nach unten, vom Hdheren zum Ntedrigereo, 
vom Komplizierten zum Einfachen hinab. Sie 
beginnen mit Gott, sei es als Person, Substanz 
oder gdttliche Idee: und den ersten Schritt, den 
sie dann tun, ist ein furchtbarer Absturz von 
den erhabenen Hdhen des Ideals in den Schmutz 
der materiellen Welt, von den absoluten Voll- 
kommenheit in die absolute Unvollkoinmenheit, 
von dem Gedanken in das „Sein M (die Welt) 
oder vielmehr vom hdchsten tt Sein M (Wesen) in 
das Nichts. Wann, wie und warum das gdtt- 
liche, ewige, unendliche Wesen, der lnbegriff 
absoluter Vollkommenheit, wahrscheinlich durch 
sich sdbst gelangweilt, sich zu diesem verzwei- 
felten Salto mortale entschlossen hat, das istes, 
was kein Idealist, kein Thecrioge, kein Meta- 
physiker, kein Poet bisher jemals sich sdbst 
oder den profanen Menschen hat begraflkh 
machen kdnnen. Alle vergangenen und gegen- 
wartigen Religionen und alle transzendenten 
Systeme der Philosophic laufen auf dieses einzig 
dastehende und gefUirliche Mysterium hinaus. 

Es ist offenbar, dass dieses furchtbare Mysteriuni 
unerklArlich ist, d. h. dass es absurd ist, ab- 







DIE AKTION 



surd allein deswegen, wcil es sich nicht er- 
kl&ren lasst. Es ist offenbar, dass, wer auch im- 
mer fur setn Wohlbefinden, fur sein Leben des- 
selben bedarf, auf die Vernunft verzichten und, 
wenn ihm dies mdglich ist, zu einem naiven, 
blinden und stupiden Olauben zurfickkehren 
muss, mit TertulUan und mit alien aufrichtigen 
Glaubigen jene Worte, welche die Quintessenz 
der Theologie 9elb$t resumieren, wiederholen 
muss: „Credo quia absurdum". 

Dann h$rt auch jede Diskussion auf und es 
bleibt nichts mehr als die triumphierende Un- 
vemunft des Olaubens. Aber sogleich steht man 
alsdann einer anderen Frage gegenuber, der 
Frage: Wie kann in einem intdligenten und ge- 
biKLeten Menschen das Bediirfnis entstehen, an 
Mysterien zu glauben? 

Dass der Glaube sich in dem Volke bewahrt 
hat und namentlich in den landlichen Bevdlke- 
rungsklassen in noch hbherem Grade als indent 
Proletariat der Stidte — nichts ist naturlicher 
als dies. 

Das Volk ist leider noch aebr unwissend, und 
wird durch die systematischen Bemuhungen alter 
Regierungen, welche mit vollem Rechte diese 
Unwissenheit als eine der wesentiichsten Be* 
dingungen ihrer eignen Macht ansehen, shindig 
in Unvemuaft erhalten. Ermudet durch seine tag- 
liche Arbeit, beraubt der Musse, eines geistigen 
Umganges, der Lekthre, kurz fast aller Mittel 
und eines grossen Teils der Anregungen, welche 
das Penken in dem Menschen entwickeln, n burnt 
das Volk sehr haufig ohne Kritik und en Uoc 
die religidsen Traditionen hin. Dieselben urn- 
gaukelten es von der frtthesten Kindheit an in 
alien Lebenslagen und ausserdem noch kunst- 
lich in seinem Herzen genihrt, werden dieselben 
bei ihm zu einer Art Geistesgewohnheit und 
gar zu h&ufig mSchtiger sogar als seine natur- 
Itehe Vernunft. 

Es gibt noch einen anderen Grand, welcher den 
absurden Glauben des Volkes erkUrt und inge- 
wisser Hinsicht sogar rechtfertigt. 

Dieser Grund ist die elende Lage, zu welcher 
es sich durch die dkonomische Organisation der 
Geaellschaft in den zivilisierien Undent Europas 
verdammt sieht. In inteLlektueUer und morali- 
scher Beziehung ebenso, wie in mateiieller, auf 
das Minimum einer menschtichen Existenz redu- 
ziert, gefesselt an dieses Leben, wie der Gefan- 
gene an seinen Kerker — ohne einen freudigen 
Horizont, ohne die Mdglichkeit eines Ausweges, 



466 

dine jede Aussicht auf eine bessere Zukunft so- 
gar — musste das Volk die einzig dastehende 
Gemutslosigkeit und Blasiertheit der Bourgeosie 
haben, um nicht das Bediirfnis zu empfinden, 
dieser Lage zu entrinnen. Aber fur diesen 
Zweck gibt es nur diet Mittel: zwei derselben 
sind phantastischer, eins ist reeller Natur. Die 
beiden ersten sind das Wirtshaus und die Kir- 
che, das dritte ist die soziale Umwandlung. Die* 
ses letztere wird in viel hdherem Grade als die 
anti-theologische Propaganda der Freidenker im- 
stande sein, den religidsen Glauben und aus- 
schweifenden Gewohnheiten des Volkes, die in 
einem engeren Zusammenhange stehen, als man 
es gemeiniglich glaubt, zu zerstdren. Indemsie 
an die Stelle der zu gleicher Zeit illusorischen 
und hrutaten Genusse kdrperlicher und geistiger 
Ausschweifungen die ebenso delibaten wie reichen 
Genusse der in jedem und in alien entwickelten 
Menschlichkeit setzen wird, wird die soziale 
Umwllzung die Macht haben, zu gleicher Zeit 
alle Wirtshauser und alle Kirchen zu schliessen. 
Bis dahin wird das Volk in seiner Masse glau- 
ben und wenn dies nichl von seiner Vernunft 
zeugt, so zeugt es doch von einem berechtigten 
Bediirfnis. 

Heitere Falle 

DER KAISER WIRD ANOEDICHTET 

Ich erfahre diese interessante Tatsache durch 
den vom Reichstagsabgeordneten Georg David- 
sohn hervorragend gut redigierten „Abstinenten 
Arbeiter." Hat da -ein „Hohenzoilernwirt" 
namens Berke seine ^esammelten Werke" drucken 
lassen. Wer ist Berke? Hier ist ein Gedicht, 
„Sr. MajestSt Kaiser Wilhelm II. zum SOjahrigen 
Geburtstag gewidmet.* Da dichtet „der ehe- 
malige Gefreite des 1 . Garde-Regiments zu Fuss" 
Strophen wie die folgende: 

50 Jahre sind nun dahin, 

Seitdem wir hatten Dich im Sinn; 

Drum trinken wir heut’ vom beaten Wein 
Auf Dein Wohl vom alten deutschen Rhein. 

Auch bist Du wohl im ganzen Land 
Als Friedensfurst bekannt, 

Und solange, wie der Friede ist, 

Du der allergrdsste Kaiser bist. 

Das wurde dem deutschen Kaiser zugcstellt. Es 
folgte: 

Euer Wohlgeboren erwidere ich auf die ge- 
fiUlige Zuschrift vom 5. d. Mts. ergebenst, dass 
Se. Majestfit der Kaiser und Kdnig von dem 




DIE AKTION 





eingesandten Abdruck des von Ihnen zu Aller- 
hochstihrem Geburtstag verfassfcen Gedichts mit 
Interesse Kenntnis zu nehmen geruht haben. 

Der Geheime Kabinettsrat. 
In Vertret.: v. Eisenhardt. 
Dieser Fail hat nur heitere Seiten. 

VERDRAENGTE EROTIK 

In den ^Berliner Neuesten Nachrichten" vom 
25. April maskiert eine „deutsche Frau" ihre 
sexuelle Sehnsucht also: „Deui$che Frauen, tut 

das Eure dazu, dass Beleidigungen wie die von 
Nancy, von Luneville nicht moglich sind, dass 
jeder deutsche Mann es fiir seine Ehrenpflicht 
halt, ... so aufzutreten, dass eine Wiederho- 
lung unmoglich ist. Wenn der einzelne Mann 
dabei fallt — tieber in Ehren sterben, als in 
Unehren leben. Und als Unehre empfinden 
Wenigstens deutsche Frauen es, wenn deut- 
sche Manner nicht lieber sterben, als 
den Eintritt in ihr Luftschiff mit 
P h o t o g r a p h e n a p p a r a t e n Fremden 
zu gestatten. . . . Deutsche Frauen, deutsche 
Madchen, tut das Eure, dass das National- 
g e f u h 1 unseres Volkes erwache und sich zur 
Wehr setze." 

Ich niochte diese deutsche Frau kennen lemen 
und ihr verstandnisvoll die Hand schutteln. Nur 
wer die Sehnsucht kennt, kennt sich hier aus. 

ZSCHORLICH, DER ECHTE PATRIOT, 

macht die Firma Krupp scharf gegen die radi- 
kale Montagspresse. „Wir haben", verantwortet 
der Patriot, „ leider Gottes in Berlin solche 
Blatter, denen die nationale Ehre einen Quark 
gilt." (Leider haben wir solche Blotter nicht! 
Die AKTION steht leider vollig allein da.) 
„Vielleicht sieht sich die Firma Krupp die trau- 
rigen Nestbeschmutzer einmal etwas naher an, 
urn ihnen Gelegenheit zu geben, fur ihre An* 
wtirfe einzutreten," heisst es in der von 
deni echten Patrioten verantwortlich gezeichneten 
Notiz. „Lerne klagen, ohne zu zaudern," lasst 
der ehemalige „Hilfe w -Redakteur drucken. 

Pscht! nicht speien, lieber Leser. Bleibe sanft 
humorvoll. Gonne der Firma Krupp die Mon- 
tagszeitung des Herm Zschorlich. 

DER KUNSCHTKRITIKER DES „B. T“ 

Fritze Stahl, der mit Fritze Engel nicht nur den 
Vornamen gemein hat, beging die Leichtfertig- 
keit, der Jury der „Secession w Verleumderisches 
nachzureden. Fritze Stahl ist dafiir verklagt 




worden — eine Tatsache, die ich bedaure. Denn 
was soli ein Prozess, wo ein Blick auf die 
Jury die Dummheit des Angrifts erkennen lasst! 
Was kann dabei herauskommen, wenn der 
Schoffen rich ter bestatigt, was ohnehin jeder weiss! 
In der Klage sehe ich eine masslose Ueber- 
schatzung des kulturwidrigen Zeitungskliingels. 
Leute, deren Beruf es ist, Beiwerk fur Annon- 
cen zu verfertigen, soil man nicht emst nehmen! 
Man soli lachen! Setbst wenn der Chef eines 
Papiers, Herr Theodor Wolff, unter den Strich 
geht, ist’s nur heiter. 

Gewiss: es ist ein starkes Stuck, was sich da 
Herr Wolff im B. T. leistet. (Weil Fritze Stahl 
seine verleumderische Deutung nicht als „die 
einzig mogliche" bezeichnete — als ob das Wesen 
einer Verleumdung nicht eben darin bestiinde, 
dass sie n e b e n der Wahrheit lebt — , deshalb 
sei er freizusprechen.) Aber das macht nichts. 
Es macht nichts, wenn Zeitungstyrannen, die 
deni geistigen Proletariat taglich die Wiltkiir des 
Kapitals beweisen, einen so starken Fdrde- 
rer guter Kunst wie Paul Cassirer anbellen 
lassen. Lacht, Kinder. Das Spiel ist doch so 
lustig! 

F. Pfem 



DER VAGABUND 

Diese Nacht war wiederum vergniiglich. 
Ungemein barmherzig ist das grosse, 
christliche Asyl fur Obdachlose. 

Christlich sein kann ich vorztiglich! 

Das ist Wonne, morgens aufzuwachen, 
unten mit dem Schnapsgestank im Rachen, 
dann die Bruder, welche Liebe brauchen, 
leise und mit Wanne anzuhauchen. 

Fldhe gab* es nicht, wenn ich nicht ware. 
Dieses Abendbad war unnotwendig. 

Muhsam rettete ich eigenhandig 
ein ige geheime Sekretare. 

Ach, wie langsam dieser nun und jener 
so mit Unruh auffuhr und sich kratzte 
und im warmen Bett herummatratzte — 
Meine Fldhe springen wie Trakehner. 

Oh, ich liebe sie, die hurtige Truppe. 

Und man weiss nie vorher, wo es anfangt. 
Kostlich schmeckte iibrigens die Suppe, 
eingeschtossen das Gebet, was dranh&ngt. 



469 



470 



DIE A KTION 



Wenn dann alle stehn w4e fromme Kinder, 
Nein, ttiir wurden selbst die Augen trube. 
Dass doch unser Herrgott auch den Sunder 
manchmal nicht vergisst mit seiner Liebe. 

Hans Luft 



Parafrase 

Von Sabine Ree 



Mahlzeit zu 
wohl soiche 



Oder : einer 
von Fraulein 



1 

Parafrase ist: Jemand sieht einen Fisch in 

einem Geschaft ausgelegt, steht iiber ihn eine 
biologische Betrachtung an und kauft ihn fiir 
die Familie, Dieser Mann verfliichtigte seine 

einer theoretischen Uebung, ,vie- 
kaum die Schmackhaftigkeit des 
Essens Oder die Verdauung beenflussen mag. 

sagt, dass die zwielichte Seele 
Ludmilla Meierson wie eine Flagge 
auf Halbmast in das raschelnde Rostrot des 
verblutenden Herbstes gesenkt ist, wobei er cine 
gute oder schlechte Handlung dieser Dame be- 
richten will. 

Oder: man singt erst in sich verhalten, ciann mit 
sich baumendem Aufflug der feurigen Tenor- 
stimme, die traumschwarzen Haare Sabinens seien 
als wie die iichtblauen Wellenkamme der Adria, 
vorausgesetzt, diese waren von dunkler Farbung 
oder wie wenn statt des versonnenen Sommermit- 
tages das lastende Schweigen der gewolbten 
Nacht vorhanden ware. 

Weiter ermiidet der Parafraseur, mit der Un- 
tugend eine Sache zu vermindem oder zu stei- 
gern, indem er*s ihr an Eigenschaflen mangeln 
lasst, mit denen sie nie etwas zu schaffen haben 
kann: z. B. Herr von Gwinner war insensibel 
fur den geheimen Reiz verdammernder Ge- 
macher, als er die Chancen der turkische An- 
leihc bedachte. 



Man sei kurz, die Parafrase unterdriickt eine 
deutliche Vorstellung des Gegenstandes, und sie 
ist grenzenlos, zumal sie jenem Dinge zumutet 
von gerade zu vernichtender Allegorik. Endlos 
ist die Parafrase; denn der Herumschreiber, der 
mit genauer, klaglicher Sicherheit vorbeiredet, 
kann in Ermangelung praziser Sachvorstellung, 
1000 und alles auf ein Madchen, die Friihe 
oder einen intervievten Tenor beziehen. So er- 
staunt man, wenn der Parafraseur beschlie 9 $t, 
zumal er nie eigentlich fertig wird; gewiss, er 
kehrt stets zum alten zuruck; denn was vermag 
er seinen ^GleichwieV nicht alles noclt anzu- 
hangen. Der Parafraseur wiederholt, und ge- 
rade zu unpasseader Zeit, wenn er seine Vision 



an besonders imaginaren Haaren herbeizieht. 
Dann fand er ein selten und kostliches Gleichnis. 

II 

Parafrase ist eine handfeste Sache zu entfiloso- 
fieren und als Vorwand zu einem Einfall zu 
benutzen. Nahme der Mann ein philosophisches 
Objekt und sprache hier uber erkenntniskritisch, 
so eroffnete sich besienfalls, dass er auf ver- 
zweifelt banale Gedanken gerat oder gar kein 
Philosoph ist; jedoch die metaphysischen oder 
soziologischen Kriterien eines Schnupfens zuer- 
griibeln, erscheint originell, zumal der geringste 
Gedanke iiber den Schnupfen iiberrascht; so 
wenn man von einem reifen Cammembert be- 
hmiptet, dass das substantiate Ineinander aus 
seiner ruhenden Inselhaftigkeit und Fiirsichsein 
in ein atmospharisches Aneinander dynamischen 
Ineinandergreifens des dualistischen Verhalt- 
nisses von reiner Luft und kasehafter Atmo- 
sphare ubergegangen sei. 

Hingegen der Fall des lyrischen Philosophen, 
der verkiindet: der Kausalbegriff durchschneidet 
einer Mowe gleich die Windstille des greisen- 
haften Abendhimmels des Platonismus und 
schreit auf nach Fleisch und Brod in dieser 
allzu diinnen frierenden . Gebirgskalte. 

Bei Gott, diese Leute iiberzeugen nieundwerfen 
alles durcheinander. Vollfiihrt man denn beim 
Mittagessen die acts des Bellachini oder die 
Pas der Pawlowa? 

III 

Andererseits deutet auf ziemliche Niedertracht, 
die Dinge zu einem Mysterium zu verdunneti. 
Die Sprache enthalt ziemlich unanschauliche 
Worte wie dies bedenkliche „mystisch“. Esmag 
hie und da bequem sein, mystisch mit ins Leere 
gegrabenen Augen zu raunen, vor allem sehr 
leicht isfs, wenn die Sache endlich kommen 
soil, sie als mystisches Nichts zu entdecken. Es 
erfordert Takt, Genauigkeit und Gleichgewicht, 
zu schildem wie ein Mensch unter einer Gas- 
taterne steht, ohne der Laterne zu entdichten, 
was ihr als Laterne der stadtischen Gasanstalt 
eigen ist und ohne den Menschen zu verleuch- 
ten, dass er nur ein eitel Spiel Licht und Dun- 
kel flirrt; jedoch so zu dichten, dass beide mit 
Entschiedenheit Laterne und Meier sind. Sicher 
zeugt es nicht von Klarheit und Bezeichnung, 
Meiem die G'aslateme uberstrahlen zu lassen 
dank seiner inneren abgeklarten Reinheit, und 
somit die Laterne als Vorwand zum Verdunkeln 
zu verwenden. Nein, das ist schtecht und 
macht missvergnugte Steuerzahler, ausserdem 



471 DIE AKTION 472 



wird alles nur Gleichnis und das Terthun Com- 
parationis ist die Technik des Ineinander- 
mischens. Ich wette, Meier wurde nicht unter 
die Gaslaterne gestellt, wenn dem Poeten irgend- 
welch andre Umschreibungen einfielen, z. B. 
das beliebte Kristall unter dem eisklaren Polar- 
licht der sommerliche Wasserspiegei geblendet 
vom durchsichtigen Leib schwimmender Fische 
Oder die schmalen ringelastenden Hande blasser 
Frauen. Dies scheint nicht notig, hingegen will- 
kurlich und ebenso unnotwendig ist Meiers Tod. 
Man weiss nicht, halt Meier die iange Rede, 
weil er stirbt, oder stirbi er, um zu spree hen, 
und weil lang genug das Stuck ermudete. Aber 
was nicht alles vermochte er noch statt zu 
ster ben . Er sagt vielleicht, ach Scherz war’s 
meine Lieben, Heiterkeit, und man erregte harm- 
losen Zuhorern drei Stunden, um durch einen 
Witz gar noch hinter der Biihne die Angelegen- 
heit umzuwerfen. Wozu denn soil man ge- 
bracht werden? 

Schliesslich weil Kunst mehr sein soil, als (das 
selbstverstindliche) Kunst namlich wirken soli, 
muss sie verpflichten. Der Parafriseur jedoch 
setzt indifferenten Unglauben voraus, den ermit 
Bildern behangt und podit auf die Efmudung 
des Hdrers als Argument. 

AN J. F. 1911 

Noch blit Du nicht verloren 
Noch bist Du nicht erboren 
Noch sind tile Schwerter fiber Deincm Hsu pi. 

I. 

Vergiss, dass Abende wie Fackeln wehten, 
Siedende Fahnen um die Turme schwangen, 
Die sich aus Wimmem und Gebeten steinernin 

in den Himmel drehten. 
Vergiss, dass wir uns inetnander rangen, 

Da NSchte steil ausbrachen wie Foni&nen. 
Oelfne die Fenster. Licht zerflammt die Gruppen. 
Die Tage brennen auf den Eisenkuppen. 

II . 

O sturzten diese Tage ein und frasse 
Ein Feuer diese Nichte. Da die Gassen 
Das Blut, das aus den Fenstem quillt, erfutlt. 

Mit Trommeln uberflammten wir die Angst. 
Zerrissen Schwerter nicht der Nacht Verfall? 

Ah In dem Sturz der Horizonte brullt ein Ldwe. 

Simon Outtmann 

AMOR UND MORS 

Die Liebenden am Abend in Berlin! 

Wir liebten junge Madchen nach Gewicht! 

Elf Dutzend Pfund! Sie radebrechten: „Nicht“, 
Umarmten uns und stiessen mit dm Knien! 




Unser Geschlecht berauscht die Jungfraun! 

Schrien 

Nicht alle gleich? — Ach dieser L&rmkehricht 
Deflorationen ist erinnerungschlicht 
Verschollen wie Quartaneronanien. — 

Wir masten unser Lachen. In den Stadten, 

Des Todes sehr rentablen Fleischerein, 

Arbeiten Dimen, Aerzte; die entgraten 

Die Luesleichen fur den Schlund des Grabes, 
Tod, stellst du keinen Liebesdichter ein? 

Wir machen Propaganda fur die Tabes. 

Paul B o l d t 

Die Hohe des Gefuhls 

Von Alfred Wolfenstein 

Der Dichter des Indifferenten in alien changeant- 
seidenen Farben . . hebt nun eine sommerblau 
ein-tonige Fahne in der entschiedenen Hand . .: 
Welch eine Wendung durch Max Brods 
Fugung — aber hoffuitlich bin idi nicht der 
einzige (zu Berlin), der ihn nicht missversteht. . 
Was haben wir bisher (im Fruhling wagt man, 
selbst die verweste Vergangenheit anzusehn) von 
unserem Leben durchgelebt? Einstmals in eine 
Welt gebracht wie in einen unbewohnten Licht- 
hof, dessen Mauem von Miichglasscheiben noch 
undurchsich tiger durch 16thert sind, existierte man 
(oder wie es genannt werden soil, wenn nicht 
einmal das Wissen um die eigene Hilflosigkeit 
da ist). Alle Ftihler warm nach innm gewandt, 
wo es vielleicht aussah wie in einer Strasse mit 
Stemenschein doch ohne Latemmlicht; wo es 
zwecklos aussah, unbrauchbar w sch6n“. So 

stand die Figur einsam,fem, weil fur sienichts 
anderes da war, und f u h 1 1 e nur und rur 
sich selbst, mit eknem weAtschweren Gewicht. 
Die H6he dieses Geffihls war eher bloss eine 
Tiefe, eine Hdhte unten. Aber der Druck von 
aussen wurde geringer, — als wurde ein Ge- 
spmst beim Namen genannt und verscheudit, 
— wenn man die hinterlisdge (o Knabenwort!) 
Luge esnes Freundes erfuhr oder die vkterliche 
Ungerechtigkeit oder die Einweihung in dasVer- 
haltnis zwischm Faust und Madchen. Da 

komoit Luft herein . . man merkt, was Sauer- 
stoff ist . . lemt Chemie, besteht das Abiturium 
. . rasend setzt (verfehltes Temperament!) der 
Gegen druck auf die Umwelt ein. Sie ist von 
unerwartet falscher Beschaffenheit: Sollen Eltem 
geliebt werden, nur weil ihre Liebe midi zur 
Folge hatte? . . Die einzig ertiiglichen Fraum 



DIE AKTION 



473 



474 



sind die Kokotten , . . Personlichkeit ist nichts 
als Dununheit . . , neue Mystiken, neun Syn- 
thesen, neue Techniken. Die Walder sehen 
nicht richtig aus, die Schwerkraft stelle ich nir 
anders vor, den Himmel kann ich nur hass- 
lich fin den, hasslich ist freilich ein indifferenter 
Begriff, wie alles . . . aber kurz. alles befindet 
sich mir nicht adaquat und muss anders werden 
(anders . . ist selbst auch anders). 

Jeden Tropfen der Welt durch den Inldlekt 
laufen lassen, filtrieren, far ben, entzweisieben . . 
ihn also gemacht haben; jede Sekunde . . nicht 
leben sondern sie machen . . indem an sie 
von sich weghalt, betrachtet, blitzschnell andert 
— voll Rachsucht gegen die unvernarbtc 
Schmach des unfreiwillfg Kindgewordenseins — : 
dies wird in den zwanziger Jahren unser Foit- 
leben. Aber . . hat Subjektivitat wirklich noch 
etwas davon , wenn sie so hingebungsvoll um 
alles Vorhandene sich kummert? Imprignieren 
wir mehr oder werden wir mehr aufgesaugt? 
Am Ende wird alles kunstlich f wir sind statt 
Organ ismen nur Organisierer, Impress* onisten, 
Pedanten, nur Politiker statt Oeniesser, wir sind 
nur noch Umwelt, wir verloren das Gefiihl. 

Also leer bleiben, bis uns der Tod aufhebt? 
Frostelnd dine Gebet sich schlafen legen, ziel- 
los in Angst vor uns aufstehn, die Zeitge- 
nossen trotz Einaamkeit immer distanzierter 
griissen, mit immer verzweifelterem Eigensinn 
schulmetstem, dennoch immer absorbierter — 
und sebon — — da pldtzlich — (wie die In- 
dinner) — ein Wunder. Aber muss das „Liebe“, 
kann es nicht Erkenntnis sein, von irgend- 
woher entzundet . . vielleicht, meinetwegen, weil 
wir eine treffen, die wir nicht anders wunschen 
als sie ist . . jedenfalls aber und war allem, 
weil wir pldtzlich (irgendwoher) uns selbst 
nicht anders wunschen als wir 
sind . . weil wir uns auf der Hdhe 
fuhlen .... 



Max Brod, dieser Freund, einer der funf Troste 
heutiger Literatur, hat solche unsere Renaissance 
des .endlich wieder Fuhlenden, endlich wieder 
Egoistiacben gedichtet. Er steht auf der st&dtisch 
umrankten Veranda ernes Wirtshauses und war- 
tet, Orosmin mit Namen, uber den vollen Platz 
hin auf seine Geliebte. Es erscheint jedoch un* 
sicher, ob er wirklich wartet, ob er wirklich 
irgendwas n i c h t hat . da er in seinem eige- 
nen Besitz ist. E$ wdre moglich (unerheblkh), 
dass er seine Liebe sich selbst geschaffen hat 

und spielt, — obwohl naturlich jenes Madchen 



jenseits des Platzes existiert. Aber ob diese den 
Funken in ihn warf oder gleich der eigene 
Wunsch, das Bediirfnis nach dem Gefuhl es 
tat: die Stimmung ist wirklich da, die Reaktion 
gegen den aussen beschaftigten Intellekt, die 
Richtung auf die eigene Erfullung. „Es ist eine 
Wollust, so vollstandig im Recht zu $ein,“ „ich 
tue nichts als genau das Richtige* (eine dutch* 
aus unjuristische Stimmung . .) das Richtige be* 
deutet hier: das Sinnlose, Wunschlose, ganz 
Unabhangige; denn n das alles ist eben mein 
Herz, so sehr mein Herz und nichts als mein 
Herz, dass jeder Sinn, diesen Gefuhlen genahert, 
sich verfalschen muss." Darum mogen dieeifri- 
gen Mitmaler wie Nenikekamens herbeisturzen 
und die Kunde von der ihm zugerichteten furst* 
lichen Gunst oder von seinen verbrannten Bit- 
dern bringen oder die Konkurrenz der zeitge- 
massen Probleme vor ihm auseinandersetzen : 
Es ist ihm wurst, und der umfackelte Hof mar* 
schall muss, affrontiert, mit zwei Ah’s die Stel* 
lung des Prinzenerziehers nebst Weltreise wieder 
mitnehmen; schade (oder auch nicht), dass das 
Skizzenbuch nicht auch verbrannt ist; das kon- 
strukiive Element in der Malerei mit der Tragik 
der Form und was der Modeme nochbraucht 
. er hat das ja alles, — oder die Hdhe seiner 
jetzigen Natur ist so sehr das Gegenteil der 
komplizierten friiheren, dass nichts ihm alles 
ist. Als der Abend sinkt und sie fur diesen 
Tag nicht gekommen ist: wer sagt, dass er um* 
sonst gewartet hat! Gtfuhl ist alles. . . 



Dieses Werk klingt wie eine wundervollste Ope* 
rette. Nicht Moss weil sich *Klugrian w und 
n Kunstreich“ suss wie zwei Offenbachische 
Schauten geberden, Marie, die Wirtstochter, im 
Walzertakt der Fledermaus zu singen scheint, ein 
Quartett der Gestalten in verscltiedener Stim- 
mung Verse mit gleichtonenden Reimen durch- 
einanderspricht: vor allem ist Orasmin eine 
Operettenmusik, kuplethaft leicht, unwagnerisch 
tanzend, bunt, glucldich ausgehend. Es handelt 
sich um das Gegenteil . . nicht von Ernst, aber 
von. Ndrdlichkeit, es handelt sich darum, em- 
mal wieder schone Wcnie zu machen, da man 
so lange nutzlos gedacht hat und Schweigen 
nicht Ebensoschones sagt; es handelt sich darum 
(o neue bewusste gekonnte Kindheit!) zu exi* 
stieren! So ist der Wortstil des Gedichtes 
„8chcn" bis zur Goethischkeit, rucksichtsloa ge- 
mutlich und so uberschwSnglich wie es ihm 
passt. Denn alles dies — Alles dies bedeutet: 
Die Hdhe der Bewusstheit. Auch die 



475 



DIE AKTION 



476 



Hohe des Gefuhls ist noch vom Dichter gewollt. 
Dariiber aber („wiederum a ) freut er sich . . 
Freude steht unbedingt zuletzt auf der Spitze. 

„Die Hohc des Oefuhis" erschien bei Kurt Wolff Verlsg 
Leipzig. 



Der Purpursaal 

(Aus Andreas Duhans phantastlschen Triumen) 
Von Quido Maria Vyskcul 

Der Tanzsaal, welchen Andreas Duhan in jener 
feuchtkalten Wintemacht unaufklarlicher Weise 
bdrat, war ganz mit wildem, sinnlichen Purpur 
ausgeiegt. 

Dieses leidenschaftliche, fieberndes Blut spruhen- 
dc Rot, war so grell, dass Andreas einen Augen- 
blick am Eingange zogernd stehen blieb, bevor 
er den Mut land, vollends einzptreten. Rote, 
schwere Portieren verhullten den breiten Balkon 
mit den Musikanten, deren Instrumente, sonder- 
bar gedampft gestimmt, durch ihr eigentumlich 
sauselndes Spiel, welches an das einschmeicheln- 
de Knistern seidener Madchenunterrocke inahnte, 
gefahrlich reizten . 

Das eintonige, giftigsiisse Motiv eines leichteu 
Walzers warf die fast betaubten Tanzer in die 
Amie der reizend schlanken, tief dekoletierten 
Tanzerinnen und es konnte niemand Wander 
nehmen, wenn die aufgereizten Paare allmahlich 
eins nach dem anderen in den anliegenden 
Boudoirs verschwanden, deren rubinfarbene 
Leuchter nur ein schwaches Dammerlicht ver- 
breiteten. 

Andreas warf sich auf ein bequemes Sofa un- 
weit des Palmenhaines und musterte verwundert 
die unbekannte Gesellschaft, in der er sich so 
unerwartet befand. 

Sein Begteiter stand lautios an seiner Seite, als 
ob er weiterer Befehle harrte. 

Duhan sah ihn lange und test an, fragte dann 
forschend: 

— Sage, wer bist Du und wo befinden wir uns? 
Vor einer Stunde traf ich Dich in einer engen 
Gasse und gesellte mich gegen meinen Willen 
zu Dir. Und nun bin ich hier ohne zu wissen, 
auf welche Weise wir hierher kamen. 

Der Angesprochene machte eine ungeduldige Be- 
wegung und antwortete dumpf. 

— Du kennst mich, Andreas Duhan, gewiss 
kennst Du mich! Sieh’ nur tiefer in meine 
Augen — Du wirst dich schon erinnem! 
Andreas erhob sich, trat ganz nahe zu seinem 
Begleiter: 



— Teufel! — rief er dann halblaut und trat 
einen Schritt zuriick. Der so Verdachtigte lachte 
diinn und scharf auf. 

— Du hast ein besseres Gedachtnis, als Du 
selbst glaubtest Du hast mich erkannt! 

— Ich war iiberzeugt, dass ich von Deinen 
Heimtucken befreit bin — — 

— Du warst entfesselt, doch nur fur kurze Zeit. 
Die Liebe eines Weibes, welches Dir ein reines 
Herz geschenkt hatte, ohne selbstsiichtige An- 
sp ruche auf gegenseitige Hingabe, konnte Dich 
ganic befreien. Du kamst einem solchen Ziele 
sehr nahe — — — denke nur an Liliana — 

— — doch heute hat auch Liliana Dich be- 
trogen! Mir verdankst Du diese Gefalligkeit. 
Es ist iibrigens besser so fur Dich. DasWeib 
ist wie ein Muhlstein. Bindest Du Dir ihn oder 
sie urn den Hals, immer werden sie Dich in 
die Tiefen herabziehen. — — — 

Duhan streckte die geballte Faust, um den 
Sprechenden zu schlagen. Der Schlag fiel je- 
doch nicht, denn der scharfe Blick des Teufels 
hielt seinen h eft i gen Fall auf. 

— Du fragtest, wo wir uns befinden — setzte 
Duhan F s Begleiter unbekummert fort. — Am 
Ziele des schonsten Verderbens: im rotenSaale! 
Ats Liliana Dich verliess, riefst Du nach dem 
Tode, der fur Dich eine Erldsung ware. Du 
liebtest die Leidenschaft und der Tod will fur 
Dich zur grossten Leidenschaft werden. Du 
wirst nicht lange zu warten haben! 

— Der Tod! — zitterte Duhan. — Du sprichst 
gleichgiltig von emsten Sachen. Ich will noch 
nicht sterben. Ich bin des unniatzen Kummers 
satt und sehne mich nach dem Leben! 

— Heute wirst Du nicht sterben, wenn Du nicht 
willst. Aber heute hast Du in Deiner Ver- 
zweiflung den Teufel beschworen, Dir vergessen 
zu helfen. Der Tod ist das Vergessen. Satan 
kam durch Deinen Schwur gerufen; er bebielt 
Dich iibrigens stets im Augenmerk. Du sehnst 
Dich nach dem Vergessen — nun, hier ist der 
schdnste Weg zum gewunschten Ziele! 

Eine Aufforderung zum Tanze erklang neuer- 
dings, der rote Saal filllte sich von neuem — 
Viel schone Frauen gab es hier, mit Armen so 
zart, dass der bestrickte Kopf sich danach 
sehnte, in ihre liebkosenden Hande genommen 
zu werden. 

Eine derselben (vermutlich!) blieb vor Andreas 
stehen. Ein schlanker, purpurroter Domino, so 
voisichtig eingehiillt, dass bloss die roten 
Schuhchen mit hohen goldenen AbsStzen unter 
dem faltenreichen Gcrwande zu sehen waren. 



477 



DIE AKTION 



Ihr leidenschaftlich blasses und schdnes Antlitz 
verhullte zur HSlfte eine gleichfalls purpurrote 
Maske mit angesetzten Spitzen. Der lange rote 
Handsdiuh, gekndpft bis zum Handgelenke, ver- 
riet die feine Linie eines niedlichen, schlanken 
Armes und liess das zarte Handchen frei, das 
bios dn einziger Ring schmiickte; eine goldene 
Sdhlange mit einem Rubinkopfe. 

Mit Verwunderung sah Duhan die purpurne 
Schonheit an. Verlangende Erregung bemach- 
tigte sich seiner mit immer ieidensehaftlicherer 
Kraft; es war, als ob lusterne Flammen an 
semen Gliedem iechzten und sie bis zur unhalt- 
baren Erregung erhitzten. 

Die Musik, die soeben begann , liess das heisse 
Blut nur noch leidenschaftlicher sturmen. Sie 
erzittertc wild im rasenden Laufe aller in- 
strumente. 

— Tanze doch — sagte der Teufel und zeigte 
dabei auf das rote Domino. 

Duhan stand auf und bat die unbekannte Dame 
urn einen Tanz. 

Sie antwortete nicht, nickte Moss zustinunend 
und im Nu verschwand das Paar im Gewirr 
der Tanzer. 

Und wie sie so einer dem anderen in Armen 
lagen, brach der Sturm der roten Flammen von 
neuem aus und Duhan loderte samt seiner T£n~ 
zerin, deren nachgiebiger, schoner Korper sich 
an den erregten jungen Mann fest anschmiegte, 
im gemeinsamen Opferfeuer des leidenschaft- 
lichsten Liebespaares dem roten Gotzen des er- 
hitzten Geschlechtssinnes — — — 

— Wir tanzen zwischen flammenden Schwer- 
tern. Sehen Sie diese nicht iiberall um uns 
her urn? — fliisterte Duhan. 

Sie antwortete nicht. Er fragte nochmals ver- 
geblich. 

— Sind Sie stumm? — 

Sie schuttelte den Kopf. 

— Dann diirfen Sie nicht sprechen? 

Da nickte sie. 

In einem unerktarlichen Mitgefiihle kusste ersie 
kurz und hastig auf die geschlossenen Lippen, 
doch im selben Augenblicke wankte er, wievom 
Geruche einer vergifteten Mandelmilch betaubt, 
und er ware zu Boden geglitten, wenn ihre 
Arme ihn nicht so fest gehalten hatien — — 
Er wusste selbst nicht, wie es kam, als sie sich 
pldtzlich ganz allein in einem kleinen, trau- 
lichen Raume befanden, der nur von vergluhen- 
den Kohlen des Kamins aus Kameolmarmor 
beleuchtet wurde. 

Die rote Maske ruhte neben ihm auf dem 






Pliischsofa und ihre weissen zarten Finger be- 
riihrten ihn und verursachten ein angenehmes 
Frosteln des zu heiss wallenden Blutes. Er 
naherte sich endlich ganz knapp der geheimnis- 
vollen Fremden und entfernte ihre Maske. 

Da zeigte sich das ganze atherblasse, unsaglich 
liebliche Gesicht mit zarten Ziigen und damo- 
nisch grauen Augen, die jedoch auf dem iiber- 
raschten Duhan mit unendlicher Sanftmut r uhten . 
Nur ihr kleiner, wollustiger Mund blieb fest 
geschlossen und Andreas wart ete vergebens da- 
rauf, dass er sich offnen werde, um seinen 
Namen zum ersten Male auszusprechen. 

Sein teuflischer Begleiter erschien wieder und 
sprach : 

— Du bist nahe am Ziele, Andreas Duhan, mit 
der Hand kannst Du ergreifen, wonach Du Dich 
gesehnt hast. Du liebtest die Leidenschaft und 
den Tod. Hier kann man mit vollen Ziigen von 
Beidem trinken. 

Duhan sah den Sprechen den verwundert an, 

— Leidenschaft und Tod? — wiederholte er. 

— Die Musik spielt und fordert zum Leben 
auf Auch die Liebe ist Leben — und Tod 
sagst Du? 

— Der Tod ist stumm! entgegnete der Teufel. 
Der purpurne Domino, welcher bisher ruhig in 
Duhan’s Armen lag, zitterte kaum merklich. 

— Von Dir spricht er nicht — sagte Duhan 

zu ihr und strich ihr beruhigend iiber das 
rotgoldene Haar. — Du bist nicht stumm, Du 
darfst nur nicht sprechen, aber ich weiss, Du 
wirst es tun, sobaid ich Dein Herz mit Liebe 
erfullt habe 

Sie knopfte ihr faltenreiches Gewand auf und 
griff zum Herzen. Der weisse, fe&te Busen 
blendete in seiner Marmorfarbe und die k6st- 
lichen Linien des befreiten Korpers erinnerten 
an die Pracht antiker Statuen. 

— Sie wird sprechen, wenn Du willst. Doch 
bringt Dir ihre Sprache den Tod — sprach der 
Teufel. 

— Du liigst! Ich will, dass sie spricht — rief 
Andreas Duhan hart und beugte sich iiber seine 
purpurne Geliebte. 

Da offnete sich endlich der Mund der, nach 
welcher er sich sehnte, und im selben Augen- 
blick stiess der junge Mann einen Schrei der 
grasslichsten Besturzung aus. 

Der Mund der roten Maske war voll von grau- 
lichen Pestwunden. -Keine Zahne waren darin, 
nur Stummel und mit schwarzem Blut bedeckte 
Beulen und Locher. 

AHes wfthrte nur einen Augenblick. Die kleinen 



479 






DIE AKTION 



Rubinlippen schlossen sich wieder und das 
blasse Antlitz erschien noch schoner als fiiiher. 
Die verhfthnende Stimme des Teufels zischte 
Duhan ins Ohr: 

— Hast Du sie endlich verstanden, diese 
Sprache, die, wenn auch unhorbar, in die ver- 
borgensten Tiefen des Herzens eindringt? Glaubst 
Du nun, dass der Tod stumm, und diese hier 
die todbringende Wollust ist? 

— Ich glaube an den Gratis und das Ent- 
setzen dieses Augenblickes — bejahte der Ge- 
fragte. 

— Ich sehne mich nach dem Leben und will 
zum Leben zuruckkehren ! fuhr er fort. 

— Tue, wie es Dir beliebt — antwortete der 
Teufel. 

Bleibe hier, oder lass uns gehen — und tatda- 
bei einige Schritte voraus. 

— Ja, gehen wir! sprach Andreas Duhan feier- 
lich — — — und sank in die weissen Anne 
des purpumen Damons. — — — 

(Autorisierte Uebersetzung aus dem Tschechischen von 
Dr. Ernst Umfauf.) 



die bekannte Broach fire Ludwig Bernhards „Unerwunschte 
Fofgen der Sozialpolitik" wendet. Zum hundertsten Qe* 
burtetage von Wagner und Verdi verdffentlicht Oskar 
Bie cine Betrachtung dieser beiden fGr die modeme Oper 
grundlegenden Komponisten. Ueber Thomas Manns „Tod 
in Venedig" schreibt Bruno Frank. Die Novelle von 
Arthur Schnitzlcr „Frau Beate und ihr Sohn M wird be* 
endigt. Siegfried Krebs veroffentlicht cine kleine Novelle 
„Der Tod des Arztes". Daniel Ricardo schreibt fiber 
drci verstorbene Finanzleute; Fischel, Delbrfick uud 
Morgan, Alfred Kerr fiber Bfihnenaufffihrungen dieses 
Winters. Karl lentsch gibt cine ausfuhrliche Erliuterung 
des grossen wissenschaftlichen Werkes von Bloch fiber 
Sexualmoral. Die politische Chronik von Junius und 
allertei kleinere Anmerkungen ful len das Heft 

Vornotizen 

(Nut wlehtige Neuertcheinungen werden hier sngezrift Die Besprechina 

der clnzeinen Wertte lolgt In den nlchsten Hummer* der AKTION) 

BERND ISEMANN. Lothringer Novellen. fS. Fischer Verlsg 
Berlin.) Qeh. M. 3. — . 

OTTO STOESSL. Morgenrot. Roman. (Georg Muller Verlag 
Mfinchen.) M. 4. — . 

PHILIPP KELLER. Oemischle Oefuhle. (Kurt Wolff Verlag 
Leipzig.) 

E8ERHARD BUCHNER. Das Neueste von Oestern. 4 Bande. 
(Albert Langen, Mfinchen.) 

MAX BROD. Ueber die Schonheit hasslicher Bitder. (Kurt 
Wolff Verlag Leipzig.) M 4.50. 

FRANZ WERFEL. Wir sind. Qedichte. (Kurt Wolff Verlag 
Leipzig.) Oeh. M 4.—. 



Sondernummern der AKTION 



Literarisdie Neuerscheinungen 

OTTO RUNO. Die Geheimkammer. Roman. (Rfitten * 
Loening, Frankfurt a. M ) 

Die Heldin des Baches: Die Liebesfrsu, die Frau des Oe- 
schautwerdens, die, fur die der Handschuh aus der Arens 
geholt wird, die msn fernhalt von sllem seinem Kampf, als 
prezidse Zierde der Ruhe. Sie fuhlt sich nicht wertvoll 
genug in dieser Rolle, sie such! die letzte Vereinigung 
nicht nur in der Ltebe, sondern such in seinem Leben; in 
seine Qua! und semen Ernst will sie eindringen. Doch 
eine Verborgenheit im Manne bleibt, eine Geheimkammer, 
von deren Tiir er sie mit behutsamen, aber starken Handen 
immer wieder in das spielend'Sinnliche Bourdoir der Liebes- 
stunde zuruckweist, in hochachtender, verehrend-zfirtlicher 
Verachfung. 

Rungs starke, nicht prasentiose Sprache weias den Leser 
zu besiegen. W— I 

Zeitsdiriflensdiau 

SOZIALISTISCHE MONATSHEPTE. HertweeberDr. J.BIoch. 
Das 8. Heft enthalt: Eduard Bernstein: Wahtprfifung durch 
Richter: Karl Leuthner: Wiener Politik; C, Schmidt: Mar- 
xistische Orthodoxie; Robert Seidel: Oetreideversorgung 
in der Schweiz u. a. 

DIE SCHAUBUEHNE enthfilt in der Nummer 17 : Ariadne auf 
Naxos. Von Julius Bab. — Parlament und Hoftheater. Von 
S.J. — Paganini. Von Robert Wafser. — Mauth k Cie. 
Von Erich Baron u. a. 

THESPIS. Monatsbtfitter fur dramatische L iterator und Mutik. 
(Fred von Somtnaruga, Chartottenburg.) Das Heft 1 ent- 
hilt Essays fiber Theatersehriftsteller und eine Htimoreske 
von Schrottenbach. 

NEUE BLAETTER. (Verlag in Helterau.) Der zweiten Folge 
5. und 6. Heft enthfilt: Daubler: Ode und Gesfinge; Kaaaner: 
Der Heilige; Martin Buber: Das Wandblild, Rilke: Marten* 
Leben; Jammes: Qebet und die Kirche (deutsch von Ernst 
Stadler). 

DIE NEUE RUNDSCHAU (S. Fischer, VeHag, Berlin). Das 
Maiheft brlngt einen Essay von Kurt Eisner „Die neue 
Lehre von Bethlehem", der sich in scharfer Weise gegen 



Die n&chsten Sondernummern werden folgen* 
den Autoren gewidmet sein: 

GOTTFRIED BENN 
FRANZ BLEI 
PAUL BOLDT 
MAX BROD 

ALFRED LICHTEN8TEIN 
MAX OPPENHEIMER 
JOHANNES SCHLAF 
ERN8T 8T ADLER 

Ausserdem erscheint eine „Reisenummer“ und 
ein 8pezialheft SECESSION. 

AN UNSERE FREUNDE 

ergeht wiederholt die AufForderung, fflr die 
AKTION unablftssig zu wir ken. Unsere Pro- 
paganda*Ansichtskarten sind jetzt in einer Auf* 
lage von 20 000 StQck erschienen. Man ver- 
lange sie kostenlos von uns und benutze sie 
fleissig als Korrespondenzkarte. In jedem 
Caf£ verlange man die AKTION. 
Man verbreite Gberall Probenummern, die wir 
in jeder gewOnschten Zahl zu dem Zwecke 
abgeben. Man veranlasse seinen Buch handler, 
die AKTION auszuh&ngen. Unterwegs, auf der 
Reise, fordere man im Hotel die AKTION. Wer 
ein Freund der AKTION sein wilt, hat Pflichtenl 



INHALT DER VORIOEN NUMMER: Frartz Pfemfert: Das geistige Deutschland protest iert / Carl Einstein: Der Arme — 
Poschatzer — Der Tod — Der Besuch im Irrenhaus / Paul Stefan (Wien): Ueber Oesterreichs Zukunft / Ernst Stadler: 
Nachtfahrt / Paul Boldt: Abendavenue / Willy Kfisters: Hinweis auf Andr£ Gide / John Hoxter: St. Hubertus / Anekdoten 

Ein Schulbeispiel / An unsere Freunde / Progrimm des Carl Einstein* Abends 



gtegvmon 

WOCHENSCHRIFT FOR POLITIK, LITERATUR, KUNST 
III. JAHR HERAUSGEGEBEN VON FRANZ PFEMFERT NR. 19 



INHALT 



Franz Pfemfert Die Berner Pfingstkonferenz 

Ludwig Rubiner Psychoanalyse 

Georg Hecht Der kritische Bahr 

Havemann Ueber den Fortschritt 

Paul Boldt FrQhjahr 

Peter Hille MaienfrQhe 

Alexander Bessmertny Klage um einen Pagen 

Hans Baas Die B&nke 

Ferdinand Kiss TrivialitSten 

Hans Luft Der Aesthet 

Ernst Balcke Dea 

Marie Holzer Menuett 

Tagebl&ttisches — Er ist noch immer der Alte — Einladung 
zur Subskription — Der n&chste Autorenabend der AKTION 

Sondernummern 

Jourdain Landschaft im FrOhling (Zeichnung) 



HEFT 20 PFG. 



VERLAG / DIE AKTION ' BERLIN-WILMERSDORF 







Die Dichtkunst 

t. Bud: Paul Scheerbart von B. Moodti M. 1*40 

II. Band: Rainer Marla Rilke n h^w 011 ? im 



m. Bud: Gerhart Hauptmann*, a. Hocht. mj.so 

Preis der drei Binde in einem Karton M. 4. — 



Herbert Eulenberg 

Oder 

Eln Traktat Ober Krltik 

von Qoorg Hackt. 

Qeh M. 1 .65, gob. M. 2.40. 

Der Neue Jude 

von Qeorg Hecht. 

Qeh, M. 3.50, geb, In Leinen M. 4.75. 
Luxusausgabe, echt Buiten in Halbpergament M, 8.50. 

Was dieses Buch vor den vielen gelehrten und unge- 
lehrten, die die Jvdenfrage behandeln/ auszeichnet, ist die 
intimate Kenntnis der gsnzen Materie, ist die Begriindung 
einer „Wissenschaft von der Judenheit", die es bisner kaum 
gab, wodurch alles Qerede fiber diese Frage znr fruchtlosen 
Sensation gestempelt wurde. Dirum ist dieses Bush das 
eigentliche Judenbuch, das eine ktare Forderung formuliert 

Durch jede Buchhandlung, sonst gegen Nachnahme von 

Gustav Engel, Verlagsbudihandlung, Leipzig 



CARL EINSTEIN: BEBUQUIN ODER 
DIE D1LETTANTEN DES WUNDERS 

Mit BEOLEITWORTEN 
von FRANZ BLEI und desn 

BILDNIS DES DICHTERS 

von MAX OPPENHE I MER 

Preis 3 Mark 

Verla£ der Wochenschrift DIE AKTION 



DER AN FANG 

Monalsschrift fur die )ugend 

ist nicht nur die einzige ZeHschrift, die ausschllesslich der 
Schuljugend geh5rt, sondern sie ist nnter den KulturverhlH- 
nissen der Qegenwart die einzige Tribune, sul der Schiller 
unbevormundet zu Wort koramen. OCR ANFANQ soil der 
Jugend Qelegenheit geben, litre Ideate und Ueberzeugun- 
gen, ihre Not und Sehnsucht zum Ausdruck zu britigen* 

Man bezieht den ANFANQ durch den Buchhandel, durch die 
Post Oder vora Verlage, halbjahrlich zum Preise von 1- Mark 
Oder 2^0 Kronen. — Das Einzelheft kostet SO Pfennig. 

VeHag; DIE AKTION. Berlin-Wilmersdorf. 



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ZWEIMONATSSCHRIFT 

Herausgegeben von FRANZ BLEI 
2 Jahrgange zu je 36 M, zusammerf 66 M 

EINZELHEFTE 

die be! Komplettierung restUcher Jahrginge 
flbrig bHeben, sowelt der Vorrit reicht, zu 

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DER ZWIEBELFISCH 

F0NPTER JAHROANd, HEPT I 

erschien soeben. 

Probebande (3 Hefte) M t.— . Einzet* 
hefte 60 Pf. Jahrgang (6 Hefte) M 3.— 

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DAS KLEINE 

ZWIEBELFISCH- 

KULTURKRATZBURSTEN- 

VADEMECUM 

19 13 

Mit boshaften Portriten von E. Preetorius 
Broschiert M 1. — , Leinenband M 2. — 

Durch jede Buchhandlung, sonst gegen Nachnahme vom 

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deuen 10 Exemplars (1 — 10) numenert aind. Jede* Exemplar eut&IM zwei 



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Origtnalaquareile dee Kfinstlen. Diese Auagabe war beret t* zehn Tags 
nach dam Brechelnen dee Werkea vcvgrilfen M 800. — 

H- Luxueausgabe : 23 Exemplars auf Van Oeldem. voa denen SO Exemplar* 
(II- SO) numerlert alnd. Die Lithograph ien ahid auf der Handpmae g*- 
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Empire 

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Die WirklichkeH und 
ihr kfinatleriachea Abbild 

von Alfred Guttmami 
Broach. M 5.—, kaitoolert II 6.- 



Der Oeftthlsausdruck in 
der bitdenden Kunst 

von Anton Mayer 
Broach. II 3,50, gebunden M 8.- 





WOCHENSCHRIFT FOR POLITIK, LITERATUR, KUNST 

I 3. oahrgang | HERAUSQEGEBEN VON FRANZ PFEMFERT [ 28. MAI 1913 | 



Do^aLiinn . Minupkripte, Rexenalons-, Tausch- 
IvcUalUIUn . Exemplars etc *ind an den Heraua- 
geber, Berlin- Wilmeradori, Na ssauieche Straaae 17 
au aenden :: :: Telephon Anil Pfalzburs Nr. 6247 
Unverlangten Manuakiipten 1st Rflckporto belxulflgen 



Erscheint Mittwoch 



A hnnnpmrnl - Wk. 2. vfcrtclJlhrL (excl. Bn- 

ADOnnemeni. riengeidlbei alien Po»t«n»Ult, 

Buchhandlungen etc. Oder durch Kreuiband gegen Mk. 
2J0 durcb den Verlag der _Aktion“. Berlin- Wilmeradori, 
Naasaulacheatr. 17 c Kommlulonlr OuaL Brauns, Leipalg 



E1NE FRIEDENSGARANTIE 



Unsere Nationalisten werden vom Unglfick verfolgt 
Um fur ihre kulturfeindliche Existenz eine Ent- 
schuldigung vorzubringen, um das Unsittliche ihrer 
Gesinnung zu verhullen, verwiesen sie bisher auf 
die Kriegsgelfiste der Nachbarvolker. Es war 
natfirlich eine dreisle Tatsachenfalschung, aber die 
patriotischen Geschafte blfihten famos. Wenn man 
dem ahnungslosen Bauernburschen zubrfillt, Haus 
und Hof seien vom Erbfeind bedroht, so kommt 
der im nationalen Irrwahn lebende Naivikus nicht 
erst auf den Gedanken, die Wahrheit nachzuprfifen. 
Er lafit das angeblich bedrohte bischen Herdglfick 
im Stich und marschiert los. Er wird sein Leben 
preisgeben, er wird auf Menschen schieBen, nur 
weil man ihm diese Menschen als die Feinde 
seiner Habseligkeiten, als raublustige Kreaturen 
bezeichnet hat. DaB der „Todfeind“ bloB ein 
ebenso betorter armer Teufel ist, daB man dem 
„Gegner“ auch den harmlosen deutschen Bauern- 
jungen als habgierigen Raubgesellen verleumdete, 
— solcher Erwagungen ist ein im patriotischen 
Trancezustand schlummerndes Him nicht fahig. 
Und sollten sich doch einmal Zweifel regen: ein 
falscher Ehrbegriff macht sie zunichte. Die patrio- 
tische Phrase hockt im Schadel und laBt kein 
Denken aufkommen. 

Jetzt jedoch, nach den antimilitaristischen Kund- 
gebungen in Frankreich, wird es unseren Kriegs- 
gewerblern recht schwer werden, mit der Rummel- 
latzattraktion „Erbfeind" die Taschen zu plundern. 
oul ist eine vollendeteWideriegung des Schwindels 
vom Anwachsen des franzdsischen Nationalismus, 
Toul und nicht minder Belfort sind eine vernichtende 
Verurteilung der deutschen Wehrvorlage. 

Man muB schon die Stirn eines deutschen Diplo- 
maten haben, um noch heute von einem Krieg mit 
Frankreich zu faseln. Denn was wir jetzt dort 
sehen, es ist die Demonstration eines Geistes, mit 



dem die Herrschenden keine patriotischen Orgien 
feiern werden, den sie aber auch nicht gewaitsam 
austilgen konnen: derunbedingteFriedenswillen.der 
Antinationalismushat in Toul und Belfort gesprochen ! 

Es ist nicht (die Telegramme mochten es so gern 
dazu machen) irgendein kleiner Putsch irgendeiner 
kleinen Gruppe: es ist der Beginn eines Kampfes, 
den der Kulturgeist des franzdsischen Volkes wider 
patriotische Barbaren fQhren wird. Entweder die 
Regierer Frankreichs lassen den Plan der drei- 
jahrigen Dienstzeit fallen, oder das Land steht am 
Vorabend der gewaltigsten inneren Erschutterungen. 
Denn darQber wollen wir uns klar sein: das franzo- 
sische Proletariat wird sich nicht gutwillig ergeben, 
wie es den franzdsischen Nationalisten auch nie gelin- 
gen wird, das Volk zu einem Krieggegen Deutschland 
aufzuhetzen. Was schadet die Arbeit der patrio- 
tischen Friseure, wo ein Volk antinational empfindet! 

Also Frankreich ist keine Kriegsgefahr sondern 
eine gute Friedensgarantie. 

Was werden unsere Nationalisten jetzt auskramen, 
nachdem ihnen dies einzige Argument genommen ist? 
Ich hore sie schon: wir mfissen gegen die soziali- 
stische Gefahr rusten, die von Frankreich kommt! 
Zugegeben, daB die Freiheit der Menschheit nicht 
unter einem deutschen Dache geboren werden wird. 
Aber der Hinweis wird nicht recht wirksam sein. 
Werden unsere Patrioten etwa RuBland alsSchreck- 
gespenst aufstellen? Nun: Vaterchen Zar wird 
sich wohl mit den Siegen begnugen, die er fiber 
die deutschen Diplomaten mfihelos erringen kann. 
Ein Krieg gegen Deutschland konnte seine abso- 
lutistiche Herrlichkeit arg gefahrden. 

Was also werden unsere vom Unglfick verfolgten 
Nationalisten zur Kraftigung der Opferwilligkeit 
des Volkes ersinnen? 

Franz Pfemfert 



17a 









543 



DIE AKTION 



kaa 

w i I 



Glossen 

DAS KLEIDERSPIND 

Die mode men Potentaten 
Brauchen keine Diplomaten. 
Friedenssonnen ieuchten licht 
Fehlt der Kammerdiener nicht. 

Wirksamer a Is Wortgedrechsel 
1st ein flinker Kleiderwechsel; 

Esperanto wird uns jetzt 
Durch die Uniform ersetzt. 

Was nicht Worte kdnnen sagen, 

Sagt ein Rock mit buntem Kragen. 

Wie Fregoli, eins, zwei, drei, 

Macht man Freundschaftsftusserei. 

Zehn Uhr ffinf: den Cumberlinder 
Grfissen preussische Gew&nder. 

Zehn Uhr sechs: in Russentracht 
Jetzt der deutsche Kaiser lacht. 

Schneller geht solch Kleiderwechsel 
Als das schwere Wortgedrechsel. 
Deutsches Volk, sei frohgesinnt: 

Gross ist so ein Kleiderspind. 

U’gaday 

DER GOTT DER MONISTEN 
Das Christentum ist vor alien anderen die Re- 
ligion par excellence weil es die innerste Natur 
und das eigentUche Wesen alter religiosen 
Systeme in ihren scharfsten Konsequenzen zum 
Ausdruck gelangen lasst, die nichts anderes 
sind, als eine Verarmung, Knechtung und Ver- 
nichtung der Menschheit zu Gunsten der Gott- 
heit. 

Wenn Gott alles ist, sind die wirkliche Welt 
und der Mensch ein Nichts, wenn Gott die 
Wahrheit, die Gerechtigkeit, altes Gute und 
Schone, die Starke und das Leben ist, so ist 
der Mensch die Luge, die Ungerechtigkeit, alles 
Ueble und Hassliche, die Ohnmacht und der 
Tod. Unfahig durch sich selbst zur Gerechtig- 
keit, zur Wahrheit und zum ewigen Leben zu 
gelangen, kann er dies nur mittelst einer gdtt- 
lichen Losung erreichen. Aber wer von Er- 
Idsung spricht, spricht auch von Erldsern, 
Messiassen, Propheten, von durch Gott selbst 
inspirierten Priestem und Gesetzgebem; und 
diese einmal als die Reprasentanten der Gott- 
heit auf der Erde, als die heiligen Lehrer der 
Menschheit, als von Gott selbst Auserwahlte, 




die Menschheit auf den Weg des Heils zu leiten, 
anerkannt, iiben notwendigerweise eine absolute 
Herrschaft aus. Alle Menschen schulden ihnen 
ein en passiven und unumschrankten Gehorsam, 
denn gegenuber der gottlichen Vemunft gibt es 
keine mensch liche Vemunft, gegenuber der Ge- 
rechtigkeit eines Qottes kann keine irdische Ge- 
rechtigkeit bestehen. Sklaven Gottes, miissen die 
Menschen auch Sklaven der Kirche und des 
Staates sein, so lange dieser letzter^ seine Weihe 
von der Kirche erhalt. Das ist es, was von 
alien bestehen den und fruheren Religionen das 
Christentum besser als alle ubrigen, ohne Aus- 
nahme sogar der meisten antiken orientalischen 
Religionen, begriffen hatte. 

Diese hatten ihre Herrschaft immer nur uber 
einige hervorragende und privilegierte Volker 
ausgeubt, wahrend das Christentum die Pra- 
tention hat, ihre Herrschaft auf die gesamte 
Menschheit auszudehnen. Und das ist auch, 
was von alien chrisdichen Sekten die rdmisch- 
katholische Kirche allein proklamiert und auch 
mit eisemei Konsequenz verwirklicht hat. Das 
ist es, warum das Christentum die absolute 
Religion, die tetzte Religion ist, warum die 
apostolische und romische Kirche die einzig 
konsequente, die einzig logische ist. 

Moge es nun den Metaphysikem und den 
religiosen Idealisten, Philosophen, Pohtikem 
oder Poeten missfalten, wir sind dieser Ueber- 
zeugung: Die Gottesidee schliesst die Ab- 

dankung der mensdilichen Vemunft und der 
menschlichen Gerechtigkeit ein; sie ist die ent- 
schiedenste Vemeinung der menschlichen Frei- 
heit und lauft notgedrungen auf eine Verskla- 
vung der Menschheit ebenso sehr in theoreti- 
scher wie in praktischer Beziehung hinaus. 

Wenn wir nicht die Versklavung und Emiedri- 
gung der Menschen wollen, wie es die Momier, 
die Pietisten und die protestantischen Methodi- 
sten wenn auch grosstenteils unbewusst wollen, 
so konnen und durfen wir nicht die geringste 
Konzession machen, weder der Gottesidee der 
Theologie, nocfa der Metaphysik. Wenn Gott 
ist, so ist der Mensch Sldave. Ich mdchte den 
sehen, der aus diesem Zirkel herauskommt. 

Alle Religionen sind grausam, alle sind sie auf 
Blut begrundet; denn alle beruhen auf der Idee 
des Opfers, d. h. auf der fortwahrenden Auf- 
opferung der Menschheit fur die unersattliche 
Rachgier der Gottheit- Dieses erkl&rt uns, wa- 
rum die Priester alter Religionen, die Besten, 



545 



DIE AKTION 



die Menschlichsten, die Sanftesten fast immerim 
Grunde Hires Herzens — und, wenn nicht in 
ihrem Herzen, so doch in ihrem Oedanken- 
leben, in ihrem Oeist — etwas Grausames und 

Blutgieriges haben. 

* * 

♦ 

Aber das alles wissen unsere zeitgendssischen, 
hervorragenden Idealisten besser, als irgend je- 
maud. Sie sind gelehrte Maimer, die ihre Ge- 
schichte auswendig konnen; und da sie zu 
gleicher Zeit lebende und fuhlende Menschen 
sind, grosse Seelen, durchdrungen von einer 
aufrichtigen und innigen Liebe fur das Wohl 
der Menschheit, so haben sie alle diese Misse- 
taten, alle diese Verbrechen der Religionen mit 
einer Beredsamkeit ohnegleichen gekennzeichnet, 
verflucht und beklagt Sie weisen mit Ent- 
rustung jede Solidarity zwischen dejn Gott der 
positives Religionen und sdnen vergangcnen 
und gegenwartigen Reprasentanten auf der Erde 
zuruck. 

AUSSTELLUNG IM GRAPH1SCHEN KABINETT 

Es ist offenbar, dass die neuen Kunstbestrebun- 
gen ein gelautertes Wollen darstellen, den Drang 
nach dem Ausdruck einer Idee — der Idee 
unserer Zeit — . Diese Losldsen vom Impres- 
sion ism us, vom Geniessen des Momenles, dieses 
Streben nach Hoherem, nach hdherem Genuss, 
zeitigt in verschiedenen Individuen verschiedene 
Erscheinungsformen, verschiedene Kunstformen 
— in Frankreich haben wir den Neuakademis- 
mus: Friesz, Derain, Matisse, — Picasso! — , 
die verschiedenen romantischen Einschl&ge: ins 
psychologische Gebiet: Kokoschka, Munch, 

Oppenheimer; ins erotische: die Brucke. Dann 
gibt es reine Lyriker, wie Huber. Nichts ist 
schwerer, als eine Individuality, einen Charak- 
ter, dem hoheren Gesetz zu unierordnen. Selten 
einer ist so stark, dass er sich selbst befiehlt, 
ffihlt er sich doch im Recht; denn nichts schStzt 
der Laie so sehr, wie den brutalen Ausdruck 
einer Individuality. Zu einem einheitUchen Stil 
fehlt unserer Zeit eine Kompetenz — ein fuhren- 
der Grundgedanke. 

Fur den Zuschauer ist es leicht, sich dem Ein- 
fluss irgend einer der oben erwfihnten Strfimun- 
gen hinzugeben — bis zum Fanatismus — urd 
gegen alle Anderen Stellung zu nehmen. Schwe- 
rer ist es, ruhigen Kopf zu behalten, und in don 
vtelen individuellen und lokalen Str5mungen die 
fuhrenden Talente zu erkennen. 

Im neuen Kunstsalon Schiller strasse 6 bietet sich 
in einer umfangreichen Ausstdlung Gelegenheit, 




546 

sich vom Erstrebten und Erreichten der jungsten 
von uns Malera eine Vorstellung zu machen. 
Im ersten Saal finden wir schdne Bilder von 
Friesz, ein sehr bemerkenswcrtes Bild von Gi- 
rieud — es ist fast so schdn, wie ein Van Gogh 
— ein Bild von Segal, der unter die Phychdo- 
gen gehort, zwei sehr talentierte Arbeiten von 
Maria Slavona, gute Bilder von Hasler, von 
Kap-herr, Dombach, Heckendorf, Moller, Freese 
u. a., im zweiten Saal fallt vor nllem der 
Schweizer Lyriker Huber auf. Huber ist ein Ta- 
lent, das Aufmerksamkeit verdient, eine be- 
deutende rhytmische und koloristische Begabung. 
Von Huber ist eine Kollektion ausgestellt. hi 
demselben Saal stellen aus: Pascin, Grossmaun, 
Steiner, Fr&ulein von Zitzewitz, Boje-Postel . 

Und nun zum dritten Saal, wo ich selbst eine 
Kollektion ausgestellt habe. Ich halte das in- 
dividuelle Wollen fur eine Begrenzung dcs Ta- 
lentes und allein das Hindrangen nach einer 
reinen, allgemeinen, plastischen Form fur dien- 
lich, — als Ausdrucksmittel habe ich das Licht 
gewahlt — als das objektivste Medium des 
Raumes. Ich will auf eine kleine Individualist 
verzichten und lieber eine Natur sein. Ich will 
ganz und nur Auge sein. 

Friedrich Feigl 

Aus einem imaginaren 
Privatissimum fiber Horaz 

Von Georg Hecht 

Meine Damen und Herren! 

Als ich zum Begtnn dieses nun ablaufenden 
Semesters mein Colleg fiber die Oden des 
Horaz ankiindigte, tat ich es aus dem inneren 
Drang heraus, andere an eigenen Freuden teil- 
nehmen zu lassen. Das ist vermutlich der 
Grund, dass unsere Arbeit in diesen Stundenso 
gar nicht an den gewohnlichen philologischen 
Betrieb erinnerte, dass wir fern von alien Rea- 
lien uns immer defer in den Geist des Dichters 
veraenkten. 

Sie bewiesen neben der gutigen Aufmerksamkeit 
eine so freudige Teilnahme an den ersten Ver- 
suchen der Umdichtung und den anderen Dar- 
bietungen, die ich Ihnen reichen konnte, dass 
ich, besorgt, jenen ersten Arbeiten, Ihrem Wun- 
sche gemass, neue folgen zu lassen, nicht eigent- 
lich daran dachte, den fur mich merkwiirdigen 
Ereignissen dieser Stunden nachzuforschen; denn 
schon allein die freudige Teilnahme ist bemer- 
kenswert. . . 






547 DIE AKTION 548 



Doch heute uberraschen mich diese ernsten Ge- 
danken, und Sie wissen, dass ein Gelehrter — 
und um wieviel mehr ein Gelehrter in Deutsch- 
land — solchen Dingen nachzugehen die Auf- 
gabe und Pflicht hat, dass er seiner Ehre etwas 
vergabe, fate er es nicht. 

Wenn ich nun auch nicht glaube, dass meine 
eigenen Arbeiten fur die Erlebnisse dieser Stun- 
den gar nicht wirksam gewesen waren, — die 
demiitige Selbstbescheidenheit ist ein erheuchelter 
und iiberwundener Standpunkt auch fur den 
Gelehrten, — dies ist doch uber jedem Zweilel, 
dass letzten Grundes das Werk des Dichters uns 
alle gepackt hat, was freilich noch keine Er- 
klarung, nur die Umschreibung einer schohen 
Tatsache ist. 

Wir begreifen sie als eine Wirkung, die wir in 
einen kausalen Zusammenhang setzen wollen, — 
wobei ein stSrkerer Ton auch dem Wollen ge- 
buhrt; das will besagen, dass wir uns einer 
gewissen Einseidgkeit der Untersuchung bewusst 
sind, die freilich immer noch von jeder kind- 
lichen Ueberschatzung aller personlichen Fak- 
toren frei sein kann, wie wir uns andrerseiis 
auch vor ihrer Untersch&tzung huten mussen, 
zumal die Rede geht von einem Dichter, der 
doch mit den Kraften seines Innem in weit 
grdsserem Masse aufbaut, als etwa derStaats- 
mann, der, oh ne die jedem Kunstler eigenen 
Schaffenskrafte, als Organisator der ZeitmSchte 
immer noch Grosses wirken kann. Man muss 
wohl, um die Wirkung des Dichters auf uns zu 
begreifen, von unserer Zeit ausgehen. 

Wir prufen uns an unseren grossen Dichtern — 
ich kdnnte auch sagen: an den Klassikem un- 
serer Tage, wenn ich mitRecht annehmen durfte, 
dass uberall dieser oberflachliche, reine Wort- 
gegensatz von „romantisch“ und *klassisch* 
endlich zu Grabe getragen ist. Ein sogenannter 
Klassiker muss zur Halfte Romantiker sein und 
umgekehrt. Das haben wir heute nicht allein 
aus der Geschichte der Literatur gelernt, son* 
dem auch aus uns selbst; unsere Gegenwart 
zeigt eben dies Doppelgesicht vollkommen aus- 
gcprSgt In alien Betatigungen. 

Hier aber begegnen wir schon dem Horaz, der, 
man nehme sein ganzes Lebenswerk oder auch 
nur die Oden vor, bald liebenswurdig einladt, 
bald emst uns mahnt, beschaulich lebt und 
ernsten Gedanken sich uber lass t, uns vor dem 
Tode schreckt, zur Zufriedenheit uberredet und 
in seiner feinen Sensibilitat alles Rohe meidet, 
in einer Zeit arger politischer Verwiistung seine 




Zartheit behalt, und doch wieder schwere Er- 
schutterungen seines Innersten uberwindet, um 
das Verzichten zu lemen und sich mit Gdttem 
und Menschen ahnungsvoll in einer hoheren 
Einheit zu fuhlen. 

Er ist aber keineswegs einem jener Lyriker der 
vorgoetheschen Epoche, den Gleim und Hage- 
dom jener Zeit, oder, da sie gerade neu auf- 
lebt, den Langheinrich und S a 1 u s zu 
vergleichen, die vom Rausch des Lebens dichten, 
ohne ihm im Grunde wirklich erlebt zu haben, 
und darum auch so erschreckend klare, richtige, 
allgemeine Erlebnisse besingen. Wer Horaz die- 
ser Gruppe vergleichen mdchte, bewiese durch 
eine soldie allzu gutburgerliche Auffessung, wie 
sehr die Schulbehandlung auch noch in der 
Gegenwart den Dichter Horaz und sein Werk 
missversteht und sch&digt. 

Horaz liebt die einfachen Worte und Ifisst sich 
nie zu grossen Gebarden hinreissen. Horaz 
schriftstellert nicht, obschon die Gefahr damals 
ebenso gross war wie heute; er dichtet und er- 
lebt und schaut; denn Horaz ist sehr anschau- 
lich, nur muss man bedenken, dass seine G5der 
uns zwar Begriffe geworden, ihm aber leben- 
dige Anschauung waren. Wir sind heute besser 
als Jemals fruher ausgeriistet, die wunderbaren 
Tatsachen der alien, Uassischen Kunst und Li- 
teratur zu verstehen, wir disputieren das Wun- 
der nicht weg, wir beginnen es zu erschauen. 
Die erhabensten Geister des vergangenen Jahr- 
hunderts haben in diesen Dingen nidit so 
scharf sehen und unterscheiden kdnnen wie wir, 
und zugleich haben wir einen tiefen Eindruck 
in die Zeitbedingtheit jedes Kunstschaffens be- 
kommen. In dieser Hinsicht ist Hermann 
B a h r s „ Dialog vom Marsyas" unuber- 
troffen, und das gift auch von Gerhart 
Hauptmanns „Griechischer Fruhling** einem 
Buch von bewundemswerter Klarheit und idyl- 
lischem Reiz, das ich einigen Teilen von Goethes 
italienischer Reise im gewissen Sinne gleichstel- 
len mdchte. 

Wir erleben darum ohne Staunen in unserem 
Schrifttum die eigenartige Tatsache, dass jene 
feme Zeit wieder lebendig wird. Nicht dass 
riihrige Verleger den Deutschen durch schdne 
und teure Neuausgaben alte Weisheiten wieder- 
zukauen bewegen wollen; auch das ist wahr- 
scheinlich der Fall, aber es ist des Verlegers 
geschMtliche Angelegenheit, der nur ein ge- 
wisses, nidit allzu grosses Gewicht innewohnt. 
Doch dass neue Dramen mehrfach dem Stoffkreis 






549 DIE AKTION 550 

des Homer entnommen sind, die vergangenheits- Frauen zu den vorztiglichen Tragem seiner 



schaurige, griechische Tragddie sich neu belebt, 
— das sind, zumal diese Erscheinungen sich 
tagtich haufen und auch in Werken der bilden- 
den Kunst sich ausdrucken, unwagbar grosse 
Zeichen unserer Zeit. So haben wir die Idylie 
der Landschaft, die grausige Tragik der mensch- 
heitsformenden Vergangenheit und Oegenwart 
als Stutzpunkte der alten Kunst erkannb 

AJlgemach nun kommt die Zeit, aucb das uns 
wieder neu zu gewinnen, was, vom griechischen 
Geist befruchtet, in Rom Eigenes erstand. 

Und hier begegnen wir wieder dem Horaz, 
der, ungleich seinem friiher sehr iiberschatzten 
Freunde Virgil, kein Nach schaffer, ein 

Schopfer ist, obschon er keine buchdicken Epen 
geschalfen hat; denn Horaz ist vor allem ein 
Idylliker des Landlebens, nnd selbst die Kampfe 
der Liebe und Freundschaft werden ihm zum 
Idyll, das in alien Farben der einfachen Feld* 
und Waldblumen bluht und suss und herb duf- 
tet wie frisches Kraut. 

Suss und hprb ist der Duft des Horaz, suss das 
Begehren, herb die versteckte Sinnlichkeit seiner 
Liebe, weiblich und suss seine andachtsvolle In- 
nigkeit bei der Empfangnis neuer Eindrucke, 
mannlich gehalten und herb sein Ausdruck, dem 
es doch wieder nicht an sussen Melodien 
fehlt, die freilich in der lateinischen Sprache aus 
amderem herausgehdrt werden mussen, als in der 
deutschen, weniger aus dem Rhythmus — eine 
grosse Zahl der Oden ist ja in der sapphischen 
oder alkaischen Strophe verfasst — als aus der 
Stellung der Worte innerhalb dieses Rhythmus: 
Dulce ridentem Lalagen amabo. 

Dulce loquentem, 

Immer lieb ich Lalage, Dich, 

Du meine reizende Susse, 
schwfttzendeKleine. 

Was sich denn auch in dieser Prftgnanz nicht 
wiedergeben ttsst; der deutsche Rhythmus ver- 
langt eine andere Behandlung, das deutsche 
Ohr eine grdssere Mannigfaltigkeit, wie wir in 
unseren Versuchen gesehen haben. 

Begreife ich die Harmonie der weiblichen und 
mannlkhen Seele des Horaz, — ein Zwiespalt, 
der durchaus harmonisch ist, und stets den 
Schluss au! eine hdhere Zeitkultur zulisst, und 
Weil er in unserer Zeit wieder wirkt, alsokeinem 
mehr gestattet, ein landator temporis acti zu 
sein, uberschaue ich, dass unser mannlichster 
Geist, Gerhart Hauptmann, in der Mehrzahl 




Dramen macht, was so ausgesprochen selbst bei 
Goethe, der die Idee oder das Ideal nur im 
Bilde des Weibes sich vorstellen konnte, nicht 
der Fall war, wird es mir zuletzt klar, dass 
durch unsere ganze Zeit ein femininer Zug geht, 
dessen emste und karikaturistische Seiten man 
im schonen Verein in der sogenannten Frauen* 
emanzipation findet, — so spinnen sich neue 
und immer wieder neue Beziehungen, die uns 
zu Horaz fubren. Und darum wird es ver- 
standllch, dass in der vergangenen grossen deut- 
schen Zeit meines Wissens nur W i e 1 a n d und 
der alte Voss, in der Oegenwart aber meh- 
rere — ich nenne R. A. Schroder, dessen 
Uebertragungen mir freilich nur in wenigen, zu* 
falligen Stucken bekannt wurden — eine neue 
Liebe zum Horaz fanden, und dies trotz atler 
Schulbehandlung. 

Genug dieser Vergleichs* und Bindungsfaden, 
die sich sehr vermehren liessen, denen aber, 
wie im Anfang schon gesagt war, eine gewisse 
Einseitigkeit notwendig anhaftet. 

Was am Horaz noch * hervorgehoben werden 
muss, ist die Lauterkeit des Herzens, die Klar- 
heit der Sprache, der gegenuber die des Ca- 
tull mehr an unsere sogenannie Dekadenz er- 
innert 

Meine Damen und Herren! 

Ich darf hier unsere Zusammenkunfte dankbar 
mit den Worten beschliessen, mit denen ich sie 
begonnen: Horaz ist im gewdhnlichen Sch ul- 
sinne durchaus kein Klassiker; er ist ein Dich- 
ter, einer, der Vergangenheiten und Zukunfte 
alles Menschlichen in sich trug. . , . 

BRAUTSEELE 

Das Gewand meiner Seele zittert im Sturm 

deiner Liebe, 

wie def im Hain 

das Herz des Fruhlings zittert. 

Ja, du mein hefdges Herz: 
wir haben Fruhling! 

Auf einmal ist nun alles Bliihen da! 

Meine freudigen Wangen 

sind aufgegangen 

fromm nach deinen Kussen. 

Gefahrlich bist du, o Fruhling, 
und verwirrt; 
wie von heftiger Susse 
prangenden Weines 
pocht meine Seele. 



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551 



DIE AKTION 



552 



Wie er so sinnend mich stmchdt 
mit seinen Strahlen alien, 
und schlafen mdchte icb 
immerzu. 

So tr&iune ich vom eigenen Blute 

und bin so wadi 

von mir, 

so erschrocken, 

wie man wohi aufhorcht 

im flusternden Herzen der Nacht. 

Wie Sterne, die nicht schlafen kdnnen, 
so stehen meine Augen! 

Und bin doch so mude, 
so sonderbar mude. 

Sind wir Madchen nicht alte so sonderbar mude 
um diese Zeit? 

Das macht, du bist um uns, 

du bist ein Zauberer: 

in Baume und Menschen zauberst du 

ein Sehnen und Dehnen, 

ein miides, verlangendes Gahnen. 

Ja, ja, ihr Madchenherzen, 
der kennt euch! 

Vor ihm kann kein Geheimnis bestdien, 
er ist ja Weib, 

Weib wie wir, 

und eine heimliche, schdmische St&rke. 
Fruhling, 9ag, was machst du mit uns, 
dass wir aile so sprossend mude sind? 

Wir fuhlen dich ganz in uns. 

Du durchtdnst uns, 

tust mit uns ganz das Leben! 

Ja, wir beben Leben! 

Fromm atmet in uns eine Andacht, 
und wohtig will es werden 
rings auf der sprossenden Erden. 

Wie wir uns regen, 

da ist immer ein heimliches Bewegen. 

Da ist die Quelle ein rieselnder Spiegel, 
der uns erquickt und uns darreicht, 
da ist der Spiegel eine bleibende Quelle, 
und immer wird uns leise 
suss von uns. 

So sind wir wartend, 
so zeigt es uns, verrfit es uns, 
wie suss wir sind 
fur den einen, andem. 

O komm! 

Komm zu mir, 

ich bin ja so suss nach dir! 

O komm! 

Ich bin ja so schdn nach dir! 

Ich, deine lebendige, 
deine wartende Zier 




vergehe nach dir ! 

Jeden Tag kommt Alter, kommt Welken — 
o komm! 

Komm du dem Alter, dem Welken zuvor! 

Ein Sehnen geht in alien Blumen 
und will dich holen mit Farben und Duft, 
und alles, was sch6n ist auf dieser Weltwiese, 
ist nur aus Sehnen und Liebe schdn. . . 

Peter Hille 

DAS VERLORENE PARADJES 

(An die Knaben im Chore von St. Peter.) 

Die Schlange zeigte uns im Paradies 
Den Wurm im Apfel aufgebrochner Lust, 

Das Tier das uns Eden weit verstiess 
Spinnt gittemd sich um jede nackte Brust. 

Venn Samen aufgeblasen wie von Gift 
Ist jetzt das MSdchen, das den Liebsten kusste, 
Und widerwillig doch gezwungen trifft 
Der Blick die milchgeschwoilnen langpn Bruste. 

Aufdringlich wie ein schlechtes Momunent 
Springt uns der Zweck mit Steiss und Stank 

entgegen 

Und keine Schdnheit blfcb, die sich nur kennt, 
Selbstmdrdrisch muss sie Keime von sich legen. 

Die Schlange in dem phosphorgelben Tal 
Zieht atmend ein den Dunst von Tod und Zeugung 
Und nur verschnittner Knaben Madrigal 
Hebt Gottes Haupt empor aus seiner Beugung. 

Alexander Bessme-rtny 

DIE WOLLUST DES IMAOINAEREN 

Ich floh das fasslich Nahe, denn die Glut, 
die beim Beruhren aus mir selber sprang, 
verbrannte alles eingebrachte Gut 
und wunschte jubelnd meinen Untergang. 

Ich floh das fasslich Nahe, denn es war 
darum ein Ruch von Erde und Verwesung. . 
Dei feme Rhythmus nur schuf die Genesung, 
der nah Erlebte aber bot Gefahr: 

Es stritt die stark entfachte Leidenschaft 
mit der Gewissbeit, jede Form zerfalle, 
und mit der Unmacht, etwas zu erringen. . . 

Denn alle sind wir Giiterlose, alk — 

Wir wahnen uns in dem Besitz von Dingen 
und sind doch selbst bloss in der Dinge Haft! — 

Kurt Erich Meurer 



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. . . AKTSTUDIE 




555 



DIE AKTION 




Legende 

Von Carl Einstein 

Ein Jiingling, der sehr die Lust dieser Welt 
geiibl, teilweise da ihm vorkam als sei es ge* 
buhrlich zu verschwenden was wir weniges an 
Kraft besitzen f gleichsam urn sich nach jeder 
Siinde ganziich zu erneuen, und gepeitscht aus 
gestaltlosem Vergessen in weissen Fliigel aufeu- 
schwingen und was sonst ein im traumgleiten- 

des Fliessen ist, gepeitscht, seinem Wesen ge- 
mass als Oegensatz zu spiiren, ohne dass er 
wahmahm wie dieses keineswegs Kraft ist, son* 
dem er rasend sein Ich verbiisse in matter Reiz- 
barkeit. Dieser Jiingling zerschliss jah und zu 
Fetzen, so dass er nur das Einzelne als Ge- 
trenntes begreifen konnte. Denn sein verderbtes 
Leben zwang ihn und die fast eintagliche 
Schwache, teils die jetzt leise ihn bohrende Welt 
als abgetrennte Klange zu spiiren, teils sich die 
torichte Hoffnung aufzurichten, dass einen jeden 
Morgen sein Leben beginne. So kam’s, dass 
er an fast alien Dingen die erste kindliche Form 
von Verstand und Sehen zu einem iiberreizten 
Aphorismen stiickte, ohne je vorzudringen zu 
der sich breitenden Stetigkeit, und gezwungen 
ward, hundert Tage seines Lebens als h under t 
getrennte Punkte aufzunehmen, da seine ganze 
Person nur wie ein Biindel kranker Reizfetzen 
flatterte. Nur immer gewaltsamere Vorgehungen 
gegen die Gebote unser heiligen Vemunft und 
die Gesetze Gottes konnten ihn zu immer min- 
deren Momenten der Besinnung hinqualen, wo- 
zu kam, dass er, in anderen sich zorrerissend, die 
Kette des Zusammenhangs sprengte, die wir 

GedUchtnis nennen und die unser Ich ausmacht. 
Er wurde zur Siinde verfiihrt, nicht weil er sie 
liebte, sondem er sie stolz verachtete und die 
liebliche Lust, welche das Weib dem Manne ge- 
wahrt, nie als solche fassen konnte. So beging 
er den Uebermut, Femliegendes, was ihm eben 
verschlossen bleiben sollte, zu tun und damit 
zu siindigen. Denn Gott hat auch Menschen 
geschaffen, dem innewohnt, aller Lust fern zu 
bleiben und nicht daran zu ruhren. So stand 
der Jiingling jeden Tag am Anfang seines ein- 
tagigen Lebens, das eine jede Nacht in der 
Siinde unterging, welchen Rest der Nacht er 
dann im Nichts eine gerechte Strafe des Er- 
schopften zubrachte. Der Beginn wie die voll- 
kommene Vernichtung sind uns unmoglich, was 
der Herr weise eingerichtet. Zuletzt meinte der 
Jiingling sonderlich, dass diese Vernichtung und 
solches Leben in vielleicht den reinen Formen, 



welche in uns wirken als Ordner unseres pein- 
lichen Lebens, naherten, da er die Stetigkeit ein- 
biissend, das Abstrakte gleichsam als Unzerstor- 
bares noch besass, aller dings ohne dass ihm 
moglich gewesen ware, jenes anzuwenden und 
in seiner beschrankten Kraft zu fassen, da er 
die Welt sich verstorte und sie wie windver- 
wehte Herbstblatter morsch und raschelnd vor 
ihm lag. Eine selfsame Tugend darf ich es be- 
zeichnen uberkam ihn, fast dass sein Ich zer- 
stuckt, war er verdammt alles einzeln zu sehen, 
und so gelangte er zu der kostbaren Kunst, die 
auch kleinsten Dingc allem ab gel olst vor sich zu 
legen, und wurde er gezwungen das Einzelne 
entweder als Namen einzuzeichnen, oder gar 
Fein und sorgfaltig es zu studieren. Dies ver- 
mochte er, da ihm alle weitgeschwungene Zeit 
verloren, nur bei den ruhenden Gegenstanden, 
die keiner Veranderung unterworfen sind, wie 
die Kunstwerke und das Zerstorte. In diese ein- 
zelnen Gegenstande passte er ofters leichtfertig 
das grobe Geriist seiner Abstraktion, aber nicht, 
dass er diese Gleichnisse einer ruhenden Welt 
weise verbunden, damit sie stehen, sondem das 
Einzelne gait ihm als feinste Farbung ausfithr- 
lichste Zeichnung und zugleich als Axiom. So 
hatte er noch eine monologische Welt fugen 
kbnnen, die, um vom Geometer zu borgen, ein- 
dimensional ist, getrennte Strecken zieht und be* 
grenzt, denen eben die gemeinsame Flache er* 
mar. gel te, da er hierzu die Breite eines keu sehen 
und klugen Lebens vemichtet hatte. Es war 
etwas Sonderbares urn sein Vermogen, wie er 
die Abstraktion verkniipfte mit den vereinzelten 
Dingen, die, was sie an Zusammenhang mit der 
nur im Verband gewebten Welt verloren, wel- 
ches zusammen ich vielleicht als die Gute Gottes 
bezeichnen darf, dies unermiidliche Spenden und 
Empfangen ewig verzweigter Hande, an Ko$t- 
barkeit des Feinsten und Ausfiihrlichen gewan- 
nen. Auf diese merkwiirdigen Gebilde, die 
gleichsam im Sinne eines ruhenden Seins voll- 
endet genannt werden diirfen, wand er das Ge- 
riist der ewigen Vemunft an, verfiihrt von dem 
Ruhen seiner Gegenstande, denen eine gewich- 
tige Form des Lebens, nimlich das Erleben 
fehlte, in solchem Masse hatte er bereits den 
Zeitsinn eingebiisst. Seine Gegensfende waren 
somit nur unver^nderliche, und dies sind die 
Erzeugnisse der gottlichen Kunst und die ge* 
storbenen Dinge der Natur. Es erstickte unter 
seinen hilflosen schwachen H&nden die Welt und 
lag im Krampf und der Totenstarrheit vor ihm. 
Dies ist seltsam, dass keines so gewalttatig wie 



557 



DIE AKTION 



558 



das Schwache und damit eitei und sundhaft, 
aber was den Sieg Codes und des Lebens be- 
reitet; der Bose tut nichts an, weil er schwach 
ist; es ist ein Lachen uber den argsten Ver- 
Schter. Dann und wann sendet Gott einenmdcn* 
tigen Schelm, dessen Sinn aber ist auf das 
Gute gerichtet, nur muss er einen sundigenUm- 
weg begehen, woruber nachzudenken uns wohl 
verboten, da das Paradoxon oft die Ausdrucks- 
form Gottes wie er uns erscheint, sein muss; 
kann dieser skh doch nie mit unserer Welt ob 
seiner ewigen Herrlichkeit ubereinstimmend 
decken, wobei wir freilich nie erkennen ver 
mdgen, ob dkse Pracht Gottes sein Kerker ist 
oder wir wie ein elend Spielzeug seiner Hande. 
Jedenfalls, weil Gott, der gewiss uber allem er- 
haben steht, oft zu unserer Wdi im Wider- 
spruch erscheint, ist diese erbsundlicb von Be- 
ginn, wo er uns in Nidhts hinausschteuderte, 
zu Etwas gedeihen liess, bis er uns ein wenig 
zuruckreisst und verhiillt in einesn Tropflein 
Regen. 

Dieser trube Jungling ging einstmal in einen 
Herbstabend, der still und trauiig war, dass 
ein Schreiten der Tddlichkeit des Tages fast 
widersprach, wie du neben einem Sterbelager 
stillstehst und nicht tanzest wo zum Fest. 

Die Farben waren erloschen bis zum letzten 
Rest, aber was das Auge an Lust verloren, 
musste sich die Seek an Trauer gewinnen. Wir 
waren eingeinUlt in das Himmelstucb; dennich 
schritt hinter. drein, nicht von ihm gesehen. 
Dkse Trauer war des Junglings Lust; denn so 
ist der Mensch geschaffen, dass Qual und 
Sunde, die er verubt, ihm tustig werden und ihn 
stets weiter zur Verdanunnis locken. 

Der Jungling, geplagt von der Sucht, sichtbar- 
lich sich aufzudrdngen dem Auge, wo er immer 
mehr, wenn such unter seinem Gekreisch eines 
jeden Morgens verloren gmg und schwand, tat 
alles anders als die Anderen, um sich ja zu 
sehen. So verfuhrte die Schwachheit, dass er 
sich stark dunke zu Wahn, zu Tod. 

Ei, ihn lachelte die Trubseligkeit, er prigte 
kunstlich ein Paradoxon *widerspruchvoUea 
Wortspier, was nur Oott scbicklich und gc- 
nefam. 

Er ging in die blauen B&ume des Waides und 
uber die mattergresste Wiese, auf der eine 
schimmeriose Sonne stand und schwebte. Er 
fuhlte in dem feinen biegenden Empfinden, dass 
sein rasches Schreiten einen wohlgefugten Ge- 
gensatz zu dem sterbenden Tag begehe; aber 
jenes war eitei, denn wann die Welt zu einem 




Ton und einer Far be gestimmt ist, dann wirkt 
sie stark und gewaltig als nie, und das Schrei- 
ten in den gleichen Abend ist vergebens, zumal 
sonst der Abhub der Zeiten sich pr&chtig und 
bezeichnend farbt in der Glorie einer roten 
Sonne, unter welcher Du gewandelt vom Lichte 
gehen darfst. 

O der Jungling ward miide und lag bald auf 
dem Wiesenplan, dem greisenden Haupt einer 
lebenden alten Erde. Die Halme standen eng, 
stark und spitz zur H5he, das Licht war 
schwach und stark genug, dass alies fur sich 
stand und steilte. 

Der Jungling lag nieder und wie er biissen 
musste, sorgfaltig studierte er den Eindruck im 
Oras, den sein Korper angerichtet, dann merkte 
er ein Blatt zwischen seinen Knieen hergeweht, 
das einzige ihm sichtbare in der Weite. Eswar 
sonderbarlich gezackt und seine Farben eilten 

vom bidden Weiss bis zum Rostrot geteilt und 
ubergehend. Die Adern des Blattes quollenaus 
dem Geftillsel wie die Sehnen alter abgearbeite- 
ter H&nde. Sie waren braungdb; zerfressen 
war es. 

Dies Blatt hob er auf und beschaute es und ihm 
war, er habe noch nie ein solches gesehen, be- 
sah es nach alien Seiten und wandte seine 
stolzen Worte heran wie Ornament, Liniengefuge 
und solches mehr, im Nachdenken uber das 
Blatt. Wenn dies ihm wieder vor Augen kam, 
spurte er, dass die Worte und Gedanken nie 
ausreichten, dies Blatt zu bilden. Und ihn ge- 
dachte, dass es viele Blatter gebe im Wald und 
er nie alle sehen und nie begreifen und nie zu 
wissen vermdchte, was denn wirldich ein Blatt 
ist, worauf er iange Zeit sann ohne Bestimmtes 
sich vorzustdlen als einen stechenden Schmerz, 
denn ihm war web im Ohnbewusstsein, dass 
er die Kraft verloren des Zusammen hangs, der 
webt und genugsam macht; dass er zeitlos ge- 
worden. Das Blaft war unter seinen H&nden 
stets ein verandertes, wann er hinschaute und 
er sprach flehentlich zum Blatt: „bleibe, dass 
ich Dich erfasse." Aber das Blatt wuchs ge- 
waltig und drohend, er presste es zwischen den 
Fftusten, doch das Blatt ward zum Himuiel 
und zur Erde und ward die Welt und Oott, 
da er nichts anders mehr zu blicken und denken 
vennochte als das Blatt. Da uberkam ihm wie- 
der, noch viele Bl&tter seien, die ihm verborgen 
im Wald gebluht und lagen jetzt zu Boden, 
und dass er sie nie begreifen werde, weil er 
nie einen Frtihling mit ihnen gebluht. Dies aber 
steilte sich ihm nur als dumpfer Schmerz dar 



2)fc3Utont 

WOCHENSCHRIFT FOR POLITIK, LITERATUR, KUNST 
III.JAHR HERAUSGEGEBEN VON FRANZ PFEMFERT NR23 



INHALT 



Franz Pfemfert 

Ludwig Rubiner 

Paris von Glltersloh . . . 

Ernst Blass 

Fritz Mangold 

Wotan Dietrich 

Paul Boldt 

Hermann Hendrich .... 

Ferdinand Kiss 

Martha von Eschtruth . . . 



Redlichkeit 

Uff . . . die Psychoanalyse 
Die Tflnzerin Rita Aurel 
Kritische Symphonie 
Lebenswandel in der Bar 
Lieder der Verworfenheit 
Andre Jtldin 
Sommerglut 
Trivialitaten 
Meine Augen 



Die Herrscherin der Saison — Richard Wagner tlber Patriotismus 
Literarische Neuerscheinung — Einladung zur Supskription 

Moritz Melzer (Paris) .... Zeichnung 



HEFT 20 PFG. 



VERLAG / DIE AKTION / BERLIN-WILMERSDORF 






Einladung zur Subskription 

Es ist vielfach bedauert Worden, dass wir von 
den Sondernummem, so z. B. von der ersten 
Lyrischen Anthologie, nicht Vorzugsdrucke her- 
stellen liessen. Das ist finanziell jedoch nur 
durchfflhrbar, wenn geniigend Interessenten daftir 
Vorhanden sind. An unsere Preunde ergeht 
deshalb die Einladung, auf Luxusdrucke der 
AKTION zu subskribieren, und die Bitte, Sjub- 
skribenten lm Freundeskreise zu werben. 

Die Luxusdrucke beginnen mit der ersten 
Nummer des nachsten QuartaJs zu erscheinen 
CJuli !) ; Einleitungsheft wird die zweite „Lyrische 
Anthologie 4 * sein. 

Es werden Von jedem Hefte der AKTION 
100 Drucke auf Batten hergestellt werden, die 
fortlaufend nummeriert sind und denen (auf Ver- 
langen) der Name des Eigenttimers aufgedruckt 
wird Mehr als 100 Exemplare werden keines- 
fails ausgegeben, sodass der bibliophile Wert der 
Drucke gesichert ist (Der Jahrgang 1911 der 
AKTION, der in mehr als 7000 Exemplaren 
verbreitet wurde, wird heute, da vergriffen, mit 
35 Mark bezahlt!) 

Die Luxusdrucke kosten: vierteljflhrlich (15 Hefte) 
12 Mark, jflhrlich (52 Hefte) 40 Mark. Der 
Betrag wird, fails er nicht vorher eingesandt ist, 
mit dem ersten Druck durch Nachnahme erhoben. 
Die Versendung der Luxusdrucke geschieht in 
fester KartonhUlle, die eine Beschfidigung des 
Inhaltes ausschliesst. 

Die Luxusdrucke sind ausschliesslich durch 
den Verlag der Aktion zu beziehen. 

Freunde der Aktion! 

Nicht Snobismus ist in dem neuen Untemehmen 
zu sehen: vi el mehr will sich die AKTION von 
der Notwendigkeit des Inseratenteils mOglichst 

befreien. 

Der Verlag der AKTION. 




WOCHENSCHRIFT FOR POLITIK, LITERATUR, KUNST 



8. jahrgang | HERAUSGEGEBEN VON FRANZ PFEMFERT I i8.junm9i3 




MASSENSTREIK ALS KOMPROMISS 



Die Anvvendung von revofutionaren Mitteln beweist 
noeh nicht den revolutionaren Trieb des Handeln- 
den. Der Gang auf die StraBe, urspriinglich gewiB 
eine revolutionare Aktion, kann zu einer Reinhardt- 
Schaustellung wetden; „sturmische Protestkund- 
gebungen" konnen sowohl den Sturm wie den Pro- 
test entwerten ; der Generalstreik kann der Ausdruck 
einer hilflosen Fuhrerschaft sein. Nicht die Bewe- 
gung: das ZieT is t a lies. 1st ein Ziel unrevo- 
Iutionar, so wird der Gebrauch von revolutionaren 
Mitteln MiBbrauch, Verrat. 

Es kennzeichnet den Abstieg der deutschen Sozial- 
demokratie, daB sie so wenig Ehrfurcht vor revo- 
lutionaren Kampfmitteln hat. Jahrzehntelang liefi 
sie in ihren Versammlungen das Wort „General- 
streik" niederschreien ; schliefilich, als es nicht an- 
ders ging, verwandelte sie es in „Massenstreik“ ; 
und jetzt veranstaltet sie mit beispielloser Geschick- 
lichkeit im fettesten Westen Berlins eine Volks- 
versammlung mit dieser revolutionaren Tagesord- 
nung. Vor bezirksliberalen Tageblattlesern wird der 
Massenstreik als das Mittel gepriesen, ein spieB- 
biirgerliches Endziel zu erreichen: Das Reichstags- 
wahlrecht fur PreuBen. Wahrlich es warkein kiihnes 
Beginncn. Bis auf die zahlreichen zivilen Polizei- 
organe beklatschten samtliche Besucher der Frank- 
Versammlung diese Parole als etwas Wichtiges, 
als die einzige und letzte radikale Forderung des 
deutschen Liberalismus. 

Aber fur die Sozialdemokratie gibt es zurzeit kaum 
Unwichtigeres. Wie das Reichstagswahlrecht reak- 
tionare Taten so gar nicht verhindem kann, das 
zeigt der Reichstag. In diesem Parlamcnt, wo 110 
Soziakiemokraten paradieren, ist soeben die uner- 
horteste reaktionare Provokation, die Wehrvorfage, 
still bescheiden hingenommen worden. Welches 
Interesse hat demnach das Proletariat, hat der 
SoziaTismus am preuBisChen Parlamentarismu*? 
Wenn sechs (oder zehn) Genossen im Landtag 
sitzen, so ist das noch von einem gewissen agita- 



torischen Wert; sind aber dort 50 zur Ohnmacht 
verdammt (und mehr verheiBt auch das Reichstags- 
wahlrecht kaum) so ist praktisth nichts weiter erreicht. 
Und um ein derartig wertloses Scheinrecht zu er- 
kampfen, propagiert die Soziakfemokratie vor dem 
unpassendsten Publikum ihr auf absehbare Zeit hin 
bedeutungsvollstes revolutionares Kampfmittel, den 
Massenstreik! Wenn das keiire peinliche Komodie 
«st, wenn die Sozialdemokratie wirklich uberzeugt 
ist, heute fiir einen Generalstreik die Massen zu 
haben, weshalb unterlaBt sie eS dann, mit diesem 
Mittel gegen die Wehrvorlage zu demonstrieren ? 
(Sie hatte doch einmal wagen sollen, in der Westen- 
versamm'lung den Massenstreik gegen die Wehr- 
vorlage in Aussicht zu stellen — die geistlose Be- 
geistenmg ware in Zischen untergegangen.) 

Doch nur Abenteureroptimismus kann von der Sozial- 
demokratie anderes erwarten. Das ist keine Arbeiter- 
partei mehr, das ist eine biirgerliche Reformpartei 
mit sozialistischem Vorwand. Sie hat ihre Massen 
musterhaft organisiert. (Auch die „Viktoria“-Lebens- 
versicherung ist eine musterhafte Organisation.) Sie 
halt auf „eiseme Disziplin". (Wie der preuBische 
Militarismus.) Sie ist die groBte politische Organi- 
sation der Welt. Aber sie ist nicht, was sie vor- 
tauschen mochte: eine revolutionare Partei. Wie 
sollte sie es auch sein ! Sie ist lange schon der 
letzte Erwerbszweig aller verkrachten biirgerlichen 
Politiker. Jeder Wanderredner, der iiber die notigen 
Schlagworte verfugt, sieht in der Sozialdemokratie 
eine Zuflucht, jeder intellektuelle Bankrotteur, jeder 
ehrgeizige Karrierehascher. Wer ihrer KompromiB- 
wirtschaft forderlich sein kann, wird von der Partei 
mit offenen Armen empfangen. Und so hat die 
Sozialdemokratie Oiplomaten, Redner, Demagogen, 
Strategen, sie besitzt die reichhaltigste Musterkollek- 
tion an „Fiihrem“, sie kann auf die revolutionaren 
Sozialisten, die (wie R. L.) sfch in ihten Reihen 
storend bemerkbar machen, spottend verzichten. 

Franz Pfejnfert. 










629 ____ DIE AKTION 630 



Was tut aber dieser Edelmann und mehrfadie Mil- 
fionar? Er lafit sich von der ungarischen Bank 
im Schlafzimmer besuchen und gibt sich bin fur 



Geld. MiBbraucht sein Amt als verantwortlkher 
Minister und erneuert Staatsvertrage gegen eine 
MiDionenprovision. Und regiert. War er in Not? 
Redl war es. Ein Paderast, der in den Klauen seiner 
Erpresser, die Balance verlierend, Ehrlosigkeiten 
beging, um als Ehrenmann weiterleben zu konnen. 
Aber das Kriterium seiner Sefbsterhaltung war die 
gleichzeitige Selbstvemichtung. Ging es schief, 
dann ging es um Kopf und Kragen. Das versdhnt. 
Hingegen Lukacs hat ohne jeden inneren 
und auBeren Zwang seine Hande be- 
schmutzt, sein Vaterland betrogen. Als 
Millionar und Fiihrer einer Partei, die von Millio- 
naren strotzt, besaB er die Kompetenz, die Opfer- 
freudigkeit durch person liches Beispiel zu heben. 
Schon eine einzelne gemeinsame Aktion wiirde bei 
maBiger Belastung des Einzeinen genugt haben, den 
Wahlfonds zu stark en. Aber der feudale Minister 
kann sich bcherrschen und zieht es vor, die Ge- 
schafte seiner Partei mit dem Schandgefd selbst- 
verdienter Silberlinge zu besorgen. Verschachert 
Staatsvertrage zu herabgesetzten Preisen fur die 
Privatzwecke einer politischen Gemeinschaft, die. 



von absofutistischen Ambitionen erf till t, seit jahr 
und Tag jede votksfreundlkrhe Tendenz unterbindet. 
Dabei regiert er weiter, im Namen des Konigs 
und des heiligen Geistes, bis ihn ein Z u f a 1 1 auf 
die Anktagebank wirft Ein Zufall, nichts mehr. 
Weil in diesem Lande der duellierenden Ehren- 
manner Komxption als normale Ausdiin stung des 
politischen Lebens gilt Man ist. trainiert Man 
schweigt. Gegenuber einer durch Tradition ge- 
heifigten Korruption Ist Diskretion Ehrensache. 
Kurz: es ist das Wesen der wahffalschenden, alles 
versprechenden und afles prellenden magyarischen 
Pofitik, das sie, ein Produkt korrumpierter Moral, 
fortzeugend Korruption muB gebaren. So biEdete 
sich neben der parkunentarischen Immunitat audi 
b eine sokhe der Nase gegen den penetranten 






Genich, der durch die Qeruchriosigkeit des Oekies 
entsteht Nur wenn der Parteien HaB und Gunst 
in zi^elioses Delirium ausartet, kann es geschehen, 
daB die Szene zum Tribunal wird. Stets nur aus 
tsktischen, niexnafs aus Reinlkhkeitsgrunden 
So auch jetzt. Der Provisionsschacher des Ministers 
war iange vor dem Skandal bekannt. Hervorragende 
Oppositions fuhrer, Fetidafherm vom Hochadel und 
potitische GroBen von europaisdiem Ruf: sie 
wuBten es! Aber sie schwiegen. Denn 



erstens war Lukacs Ffeisch von ihrem Fleische und 
zweitens hoffte man bestimxnt, daB zwtedien Re- 
gierung und Opposition trotz leidenschaftficher Rar- 
lamentskampfe die in Ungarn so beliebten Kom- 
promiB ventil e eine Explosion auch diesmal verhuten 
wurden. Ware diese Hoffnung in Erfullung ge- 
gangen, so gabe es heute keinen „groBten Pana- 
misten Europas". Es gabe nur zwei Ehrenmanner, 
die im Magnatenkasino an irgend einem Tisch 
Baccarat spiden: — die Herren Lukacs und D6sy. 

Aber es kam anders. Die KompromiBventife ver- 
sagten. Statt dessren traten die uniformierten Raus- 
schmeiBer in Aktion und nun ffogen auf den Pfiff 
Tiszas die sehr geehrten Baccarat - Partner aus dem 
Parfamentslokal hinaus. Das war zu grab. Nun 
erst ertonte das Signal zum Sturme gegen den 
Panamisten. Ultima ratio ! Keine politisdie 
Tat, kein Sauberungsbedtirfnis gegen Korruptions- 
schmutz; — nur der ganz gewohnliche Racheakt 
einer wutschaumenden, mifihandeften Opposition. 
Das ist der Fall Lukacs. 

Nun zum Finale. Nachdem durch das Gericht Heim 
von Lukacs in Anerkennung seiner Verdienste der 
Ehrentitel „groBter Panamist Europas" kostenlos 
verliehen worden ist, wurde er nach Wien befohlen, 
um dem Monarchen seinen Nachfofger 
vorzuschlagen!! 

Ein Bierbrauer wiirde die Zumutung, das Wohl 
und Wehe seiner Bierfasser mit gerichtsnotorischen 
Panamisten zu beraten, zuriickweisen. Diese 
Engherzigkeit entspringt natiirlich nur der bedauer- 
tichen Unken ntnis hdherer Staatsinteressen. Die 
potitische Moral ist uneibittlich und fordert heroisdie 
Sefbstverleugnung. Sie macht es zur Pflicht der 
Monarchen, Ratgeber anzuhoren, denen 
im Namen des Konigs das Recht ab- 
gesprochen wurde, dem Konigals Rat- 
geber zu diene n! So kann es geschehen, daB 
ein kdnigticher Gerichtshof im Staatsinteresse den 
Minister sturzt, die Staatsin teres sen aber den ko- 
nigfi chen Gerichtshof desavouieren! 

. . . Was aber das Handschreiben anUngt, das 
den *,zurudrtretenden“ Panamisten in auBeronient- 
fich warmem Ton verabschiedet und ihn auffordert, 
„seine erprobte Kraft auch in Zukunft 
zu ver werten", so mufi es als Dokument un* 
gebandigter Dankbarkeit den kunftigen Generation 
nen in MUlionen Exempiaren ufoermittelt wetxfcn. 

Ferdinand Kiss 



631 



DIE AKTION 



632 



Erziehung zur Politik 

Von Franz Blei 

Man komtnt irn heutigen Deutschland aus diesem 
sinnfosen und verdeibfidien Erraffen von Bildungs- 
fetzen after Art, aus dem falschen Kennertum und 
dem odesten Snobistmts nicht heraus, wenn nicht 
jedem War wird, daB er nur dann bedeutet, wenn 
er das, was er is? t und sei es das geringste, ganz 
ist. „Es gift zu wirken, afs wirkte man nicht, zu 
schaffen, als sdiaffte man nicht; das Kleine als 
etwas OroBes zu behandeln. im Wenigen vieles 
zu erkennen", sagt Laotse. DaB jeder an seiner 
Stefle und aus seiner Stelle wirke und aufhdre, an 
Reprasentanten zu gfauben oder sich als Reprasen- 
tant zu gebiarden, das, scheint mir, ware Erziehung 
zur PoKtik, zu jenem Gemeingefuhl, das sich aus 
dem Zusammenfeben der Menschen ergibt und in 
fnstitutionen setnen Ausdruck findet, die den Wert 
dieses Zusammenfebens fordern, ohne das Einzel- 
leben im Wertvollen zu mindern. Solche Lehre zur 
Einsicht wird nicht ohne Zerstdrung des ihr Ent- 
gegenstehenden durchzusetzen sein. Und der widi- 
tigste Gegner dessen, was wir 'Pofitik nennen, ist: 
was sich heute Pofitik nennt. Heutige offizielle 
Pofitik lebt von einem MiBverstandnis, dessen 
Kosten der Laie tragt und dessen Vorteiie der 
PoTitiker genteBt. Das MiBverstandnis ist eines der 
Worte. Wenn der Pofitiker „Vaterland“ sagt Oder 
..Freiheit" oder „nationate Jnteressen" usw, (man 
lesc ein paar Leitartikel oder Parlamentsreden fur 
wertere Vokabel), so glaubt der Laie, er hore Deutsch 
reden. Aber er irrt sich. Diese Worte sind politisch, 
als was sie etwas ganz anderes bedeuten als im 
Deutschen. Von diesem sprachfichen MiBverstandnis 
profitiert der Pofitiker. Sagt der Politiker an der 
Seine „patrie“ f der Pofitiker an der Spree „Vater- 
fand“, so meinen sie dasselbe und verstehen sich 
votlkommen; nur der Laie druben und bei uns 
vcrsteht fatsch und hort immer Vaterfand und Patrie, 
wo doch „Vateri!and“ und „patrie" gemeint sind. 
Wenn unsere Pofitiker sich nicht entschliefien 
Deutsch zu sprechen und auf ihrem Auguren jargon 
beharren, miissen wir sie wegjagen. Lang genug 
haben wir aus einem imsittlichen Vertrag den 
kiirzeren gezogen. Und wir haben die Kraft, sie 
wegzujagen, in dem Augenbtick, wo jedem ein- 
zclnen von uns die Kraft aus seinem eigenen Mafi 
gcwadisen ist, und dies wind sein, wenn jeder mft 
Stotz und Hingaft>e das tut und erfullt, was das 
Schicksal ihm zugeteitt hat, ohne Bekummem 
daruber, daft es wenig sei. 



Glossen 

QLUTHITZE 

Auf den StraBen weidit der Asphalt 
und kfebt an Hufen und Radem, 
afles stromt zur Volksschwimmanstait, 
die Herrschaften sind in den B&dem. 

fn den Trambahnen stickt man vor SchweiBgeruch. 
Am Tage schlaft man. Nadits im Cate 
kriegt man nicht Speiseeis genug 
und leidet ewig an Diarrha 

Dutch diinn e Bhisen higen Frauenbriiste 
Mode und schfaffe, straffe und junge. 

Nackt hangen die Maurer im Geruste, 
den H unden feckt die trockene Zunge. 

Man ist zu keiner Arbeit bereit, 
die Pferde fallen vor den Radern, 
die Dimen haben schlechte Zert: 
die Herrschaften sind in den BSdem. 

Oskar KaneJif 



DIE PSYCHOANALYSE ODER WIR KLINIKER 



Ware Rubiners Artikel etwas vereinzelnd stehendes, 
so wurde man das gallige Produkt behutsam zur 
Seite setzen. . . . Aflein der Fall ist durchaus re- 
prase n tat iv Deshalb gewinnt die Frage Interesse: 
Was ist mit und hinter diesem Affekt? 



Idi meine das Motiv tritt grefl hervor: Rubiner 
sagt uns: Tedmiker bleib bei deiner Klinik. Das 
ist, worauf es ihnen alien ankommt — alien, mit 
denen sich Rubiner „in diesem Hauptpunkt traf“. . . 
Wer heute mittut an den Menschheitsprobfemen — 
im aflerweitesten Sinn — , der hat der Psychoanalyse 
gegenuber nur die Wahl: entweder vollig umzu- 
lemen, auch uber alles, was man bisher selbst 
geleistet hat, auch wenn man schon dran gewesen 
war voran zu gehen — oder aus alien Lungenkraften 
mitzuschreien : Techniker, laB uns unseren Leisten! 
Aflein — wo gibt es Grenzen fur die Moglidtkeiten 
dieser Technik? Das ganze Leiden dieser ganzen 
Menschheit an sidi selber und alle Hoffnung, daB 
es anders werde: das ist unsere Kflnik. 



Icb habe es zu meiner Lebensarbeit gemadit zu 
zeigen, daB unmittelbar als Folge der bestehenden 
autoritativen Institutionen derzeit jeder Mensch 
krank sein muB, und zwar besonders tief der wert- 
voHe Mensch in Folge und im MaBe seiner Werte. 
Diese Erkenntnis ist die Forderung der Revolution 
ate menschheits-hygienisdie Notwendigkeit und der 



DIE AKTION 






inxterikhen Befreiung des revotutionaren Mensdien 
ate klinische Vorarbeit. Sie redin et mit dem An- 
sprudi der Individuafitat an das Leben ate ihrer 
Basis und definiert ate „Gesundheit“ die Vollent- 
wkkfung aller angeborenen individuellen Mogfidi- 
keiten. 



Die Psydioftogie des UnbewuBten, die das Sein- 
SoAende des Indivkhnims aus dessen „verdr4ngtetn“ 
fertenten Material heraus ins Lkht zurffckhebt, ver- 
raag ihren zukunftsgemaBen Begriff der „Gesund- 
heit“ schon jetzt audi ftir den einzefnen Fait zu 
entwcrf en : vom wiederhergesteHten Lebensan struck 
des Individuums aus fixieren wir hn einzetnen und 
aftgem einen unsere Forderungen. Man soil ver- 
stehen, daB ganz aHein von dieser Basis vom empi- 
risdien Anspruch der Individuafitat an das Leben 
aus febendige Werte und Normen errichtet weiden 
konnen. 



IcW habe von der Ueberwindung der Einsamkeit 
gesprodien. Rfibiner meint, da kame idi zu spat, 
da babe er schon alles selbst gemadit. Er und 
Einstein. Von Einsteins! Aibtiten kenne idi ge- 
itugeridj um sagen zu konnen : es sind ersdiuttemdti 
Projektionen der Faiben und Liditer, in denen Sped 
das seetisfche Oesdiehen gebrodien weiter lauft und 
deren Wiederschein uns aus der eigenen Tiefe ffim- 
memd aufschtedct. Die kunstferisdie Tat, das freie 
Sdtaffen neuer reprasentativer Fafle ist eine Sadie 
fftr skh; der Mensdien eindamkek gegen fiber sind 
sie, was fiberhaupt mit den bisherigen Mktefn mog- 
fidl war: BtHzltefiter, die den Abgrund zeigen. . . . 
Wir woflen mehr: die Ueberwindung der Einsam- 
keit ate unsere Hoffhung und Pflicht ist Neuer- 
richtung mensddicher Beziehungen auf einer ganz- 
licb neuen Basis, mit txstier unerhorten Mogikfi- 
keiten an Reinheit und Konstanz und produktiver 
IntensitaL 



Das „Verindividuafisieren u der Psychoanalyse soil 
ein Gegenargument sein gegen unsere Hoffnung 
auf Ueberwindung der Einsamkeit. WeiB man nock 
nicht, daB alles gegenseitige Sich-Verstellen darauf 
beruht, sidi selber zu verstehen ? DaB aus der 
Ueberwindung des inneren KonfGkts, dasi sick Ver- 
sperrens vor sick sefbst die Ueberwindung des 
Schkksate folgen wind, dafi Liebe ein Kampf und 
<bB der Mensck immer aflein ist? 

DaB die Mensdten je vergessen konitten, wie efend 
sie sind — wie efend sie skh madien — diese 
Frage wifi Antwort htaben. Es ist die Frage nadi 
der MensdAeftspsycbose . . . auf die zu antworten 

wir una Site Serufen tfeften. — 



Bis jetzt hat nur Einer das Problem in seiner 
Ganzheit kotizipiert: der die Gesdndite vom Turin- 
hau Zu Babylon schrieb. — Es sdieint Gesetz zu sein, 
daB jedesmaf sichf die Verwimmg wieder erne ut, 
wenn der Versuch gemadit wird t einen Tumr in 
den Himnief zu biauen. 

Otto Groft 

WILHELM OSTWALD UEBER WILHELM II. 

Wilhelm der Erste, von der Wissensdiaft Gnade 
Herrscher im Monistenbttnd, vergfeidit Wilhelm den 
Zweiten mit Faust. — Das ist der Tragodie drif- 
ter Teil. — Der Hekf dieses TeileS ist nkht Faust, 
nidtt der Kaiser und nidit der Gefehrte, sondern 
die Kunstfrerodheit der Wissenschaft. Die Lusdge 
Person ist das Beilin er Tageblatt, das einen groBen 
Gefehrte n so klein als moglidi zeigi 

Ostwafd hat zuviel gelemt, als daB ihn Blumen- 
duft zu einem Gedidit begeistem konnte. Er 
schreibt fieber eine sadiltehe Abhandlung fiber 
atherische Oefe. zum Frommen der Wissensdiaft, 
zum Gffick fur die Kunst. Ein hunter Sdimetter- 
fing spridit nidit zum Menschen in ihm, sondern 
zum Farbenchemiker. — Gut! — Aber wenn man 
von einem GeTehrten nidit veriangen kann, daB 
er den Faust versteht, so haben tausend andere Ge- 
fehrte geschrieben, daB Faust nichtS anderes als 
der Typus Mensch ist. — Wohin soft denn das nodi 
fukren. wenn nidit einmaf der Gelehrte dem Ge- 
fekrten gtauht? 

Der Kunstfer „schaut“ die Welt und fertigt dem 
Kunstfreund dazu die Brilfe, sein Werlc, an. Kom- 
mentare sind Mikroskope: sie vergroflem Einzet* 
heiten, geben aber kein Bifd des Ganzen. 

GewiB, Wftbelm II. ist ein Mensch und daher eine 
„faustisdie Natur", aber die Konstatierung dieser 
Tatsadie, Herr Professor, wild Ihnen vieflekht in 
der ersten Ktasse ein ^genugend^ aus Natur- 
gesditchte, aber in der fetzten Klasse ein „ tinge- 
nugend 44 aus Literatur eintragen. Sie haben vfef- 
fekrht den Kaiser verstanden, aber ridierlich 1 nkht 
den Faust, sonst mOBten Sie di.e dort genannten 
„zwei Seefen“ als braver Monist in die Rubric 
„Vererbung und Anpassung" einordnen. 

Gerade bei einem Kaiser wekhen diese zwei ein* 
zrgen CkandcteiMdner so sehr von dem „Typute' ah, 
daB Sie ihn, ohne mete zu fehlen, zu den Vogefa 
rechnen konnten, weif er auch zwei Beine Mat 
Der Kaufer freut sidi fiber das henfiehe Blau cinea 
Stoffes — der Kommis weiB, daB esl unter Artikef> 
tnumner 25 x registriert fet 



635 



DIE AKTION 






Das Volk sdireit nach „panem ct drcensfcs", der 
Scfemodc leitet einen Artikef flber das 25jahrige 
Regierungsjubttauin mit einer Betrachtung uber das 
delcadische Zahfensystera ein. 

Richard G foster 

GRETE MEISEL - HESS KAEMRFT . . . 

Ueber den Brief des Oekonomen aus Zobfitz konnte 
sie nidit fadien; es war audhf kein Orund daf&r da; 
doch warum der guten Frau so wehruutig dabei 
3fum ute war, ist auch nicht feidit einzusehen. 

Ich gehore zu jenen Leuten, die bei Gefegenheit 
einer Besprechung mit ein paar kurzen Worten das 
Noveflenbuch der Frau Meisel-HeB als das bezeich- 
neten, was es is t: afe einen widertidten Sritknarren. 
Ich widerriet offentfich dem jungen Verleger, die- 
sem Buch den zweiten Band foljgen zu Eassien, der 
irgendwo angekfindigt war. 

Ich muB zugeben, da 8 bei diesetir Urteif die an- 
gefuhrte vorwortliche An ma Bung mit ins Gewicht 
fiel 

Die Frau Meisrf-HeB will (mit Hebbels Tagiebudi 
in der Hand) Gespenster verscheudien und Lkht 
bringen, auch den Irrwahn zerreiBen, den „das hefffe 
Licht der modemen Wissenschaft eben erst aus 
seinen Schfupfwinkeln aufgescheudit hat“. 

Hat sie nichts Besseres zu tun, afs zu wiederholen, 
was die modeme Wissenschaft hefl-leuchtend soeben 
get an hat? Bringt man „Lidit“ durch die Er- 
kfarung oberflachlkrher Gesdiehnisste ? Und mu8 
die gufe Frau zu diesem Zweck Noveflen schrei- 
ben? Sie sofite nicht von SdiundHteratur reden. 
Das ist biflig. Liters rrsfcher Schund — ist hand- 
werkhches Unvermogen. Das ist vief arger als 
daft MiBverstandnis des abergfaubigen Viehziichters 

•“*«* It * 

aus Zobfitz. 

Aberglauben ! . . . „Der krasseste Aberglauben ist 
der, daB der ganze Bereich des Daseinsi in den 
Umfang unserer funf Sinne fallen musse a . Ich 
zitiere aus den Brief en des Prinzen Hamlet von 
Gerhard Oudtama Knoop. 

Benno Wefs 



KAISER WIL.HELM UND WIR 

Kaiser Wilhelm hat, antafilich seined JiHnlaums, auch 
die Dkhterzunft ehren woflen, und so verfleb er 
Ausze ich n ungen . . . den Herren Ganghofer, Hdcker 
und Lauff; das heiBt <kei sdu i fteteflemden Personen, 
wefche sozusiagen nfcht auf dem rechten Flugel 
der deutschen LzteTatur, sondern auBerha!fc)J ihrer 

stehen. 



Ein Sardoniker konnte spredien : Die Herren habens 
verfUent. Doth idi hdte diesen Ton fall ffir un- 



nubfidi. Man soil nicht titonver hur grinsen bei 
deraitigen Begebenheiften. DaB Ganghofer, H6ck>er, 
Lauff unser SchrifttiAn reprasentieren : dfe Komak 1 



dcser V dst eB un g heraustzufmden, dfirfte kean Kunst- 
studk setn. dber jedey munteren Ladensdrwengeis 
wuii^g. Laehen kt so zfemBch dans unproduktivste 
Gewerbe: durch Kundgebung hknonger Ueber- 
legenhettsgefttfifc antiert man nkhts. Traunig 

UKHK, . . . 



Traurjg bfeibt: d&fi der Regierer Deutsdilands, wie 
kfieser neueste Aid von neuetn ersthredeend zeigt, 
SZu dem, was (vor Oott) Deutschland* Wert ist, 
nainfidi zutri deutstiien Geist . . . nicht den 
Schatten der Spur einer Beziehung* hat. Man wird 
kaum vertangen, daB an gouvementtntalen Festtagen 
Bohem e-Genies oder heroisdie Opponenten dekiorkrt 
weiden ; und man wird sich hluten, Frank Wedekind 
das Eichenfaub an den Busen zu wunsdien, oder 
Alfred Kerr die Sdiwerter. Abler es gibt in Deutsfch- 
land ja Dichtendc, wefche HnkenseJts auBerst ver- 
ehrt, doch gerade in denjenigen Tugenden stark 
sind, die der Partejganger einer aristaflcfotischen 
Synthetizitat sdiatzen muB. Der Gedanke, ein 
deutstfier Kaiser wurde Stefan George und Heinrich 
Mann in den erbfichen Adelsstand erheben, ist kein 
so Able r; Ffirstengnade wurde ihnen, mittefe einer 
symbolischen Hantihmg, dad verfeihen, was sie aus 
eigner HenMkdt schon besihen ; der Thkon 
wurde AusgeZeidmete vor dem* Voice auszeichnen. 

Ist das utopiskh ? Innerhiaftl einer Monardiie viel- 
^icht weniger als in einer RepribiBk! . . . Diesesl 
totafe Nkht-Wissen tie's Monardfen urn 1 das, was 
die Edefsten der Nation, win sagen: efie ge i stig 
Feinsten und Freiesten, heft|g bewegt, rst namfdt 
ideshali beklagenswert, weif eben die Edelsten in- 
fo!ge tiavon ganZ und gar ohne pofitrsdien Rtkk- 
haft sind. Der KiihsOer, zumal der lfterartedie, ist 
von Hause aus a3\e$ eher als demoptril ; die bfrrger- 
fiche Masse, Mamt ihrem Organ, der Zestung, ist 
seine geborene Feindin. Tritt ihm nun obendrein 
der Hemdier (und, mit psychologisttter Notwend^- 
kert, daher von der Spitae tmendbeh abwarts die 
gesafimte Pyramide der Administration — Univer- 
sitatisdies eingesdAossen — ) ahnungsk>s oder feind- 
fich entgegen, so steht er Zwidchen zwea Feuem 
und ist dazu verdanunt, ein beeng^es, gefahrvoffes^ 
unerqukktkh-expansionslosles Dastin zu fluhren. 
Seine mactrtigen Energien reibeti skh in sekundarai 

Khanka ^ _ oder atUhgen, altar MdgBdrtetten 



DIE AKTION 



638 






cines adaquaten Funktionierens, cincr wirkfidien 
Aktivitat beraubt, zersfcorerisch nadi innen . . . 
Wenn, umgdcehrt wie in Frankreidi, zwischen Maas 
und Mem el die Geistigen heut samtlich dn txBchen 
dazu neigen, mit der Ptebs sich zu verbfinden, so 
ist daran nicht zideizt die Unweisheit einer Re- 
gierung schuld, die es versdimaht, dnquecentohaft 
(oder wie, vor vier Menschenaltem, Sachsen-Wdtnar 
es tat) die Geistigen an sSch zu fessefn. Warum 
zfichtet man sich Demagogen und Revolteure in 
uns herai und zwingt uns in den Repubtikanis- 
mus? Uns, die wir fabelhaft genau w&sen, daB, 
wenn nicht Wilhelm von Hohenzoflem als Kaiser, 
sondem Herr Rudolf Mosse als President am SchloB- 
ptatz saBe, die Dekorierten statt Ganghofer, Hodeer 
und Lauff' . . . sogar Ftdda, Fritz Muller (Zurich) 
und Trojan hdfien warden. 

Kurt Hifler. 



DIE WIR DES HERRN DOKTOR HILLER 

sind nicht die Wir der AKTION. Dagegen sei fest- 
gesteftt: die AKTION wurde den Hitfer-Autsatz 
selbst dann vorgeHihrt haben, wenn er in der aristo- 
Icnatischen Zertsdmft des Oskar Aha SdmritZ auf- 
getaucht ware. Als Wortfuhrerin der 15 Ptebs" siagt 

die AKTION: 



Kurt Hitler beweint, daB das Verstiindnis des Kaisers 
an der Kunst voibeftrabt. Zu bekfagen ist aber 
hur, daB S. M. seinen Privatgeschmack, z!u dem 

wir ihn In nichts verpfKchten, zur offentHchen An- 
gefegenheit macht. Veritiette sich Wifhehn II. Kunst- 
dingen gegeniiber neutral, wie sein dsterrefchisdfer 
Kotfege, so ware dariiber uberhaupt nicht zu reden. 
Kurt Hitler glaubt, die Regierenden soltten Bezie* 
hungen zu den „Edefcten der Nation" besitoen, 
und uberdenkt nicht, ob der Regierende sdbst einen 
edfen Typirs darsteltt. Hiller weiB nicht, daBGeoige 
nur ein symbolisches Herrentum erdSditele und 
energisch jeden Bezug auf das herrschende Heiren- 
tum abweist. Heinrich Mann bezeidinet seine 
Dichtungen ais revohitionar, was Kwt Hiller nicht 
begriff. 

Da Kurt Hiflers Kenntnis von den franzosischen 
Dingen nur vage Unsadieihest verrat, sei auf seine 
Meinung fiber franzosisdie Zustande nicht einge- 
gangen. Man fese nach, was Heinrich Mann (Nr. 51 
AKTION 1912) fiber den franzosischen Gers* sagt. 
Aristokratismus bedeutet nicht Synthetizitat, vid- 
mehr: armfiche I so Benin g. Man beobachtet gerade 
an plebeischen Naturen, daB sie sich Isotierung er- 
wunsdien, oder Aufnahme in die O. m. b H. 
der beschrankten lso&erten ersehnen (siebe die 



sdikafiosen Nachte des nicht arivierten Parvenus). 
Kurt Hiller angstigt es, aus eaner Nottage heraus 
RevoHeur zu werden. Seien Sie verskhert, Herr 
Doktor, wir lehnen Karriere-Revolteure ab. Solche 
werden bei uns — der Pfebs — nicht Zwasdien zwei 
Feuern dlalektisch verstort einherfaufen. Wir wer- 
den diesen Typ vietteicht mit zu groben GrHfen 
wenn mogtich zu den Edelsten befordem. Denn 
wir gestehen keinem Unwuixfigen unsere Kampf- 
gemeinschaft zu. Ein Mensch, der nicht verstcht, 
daB es, elementar gesehen, keine Edlen, keine 
Aristokraten von Klasse gibt, ist von Bemf aus 
zur Sucht nach dem Namen und dem Titel ver- 
dammt — was nicht eiine Frage der Mensdifrii- 
keit, sondem des Erfolges ist. 

APHORtSMEN 

Der Berufene hat nicht mehr zu fragen: was woflte 
der Berufer, als er midi sdiuf? — sondem: was 
will idi, nachdem idi einmaf dem Rufe gefolgt bin? 

Wer nur besorgt ist, daB er lebe, vcrgiflt fiber 
diese AengsfKchkeit Iefcht den G e n u fl des Lebens. 

Die Armen sind daran schuld, daB es Rekhe gibt. 

EIN ANDERER KLABUND 

wifi das Wort haben. Selbst auf die Gefahr hm, 
daB Proteste wie Klabunde emporsdiieBcn, soil cr 
gedrudct werden: 

FRUEHKONZERT 

Farben — himmelsdireiend — kitschbegrcflt 
Larmen unbehotfen durcheinander, 

Tausend bunte Feucrsalamander 
Speien Worte in die hctlc WeH. 

Tribe Burger kriechen aus den Hdhfen 
Staidyger StraBen, kummeruberladen, 

Madchen zeigen ihre Woffustwaden, 

Und Profeten geilen Beifall grohlen. 

Kaumgereifte Knaben blase n Ringe, 

PraMen laut in abgegriffnen Zoten, 

Spenden Beifafl, krahen schrill und koten 
Gassenworte fiber schone Dinge. 

Gardefrtzen — WagnemimmeNdange, 

Bunte Feder wippt auf einem Hute, 
Liebestrunken wiehert eine Stute, 

Zwei Gestaften scheiden aus der Menge. 

In Rotunden schmunzefn alte Frauen, 

Das Gesdtaft geht gut, das Wetter prachtig, 
Nodi neun Monde, vide werden traditig. — 
Leute, feBt uns Synagogen hasten! 



639 



DIE AKTION 

* 




Doktor Benn 

Von Efse Lasfcer-Schuler 




Er steigt hinunter ins Gewcfce seines Krankenhauses 
und sdmeidet die Toten auf. Ein Nimniersatt, skh 
zu bereidiem an Geheimius. Er sagt: „tot isft tot“. 
Dennodtf fromm im Nkhtgtadben Hebt er die Hauser 
der Oebete, traumende Aftare, Augeji, die von fern 
Icommen. Er ist ein evangefisdier Hekte, ein Christ 
mit dem Qotze i rh a upt, mit der Habiditnase und 
dem Leopard enherzen. Sein Herz ist fleUgefleddt 
und gestreckt. Er fiebt Fell und er Hebt Met und 
die grofien Bocke, die am Wiafdfeuer gebraten 
wufden. I dr sagte einmaf zu ihfci, sie sind allerlei 
herb, tauter Fels, raube Ebene, auch Waldfrieden, 
und Buchackem und Straueh und Rotrotdom und 



Kastanien im Sdvatten und Gold la ub, braune Blatter 
und Rohr. Oder Sie sind, Erde mit Wurzefn und 
Jagd und HfheniaiMh und LowenZahn und Brenn- 
nessefn und Donner. Er steht unentwegt, wankt nie, 
tragi das Dadi einer Wdt auf dem Rfidcen. Wenn 
idi midi vertanzt habe, wesB nidit, wo kh bin sjoJR, 
dann woftte kb, kb ware ein grauer Samtmaul- 
wurf und wurfe seine Achselhohle auf und ver- 

t 

grube midi in ibr. Eine Mudce bin ich und spiete 
hnmerzu vor seinem Geskht. Aber eine Beene 
vnocht idi sein, dann schwirrte idi um seinen Nabef. 
Lang be vor idi ihs kSannte, war idi seine Leserin, 
sein Gedkhtbudt — Morgue — fag auf meiner 
Decke: Grauenvofle Kunstwunder, Todestraumerei, 
die Kontur annahm. Leiden reiBen ihte Rachen 
auf und verstummen, Kirdifcofe wandefn in die 
Krankensale und pftenzen skh vor die Betten der 
Schmerzensrekhen an. Die kindtragenden Frauen 
bort man sdireien a us den Kreisfe&ten bis ans Ende 
der Weft. Gottfried Benn ist der diditende Ko- 
koschka. Jeder seiner Verse ein LeopiardenhiB, ein 
Wildtier sprung. Der Knodien ist sein Griffet, mit 

den ar data Wort aufcrwedcL 



Alaska 

Von Gottfried Benn 



VXII Drohungen 
Aber wisse: 

Ich febe Tiertage. Idi bin eine Wasserstunde. 

Des Abends s chtef er t mein Lid wie Wald und 

Hitntnel 

Meine Liebe weiB nur wenig Worte: 

Es ist so schon an deinem Bfut. — 



Mein konigtidier Bedier! 

Meine sdiweifende Hyane! 

Komm in meine Hohfe. Wir wollen helle Haut sein. 
Bis der Zedemsdiatten fiber die kleine EideCbse lief : 

Du — Gffick — 



Ich bin Affen-Adam. Rosen bfuhn in mein Haar. 
Meine Vorderflossen sind schon lang und haarig. 
Baumast-lustem. An den darken Daumen 



Kann man tagefang herunterhangen. 



Idi treibe Tieihebe. 

In der ersten Nacht ist afles entsdiieden. 

Man faBt mit den Zahnen, wonach man sidi sehnt. 
Hyanen, Tiger, Geier sind mein Wappem — 



Nun fahrst du fiber Wasser. Sefbst so segelhaft. 
Bfondhautig- Kuhles Spiel. 

Doch bitterrot, das Bfut darin ist tot, 

Ein Spaft voll Schreie ist dein Mund. 

Du, daS wir nfcht an einem Ufer tanden ! 

Du machst mir Liebe: bfutigelhaft : 

Idi wHl von dir. — 



Du bist Ruth. Du hast Aehren an deinem Hut. 
Dein Nacken ist braun von Makkabaerbfut. 

Deine Stirn ist ffiehend: Du s ahst so tange 
Ueber die Mandefn nach Boas aus. 

Du tragst sie wie ein Meer, daB nichts Vergosscncs 
Im Spid die Erde netzt 

Nun rfiste einen ESfick dunch deine Lkter: 

Sieh: Abgrund fiber tausend Stemen naht. 

Sieh: Schfund, in den du es ergieBen solfet. 
Sieh: Idi. — 



IX Der Rauber — Schiller 

Idi bringc Pest. Ich bin Gestank. 

Vom Rand der Erde komm ich her. 

Mir lauft mandimal im Maule was zusammen, 
Wenn idi das speie, ztedrten noch die Sterne 
Und hier ersoffe das ganze feige 
Pietzeqgesdilabber imd AbcKBhit 



21 



DIE AKTION 



1 






641 

Weil meine Mutter weint? Weil meinem Vater 
Das Haar vergreist? Ich schreie: 

I hr grauer Schlaf! I hr ausgeborenen Sdiludrten! 
Bald sa’n euch ein paar Handvoll Erde zu. 

Mir aber rauscht die Stirn wie WoSken Flug. 

Das biflchen Seudie 

Aus Hurenschfeim In mein Blut gesickert? 

Ein Brocket Tod stinkt immer aus der Erde — 
Pfeif drauf! Wisch ihm eins! Pah! 

X Das Affe nlied 

Ihr Spiel Gottes! Hinrmel simf die Schatten 
der groBen Wafder um euer Fell. 

Schlaf, FraB und Liebe reift still auf eurem 
Brut-Sommerland. Ihr seligen Maher! — 

Ein schmerzfccher Auswuchs, 
von Irgend einer Seuche aufgetrieben 
aus euerm kteinen, runden, furchenlosen 
Leib — Gehimchen, 1st unsere Seek, 

Du liebes Blut! Von meinem kaum getrennt! 
Tauschbar. Durchrausdie mich nodi einen Tag! 
Sieh: Sfunden, fruhere, ausgdebte, 
da wir noch reif am Ufer hodden: 
da ist das Meer und da die Erde 
Seht diese ausgefebten Stunden, 

O diese Landungen after Sehnsucht 
Lagem um euch! 

XI Madonna 

Gib mich nodi nicht mtrMf. 

Ich bin so hingesunfcen 
an dich. Und bin so trunken 
von dir. Oh! CHOdc! 

Die Weft ist tot Der Him me I singt 
hinge streckt an die StrQme der Sterne 
hdl und reif. AJIes klingt 

in tnein Here; 

■ 

Tieferfost und schongeworden 
Singt das Raubpack meines B lutes 
Hafkhijah. 

m 

XII Ueber Graber - 

Das schuftete und bbkte nachts, gekrochen 
Auf schfechtes Fleisch, nadi alter Backerart. 
SchBefihdi Izerbrach das Schweln ihm doth die 

Knochen. 

Dps FeH wild ranzjg. w6 hat ausgepaart 



Wir aber wehn: ag&istii skid die Ffuten. 

O was in Lauben unseres Ffeisdis gesdtah! 
Verwirrt in Haar, in Meer. Die Briiste bluten 
vor Tanz, vor Sommer, Strand und Ithaka. 



LEON DEUBEL 

Dieser junge franzosische Diditer machte infolge 
andauemder Misere kurzffich seinem Leben durdi 
Selbstmord ein Ende. Das Gedicht ist der Pariser 
Revue „Les Lettres" entnommen. 

Hermann Hendrich. 

Das Blut der Zukunft bepurpurt die Bahn 
Nadi dem Altar der Wahrheiten der Zeiten. 
Taudh in die Stadte und nimm brunstig an 
Deinen Tagesanteil am menschlichen Streiten. 

UeberlaB alien Hecken und alien Winden 
Deiner Kindheit Traume zaubrisch Gewand. 
Schreit in die Klarheit errungen durdi Kraft- 

empfinden, 

Mairosig, dein junges Lachen am Lippenrand. 

Oder blieb dir aus der Jugendzeit Tagen, 

Die sich kosttkrher Gifte Schalen erkor. 

Nur ein mattes Herz mit extatisch-tragem Sdifagen, 
Und eine Seefe, in der was gottlidi, erfror. 

Gib stofe dein Dasein dem fruchtbaren Grunde, 
Entsag im Tod hohler Konigseitelkeit. 

Und auf den Stufen der Welt, mit schon Wu tender 

Wunde, 

Harr steibend auf deine Unsterbfichkeit. 



DIE MUSE DES MOZART 
Ein Kammer-Sonett 

Mozart, du Knabe, deine runde Wange 

leuBt skh so siiB! Sanft auf ihr seidnes Knie 

hebt hold dich die Marquise Melanie 

und kuBt dich heiB und kuBt dkh tief und fange. 

Dich weckt mit sflbernem Rokokoklange 

ein Sdierzo, eine Rosenmefodie, 

sie kuBt dich do-re-mi-fa-sof-la-si- 

ganz Ton in musikafschem Uebersch wange. . . 

Die Konigin der Nadrt, Sonatenfee, 
und Opemdiva, Gottin der Cadenzen 
und NadrtigaB vom dreigestridinen Ce! 

Dich wiegt ein Duft von jungen Veifchenkranzen, 
und Don Giovannis hedges Liebesweh, 
ein Inbegriff von Mitlionen Lenzen. . . 

Gustav Specht (Moskftu) 



643 






DIE AKTION 



WANDSPRUCH AUS E1NEM BORDELL 

Bereue keine Taten 
Vor demem Ende, 

Deines Lebens Schatten 

Hat keine Hande. 

Wo tan Dietrich (Worpswede) 



UNTERWEGS 

Die mit Gesdiaften, Zielen zu, 
stnaBenlang gehn, 
sind Adi uml Ekel! Die in Ruh, 
irgendwo im Durchebiandertaufen 
Augen auf stefrn, 
brauchen nichts mehr einzukaufen, 
bra uc hen nidvts mehr zu verdienen. 
AJler Larm zerstillt an ihnen, 
baut um Hires Staunens Trauer 
eine hefle, dichte Mauer. 

Friedrich Mellinger. 



Literarische Neuerscheinungen 

FRANZ WERFEL. Wir sind. Gedichte. (Kurt Wolff, 
Verlag, Leipzig.) Man kennt diesen Autor sdion aus 
einem anderen Qediditband „Der Weltfreund“ ( und 
mandiem wkd vielleicht aus einem Schmus, der, als 
Max Brod die Verse zum erstenmal in Berlin vor- 



las (1911, beim Max Brod -Abend der AKTION), 
im „B. T.“ veroffentlidit wurde, das schone Wert 
Pantheismus haften geblieben sem, mit dem man den 
Diditer leicht tmd hillig abzutun suchte. Aber hier 
ist mehr; hier ist wahrhaft ein neues WeltgefuW er- 
wadit. Hier ist ein Auge, dem die groBen und 
ewigen Formen der Welt in ganz anderen Dingen 
kbendig geworden sind, als man es bisher gewohnt 
war. Werfel erkennt, dab jedes Leben seinen gro- 
Ben und ewigen Inhalt und dafi jedes Lebensgeschdpf 
sein Unendliches in sidi tragt (und er sieht das alles 
in einer ganz anderen, tiefbohrenderen Wease als der 
Natural istnus der achtziger und neunziger Jahre, denn 
er weifl, daB der Dichter die Dinge weder so zeidinen 
soil, wie sie sind, nodi sie ins „ Ideal istiscfie" uber- 
tragen soli, weift, daB Dichtimg und Kunst uber- 
haupt weder niederdrucken mussen nodi erheben, son- 
dem, um es auf die kikzeste Formel zu bringen, 
fiberwiltigen). Er sdireibt ein Gedidit „Die Altemde" 
und findet die Worte fur die leise-zerrinnende Tragic 
Hires Weh-Gefuhls, er besingt eine alte Vorstadt-Dime 
und findet den Ausdnidc verschwommener und lang- 
sam - zerbhitender Melandtolie f&r ihre Trauer. Er hat 
das all-scfeauende Auge des Dichters. 

Werfel ist das Gegenstfidc zu Heym, dessen Heran- 
zfchung allesdings nur naheiiegt, weil beide dersetben 



Generation angdidresi tmd beide in derselben Anttafo- 
gie vor die Oeffentiidikeit getreten sind. Denn wie 
Heym (der nicht minder groBe) alles, was jhm a*n 
Erlebnis wad, rot sieht und verzerrt, und die Tfagflc 
der Gefangnisse, der Irrenhauser, der Stadte, des 
Blind-Seins und des Todes in riesige, von giauen 
Orotesken durdibebte Verse zwangt, sieht Werfel den 
Alltag, die Qualen und das Sanfte des Alltags, die 
dunkd-nadrzudeenden und hell-nachleuchtenden Erieb* 
nisse der Kmdheit in Versen, die aitch noch im Trau- 
rigen hell sdieinen tmd gut und wohltuend sind. 

Paul Kraft. 



Vomotizen 

(Nar victrtise Neaertctaeimuigen werden tiler angeselft Die .Be- 
•preebung der Werke folgt in den nlcbaten Ntunmern der AKTION 

HEINRICH NOWAK. Die traglsche Gebttrde. Oedichte. 
(Verlag in Heidelberg). 

PARIS VON GUETERSLOH Die tanzende Tftrin. 
Roman. (Georg MO Her, Verlag, Mflnchen). 3. Auflage. 

GUSTAV WYNEKEN. Schuleundjngendkultnr. (Eugen 
Diederichs Verlag, Jena). 



Zeitschriftenschau 

DIE SCHAUBUEHNB enthUt In der Doppelmimmer 24/25: 
Kaiser und Kunst. Von S. J. — Der Germanlsten- 
krach. Von Julius Bab. — Aus MBnchen. Von Erich 
MBhsam. — Paris. Von Max Epstein. — Fremde in 
Berlin. Von Ulrich Ranscher. — Bitte an HBlsen 
Von Ignaz, u. a. 

KAIN. Herausgeber Erich MBhsam. Nr 5 enthfilt : 
Der Kaiser; Der MBnchener Zensor; Friedrich Huch; 
Str&8ser und Redl, u. a. Das Heft kostet 50 Pfg. 
Frobenummern gratia dutch den Verlag, MOnchen, 
Baaderstr. 1 d. a. 

DER ANFANG. (Verlag DIE AKTION). Heft 2 ent- 
hait: Wilhelm Ostwald: Finde dlch selbst; Ador: 
Roman tik; Pfannkuche: Exodua der Jugend; Bemfeld: 
Archiv fllr Jugendkuttur ; Klaasenspiegel, u. a. Das 
Heft kostet 50 Pfg. Halbjahr Mk72.~. 



Freunde der AKTION 

Die nachste Nummer erscheint als zwette 

Lyrische Antbolofie der AKTION 

Das EinzeTheft kostet 50 Pfennig; Abonnenten er- 
halten es naturikh ohne Preiserhohung. Da die 
Nummer voraussichtkidi schnell vergriffen sein 
durfte, empfiehft es sich, BesteHungen auf Einzel- 
nummem sofort an den Vertag zu richten. 

Mit der nachsten Nummer beginnen die Butten- 
drucke zu ersdieinen; den Subskribenten geht dati 
erste Exemplar unter Nachnahxne zu. 

Wer auf diese Dmcke noch zu subskribieren 
wunscht, ist gebeten, dem Verlag da von sofort 
Mitteifung zu machen. 

Von der nachsten Nummer ab ist der Erscheinungs- 
tag der AKTION Sonnabend, die Ausgabe er- 
folgt in Berlin Donnerstag. 



INHALT DER VOR1GEN NUMMER; Franz' Pfemfert: Massenstreik als Konmromiss / Ludwig Rahiner: Erwflhnung 
tar Psychoanalyse / E. F- Hoffmann: Militarismus / Grete Meisel-Hess: Ein Kultur-Dokument / Victor Barcfan; 
Plagiator Herbert Grossberger (Heidelberg) / Alfred Lichtenstein: RBckkehr des Dorfjungen / Walter Semer: Kunst 
und Gegenwart / Paul Robert : Das schwarze Revier / Hellmuth Wetzel : Die Jungen f Hermann Hendrich : AHes 
Idyll / Dzidjivisse; Anekdoten / Willy KBsters (Konstanz); Largo assi / Brief in Sachen Scherl-Mosse — Sebulon: 

Mai-Juni — Literarische Neuerscheinungen — Die Subskrihtion / Rudolf MOIler; Zeichnung 



INHALTS-VERZEICHNIS 
des 1. Halbjahres 1913 



AKTION. Jahrhundertfeier in Breslau 585 

A li w i. Lebenssdiatten 235 

Anonym. Der Borsenbericht der groBen Press e 361 

Die Information der Bdreenpresse 421 

M. B. F estbetrachtimgen 463 

Der Gott der Monistcn 523 

Nochmal der Gott der Monisten 543 

Hans Baas. Birken 39 

Die Banke 487 



Friedrich Eisenlohr (Paris). Raubvogei 371 

Voretadt 593 

Emanuel. Drei Nachrjchten 103 

A. Err. Das Vaterland raft! 383 

Martha von EsChstruth. Meine Augen 576 

Alois Essigmann. Apborismen 586 

J. F. Operetten 76 

Friedrich FeigF. Kunstausstelhing 546 

S. Friedlaender. Zur weltlichen Theotogie 5 
Zwei Gedichte 13 

Eines Kindes Heldentat 14 

Die beiden Bfirsten 16 

Dunkles Leben 44 

O. Fuchs. Ueber Kkferlen 108 



Ernst Balcke. Sommertage nodi im Herbst 39 

Dea 496 

Honort de Balzac. Talent und Joumalismus 292 
Georges Barbizon. „Der Anfang" 508 

Die gnine Gefahr 587 

V i ctor Barci an. Plagiator Herbert GroBbeiger 611 
Ad. B a s I e r (Paris). Die Maler der Neuen 

Sezession 175 

Charles Baudelaire. Sarah 144 

Th erese Bauer. Grete Wiesenthal 348 

Oskar Baum. See 532 

Qottfried Benn. Morgue II 39 

Alaska I— VII 269 

Englisdies Cate 376 

Heinrich Mann 431 

Alexander Bessmertny. Spruche an die 

Meister 40 

„Der lose Vogel" 247 

Franz Blei 369 

Am Ende 392 

Ein Epigone spricht 404 

Menschen und G6tter 434 

Klagen inn einen toten Pagen 496 

Das verlorene Paradies 552 

Ernst Blass. Pause 41 

Kritische Symphonic 577 

Paul Bold t. Der Denker 12 

Vier Gedichte 41 

Capri ccio 112 

Vormorgens 143 

Hinrichtung 1913 210 

Vorfruhling 273 

Impression du Soir 304 

Frfihlmg 

Mondschein 412 

Lekture 425 

Abendavenue 452 

Amor und Mars 471 

Frfihjahr 495 

And ere Judin 532 

And ere Judin 576 

Max Brod. An meine Feinde 42 

BuBIied 208 

Liane de vrtes 393 

Wettgeschichte 431 



Fritz Max Cahtn (Paris). Boulevard am 

Morgen 210 

Wotan Dietrich (Worpswede) Lieder der 

Verworfenheit 575 
S. L. Dikkinson. Gerechtigkeit und Freiheit 135 



Arthur Drey. Monolog des Dichters 43 

Dzidjivisse. Anekdoten I 295 

An ek do ten II 403 

Anekdoten III 448 

Anekdoten IV 622 

Carl Einstein. Legend* 434 

Der Anne 443 

Der Tod 452 

Poschatzer 454 

Der Besuch im Irrenhaus 456 

Leg ende 555 



Die Bekampfung der Sozialdemokratie 199 

G loss en. 12, 71, 103, 138, 170, 201, 268, 

295, 347, 367, 387, 403, 446, 485, 525, 

543, 563, 585, 607 
Maxim Gorki. Das graue KompromiBtier 266 

Walter Graeser. Der Dichter-Verleger A. R. 

Meyer 435 

OttoGross. Zur Ueberwachung der kulturellen 

Krise 384 



Ludwig Rubin ers ..Psychoanalyse" 506 

Wilhelm Gustav. Bergsteigerlied 513 

An die Nacht 592 

Paris von Guterslohr (Wien). Rede an einen 

Abiturienten 73 

Das Plagiat als Oekonomie der Ktmst 140 

Die Tanzerin Rita Aurel 568 

Simon Outtmann. Verse 471 

Victor Hadwiger. Zur Psychoiogie des 

HodiveiTats 229 

Havemann. Fortschritt 487 

Georg Hecht. Der kritische Bahr 490 

Moseh 513 

CoIIeg fiber Horaz 546 

Hermann Hendrich. Sommerghit 563 

Altes Idyll 612 

Emmy Hennings. Im Krankenhause 13 

Max Herrmann (Neisse). Zwei Gedichte 45 

Jubilaum 1913 387 

Georg Heym. Gina 46 

Le tiers 6tat 47 

Peter H i 1 1 e. Maienfrfihe 495 

Brautseele 550 

Kurt Hiller. Zwei Gedichte 47 

Guter Rat 72 

Kolleg im Ophir 371 

Ein Brief an die AKTION 427 

Jakob van H oddis. Drei Gedichte 47 

E. F. Hoffmann. Die alte Frau 48 

Bierode 202 

MiHtarismus 612 

Marie Holzer. Vom Wesen der Kritik 113 

„Die Intellektuellen" 171 

Menuett 496 

Else Lasker-Schuler in Prag 526 

Franz Jung. Dagne 348 

An Przybyszewski 428 

Oskar Kanehl (Wieck). Gerhart Hauptmann. 

Festspiel 593 

Rudolf Kayser. Venezianisches Bordell 49 

Nach-Seufzer 113 

Das Gedichtbuch des Ernst Blass 205 

Ins Weite 244 

An Mary 272 

Friedrich Hebbel 353 

Tagebuch eines Architekten 536 

Alfred Kerr. Gedenken 37 

Ferdinand Kiss. Memoiren; H. H. Ewers 423 
Trivalitaten 564, 483 

Martin Knote. Das Grauen 307 

Kuno Kohn. Der Geruhrte 76 




Gerhard Kornfefd. 

Der Kampf der Generational 363 
Willy Kusters. Die HassiidM 40 

Hinweis of Okie 449 

Largo ami 629 

Johannes Lang. Der Kanal 113 

Nachtlied 411 

Ferdinand La as ail e. Ueber die Presae 133 

R ud olf L eon hard. Ueber den Tanz 110 

Alfred Lichtenstein (Wilmersdorf). 

Der Entleibte 49 

Lied der Sehnsucht 209 

Nadi dem BaU 235 

Mondlandschaft 536 

R&ckfcehr des Dorfjtmgen 614 

Hans Luft RevohitionsbaU der AKTION 233 

Der Vagabmd 462 

Der Aestifet 486 

Maurice Maeterlincks Chanson 535 

Fritz Mangold. Lebenswandef in der Bar 572 

Franz Marc. Holzschnitt 595 

Leo Matthias. Oeburt 50 

Brief an eine schwangere Frau 142 

Paul Mayer. Der blonden Tinzerin 50 

Der spantsche Bischof 51 

Knahen im Fruhling 109 

Ahasvers frOhlich Wanderiied 139 

Pierrots Sdunach 174 

Zeilen des Verwanddten 430 

Sommerfdsche 512 

Gaudeamus igitur 527 

Grete Meisel-Hess. Ein Kultur-Doicument 609 
Morlz Melzer (Paris). Aktstudie 553 

Studienblatt 573 

K. E. Meisrer. Die Wollust der Imaginaren 552 

Jean Morlas. Der Ruffian 430 

A. R. M e y e r. Nottumo 51 

Erich Mflhs&m. Ein kleines gelbes Haus 52 

Mynooa. Siehstdut 271 

Robert Neulaender. Mahlers Neunte 239 

Heinrich Nowak. Gustave Flaubert, 

I' Education sentimentale 301 

Richard Oehrlng. Der Oehemmte 52 

Das Oesprich 52 

Sd»eeland 174 

De Piofimdit 303 

Erich O ester held. Impression 52 

Die Kinoseuche 261 

Franz Pfemfert. Los von Oesterreich 69 

WetterKs Rechtfertigung 101 

An Alfred Kerr 165 

Vom Kompiomifi 197 

Die Ungehemmten 321 

Das Jena der Veraunft 361 

An den deutschen Reichstag 401 

GSossen 426 

Eine Antwort an K. HiUer 428 

Dus geistige Deutschland 441 

Heitere Falfe 466 

Die Berner Konferenz 481 

Die nationale Soziakfemokratte 52K 

Eine Fried*nagarantie 541 

Redlidikeit 561 

nSozialisten** 582 

Massenstreflc a Is KompromiB 604 

Otto Pick. Franz Kaflca 243 

St Przy by szewskL Dagne, Strindberg 

und ich 406 

Sabine Ree. Ueber das Buch Vafhek 298 

Parafrase 469 

Der Tapezier 529 

Paul Robert. Das schwanee Revicr 615 

Margarete Rosenberg. Verse der Adit* 

zchnjlhrigen 292 

Ludwig Rubiner. Brief an einen AnfriUirer 341 



Mein Haut 350 

Eine Zeitschrift 1st etwas Wfchtigei 413 

Psychoanalyse 483 

Intensitst 51 1 

Uff . . die Psychoanalyse 565 

Der Aristokrat 590 

Erwihnung zur Psychoanalyse 607 

Anselm Ruest. He r b s tm orgen 53 

Peter Scher. Das VerraScfatnis des Lyrikers 78 
Bethmann Hollweg und das Zentnim 167 

Rend Schickel e, Der Fronde (Roman) 19, 83, 
116, 147, 180, 210, 245, 274, 306, 337, 356, 376, 

396. 415 (Schluft) 

53 

Au$ dem Tagebuch 



Phftnix 

Nikodemus Schuster. 

Brief an den Keben Gott 
Bei Mama; ein Idyll 
Aus dem Tagebuch 
Aus dem Tagebuch 
Aus dem Tagebuch 
Sebulon. Mai~Juni 
Walter Serner Kunst und Oegenwait 
Ernst Stadler (Briisset). Gegen Morgen 
Gang in die Nacht 
Bahnhdfe 



Aufeistehung 
Winteranfang 
C6Incr Rheinbrftcke 

Paul Stefan. Germanentusi und Slaventum 
Der Mai in Wien 

Leo Sternberg. Das Saigschiff 
Max S timer. Oedanken 
Gustav Specht. Lateiniscbe Verse 
Die Uebcsformet 
Hans Jager zum Oedichtnis 
Mario Spiro. Auf den Klippen der Bketagne 
Spleen 

Rudolf S & n der man n. Hochzcitsteise 
U’ gad ay. Das Kleiderspind 
Ueb immer Tieu 
Emile Ver haeren. Fromm 
Qluido Maria VyskociL Der Purpuisaal 
Richard Wagner. Ueber Patriotimnus 
Heflmuth Wetzel. NachhaU 

Ein isibekanntes Oedidrt Treitschfces 

Glhnendes Cafd 

Tief in der Mondnacht 

Unrast 

Fhscht aus der Stadt 
Redgnatiou 
Ein Venfauch 
Die Jxaigen 

Alfred Woffenstein. Vor dem Jahr 
Krankes Wofanen 
Die H5he des Oef&hls 

4 

Ernst Frauenlob 

Vornotizen. 26, 152, 184, 215b 248, 280, 34% 
379, 399, 420, 44% 460, 48% 499, 518, 54% 



323 

327 

331 

351 

380 

412 

607 

613 

55 

57 

82 

331 

302 

304 

451 

446 

501 

592 

509 

353 

370 

536 

54 

273 

600 

543 

583 

591 

475 

564 

57 

203 

244 

273 

513 

515 

535 

597 

615 




371 

472 

508 

36% 

582. 



603, 626 

Zeitschriftenschau. 26, 89, 120, 15% 183, 215, 
247, 279, 311, 339, 359, 379, 399, 42% 489, 459, 

479, 499, 519, 539, 581, 604, 606 
Jourdain. Landschaft im Frtihiing 493 

S* Tappert. Wilhelm Morgncr 145 

Max Oppenhcimer. S. Friedlaender 15 

Ludwig Meld ner. Naditiidie Strafie in Frie- 

denau 305 

Wilhelm Morgner. Utebeidnusig 419 

Georg W. R&ftner. Gift an der Table d bote 18 
Rudolf M6Iler. Liegendes Midchen 500 

Sktzzenbfett 617 

Richter. RumUdies Ballet 178 

Egon Schiele (Wien). Sdbstportttit 533 

Clear Klein. Zeichmmg 241 



21a 



KURT WOLFF VERLAG, LEIPZIG 



Franz Werfel 

WIR SIND 

Neue Gedfchte 



In ▼orzHgUcber AtfsaUttcmg 



D rack der Offidn W. Drugnttn 



Gthtftet W 3. — , gcbtmden W 4.50 

V ors«gu«igibe : 15 tmmmerlerte, Tom Anftor algnMt Exem- 
piare aof schwerem JapanbtiHen in Ganzlederband II 35.— 

Ein neues Bach von Franz Werfel, dam jungen, rasoh berflhmt gewordenen Lyriker. Was in Werfels ersten Versen 
bereits gestaltet war: die Pftlle der Erscheiaungen im Geiste des zeit^enossiscben Poeten. wird hier gesteigert zn 
tuigeheuerster Weltbeseelung. Aber nicht mehr im Irdlschen will seine Dichtung beharren, sle versncht dem GOttlichea 
im Geftthl aller Menschheit nfther zu kotnmen. So wird sein Singen prophetisch wie die Paalmen des alten Testaments; 

sein Werk hat die Sttrke and V^kflMigung eines neaen Ethos. 



In der 8asandasi| „Der Jfingste Tag" endden soefcen won 



Geheftet 



0.80 



FRANZ WERFBL 

Die V ersuchtrag 



■ a 



Bin GenprSda 



a • 



Gebetnden 



L50 



Urtelfe liber Franz Werfel : 

Wilhelm Herzog im Bert. Tageblatt: „ . . . ein ganz junger, ganz grosser Dichter. Wenn irgeitdWo, so 1st hier die neae Konst 1 * 
Frankfurter Zeitung: * .... ein ganz grosser Dichter, mit allesn Emste sei das gesagt.* 1 



PROSPEKTE KOSTENFRE1 



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HYPERION 

ZWEIMONATSSCHRIFT 

Heraoagegeben von FRANZ BLEI 
2 Jahiflnge za je 36 M, zus. 66 M 

EINZELHEFTE 

die bei Komplettieruag restUcher Jihnliae 
flbrig bHeben, soveit der Vorrat retest, zu 

2 Mark 50 



DER ZW1EBELFISCII 

FONFTER JAHROANO :: HEFT 2 

erschien soeben. 

Probebande (3 Hefte) M 1.—. Einzd- 
befte 60 Pi Jahrgang (6 Hefte) M 3.- 



DAS KLE1NE 

ZWIEBELFISCH- 

KULTURKRATZBORSTEN- 

VADEMECUM 

19 13 

Mitboahaften Porirl te n von E.Preetorios 
BvoacUert M 1.-, Leinenband M 2.— 

Dnrcbiede Bucbbandtung, aonat sages Nacbnabnte voa 

HYPERIONVERLAGE 

HANS VON WEBER, MONCHEN NW 16 



PROSPEKTE KOSTENFREI 



O 











VERLAG VON PAUL CASSIRER IN 




WIO 



ORLANDO UND ANOELICA 

EIN PUPPENSP1EL IN ZEHN AKTEN 

Frei nach Ueber lief era ng der Neapeler Marlonetten Von 

JULIUS MEIER-GRAEFE 

Mit OriginalUthographien, zum Teil in mehreren Farben, 

von ERICH KLOSSOWSK1 

Du Werk ertchlcn in drel Ansgaben: 

I. Kftutleransgabc: 12 Exemplare anf altem, japanltchcn Batten* 
papier, won denen 10 Exemplar* (1—10) numeriert elnd. Jedas 
Exemplar cnthtlt swei OrlglnalaquareUe des Knottier*. Dtau 
Aoagabe war berelti xehu Taga nach dem Enchelncn dee Werkea 
▼ergriffen II 800. — 

II* Losnuaifsbc : 22 Exemplare auf Van Geldern, you denew 
20 Exemplare (ll—8lb nnmertert Bind. Die Llthograpblen stud anf 
der Handpreaae gedruckt. Handgebondener Ganxltderbaad. 
Speilal -Vorsati , . 



Msoa 



111. GewOhnliche Augabe: 600 Exemplare mit ilthographicrtem 

UmachJag M 40.— 

Bln Ulattrierter Protpekt wird koetanloe abgegeben 



BLATTER 

AUS EINES LUFTSCHIFFERS TAGEBUCH 

von ALBRECHT BLAU 
nit Zetehnunflen von RUDOLF GROSSMANN 

Brosch. M 5.—, gebundeti M 4— 



NEUE B0CHER 0BER 

KUnstler unserer Zeit 1. 
Max Beckmann 

won Hans Kaiser 
Ilk aaUrtichen AbbUdnngen 
Kartonlert M 6.— 



Jobann C. Wilck 

Ein Maler des deutschen 

Empire 

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BILDENDE KUNST 

Die Wirklichkeit and 
ihr kflnstlerisches AbbiU 

too Alfred Gattmano 
BroacbJf i,— ,kartonitrt M6.- 



Der Qefflhlsaasdrnck in 
der bildenden Kanst 

won Anton Kayer 
Broach M.&A0. gabundea ML 6,— 



e 







jgffioil 

WOCHENSCHRIFT FOR POUTIK, LITERATUR, KUNST 
III. JAHR HERAUSGEGEBEH VON FRANZ PFEMFERT NR27 



INHALT 

LYRISCHE ANTHOLOGIE 



Beitrage Von Peter Scher, Hugo Ball, Ludwig BBumert 
(Worpswede), Johannes R. Becher, Gottfried Benn, 
Alexander Bessmertny, Ernst Blass, Franz Blei, Paul 
Boldt, Max Brod, Friedrich Eisenlohr (Paris), Henriette 
Hardenberg, Walter Hasenclever, Hermann Hendrich, 
Max Herrmann (Neisse), E. F. Hoffmann (Konstanz), 
Rudolf Kayser, Oskar Kanehl, Gottfried KOlwel, Willy 
Rasters (Konstanz), Alfred Lichtenstein (Wilmersdorf), 
Hans Luft, Fritz Mangold, Friedrich Mellinger, Paul 
Mayer, Erich MQhsam, Heinrich Nowak, Richard 
Oehring, Arthur Sakheim, Rend Schickele, Ed Schmid 
Ernst Stadler, Leo Sternberg, Gustav Specht (Moskau), 
Mario Spiro, Hellmuth Wetzel, Alfred Wolfenstein 



Sonder-Nummer 

HEFT 50 PFG. 



VERLAG / DIE AKTION ' BERLIN-WILMERSDORF 








DIE AKTION 



i 




64ft 



JOHANNES R. BECHER 

Konfession 

Bin ein Abgrund, 

Ein Zwiespatt, den ketn mensdilich Bemuhn utter- 
briickt, den nkht die bl&hendste Ewigkeit ausfulft; 
Von weifiem Geskht, bosen Augen, rotem, ver- 

schleimtem, zerfetztem Mund, 
Der stinkt, der krankhaft venfickt, von Fffidien, Ver- 
wCtaschungen, BtaspJtetnieen, wusten Drohungen 
uberquilft ... 

Der zartlkh lockt, nit sanfter Oewatt Oder list 

verfuhrt: 

Kind, dastm Dunket hockt ; zkternd, wenn der Attend 

hereintritt, die veigokteten Oitter beruhrt ; 
Wildes Tier, das ein gewaitiger Herr tauten Gesangs 

durrti die groBen StiLdte fenkt: 
Mit dem Abfall der Rekhen gefiittert, skh badend 
in Btau derHimurel, vom Duft der Azure getrankt. 
Was traume id)?! Die Peitsdien ktatsdhen: ein- 

sdueidet der Stride 1 ; 

Die Schuller; sie trieft von Bhit und Eiter; schteppe 

das Kreuz bergauf; es knackt dast Oenick . * . 
...Gott, sei gut!... 

Der du Verkommenen gnadig gesinnt bist; Amen 

wohknst 



GOTTFRIED BENN 
D-Zug 



Braun wie Cognac. Braun wie Lautt. Rotbraun. 

Mataiengelb. 

D-Zug Berlin — Trelleborg und die Ostseebider. 



Flei 9 ch, das nackt ging. 

Bis in den Mund gettraunt von Meer. 

Reif gesenkt Zu griechhtifem GKkk. 

In Skhel-Sehnsudit : wie weit der Sommer id! 
Vorletzter Tag des neunten Monats schon! — 



Stoppel und letzte Mandel ledizt in uns. 
Entfattungen, das Blut, die Mudigkeiten, 
Die Oeorginennahe tnacht uns writ. — 



Mannerbraun sturzt skh auf Frauenbraun : 

Erne frau 1st etwas fQr eine Nadit. 

Und wenn es sch5n war, noth fflr die nadistel 
O! Und dann wieder dies Bei-sfch-seftiet-sein ! 
Diese Stummheiten ! Dies Oetriebenweiden ! 



Eine Frau ist etwas mit Oeruch. 
Unsaglkhes. Stub hin. Resede. 

Darin ist Suden, Hirt und Meer. 

An jedem Abhang lefant ein Qtikk. — 



FrauenheUbtaun taumett an Mimerdunkelbraun : 

Halte midi! Di^ kh faUe! 

Ich bin im Nacken so mttde. 

O dieser fiebemde SftBe 

Letrte Oeruch aus den Garten. — 



ALEXANDER BESSMERTNY 

Die atten Schwestern 

Einst waren M&nner jimg f die sie umwartten 

Und sie beim Wafeer hoben aust der Schwere 

Der wachen Traume, die die Nacbt verdaitten. 

Jetzt gehn sie einsanr attends bis zur Fibre 

In ihren Manteln mit den stumpfen Farben 

Und stfitzen schweigend skh auf die Baniere. 

Sie wissen frostelnd, daft sie tang schon staitten 
Und ihre Schatten gteiten fort zunt Meere. 



ERNST BLASS 
Wanderung 



Der Fahrweg wand skh in dem Tag der wkfa 
Zu Helen wekh aus Luft — gettleiditem Glas. 
Wo bfinde Wehe flhnmcrt ewig zuckt 
War nodi der Hauch verschoflner Attendfelder 



Verschfitteter Insekten ein Oesu 



i Ml 1 1 



DaB grauer Herttst befahf und Wind wann war 



Der Brikke Traben und das Sditnal der Kahne? 
Die Dfriste teifte kh mit meinem Kinn. 



Was meine fQndhfett hetCg bunt durcfafloB: 

Der grofien Stadte bf&hend Vieterlei 
Des Witz und Wiftens spaltend sttftne Kraft 
Hitze und Abschied manch durchstaubten Tiges 
Die Morgen die kb jungfingisdi verweinte 
Um Mensdien die kh mir zu ferne wihnte 
Octtaude heiBer Trinen finstren Stdnes 
Waren auf Wegen denen kb entst i eg. 



Wer gtaubt mir dafi kb unbeiflhrbar war? 
Dafi jene Zaht die diodi die StraBen ktdsdtt 
Und IVEkbtet wo sie obteusiegen vorgiht 
Mit Witz der gfeidtmadit Trine weftchc abtut 
Aus meiner Hingtabe skh DrtMe nahia 
Mir wkfeihtber ist als taMdie Reinheit . . . 

Des LfGgners HaVtung und erbozgte WQrda 
DOnkt Holier als fl* niednger Verzkht 



Die dkh nur ppeisen um dkh zu faczflbrca 
Dkb kennen ungeShideter zu sein 
Nodi wenn sie ehren wCmsdhen sie at betted 
Nodi wenn sie fotten schlagen sie ans Krettz. 
Doth weiB der Dkhter steft entgegengkitend 
Urbefligtcerten wenn der Stem venank 
DaB Weften apiekn weiden Jtftn der liegt 
Zu kftasen Haut und duj erifrte Haar. 



649 



DIE AKTION 




FRANZ BLEI 

Stitnmen In der Nacht 

Veigessne Tote stehreien jede Nadvt 

Wie Sdilafende a us sdtweren Traumen stitireien : 

„Ve«geBt mis nidit, wk* Megen in der Nadit, 

Wir sind die Wartenden ind sind die Treuen, 

VeigiB midi nidit, der du mein Bruder bis*, 

Atts gfeichem Baudi wie kh zur Welt gekommen, 
Die $et>e Mutter mein und deine ist, 

Die selbe Mutter, die mfch aufgenontmen, 

Die dunkle Mutter wartet auch auf dkh. 

Nur ein ganz Ideines Denken wenn du gibst, 

Daft wir nidit in den letrien Ablgrund sinken, 

Ein wenig nur von allem was du tieblst, 

DaB ‘wir veigessen nicht itn Nidhts versinken, 

O Liebe, rette uns und rette dkfi!“ 

Veigessne Tote stitreien jede Nadxt 
Wie Sdilafende aus Traumen... 

Ein Kind weint auf. Ein Trunkner faltt und lacht, 
Und Sterne stehen hochf in Wauen Raumen. 

Die Fragen 

„Hast du die Rosen btuhen sehen ?“ 

Ich sah sie btuhen und stah sie veigehen, 

Ich sah ihre Blatter im Winde verwehen... 
Was ist dasi Leben? 

„ Horst du meines Herzens Sdiiagen^ 

Idi h5rt es, als wir betsammen Iagen 
Zum erstenmal. Nun laB mkh fragen: 

Was ist die Liebe? 

Kaiim ist es Tag, die Wolken weinen 
Und mir wild keine Sonne metor sdieinen. 
Vorfiber, verloren. Und dies frag k fa kdnen : 
Was ist das Sterben? 



PAUL BOLDT 
I n der Weft 



Der Primiraffekt 
Jemand, den Kopf in Madcfrenknien, 
DaB deine Sdienkef frfiher zu mir k 
Wie Krahen frafien Huren mkh Einsi 
I miner war Winter. IcH bin angenagt 



Dein roter Munti, ein Nest vot! weiBer Kurte, 
Ist uneiieichbar nah. Du bist So keusdi. 

In meinem Herzen da ist ein Gerauschf, 

Afs ob es rodile und erstkken rausse. 



MAX BROD 

Die tnenseh cnleeren Inseln 

Nidrts gtekht der tiefen SuBigkeit jener Lander, 

Die nodi kein Mensdi betreten hat 

Ich sehe sie sdnsiunern, feme, Blatt fur Blatt, 

Jeden Baum, jede Staude, aQe die Wiesenbander. 

Es sind Inseln der Sfidsee, versdiwiegen und Ikht, 
Die ihre rdnen Ktoten 

Wie Huften ins Wasser senken und mat den wogen- 

den grfinen Brfisten 

Ihrer Wilder die Winde in Bewegung setaen. 



Manche sind Atolie, den ganzen Tag in Meeresdunst 

und Dtrft, 

Kahl, selbst von Tieren leer, voq jedenz Jaimnem. 
Hier Uegen in koianenen Kamraem 
Die letzten Knauet eingeatmeter Luft 



Auf tandem gib* es Leben. Oivieftiere sditeidien, 
Der Dioge heuft; der Affe bmllt War’s nkht ein 

Kanguruh^ das da sdnrie? 
Und aBes ist Vemimfttosjigfreit, 

Planlosigktit, unendttche Melodie... 

Und nie, 

Niemials Wetde kh diese Inseln erreidien. 



FRIEDRICH EISENLOHR (Paris) 

Les Halles) 

Aus Fleisdiefbanken dampfen bhitige Fliisse . . . 
Mit einer kleinen Tanzerin in Rot 
Waten Betrunk’ne taumehid durch den Kot . . . 
Und pfumpe Weiber preisen ihr OemBse . . . 



Ich lasse mein Geskht auf Sterne fallen, 

Die wie getroffen ausdnander fiinken. 

Die Wafder wandem mondwarts, schwarze QuaHen, 
Ins Blaumeer, daraus meine Bhcke winken. 



In dunkfen Gruppen warten an den Ecken 
Apachen, wo verschwiegne Gassen tmunden, 
Wo grefle Dimen Tetzte Beuten finden 
Und rote Lampen frech die Halse redcen. 



Mein Ich ist fort. Es madit die Stememreise. 
Das ist nidit Idi, wovon die Kfeider sdieinen. - 
Die Tage sterben weg, die weiften Greiste. 
Idilose N erven sind vol Furctrt und weinen. 



Und irgendwo geht bettelnd woht ein Kin^d. 
Und cinenr sagenhaften Garten glekhf, 

Ein Brand von Bfumen, lodemd, schwank und reidi, 
Und pftfte, die wie tiefe Traiane sind. 



DIE AKTION 



652 



651 



Boalcvard 

Eta sditankes Auto tiberbott die dunkcb 
Knatternden Reihen enggepre&ter Wagon. 

Aus bunten, scbwanken Federahfiten rageft 
Zyltader auf. Und Lkhtrekiamen funkeln. 

Pkkate prunken rot auf hohen Masten, 

Die Neger durch die Menge balanderen. 

Em Affe tanzt kokett auf alien Vieren 
Vor Gamelots, die kr vorfiberhasten. 

Oemahe Frauen stelzen lekht und chic, 

Und tadieln, daB man sie nach Hans bcgleite. 
Cana starke Dtifte weh’n um ihre Seide 
Und Takte jah auftaumetnder Musik. 

■ i ■■ m i i ii* 

HENRIETTE HARDENBERO 
Ahnc 

Deine Blumenhand muB verdetben. 

Wie idi jede Hdhung fuhlen konnte mit ihrem 

Wunsch, 

und wie Dein Witte in sie wuchs zu goktaem, 

stifiem Spiele. 

Bei jedem OefTnen reddest Du die Tfirme meiner 

Liebe zu starkren Fonnen, 
Bei jedem Oeffnen mafiest Du Didf ganz in mich. 
Du Btesdie wirst wdt fiber Demetm Stamm; 
es fallen Sdiatten aus Deinen Blittem, 

Du liefiest metae Seele einslam freL 
Sonnenrekhe RUle midi — 

Deine Bhunenhand mufite sterben. 



WALTER HASENCLEVER 
Der Mann 

Aus jener Feme, wo dutaidi unskhlbar umsdrwebst, 
wenn Regen Stadte umspfltt, ein Pfeid bricht unter 

der Last, 

wenu $m April die Sdklange durchs Laub kriedrt, 

verhafit: 

weiB fch, dafl du mkfl oennsfc; dafi du wieder fOr 

mfcfc letot 

Wenn du am Aussatz stiibst und im Hafen von 

Algier hungers*, 

und keta Pofiztet dir nkditlidien Ausgang eriaubt, 
wenn du in Freudenhausern am Trauerkamme 

lungers* — 

aus veigplngticher Spur erhebe dein ewiges Haupt! 
Die Frau 

Idi will dkh sudien in letzten Feuern, 

Die idi um metnen Leib envpfinde; 

Keta Mann wild midi ins JenseHs steuero — 

Du hist mein K iad, daa Idi enthtade. 




Idi witl etaes Tages fur dich nahen 
und heimkommen, wenn du mich rufst, mein Kind. 
Idi will Gott um dein Leben flehen: 
wie sch6n 1st, daB wir zusammen sind! 

Das Kind 

Die Nacht verliert den unendlichen Blidc, 
aus dem idi in neue Kurven fa lie. 

Idi bin geboren auf eurem Balle — 

Hier endet, hier beginnt mein Oesdridc. 

Idi bin geworden durch Schmerzen und Blut; 
Nodi viefe Menschen werden mir dienen. 

In Logen und in Ooldminen 
wild auferstehen mein Mut. 

Audi mir wild Oottes weiBer Bart 
einst in faibtisdier Gesdridrte winken. 

Mutter, so laB midi sin ken. 

Oh Stemenhhmne? ! Oh Fahrt! 



HERMANN HENDRICH 
Lauterung 

Des Tages Sturm hat ausgetobt 

Die Nadtt wiegt skh auf siummen Sdiwingen. 

Und uber Stadt und Feld und Wald 

Halit 

Feraher nur ein leis VerkMngen. 

MikhweiBes, mildes Mondenlkht, 

Das durch des WeKraums Waue Riume 

In weichen Zitterwellen flieBt 

OieBt 

Silberglanz in meine Traume. 

Und alles, was die Leidensdiaft 

Und Grail und Wut ins Here mir schossen 

An Bitterkdt und Fluch und HaB, 

Das 

Stirbt von defer Otite Bberflossen. 

In stillc Wehmut lost sidis auf. 

Keta Echo weckt das Katnpf getriebe . 

Die lautre Seele atmet bk>B 
GroB, 

Weftumfassend, retaste Mensdien liebe. 

MAX HERRMANN (NeiBe) 

Dolce far niente 

Unter weifl umbluhten Baumen 
Mit der holdesten der Frauen 
Fau) und weich dahinzutraumen, 

Sscb besonnen .... still veidauen . . . 



653 DIE 

Ahem Bittren fern und Bosen 
Sfifi zu dammem und zu dosen 
Hingehjrnmett zwischen Beeten: 

Hochstes Gluck des lang erflehten! 

ZQge fifteen sdmeidig sdtneller, 

Wo aus Fenstern Tucker win ken, 

Zarte Wdlkchen himmeln heller, 

Vogel htipfen, Birken blinken. 

Isgendwo zu allem Schonen 
Hort man leis Musike fonen. 

Falter fliehn in irren Tanzen 

Und wir glanzen und wir glanzen! 



E. F. HOFFMANN (Konstanz) 

An ein Madchen 

Aus der blau’sten Aetherfeme 
hergehauchtes Schonheitsglanzen, 
wie umspann ich deine Grenzen? 
Strahtst du fiber fernste Steme? 

Quafvoll 1st mein Wunsch erhoben, 
doch er gleitet scheu zur Seite, 
denn ins unerlangbar Weite 
1st dein Geben eingewoben. 

Du zerrinnst in meinen Handen. 

Isfs dein Hats, den heifi ich kiisse? 
Sind es Leiber, die sSch fuhlen? 

Hinter ratsethaften Wanden 
rauschen tief verborgne Flusse, 
die an See len-U fern spftlen, 

RUDOLF KAYSER 

Einsatn keit 

Ich bin von Liebe readi und voll 
Und darf doch nie das Schicksfal wissen, 
Von Men9dien, die durdi Gottes Groll 
in Hande und hi Worte sind zerrtssen, 

Ich mochte mkh in Korper sdmuegen, 

Bis jedes Ungliidc nadithdt abgetaut, 

Idi modvte midi in Seelen wiegen, 

Ihr Blut durcbdringen lassen meme Haut. 

Jetzt pre8’ idi nodi mein Herz in Handen, 
Damit ein Klopfen e$ befreie, 

Und sell’, wie Spinnen an den Wanden 
In Faden ziehen nxeme Schrek. 






OSKAR KANEHL 
Am Strande 

■■i 

Wir liegen nackt und fasten uns besonnen. 

Durdi einen Muckenschwarm, wie femes Maschen* 

netz gesponnen, 

Flutet auf uns der Blendstrom alles SonnenKchts 
und druckt die Augen zu. Wir wotlen nichts, 
wir tassen das Gehim uns kochen, 
weil wir gehungert haben, iange Wodien. 

Vom stillen Meer her, eintonig wie Gebet, 
kommt Kuhle fachelnd leiser Wind gewehl 
Und neben uns liegt Zarathusftra, ungelesen; 

Wir lesen nicht, wir Uebermenschenwesen, 
und fassen Leben mit der voile n Hand. 

Wir denken nichts, wir fuhlen nur: 

Wir sind ein Stuck Natur 

und nichts afe Lefcer auf dem heifien Sand. 

GOTTFRIED KOELWEL 
Vor dem Fr&hling 
Wenn hurrgerdunne Vogel sich empdren 
argwohnisch gegen Himme!, Mond und Stem, 
im dunkeln Wind die Baume aber rohren, 
begnadete Propheten ihres Heim, 
dann ist die gro8e Unruh nicht mehr weit, 
die sich aus Sturm und Drang der Erde wfihlt, 
aufringt und an den Wotken reifit und schreit, 
weil sie den Heiland in der Sonne f&hlt 

Fruh lings ersch ei nun g 

Kuhl in bieichen Perlen rann ein Schauem 
fiber meinen Leib, der Waktbadi horte 
auf zu rauschen, feste Luft beschwerte 
midi, ich stand fast reglos wie in Mauem 
eingekalkt, durdi die ein Haher sagte; 
und ich sah, wie jeder Fels sich regte 
und mit einem Sonnenauge dfinnes 
Lachen anting, da 6 es jeder fuhlte 
von den nackten Baumen und ein gritaes 
Hemd schamhaft urn seinen Korper huttte. 

Mi ttagsti Me 

Wenn die Vogel lautlos durch den Mittag gleiten, 
sdiwingenweit, um jenen Gtanz, der in den Luften 
bebt, auf ihren Flfigeln aufzuhaufen, breiten 
sidi die W&lder sekg aus, in ihren Huften 
hocbgefuhlevoll, urheiiig, emst wie seltne Frauen 
kurz vor der Empfangnis, wenn nur Haudi mehr 

flustert, 

voll Erwartung, bis die heiligengeislesblanken 
Vogel auf sie niederkommen und den bfaiuen 
Aetheiglanz des Mittags von den Ifistemscftlanken 
Flugeln schfitten, dafi die Wo I lust in den Zweigen 

knistert 



AKTION 



686 DIE AKTION 686 



WILLY KUESTERS (Konstanz) 

Die Kleinstadt 

Ein truber Dunst steigt aus den ausgetraumten 

sdimalen Gasmen, 

Wo hagre Hauser diarr ins Firmament zu ragen sidi 

erfrechen; 

Aus dcm verlaHenen Gemauer wachsen Gras und 

base Zungen, 

Die wie das StraBenpf faster spitz durch mandie 

Sohlen stedien. 



In dumpfen Stuben widist die Biederkeit in dicken 

Fhden 

Und grinst aus Fenstem, Ladenturen, Mutzen, 

Hauben; 

In hintem Hofen wehen bimte Rodce, Hosen, 

Windefeeug, 

VeigUbte Banner der Devise: Treu und Glauben. 



Wer sid) aus dies cm Sumpf erhcben wilf, den duckt 

man gfeidi, 

Er wind am stiiahjggrauen Band der Tradition ge- 

gangeh, 

Nur lahme Wichte duldet ihr Philisierrekh, 
GewohnheitsvoJk, das nur zu Stall und fetter Krippe 

drangeft: 

So klebt die kleine Stadt jm Tal, ein murber Teig, 
Den feist ein wohjgesattigt Madenvolk durdi- 

schKngeli 



ALFRED LICHTENSTEIN (Wikneredorf) 
Landschaft 

Wie alte Knodien liegen in dernr Topi 
des Mittags die verffuditen Stratien da. 
Sd»on lai^ge ist es her, daB fch dkh sah. 
Ein Junge zupft ein Mlddien an dem Zopf. 



Und ein pair Hunde sielen sjfch inr Dredk, 
Idi ginge gerne Arm in Arm mtt dir. 

Der Hhnmel ist ein graues Packpapier, 

Auf dem die Sonne klebt — ein Butterfteck. 



Angst 

Wald und Fhir liegt tot in Sdmtt und Scheiben. 
Himmel klebt an Stadten wie ein Gas. 

Alle Mensdien mfissen steiben. 

Gluck und Glas, wie bald bricht das. 

Stunden rinnen matt wie trube Fliisste. 

Durch der Stuben parfumiertem Sumpf. 

Spurst du die Pistolensdiusse 
Ist der Kopf nodi auf dem Rumpj. 



HANS LUFT 
Marie die Magd 

Wie der bfanke Khditurm die verlornen 
angeklebten Hauser ubeiragt, 
hcbt sich aus dem Krei6 der Wohlgebomen 
Damen dieser Stadt Marie die Magd. 

Ihre Hande sind von sdtweren Dingen, 
die sie tagBch tut, gesdtwollen rot 
Unter ihren dunklen Augenringen 
biigt sich mandhes sdibnken JtmgUngs Not. 

Aber durch ihr naditiges Westen gleitet 
— durdi ihr Ladien und den wilden SdtWung ~ 
unbegriffen je und ungefeitet 
eine hehnhche Verwunderung — 

So wie Mondlidtt nicdre Grfuide weitet 



FRITZ MANGOLD 



Kleopatras Nacht 

Die Aegypter krochen zu Boden 

und koimten sich ntdtt fatten vor ihrer Kfriigin. 

Casaren enteigneten sich ihrer Weften, 

wei! sie ja hnmer neue Wehen yon Kteopntra 

empfingen. 

Ftlr diese jedodt 

eigab sich nur das Eigene. 

Und sie verging nach der Eiganzung: 

Du bot sich ihr die ScMange, 

Und nun mufite eine Nacht fo%en, 
so votl MHteiluqg, 

daB sich <fie ScMange an den toten Briisten der 

Kleopatra 



zu Tode ausgab. 



Nocturne 
Wenn sie bdielt, 

verfangen sich die Sternbikfer in ihren Lippen. 
Von meinen Augen pftockt sie das Fest 
und gibt es ihren Lippen nodi dazu: 

Die flammen auf, 

werfen der Nacht Diadem e ins Haw. 

Dann wind sie made (ihr Ladieln muB ja so weh 

tun); 

Und dankbar gibt sie die Nacht wieder frei. 



FRIEDRICH MELLINGER 
Idyll 

Abends, 

wenn der Kinder Llrmen 
auf den Straiten deutficb 



637 



DIE AKTION 






sitzt die Mutter vor dcr T&re 
und wiHfahrt den blassen Blidcen; 
hintenn Fenster steht der Vater - 

Einer 

geht das Dorf enttang zum Walde, 
ohne nur den Kopf zu ruhren. 

Um sein unbegreifKch leichtes 
Schrerten 

schlaitgeln sidr die wefchen Olieder 
einer geilen Darntnerung 



PAUL MAYER 
Tristans Beichte 

Es war der Trank nicht, Priest er, nicht der Trank. 
Kein Zauberwerk hat mich an sie gebunden. 

— Das meinen Burger in den Feierstunden 

Mein Leid beschwatzend auf der Ruhebank. — 

Du mufit midi horen; magst du dann mit Hunden 
Den Frevfer sdieuchen, der in Sftitden sank. 

O lafi midi buBen, geiBle meine Wimden, 
Ersinne Martem und ich weiB dir Dank. 

Du mufit es wissen: auf der Brautfahrtbarke 

Die uns von Irfand trug zu Kdnig Marke 
Da ist's gesdiehen, ich saft sie einmat nadct. 

So wie der Nordsturm Dunengraser packt 
So traf midi das. Da lieB mich Gott allein 
Und In derseiben Nacht noch ward sie mein. 



ERICH MUEHSAM 
Pflicht 

Unrdhmlich ist es, jung zu sterben. 

Mein Tod war straftidier Verrat. 

Ich bin der Freiheit ein Sofcfat 
und muB ihr neue Kampfer werben. 

Und kann idi selbst die Schlacht nidit ienken, 
seh selbst nidit mehr das bunte Jahr, 
so soil doch meine Bundesschar 
im Siege metnes Rufs gedenken. 

Drum will idi Mensch sein, um zu dkfiten, 
Wilt wecken, die voll Sehnsucht sind, 

DaB idi im Grab den Frieden find 
der Schtafer nach erfultten Pflichten. 



HEINRICH NOWAK 
Letzter Abend 

Das Leben legt die Stime bos in Fatten; 
der tetzte Tag vergramt sich Stuck um Stuck. 
Mein Denken hat jetzt einen Rifi erhatten. 
fins tiefjsten Leid verffcegjt ein Augenbbdc. 



Mich liebt die Sonne nicht mehr und die Erde, 
Himmet und Holle werfen midi hinaus. 
ich bin kein Mensch mehr, bin nur mehr Gebarde, 
und strekhe tachelnd meinen Namen aus. 



RICHARD OEHRINO 
Der Verr&ter 

Als die sidi Nadisten sich in Lugen bargen, 
vor Brikrken bebten, leuchtend lockenden; 
als die GeHebtesten sidi fremde Blicke gaben, 
schrie er in Qua! hinaus das Wort, das sie vemet, 
und stierte bleich, in Scham in sich gebogen, 
als nackte Leiber krampfverzerrt um ihn 
hilflos ins Dunkle drangten — 

Nur Btidce noch, die flehend ihn besdhworen, 
der aller Hande hatte kiissen mbgen. 

Er sah: 

Zrttemde Hande greifen vor die entbloBten Ge> 

sichten 

Schreie zerreiBen den Vor hang sdiattender Wortc. 
lire Gebete fatten von sdiluchzenden Augen. 
Blutige Sterne erhellen entsetzte Gebarden. 

Dodi aus dem Bersten verschutteter Sdifunde 
aufsteigen hell Fontanen — o, weiche Strahlen, 
o Kinderweinen, Denrut wilder Tiere, 
Versdtmelzung, Liebe, 

aus wiktem Krampf gelost vie I suBe Sehnsudit 

Doch er faltt alien fern in diistre Kneipen. 

Ihn trosten Weiber mit gesdiminkten Lippcn. 
Mandtmal begludkt ihn werdh ein Du ft von B lumen 
wie roter Krauze dunkle Graberliebe. 



ARTHUR SAKHEIM 
Amulett 

fur Marion Carota Natalie, Prinzessin zu Pyrmont, 
gegen die Hitze, die Sehnsudit und den bosen Blick 
um thren Hals zu tragen. 

Vieflekht war alles nur ein buntes KKhgen, 

Ein Vogefaixf hn frisdien Morgen ticht, 

Die Sehgkeit der sefigen Syringen, 

Ein Blutengarten oder ein Oedscht. 

Mir tra unite von den tiefen Wunderdingen, 

Mir tadielte dein he lies Angeskht. — 

Fur hnmer deine Liebe zu erringen, 

Das grofie Zauberwerk gefang mir nidit. 



Verstandtidi ist das alte Spiel und sdiandhdt, 
Die Litanei vom ewigen Voibei: — 

Ich will die Lust, die sufie Tyrannei, 

Ich will die Welt kb lithe dfcdi unendfcji. 



* 



i 



DIE AKTION 



m 



660 



RENE SCHICKELE 



Pamphlete 

I 

Re vofutionsball 



FOr Eudi ists nur eln Faschlngsbali, 

I hr wiBt nidits von Gespenstem, 
dodi kh, Flan flan vom Palais- Royal, 
idt hdre sie vor den Fenstem. 

Sie kommen mit tmd ohne Kopf 

mit weifler Penticke, mit dimkefm Schopf. 



Mir ist, a Is wSr kh hn Spiegets&al 
und m&Bte die Kleider sdifimn, 
weit die Lakaien des Due d’Aumale 
von der Karosse sttoi. 

Die Pferde sdiarren, der Wagen knackt. 
glekh wild mein Liebster ausgepackf. 

Zwei rficken den Scheme 1 vor die Tfir, 
kh h$re das Meckem des Atten, 
er kriecht aus dem purpumen Wagen herfuer, 
drei andere mussen ihn halten. 

Wie skh der dteke Mund bewegt! 

Der Due d’Aumale ist aulgeregt. 

Sie tragen ihn die Treppe herauf 

und kgen ihn mir vor die Fiifie, 

sie rekhen den Stock mst dem goldnen Knauf 

mit dem kh sein Alter versuBe. 

Es toariit mir nicht den geringsten Spa 8, 
ob er sun rot wild Oder btafi. 



Er start* in mOhsam entfaehter Glut, 
nun soli der Teufel ihn rdsten! 

Den Sohnen ging es nicht so gut, 

Sie mufiten die „Witwe“ trosten. 

Sie haben sie wfitend angespuckt, 
skh ftuebend in ihren SchoB gedudet. 



Lebwohl, lebwoht, Louis Capet, 
den wir den K5nig nannten! 

Er reitet auf goklenem Bidet 
vor seinen Adjutanten. 

Marie hat's mit in die Ehe gefaracht, 

Marie Antoinette, die hnmer gelacht 

Sie zfigeln vergeblkh den teuflischen Gaul, 

hn HdHenwiibef vertoren, 

verzenrt hangt ihr groBes, herrlidies Maul, 

mit dem sie einmal geboren, 

durdisuchen in entsetzfkhem Drang 

Uie Hofle nach einem Notausgang. 



Ein grdBeres Maul, als ihres war, 
dunh9(hrie die Partner StraBen, 
das hat auf die Liditer urn Thron und Altar 
und auf die „Sonne“ geWasen. 

Die fiel in den Koib mit dumpfem Klang, 
ein bhitiger Sonnenuntergang ! 

Mir isf s, ate wSt* kh mt kleinen Gemach 
und horte die Hasrfier pfeifen 
und spurte Dantons Arm, halb wach, 
nach meinen BrBsten greifen. 

Ich hatte ihn getiebt so sehr 

und konnt ihn nicht eiitmal kfissen mehr. 

Am andem Tag war es herum, 
die Trommeln rolltea wie Conner, 
wir Maddien standen blind und dumm, 
die Trommeln rolhen wie Donner. 

Er wollte sich umdrehn, sie litten's nicht, 
sie sahen ihn schreien und horten's nkht. 

Statt Strang das Beil und Gartner der Bock, 
nichts welter war versdfoben, 
sie heben uns den engen Rock, 
wie sie den weiten gehoben. 

Es wediseln die Zeiten, es wechselt der Schatz, 
das Herz bleibt 1mm er am namlkhen Platz. 

Und so ging weiter das blutige Spiel, 
bis daB die letzte Karte, 

Robespierre, der Tugensbube, fiel 
Dann mdsdtte Bonaparte. 

Ich sah ihn am adxzehnten Fructidor. 

Er hatte ein hubsdies kfeines Ohr. 

II 

Der Dichter Ohnebein 

verfertigt „Acker“ und „Strom <4 , darauf 

,, 1813 “ 

Grolft auf seinem Gtorienschein 
der verschnittne Ohnebein 
zehn Schritt hinterm heilgen Hain, 
wei) die Betne dorten Dinge treiben, 
die ihm selber hangen bletben 
an der Stelle, wo er sitzt, 
wenn er produzierend sdiwitzt. 

Traunrt auf seinem Qtorienschetn 
anthofogisch Ohnebein 
— und er taucht die Feder ein — 
daB er mannhaft mit den Musen schreitet, 
die sein Wort in Pupur kleidet 
Und das setzt sie von aflein 
Terre-Metre mit Ohnebein. 



661 



DIE AKTION 



Rudert auf dent Gkmensdrein 
stoker Sdriffer Ohnebeln 
markxg tiber Stock und Stein. 

Staunend bficken die zu lekht Geschurzten, 
neidisdi die so oft Gestteten 
nach den starken Hosen bin, 
die auf Stramen Tinte ziehn. 



Wfihlt auf seinem Glorienstfiein 
knonger Bauer Ohnebein, 

Hosen mAssen PftQge sein. 

Pflugen dampfend sidi durdt Feld und Wiesen, 
bis sie an Herm Julius Bab sich stieBen, 
der met vorgestredeter Hand 
streng am Weg jum Drama stand. 

M Hunra!“ schmettert Marschall Ohnebein, 

„Bab, mein Freund, taudi unsre Feder ein, 
meine Hosen wollen PreuBen sein! 

Hor sie beten vor der SchladTt 
Ja, sie beten, dafi ihr Leder kracht 
Der er nun auf Deut$ch nidit weiter kann, 
fangt hebraisch er zu reden an, 



und obwohl es neuhebraisdi nur, 
hdrt man ahe Preuflenheizen sdilagen 
bei dem Klang, wie in den grofien Tagen 
von Koniggratz und Mars-la-Tour. 

Hurra! 



Widntung 



Tibi! Rosenkranz und Won! 
Tfci, Mdster Ohnebein! 

Spuck den Webdiling, Schwarz 
Dafi zu Unredxt man ihn riAmc 



ktinde voHer Amertfime, 

dein sind Frediheit, Eifer, dein die Kraft, 



die aus ahem Blech Dukaten Scftafft. 

Seta! 



ED SCHMID 
Abend 

Zittre nidit mehr! Versdiliefie den dammrigen 

Laden, 

dafi did) die Sternnacht zu mafilos nidit tibersteigl 
Zunde die Ampel, WeiBhandige ! Ich wilt dir dann 

feise verraten, 

was in der Finsteiw mstr die Hditen Ertosungen 

reicht. 

Siehst du: 1m Garten dort gegen die Kofonhden 
brandet das Dunkef Stets wie eine weifigefteckte 

Flirt. 



662 



i 



Selbst die Fontanen, die abends fat Amsebang 

baden, 

sdiaumen eratterad vor seiner verhaHenen Glut 
Aber ich f&hle: Es 1st wie ein Panter nur, der uns 

Jm Grim me 

hinter der Oitter gefahrlosem Meere besdilekht . . . 



Bfirde dein Haar an das meine und sing nun nut 

silbemer Stimme 

Lieder vom Moigen und sage: Das Dunkel ist lekht. 



ERNST STADLER 

Ende 

Nur eines noch: viel Stalle um sich her wie weidie 

Decken sdilagen, 

ligendwo tm AHtag versinken, in GewohqlidikeH, 

seine Sehnsudit in die Enge hurgerticher 
Stuben tragen, 

Hingebuckt, ins Dunkel gekniet, nidit anders sein 

wollen, gesdirankt und gestillt, von Tag 
und Nacht iiberbHiht, hekngekehrt von 
Reisen 

Ins Metaptiysische — Udit sanfter Augen fiber skb, 

west, tief ins Herz geglanzt, den Rest von 
inrem Himmetsdurat zu speisen — 

Kjuhhing Wehendes, Musfk vieler gewdhnikber Sthn- 

men, die sidi so wie Wurzeht stiller Birken 
stark ins Bhit dir sdilagen, 

Voibei die umtaumetten Fianfaren, die in Aben- 

teuer und Emattung tragen. 

Morgens erwadten, seine Albeit wissen, sein Tage- 

werk, festbezirkt, stumm atler Locking, er- 
bfindet allem, was berausdit und trunken 
macht, 

Keine Ausfluge mehr in si Wolkige, nur im NAchsten 

noch skh finden, einfadi wie ein Kind, 
das weint und ladrt, 

Aus seinen Traumen fbehen, Helle auf sich riditen, 

jedem Klein sten sfidr verweben, 

Aufgefrisdtt wie vom Bad, ins Leben eingeblQht, 

dunkel dem grofien Dasein hingegeben. 



Die Dime 

Wie aus den Armen Oottes ghtt kh in den Arm 

der Welt: 

Nodi wars das Strekhen seiner Hande, das tub 

meine Briiste aufgesdiweflt, 

Und seiner Liebe Schwert, das hutvoll seferend 

meinen Leib durdistiefi 

Und das in WoDust weilend skh inr Dunkel meincs 

Bhites niederliefi, 



22 



663 



DIE AKTION 



I 






Ah s&on mein Leib, den Vielen ausgeliefert, sidi 

auf armen Polstero strcckt e. 

Und wenn ich untcr Schauem midi veigruh, war 

ers, dem sidi mein SdioB entgegenredte, 
Und wenn mit rohem Wort die Wett nnch uberfiel, 
Ftofl selige Martcr und im Femen leuditete der 

Prfifung Ziel. 

Und ekle Speise, die aus Oraun und Sdmuadi an 

midi eiging, 

War die geweihte Hostie, die mein Mund aus seiner 

Hand empfing, 

Und jede Lust war tief im Blute seiner Wunden 

eingelo&htt, 

Und jedes Wehe vom Ge fun kef seiner Liebe uber- 

spult, 

Aus Kelkni, Hafenkneipen, DimengtaSsen, wo die 

Seek wie vom Letb vedrrt dem Trairni 
cutgegensditfef, 

Wudis mai&clf stiion die Stimtne, die zu Hodizeit 

und zu Auferstehung rief. 

1 r ■ 1 

LEO STERNBERG 

Sefiges Vers&umen 

Midi befie! der Eket an der Tat, 

daB man etwas tun muB, um zu getten — 

Albert, wefche fur den Gang der We Hen 

nkht soviet 1st, wie ein windverwehtes Blatt. 

DaB man durch die Kraft der Traume, 
durdi das gfthend warme Blut 
nkht, indent man 1st und ruht, 

Leben ausdnhH in die Raume 
wie der Sonne stiile Glut 

Wieviei besser sind die Biume, 
wekhe stumm verweilend Stehen 
und in seligem Versa umen 
schhmrmemd, rich ins Weltall saen! 

Warum zeigen? Warum bfenden? 
mit den kunstvoll — armen Dingen, 
wefdie nur die Kraft verscbwenden, 
nimmermehr nach aufien wenden 
gteidi entsdildpHen Sdimetterlingen 
das verborgene voflenden ? 

Meer, darin die Insetn liegen, 

die uns Kontinente geHen, 
a tm est — vie vergehen, 

atmest — sie entstehen; 

i fr au chst nur daandiegen: 

Oott lit dir entsdegen 

und auf deinem Atem wiegen dkh die Wetten. 



oon 



GUSTAV SPECHT (Moskau) 

Ular api 

Du Tropenwikiling, Inselknospe Du! 

O Ular api! Schlange, weiBe Schlange, 

Du glatte weiBe wundervolle Schlange, 

Wildkatze, weiBer Pfiau und Kakadu! 

Du lockst durch Tanz und KuB und Rendezvous . . . 
Zum Lowen werd ich, wenn ich Dkh umfange. 
Ich fofge meinem wikkn Urwakldrange 
auf Deiner Insef im Hotel Mosoou. 

Die Insel Celebes, — ich kenne sie* 

Dorthin flog ich, wenn midi ein Gott vertriebe 
von meiner Insef im Chateau Turtle, 

und wenn von meinem Rausch nichts ubrigbliebe, 
als nur ein Funken Hindupoesie 
vom stillen Ozean vergangner Liebe. 



MARIO SPIRO 

Nachthym n e 

Jeder Sieg, den ich erringe, 

Macht midi traurig. Jedes Lied, 

Das ich Deinem Lob nkht singe — 

Deinen BHck als Baldachin — 

Werden tote Lippen singen, 

Und den OruB vom sonnigen Ried 
Dir ergebne Traume ftiehn, 

Da nur Deine Augen ktingen. 

Nun isfs Nadit, und Mond, der Mar, 

Tragt Dein Zeichen fiber's Land, 

Macht die Seek still und klar. 

Aus der Einsamkeit Missate 
Sdiopf Rh sefges Unterpfand 
Wie aus Deiner Hande Sctiale, 

Deren Schhnmer eindges Lied, 

Nachtgen Hhnrael uberzieht . . . 

Der H eitnatf fochtige 

Als waren sie aus Staub, zerf alien meine Kniee, 
Die ich Entarteter in Reue beuge; 

Wenn ich wie ein Verendender auch sdftiee, 

Du bietest dich nkht mehr afs meines Blutes Zeuge. 

DaB einst ich deiner gofdnen Fruchte Lust ver- 

schnmhte 

Und als zu btlKg ihre Olut verwarf, 

Macht, daB ich niemals wieder darf 

Der Emte hairen, die ein andrer Hastens mihte. 



665 



DIE AKTION 



666 






Und raunt man mir nun zu von deiner Saft6 Garen 
Und wie in stetem Ueberffusse deine Aehren 
Eins mit der Sonne ihre eigne n Fade kussen, 

So werd ich nur in Ohnmacht und nut leeren Fragen 
Mit wesenlosen Handen an hohle Schlafen schlagen 
Und mich nach ejgnem Out vergebtich sehnen 



HELLMUTH WETZEL 



Tanz 



Und wenn die leise laehelnden Kokotten gehn 
Zu den Tanzen der Nacht, die zwischefl den Tistiien 

sind, 



Weh dem, der nicht versteht. 

Em kuhler Wissender ists, der ihren steilen Korper 

meistert, 

Wie einen edlen Bogen, dem er die feinsten Launen 

abgelausdit; 

SeHen irrt ein seltsam Lacheln um seinen Mund. 
Wild, aber voil Schonheit ast die Weise, die er 

aus gleitenden Gliedem lockt. 
Magst du die Worte wie Lanzen heben gegen sie, 
Sie sind geheiligt, wei! fern sie vom Alltag sind, 
Und deine anktagenden Hande zucken von ihnen ab. 



ALFRED WOLFENSTEIN 
Knaben nacht 

Ich will aus diesem feind lichen Hause fort, 
Darinnen auch die haB&chsten Bikier nidit 
So alt, so roh, 90 leer mich ansehn 
Wie meiner Ettem verzankte Augen! 



. . Du sprichst so lekht, gewaltlos, verwandt zu mtr. 
In dein Haus will ich, willst du es, gem mitgehn. 
Du bist mit mir zuglekh geboren, 

Schwester der Zeit, meinem Arm verholcte! 

. .Doch dieses Zimmers hauchender roter Mund, 
Das laue Bad des Bettes . . zu drttckend noch ! 

Ins Nicht?, in dich! Vom sonngequitten 
Gipfel entschmelzen wie b4e*die Schneee.. 

Zu schwarzer BUndheit, Schatten des Abgrunds hin, 
Betaubtem Molkht, rauschender Leere zu! 

Es donnert stumm, begluckend feme . , 

— Adi, wieder aus ? . . Wieder anziehn ? . . Gehen . 

Wer bin ich nun ? . . Was soil ich ? . . Die StraBe grell 
Schlagt lautlos mir ins frierende Angesicht. 

. . Ich starb so schon . . so kurz . . Und kann nicht 
Sterben f fir immer . . Noch nicht , . . 

— Nach Hause. 



Erwachsenheit 

Immer wieder das Entkleiden 
Bei des Gases weiBem Frieren . . 
Dieses sich entblofit Erleiden, 
Fliehend durch das Zimmer Stieren.. 

Reich mit konnender Geberde 
Nachte wie die Tage heben 
Sich vorbei — Ich weJB die Erde, 
Doch kh kann sie nidit tnehr leber 

Wie ein Haus, dem nur die Wande 
Noch nicht niederbrannten, schweler 
Meiner Haut gequaKe Raude 
Zwischen Nacht und leerer Seele. 



Der StraBe zt% die freundliche Worte sang 
Durdis Fenstar, wenn mich innen Gewalt bespie! 
— Der Biahn Geklingel, BaB der Autos 
Katnen, und rennender J ungens Pfiffe. 



Meines Schlafs muB kh midi sdiSmta.* 
Flieg zu Stimen gut Gebomer! 

Ich statt deiner wunsche Tranen, 

Ich Verarmter . . kh Verloraer. 



. . Nun wixd es schon berulagend fern und fremd, 
Mit neuen Lkhtern, Schildera, Caf6s geschnujckt 
Und ihr . . ach feenhaft, atemkussend, 
Madchengeskbter mit nahem Gangel 



Flossen leichte Kinder! ranen, 

Die mich traumlos warm verschfeiem ! 
Doch mit BBck und hosem Gahnen 
Lieg kh unbetaubt taub bleiem. 



INHALT DER VORIGEN NUMMER : Ferdinand Kiss: Der Fall Lukdcs / Franz Blei: Erziehung zur Pollttk / Else 
Lasker-Schfller : Gottfried Benn / Gottfried Benn: Alaska / Otto Gross: Psychoanalyse l Hermann Headrich: Ein 
Gedicht von L6on Deubel / Kurt Hiller: Kaiser Wilhelm und wir / Die AKTION: Die Wir des Doktor Hiller / Gustav 
Specht ; Die Muse des Mozart / Friedrich Mellinger ; Unterwegs / Richard Glosttr: Wilhelm Ostwald fiber Wilhelm II / 
Crete Meisel Hess kfimpft - Ein Weiterer Klabund — Wandspntch aus einem Bordell — Mitteilung — Inhaitsver- 

zeichnis des 1. Halbjahres 1915 — Else Lasker* Schiller: Blldni* des Doktor Benn 



GUTE BQCHER SIND DIE BESTEN FREUNDE 

















LORD BEACONSFIELD 
CONTARINI FLEMING 

EIN PSyCHOLOGISCHER ROMAN 604 S. 

Mk. 4.-. BROSCHIERT Mk. 5 - OEBUNDEN 

Rheinisch-WestfSlische Zeitunr „EndU<h, endlidi vteder 
da groBri litcrarisches Werk, das, vie uns sdieint, vert ist. 
Sat* f&r San gelescn ru verden! Wir freuen uni, in dner Udacn Zdt 
endUdh dnmai ctvas GroBes gefunden zu habcn." 

THOMAS C ARLy LE/G CETHE 

CARLYLES GOETHEFORTRAT VON DR. S. SAENGER 
VOLKSAUSOABR 3.-5. TAUS. Mk. 2.- BROSCR Mk. 3.- GEB. 

Das literarische Echo: „Wer das s<h6n« Buck genossen. fflhlt 
*»ch erveitcrt und gehoben. Es 1st dner der FOhrer zu Goethe, die 
Ihn uns in seiner geheimnisvoOen Gr 5 fle zeigen und zu* Auf&sung 
der Rltsei der einzigen Ersdidnung rdzen." 

HANS FRANCK 
THIESS UND PETER 

DER ROMAN EINER FREUNDSCHAFT 
Mk. 3.50 BROSCR Mk. 4.30 ELEO. OEB. 

Neue freie Presses Wien: Hebbdi unerbittlidier Geiil uad 

Otto Ludvigi rheme Erzkhlerkunst sdidnen hier in einem bevegten 
Kopfe unserer Zdt viedcrgeboren zn sdn, der rddic btdbcade 
rrflditc verspridit. 

GABRyELA ZAPOLSKA 
WO VON MAN NICHT SPRICHT 

ROMAN. AUTOR. QBERS. V. STEF. OOLDENRJNG 
3. AUFL. Mk. 4.- BROSCR Mk. j.- ELEO. GEB. 

Der Tag, Berlin: „Ein Buch, dai man riditig vOrdigt, indem 

man es zu den literarischen Dokumenten des Lebens legt." 

JULIUS BAB 

DER MENSCH AUF DER BQHNE 

EINE DRAMATUROIE FOR SCHAUSPIELER 
3 BANDR Mk. 6 .- BROSCH. Mk. 8.- GEB. EINZELN 
PRO BAND Mk. z.- BROSCR Mk. 3— OEBUNDEN 
Bd. I: Von Lessing. Bd. II: Von Lessing zu Otto Ludvig 
Bd. Ill: Gegenvart 

Das Budi giebt als dne Art Dramatutvie dnen QberbUck Ober dea 
beute nodi iebendigcn Gehalt der dramatiscben WeMIteratur. 














_ J 1 


CESTERHELD ® CO.VERLAG 

BERLIN W. i 5 







WOCHENSCHRIFT FOR POUTIK, LITERATU R, KUNST 
III.JAHR HERAUSGEGEBEN VON FRANZ PFEMFERT NR.28 



INHALT: Moriz Melzer (Paris): Aktstudie (Titelzeichnung) / Hedwig Dohm: Die Suffragettes / Hermann Hendrich: Alexandre 
Mercereau / Ernst Stadter: Judenviertel in London / G. Fuchs: Vaterland und Geschflft / Rudolf Kurtz: Spaziergang / 
Ed Schmid: Vincent van Gogh / Nadja Strasser: Die Einsame / Ludwig Bfiumer: Totentanz / Walter Serner: Futuristen- 

unfug / F. P. : Glossen 




VERLAG / DIE AKTION / BERLIN-WILMERSDORF 

HEFT 30 PFG. 



22a 





Carl Einstein, Bebuquin oder die Dilettanten des W unders 

Roman* Mit Begleitworten von Franz Blei und Portrait Von Max Oppenheimer 

* nr-Ti- Preis 5 Mark ■ 

EIN URTEIL UEBER BEBUQUIN sparen. Und dann kommen noch Masken und 

Spiegelbild als romantiscber Apparat Aber, 

Ich atehe nicht an, diesen, Andre Qide gewid- Herrschaften, da ist Aesthetizismus bei. Beisn 
meten Roman fur ernes der interessantcsten Bu- Romantiker macht man einen Schritt vorwarts 
cher zu erkliren, die die junge Generation in und zwei zurftck. Das ist ein zuckendes Kleb- 
Deutschland hervorgebracht hat. pflaster* Aber dennoch ist im Romantischen, 

Hier ist eine selfsame Kondensierung von Le- wcnn nicht die Ldsung gefunden, so doch das 
bensdingen erreicht, eine ausserste Energie, ein Problem geahnt. „Wir mussen so genausehen, 
Radikaiismus des Zuendedenkens, der mit Be- dass darin alles Wissen steckt**, sagt auch Boehm, 
griffen, wie mit bunten Bahen, aber in logischer Nur eine Verwirklichung die9er Sehnsucht gibt 
Regelmassigkeit jongliert, eine nxathematische es nicht. Und in dieser resotuten Betonung des 
Phantastik voll von beherrschter Ungeziigeltheit Negativen kommt Einstein uber die romantische 
und ausschweifender Strenge. Kosmische Iro- Theorie hinaus. Die ersehnte Einheit fallt im- 
nien, wie sie etwa in den „ Moraliks L6gen- mer wieder ausetnander. Es gibt nicht eines, 
daires" Laforgues aufblitzen, auf ihrem Grunde sondem nur eine „Tendenz der Vereinheitli- 
die ewig unversdhnten Widerspriiche unseres chung". So Meibt fur die Einzetnen nur die 
Erlebens, Widerspriiche des uberscharf zerglic- Entsagung als Resultat eines unerbittlichen Zu- 
dernden Intellektes und einer als sinnlos durch- endedenkens. Aber aus dieser Negation wachst 
schauten und schamhaft n iedergehaltenen Erden- zugleich die Gewahr: „Vielleicht decken sich 
sehnsucht. Widerspriiche der gellenden eindeu- die Dinge niemals, damit das SchOpferische nicht 
tigen Regelung der Dinge und ihrer hundertfll- erschlaffe**. Aus dieser Erkenntnis der Ohn* 
tigen Deutungsmoglichkei ten. Des lahmenden, macht selber steigt ein ueues Kraf tbe wusstsein . 
festlegenden Gedankens und des Vielgestaltigen, Und eine Absage an Ruhe und Sicherheit, die 
Fliessenden aller Wesenheit. Und ein Verlangen nur Him und Blut einschlafem. Darum das 
nach synthetischer Bezwingung. Ein Verlangen Suchen nach dem Wunder, darum am Schluss 
mit den Dingen der Welt, den sichtbaren und die ausserordentUch schOne Apotheose des To- 
den unsichtbaren, fertig zu werden. Unmdglich- des, des „Vaters der Intensitfit**, des „Herm der 
keit der Einordnung in ein bloss rationell be- Form". 

stimmtes Gefuge, „wo der Kanon, das Wert- Es versteht sich von selbst, dass dieses Buch 
voile, das Langweilige, Demokratische, dasSta- der „h5chst konsolidierten IntellektualitSt 41 , wie 
bile 1 * gelten, und Aussichtslosigkeit, im Irrado- Franz Bid es in seinem Begldtwort nennt, auf 
nalen mehr als ein „Ditettant des Wunders* zu die Mittd einer gewohnten realistisdien Tech- 
werden, dn Phantast mit unzureichenden Mit- nik verzichtet. Hier gibt es keine aussere „Na- 
teln „Vergessen Sie eines nicht 11 , sagt der tote turlichkdt*, deren Schdnwesen in der Person 
Boehm, diese imaginare Leitgestalt des Buches, und den Attributen der Schauspietorin Fre- 
der als dne „Reklame fiir das Unwirkliche** her- degonde Perlenblick so kdstlich persifliert wird. 
umlauft, „die Phantasten sind Leute, die nicht Eher dn ungeheuer zusammengepresstes, voin 
mit einem Dreieck zu Ende kommen**. Unzu- Inteliekt aufgefangenes und zuruckgew orfenes 
langlichkdt auch der romantischen Schdnldetmg, Spiegelbild der Wirklichkdt, das trotz seiner 
in der sich Rationalitat und Irrationality zu schdnbar undurchdringlichen Didithdt Raum 
vermahlen trachten: *Der Romantiker sagt: Seht, lasst, scharf gesehene iussere Lebensvorgange 
ich habe Phantasie und ich habe Vernunft. . . zu verzeichnen . Aiks in aUem kann man sa- 
Wenn ich sehr poetisdi sein will, sage ich dann, gen, das Buch habe den Stil und die Form sd- 
die Geschichte hat mir getraumt. Aber das ist ner Idee. Und das ist vielkicht sein bestes Lob. 
mein sublimstes Mittel, und damit muss man Ernst Stadler in den „Els&sser Heften*. 



Venag i DEE AKTION / Berlin-Wilmersdorf 




WOCHENSCHRIFT FOR POLITIK, LITERATUR, KUNST 

firjAHRGANG | HERAUSQEGEBEN VON FRANZ PFEMFERT I 12. julhais I 



D*>rl.aktfrhn. Manuikripte, Rezensions-, Tausch- 
rxcUaixllUII. Exemplare etc. find an den Heraus- 
gcber, Berlin- Wilmersdori, Na asauische Straaae 17 
zu •enden :: ;; Telephon Amt Ptalzburg Nr. 6242 
Unverlangten Manuskiipten tot RQckporto oetoufugen 



Erscheint Sonnabend 



AKnnnpmpnt. ^ vicrt.ijAbri. (cci. B#- 
MDOn nemeni . .tellgeld) bei .lien Po.tm.tilt, 
Buchhandlungen etc. ode. durch Kreuibind gegen Mk. 
2 JO durch den Vcrlu der _Aktion“. Berlin- Wumendort, 
Nuuuuche.tr. 11 s Kommi..tonlr Oust Brauns, Leipiig 



VATERLAND UND GESCHAFT 



Bei Gelegenheit der Kruppdebatte hat man, und 
nicht zum ersten Male, Entriistung daruber geauBert, 
daB die deutschen Geschutzfabriken ihre Produkte 
an das Ausland billiger verkaufen, als an das Inland. 
Eine moralische Emotion, die der Logik ermangelt! 
Zunachst ist schon nkiht redit einzusehen, warumj 
das Ausland sidi an billigen deutschen Kohfen und 
Schienen solle giitlich tun durfen, wahrend ihim das 
erhebende BewuBtsein, deutsche Kanonen wohlfeiler 
zu erwerben, als das Deutsche Reich, nicht gegonnt 
werden soil. Bilfiges Eisenbahnbau- und Heiz- 
material bedeutet nicht weniger eine ErmaBigung der 
Rustungskosten als billige Kanonen. Ist es also 
schon unbillig, von den Geschutzfabrikanten ein 
lauter pochendes patriotisches Gewissen Zu heisdhen 
als von den Kohlen- und Schienenkonigen, so ware 
es ganz und gar verfehlt, wollte man die Bevor- 
zugung des Auslandes iiberhaupt unter die Lupe des 
Moralisten nehmen. Denn erstens steht es keines- 
wegS zweifelsfrei test, daB eine politische Benach- 
teiligung des Inlandes unter alien Umstanden 
eine volkswirtschaftliche Sdiadigung sein mi u B. In 
den meislten Fallen dikfte nuT das Bestreben vor- 
liegen, mit Hilfe eines gesteigerten Exports den 
Betrieb und die Beschaftigung der Arbeiter auch zur 
Zeit stodcender Nachfrage im Inlande aufrecht zu 
erhalten. Dem Gebaude der heimischen Volkswirt- 
schatt wird so ein sicherer Grund gelegt, der es 
vor den Unbiklen verminderter inlandischer Absatz- 
moglichkeiten schiitzt. Aber angenommen selbst, 
die BevorZugung des Auslandes ware durchaus all- 
gemeinschadlich, so handelt es sidi doch um nichts 
andereS, als um' die Ausnutzung einer gesCha ft lichen 



Konstellation, die nicht mehr und nicht weniger als 
jede andere mit moralischen MaBstaben gemessen 
werden darf. Die Geschutzfabrikation ist eine In- 
dustrie von notwendig intemationalem Charakter. 
Eine BeSdirankung auf patriotisch einwandsfreie Ge- 
Schafte wiirde ihre Produktion verteuern, dem Vater- 
land also nidit nutzen. Und schlieBhch sind die 
Bluten der Verlogenheit, die der Widerstreit zwischen 
vaterlandischer Pflicht und ungehemmtem Profit- 
streben zur Entfaltung bringt, weit weniger erfreulich, 
als die gelegentliche Verletzung des patriotischen 
Gefuhls durch gute Gesdiafte. 

Der VorwartS hat festgestellt, daB Vereinbanuigen 
zwischen deutschen Rustungslieferanten bestehen 
oder bestanden haben, die bei Bewerbung um Staats- 
auftrage gegenseitige Unterbietungen verhindern und 
somit die Regierung zur Bewilligung der von den 
Unternehmem gemeinschaftlidi festgesetzten Preise 
zwingen. Audi in diesem Falle sdieint es mir nidit 
gerechtfertigt zu Sein, atltagiidie Ersdieinungen des 
modem en Wirtschaftsgetriebes nur deshalb ethisch 
zu werten, weil Sie die Abhangigkeit des Staates vom 
Untemehmertum solchen Leuten besonders ein- 
leuchtend demonStrieren, denen die Grundgesetze 
des Kapitalismus nidit vertraut sind. Es Ist nicht 
einzusehen, warum den Erzeugem von Fertig- 
fabrikaten verwehrt werden soil, was den Rohstoff- 
lieferanten erlaubt ist, und warum die Preiskonven- 
tionen fur Kohle und Eisen, die von nicht weniger 
gewidrtigem EinfluB auf die Hohe der Rustungs- 
kosten sind, als die Waffenpreise, von der patrio- 
tisdhen Begutaditung bewahrt bleiben. Ganz zu 
schweigen davon, daB hohe Kohlen- und Eisenpreise 









669 



DIE AKTiON 






uster Umstanden nidit nur die RtistiangSMidustrie, 
soixWn die gesajnte Rationale Produktion verteuem 
und sornit die Masse der fur Produktionsvermehrun- 
gen verfugbaren KapitaHen vermindem. 

Der Qrundiirtum besteht darin, dafi die ethische 
Wertung wirtschaftficher Phanomene erst dann ein- 
setzt, wenn die nationak Bewaffnung und nidit 
schon, wenn die Rationale Produktionskraft in Frage 
steht, und daft man u n veran twortlichen Emzelnen, 
die skh des vom Staate gestutzten Systems bedienen, 
Fehier zur Last legt, die das System selbst ver- 
schukkt. Wild der Staat durdi U eberte uerungen ge- 
stiiadigt, so komme die SdmSd auf die Haupter der 
Regierungsorgane, die es verabsaumt haben, die 
Madtt des Staates als Kaufer auszu^pielen. Indessen 
in dem Mafie, ate der Staat das Profitstreben des 
Unternehmertums eindamoit, wild seine Neigung, 
sddi zu intranatkmalen und intemationalen Syndir 
katen zus&nfnenzuschlieBen, wadisen. Der Kampf 
gegen die Preispolitik der WaffenJndusrtie wude 
also nur den Erfdlg haben, Gegenmaftregeln heraus- 
zufordern, die die Position des Staates a Is Kaufer 
eher schwadien als starken. 



die Interessen der Arbedersdiaft wkfttiger sind, als 
die VerbilLigung der Kanonenpreise. 

Es gibt nur ein wirksames Mittel, um den Staat 
dauerad vor den durdi die FYeispolitik der Rustungs- 
industrie zugefqgten Sdlactigungen zu bewahren : die 
Rustungen fiberftussig zu miadien. Das ist aber nur 
erreidibar durdi die Bekacnpfung, aber nidit durdi 
die Verst ark ung der Staatsgewaft, wie sie die Sozial- 
demokratie erstrebt 

G. Fuehs. 



Glossen 

TOTENTANZ 1813—1913 

Ich fuhle, wie die Wande meines Leibes weichen — 
Die Nadit saugt midi in ihren dunkten Sdioft, 

Ich wadise wie ein Sturm, ein ragender Kolofi, 

Ein Leuditturm fiber einem Meer von Leidien. — 



Ich bin der Spiefmann mit der Knochenpfeife, 
Mein Atem johlt in einem fahlen Bein, 

Und Plane bredien auf, und Graber schrein, 
Die ich mit meinen stfrweren Schritten streife. 



Diese Erwagungen antigen die SQ 2 kaktemokiatiscbe 
Partei veraniaftt haben, die Verstaathchung der 
Waffenindustrie vorzuschlagen. Indessen, nut der 
Verstaathdiung ware die Besdirankung auf den 
hekmSdien Absatz und somit die Verteuerung der 



Produktion notwendig verbunden. Der Staat muftte 
aho, um seine Produktion rentabel zu gestalten, 
den fehtenden Export dutdi knmer verstarkte oatio- 
nale Rfisfcungen wettzumadien suchen — eine Kon- 
sequenz, die — hoffen wir — von der SoziaMemo- 
kratie nidit angestrebt sein diirfte. Ueberdies sollten 
die Erfahrungen von Jahrzehnten die Soziafdesno- 
kratie daruber belehrt haben, daft der Staat ein 
Untemehmer ist wie alle anderen, nidit weniger 
fohndmckertsch, und aufter der Kraft von Him und 
Arm auch die Seele fur sich forderad. Dafi die 
beamtete Arbeiterschaft die Skherung der person - 
lichen Exfetenz mit dem Verzkht auf die Ausnutzung 
ihrer Kollektivmacht erkaufen muft, ist die Ursadie, 
weshalb maditvolle gewerkschaftlidhe Aktionen nach 
englischem, franzosischem, belgischem Bei9piele bei 
uns unmogKch sind. Denn je mehr die Masse des 
Beamtenproletariats und damit die Moglichkeit einer 
Gefahrdung der Staatsautoritat dutch die Kraft der 
Organisation wachst, um so mehr wild die Tendenz 
zur seelischen Ausbeutung skh steigem und damit 
die Erfolgsausskhten fur den Emanzipationskampf 
der organisaerten Aibeitersdiaft skSh vermindem. 



Man sollte aber meinen, daft der Sozialdemolcratie 



Die Toten larme ich aus ihrer Gruft; 

Als ob er I angst auf mkh gewartet hatte, 

Folgt mtr der Sdiwarm zerfarumcnerter Skelette 
Und Phosphorsdiwaden fahnen durdi die Luft. 

Aus meinen Lungen wirft der Atem Sturm, 

Die Pfeife schrillt, und aus zermurbten KeWen 
Echot der Freiheitstraum der toten Seelen, 
Millionen to ter Seelen Freaheitsturm. 



Steigt, wadrsft und steigt, ein lodemdes Fanal, 
Die Eide gJfiht und alle Hhntnef brennen — 
Und ein Jahrhundert — — — — — — 

— Miffionen rennen 

Berausdit um einer Freshest Totenopfermahl 

Ludwig Baumer (Woipwvede) 



DER ABSCHREIBER 



In Nr. 25 ist der Oeffentlidikeit jene Ffifle von 
Talentamut gezeigt worden, die unter dem Namen 
Herbert GroBberger etwa 24 Mensthen bekannt war. 
Um eine totale Unfahigkeit als Maler zu vertuschen, 
verging skh ein Sdilaubeiger an Peter Altenberg. 



Zur Sadie stireibt nur P. A* unter anderero: 

„Bei alien soldien Dingen wvd man an die Legende 
vom „Oellatnpdien der Witwe“ erinnert Obwohl 
ich kem Witwe bin, besitre ich dennodi audi nur 
ein jjOdlatnpdien^, und keine „elektrisdten Bogen- 
lampen mit Tankmen/ 1 Dieses OellampcHen mk 



DIE AKTION 



672 



671 



wegzunehmen, ist eine unangenefame Oe* 

schkklkhkeit" 

Der Gesdncklkhe verkriedit sich noch nkht. An 



der selben Stelle, wo er den fiterarisdien Raub ver- 
borgen hi eft („ verdf f en tf khte 4 1 kann man nur sagen, 
wenn man fibertreibt), stottert er kiihn: er habe 

P. A. fljberarbertet ; er habe die Dichiungen: 

„unter tneine eigene Ffagge ubernotmnen, weil esi 
mir nun einma! 90 gefiehl. 14 — 

Nicbts <uber diese Dreistigkert. Nur eine Frage: 
werden jene Autoren, die hterarisches Reinfkhfceits- 
gefuhl besNzeti, dem Dunstkreis des Helden fliehen ? 
Idi bin auf die Airtwort neugierig. P. 



DER FUTURIST GINO SEVERINI 



Von ihtn hangen gegen wartrg dreiBig Bikfer in 



Berlin. In der franZoefisdien Vorrede des Kata- 
Togs auBert Severini Theoretisdies, das dadurch 
interessant 1st, daB es von Henri Bergsons intui- 
fiver Philosophic ausgeht. Ein Begin nen, das aber 
noch nkht das gfikkKche Ende seiner Sddusse ge- 
wahrlefetet; die denn auch nur die duidh die 
futuristisrfien Manifeste sattsam bekannten Tenden- 
zen wiederholen. Satze wie „cette peinture donnera 
avec des formes abstraifes le rythme pktural (Fun 
monde iddaf 44 oder „!e tableau doit Stre un monde 
en hu-m£me“, an skh zweifellos ergebnisvoTI ver- 
fedrfbar, Teiden Rr mein Ohr glekhwoM an einem 
penetranten Mange! an Vafeur. Und <fie Behaup- 
tung „Ie dndmatographe est une analyse du mouve- 
ment; notre art est au oontraire une synthfese 44 : ist 
sie bfoB Tadierlich oder sogar belanglos? 

Was diese Aussteflung von den vorhergegangenen 
giddier Art unterscheidet, ist eine technische Sen- 
sation, deren Urspnmg Plans sdn imiBte, audi wenn 
man es nkht wuBte: das Bild der „TanZerin in 



Pigal 44 ist mit echten Pailletten bekfebt (so hdBt 
in Paris der gfrtzemde Tand, mit dem Di- und 
Danse us en ihre Roben deren), wefet utoermafte 
Bucketungen auf ^perception plastique 44 ), die weder 
ate uberpastos nodi afs haut-relief gelten konnen, 
und hangt — dies nur nebenbei — in einem ehemais 
vergoMeten, numnehr aber atlem menschfidien Er- 
messen nadh abgewasdienen Hoterabmen. 
WahrSdt, das steht absolut jenseits von Kunst 
Wie etwa em Ptasriker, der seinem Marmorjungfing 
eine Tudihoste anzoge (5 Mark 60 pro Meter), sei 
sie nodi so kulm oder zahtn arran inert; oder wie 



ein Dfctaer, dessen Budi an SteDe des Dialogs 
Hznweme auf beiSegende Grammoptionpfatten ent- 
hielte; oder gar wie ein Komponist, dessen Sym» 
phonie durdi so und soviei Takte vier Kafige Vogeb 
gezwitsriier und zwehnat je zwei Mauler Doggen- 



gebefl vorsdhriebe. O Gott. Absolut jenseits. Und 
wenn vor den ubrigen BikJem das eingehahene 
Format den Willen sanftigt, nkht langer mehr hin- 
zusehen, so hebt er hier zu knirsdien an: es ist 
eine Schacnlosigkeit ohneglekhen, die das als kunst- 
lerisdie Tran sponie rung betrachtet wissen will, was 
transponiert werden sollte. Die Stoff fur Geist aus- 
gibt. Und wer auf die Linie nun sich berufen woRte, 
die diese in den Rahmen geholte Erde inunerhin 
markiert, dem sei gesagt, daB diese Pointiffisaening 
keinen Anspruch darauf erheben darf, skh von der 
zu unterschekien, der es urn die Linie gar nkht zu 
tun ist. Und selbst dieses zugegeben : die Sophistik, 
die afieixthalben in Paris einre&fit (dergestaft, daB 
Punkt ist, was Linie ist, und sdiwarz, was weiB), 
unterfangt skh, mit Magie zu kontmen. Die Lang- 
mrut der wenigen Gegen wartshewuBten, die zutiefst 
verachten, was Kunst-Cbariatanerie ist, wkd zum 
Zorn der Zukunft werden, die so Idles nodi stets 
als Betrug geahndet hat Der Modertod ist Gxno 
Severini, dem Futuristen, skher: futurum nemesis! 

Walter Serner 

EINE HUNDEPEITSCHE, FRAU NACHBARIN 
In einem „patriotisdien“ Papier, der „Danzer 
Armeezettung“, findet skh folgendes Bubenstuck : 

Lied ans Maschinengewehr 

Hast tausend Kugeln in deinem Leib 
Und Pufver viele Pfund. 

Heil dir, du eisensdi wangles Weib, 

Jetzt srtilagt die erldsende Stand'. 

Gib deine Kinder her! 

Du treu' Masdungewehr ! 

Spd' wie eine Krdte 

Dein asdiend Gift! 

Und wen's trifft, 

l>en tdte! 

Und wer d i r dient, tmiB niederknien 
Als wie vor Gottes Thron. 

Ins Feld trag' kh am Arm didi hin, 

Als warst mein lieber Sohta. 

Du brst mir nkht zu sdrwer, 

Du treu Masdringewehr ! 

Idi spiel' auf deiner Flote 

Ein Lied, das pfeift und gellt. 

Und wem's nidit gefallt, 

Den tote! 

Ich weiB: der „Sanger 1 ^, der soeben Lissauers 1813 
bejubelte, ist bis zur Stunde nkht ausgepeitsdnt 
worden. Audi IrrenafZte haben skh seiner nkht 
angenommen. Denn dieses perverse Zeitalter jubelt 
audi dem wahnsinnigsten Sadisten zu, ehrt Jugend- 
sdiander, k>bt Gotteslasterer, wenn nur ein patrio- 
tischer Vorwand da ist. F. P. 



673 



DIE AKT10N 



674 



Alexandre Mercereau 

Von Hermann Hendrich (Brussel) 

Graue Haare sind kein Kondom gegen Torheit. 
Jugend schlieflt Wissen, Konnen, selbst Weisheit 
nicht aus. Beispiet hierfur: der 29jahrige Franzose 
Alexandre Mercereau, dessen ..Paroles devant la 
Vie" in einer Uebertragung von Paul Friedrich (Vor- 
wort von Stefan Zweig) und dessen ..Contes des 
Tdnebres", verdeutsdit durch Dr. Goyert, nadistens 
in Leipzig erscheinen. 

Unter Hinweis auf diese Bereicherung unserer 
Auslandliteratur einige Worte fiber MerCereau’s 
Werk und Person Iichkeit. 

Alexandre Mercereau ist ein seltner Mensch. Einer, 
wie ihn nicht jedes Jahr aus seinen Flanken stoBt 
Ein Impulsiver, der von der Natur zahen FleiB, 
stahlernen Willen, klare Auffassung, sichres Urteil 
und auBerordentliche schriftstellerische Gelenkig- 
keit als Lebensmitgift bekam. Ein unermudlicher 
Bfiffler, der, erhaben fiber alien Speziafisimus, seinen 
Bildungshunger nicht an einer Wissenschaft sattigt, 
sondern alle geistigen Domanen durchpflugt, alle 
Philosophien durchwuhlt und mit beispielfoser 
Gewandtheit und Reife ausf alien Fadhern und 
Systemen sidi ein kolossales Wissensgebaude er- 
richtet und aus den empfangenen Anregungen und 
Eindrucken sSdi die eigene Meinung destilliert. Des- 
halb haftet an . ihm nichts Festgebacknes, keine 
sdi .nmliche Kruste, nichts Anempfundenes oder 
Ueberkorromenes, weder in der Freizfigigkeit der 
Lebensansdhauung, nodi in der Ausdrudcsform. 
Seine Gefuhtsniederschlage und Reflexionen sind 
ihm durdhaus persdnlkh, seine Bilder neu, reidh, 
frisdigegossen, nirgends begegnet, schlidit und ver- 
blfiffend groBartig zugleich ; sein Stil, mitunteC 
durchsetzt von sonderbaren, erstaunlichen Ver- 
kurzungen und impressionistisdien Ueberschnei- 
dungen, seltsam lyrisdi, frei von aller Wiederkauerei 
und Selbstgefalligkeit, unwkferstehfich packend. Er 
birgt keine Schwulst, keine Hohtheit, keine hoch- 
trabende Gesdiraubtheit, keine uberladene Ornamen- 
tierung, desito mehr aber Verinnerlichtes, Vertieftes, 
Bezwingendesi, das nicht mehr loslaBt, weil es stet 
und gebandigt und doch mit lebendig treibender 
Welle bis zum SdiluBpunkt jedes Buches dahinftieBt. 

Diese Ausgeglichenheit, diese uberlegene Ruhe, dies 
meisterliche MaBhalten und emste Vermeiden aller 
Plattheit, Uebersdhwenglidhkeit und Effektjagerei, 



Mercereaus Budher erschienen im Verlag von 
Eugene Figui^re & Cie., Paris, rue Corneille 7, 



die vielen FranzoSen, weil sie romanische Safte in 
den Adern haben, so fremd sind, resuHieren bei 
Mercereau aus der Abstammung. Er ist Vollblut- 
kelte und auBerdem in Paris, da, wo die Rassen- 
gegensatze von Nord und Sfid zusammenschlagen 
und sich reiben, zur Welt gekommen. 
Selbstverstandlich ist, daB Mercereaus Individuali- 
tat, wie sie sich, in sich steigernder Potenz aus sei- 
nen Werken herausschah, in dem Gedichtband, den 
er als Zwanzagjahriger unter dem' Pseudonym 
Eshmer - Valdor im Jahre 1904 herausgab, erst 
embryonal anzeigte, zumal da die Sammlung „Les 
Thuribufums affaisses" seine Lyrik aus dem Zeit- 
lauf 1901 — 1904 umfaBt. 

Aber bedeutSam, trotz aller Schwachen und Sprodig- 
keit, waren diese dichterisdien Versudhe doch. Und 
keineswegs Jugend&finden. Sie verrieten bei aller 
Ungleichheit und GemiSChtheit, eine nach Neuerung 
und Leben ringende Ausdrucksform, ein Streben 
Uach Zusammenraffung und Pragnanz, eine Ver- 
achtung alles Altmodisch-Traditionellen, Wagemut 
und Willkur in Behandlung des VersmaBes und 
Reims, ausgesprochene Originalitat. 

Sein zweites BucK „Gens de et d'ailleurs" fattt 
in daS Jahr 1907. Ich konnte seiner nicht habhaft 
werden. Es wird eben neu aufgelegt. 

1910 erschienen die „Contes des Tenebres", eine 
Reihe psychologisch schier unergrfindlicher, teils in 
ihrer entsetzlichen Ungeheuerigkeit einherjagender, 
fieberhafter, gradezu damonischer Skizzen, in denen 
die zwi«:hen Leben und Tod herumwuhlende Phan- 
tasie des Autors einen wahren Hollensabbat cele- 
briert, wahrend die textliche Faktur, gezugelter, eine 
immense geistige Kultur oft in lyrischster Sprach- 
behandlung, oft in wildesfter Herbheit aufweist. 
Man lese die satanische Troika d’Enfer, dies un- 
heimlkrhe Nadhtsituck, mit seinen Rauschvisionen, 
das an E. T. A. Hoffmann erinnert, und doch von 
Grund aus anders ist und das bei aller an Gehim- 
entgleis(ung streifenden Schaurigkeit doch von mo- 
kanter Ironie, ja sogar von humoristisdiem Geader 
durchzogen ist. 

Man Ieste die Schikining der jungfraulich - perversen, 
monstrosen peruvianisdhen Exentric-girl Aello mit 
der tnannsberfickenden Pubertat und der blutrunsti- 
gen, leichensthanderischen Freite. Man lese die 
dekonzertiercnde SpiegelgesChichte „Elfriede“ mit 
dem Einschlag von Mystizdsmus, Okkultismus, 
Magie. Man lese „Le Brouillard", „Le Prin temps", 
„Le Bataillon Fant6me", „Mon Fr&re" uSws Und 
inxmer wieder und immer wuchtiger wird sich die 
Erkenntnis und Wfirdigung der fabelhaften Gestal- 



675 



DIE AKTfON 






tungskraft Meicereau’s, seine psydiotogfedfe Ver- 
tiefung, sein wettenweit liber das Primate n begriff s- 
veiroogen hinausragender Symbolism us, seine 

selbstisdie Losgelostheit von der guusen ubrigen 
Literatur, sowie seine virtuose Ausdrudcsfabigkett 
aufidrangen. 

Fiihrte Mercereau in den >f Contes des Ten£bres“ 
in eine abstrakte Welt, die seine eigenste Sdiopfung 
war, weihte er in Ideen und Mysterien ein, die 
rein intellektuelle Sind und keine materielle Basis 
haben, so stelft er sich und seine Leser in dem 
1912 veroffentlichten Werk „La Literature et les 
Idees NouveRes“ auf ein positi veres Terrain. In 
9 Kapiteln analysiert er die bedeutendsten literari- 
schen Lebensfragen, so: <Me gegenwartige Lage der 
Schriftsteller, die Kritik, die Geheimwissensdwften, 
die Futurist enbewegung, die tateinisdie Frage in 
Be^ug auf die franzosrsche Spradte, die Inkoharenzen 
in der Jottmaltsbk, Literatur usw. Und die Er- 
schopfung ad dieser Themen liefert ihm aufs neue 
Gelegenheit, seine immense encyklopedistische Ge- 
lehrsamkeit zu entfalten, Beweismaterial auf Beweis- 
material zu turmen, eine FQlte neuer allgemeiner und 
Sonder- Ideen zu entwickeln, seine Stellung brennen- 
den Tagesfcagen gegenuber zu markieren, unbe* 
tretene Pfade zu weisen und mit SelbstbewuBtheit, 
Scharfe und Sicherheit Vemunftechlusse zu ziehen, 
wie man sie in annahemdem Quantitats- und Quati- 
tatsverhattnis bei einem seiner AKersgenossen weder 
findet nodi vermutet 

Wafrrend Mercereau's Prosa in „La Literature et 
les Idles nouvelles" sich von Lyristnen femhaft, 
ist sie doch nkrht banal, nodi lehthaft-hausbacken, 
sondem knapp und keusdi, durchsiehtig hell, ein- 
dringlich, ohne jeglkhe sqg. beltetristisdre Pra ten- 
sion und deshalb dem Inbalt des Buches vorzttglidi 
angepaBt. 



In fortschreitendem Werdegang, nach abermaliger 
klarenden Metamorphose, zeigt sidi Mercereau in 
semen 1913 herausgegebenen : „ Paroles devant la 
Vie 44 . In diesem neusten Werk sind die erhabensten 
und tiefgrundig'sten Probleme des Daseins behandelt 
mit einer Liebe und Versenkung, mit einer Feier- 
lichkert und Andacht, mit einer Grofie und Konzen- 
tration, wie Mercereau sie vorher nodi nidit er- 
reichte. Das edle, reife, ausgegtidiene Werk ist 
eine Mefetersdiopfung von unveigangfidier Sdhon- 
heit; es ist eine feurige Hymne auf die Menschhevt 
und das dem Diditer vorsdiwebende Mensdien- 
kteal. Es predigt Wahrheiten, die seit Urzeiten im 
Wesen der Mensdiheit wurzeln und die dodi nie- 
mand vor Mercereau hob, noch aussprach. Es gibt 



neue uberragtiiende Geskfttspunkie, die die Hdhe 
der menddilidien Lebensaufgabe begreifen lassen, 
so wie eine Riditsdinur flkr die Lebensftihrung, die 
zum votlkommensten Lebensgenufi und zian irdi- 
sdien Glfick leitet. An ihm klebt nidit utopisdles, 
cfrinrarisjches, nkhts pfoantastisches, a us den Fin gem 
gesaugtes. Keine versdileierte Philosophie des Un- 
bewufiten. Es ist die Offenbarung einer aufler- 
gewdhntkhen Intelligenz, die mit lebendiger In- 
brunst aus dem volfen Leben schopft. 



JUDENVIERTEL IN LONDON 

Dicht an den GKanz der Platze fressen sich und 

wfihlen 

Die Winketgassen, wiist in sich verbissen, 

Wie Narben klaffend in das nackte FTeisch der 

Hauser eingerissen 

Und angefiilft mit Kehricht, den die schmutzigen 

Gossen iibersptilen. 

Die vollgestopften Laden drapgen sich ins Freie. 
Auf langen Tischen staut sich Plunder hoch zu- 

samtnen : 

Kattun und Kleider, Fische, Frtichte, Fleisdi, in 

ekfer Reihe 

Verstapelt und bespritzt mit gelben Naphta flamtnen. 

Gestank von faulem Fleisch und Fisdien klebt an 

Wanden. 

Sufilicher Brodem trankt die Luft, die leise nadvtet. 
Ein altes Wetb scharrt Abfall ein mit gierigen 

Handen, 

Ein blinder Bettler plant ein Ued, das keiner achtet. 
Man sitzt vor Tiiren, druckt sich um die Karren. 
Zerlumpte Kinder kreischen fiber dflrftigem Spick. 
Ein Grammophon quakt auf, zerbrochne Weiber- 

stimmen knairen. 

Und fern erdrohnt die Stadt im Donner der Auto- 
mobile. 

Ernst Stadler 



PORTRAIT: VINCENT VAN GOGH 

Die Muskeln verkalkt, die Stim aus Harte gegossen, 
starr wie ein Schnitt im Dunkeln aus einem Holz* 

stock gewuhlt, 

liegt die zementene Maske des Kopfs um die Augen 

gesdilosben, 

in denen die Scharfe des Bhcks sich seltsam verkfihft. 



DIE AKTION 






677 



Denn in die Aiigen entgegen stets schreiten mit 

bewimpelten Grenzen, 
Stafceten und Hornern ihmi Emeu und blasstre 

Eiugelreiha. 

Doch er zerbeifit ihren Sdiein und scbweibt ihr 

verbogenes Olanzen 

zu seiner sdtweren Pupiflen erWtztem und gr&iem 

Gestein. 



Die BBcke stechen nadi vom glekh runden Stitetten 
geschtiffen a us Stahl nit turkisdiem Fimis bespannt 
Eine Mtitze umhauscht ihtn die Sditafen. Khre 

bretonischen Farben betten 
ihn die Wut seiner Stim in eine Krone aus Wait* 

Sdiem Brand. 

Ed Schmid 



DIE EINSAME 

Idi babe mkh nadh Dir den fangen Tag gesehnt 

— und Du?... 

Hast Du auch traumend — wiadiend — bang 

geftorcht 

wie die Sdcunden rannen 

eine nadi der anderen, mtiden Tropfen gfekk? . . . 
Spannten skh aiudi Deine Anne zudfend in der Luft? 

und bebten Ddne Lippen 
den Sdhatten anderer Lippen sudtend? 

FtiMtest Du, wie Deine N erven riefen: Icotntn, ach 

Komm! 

Safiest Du, die Augen mud gesdtiossen, 
im weichen Lehnstuht — waitend — wartend — 
adtauemd bei jedem leiscn Klang . . . 

Und Mrtest Du wie Deine Sinne rauschten — 
gfeich feiaer Meere s fcrandung — 
ao tief, 80 wdt . . . 

Idi sehnte midi nadi Dir, wie skh der heiBe Tag 
nadt AbendklGMe sehnt — 

— und Du?... 

Nadja Strasser 



Die Suffragette’s 

Von Hedwig Dohm 

Dialog zwfsdien Eva und Peter. Eva ist in der 
Lektfire einer Zertung vertieft, Peter tritt ein. 

EVA: Tag Peterdhen. 

PETER: Tag Eva. Bitte, lab das Dtminutiv. Im- 
mer mdchtest Du midi verkleinern. 

EVA: Also Pa — ter! Wenn Du willst, Peter der 
Orofie. Sage mal, Vetteichen — adi so — Vetter, 



Du sdieinst fiber meine Heimkehr gar nidit so ent- 
zuckt, wie esi in der Natur der Sadie Kegi Deine 
BegrOlhing gestem — man mochte sagen eispol- 
haft Und i dt hatte Traneti der Freude erwartet 



PETER: VieHekht lag tndne Zuruckhialtung dodi 
in der Natur der Sadie. Uebrigens, babe idi midi 
nidit sofort mit inniger Tetfnaftme nadi Demen 
engfisdien Studien in London erkundigt, sperietl 
nadi den altenglisdien, oder war es altsanskrit? 



EVA: Und als kh Dir antwortete, idi hatte inn 
Britisdi-Museum mein Wissen so enorm vermehrt, 
daB idi fur meinen Doktor mdndestens auf magna 
cum laude redine, da sdmittest Du eine Orimasse. 

PETER: Ich babe nun eirnnal keine VorHebe fur 
Doktoihute. Viel lieber legte idi Dir den teuersten, 
fedennuirausdTtesten, ganz unsymboliadien Hut zu 
Fiufien. 



EVA: Lassen wir die Hute, da Du dodi nkht 
gesonnen sdieinst, vor meiner Getabrtheit den Hut 
ahzuziehen. Sage, habe idi Dir denn in den drei 

Monaten gar nkht gefeHft? 

PETER: Massenbaft. Aber — altein — ach, Du 

wdfit ja (ausbredrend) sind wir nun eigent- 

Ikh verlobt oder nidit? 



EVA: Wenn Du es nkht weiftt 



PETER: Unsere beiderseitigen Matter 

EVA: Da sie SdiWestem sind 

PETER: WunSdien so intensiv 

EVA: Sdiwiegennt&tter zu weiden. 

PETER: Wohl nodi mehr. Siefcst Du Evdien, langst 
kdnnte — um midi gebufdet austzudrfidcen — Amor 
Hymen die Fadcel gerekht haben, wenn nkht — 
die veirudhte Erte mit ihren sauersten Zankapfeln — 

EVA: Du — Peter, wir woKten ja das Thema ver- 
metden, kotirmen da imtner glekh ins Raufen. Wenn 
Du es aber ansdineidest — vogue la galfere! Wir 
kdnnen eben nkht zueinander, die Wasser sind viel 
Zu tief 



PETER: Was Dkh betrifft, tief wie das tote Meer. 
Deine Liebe ist hineingefallen, ist tot. 

EVA: Vielleidit nur gdbeintot Freilkh, solan ge Du 
als bitteibfiser Antifemanist mkh argerst, wird der 
Sprung in unserer Liebe skh nkht kitten l&ssen. 

PETER: Ein ObesMigter AntifetmnisJt, Eva. Id* 
glaube nun dnmtal, dafi eine Frau, die einen Beruf 
hat, ihren Beruf verfehh hat 



EVA: Frauen, die keinen Beruf haben, leben von 
der Hand in den Mund, legen in jungen Jahren ffir 

spatere Zdten nkhts zunfick, sie leben nur eine 



I 



DIE AKTION 



1 



Jt 



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Halfte toes* Lebens. Wir Modernistinnen aber wol- 
len linger gauzes Leben Ieben, auch nodr a Is Greisin 
am Stabe, audi noch ab Wkwen 

PETER: Adi so, adi so, Du spekulierst sdion auf 
mdnen Tod. 

EVA: Und Dir tut es woh! leki, dab die Witwen 
akfit mehr, wie frtiher in Indien, verbrannt weiden ? 

PETER: Symbolisfch verbrennen skh die Witwen 
noch knmer selbst, dene n das Hera in Liebe ent- 
bcannt war Kir den, der starb. 

EVA: Schtefterhaufe n ansfeli t 



PETER: Qteube nar, Eva, idi denke gewifi nidit 
kieta von den Frauen. Es I set* Euch doch nidit 
herab, wenn idi sage, ihr gleicht den Obstbaimten. 



Warm wolft Ihr Budien und Ekhen stein ? Wadhsen 
Obsftbaume auch weniger stark und hodl, so tnagen 
file doth s&fie, nahrende Fruchte. 



EVA : Bitder Sind Literatur. Die habe idi auch auf 
Lager; z. B.: ate Ingenieur, der Du bist, baust ja 
auch Bracken, baue dodi eine von ntir zu Dir. 



PETER: Zu dem Luftstiiloft, in dem Du wohhst, 
gibt eg keine Bmdce. 



EVA: So bin ich wenigstens in die Hdhte gekom- 
xnen. Den Frauen, die, wie ich, ihcre Naturanlagen 
entwkkeln durften, entwachsten aus dem ublkhen 
weibUchen Raupenzustand, die Flu|gel. 

PETER; Ffugel! Flugel! Auch die Gatfsf hist Fliigel. 
Wie hodt kontent de damxt? 



EVA: Grobtan* 

PETER: Idi meine Didi dodi nkht — mem Schwan. 

EVA: Da halt er skh scfion wieder Ktr einen Lohen- 
grin. Uebrigens waren die Ganse fuam e iiisi nodi 
befiebter und ntitedkher aht die Adler, fir die Itte 
Eudi doch haftet. Beliebter nkht nur wegen den 
sdraiackttaften Gansebratens, hai^tsadilidt, weil ihr 
ja das Gansdienhafte am Weibe gem habt Dir 
Adler loriegt ja gleidi eine GansteH&ut, wenn sie 
aftzusehr von diesem Typos abwekht; war konnen 
dodt aber nidit aHe freundlkhe Dutzendfrauleinsf 
sdn. 



PETER: Lieber huter Jungfrauen von Orleans*. 
EVA: Die war wenigs&ens gesdieut genug, den 
Feind, in den sie skh verfiebt hatte, nidit zu 
hehaten. 



PETER: Dein Feind! idi! 

EVA: Ich gebe Dkh ja audh noch nidit auf Das 
Lkht ernes Stems braucht viele Jaftre, ehe es zu 
unS gelangt Das Lkht einer Stem idee kann auch 
nkht von heut auf morgen dunkle Kopfe erbellen. 

PETER: Idi der dunkle Kopf? 



EVA: Du bist ja blond, und manchmal sogar, z. B. 
in der Frauenfrage, ganzHdi kopflosi. 

PETER: Recht herafieb, dieste AeuBerung. Wissen 
will ich’s endHch: Liebst Du midi? Ja oder nein? 
EVA : Zupfe es dodi an Bfumenblattem ab : sie liebt 
nrich, sie liebt midi nkht . . . 

PETER: Ich weifi mftner nkht, sprichst Du im 
Ernst oder im Spafi? 

EVA: Idi weiB es oft selber nkht. 

PETER: Eva, Du Kluge, in Deinem siebenten Se- 
mester muBtest doch wissen, da 8 es der Mann 1st, 
der die Kultur gemadit hat 

EVA: O, Ihr habt sidier auch, von wegen der 
Adaitfsrippe, an der Weksdiopfung mitgeholfen. 
PETER: Du nrufitest wissen, sagte ich — — 

EVA: O, idi weifi* idi weifl, auswendig weifi kh 
Eure mannisdien AJtgtaubigkeiten : Das Weib Natur 
— der Mann Kultur. Sie hat die Instinkte, er die 
logisdie Vernunfb Er Gottsucher, sie Mannsudher. 
Er Kopf, sie Hera. 

PETER: Ja, das Hera der Welt, das sekl Ihr. Nur 
tnuB der Zug des Herzens die Stinune Eures Sdiick- 
slals sein. 

EVA: Ihr uberhauft unsi ja so mat Gefuhlen, ein 
Wunder, dab wir nodi nkht ait Hertverfettung drauf- 
gegangen dnd 

PETER: Idi meine — abgestehen von Dekien Ueber- 
treibungen — dag gauze ftoblem von Mann und 
Weib lafit dkh — wie das Sdiwert den gordischen 
Knoten durchsdAiitt, mtt zwei Worten losen. Sie 
isft Weib — ihr angeborenes Malheur. Er ist als 
Mann — al lendings ohiie sem Verdienst — auf die 
Weft gekovntafen. DarausT eigjbt skh a lies Oblige 
von selbst. 

EVA: Du softest Dir dodi endlkh diese verstaubten 
Oemeinpfatze abgewdhnen. Geistige Gassenhauer, 
man konnte auch siagen: ein Klappem mit den Ge- 
beinen der Ahnen. Die Vergangenheit verdumimt 
inttiter etwas die Gegenwart 

PETER: Wills* Du leugnen, dafi aHe grofien kul- 
turerien Sdiopf ungen Manneshverke sind? (Eva 
stdifitielt den Kopf.) Habt Ihr etwa das Pulver er- 
funden? 

EVA : Jotte dodi ! Weil ein einzelner Mann — noch 
dazu durch einen bk>6en Zufall — eg erfunden hat, 
fiangi ihr der ganzen Mannwelt Erfindung an 
die RodcgdioBe, wo es doch zweifeBos mehrere 
unter eudi gibt, die dag Pulver nkht erfunden haben. 

PETER: Und das Luftsdiiff verdankt es audi nur 
einem Einzebien, und dem bk>6en Zufalf dasl Wunder 
seiner Entstehung?; 






DIE AKTION 



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EVA: Vietlekht oder wahrscheinlidi hat ten wir es 
erfunden, hattet I hr uns die tedhnisdien und die 
Ingenieurstiiulen nicht gesperrt 
PETER: Ihr hattet gewifi audi Amerika entdeckt — 
EVA: (ihn imterbrechend) Mehr, viel mehr haben 
wir entdeckt, den VoHmenSdien im Halbtier Weib. 

PETER: Die Rose, wie sie auch hiefie, ob Voll- 
menstii oder Halbtier, wiirde lieblich duften — nur 
die Domen an meiner Rose — ach Eva, Evdien, 
Du konntest langst meine liebe Frau sein. So skher 
hatte kh gehofft, Du wurdest von Deinem Einanti- 
patkms-Imvahn kuriert, aus London zuriidckommen, 
ztirQdc zu mir, 

EVA: Warum gerade aus London? 

PETER: Weil Du da in nad&ter Nahe die himver- 
brannten Attswuchse der Emancipation ssucht ge- 
sehen hast? 

EVA: Adi so, die Suffragettes. 

PETER : Die Kraftmeiereien dieser politischen 
Rangen nwisJsen Dkh dodi entsetzt haben. 

EVA: Rkhtig — ja Du fiest nur deutsche Zeitungen, 
in denen freilkh wimmeft es von den Mordtaten 
dieser Radautanten, besonders in den WitZblaitem, 
die Ieben ja zum grofien Teil von den Suffragettes, 
wie Strindberg von den Frauen febte. 

PETER: Du wiltst dodi nidit etwa verteidigen, 
was am Pranger der Mensdiheit steht — diese — * 
diesie — — — 

EVA: Sage nur ungeniert: Sdiauerklaters, ein Aus- 
druck, den ein Witzblatt sidi kurzlidi erlaubte. Ob 
nicht irgend eine Zeitung, die mir entgangen ist, 
ihnen eine Maul- und Klauensfeudie angedichtet hat? 
Am Pranger stehen ! 1st Dir nidit aufgefaften, eine 
wie dgeniumlidie Verwandsdtaft oft zwisdien 
Pranger und Riedesfcat, zwisdien Kreuz und Sdteiter- 
haufen besteht? 

PETER: Wie Eva — Du, Du 

EVA: j a — idi — idi — 

PETER: Du hast midi zum besten, e$ ist dodi ganz 
unmoghdi — unmdglidi 

EVA : Braudite* nidit aus der Haut zu fahren. Idi 
gebe gem zu, dafi idi — subjektiv gesprodten — 
gegen jede kriegertsdie Taktik bin. Idi fiebe Amla- 
zonen in Bronze und Marmor, auch als Kleistsdie 
Penthesileen, weniger in Fleisdi und Blut. 

PETER: Wenigstens etwas; nidit gening. 

EVA: Aber — objektiv gesprodien — hafte idi es 
Hir mogfidi, dafi spatere Zeiten ihnen ein Denkmal 
Setzen weiden als den kutmen Kampferinnen, die um 
eines Menschheitsideals willen die bcttersten Drang- 
sale bis zur Todesnot auf sich nahmen. 



PETER: Akrobatinnen im Fach der Idealproduk- 
tionen. 

EVA: Zeitgenossen sind schJechte Kritiker. Carlyle 
nannte Darvin einen Idioten. Idi gestehe, eher 
wiirde ich auf Strindberg, Schopenhauer und ahn- 
liche Antis rein fallen, als die Marter der kunstbdien 
Ernahrung erduklen. Dafi zwei dieser Tapferen 
daran zugrunde gegangen sind, stand freilich nicht 
in den Zeitungen. Wurdest Du etwa fur Deinen 
Antifeminismus verhungem? Feigling! 

PETER: Wer hindert denn diese — pardon — 
Reformfurien zu essen, und wollen sie partout ver- 
hungem, nun — 

EVA: Jetzt sage noch: mogen die Biester dodi 
krepieren und — 

PETER: Du haust mir eine runter. 

EVA: Das ware dann endlich ein Verlobungsscheide- 
. grand. 

PETER: Ja, ware nur Entlobung und Entliebung 
daSselbe. Aber so — ach — es ist ein Kreuz. 

EVA: Siehst Du denn nicht ein, dafi diese Frauen 
mit eincm Tropfen heroisfchen Oels gesalbt sind? 

PETER : Mit einem ganzen Fafi herostratischcr 
Bravour. 

EVA: Wollen sie etwa Tempel einaschem? Im Gc- 
genteil, sie wollen den Frauen neue Tempel offnen. 

PETER: Um darin zu beten? 

EVA: Jede Gtaubensinbranst hat einen Stidi ins 
Religion. 

PETER: Ja — einen Stidi — den haben diese — 
idi sage ja nicht weiblfche Rowdys — weil Du es 
hist, sage idi Titaniden, die gfauben einen Hirnmel 
zu erobern, sie itren sidi aber in der Lokatitat und 
geraten auf den Blocksberg. 

EVA: O, Du Peter in der Fremde — geistigen 
Fremde — begreifst nidit, dafi Redft und Geredrtig- 
kett der Feuerkern ist, der ihre sturmisdie Tatghit 
entfachte. Der Themis, die hundert weitoffne Augen 
haben mfifite, die Binde von den bidden Augen zu 
reifien 

PETER: (einwerfend) Mit den Fausten. 

EVA: Das wollen sie. Wer Ungereditigkeit, die 
er beseitigen kann. duklet, ist ein Feigling, an 
ethisth Mmderwertiger. 

PETER: Das Feuer, die Glut, von der Du spridist, 
ja die sehe idi, stiffen ja Brande, werfen Bomben. 
EVA : Waren die Bomben, die sie geworfen, 

auch nidit mit Sdiokoladenplatzdien gefulft, wo ist 
das menschlkhe Glied, das sie zenrissen haben? ein 
paar Mobel beschadigt, die wahrsdieinlidi versichert 
waren. Eine golden e Zert fur die Brandstifter. Kon- 




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DIE AKTION 






nen hab London in Brand sftecken, bra uchen nur ein 
paar Zeftef: „ votes for wo men “ umherzustreuen, 
und nix kann ihnen geschehen. Audi den Spitzeln 
bluht der Weizen. 

PETER: Am Ende waren die Bomben bloB 
Knaflerbsen. 

EVA: Demonstrationsbomben. 

PETER: Stinkbomben. Sie haben versucht, die 
Minister zu steinigen. 

EVA: Merkwurdig — tinnier haben sie nur ver- 
sucht. Haben die Minister ein Loch oder sonst einen 
Defekt im Koptf, keine Suffragette hat ihn verschuldet. 
Wo ist der Tropfen Bfut, den sie vergossen? Die 
FenSterscheiben, die sie zertriuronert, auch sofort 
bezahft, haben niemandem auch nur die Haut geritzt. 
Wenn bei diesen Kampfen Menschen urns Leben 
kommen. so sind es die Suffragettes. Man hat ja 
neuerdings den Pobel auf sie gehetzt. Auch Hypatia 
wurde vom Pdbel zerrissen. 

PETER: Hypatia und diese von idiologischer 

Wut besessenen Revoluzzerinnen — welch ein Ver- 
gleidi! 

EVA: Revolutionen werden bekanntlich nicht 

mit Rosenwasser gemacht, auch nicht mit Floten- 
tonen. Mit Sdiwerhorigen muB man schreien, damit 
sie einen veretehen. 

PETER: Sperlinge, die bestrmmt sind zum 

Piepsen, wenn sie wie Ldwen briillen wollen, werden 
latfierlich, grotesk. Stimmen, die ein Echo wecken, 
bra uchen nicht laut zu sein, sie mussen nur von der 
ridhtigen Stelle a us rufen. 

EVA: Urn jahrtausendelange Verschlafenheiten 

zu wecken, sind Edhos zu 9chwach. „Der Sell w ache 
kommt immer unter die Rader" hat kurzlich Beth- 
mann Hollweg gesagt. Diese Englanderinnen mit 
den kodienden Seclen ziehen es nun vor, am Rad 
der Zeit mitzuefrehen, zu sitzen am sausenden Web- 
stuhl der Zeit 

PETER: Und wirken der Gottheit E man zi pat ion 
das Sterbeklekf. 

EVA: Ein Sterbekleid, ja, der alten Frau von 

Anno dazumal, damit die neue Frau lebel 

PETER: Sind ihre Ideen lebnskriiftig, so sollen 

sie warten, bis ihnen die reifen Frudite von setbst 
in den SchoB fallen, nicht wie gierig un vermin ftige 
Kinder die Frudite umeif vom Baum fceiBen 

EVA: Immer warten — warten! Haben sie 

nicht lange genug gewartet? Seit Jahrtausenden ge- 
dutdet, da 8 ungezahlte Generationen von Frauen 
rechtlos?, freudlos als Magde des Mannes vegetieren 
mufiten! Desf tangsamen Hinaufkniens zu FuBen 



der Machthaber, ihnen die Gnadenarie singe nd : bitte 
das Stimmrecht ! sind sie uberdrussig geworden. Die 
Zeit hat vie!, viel Zeit, darum ist sie faul, Schnecken- 
gang; der Mensch aber hat wenig, wenig Zeit, 
darum madit er der Schnecke mitunter Beine, peitscht 
sie an. Sokhe Anpeitscher sind die Suffragettes. 
Sturm — Frontangriff, ein Sprengstoff ; der zer- 
trummert selbst chinesische Mauern, die ja heut 
auch nur nodi eine leere Redensart sind. In hundert 
Jahren sind wir vielfeicht die Chinesen . . . 

PETER: Und ihr die Manner, wir die Frauen. 

EVA : Wahrscheinlich wenigstens, daB auch im 
Laufe der Zelten die graulidhen Barte abwachsen 
werden. 

PETER: Ich werde das graBliche BHd nicht 

fos: Die weiblidien Kerle. handgemein mit dem 
Pdbel, mit zerzausten Mahnen, geballten Fausten, 
rollenden, haBspruhenden Augen. 

EVA: HaB, aus groBer, menschheitl idler Liebc 

geboren. So fange der K&mpf tobt, sfind sie gewisser- 
maBen in Hemdsarmeln, tragen Arbeitskittel. Kom~ 
men sie nadh Ha use. so verwandeln skh die Kerle 
in Ladies. Siehst du, Peterle, ich kann nur sehr 
gut vorstellen, daB diese Frauen zu Hause nut tiefem 
Gefuhf eine Beethovensche Senate spielen oder an 
der Staffelei ein Zartes Fruhlingsbild malen, oder ein 
Suppchen fur ihr Baby kodhen. 

PETER: Eher kommen sie in Teufefs Kuche, 
als in die, wo man Suppchen kocht. 

EVA; Ja, ich bin sicher, daB sie die zartlidisten 
Murtter stnd und so trefflidie Gattinnen, daB sie 
sogar mit dem Wirtgsdiaftsgefd a us kommen. Wer 
so setbstk>$, in unverbrikhlicher Vasallentreuc einer 
koniglichen Idee dient, der wind auch auf anderen 
Gebieten pflicht- und liebetreu sein. 

PETER: Schwarmerin! Teufel bleiben Teufel, 
auch wenn man sie auf Gokfgrund malt. Und, ich 
frage wieder: Alles, was du da sagst, ist es im Ernst 
gesprochen oder nur SchehnenTaune ? 

EVA: Zu dreivieriel Ernst: ein Vierte! ist der 
Wider? pruch gegen die Entstellungen und Schmahun- 
gen, mit denen man die von wilder Hochherzigkeit 
Gtuhenden niedertritt, Frauen, die Revolution fur 
ihre Pflicht batten. Der Suffragettismus ist die auf- 
gespeidherte, superlative Kraft von Jahrtausenden. 
Ein Strom von Seelenblut und -Flut, der alle fcunst- 
lidhen Damme uberbraust. Wie dem Shu son nach 
langer Gefangenschaft, mit den Haaren eine so un- 
geheure Kraft wudhls, daB cr die MarmorsauTen braefh, 
die den Palast trugen, in dem die Pftarisaer thronten 
— so — so 



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DIE AKTION 



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PETER: Du bist ja ganz aufier Atem, komkne 
nur zu dir, zu tnir kommst du ja nimmermehr. Idt 
habe versfiumt, die Rose zu pffudcen, ehe sie Suffra- 
gette wtnde. Denn das 1st dodi woW das Ende 
vora Liede. Mit Herz und Mund bekennsf du dich 
zu den Feuerkemigen. 

EVA: Ich denke nidit daran. idt sudte nur 

sie zu verst ehen und sie dir zu erklaren. Ich sagte dir 
schon, daB idi jeden Krieg hasse, thn bekriege, 
habe audt fur die mannikben lOiegdielden nidits 
ubrig. 

PETER : So ! Und stellst dich dodt auf den, 
Kiiegsfufi mit tnir? 

EVA : Nur auf einen FuB. 

PETER : Darum hinkt deine Liebe und wie ! 

EVA: Sei iftr Orthopade. Mausere dich. 

PETER: Warum ich? nidit du? 

EVA : Idt nie. 

PETER: Idt audt nie. 

EVA: Adieu! Meine Tochter lasse ich Suffra- 

gette werden. 

PETER: Adieu! Mein Sohn wird Antifeminist. 

(Sie laufen nach versdriedenen Seiten ausein- 
aitder, sthlagen die Ttiren kradiend zu. Nadi euier 
kleinen Pause offnet er wieder von der einen, sie 
von der andem Sehe die Tw. Und piortzlidt lachen 
bekle hell auf und ladfend srturzen sie sidt in die 
Anne.) 

EVA: Der Klugere gibt nadt. 

PETER: Unerforstiitidi wie Oottes Wege sind 

der Liebe Wege. 



Spaziergang 

Von Rudolf Kurtz 

Ich trage den Gtffkogay spazieren. 

„WoBen Sie mir nidit den herrlkhen Vogel ver- 
katif en ?“ 

„Nein, blonde Frau jutta, das ist der Gulkogpty. 
Idt btaudie Eudt nidit zu sagen, wie sefar es uns 
schlmerzt, Eudi den hentkhen Vogel afasdrtagen 
zu mussen. Die Vogel pfeifen e=sf von den Dacfaem 
und der Oufkogay weiB es audi sdton.“ 

Die Monde Frau Jutta zog ihre dunklen Augen- 
brauen gjanz hocH und fladite den Guflcogay mit 
runden Lippen an. 

Der faeuftdie Vogel saB ehem da ink) sagte ganz 

rvUg: 

Jdi tin unverldHiflfch." 

Dabei schiefte er sie heft mit seinem uberaus runden 
Attge an. 



Eigenffidt gingen wir dann weater. 

Ab und zu lieB kb den Quflcogay aufsteigen: das 
setzte <fie Leute unaufHorikh in Erstaunen. 



Nkht einmat zusdiauen fcann die deutsche Mensich- 
heit, wenn ein Gidkogay seine Aufgatie exakt er- 
ledigt 

Ah! wie ganz anders ist es im Gaf£! 

Wenn der Satan schwarz und hager hineinsdiieBen 
wtiide, um den Henrsc h iaften die HSke umzudrehen, 
hatte Ferdinand Hardekopf nur zu bemerken: 

„Woflen Sie, bitte, die GGte haben, fBr ein wentg 
bengaftsdie Beteudttung Soige zu tragen? Was 
soften diese fiaifatosen Mtasatalceiu ?“ 

Und eilends wurde Max Oppenhehner a us irgend 
einer Edte her v twfa re dfe n und h&fSdtet um die Er- 
taubnis bitten, einige Ddtger, die geruhrt die Ab- 
sdiiedsteturide genie&en, verfadhnen zu dtirfen. 
Aber auf dem Kurfurstendaimn ! Ein Oulcogay vcr- 
btttfft die deutsche MenscWiert ! 

Nein, nein, das muB anders werden! 

Eine B. Z. scfaoB auf mkh zu. Sie zog einen Herm 
banter sidt her. Es war fcein anderer Sfcl der 
Doktor B. 

„Was Sie Nk einen herdkben Vogel spazieren 
tragen F* 

Ich rausperte midi unwiftig. „Neulkh abends war 
kW im Vortrag von Ludwig Hardt" 

„Aha! Und Sie tragen den Vogel spazieren ^ 

,,Er ist ein groBer Kftnstfer. Aber die Vogel pfeifen 
es von den Dadhern und der Ouftdogay weiB es 
audi sdion." 

Der hentidfe Vogel sdhiefte den Doktor mit seinem 
fibers us runden Auge an. 

„Idi mddvte wissen, ob es eine in Deutschland 
fibfkhe Art ist“, sagte der Doktor. 



„Der garfze Chorafionssaal war ausrveiteuft Viei 
belle Maddlen m bunten hauchigen Gewandem 
(Sie trommetten wie Dampfmasdiflien.) Die Lite 
raten wareti afle scWedtt angezogen." 



Gfilkogay btinzeKe 



bose 



,;Er las Verse von Wedekind vor“, sctirie er in den 
Wind. „Die SSta bftesen skfr auf, ffifiten skh 
mit StimMen, fiefen, sprangen fainter efeunder her. 
Der Rabbi Esra war ein Stfidk aus der Bibel: Bucfa 
der Rkbter.“ 



„Ist das ein Rezenrfervogel ?“ wandte skb der 
Doktor an mkh. 



„kh bkte/ 4 zisdfte der Oiftkogsay zomig. „Er er- 
zaMte Maupassant auf dfinnsten N erven enden ba- 






DIE AKTION 



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fa odcrend und dann wiedcr 



ene 



Frau betastend." 




It praHen Fausten 



Ich rausperie midi grafiKdi. „Verzeihcn Sic Heir 
Doktor, er ist kein Literal Kommen Sie mit in 
das Catt?“ 

Das wollte der Doktor nidri und verschwimL Nun 



stand idi ( urn funf Uhr, aHein mit dei 
aur aem KiaiuracnaMnin. 



Oulkogay 



Id) sdftie ihn mi: 



.JEr hat uns mit RHfee regiaHert! Die nassen lyrisdten 
Fetzen When uns um die Ohren gektatscht. Merken 
Sie skh das und mmieren Sie nfcbt das OeSdhaft 
mit Ihrer imgeadridcten Rekhmel 1 * 



Wir traten in das Cafe Dort saB ein saturierter 
Herr, der skh shade# den Gidkogay zur ardritek* 
tooisdien Verwertung austJat !di gab ihn gem her. 
kh wufite, dafi er jetzt im guten Sinne fur das 
Gesdiaft tatig sein wurtie. 

kh saB an einem Nebentisdi. um zu schreiben. 
Ab und zu bfirte idi, wie der Gidkogay gesdudet 
Konversation madite und skh fiber den Rezitator 
Ludwig Hardt in ausgezeidmeten Wendtmgen er* 

fi?ng- 

Dasm sdrrieb kb meine Eifebnisse fiber den Rezi- 
tator nieder. Sie war-en hel und schtiti und 
bunt Inzwisdien war *es Zert geworden, da# Pradit* 
tier nach Hause zu bringen. Id) lodcte ihn: und 
wir zogen froWkb von dannen, i miner in den ge- 
n&teten, abend^Rhten Kurftjrstendanun ttinein. 



Die Luft war ganz durchwarmt Die Leute grfifiten 
freuncflicber und hatten die ManteHcragen hinunter- 
gcldappt 

„Ein sdioner VogeV* sagten sie ab und zu, „tja, 
es ist aucb der Odfkogay. u 
Die efektrisdie Bahn kMngehe, Autos sdiossen vor- 
Ober und die groBen weiBen Kugdn in den StraBen 
ftiftten skb sausend mit Lkht 



Vomotizen 

(Nor wiebttae Neuersche intuigen we rden liter aoiewift Die B- 
•prechurfl derWerke foist in den niebaten Nummera der AKTION 

FRITZ MANGOLD. Der Doktor R’moh. Xenien- 
Veriag, Leipzig). Qeh. Mk. 2,50. 

HERMANN HENDRICH. Franzdsische Lyrik. Band II 
der AKTIONS-Bfieher (Veriag DIE AKTION). Oeh. 
Mk. L— 



MARTIN BERADT. Oo. (S. Fischer Veriag, Berlin). 
Mk. I,—. 

ARTHUR SAKHEIM. Marion in Rot. Ein kleiner 
Roman. (Georg MfiUer, Mfinchen). Mk. 2,—. 

JOHANNES R. BECHER. De Profundis Domine. (Hein- 
rich F. S. Badimair, Veriag, Mfinchen). Halbpergamen t 
Mk. 5—. 

OTTO RUNG. Die lange Nadit. Roman. (Rfitten fit 
Loening, Frankfurt a. M.). Oeh. Mk. 2,50. 

FRANZ HESSEL. Der Krambden des GlOrics. Roman 
(Ebenda). Oeh. Mk. 3,50. 

OTTO ZOFF. Das Haus am Wegc. Roman. (Ebenda). 
Oeh. Mk. 3.“. 



GEORG HECHT. Die funf portugiestsdien Briefe der 
Nonne Mariana Aldoforado. (Xcnien-Veriag, Leipzig). 
50 Pfg. 

DAS HERMANN BAHR-BUCH. Herausgegeben vom 
Veriag $. Fischer, Berlin. Oeb. Mk. 1,50. 

WILLI HANDL. Hermann Bahr. (S. Fischer Veriag). 
Mk. 2,50. 



Zeitschriftenschau 

SOZIALISTISCHE MDNATSHEFTE. Henusgeber Dr. 
J. Bloch. Du 13. Heft enthilt: Alfred Adler: Der 
nervdse Character ; H. Becher-Olsen : Der Verfassungs- 
kampf in Danemaik und die Sozialdemokratie; Kolb: 
Die Bedeutung des badjsdien Gzofibkxks; Quell es: 
Sorialdemokratie und Wehraxralge, usw. Das' Heft 
kostet 50 Pfg. 

DIE SCHAUBUEHNE enthalt in der Doppelnummer 
26/27 : Die Sduffbrikhigen. Von S. J. ■ — Das Theater- 
gesdiaft. Von Max Epstein. — Aus Wien. Vos Alfred 
Polgar. — Das Hamburger Theaterjahr. Von Arthur 
Sakheim. — Die Berfihmten. Von Erich Mfihsam, u. a. 

DEUTSCHE RUNDSCHAU. Im Juliheft begmnt eine 
grdBere Erzahhmg von Ruth Waldstetter „Das Haus 
,Zum groBen Kefig*. Hermann Freiherr von Egloffstein 
schreibt fitter Kail August wahrend des Krieges von 
1813. Eine Charakterktik Montaignes gtbt Charlotte 
Lady Blenneriiassett. Albert Laitzmann teilt neue 
Jugendbriefe Karoline v. Humboldts mit. Ueber die 
Berliner Theater des verfiossenen Spieljahres berichtet 
Karl Frenzel; literarische Anzeigen von Karl Brandi, 
Mela Escherich u. a. schljeBen nebst einer Bibtio 
graphie das Heft. 

DIE NEUE RUNDSCHAU (S. Fischer, Veriag, Berlin) 
Das Juliheft bringt von Hermann Bahr einen kleinen 
Essai fiber Max Bur deHart. Ueber Hermann Bahr 
schreibt Willi Handl. Henri Bergsonl tiat einen groBeren 
Aufsatz: „Leib und Seele“, der eine diarakteristische 
Probe seiner Weltanschauung gflrt. Hennann Hesse 
veroffentlicht seine neueste Novelle „Der Zykkm“. 
Aage Madetung beginnt mit einem groBen Roman, der 
in RuBland spielt, unter dem Titel „Die Geze«dineten“. 
Oskar Bie plaudert fiber Offenbach. Moritz Hej matin 
spricht fiber die Form der Erzahhmg in alter und 
neuester Zeit. Felix Poppenberg bespridht verschiedene 
Frauenbucher, Junius schreibt die poiitische Chronik 
und verschiedene kleine Essais und Anmerkungen fiber 
aktuelle Dinge ffillen das Heft. 



INHALT DER VORIGEN NUMMER: LYR1SCHE ANTHOLOGIE Beitrfige von Peter Scher, Hugo Bail, Ludwig 
Bftnmer (Worpswede, Johannes R. Becher, Gottfried Benn t Alexander Bessmertny, Ernst Blass, Franz olei, Paul Boldt, 
Max Broil Friedrich Eisenlohr (Paris), Henrietta Hardenberg, Walter Hasenclever. Hennann Hendrich, Max Herrmann 
(Neisse)* E. F. Hoffmann (Konstanz)* Rudolf Kayser, Oskar Kanehl, Gottfried Kfilwel, Willy Kfisters (Konstanz), Alfred 
Lichtenstein (WUmersdorf), Hans Luft, Fritz Mangold, Friedrich Meltinger, Paul Mayer, Erich MUhsam, Heinrich 
Nowak, Richard Oehritsg, Arthur Sackheim, Ren6 Scnickele, Ed Schmid, Ernst Stadler, Leo Sternberg, Gustav Specht 

(Moakau), Mario Spiro, Hellmuth Wetzel, Alfred Wolfenatein 



23 




WOCHENSCHRIFT FOR POLITIK, LITERATUR, KUNST 
III.JAHR HERAUSGEGEBEN VON FRANZ PFEMFERT NR.29 



INHALT : Richter-Bertin : Haus zwischen Hochbahn und Kanal (Titelzeichnung) / Franz Pfemfert : Die Revolutions 
G. m. b. H. / Andr£ Gide: Die RUckkehr / Ernst Stadler: Ueber ein Esaaybuch / Hellmuth Wetzel: Nomaden / Ignotus: 
Paris von Giltersloh / Franz Vailentin : Wenn ich mein Hemd fallen lasse / Oskar Kanehl: Breslauer Vergnflgungspark / 
Benno Weis: „Weder - weder' 1 / Friedrich Eisenlohr : Seine BrUcke / StOffel : Buschbeck. Eine TragikomOdle / Alfred 

Lichtenstein : Die Welt / Gustav Specht : An Heinrich Mann 




»*£ II. 

VERLAG / DIE AKTION / BERLIN-WILMERSDORF 

HEFT 30 PFG. 






Carl Einstein, Bebuqtdn oder die Dilettanten des W unders 

Roman. Mit Begleitworten von Franz Blei und Portrait von Max Oppenheimer 

Preis 5 Mark 



EIN URTEIL UEBER BEBUQUIN 

Ich atehe nicht an, diesen, Andre Gide gewid- 
meten Roman IHr eines der interessantesten Bu- 
cher zu erklaren, die die junge Generation in 
Deutschland hervorgebracht hat. 

Hier ist eine seltsame Kondensierung von Le- 
bensdingen erreicht, eine ausserste Energie, ein 
Radikalismus des Zuendedenkens, der mit Be- 
griff en, wie mit bunten Ballen, aber in logischer 
Regelmassigkeit jongliert, eine mathematische 
Phantastik voti von beherrschter Ungeziigeltheit 
und ausschweifender Strenge. Kosmische Iro- 
nien, wie sie etwa in den „ Morality L£gen- 
daires" Laforgues aufblitzen, auf ihrem Grunde 
die ewig unversohnten Widerspruche unseres 
Erlebens, Widerspruche des uberscharf zerglie- 
dernden Intellektes und einer als sinnlos durch- 
schauten und schamhaft niedergehaltenen Erden- 
sehnsucht. Widerspruche der gellenden eindeu- 
tigen Regelung der Dinge und ihrer hundertf&t- 
tigen Deutungsmdglichkeiten. Des lahmenden, 
festlegenden Gedankens und des Vielgestaltigen, 
Fliessenden aller Wesenheit, Und ein Verlangen 
nach synthetischer Bezwingung. Ein Verlangen 
mit den Dingen der Welt, den sichtbaren und 
den unskhtbaren, fertig zu werden. Unmoglich- 
keit der Einordnung in ein bloss rationell be- 
stimmtes Gefuge, „wo der Kan on, das Wert- 
volle, das Langweilige, Demokratische, das Sta- 
bile" gelten, und Aussichtslosigkeit, im Ir ratio- 
nalen mehr als ein „Dilettant desWunders" zu 
werden, ein Phantast mit unzureichenden Mit- 
teln. „Vergessen Sie eines nicht", sagt der tote 
Boehm, diese imaginare Leitgestalt des Buches, 
der als eine „Reklame fur das Unwirkliche" hcr- 
umlauft, „die Phantasten sind Leute, die nicht 
mit einem Dreieck zu Ende kommen". Unzu- 
langlichkeit auch der romantischen Scheinlosung, 
in der sich Rationalist und Irrationalitat zu 
vermahlen trachten: „Der Romantiker sagt: Seht, 
ich habe Phantasie und ich habe Vernunft. . . 
Wenn ich sehr poetisch sein will, sage ich dann, 
die Geschichte hat mir getraumt. Aber das ist 
mein sublimstes Mittel, und damit muss man 



sparen. Und dann kommen noch Masken und 
Spkgelbild als romantischer Apparat. Aber, 
Herrschaften, da ist Aesthetizismus bei. Beim 
Romantiker macht man einen Schritt vorwarts 
und zwei zuruck. Das ist ein zuckendes Kleb- 
pflaster." Aber dennoch ist im Romantischen , 
wenn nicht die Losung gef unden, so doch das 
Problem geahnt. „Wir miissen so genau sehen, 
dass darin altes Wissen steckt", sagt auch Boehm. 
Nur eine Verwirklichung dieser Sehnsucht gibt 
es nicht. Und in dieser resoluten Betonungdes 
Negativen kommt Einstein uber die romantische 
Theorie hinaus. Die ersehnte Einheit fatlt im- 
mer wieder ausemander. Es gibt nicht eines, 
sondern nur eine „Tendenz der Vereinheitli- 
chung". So bleibt fur die Einzelnen nur die 
Entsagung als Resultat eines unerbittlichen Zu- 
endedenkens. Aber aus dieser Negation wachst 
zugleich die Gewahr: „Vielleicht decken sich 
die Dinge niemals, damit das Schopferische nicht 
erschlaffe". Aus dieser Erkenntnis der Ohn- 
macht selber steigt ein neues Kraf tbewusstsdn . 
Und eine Absage an Ruhe und Sicherheit, die 
nur Him und Blut einschlafem. Darum das 
Suchen nach dem Wunder, darum am Schluss 
die ausserordentlich schone Apotheose des To- 
des, des „Vaters der Intensitat", des „Herm der 
Form". 

Es versteht sich von selbst, dass dieses Buch 
der „hdch$t konsolidierten Inteltektualitat", wie 
Franz Bid es in seinem Begldtwort nennt, auf 
die Mittel einer gewohnien realistischen Tech- 
nik verzichtet. Hier gibt es kdne aussere „Na* 
turlichkdt", deren Scheinwesen in der Person 
und den Attributen der Schauspielerin Fre- 
degonde Perlenblick so kdstlich persifliert wird. 
Eher dn ungeheuer zusammengepresstes, vom 
Intellekt aufgefangenes und zuruckgeworienes 
Spiegelbild der Wirktichkeit, das trotz seiner 
schdnbar undurchdringlicben Dichthdt Raum 
lasst, scharf gesehene aussere Lebensvovg&nge 
zu verzeichnen. Alles in allem kann man sa- 
gen, das Buch habe den Stil und die Form sd- 
ner Idee. Und das ist vielkkht sein bestes Lob. 

Ernst Stadler in den .Elsasser Heften*. 



Verlag 



DIE AKTION 



Ber I in - Wilmersdorf 



e 




WOCHENSCHRIFT FOR POLITIK, LITERATUR, KUNST 

I a- jahroangI HERAUSQEQEBEN VON FRANZ PFEMFERT I la.juumia 1 



L. *; nn . Manuskriptc, Retentions-, Itusch- 
KcUGiMiUll • Exemplare etc. tind an den Heiaus- 
geber, Berlin - Wllmersdorl, Na aaauitche Straaac 17 
r. u tcnden :: :: Telephon Amt Pfalzburg Nr. 6242 

» Deixul&i 



Unverlancten Manusftuipten iat Rftckporto 



ogen 



Erscheint Sonnabend 



Ahnnnpinpnf > ^ vierlcljihri. (czcl B#- 

ADOnneinem . , le llg«ld)bi:i alien PostanaUIL, 
Buchhindlungen etc Oder durch Kreuiband gegen Mk. 
2 JO durch den Verlag der _Aklion“ Berlin- WUmeradort, 
Naasauiachcstr. P a Kommiaaionir OuaL Brauna, Leipaig 



DIE REVOLUTIONS G. M. B. H. 



i 

Wenn die deutsche Soziaidemokratie sich morgen 
entschlieBen sollte, terroristische Akte ais poiitische 
Kampfmittel zu propagieren, dann kann stch der 
Burger beruhigt auf das Faulbett legen; es sind 
Knallerbsen gemeint, und auch diese werden nur 
wissenschaftlich-theoretisch geworfen werden. 

II 

Unsere Revolutions O. m. b. H. hat die besten A b- 
sichten. Das Tragische liegt hier: die Lungen sand 
kraftiger entwickelt ats die Anne, weil stets die 
Lungen und nie die Arme beschaftigt wurden. Ein 
abgegriffener Witz, verstaubt genug, um endHch von 
meinem Freund Rudi in Volksversammlungen ver- 
zapft zu werden, charakterisiert diese Partei: „Ick 
mdchte mal wieder nach Nordemey." — „W i e - 
der?“ — „Ich habe schon mal gemocht." 

III 

Sie hat nur immer gemocht, diese deutsche Soziai- 
demokratie, dabei btieb sie. Nie hat sie versucht, 
ein revolutkmares Vorhaben kUhn zu beginnen, nein, 
so unvemunftig war sie nie. Sie hat nur immer 1 
gemocht. 

IV 

Einst, ais man sich, zogernd, von guten Qr&nden 
gehemmt, verstohlen in den politischen Irrgarten 
ParlamentariSmus schlich, muBten „neue, ungeahnte 
AgitationSmogBchkeiten" ais Ausrede dienen. Jetzt, 
nach dem klaglichen Versagen der goldenen 110 bei 
den Wehrdebatten, kann auch der harmloseste Sonn- 
tagspolitiker den Schwindel durchschauen. Wenn 
jemals das Parlament Mittel sein konnte, die Massen 
aufzuriitteln, wenn jemals das Volk von den Ver- 
tretem der Arbeiterschaft eine Tat fordem und er- 
hoffen durfte, dann war es bei der neuen Militar- 



vorlage der Fall. Hier war zu zeigen, daB es der 
Partei, die sich antimiMtaristisch und revolutionar 
nennt, eras* ist. Was gesdiah? Wo Obstruktion, 
rucksfchtstose, heiBe, leidensdvaftlidie Obstruktion 
gemacht werden sollte, fielen einige Schlagworte 
zur Beruhigung fur die Zahlabendbesucher. Einmal 
war die Situation gegeben, die Zwirnsfaden parla- 
mentarischer Nettigkeit zu zerreiBen im Namen der 
Vernunft, einmal konnte man Europa zeigen: wir, 
die Wortfuhrer der Viermillionenpartei, wir verachten 
den Schacher um unkulturelle Dinge; wir konnen die 
Ungeheuerlidikeit zwar nkht verhindern, dodi wir 
Hundertzehn wollen das Zustandekommen des Qe- 
setzes mit alien Kraften verzogem. 

V 

Diesmal haben die Parteifuihrer nicht einmal gemocht 
Mit einer Fertigkeit, die Jesuiten Ehre machen 
konnte, fatschte die ArbeherfrAktion Prinzipielles in 
Taktisches um: aus dem Kampf gegen die Wehr- 
vorlage wiude ein Handel um die Deckungsfrage. 
Plotzlich war der „Riistungswahnsinn“ gar nicht 
so „bis aufs Messer" zu hassen. Plotzlich wurde 
die Schmach, nicht riicksichtslos gegen die Starkung 
des Militarismus gekampft zu haben, zu einem Siege 
des sozialistischen Oedankens. 

VI 

In Jena werden wir das in alien Tonarten zu hSren 
bekommen. 

Revolutionar werden sie dort wieder sein. 

Kluge politisiche Kopfe werden sie sein. 
Massenstreik-Enthusiasten werden sie sein. 
Anrennen werden sae das Botlwerk Kapitalismus. 

VII 

Aber nicht angstlich sein, lieber Burger. Es ist eine 
Revolutions -Oesellschaft mit besonnener Haltung. 

Franz Pfemfert. 



23a 














Oil AKTION 



693 



Glossen 

BRESLAUER VERONUEOUNOSPARK 

Dichtrt Qedringe 
clncr sdtaulustigen Menge. 

Junge Stutzer, Klappeigreise, 

Schleuderware, Wucherpreise, 

Kavaliere nrit EinglaS, Studenten m it Brillen, 
Leute, die ifare leere Zeit austfullen, 

Reidie und BCtrger, Horen und Knedite, 
Frisuren und Zopfe, falsdie und ccbte: 

Das gauze Volk der Menschensippe 
drSngt gierig zur Veignugungskrippe. 

Dfirfler, die in die Stadt herkamen, 
begaffen stair die Uditreklamen, 

Madchen mit dunklen Augenrandem 
handeln lockend mit Vivatbandem. 

Fahnen wallen, Farben knalfen. 

Schlecken, nedcen, kaufen f raufen, 
zetern, wettern, versdfwinden, linden, 
fasten, masten, wahlen, stehlen. 

Mikhbuden mit drailen Melkerinnen, 
Otttdcsurnen mit hohen Hauptgewinnen, 
Karusseil mit Aeroplanen, 

T eufelsrader, Liliputbahnen, 

Kientopp, Kongodorf, Kaffeetrinke, 

Hippodrom und Bauemstfianke ; 

Musike iarmt an hundert Stellen, 

AnreiBer schreien, Hunde bellen. 

Was ffir'n Spektakel, laut und ungef&ge? — 
Jahrhundertfeier der Freiheitskriege. 

Oskar Kanehl 

„WEDER-WEDER“ - „ZE1T IM BILD" - 
w NOCH-NOCH" 

L 

Einmal schrieb Goethe „weder-weder 4< , einmal 
Schiller „nodi*nodi“. Ein einziges Mai in so vielen 
Banden gedruckter Werke. 

Da kommt der Professor Doktor Immanuel 
Tiefbohrer aus Weimar und bespricht die 
Grunde, die Goethe oder Schiller veranlafiten, so 
und nicht anders zu schreiben. 

Dafi er dieses Beginnen und jede ihm ahnlkbe 
Untersuchung die einzige, wahre Aesthetik nennt, 
ist I us tig. Wie er sidi aber mangels sonstiger Er- 
folge und mangels lebender Autoren an die toten 
heranlabert, soil mit seinen eigenen, hochst wdrdigen 
Worten gekennzekhnet werden; denn das 1st wei- 
marisch, also noch Iustiger. 

Funf Grunde fuhrt er an und schliefit: „lch sage 
daher nicht zu vie!, wenn ich zus&mraenfassend be* 




haupte, daft die eunopaische Dichtkunst, ja woH 
die gedamte mensdiBche Kultur nidits von glekfcer 
Bedeutsamkeit diesem faustisdien , , W eder-weder* 1 
an die Seite zu stellen hat : weder bisher, weder in 
alien konnnenden Aconen." 

Dann spridit Herr Tiefbohrer we iter hn jovialen 
Ton von den „geiiebten Dichterdioskuren“, als waren 
sie seine Neffen, und enthullt die Stelle des „Noch- 
nodi“ bd Schiller. Dtabei t6nt er so: „Die Wucfxt 
dieser EnthAflung Qbt auf Sie zunachsi ganz diese&e 
last schreckhaft lahmende Wirkung aus wie auf 
mkh . . . Aber wie es rair geschah, sobald kb Im- 
stande war . . . (usw., usw.), so werden aucfi Sie 
. . . (usw.) . . . eine unerhorte Offenbarung Aber 
unser teures Dkhterheroenpaar . . . auch Sie wer- 
den sicli in freudiger Ergriffenheit sagen, daB etwas, 
was ich phik>logisdie Vorsehung nennen muB, dieses 
Gnadengesdienk nur einem Wei mare r Fbrsdier 
anvertrauen konnte, damit es . . . von unserer ge- 
liebten Klassikerstadt aus seine segensreichen Wir- 
kungen verbreite !“ 

Man sieht, der Mann weiB sich zu plazieren. 

Adi, Sie — Sie Wahrheitsergrunder, Seelenhaftiger, 
Oewissensbeseelter, Gemutsmach tiger, Sie Herr — 
Sie, Immanuel Tiefbohrer, Professor, Doktor und 
Weimarer Forscher — Sie sind klassisch. 

il. 

Die Wodienschriff „Zeit im Bi1d a bradite den Er- 
guB. DaB eine Schriftleitung sich einmal vergreift, 
ist nicht so schlhnm ; was aber die Schriftleitung von 
„Zeit hn Bild“ leistet, geht fiber die Hutsdinur. Sie 
nennt die Reden des Professors Tiefbohrers „inter- 
essant" und kann nicht umhin, fur die Vermitthing 
dem in den Schatten geruckten Messias des Uchtes, 
Herrn H. v. Gumppenberg, zu danken. 

Das ist arg ! Das ware der „Woche“ nicht passiert. 

III. 

Dann als ich nun von hinten die Ofite des Heftes 
zu prufen begann, fiel meine Teilnahme auf einen 
Beitrag fiber Sport 

Dieser Aufsatz ist unterzeichnet mit Dr. Eisenlohr. 

m 

Er beginnt: „Shakespeare laBt einen seiner Hekften 
den wundervollen Ausspruch tun „Kann Ich Armeen 
aus der Erde stamp fen u$w.““. Nadi diesem Bock- 
sprung des Dr. Eisenlohr 'durfte er fur die literarische 
Sparte von „Zeit im Bild“ reif sein; aufierdem be- 
anSpmchen, dafi der Shakespeare ibn selbst ein- 
mal zitiert Benno Weis 



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693 



* 



DIE AKTION 



694 



BUSCHBECK 



Eine Tragflcomddie. (Oesdtrieben ant&filkh der 
Wiener Schdnberg-Skandak und nebst folgenden 
Geriditsverh&ndlungen.) 



Von Stftffef 



VORSP1EL (im Hi mine l) 



DIE MUSIK, efeie junge Dune in guter Hattong; 
Nein, idi glaub es nidit Und wenn es alle Zeitungen 
sagen. Ich halte zu viel von ihm. Und fiberhaupt, 
ich kenne midi nidit mehr a us. Mit meinem Qeist hat 
man ja immer den eigenen schitzen wollen. Lassen 
wir das mit dem Oeist Idi bin doch ein Mkld . . 
Jetzt ies* idi funf Jahre tang kerne Zeitung mehr 
und dann will ich versuchen, ob es nkht eine 
Lostmg gibt. Er 1st heute der Ratsettiafte, der einzig 
Ratsefliafte. Schon da rum uns Ewigen willkommen. 
— Und da dies ein Spief ist, was bleibt mir andres 
flbrig als zu sagen: Ha, da 1st er sdion! 



Spharenklang : F, B, Es, As, Des, Der Kom- 
ponist, der das Ende der MusHc bedeutet, er- 
scheint. Er sieht zunachst nkht gefahrtidi aus; das 
kann skh aber spate r andern. 



DER KOMPONIST: Liebes Fraufein Musik, Sie 
wissen, idi bin Khr Ende. Sie wissen, kh wirke 
gegen Ihren Qeist. Ich tue es aber nidit gem. Ich 
kann nidit anders. 



DIE MUSIK: Wissen Sie das so bestimmt, das mit 
dem Qeist? (feierHch) Sie tragen die Ziige Derer, 
die meinen Ruhm verk&ndigt haben. Wer hat es 
Ihnen gesagt? 

DER KOMPONIST: Die Zeitungen. Alte, alle. 
DIE MUSIK: (dfister) Dann isfs freffidi wahr. 



DER KOMPONIST (noch dflsterer): Wahr. 

DIE MUSIK (beleidigt, weil sie keinen Widerspruch 
findet) : Was wollen Sie dann hier ? Sie wissen viel- 
teicht gar nidit, dab ich jetzt keine Amtsstunden 
babe. . . . 

DER KOMPONIST: Doch. . . Aber ich halte es 
nicht fanger aus. Idi br&uche Ruhe. Augenblick- 
lkh. Und fur Iangere Zeit. Ich will arbeiten. Nur 
Sie kdnnen mir hetfen. 



DIE MUSIK: Idi? Warum aditen Sie auf die offen- 
fiche Meinung? Warum wollen Sie im Jahre 1913 
aufgeftihrt werden? Warum setzen Ihre Sch tiler Sie 
aufs Programm? Noch dazu in Wien. Sie werden 
sehen, das verzeiht man Ihnen nicht 

DER KOMPONIST: Ich kann nidit anders. 



DIE MUSIK: Das sagen Sie immer. 

DER KOMPONIST: Es ist das Einzige, was kh 
zu sagen babe. Und wenn auqh Sie dad nicht ein- 



seben — dann treibe ichs Ihnen zum Trotz wetter. 
Qegen Hfanmef und Holle. Idi kann nkht anders. 
(Er debt bereits teufUsch aus.) 

DIE MUSIK: Da kann man nichts madien. Aber 
werden Sie mir dann nicht zwiespiltig. Ersdircckcn 
Sie nkht, wenn man Sie verfolgt. Nehmen Sie Ibr 
Sdikfcsaf auf skh und bleiben Sie allein. Ich werde 
Sie nie veiiassen. Mehr kann ich Ihnen nkht sagen. 
Oder doch : lesen Sie keine Zeitungen ! Denken Sie 
nur an skh! Nidit an lhre Qegner. 

DER KOMPONIST: Ich wills versuchen. (Exit. 
Spharenklang.) 

DIE MUSIK: Er bleibt, der er 1st Es ist schlimm, 
<iies mitansehen zu mfissen. Schhmmer (geziert) ein 
Weib, umbuhft und doch ohne Madit zu sein. 
(Visionar.) Furditbares wird geschehn. Aber erst 
Im zweiten Akt. 



ERSTER AUFZUO 

Ein enges Zimmer, an den Wan den Plakate. End- 
loser Zigarettenraudi. Zwolf J fin gUnge in erregter 
Stimmung tauchen daraus empor. Man boxt; aber 
es wird noch nidit gesdiossen. 

ERSTER JUENOLINQ (sonst Busdibeck genannt, 
lang, blond; aus Salzburg, und unwiderstehlidi, 
wenn er tadit) : Aber Ihr Trotteln ! (Infolge dieser 
beruhigenden Anrede versteht man alsbald sein 
eigenes Wort.) Also wirktich: es ist unsere ver- 
fluchte Pflkht, fur Schonberg einzutreten. Wenn wir 
es nicht tun, die Jugend, der fl Akademisdie Ver- 
band“, wer soil denn sonst auf ihn horen ? (Er halt 
eine Iangere Rede. Man beschtiefit die Veran- 
staltung eines Konzerts. Auf das Stkhwort „Kon- 
zert“ ersdieint der P I e i t e g e i e r , ein bekannter 
Konzertbesucher, und bleibt vdn nun an auf der 
BQhne. Die Junglinge strekheln ihn. AktschluB.) 



ZWEITER AUFZUO 



OroBer Musikvereinssaal. Der Pleitegeier. Andere 
Konzertbesucher, darunter berufsmafiige Operetten- 
komponisten. Ihre „Einfalle“ in die Musik diesmal 
mit Ratsdien- und Pfeifenbegleitung. Unterbrechung 
des Spiels. Lebhafte Rufe. Die Ueberzeugung, dafl 
heiligste O titer bedroht sind, gibt sich durdtf wiktes 
Handefuchtefn kund (vorlaulig in der Luft). Der 
anonyme Kritiker „ Veritas" benimml sich wie immer. 
Nadi der Zekhensprache zu schfieBen, wird „Kul- 
tur“, „ Musik", „Skandar“, „Bagage“ und ahnlidies 
ohne ersidithdie Folgen durcheinandergemfen. 
Plotzlich ersdieint der Polizeikommissar. Daa 



Konzertorchester stirnmt sogfekh das Lied „0 du 
mein Oesterrekb" an. Ein Tett des Pufaiikums sink* 



DIE AKTION 









elnem anderen gertihrt in die Anne. Der Pfcftcgeier 
rauscht ptatriotisdi mit den FHgeln. Nodi andert 
brflHen und rufen mit behfen Handen (wie oben) 
welter. 



DER POUZEIKOMMISSAER (sebr gemfitfteh): 
„Aber meine Herrediaften, d 5$ ghdrt sfch docb 
ndt“ 



Sofort tiegen sie alle wieder in den Haaren. 
Ruf von unten: „ Nidit gedadit aofi es werden \ u 
Anderer Ruf: „Ffir das hat man gesMt?“ Dritter: 
„No horen Sie, nidit genug haben Sie fOk* Ihr Odd? 44 
Buschbedc tritt auf. Er scheint urn Ruhe zu bitten. 
Ein Operettenkomponlst: „Lausbub \" BuscHbcdt 
fragt erregt, wer da mit gem ein t ist Aus welteren 
Handbewegungen ergibt sidi, dafi der Operetten- 
komponist den animus Iniurandi nicht vennissen BeB. 
Er erbalt eine Ohrfeige. Nodi welt irgerer Tumult 
Rufe: Da muB amtsgehandett weFnl 
AktschfuB. 



DRITTER AUFZUO 

i 

Geriditsverhandftmg. Alles wie sonst, bis auf die 
anheimefnde Anwesenheit von Op c ret tcnkom po- 
nisten. Libretti sten prufen, indem sie den Beridht 
aufnehmen, den „StofF 4 . 

ANOEKLAOTER BUSCHBECK (angesldfts der 
Wfirde des Ortes in sein Schkksal ergeben) : No ja ! 
(Setzt sich traumerisch nieder.) 

DER AN WALT DES KLAEOERS: Ueber- 

haupt, sehen Sie sich an den KfSger! Er gehidrt an 
einem Industriezweig, der bringi Mfflionen, h5ren 
Sie, Millionen, in unser armes Vaterland. Denn was 
exportieren wir nodi? Mensdten und Operetten. 
Sehen Sie sich aber audh an den Angefclagten. 
Rechtshorer is er, hat er gesagt Ein sdtones Recht. 
Macht ein Konzert (nebbidi Konzert) und wenn 
die Leut nidit wotlen horen zu End, is er fredi 
und veilangt, da B sie sich anstandig benehmen. Was 
hat er denn schon geftistet, dafi er sidi so was traut? 
Und dberhaupt, die Musck! Die Musik, das Hei- 
Hgste, was Wien hat, ist bedroht. Als BCrger von 
Wien, nicht als Anwalt schrei idi zu Ihnen her auf: 
sddtzen Sie die Musik! 

DER VERTEIDIGER: Aber eigentlidi hat ihm 

dodt der andere zuerst Lausbub gesagt 

DER ANWALT (extatisch) : Und wenn schon ! Da- 

fur bringt er Millionen ein. Unser armes Vater- 
land. 

URTEIL (im Namen des Operettensiaates) : Busch- 
bedc hunderttausend Kronen oder zwanzig Jahre Ge- 
fangnis. Im Wege des aufierordentficben Milde- 



rungsredites umgewandeft in dn Jahr tigtidben 
Operettenanbfaens. Buscbbedf verzfcfctet acuf dfe 
Strafumwandfung. Mtaren im PubBkunt 



NACHSPIEL: 

DIE MUSIK (Sehr betttamert) : MuB das sein? 
CHORUS MYSTICUS: Es muB sein. 



Nach dem OeSetz, wonadi wir angetreten. 

Mir San mir, 

Neunzehnhundertdreizehki. 



Ueber ein Essaybuch 

Von Ernst Stadler 

Ein „Prolog im Kino* 4 eroffnet diese Samftniung 
Pariser Essays : Auftalct zu einer Herzen smusik, die, 
um ihr Tiefstes und Emsthaftestes zu sagen, nicht 
tnehr den Aufwand drdhnender Worte branch! ; die 
alles Schwere in eine freie Geistigkeit gehoben und 
eine Atmosphire heiterer Klarheit um die Dinge ge- 
steBt hat Dieses Buch ist ein Kampfbudi. Aber 
der Kampf wird gefoditen mit der blitzenden Ele- 
ganz eines Spiels, ladielnd, Bberlegen, in den ver- 
bindlkhen Formen ritterlidier Sdiulung. Das stfir- 
misdie Pathos, in dem sidi fruh’er Sduckeles Tem- 
perament enthid, ist hier gedampft, zuriickgehaHen 
von der fciinstferischen Lust an der schlanken Zier- 
lkhkeit des Waffengangs und dem Willen, den Geg- 
ner zu treffen ohne Keuchen und Sdiwitzen, aber 
mit untadeliger Prazistion : „Hier wird nidit mit 
Fausten dreingesdtiagen". So bleibt als Grundton 
eine feine, t&nzerisdre Ironie, hinter der man fret- 
lich in jedem Augenblidc den leidenschaftfictoen Herz- 
ton hervorhort, den nur das glaubige Sicheinsetzen 
fur eine Idee verleiht. Und hier und da wird das 
heiter-emsthafte Geplankel der Satze durch heftigere 
Akzente unterbrodien, und Ingrimm, Liebe und 
Siegeszuversicht drangen zu harterem, unmittel- 
barerem Ausdruck. So gleidt zu Beginn, in der 
Widmung an „die jungen Efsasser". Diese Wid- 
mung knupft an den Soktatentod eines Elsassers an, 
jenes Kapitans Ffiegensdifuh, der vor ein paar Jahren 
in den franzdeisdien Kolonien von den Eingebone- 
nen in einen Hintediait gelodct und niedeigemacht 
wurde — ein $ynd)oti$dies Leben vollendend: „er 
hat das elsassasdie Abenteuer nodi einmal fih skh 
und fur uns alle wiederholt**. Das glorreidie ei- 
sassisdie Abenteuer, das sein HeHenzeitaher hatte 
in den Kriegen der Revolution, das sidi entatMete 

Rend Schlckele: Sch'eie auf dem Boulevard. Berlin 
Paul Ca»«irer. 1919, 






DIE AKTION 



696 



an seiner Idee und geboren wurde aus dem Herzens* 
drange: der Not, frri zu sein. „Wir waren die 
Zugehorigen eines Vo I Ices, das die Embleme der 
Kneditsdiaft durdi die Worte ,Freiheit, Qlekhheit, 
Bitiderlidikeit' ersetzte". Das Heklentum des el* 

sissischen Kapitfins FKegensdiuh zeugt daffir, dafl 
das eUssische Blut heute nidit matter und lauer 
durch die Adem flie&t als vor h under! Jahren. Den* 
nodi : dieses Hekfentiim war ein Irrtum. Das kriege- 
rische Abenteuer sdienkt heute keine Ruhmeskranze 
mehr, und die Idee der Freiheit, ftir die sidi die 
Elsasser eingesetzt haben, verwirklicht sich heute 
in anderen Kampfen: „die Strafie gehort anderen 
Bataillonen". Der freiheitlidie Rhythm us der Mar- 
seillaise, der ffir den Elsasser immer mehr als eine 
bk>B natkmalc, eine aUgemeln menschlidie Ange- 
Eegenheit war, mu6 heute zu anderen Schladiten 
anfuhren. Ein Gedanke wild wiederfiolt, den 
Sdiickele sdhon frfiher an vielen Stellen ausge- 
sprodien hat: Leitet Eure Energie, ruft die Wid- 
mung den j ungen Elsassern zu, auf unsere eigen e 
Angelegenheit uber. Helft mit, ein demokratisches 
Deutschland zu sdiaffen. lhr konnt es, indem ihr 
euch seiber und'euren Tradition en treu bleibt, in- 
dem ihr euer innerstes Wesen rein eihaltet und 
durchsetzt Hier wartet euer eine Aufgabe, die nicht 
minder groB ware ak jene, die ihr vor einem Jahr- 
hundert habt erfullen helfen. Darum fuhren die 
kurzen bedeutungsvollen SchluBworte „nach Berlin 1 ', 
wo heute nodi alles in einetn sturmischen Werden 
und Wandel is t, Der ElsSsser, den seine ganze ge- 
schichtlidie Vergangenheit mit Notwendigkeit auf 

die Selte der Linken stellt, wild in dem Kampfe um 
ein demokratisdies Deutsdiland vielleidit einmal eine 
entsdieidende Rofle spiel en. So bleibt der Ge- 
danke an das EfsaB immer hn Hinterhalt und ge- 
heimes Thema des Bitches, audi wo von ganz an- 
deren Dingen gesprochen wird. Denn diese Auf- 
satze handefn von der Nation, die den Elsasser zu- 
erst ganz 9kh seiber kennen gelehrt hat : von Frank- 
reidi. Und da alles, was Frankreich heifit, immer 
nodi in Park gegNttit und gesdimtedet wird, von 

Park. Und da alles Leben in Paris erffiltt, dirdi- 
setzt ist mit der groflen politisdien Leidenscfcaft, 
da Potitik dort das* Leben seiber bedeutet, in ereter 
Linie von den politisdien Kampfen und Garungen. 

Der groBte Teif dieser Aufsatze ist entstanden aus 
Artikeln, die Sdnckele vor drei Jahren als Berkht- 
erstatter einer ekSsskdien Zeitung aus Park schrieb. 
Audi dieser nachtraglidien Wahl blefbt die Leb- 
haftigkeit, das rasdte T empo des frisdien Eindrudcs 
gewahrt. Mjan Iesje das Tagebuch aus der Wahlaeit 




1910 oder die Sdiilderung des Elsenbahnerstreikes 
oder die Auseinandcrsetzung der royaHstisdien Re- 
aktiou oder die Aufsatze uber Jaur&s und Briand: 
lebendige, flcharf gesehene Augenblicksbikler, die 
dennoch ihr Bindendes haben durch die geheime 
Idee, die ihnen zugrunde liegt: zu zeigen, wie in 
einer Nation, die sich einmal mit Entschlossenheit 
zum freiheitlkhen Oedanken bekannt hat, jede Er- 
schtitterung, jede innere Umwfihlung immer nur mit- 
hilft, die Sadie der Freiheit vorwarts zu treiben. 
Und wie jede persdniiche Kraft, auch noch gegen 
ihren Witlen, im letzten Grunde fur die Starkung der 
Demokratie arbeitet. „Viva la libertk" konnte auch 
diesem Buch als Motto voranstehen. Wie die Idee 
der Freiheit skh alien Hemm ungen, allem Ueber- 
laufertum und scheinbaren Rucksrfilagen zum Trotz 
durchsetzt, das ist sein eigentliches Thema. „Denn 
die Menschheit will vorwarts selbst gegen ihre Ein- 
peitsdier, wenn diese, von der Schwerkraft erfaBt 
oder aus Hang zum erworbenen Besitz, sich gegen 
sie wenden. Sie will vorwarts, trotz allem. 1 ' Dieser 
Glaube an die Zukunft, an die deutsche Zu- 
kunft, und die Rolle, die bei den kommenden 
Kampfen dem ElsiaB zufallen wird, ist es, der immer 
wieder zum Ausgangspunkt zurikkfuhrt. Denn, wie 
es in der Wktmung an die jungen Elasser heiBt: 
„Es ist ein Buch der lebendigen Erinnerung und 
einer Zukunft, die unsere Vater vielleidit nicht ge* 
wollt haben, die aber ganz die unsere werden muB.“ 

AN HEINRICH MANN 
Du formtest Deine Bacchanalgestalten 
mit trunknen Fingern aus dem Fleisch der Faune. 
Du zeidmetest in goldner Meisterlaune 
Lustmarchen auf den Leib Silens des Alien. 

Im Traume schriebst Du. Deine Lippen lallten. 
Du lauschtest leise meckerndem Geraune 
des schwarzen Riesenbockes hinternt Zaune 
und Venus half Dir Deinen Pinsel halten. 

Zu Grabe taumelte Dein Bacdianale. 

Es sdiarten skh die Schatten immer dkhter 
um Deines Werks vesblutendes Finale. 

Im Schlosse dflsterten die letzten Lidhter, — 
und es erlag im dunkten Venussaale 
die Herzogin von Assy ihrem Diditer. 

Oustav Specht (Moskau). 

DIE WELT 

(Dem Clown zugeeignet) 
Viel Tage stampfen uber Menschentiere. 

In weichen Meercn fhegen Hungeriuue. 



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699 



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DIE AKTION 



700 



In Kaffeehftusem giitzem Kopfe, Sim. 

An einem Mann zentiften M&ddienscfrreie. 

Gewitter stfirzen. Wfilderwinde Uaken. 
Qebete kneten Fraun in dunnen Handen: 
Der Hengott moge cinen Engel senden, 

Ein Fetzen Mondfidit sdvmmert in Kloaken. 

* 

Budtleser hocken still auf ihretn Leibe. 

Ein Abend taudit die Welt in lib Laugen. 
Ein Oberkorper sdiwebt in einer Sdteibe. 
Tief aut dem Hirne fallen seine Augen. 
Alfred Lichtenstein (Wiimersdorf.) 



SEINE BRUECKE 

Anr einen Ufer streckt ein Kruppel trig 
Sein dfirres Hotzbein in die blinde Menge, 
Am andcm sperrt ein Trod ter ihr den Weg 
Und schreit veriome Worte ins Gedrange. 

Und breite StraBen werfen ohne Rast 
Auf sie die witde Brandung ihrer Maszse n, 
Die skh vorfiberpreflt in plumper Hast 
Und gischtend wieder teilt in breite Oassen. 



Und faumclhd kriechen dutch die sdiweren Bogen, 
(Phantastisdl-steiler Ttirme sdiwarze Pradit, 

Und kalte Lkhter sdileppend), graue Wogen 
Wie dkke, stumme Tiere dutch die Nachl 

Friedrich Ei sen To hr (Paris.) 



NOMADEN 

Den Hhmnel der Steppe haben wir nicht mehr flber 

unb, 

Aber die fliegenden Reiter Sind wir geWieben. 

Weh unb, wenn uns ein Dadi haft; 

Uttare Augen werden stumpf, unsre Pfeife treffen 

nicht, 

Unbre Sagen verloschen. 

Aber der Wind treibt uns kn Schwarm gegen die 

Stadte, 

Und unsre Rosse weiden in den Beeten zwisdien 

den Wadserktinsten ; 

Von den Terrasisen n eigen skh Frauen wie die 

Sterne und fQDen den roten Wein in unsre Hehnie ; 

Und schon vertraben wir femab im Dunkel. 

Hellmuth Wetzel 



Die Ruckkehr 

Von Andrl Oide 

Tunis, 28. Dezeraber 

Wir suditen vergeblich, auf denr Htiget des Bel- 
vedere, <fiese Zwergiris, von einem Bbu so liebbch 



veikhen-beblaut ,die, gebtern, zwfechen Constantine 
und Tunis, btindetweise und versdiwendedsdt den 
Weg verbramten. Dafi wir sie nicht pfKfcfcen 
konnten. Idi hatte vereucht, in meinem noman- 
nibdien Garten ein Rhizotif zu akldimatisieren, wie 
idi es mit der selteamen Zwiebel tat, die idi von 
C. brachte, die aber seit zwei Jahren hartniddg nur 
Blatter treibt 



Syrte von Tunis 

Poldern ... die nur dem Licht ihre Scbonheit danken. 
Immer zogen midi unbestimmte Lands tucke an. 

lch kam an den Hafen. Zwei Italiener brachten midi 
in einer Barke. Langsam, Unge trieben wir zwisdien 
den NuBsdi'alen der groBen Boote. Wir buckten uns, 
um unter den Tauen durdizuschiupfen. Nur cine 
leichte Bribe wehte, das Wasser war nidit tief, der 
Boden stehien stellenweise durch. Einen Augenblkk 
genet die Barke vorn in Schlamfm, und dab Schlagen 
der Ruder trieb einen faden Geruch auf. Idi gbube, 
Pfahle, da und dort oder sdmuigerade aufgeriditet, 
zeigten diese Ausglekhungen an; sie untersdiieden 
skh nidit viel von denen, die in der Bretagne die 
Austemparks abgrenzen in der Gegend von Loc- 
mariaquer . . . gleidi danadi bah idi soldi graugrune 
Stellen wieder, und die Barke, in der idi fuhr, glitt 
nodi langdamer und saditer, und idi kreiste mit noch 
viel grofierenv Veignugen zwisdien den fladien 
Inseln von Marbidau. Das war der Sommer; die 
Luft war wetB und das Meerwasser bu; die Sonne 
war niedergegangen, ohne a ns Land zu ruhren ; dann 
badeten wir. Dm Meer war da sehr wenig tief und 
die Faiben deb Boden s mischten sidi den ge- 
sdiuppten Liditera des Htmmefe. 

Messina, 3. januar 

Ein unaufhoiikhcr Regen besddagt die Kalabrisdie 
KftsJte, die skh endlos entfernt und bisweilen sidi ver- 
Hert ; man sdeht dann nkhts mehr durch die groBen 
vergitterten Nischen iiber dem Steinbalkon, den das 
Wehen des Gegenwindes begrtinte . . . auBer den 
Rahen zweier Schiffe . . . weifl nicht wanan* kb dab 
stehreibe. 



Neapel 

Vom Speisesaal des Hotels her — es ist redit er- 
leuchtet und hat man ein paar Glaser Falemer im 
Kopf vieflekht luxuriob, hort man durdi die Vor- 
hange und das offene Fenster die unvermeidlkhe 
Serenade. Wie bdiiene dem Aiaber diese Musik un- 
anstandig, auf ford emd und ohne Sdiatn. AHes 
Pobelhafte, dab von Deklamation und wolKfetiger 
Heulerej voll ibt, regt skh in der biHigen Melodic 
auf. Icb blejbe . . . Dies und daft katzclf die 



6 I « 



DIE AKTION 



701 




schwadien Zartfidikeiien, dn wenig FruMing da* 
zwischen, idi bin bezaubert 

Ncape? 

Zwistiien zwd Pianolos, ich lcsc, bedenke und be- 
trachte das Mecr. Ah, wie wurde mir es vergnug* 
Kdt und ganz leicht, dieses sfifie Ersdvockensein 
uber haHentochen Glanz. Wunderlich, wie hore kh 
auf, mkh auf Reisen zu spfiren. Ich denkc an die 
kfeincn Oewohnheiten, die Nietzsche nennt; die der 
eingeschlaferte Verbannte sich sorgfaltig aufbaut fur 
ein paar Tage, Wochen Oder Monate, die ihm die 
LangewdEe abwehren und seine Albeit halten; die 
so sehr dem Beharrlkhen gefallen, daB er, ledig 
alien Zwangs und jeder Verpflichtung, nur noch 
von sich Bindungen annimmt, sich auferlegt; 
diese 1st streng aber itnmer gut Har die Albeit, genau 
aber ausgewahlt. Geboren a us dem Gefuhl der Ver* 
bannung, durchd rin gt sic die Arbeit mit einem be- 
standigem Wecken, einer sorglosen Erregtheit, wo- 
durch der Gdst aufmerksam bleibt, bereit zur An- 
Slrengung, bereit zum kuhnsten Begreifen, und man 
verliert nie das Gefuhl vom Wert der Stunde. 

Ich sage das nicht gegcn Banes, aber idi denke es, 
tnotz ihm. 



Rom, vom Monte Picio 

DieSe D&cher sind schon. Die sinkende Sonne, die 
eine kleine Wolke einen Augenbfick vetbirgt, be- 
leuchtet sie wieder. Es hat geregnet; aus den tiefen 
Strafien steigt Dunst auf; vom Jankufus dampft 
es hinunter. Ich neige mkh vom Oelander, hin- 
gekauert wie Polyhymnia, mit der Gebarde, die den 
Vorfibergehenden Sagen laflt: „Der Traumer"; kh 
traume durdsaus nicht, kh betradite. Die Platt* 
dacher, die der Ptatzregen scheuerte, leuebten, in 
der feuchten Abendluft mischt skh das Gewimmel der 
Hauser, die Strafien sehen wie Ufer, die Platze 
wie Seen. Und es erheben sich im Lidit Dome und 
Tunne. . . . Nein, kh traume nkht. Und warum 
sollte kh kauraen. Warum soltte idi vor dieser 
Wirkhcftkeit die Augen sdiliefien um zu traumen? 

Parish Februar 

Es macht mir keine Freude, die anderen wieder* 
zusehen ; und kh ffihle, sie fuhlen es nur zu sehr. 
Warum soil kh vor T. von der Reise sprechen ? 
Gewifi, afies, was kh von da unten berkhte, ver- 
steht er 



9 9 * 



aber er schmeckt es nkht 



Cuvervifie, Juli 

Ich kse wieder meine Reisenotizen. Fur wen ver* 

oHentfichen? 



Sie werden wie diese Harze sein, die nur der Hand 
die sie erhitzte und hah, ihr Parfum gewahren. 

Cuverville, August 

Ich Hebe den Sommer, den vollkommenen, kraftigen, 
den verzehrenden Frieden der Sonne, ich liebc 
diesen Mittag, wenn nach den spitzen Stimmen der 
Jvuhe, Ersdilaffung die Ebene deckt, daB die Luft 
fiber den gemahten Feldern zittert und in der glOhen- 
den Furchc die Lerche die Fifigel streckt. Ich ging im 
erstkkenden Wald, den Geruch der Farnkrauter ein* 
atmend, bis zum Waldrand, zum Abend. 

Ich liebe den Geruch des prikhtigen Abends, den 
Schatten der Schober, den Nebel vom Meer, der bei 
uns hochsteigt, wenn die Sonne sinkt, der sich 
dehnt, die Ebene feuchtet und vor Naditbeginn 
Wirze in die Luft sichuttet mit einer pfotzlichen 

Frisch e. 

Was wfinschst du noch, begehrendes Herz, tmermfid- 
Ikhes Herz? 



Paris von Gutersloh 

Von I g n o t u s (Budapest) 

Pa’ris (mit dem Ton auf der ersten Sit be), Paris 
von Gutersloh ist der wirklkhe und burgerliche Name 
eines jungen Mannes mit einem fcin-schfichtemen 
Zuchthauslerkopf, mit unterschiedenem BNck und 
gewahlten Barenbewegungen, mit der Provinzler- 
innigkeit des zum Oesterreicher verweichtkhten Ger- 
manen, dessen urspriinglich Bauerischcs und Mysti- 
sches viellekht durch italienische Oder jfidisdte 
Mischung langst ins Stadtische und Intellektuelle 
hinubergemengt wurde. Jemandes, dcr Nerven hat, 
wie ein Franzosc, in Stkhworten spricht, wie ein 
antiker Griedie, das altes aber, merkwfirdig genug, 
mit einem Emschtag von Lerchenfekierisdiem. 

Der Name von Gfitersloh ist einem ganz kleinen 
Kreis von Wienem, seit einiger Zcit auch von 
Parisern a Is der eines merkwfirdig personlichen 
Malers bekannt. Wenig hatte gefehlt — das Wenige 
war das Gefd, das man nicht gewillt war, ihm noch 
zuzusdiiefien — und der Name Gfitersloh ware auch 
den Berlinern, und zwar afs der eines merkwfirdig 
andersdenkenden Buhnenordncrs gelattfig. Wir, ein, 
zwei Leute hier in Budapest, kennen Gfitersloh von 
einem merkwfirdigen Buch her,*) das, von ihm 
geschrieben, „Dk tanzendc Tdrin“ betitelt, die Stetle 
enthatt: „Traume stiefien bald mit dem Helm, bald 
mit der Lanzenspitze an die Decke ihres Gehims.“ 

*) Verkag Geoig Muller, Mtochcn. 






DIE AKTION 



704 



Tribune — dieses Buch 1st schdn, als ob es im 
Traunr geschrieben worden ware. Mit der Scharfe 
und Bestimmtheit der Traume (denn Trau me sind 
scharf und besthnmt und verschwitnmen nur in der 
Erinnerung) — mit der Leichtigkeit, der Un wider- 
fegiidikeit und dem unendlichen Reiditum des 



Traumes werden hier Sachen erzahlt . . . Alles wird 

i 

hier erzihlt, alle Dinge, die vom Hi mm el und von 
Erden unserer Schufweisheit ganz anders bekannt 
sind. Was das Buch eigentlich erzahlt ? Nimmt man 
es wortlkh, so zergeht es unter der stdrenden Wucht 
des fremden Wortes. 



Etwa: Ein jungeS MSdchen aus gutem Hause schafft 
skh einen Bewerber, den sle ganz gut leiden mag, 
mit der Luge vom Halse, sie ware eine Gefatlene . . 
mit dieser Lflge rast sie in ein zeitweiliges Leben 
hinbber, wo sie, unter dem Vorwande, skh zur 
Tanzerin auSzubilden, einige Monate oder Jahre 
von Mann zu Mann geht, von Mannlein zu M5nnlein, 
beim eigenen leibhaften Binder angefangen, von 
alien angezogen und gewiinsdit, doch von keinem 
bertihrt ... so fdgt sie sidi von Mann zu Mann f von 
Stadt zu Stadt weiter, endlidi aber mud sie, vom 
Leben beim Wort genommen, eine ihrer Lugen- 
brOcken betreten, — sie nrddte, urn leben zu kronen, 
als Tanzerin auftreten, dodi sie 1st ja keine Tanzerin 
und die Brftcke Stfirzt unter ihr ein und sie geht damn 
zugruitde. . . » 



Wie gesagt: wer das Buch kennt, wird diese Inhafts- 
erz&hlung ISeheriich linden und mit einigem Qeschkk 
eine ganz and ere Lesart aus dem Roman heraus» 
lesen, und die richtige wird auch die nidit sein. 
Denn das Buch 1st gerade dadurch merkWiWrg, dad 
skh alles hineinlesen, daher alles aus ihm heraus- 
lesen laftt, weil da In getupften Satzen, wie von 
einem Point! listen nebenemander gesetzt, beilaufig 
alle Mdglichkeiten auf eine PapicrflSche gebannt 
werden, von denen ein allem offener Intelfekt dutch* 
flutet werden kann. So wenig 1st diesenv Didfter, 
oder Maler, oder Kunstler, oder, mit einem Wort, 
diesem vollwertigen Mensdien etwas giekhguRig, 
dad es beinahe glekhgiiltig, gleichsam nur ats Vor* 
wand zum Berfihren erscheint, wovon er eigentlkh 
spridtt, was er eigen tUch erzahlt. Alle seine Be* 
obaditungen, alle seine Worte, alle seine erzenen 
Mctaphern und hingehauditen Anspiefungen sind wie 
Fenster, mit der Ausskht ins Unendliche. Sind wie 
Mensdien in den Kosmos hineingefugt. Sind wie 
Gehirne, als Knotenpunkte sSmtlkher Welten alles 
Oesdiehens. Sind wie Tauferopfen, in deren jedemr 
einzelnen die ganze Sonne im Spiegelbild erzittert. 
Es 1st das ahnungsvolfete Buch, das je von einem 



genialen Dilettanten in die Welt gesdileudert wurdc. 
Audi zu lesen 1st es, als ob man Hume. Auf dem 
FluSse seiner Erzahlung gleitet man dahin, wie auf 
einer anderen Lethe, einem Warner der Erinnerung. 
Das D am merhafte seiner Art, jah mit dem nodi nkhft 
Vorgekommenen als mit ettoas langst Bekanntetn 
einzusetzen, und in angstvolter Liebe belnr ttngst 
Abgetanen zu verweilen, erinnert an jene Art von 
Traumen, in denen wir mit langst Verstorbenen Zu* 
sammenkunfte feiern, und urn so angs broiler und 
freudvofler uns hmner wieder uberzeugen, daft sie 
tafsachlich leben, tatsachlkh bei uns verweilen und 
der Tod ihrem Leben keinen grofieren Schaden zu- 
gefugt hat, als wir nur zu gut wissen, daft sle 
tatsachfich tot sind, tot, tot, tot, wie ein Tdraagel, 
schreibt Dickens. ... In einer atembeklemmenden 
Fulle jagen oiese sprechenden Gebilde an einem 
vorbei. Es 1st wie eine intelkktuelfe Blutungskrank- 
heit: wo man das Buch anruJirt, sprudelts aus dem 
Innersten hervor. Dabei mit einer Mystik im Aus* 
druck, die den Leser in standigem religidsen Sdrauer 
erhalt, Intuition bei ihm voraussetzt und ihm In- 
tuitives verabreidrt — jedes Wort eine Hostie. 

Ein gedanklicher Weihrauch haftet hier an allem, und 
heiligt so, assoziativ, das AUerprofanste. Wie imf 
Lidite von Wachskerzen fl adeem und von ihrem 
Rauch angebraunt, heimeln uns Bikler von Weibem 
und Mannern an. Das Weib, das fur den Inzest ge- 
borene ewige Kind, das im Manne immer und irnmer 
den Vater sudit und hintergeht. Der Mann, der von 
der Frau pervertierte, der ihr zuliebe und aus Liebe 
zu ihr die Liebe zum eigenen Oeschlecht in skh 
ertotet. Religion und Malerei, Tanz und Zhtmter- 
einrkhtungen, Sommer und Winter, Homosexuafitit 
und KatholiziSmus, Traume und Wirklkhloeiten, 
Gleichnisse und Bestimmungen — ein rekapituliertes 
We Ha 11 brodelt, flimmert und flattern hier <hmh* 
einander, — alle Bezietmngen des Lebens, aber wie 
dutch einen Tod gesiebt, in Faiben, wie das Wejbeit 
des Lichts durdi die Olasmalereien eines Oruft- 
fensters. 



Es ist kaum nachzuspuren, wovon eigen tRch das 
Gespensterhafte dieses in vielem realistischen Vor- 
trages herruhrt Vielleidrt von dem Jihen der Ueber- 
gange. VieReicht von dem stummen Haschen nadi 
Bewegungen, wie bei einer jungen Katze. Und in* 
mitten einer brausenden Oesprachigkeit von stotz- 
schweigsamen Worten, die mit ihren Weisungen 
still beiseite stehen, den Durnmen verachtend, der 
taub an ihnen vorbeihastet. 

Des Budtes Kunst freilkh ist nicht die des Aufbaues, 
der Anordnung, der Kondtruktion. Auch geht ihnr 



DIE AKTION 



ft 





V 



das Kraftige des Nordischcn ab. Weidi und zer- 
fahren, und, trotz der jugendllchen Fulle, etwas 
eravudet mutet einen das Buch an, mit einer Epik, die 
daa Schicksafhafte verkundet, selbst aber vom Zufalf 
beherrscht wild. 

Von einem detenninierten Zufall, selbstverstandfich. 
Von denrselben Zufall, der im Traume aus ganz be- 
stkmnten Ursadien das Hauptsidilkhe versddeiert 
und das Beilaufige hervorhebt. So wild hier, un- 
vorbereitet und unvorhergesehen, bei Nebensach- 
lkhkeiten Halt getnacht; der FluB der Erzahlung 
staut und schwiflt an, bis zum Dammblrudi, dem 
Wassersturz, der brausenden Ueberschweimnung und 
der VerflieBenden Beruhigung. Details konraien so 
zu einer Bedeutung, die scheinbar aus dent Rahmen 
der Erzahlung fallt, tatsachfich aber thr Wesen aus- 
macht. Von Flutwelle zu Flutwelle geht das Qe- 
sdiehen weiter und weiter, bis es am Ende in Nidtts 
zerflieBt . . . Wie im Traume . . . das Regellose des 
Buches pack! uns im Innersten der Seele, eben weil 
es jenem der Seele nachgebildet isi 

Freud, Professor Freud, schwebt — bewuBt, Oder, 
urn sdlhaft zu sein, unbewuBt — utter diesem 
puisierenden SeelenerguB. Die Art, der Vortiag, 
die {Composition Otiterslohs 1st die freie Assoziation. 
Das Regellose seines bewuBt Ausgedruckten hat 
seine Regel in den Zusammenhangen des Unbe- 
wu B ten. Da her auch seine Allwissenheit — denn 
was gibt es, was wir bewuBt oder unbewuBt nicht 
erfahren batten, und was, bei der Koharerrolle un- 
seres ichs, bei unserem Hineingesetztsein in das 
WeHallj uns nicht durch die Seele gezogen ware und 
in ihr, wenn auch unbewuBt, seinen unverwischbaren 
Eindruck getassen hatte? Ein epischer Verwandter 
des ‘ Drama tikers Wedekind, geht Gutersloh ge- 
dankenfos seinen Gedanken nach, heiBt da$ 
Kt&gelnde in skh schweigen und madit das 
Wissende in sidi sprechen. Und so gibt er, von 
Unsinn zu Unsinn taumelnd, den Sinn des Lebens. 
Er jjagt den Tatsadien des Lebens nach, mit <fem 
Rausch e eines j ungen Raubtiers, das durdi Zufalf, 
der eigentfich BesUmmung war, in ein fremdes Ge- 
biet sich verirrt teat. An Tonen und Linien erzogen, 
sind dem sdviftstellernden Maler die Worte neu, 
tnerkwurdig, seine Gier erregend. Er watet in ihrem 
Blut, er saugt ihnen die Ideen aus, und wo er bis 
zum Hatbtod ermattet niedersinkt, dort endet das 
Budi. Sons* kdnnte es, mit derselben Beredsamkeit, 
mit derselben Freude am Wort und Raserei im Aus- 
drudc ins UnendHdre fortgefuhrt werden. 

Icb kann tmr nicht vorsteflen, ob und wie 
Gttierrioh ein neues Budt zustande brincren konnte. 



Ein neues — gewifi, aber ein anderes ? In diesem 
einen Budie gibt er sich so votistandig und wieder- 
holt sich so bestandig, daB sein Ton mit der Abge- 
sdilossenheit des letzten Wortes im GemAte des 
Lesers verbucht wild. Der „ Roman des Miidiens" 
tastet im Dunklen mit einer Neuheit herum, die nur 
mehr Routine wevden kann, und sie tacht aller Logik 
mit einer Vollheit ins Gesicht, daB sich das nur 

wiederholen la fit, nicht aber erganzen. 

¥ 

Es 1st ein Dokument des Edetsten, das man jetzt zu 
ffitilen, des Ergreifendsten, wie man es jetzt aus- 
zudrficken vermag. FQr den, der es gelesen, wild 
es ein, wenn auch nodi so besdiekfener Teif seines 
bisherigen, ein, wenn auch noch so Teiser Bestimmer 
seines weiteren Lebens. 



„Wenn ich mein Hemd fallen 
lasse" 

Von Franz Vallentin 

Morafisdi-asthetisdte Briefe eines Kaffem an seinen 
Binder 



Mein Eieber B ruder Jumbo! 

Ehifiche Kaffemseele, was is* in didi gefahren! 
Du faBt mich durch Billy fragen, ob ich dir nidit 
nach Europa heffen kdnnte. Wer hat dir nur diesen 
Unsinn in den Kopf gesetzt! Weifit du denn nidit, 
welche Gefahren nebst der Sdiwindsucht jedem 
wasdvedtien Kaffer in Europa drohen! Welches 
europaische Ktima soil ich dir empfehlen? Fiank- 
rekh, sagst du. Ich wame didi. Die Weft bleibt 
nidit stehen. Sie geht mandtma! audi rudcwarts. 
Nur wir Kaffern merken das. Dieses Land featte 
bisher den besondem Vorzug, kraft seiner gGnsti- 
gen Rassemistiiung in der Versinnffchung der Welt 
ihre Vergeisfigung zu finden. Du verstehst das 
nkftt? 

So stefle dir vor: Idi kdnnte weder sehen, nodi 
spredien, nodi horen, noch mit den Fingem ffihflen. 
Der Medizinmann Konkondababukiku fflhrt midi 
jetzt in einen Badceifaden, und der Bicker fragt: 
„Was will dieser stum me Geist da ?“ Der MedbSn- 
mann antwortet: „Wiffst du wissen, was die Welt 
ist?” — Der Backer Hupft vor Veiguttgen: „Wenn 
die Welt kein Meld ist, bin kh kein Bicker!” — 
Der Medizinmann sagt: „Dieser Gefet w eft es!” 
— Der Bicker antwortet: „Den grdfiten Kudi'en 
der Erde zum Lohb! Ich will’s wissen !” — Der 
Medizinmann sagt: „So wit idi ihn fragen”. — 
Und Konkondababukiku, der Medizinmann, zieht 



DIE AKTION 









einen Zauberkreis um midi und fragt: „Rabakabo- 
kakar wawauho mizzipsihuhu : Was ist die Weft?" 
Und fegt sein Ohr an meinen Mund, um zu h&ren, 
was idi meine. Idi aber schmedce die sfifie Luft 
und schnafze ganz leise mit der Zunge. Da hebt 
der Medizinmann erfeudttct den Finger und ver- 
kundet; „$o sagt der Geist: Die Weft ist suB!" 
— Der Backer aber haft den grafiten Kudien der 
Erde unterm Tisch hervor und schenkt ihn dem 
Medizinmann mit den Worien: „Du bist k undig 
der gebeimsten Geheimnisse, grofier Zauberer !" 
Der Medizinmann nimmt die feckere Gabe und sagt : 
Seefe dieses Oeistes wohnt in seiner Zunge ! 
Wer kennt die Oeheimnisse der Odder !" Und fiihrt 

midi writer, um audi anderswo mit mir so gute 
Gesdiafte zu madien. 

Denke dir nun, kfuger Jumbo, daB ein ganzes Volk 
seine Seefe so in der Zunge trage. Oner aber 
hat eine besonders feine Zunge, und er konnte nidit 
nur wie ich sagen: „Die Weft ist suB". Sondem 
er wiiBte zu sagen : „SuB wie Honig" Und fragte 
ihn jemand: ,,Sufl wie der Honig von Bienen, die 
ah Lindenbffiten saugten ?" So konnte er antworten ; 
„Nein, wie Honrg vom Klee". — Und das Volk 
fflhrt diesen BestzBngigen auf den Marktpfatz der 
Hauptstadt des Landes und verfangt von ihm zu 
wissen: „Was ist nun die Weft?" — Und der 
Bestzungige spannt die Seefe in seinem Munde. 
Penn jetzt gift es den Inhalt seines ganzen Lebens 
auf seinem Gvpfefpunkte zu enthutien und den Ge- 
schmadc der Weft truglos zu priifen. Und gerade 
wie die Erfeuditung fiber ihn kommt, springt der 
Burgermeister ihm an die Kehfe, schlagt ihm ins 
Oeskht, wendet siCh zum Vofke und gestikuliert mit 
wilden Zeichen: „Die Zunge hat er rausgesteckt ! 
left duide das nk$Tt!" 

Sage mir, Jumbo, du kfuger Kaffer, hat dieser un- 
anstandige Bfiigermeister nicht dem Geist seiner 
Nation ins Gesicht gesrfriagen? 

Ich sagte dir, daB Frankreich den Vorzug gehabt 
hatte, in der Versinn'fichung der Welt ihre Ver- 
geistigung zu linden. Neufich aber verurteifte es 
eine Tanzerin, weil sie behauptete, daB die nackte 
Haut der reinste Mittler rhythmischer Vorstellungen 
sei. Darf man jemanden bestrafen, well er das 
Gute zeigt, ohne voftendet zu sein ? Hat die Kritik 
am Instrument etwas zu tun mit der Kritik an der 
Ueberzeugung ? Spricht nicht ein Vofk gegen sich 
selbst. wenn seine offentliche Sittlichkeit etwas bean- 
standet, das unanstandig ware, wenn es Anstand 
uberhaupt noch beriicksidrtigte ! Ist das BewuJtsein 
tines Kfinstfers, feinsten Nemen unbehagUch zu 




sein, nidrt der tiefste Zweifef an Miner Daseins- 
berechtigung. Wefcher Staatsanwalt kann einen 
Kunstfer sturzen, der das Ziel seiner Rasse erfafit, 
wahrend jener nur eine unbestandige Gesefischafts- 
form vertritt. 

Um sich gegen die Anwurfe einer Buigerfkfikeit 
zu wehren, die keine Zeit findei, uber Fragen der 
Unsittiichkeit nach gestaiteten Antworten ihrer 
Volksindividualitat zu verlangen, verteidigte sich die 
Tanzerin mit Wdrten, fiber die wir Kaffern unsere 
Freude nidit verhehlen konnen, weil sie den Sinn 
alfes wahrhaften Kunstlertums ausspredien: „Wenn 
ich mein Hemd fatten lasse, vermag idi meine 
Seele besser zu zeigen". Diese Erklarung wieder- 
hotte der Staatsanwalt vor Gerichtshof und Publi- 
kutn. Aber er befachelte sie mit der Unwissenheit 
von der asthetischen Sittlichkeit des Nacktseins. 
WuBtc dieser Mann nicht, daB Kfeider beim Tanz 
nur Hitfsmittel sind, den Korper auszudrucken ? 
Kann es nicht dem Kunstfer uberlassen bleiben, 
Hitfsmittel in seiner Kunst zu gebrauchen oder zu 
verachten nach seinem Belieben? Begriff dieser 
Mann nicht, wieviel belanglose Unlauteikeit eine 
Tanzerin ausschaftet, die sich entschlieBen darf, 
nackt zu tanzen, ohne uns den Appetit zu verdevben. 
WeiB dieser Mann nicht, daB er mit seinem Ladiefn 
nicht den Aussprudi eines mehr Oder weniger un- 
bedeutenden Einzefwesens, destsen SchiCksal Kunst- 
ter zwar fiberatl teilen, gering schatzte. Sondem, 
daB er den Kern und Inhaft des kunstlerisdien 
Sinnes befachelte? Denn die korpertidien und 
seeKschen Verhullungen der Kunst dienen einzig 
und aflein den letzten EntbloBungen des 
Menschhchen. Und wer mit seinem Kdrper ge- 
staltet, ist ein Ketzer seiner Religion, wenn er nidit 
erf&flt ist von dem Glauben, daB Haut und Glieder 
die Seele zu verkunden vermdgen, — daB Kdrper- 
lichstes SeeliSdistes sein kann. Belachelte dieser 
Mann nicht den vortrefffidisten Geist seiner Nation, 
der mit Zofa behauptet, daB das Kunstwerk durch 
ein Temperament gesdiaute Natur sei (Und ist 
unser Kdrper nidit unsere nadiste Natur) — der 
mit Rodin behauptet, daB die Schwingungen koi- 
tierender Leiber, Linien, Ffadten, Lkhter und 
Schatten von horfistem Re ich turn der Spann ungen 
und Losungen, den der Kunstfer Sdionheit nennt, 
ergeben ? 

Lieber Kaffembruder, die Enttausdrung, die idi dir 
mit dieser Nadnidit bereite, soft zu deinem Besten 
sein. Denn du weiBt jetzt, dafi man audt in Frank- 
re ich beginnt, unsem Geist sdifecht zu behandefn. 
Aber man soft die Wehgesdikhte um ihrer Witae 



.<■ £ :i v' :i :j S ' i ■; 

>' ? V s- S. _ ^ i.- £ t 



i 



DIE AKTION 



4 



709 



* 






wiflen lieben. Wenn du hier taglich Uest: „ Burger, 
schutzet cure Anlagen", so sSnd damit allerdings 
nur geschmudrte Wasserleitungen und frisierte Zier- 
platzdien gem ein t. Und, schwarze Bruderseele, 
wenn kh erst weiBladciert bin, lasse ich dich durch- 
prugeln, — besonders wenn du deine Seele ohne 
Hemd zeigst. Du lachst — ich auch. Aber nur, 
weil ich kein Franzose bin. Billy, der Sie diese 
Zeilen raeinem Bruder vorlesen, sorgen Sie dafur, 
daB ich im nachsten Brief nicht nach Deutschtand 



En sous titre : „ Baudelaire ou le Divinateur douloureux; 
Alfred de Vigny ou le Dlsespfrant; Barbey d'Aurc- 
villy ou le Croyant; Villiers de I’Isle-Adam ou rinftld". 
Ce Iivre n’est pas de la critique. II est oeuvre 
d’inspirl. La haiuteur de vues et U puissance de la 
pextsle allies A 1’aideur intlrieure et & P^clat de la 
forme hit donnent un int^rtt Imouvant Ajoutocis que 
lea deux demiers des qua ire €vocateurs Barbey 
d’Aurevilly et Villiers de 1’lsle-Adam sont Ivoquls 
sous un aspect nouveau et avec un relief saisaant 
par Victor-Emile Michelet, dont la jeunease se forms 
dans Pintimit^ de ses deux glorieux ain£s. 



gefragt werde. 



Literarische Neuerscheinungen 



FRITZ MANGOLD. Der Doctor R’moh, (Xenien Verlefi, 
Leipzig.) Das Premde, Uneigene in diesen Novellen 
sind arrangierte Erinner ungen an Balzacs contes 
drolatiques und seine Diktion, und auf neue gearbeitete 
Oskar Wilde-Reminiazenzen Alles so unverkappt, das 
dies ehrliche Bekennen der ZuftBsse auch in Fuss- 
noten hfltte abgeleitet werden kOnnen. Gewiss werden 
einige Rindviehcher ihre Einflusstabellen wiederkauen. 
Sie Werden beitn Verdauen median. das sie die Leiden- 
schaft eines jungen Menschen von seiner Begeisterung 
far die Beispiele nicht zu subtrahieren wussten 
Oas Tempo dieser grausamen Geschichten ist die 
fliegende Hetze der Angst vor dem Dritten. dem Ver- 
rfiter, dem Freund oder Feind, oder der Frau. Die 
Feigheit findet ihr Komplement im psychischen 
Sadismus. Das Grausen als Grundempf indung gibt der 
Phantasie die prositiven und negativen MOglichkeiien 
der Grausamkeit und des Duldens. Der Intellekt 
reisst wie ein angeschlossener Hund an der Kette der 
unentrinnbaren Geflihle Die person Hche Verdammnis 
1st immanent. Das Leben gibt nur die MOglichkeit 
vari abler Verwirklichung. Die unbekilmmerte Ver- 
knCpfung betrilgt nicht durch IrrtQmer, die Wahr- 
scheinliche Tatsachen vorspiegeln wollen. Das Tem- 
perament — die Angst oder der Mut — eines, der seine 
Zustflnde zu Ende denkt, weicht keiner Steigerung 
des Epischen aus. Die talmudische Verbissenheit der 
handlungszersetzenden Gedanken gibt die Eigenart. 
Im nfichsten Buch wird Mangold wohl nicht mehr so 
hastig verdeut lichen. Die Verallgemeinerung und die 
TrivialitUt haben ein an der zugekehrte Gesichter. Aber 
der Aphorismus sieht nicht nur freundlich an* sondern 
fasst durch den staunend aufgerissenen Mund in die 
Brust und dreht das Herz um. 

Auch die Geschichten Balzacs und Poes sind Von 
Kolportagegeschichten um nicht mehr als die Meister- 
schaft entfernt. Mangold ist zu nachtern — trotz alter 
Phantasie — um dem Mfirchenhaften E. T. A. Hoff- 
manns und zu psychologistisch um der hOhnischen 
Sachlichkeit Poes nahe zu kommen. Und Balzac fafilt 
die Hand in den Wotken. Aber auch ihm macht der 
leidenschaftliche Kunstwiile die Hintertreppe zur 
Himmelsleiter. Seine GeWaltsamkeit ist die Eigenheit 
eines Mathematlkers der an kontrfirem Dimensional- 
geflihl leidet: Er kann nur mit unendlich gr os sen 
Zahlen die Null beweisen. 



Alexander Bessmertny. 



FIGURES D EVOCATEURS, par Victor-Emile Michelet, 
chez Eugdne Figuifere et Cie. £diteurs, 7, rue Cor- 
neille k Paris, et 72, rue Van Artevelde, Bruxelles. 
3 fr. 50. 



Vornotizen 

Nur vlditige Neuerscbe Immffen werden Mer angessigt Die B«- 

sprechung der Werke folgt in den ntchsten Nummem der AKTION 

FRANZ BLEI. Gesammelte Schriften. Band 5; Das 
dienende Werk. Band 6 (Schlussband): Dichter und 
Leben. (Georg Mflller, Verlag, MUnchen.) 

FRITZ RASSOW. Spiegelfechter Eros. Zeugnisse seiner 
Macht und Ohnmacht. (Ratten & Loewing, Frank- 
furt a. MJ 

FRANK WEDEKIND. Gesammelte Werke. (Georg 
MUller, Verlag, MOnchen.) 

Zeitschriftenschau 

WIECKER-BOTE. Elne Zeltschrift ohne Programtn 
Herausgeber: Oskar Kanehl (Verlag Wteck-Eidena). 
Der Hebe Doktor Kanehl ist ein gefkhrlicher Idealist, 
vor dem man warnen muss. Als Lokalbluff far das 
Akademie-Gomorrha Greifswald start et er eine Zeit- 
schrift, die, nach dem ersten Heft zu urteilen, elne 
Tat darstelJt. ich empfehle der akademischen Jugend, 
soweit sie Ideate hat, dieses Blatt. 

DIE SCHAUBOHNE enthsit in der Doppelnummer 28/29 
Schauspielerflucht. Von Friedich Rosenthal. — Das 
Berlioz-Th eater. Von Max Brod. — Die Wupper. 
Von Herbert Jhering. — Falstaff am Ende. Von Paul 
Stefan u. a. 

DAS LITERARISCHE ECHO. Verlag : Egon Fleischel 
& Co., Berlin W 9. Das 2. Julibeft enthftlt Oscar 
Ewald: Guyaus Lebensphi losophie — Artur Kutscher : 
Heinrich Sohnreys Dorferzflhlungen. Anselm Ruest; 
Altes und Neues aber Jean Paul. — Karl Hans Strobl : 
Bunte Beute u. a. 

DER TORMER. (Stuttgart, Greiner & Pfeifer). Aus 
dem Inhalt des Juliheftes: JDie Irrenttrzte und ihre 
Gegner. Von Dr. Gg, Lomer. — Elisabeth Diakonoff. 
Das Tagebuch einer russischen Studentin. (Schluss). — 
Vom Banausen. Von Dr. Karl Ntitzel. — Diplomatic, 
Presse und Krieg. Von Otto Corbach. — Vom Nutzen 
der Bibelfestigkeit. Von Prof Hartmann. — Geburten- 
rttckgang tn Deutschland und Frankreich — TOrmers 
Tagebuch. — Der .literarische® Film. Von Hermann 
Kienzl. 



DRUCKFEHLERBER1CHTIGUNG 
I in Oedicht „Die menschenleeren Inseln" von Max 
Brod sind zwei Druckfehler zu berkhtigen. Statt 
„dngeatmeter Lust" muB es heifien : „n i e geatmeter 
Lust", und statt „Dioge" — , t Dingo“. 

UNSERE POSTABONNENTEN 
mussen stets Sonnabend im Besitze der neuen 
AKTION sein, and ern falls empfehlen wir Be- 
sch werde beiirr zustandigen BesteObezirk. 



INHALT DER VORIOEN NUMMER: Moriz Melzer (Paris): Aktstudie (Titelzeichnung) / Hedwig Dohm: Die 
Suffragettes / Hermann Hendrich: Alexandre Mercereau/ Ernst Stadler: Judenviertel in London / G. Fuchs: Vaterland 
und Geschftft / Rudolf Kurtz: Spaziergang / Ed Schmid: Vincent van Gogh / Nadja Strasser: Die E Insame / Ludwig 

Bflumer: Totentanz / Walter Serner: Futuristenunfug / F. P-: Glossen 



KURT WOLFF VERLAG, LEIPZIG 



Franz Werfel 

WIR SIND 

Neue Gedichte 



In vorx^licher AmsUlhaig 

Odi«ftetM3. 



Drack der Olfizln W. Dragtsttn 



fi rr.iiVa.i XVI CA 

iDonaext in 4«9u 



Vonagtaatgabe : 15 mcmmerterte, vom Autor eftgnlerte Exem- 
pfare aof acbwerem JapasMtten In Gandederbasd M 35.-* 

Ein ncuM Buck von Franz Werfel, dera jungen, rasoh berflhmt gewordenen Lyriker. Was In Werfels ersten Vereea 
berelts gestaltet War: die Ffllle der Erscheinungen im Geiste des zeitgenossischen Poetea. wird hier gesteigert m 
nngebeuerster Weltbeseelung. Aber nicht mehr im Irdlschen will seine Dichtung beharren, sie versucht dem GOttl icfaen 
im Gefflht alter Menachbeit nlher zu kommen. So wird sein Singen prophet! sch wie die Psaimen des alien Testaments; 

sein Werk hat die Stttrke and Verktlndigung eines neuen Ethos. 



In der Sammlang „Der Jtingate Tag" eraefalen aoebea von 



FRANZ WERFEL 

Die Verstichtmg 

A Etn GeeprMch 




L90 



Gebeftet SI 0.80 A Etn GeeprMcfi Oe 

Urteile liber Franz Werfel: 

Wilhelm Herzog im Bert. Tageblatt : „ . . . ein ganz j unger, ganz grosser Dichter. Wenn irgendwo, so 1st hier die neue Konst, 
Frankfurter Zeitung: tf .... ein ganz grosser Dichter, mlt allem Ernste sei das gesagt" 



PROSPEKTE KOST C N r RE] 

II i *. vt . ri.hi ] n r HnFS .1,- . rtlh 1 r ■* 1 hi:I- I-' -U-tHi'IN H ‘ 1 I’ l*'i -MrHTM, l-H,' 

HYPERION 

Z WEI MON ATSSCH RIFT 

Herauigegeben von FRANZ B L E I 
2 Jahrginge zu je 36 M, zus. 66 M 

EINZELH EFTE 

die bel Komplettlening raatlicher Jahxglnge 
Obrig blleben, so well der Vorrat reicbt, zu 

2 Marie 50 



, , • 1 1 1 ii 



o 




DER ZWIEBELFISCII 

FONFTER JAHROANO :: HEFT 2 

erschien soeben. 

Probcbande (3 Hefte) M 1.—. Einzel- 
hefte 60 Pf. Jahrgang (6 Hefte) M 3.— 



DAS KmNE 

ZWIEBELFISCH- 

KULTURKRATZBORSTEN- 

VADEMECUM 

19 13 

Mitboshaften Portriten von E.Preetoriu* 
Bmddert M 1.“, Leinenband M 2. — 

Durch Jede Buchtumdlung, tonal gegen Nachnahme vom 

HYPERIONVERLAGE 

HANS VON WEBER, MONCHEN NW 16 




O 




PROSPEKTE KOSTENFREI 



VERLAQ VON PAUL CASSIRER IN BERLIN W 10 



ORLANDO UND ANGELICA 

EIN PUPPENSPIEL IN ZEHN AKTEN 

Frei nach Ueberlieferung der Neapeler Marionetten von 

JULIUS MEIER-GRAEFE 

Mit Originallithographien, zum Tell in mehreren Farben, 

von ERICH KLOSSOWSKI 

Das Werk erschien In drel Auisbcn ; 

I- Kftnatleraiugabe : 12 Exemplare anf altem, Japanischen B&tteo* 
papier, tod denen 10 Bxemplare (1—10) numerlert slnd. Jades 
Exemplar enthilt zwei Orif inai&quarelle des KOostlsrs. Dleee 
Auagabe war berelts zebu Tage nach dem Erachelnen dee Werkea 
vergrllfen M 800.— 

II* Loxusaasgabe : 22 Bxemplare aaf Van Geldern. won dene* 
20 Bxemplare (11—00) nmneriert slnd. Die Llthofrephlen slnd aaf 
der Handpresee gedrnckt. Han df ebundener umslederband. 
Spexlal -Vorsatz M 800.— 

III. GewOhnllche Atuaabe: 000 Bxemplare mlt Uthographiertea 

UaachJag M 40 .— 

Bin illustrierter Prospekt wird koatenlos abyegeben 



BLATTER 

AUS EINES LUFTSCHIFFERS TAGEBUCH 

von ALBRECHT BLAU 
nit Zeichnungen von RUDOLF GROSSMANN 
Brosch- M 3.—, gebunden M 4.— 



NEUE BOCHER 0BER BILDENDE KUNST: 

Kdnstler unserer Zeit I. Die WIrklichkeit und 

Max Beckmann kflnstlerisches Abbfld 

▼on Hana Kaiser won Alfred Gnttmaan 

MU z^lrelchen AbbUdnngen Brosch If 5.-, kartoolert M6.— 

Kartonlert M 6. — 



Jobann C. Wilck 

Ein Maier des deutschen 

Empire 

von Alfred Gold 
Broach. M U0» gebond. M 5w— 



Der Gefahlsansdrvck la 
der bildenden Kunst 

von Anton Mayor 
Broach M.8UB0. gebnndeaMh— 



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Sifeaition 

WOCHENSCHRIFT FOR POLITIK, LITERATUR, KUN8T 
, III. JAHR HERAUSGEGEBEN VON FRANZ PFEMFERT NR.30 

f — - 

a 



INHALT 



Robert Musll 

Peter Scher 

Ferdinand Hardekopf . . . 

Ernst Blass 

Carl Einstein 

Arthur Roessler (Wien) . . 
Walter S. Landor . . . . 

Gottfried KOlwel 

Sylvester von Babenhausen . 

Paul Mayer 

Franz Pfemfert 



Politik in Oesterreich 
Nichts da Gottesgnadentum I 
Sommernachtstraum 
Die Nacht wird kommen 
Der Abschied 

Zum Wiener Museumsskandal 
Abbd Delille 
Vor dem Gewitter 
Verse 

Maupassant auf seiner Yacht 
Herr Edmund Fischer 



Hodler, die Schweiz und Deutschland — Alois Essigmann: 
Nachtrflgliche Notizen ftirs Archiv — Das Franz Blei- 
Heft — Erklfirung — Briefkasten — Neuerscheinungen 



HEFT 30 PFG. 



VERLAG / DIE AKTION / BERLIN- WILMERSDORF 



24 




Carl Einstein, Bebuquin oder die Dilettanten des Wunders 

Roman. Mit Begleitworten von Franz Blei und Portrait Von Max Oppenheimer 

preis 3 Mark T- "+ — 

EIN URTEIL UEBER BEBUQUIN sparen. Und dann kommen noch Masken und 

Spfegelbild als romantischer Apparat. Aber, 

Ich stehe nicht dh, diesen, Andr6 Oide gewid- Herrschaften, da ist Aesthetizismus bei. Beim 
meten Roman fur eines der interessantesien Bu- Romantiker macht man einen Schritt vorwirts 
cher zu erkl&ren, die die junge Generation in und zwei zuruck. Das ist ein zuckendes Kleb- 
Deutschland hervorgebrapht hat. pflaster." Aber dennodt ist im Roman tischen, 

Hier ist eine seltsame Kondensierung von Le- wenn nicht die L5sung gefunden, so doch das 
bensdingen erreichf, eine ausserste Energie, ein Problem geahnt. „Wir mussen so genau sehen, 
Radikaiismus des Zuendedenkens, der mit Be- dass darin alles Wissen steckt", sagt aucb Boehm, 
griffen, wie mit bunten Ballen, aber in logischer Nur eine Verwirklichung dieser Sehnsucht gibt 
Regelm&ssigkeii jongliert, eine mathematische es nicht. Und in dieser resotuten Betonung des 
Phantastik voli von beherrschter Ungeziigeltheit Negativen kommt Einstein fiber die romantische 
und ausschweifender Strenge. Kosmische Iro- Theorie hinaus. Die ersehnte Einheit fillt im- 
nien, wie sie etwa in den „ Morality Llgen- trier wieder auseinander. Es gibt nicht eines, 
daires" Laforgues aufblitzen, au| ihrem Grunde sondern nur eine „Tendenz der Vereinheitli- 
die ewig unversOhnten Widersprikhe unseres chung a . So bleibt fur die Einzdnen nur die 

Erlebens, Widerspruche des ubearscharf zerglie- Entsagung als Resultat eines unerbittlichen Zu- 
dernden Intel lektes und einer als sinnlos dutch- endedenkens. Aber aus dieser Negation wachst 

schauten und schamhaft niedergehaltenen Erden- zugldch die Gewihr: „Vielleicht decken sich 

sehnsucht. Widerspruche der gellenden eindeu- die Dinge niemals, damit das Schopferische nicht 
tigen Regelung der Dinge und ihrer hundertfal- erschlaffe*. Aus dieser Erkenntnis der Ohn- 
tigen Deutungsmoglichkeiten . Des lahmenden, macht setter steigt ein neues Kraftbewusstsdn. 

festlegenden Gedankens und de9 Vielgestaltigen, Und eine Absage an Ruhe und Sicherheit, die 
Flie$8enden ailer Wesenheit. Und ein Verlangen nur Hirn und Blut einschl&fem. Darum das 
nach synthetischer Bezwingung. Ein Verlangen Suchen nach dem W under, darum am Schlu9s 
mit den Dingen der Welt, den sichtbaren und die ausserordentlich schfine Apotheose des To- 
den unsichtbaren, feriig zu werden. Unmbglich- des, des „Vaters der Intensitat", des „Herrn der 
keit der Einordnung in ein bloss rationell be- Form". 

stimmtes Gefuge, »wo der Kanon, das Wert- Es versteht sich von selbst, dass dieses Buch 
voile, das Langweilige, Demokratische, dasSta- der ^hdchst konsolidierien InfcUdctualit&t", wie 
bile" gelten, und Aussichtslosigkeit, im Irratio- Franz Bid es in aeinem Begleitwort nennt, auf 
nalen mehr als ein „Diiettant des Wunders" zu die Mittel einer gewohnten realistischen Tech- 
werden, ein Phaniast mit unzureichenden Mit- nik verzichtet. Hier gibt es keine iussere „Na- 
teln „Verge$sen Sie eines nicht", sagt der. tote turiichkeit", deren Scheinwesen in der Person 
Boehm, diese imaginare Leitgestalt des Buches, und den Attributen der Schauspielerin Fre- 
der als eine „RekIame fur das Unwirkliche" her- degonde Perlenblick so kosttich persifliert wird. 
umlauft, „die Phantasten sind Leute, die nicht Eher ein ungeheuer zusammengepresstes, vom 
mit einem Dreieck zu Ende kommen". Unzu- Intellekt auf gef an genes und zu riickgeworf enes 
lan g! ich keit auch der romantischen Scheinlosung, Spiegelbild der Wirklichkdt, das trotz seiner 
in der sich Rationalist und Irrationalitfit zu scheinbar undurchdringlichen Dichthdt Raum 
vermahlen trachten: „Der Romantiker sagt: Seht, l&sst, scharf gesehene aussere Lebensvorgange 
ich habe Phantasie und ich habe Vemunft. . . zu verzeichnen. Ailes in allem kann man sa- 
Wenn ich sehr poedsch sdn will, sage ich dann, gen, das Buch habe den Stil und die Form sd- 
die Geschichte hat mir getriumt. Aber das ist ner Idee. Und das ist vielleicht sdn bestes Lob. 
mein sublimstes Mittel, und damit muss man Ernst Stadier in den „EI$asser Heften". 



Verlag / DIE AKTION / Berlin-Wilmersdorf 



WOCHENSCHRIFT FOR POLITIK, LITERATUR. KUNST 



8. JAHRGANG 


HERAUSQEQEBEN VON FRANZ PFEMFERT 26. juli 1913 i 


AVutUiShnpie, Uc/uiMOns*. lauach- 
KtruaiMIUII • fcxenipltrc etc. sind an den 1 lei aus* 
febcr, Berlin •Wilinersdori, Na ssauische Slratse 17 
su senden :: :: Tekphon Amt Pfalzburg Nr. 6242 
UnverUngten Mamuskiipten bt Ruckporto beizuIOgcn 


1 

Erscheint Sonnabend 


Ahnrmpmont- MK ^ — vicrtciithri. ( exci Bo. 

Buchhandlungen etc. Oder durch Kreutbtnd gegen Mk. 
UO durch dea Verlig der ,Aklion“. Berlin- WSmeredort, 
Nwauiechestr. V s Kommiationir OuaL Brauna, Lelpilg 



POLITIK IN OSTERREICH 

Von Robert Mustl 



Man denkt bei diesem Begriff zu einseitig an die 
Schwierigkeit der Nationalitatenfragen. Denn sie 
— obgleich eine Schwierigkeit — ist langst eine 
Bequemlichkeit geworden ; iiber einen ernsten AnlaB 
hinaus ein uneingestandenes Ausweichen und Ver- 
weilen. Wie bei hohlen Liebenden, die immerneue 
Trennungen und Widerstande iiberwinden, weil sie 
sdhon ahnen, wie wenig sie am ereten Tag der 
Hindemislosigkeit noch miteinander anzufangen 
weilen. Wie bei hohlen Liebenden, die immer neue 
Vorwand ist, keine Gefiihle zu haben. Wenn die 
groBe Abredinung beendet sein wird, wird es ein 
Gluck sein, daB die schlechten Manieren, die man 
inzwischen angenommen hat, auCh aus niditigen, 
Anlassen noch den Verwahrlosungsschein des Idea- 
lismus zu schaffen wissen werden. Aber dahinter 
wird die Leere inneren Lebens schwanken, wie die 
Oede im Magen des Atkoholikers. 

Es gibt wenig Lander, die so leidensChaftlich 
Politik treiben, und keines, wo Politik bei ahn- 
licher Leidenschaft so gleklhg’ultig bleibt wie in 
diesem; Leidenschaft als Vorwand. Nach auBen ist 
alles so sehr parlamentarisch, daB mehr Leute tot- 
geschossen werden als anderswo, und es stehen alle 
Rader alle AugenbHcke wegen der nachstbesten 
Parteidrehung still; hohe Beamte, Generale, Rat- 
geber der Krone diirfen beschdmpft werden, man 
kann Vorgesetzten mit einer Drohung vor dem Parla- 
ment bange machen, verdient Geld mit Hilfe der 
Politik, ohrfeigt einander. Aber alles ist hafb wie 
eine Konvention, ein Spiel nach Ueberemkommen. 

Die Furcht, die man erregt, die Macht, die man 



ausQbt, die Ehren, die man auf sach sammelt, bleiben 
— trotzdem sie in alien wirklichen und gemeinhin 
als wichtig geltenden Beziehungen vdllig echt sind — 
in der Seele unwahr, spukhaft, geglaubt und respek- 
tiert, aber nicht gefiihlt Man nimmt sie soweit ernst, 
daB man ihretwillen verarmt, doch es scheint, daB 
man das ganze Leben bis zu sokrhem Orade nach 
etwas einrkhtet, hier nicht das Letzte zu bedeuten. 
Es konnte ein groBer, wenn auch erst negativer 
Idealismus darin gesehen werden. Das Tun legt 
diese Oesterreicher nie ganz auf sein Niveau fest Es 
ist nicht an ihre Religiositat zu glauben, nicht an 
ihre Untertanenkindlichkeit Oder ihre Sorgen; sie: 
warten dahinter; sie haben die passive Phantasid 
unausgefiillter Raume und gestatten eifersflchtig 
einem Menschen alles, nur nicht den seelisch so 
prajudizierenden Anspruch auf den Ernst seiner 
Arbeit. Wogegen der Deutsche im Verhaltnis zu 
seinen Idealen jenen unertraglich lieben Frauen; 
gleicht, die plitschtreu wie ein n&sses Schwimm- 
kleid an ihren Gatten kleben. 

Im gegenwartigen Zustand freilich Qberwiegt 
jedenfalls der Mangel an Sinn und sie vertreiben sich 
die Wartezeit mit Larmen. Ihre Kraftgebarden sind 
noch ein Zeichen der Schwache, wahrend andemorts 
der Schein von Kraftlosigkeit schon auf einer Stauung 
von Kraftmassen beruht So ist der deutsche Parla- 
mentarismus wie ein ackerfroher Gaul, der gegen 
einen Peitschenschlag protestiert, indem er ernst 
und sachlich mit dem Schweif uber die Stelle hin- 
wischt, und hier gibt es Leidensdhaften im offent- 
lichen Leben, hinter denen man mit nuchternen Ein' 











DIE AKTlON 



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geweiden g&hnt Man weiS nidit, woven man sidi 
eigentlich beherrschen laBt; zertweiKg erffcbt skfi 
ein Orkan und alle Minister fallen sofort wie geubte 
Turner, — a her der Orkan ist beruhigt und ihre 
Nachfolger stehen In genau der gleidien Ste&ung 
da. Es sind kleine Aenderungen gemacht worden, 
die einen professional befriedigen mogen, den 
AuBenstehenden aber unverstandlich bleiben mftssen ; 
dennoch erkl&ren audi sie sidi augenblickBcb fifr 
besanftigt Es liegt etwas Unheimliches in diesem 
hartnackigen Rhythmus ohne Melodie, ohne Worte, 
ohne Geffthl. Es muB irgendwo in diesetn Stajit ein 
Qeheimnis stecken, eine Idee. Aber sie ist nicht 
festzustellen. Es ist nicht die Idee des Staates, nidit 
die dynastische Idee, nicht die einer kultureUen Sym- 
biose verschiedener Volker (Oesterreidi konnte ein 
Weltexperiment sein), — wahrscheinlidi ist das 
Oanze wirklich nur Bewegung zufolge Mangels einer 
treibenden Idee, wie das Torkeln ernes Radfahrers, 
der nidit vorwartstritt 

Politische MiBstande sokher Art haben stets ihre 
Oriinde in kuiturellen. PoUtik in Oesterreich hat 
nodi keinen menschlidien Zweck, sondem nur oster- 
reidiische. Man wild kein Ich durch sie, obwoh! 
man aUes andere mit ihrer Hilfe werden kann, und 
kein Ich vermag skh tn ihr zu manifestieren. Das 
Werkzeug Sozialdemokratie ist hier nodi nidit hart 
genug und starke andere Gegensatze wie zwischen 
dem geistigen Drang einiger beunruhxgender Men- 
sdien, die als herrliches Ungeziefer auf den Ab- 
flillen des deutsdien H&ndlerstaats leben, und der 
mit zwei Beinen in der Bibel, mit zwei Beinen in 
der Scholle wurzelnden RechtmaBigkeit der Grund* 
herren sind nidit vorhanden. Die gesell&chaftlkhe 
Struktur ist bis hodi hmauf ein einheitlidies Oe- 
menge von BBiger* und Kavaliersart Man ist in 
naturlichem Zustand fein und herzgesund. Ein Fri- 
seurgehilfe, der Damen des Hochadels beim Ondu- 
lieren seine I deale einbekannte, hatte vor nidit, 
langem hier beinahe eine Laufbtahn als deutsdmf 
Dichter gemacht, wenn er nidit bei einem rout 
aus Versehen einen Pelz angezogen hatte, der nodi 
nicht ihm gehorte. Er verkehrte zu jener Zeit bereits 
in den adeligsteii Hausern, las bei Tees seine Dich- 
tungen vor und gewiB hitte die burger Liche Presse 
dem besdtwingten Haarkalligraphen nidit lange 
widerstanden. Denn das Feme ist auch ihre 
Schwache. 

Es gibt nidit den groBen ideellen Oegensatz zwi- 
schen Burgertum und Aristokratie. Er hat sidi audi 
anderswo nur erstfadi und sehr entstelit ausgedrddct 
— ins Qedankenkreis des UberaUamus — und wird 



augenbliddicb durdi den wirtschaftfidten Oegensatz 2 
Proletariat — Besitz verdedet, obgteid* der nur eine 
Wegschleife auf dem Marsdi zu ihm hin ist. Aber 
inzwischen hat skh in grofien Staaten mit Weft- 
handels- und Weltbeziehungshintergnind etwas 
Neues entwkkelt, ein Paradoxon : ein ungeistiger 
aber rissiger Boden namlteh, in dessen Spalten farotz 
seiner durren Ungunst die Kultur nun besser siedelt 
als je auf leidHcb fdr sie passender Oberfladie. 
Sie realisiert ihre Zwecke heute nidit mehr durtb 
den Staat wie einstens in Athen oder Rom, sondem 
bedient skh statt der Vollkommenheit des Oanzen, 
die dodi nicht viele Steigenmgen zulieBe, scinei 1 
Unvoilkormnenheiten, LOdcen und der KrafBosigkeit 
jeden einzelnen zu umspannen. Es ist die Auflosung 
durch die unubersehtwe Zahl, was den kultureUen 
Grundun tersdiied gegen jede andere Zeit bifckt, 
das Alleinsein und Anonymwerden des einzelnen in 
einer burner wachsenden Menge, wekhes eine neue 
geistige Verfassuqg mit skh bringt, deren Koih 
sequenzen nodi unberechenhar bleiben* Man kann 
als deutlkhstes Beispiel heute sdion unser biBdten 
ernster Kunst betvachten, deren Unfahigkeit, zugieidi 
gut und vielen gefallig zu sein, tat&adilich eine 
Erstmaligkeit bedeutet und, weit uber die Art des 
asthetischen Streits hinaus, wahrscheinUch den Be-* 
ginn einer neuen FunkUon. 

Die reale Voraussetzung dieser Kultur bildet aber 
das Burgertum. Denn seine Eigensdiaft ist es, keine 
Familien zu erzeugen, die nidit rasch wieder zer- 
fallen, keine Tradition, erblidien Ideale und feste 
Sittlkhkeit, sokhe Dinge, die als Gehsdrule nQtzficft 
sind, aber Laufende bindern. Es hat die Mission, 
wegen seiner Geschafte skh nicht 9elbst um die 
Kultur zu kumtnem, sondem Pauschalsummen dafur 
auszuwerfen. Es erzeugt keine faszinierenden Men- 
sdien, Prototypen, und also auch nidit die itnmer 
von ihnen ausgegangenc Versuchung, daB ein Ideal- 
typ aus dem engeren und stets ge st rigen Berektf 
des mensdilidi Wirklkfcen, statt — mit achranken- 
loser Phantasje — aus dem der menschlidien Mdg- 
lkhkehen gebildet werde. Es Uifit den Sdtopfler 

aufierhalb seiner Leistung einen Unbekannten, der 

< 

— mehr Gedanke und GefBhl als Mensdi — in 
einem Ideentaboratorium Seelenfonnen sdiafft, ohne 
wie ein offizieiier Fabrikant fur deren ailgemeine 
Gebraudisfahigkett im glekhen Ai^gerijUdc sdion 
garantieren zu mAssen. Und sefost das Unver- 
standnls, mit dem es seinen Gebitdeten begiegpet,' 
gerat ihneu zum Vorteil, denn die Urteilslosigkeft 
von heute ist die Vorurteilslosigkett von morgen. 
Dieses Bfiigertum gibt es in Oesterrekb nicht; man 



DIE AKTION 



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wfrd nodi farmer vom Sdiieksal nur auf eine per* 
sdnlkhe Empfehlung bin zum Oesterreicher ge- 
sdiaffen und es bleibt schwer, dem Unehre zu 
machen, Darum schatzt man die Katastrophen, weif 
sie die Verantwortung auf sidi selbst nehmen, und 
braucht das Ungluck, weil es heftige Gestikulationen 
erzeugt, hinter denen jeder Mensch erlisdit und 
konventionell wird. Man Tebt sein potitisches Leben 
wie ein serbisches Heldenepos, weil das Heklentum 
die unpersonlichste Form des Handelns ist. Die 
leine Jeanne aus Domremy war eine Kuhmagd 
m Mannerhosen* der Blifler hat infofge der Askese 
Ungeziefer, der Held ist in der Aktion, im Er- 
lebnis seiner Heldenhaftigkeit* eingeengt wie ein 
Tier; seine Kleider kleben von Bfut, SchweiB, Staub 
wie Bretter, er kann nidit baden, sie scheuem ihn 
wund t sie hangen steif um ihn, der wie ein wahn- 
sinniger Kern in seiner Hulse klappert; sein Ge- 
sidvtsfeld ist eingeengt bis auf die fovea centralis* 
seine Blicke stechen sicb an den Gegenstanden fest 
Not und Held gehoren zusammen wie Krankheit 
und Fieber, Jede Gewaltleistung hat darum etwas 
Pathologisches an sicb, ein eingesdrranktes BewuBt- 
sein, einen letzten, progressive^ witbelhaften An- 
stieg. Der politisdie Held in Oesterreich aber ist 
die ausgebildete Tecbnik der BewuBtseinseinschran- 
kung aucb ohne Anstieg. Eine tible, in haufiger 
Krankheit erworbene Unart, die man mit Recht nicbt 
ganz ernst nimmt, aber so lange nicbt ablegen wird, 
als den ganzen Bewufitseinsumfang beansprucbende 
In halt e feblen. 



Glossen 

NICHTS DA OOTTESONADENTUM . . . ! 
Troelstra. FiVhrer, Sozialist, 

Hat zur Konigin gemuBt. 

Majestat, begKidtt, entzuckt, 

Hat mit Troelstra fruhgestudct. 

Vofksmann, bied'rer Sinn, doch ScbmiB, 
Kaut mit mannlichem GebiB. 

Kraft’ges Mundwerk, wackrer Ton — 
Wilhelmintje merkt es sdion. 

Sausend rollt das Rad der Zeit — 
Koniginnen sind gesdieit. 

Aucb der maskuline Rex 
Ist zum Frfrhstudc unterwegs: 

Nfahts da Gottesgnadentum — 

Kraft’ges Frirhstuck, Braten, Rum! 

Komm’ Sie, Volk s man n, Kleinigkeit — 
Konige sind audi gesdheit! 

Peter Setter. 



HERR EDMUND FISCHER, 

sozialdemokratisdier Reicbstagsabgeordneter, leistet 
sidi in der neuen Nummer der jjSozialistischen 
Monatshefte" folgende Beicbte: 

„Alle revolution aren Phrasen andem nichts mehr 
daran, daB die Somldemokratie heute eine Reform* 

partei ist ft 

Na also: Ganz das selbe sagte die AKTION: 

Wir kdnnen das gesamte Wirken der deutseben 
Soziatdemokratie durchforsdien, wir werden auf 

keine revolutionare Tat stoBen. Wir horen Worte, 
starke Worte, doch wir suchen hinter diesen Worten 
vergeblfch den revolutionaren Oeist Eine Geste 
reiBt uns empor; doch bald erkennen wir: sie gilt 
nicbt der sozialistischen Idee : sie wird wahlagitato- 
risch ausgemunzt. Ueberall sind Ansatze zu 
zeitlosem Wirken vorbanden. Immer wild das emste 
WoTlen von der „poIitischen Klugheit'* zuruckge- 
dammt. Und die Worte verlieren ifa-en ursorung- 
Itchen Begriffswert und werden zur hohlen Phrase. 
Die Partei* in der man die Bringerin der neuen Zeit 
begrufite, sie hat sidi zu einer Partei des honetten 
Radikalismus entwicfcelt, die brav und gutburgerHdi 
Reformarbeit leistet; dodi sie ist nicht mehr revo- 
lutionar. Sie wird im SchweiBe ihrer Abgeordneten 
neue Polizeireglements zu sdiaffen suchen, dodi die 
burgerlidie Geselfscbaftsordnung braucht ibren 
„Todfeind“ nicbt mehr zu furchten. 

Die Sozialdemokratie ist nkrht revolutionaf. Mehr 
noch: sie entwickelt sicb immer weiter zu einem' 
Hindemis fur eine revolutionare Kulturbewegung. 
Sie Hat eine Riesenorganisation von exakt funktio- 
nierenden Wahlgangem gesebaffen, wo sie Person- 
lichkeiten erziehen sollte. Sie hat geknechtete Pro- 
letarier zu Normalburgem gem adit, wo sie Rebellen 
zuebten sollte. Sie bat die Pffidit, dem Sozialismus 
zu dienen, versa unit. 

Herr Fischer sagt nichts anderes. Aber er sollte 
darauf nicbt stolz sein. 

Franz Pfemfert. 



NACHTRAEGL1CHE NOT1ZEN FUERS ARCHIV 

Die Webrvorlage drobte sicb quer vor die Ferien- 
tftr zu legen. Da stemmten alle die Schultem an, 
um sie durcbzudrucken. In der Hitze der Arbeit 
suchte eine Partei die Bedeckung auf die andere 
abzuwalzen. Die Junker waren darin die geschidc- 
testen. Sie, die sidi Sdiutzmauer der Hohenzoltem 
nennen, und eigentlieb nur den hohen Sdmtzzollen 
die Mauer machen, werden nach wie vor in Schon- 



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DIE AKTION 



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hdt erben. Der Aibeiter soli zwar dfesmal von 
direkten Abgaben versdiont w enden — es ist eben 
schwer, einero Frosdh ein Haar zu nehmen — aber 
da sein Brotherr unters Sdieerraesser kommt, wind 
Ihm dieser sdion die Haut abziehen, um seine Glatze 
zu bededcen. 

Fllr das in Breslau unterdrikkte Festspiel bat der 
Reichstag die Freunde von Puppenspiefen reidilkh 
entsch&digi Die Regierung spiette den guten 
Christen, der die Linke nkbt wissen lassen wolfte, 
was er fQr die Redite tut. Der Fortsdiritt kfagte, 
daB die Armee im Frieden nur zu Paradesp&Ben ver- 
wendet wfirde, und der Kriegsminister bestitigte 
das prompt dadurch, daB er vom Krieg als vom 
„ErnstfaIl" spradi. Die Juden liefen Sturm auf die 
Homogenit&t des Offizierskorps. Sie wollten nkbt 
einsehen, warum sie einem Stand nkbt Prorente 
geben sollen, von dem sie 9oUmge wekhe genom* 
men batten. Da flammte das nationale Feuer auf: 
eine Lobrede auf den Adel und die Deutschen, die 
die Tapferkeit gepaditet haben. Vetzweifeft sturzte 
ein jfingst geadelter Jude aus dem Saal und schrie : 
„Halt’$ midi, oder i went arisdi!'' 

Heeringen war in die Sauce gekommen. Er hatte 
Dimen, Zuh&lter und Sozialdemokraien in einen 
Topf geworfen. Er bat verge ssen, daB eben nkbt 
jeder das GlOdc bat, als WShler I. Klasse an der 

Ume die Bekanntsdraft eines Bordellwirtes zu 
machen. 

So verging die Zeit, die England benutzte, um drei 
Brocken mehr in den Ozean zu stippen. Wahrend 
zur Abwechslung einmal Europa den Stier auf dem 
Buckel bat, spielt Mars die DanaS, und der Reidts- 
philosopb arbeitet an einem neuen Werk: die Kritsk 
der reinen Unvernunft. 

Alois Essigmann 

HOTV ER T>I* SCHWEIZ UND DEUTSCHLAND 
hdBt eine kleine BrosdbBre ( Janus- Verlag, M fin- 
ch enV deren Verfasser Hans Friedrich beabskhtigt, 
Ferdinand Hodler einzusargen. Um das erfolgreidt 
durchzufiihren, ben&tigt man herkdmmlkh einen Sarg 
und NSgel. Herr Hans Fri which beschrankte sidi 
darauf, einen Steibepsabn anzusthnmen und vier- 
zehnmal zu versk h er n , Ferdinand Hodler wfire ge- 
storben. Das genfigt nicfit; besonders aber ange« 
sicbts der belustigenden Impotenz des Verfassers, 
fiber Maleret im allgemeinen und die Hodlers im 
besondem audi nur ein Wort zu auBem, das mehr 
ware als eine Phrase wildesten Hautgouts. Hodler 
wird viellekht aufierordentlich fibersduitzt Wer je- 
docb zu den Enthusiasten gehort, kann skher sein, 



von Herra Friedrich nkht einen Bea s c m beiehrt m 
werden. Die tofinstlerische Jugend der Schweiz, die 
vor der Hodlersdien Despotie gerettet werden sdf, 
soUte vor Herm Friedrich bewahrt werden, der sie 
mifikreditieit 

Walter Serner 



ZUM WIENER MUSEUMSSKANDAL 
Von Arthur Roe Bier (Wien). 

Die Ausffihrung des Planes der materiellen Stadt- 
erweherung 1st seinerzeit in Wien gelungen ; die hi 
den folgendcn Jahren bis heute von bedeutenden 
Mannern angestrebte Erweiterung der geistigen und 
kurtstlerischen Grenzen der Rekhshauptstadt miB- 
lingt immer wieder, sdieitert an der Dumpfkopfig- 
keit jener Madithaber, die mit Willen ihren Horizont 
dauernd durdi <fie Wienerwafdberge begrenzt haben 
mftditen. Wer al$ wahihaft guter Oesteirekher, 
Wiener, vor ahem ein guter Eutopaer sein will, 
ist den Wiener Altglaubern, ist der Majoritat unserei* 
sogenannten Stadtvater von vomeherem verdadttig. 
Wei! sie es sidi nicht zutrauen, erfofgreidi an Europa 
teilnehmen zu kdnnen, trauen sie das audt keinem 
andem Wiener zu, fa einem Wiener am wenigsten. 
Sie lassen skh Keber vom Austand audi femethin 
nodb ils sdiifdbfirgeriraftes Vofksicuriosum nadhslcb- 
tig belficheln, statt danach zu streben, neben andem 
Europ&em, diesen glekhwertig geachtet zu werden. 
Gelingt es einmal ausnahmsweise, der herrsdienden 
Majoritat einen bedeutenden Gedanken, eine widi- 
tige Oder sdidne Werkkfee unbestreitbar ktar be- 
grelflich zu machen, dann antworten sie ablefm end, 
um Worte Bahrs zu gebraudien : ,, Wissen S' geehrter 
Hen*, das wari alles recnt sdion, aber bei uns geht 
das halt nkht, wir sind nodi nkbt so writ'^ Will 
man das nkht glauben, bcstrcitet man das, vieflekht 
gar unter Hinweis auf Beispiele, die das Ausland 
bietet, dann wird der NormakpieBer rabiat und 
sdrreit protzig: „Ah, was Ausland! Mir san mir! w 
Weil „mir mir san", haben wir wohi viefe gute 
Ardiitekten, aber nodi viel mehr sdiledtfte Ardii- 
tekturen; denn unsere guten Ardiitekten werden 
nkht besdiaftigt, wahrend alle kfinstferisdi minder- 
wertigen Baustil-Kompilatoren sdion nidit mehr ge- 
nug Vorlagenwerke auftreiben kronen, um daraus 
zu entlehuen. Im Unflat der Wiener Stilkopisten 
ist sdion mandies kfcnstlerisdi wertvolle Architektur- 
werk versunken, ware mandier Wiener Aidiitekt 
erstickt, wenn er skh nidit nodi reditzeitig in* 
Ausland gerettet hatte. Die fibergroBe Liebe zu 
Wien, seiner Vaterstadt, verlieh Otto Wagner die 
Kraft hier auszuhairen und ihr dicnen, ihr nfitzen 
zu wolkn; aber seiner Liebe Mufa ist umsonst, thre 







DIE AKTION 



Whining bleibt platonisdf, seine besten Plane bleiben 
auf detn Papier. So audi sein ncuestes Projekt ffir 
das stadtische Museum. In einer mehrstfindigen be- 
wegten Sitzung des Wiener Oemeinderates wurde 
es von der Majoritat verworfen. Warum? Wahr- 
scheinlich, weil es das beste der vorfiegenden Pro- 
jekte 1st 

Das siegrekhe Projekt der beiden jungen Ardiitekten 
Tranquiliini und Hoffmann (dieser Hoffmann 1st 
nicht mit dem Professor an der Kunstgewerbesdiule 
und kfinstlerischen Letter der „ Wiener Werfcstatte 0 
Reg.-Rat Josef Hoffmann zu verwediseln !) ist elne 
gewib anerkennenswerte baumeisterlidie Leistung, 
und wir haben Ursadie uns fiber sie zu freuen, 
aber der Wertuntersdiied zwisdien dem Wagner- 
sdien Projekte und dem „siegreichen“ ist so groB, 
daB es beispielsweise von einer unvoreingenoimne- 
nen, sagen wir intematkmalen Jury von Architekten 
gewifi nidit der Arbeit Wagners vorgezogen worden 
ware. Wahrhaft monumentalen Stil, jenen Stif, der 
sidi aflein ffir ein so umfangreicties und wicfitigen 
Zwecken dienendes Gebaude ziemt, wie es der Bau 
eines groBstadtisdien Museums ist, weist nur Wag- 
ners Projekt auf. Die aidiitektonisdie Qestattung 
des Tranquillini-Hoffmannsdien Museum sgeb&udes 
ist zu launenhaft-spielerisdi, zu personUdi. Nun 1st 
aber der wahre SHI in der Aidiitektur niemals die 
Blfite einer Einzelphantasie, oder, wie im vorHegen- 
den Falle, zweier zusammengekoppelter Phantasien, 
die sidi an der Schullehre bifdete; denn die Ardhi- 
tektur geht stets vom Objekt aus, nidit vom Subjekt. 
Sie ist angewandte Kunst, und das mehr als jede 
andere, und wind von strengeren Qesetzen bestimmt 
als jede andere. Daher sind audi Hire Form-Kon- 
ventionen medianisdier entsianden als in anderen 
Kfinsten : aus einer Misdiung des materiell Soziafen 
mit dem geistig Sozialen. Das Material und der 
Zweck haben in der Aidiitektur zwingende Oewalt; 
sie bestimmen den GrundriB und AufriB, und damit, 
also durch die Technik, die Stilidee. Entdedcungen, 
Emingensdiaften auf anderen Gebieten, mfissen 
vorangehen, ehe der Ardiitekt zu einem neuen SHI 
kommt, ehe er mit neuen Mitteln neue Kunstwirkun- 
gen erzielt. Immer wird er aber dabei von der 
formalen Reinkultur abhangig bleiben, die das Er- 
gebnis der Albeit vieler Generation en ist, d. h. er 
wird das urewige Thema der Ardiitektur m ver- 
Snderter Form zur Darstellung bringen, das Thema 
selbst jedodi behalten mfissen. Das heiBt neben 
anderem audi, daB der Baukfinstler subjektive Will- 
lrikr aussdratten wird, weil er sidi des streng Gesetz- 
maffigen in seiner Kunst bewufit ist, wdl er weiB, 



daB alles gewollt Subjektivistisdie zur Kleinlichkeft, 
zur Versdriderung des Wesentlichen ffihrt . Dio 
Bedingtheit, die ebenso fur den Architekten Vor- 
aussetzung ist, wie das Universalgefuhl Voraite- 
setzung ffir das frd 9chaffende Genie, ermoglidrt 
es ihm mit gleidierweise Bedingten sidi zu gje- 
meinsamer Albeit zu veibinden. Des Architekten 
Begrdfen ist mafhematisch, nidit seetisdi. Er baut 
nlcht, wie er empfindet, er empfindet wie er baut 
Er ist von seiner Zeit abhangig. Jeder groBe Bau- 
meister war das, diente als Individuum einer ge- 
wissen Konvention; Erwin von Steinbadi tat dies 
so gut wie Bramante. Bei Nennung des einen 
denkt man an don Oeist der Gotik, bei Nennung 
des anderen an den Geist der Renaissance und an 
die Stife der beiden Kunstepochen. — Bei Nennung 
des Namens Otto Wagner wird man spater einmal 
an das Maschinen- oder Eisenbeton-Zeitalter denken. 

Wie kaum ein zweiter, ist Otto Wagner der Archi- 
tekt unserer Zeit. Er ist audi das, was der Architekt 
sein soil: ein Logiker, ein Mathematiker, ein Kon- 
strukteur. Er ist frei von Sentimentalitat und suchi 
nidit wie der bikiendc Kunstler Distanz zum Leben, 
sondem innigste Fuhlung mit ihm. Er traditet dem 
Bedfirfnisgedanken zu dienen, durch plan voltes Zu- 
sammenfassen vieler Einzelkrafte zu wirken. Der 
Kfinstter wirkt meistens gegen sefne Zeit der Archi- 
tekt durch seine Zeit ffir sie und spatere Zeiten. Der 
elne ist Einsiedler, der andere Weltmann, und auf 
das vielfaltigste mit den geistigen und seeli9dien 
und pniktisdien Bewegungen der Zeit, in der er 
lebt, veibunden, und gibt ihnen, nach seiner Be- 
fahigung und der ihm gebotenen Betatigungs- 
getegenheit mehr Oder minder yoltendetcn Ausdruck 
in sicht- und greifbarer Form. Ja, Betatigungsfc 
gelegenheit ! Das ist's, woran der bedeutendste 
lebende Architekt Oesterreidi* empfindlkhsten 
Mangel leidet 

Man hat gesagt , den schopferisdi gestaftenden 
Naturkr&ften, deren Bildungen wir asfhetisdi wertend 
genieBen k5nnen, sei die Baukunst am n&chsten; ja 
mehr noch: sie stelle sidt aufterOdi als eine Fort- 
setzung der Naturschdpfung im Menschengebte dar, 
in so fern das in den statischen Verhaltnissen der 
Materie der Natur (die In ihrer Bautatigkeit mit! 
unorganischen Stoffen nidit fiber gewaltige, aber 
rohe Formationen hinauskommt) kfinstlerisdi ge- 
wissermafien unfertig Gebliebene, in der Baukunst 
zu formaler Ordnung, klarem Ausdruck und hdherer 
geistiger Bedeutung gebradit erecheint In Otto 
Wagner ersch einen nun die schopferisdi gestaiten- 
den Nalurkrafte in ungemein hodhwertiger Weise 




DIE AKTION 





mensdilidi verkbrpert Er baut, wie die Natur bauen 
wfirde, oder dditiger: er wurde go bauen, wenn 
man es ihm ermoglidrte. Sein Oeist wiirde gleich- 
ftam mir das von der Natur selbst begonnene Werk 
voflenden. Ungefnndert wfirde sein Watte n pheno- 
menal wirken. 

Fffr PhSnomen hat man jedodi in Wien niemals 
Verst indnis Oder Empfinden gehabt, denn ihrem Be- 
greifen steht hindemd das gigantische Phanomen 
ahsSfllger TrSgheit und sonstrger Geistes- und 
Seelenlaster im Wege. Da, wle Visdier sagte, die 
arddtektonisdie Aufgabe tiefes und strenges Den ken 
fordert, das seine besondere Schrwierigkeit hat, die 
wieder ein besonderes Talent fordert, w5re es ein 
mtifiiges Beginnen, wenn an dieser Stelle versucht 
wflide, die architektonische Bedeutung des Wagner* 
sdien Museumsptojektes